Ich nickte wie ein Pagode. »Ja, so sah es aus.«

»Du liebe Zeit, Sie sind wirklich hinterwäldlerischer, als ich dachte;

und ich dachte schon viel«, meinte sie liebreich und streichelte mich.

»Sehen Sie, Kleines, ›so was‹ _kann_ man von Urbeginn, oder man lernt

es _nie_. Das ist meine Ansicht. Ich habe es schon während meiner

Schul- und Pensionszeit wacker ausgeübt, und es hat mir rasend viel

Spaß gemacht. Aber wie ist das mit Ihnen? Ist niemals ein Mann zärtlich

mit Ihnen gewesen?«

»Mein Vater,« entgegnete ich rasch, »er liebte mich so sehr.«

»Schön und gut, Kleines. Aber über Väter wollen wir an diesem

entzückenden, heißen Kaminfeuerchen heute mal gar nicht reden.« Sie

rückte ganz nah an mich heran und nahm meine Hände fest in die ihren.

»Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie schon 26 Jahre erlebt haben,

kleine, liebe Brigitte,« sagte sie zärtlich, – »wie seltsam, daß Sie

die Liebe noch nicht kennen … Ist Ihnen nun selbst nie der Wunsch rege

geworden, daß Sie einmal jemand in die Arme nehmen möchte, so, so ganz

innig – so bis zum Selbstvergessen, ein fremder Mann …?«

Da sagte ich ihr ganz rasch und ganz aufrichtig: »Nein, – nie! Ich

habe wohl gewünscht, daß mir, da mein Vater von seiner Brigitt’

fortgegangen ist, – irgendein andrer lieber Mensch einmal sagen

möchte: ›ich hab’ dich lieb, Gitti –‹, immer wieder, einen ganzen Tag

lang, nur den einen Satz: ›ich hab’ dich lieb …‹, aber über das andere

hab’ ich nie nachgedacht …«

»Seltsam, seltsam«, sagte Frau von Heidkamp, und ich war so froh, daß

sie ernst blieb und mir aufs Wort glaubte. Und dann kam die alte Eva

und brachte uns viele schöne Leckerbissen und alten, schweren Rotwein

aus den reichbesetzten Kellern von Haus Lage. Und wir wurden sehr

vergnügt. Als mein Diener Frau von Heidkamp dann in meinem schönen,

bequemen Viktoriawagen verstaut hatte, um sie heimzufahren, beugte

sie sich noch einmal zu mir herunter und raunte mir zu: »Ich darf es

natürlich niemand verraten, daß die schöne Brigitt’ Lage noch nicht

küssen kann, sonst will es sofort die ganze Nachbarschaft lehren,

jawohl, mein lieber Mann an der Spitze … Gut’ Nacht, Mähschäfchen …« So

verlief der seltsame Abend gestern, an dem ich zum ersten Male einer

gütigen Freundin und Frau einen Einblick gab in mein einsames Herz. Das

tat mir wohl, denn mir ist bang, daß die große Einsamkeit wunderlich

macht. –

39.

Weihnachts-Heiligabend.

_Hei, ruft der Winter, hier ist mein Revier!_

Es legt der Schnee die weißen, kalten Hände

Fest über Heid’ und Moor.

Durch Ried und Rohr

Verflattert sich der Vögel frierend Volk in dem Gelände.

Der Krähen krächzender Chor

Streicht über meinem Haupt,

Und eisbelaubt

Lehnt eine Birke an dem Gattertor.

Ich steh’ am Weiher, dessen Spiegel blind

Und winterschwer bereift.

Eishändig greift

Das Heimweh nach dem bangen Menschenkind.

_Du! ruft die Sehnsucht … Du! Komm her zu mir!_

* * * * *

Ich gehe umher wie im Traum. Seltsam ist der Traum. Riesenkräfte wirken

in mir, und doch bin ich von süßer Mattigkeit umfangen. Alle Menschen

liebe ich und möchte ihnen das spendende, selbstlose Christkind sein.

Zu Fuß bin ich gewandert über die verschneite Heide bis in das letzte

Hüttchen meines Dorfes mit schwerem, fast meine Kräfte übersteigendem

Gepäck. Helfen wollt’ ich, helfen! Und ich konnte helfen. Und konnte

Frieden und Freude _bringen_ in verzagte Herzen. Und gerade die

letzte Hütte, darinnen die Witwe des verstorbenen Trunkenboldes ihr

erdenschweres Dasein dahinlebt, brachte mir selbst den meisten Trost.

Wie die Ärmste zum Leben erwacht! Wie ihre Kinder mit den neuen,

warmen, reinen Kleidern neue Menschen angezogen haben. Alles war rein

und warm und weihnachtlich bei ihnen, jedes Eckchen bereit, die heilige

Weihnachtsfreude zu empfangen.

Wir sangen ein paar schöne Weihnachtslieder zusammen nach jenen uralten

Melodien, die weitere Jahrhunderte hindurch jung und bejahend bleiben

werden.

Dann kamen draußen Schritte, und der Schnee wurde an der Tür

abgeklopft. Pastor Konrad Oswald trat zu uns herein, in Schnee gehüllt

und beladen wie Knecht Ruprecht. Und die Kinder liefen auf ihn zu,

Ludwig, Lisel, Fritz, Ada und Hilde, und die Kleinste nannte ihn

jubelnd »Hans Muff«. Ganz zu Hause schien er bei ihnen, und ich sah,

daß er niemals die arme Kate verabsäumt hatte. Weit öfters als ich

war er dort gewesen und hatte aus reichem, geistigem und nicht minder

greifbarem Erdenreichtum gesteuert und geholfen. Mitsammen wanderten

wir dann am Nachmittage, da eben die Sonne sich zum Sinken anschickte,

über die weiße, schneeige Heide. Und da sagte er mit erloschener

Stimme: »Und nun geh’ ich fort. Ich reise schon heute mit Maria nach

Berlin.« Da erschrak ich, denn ich weiß, daß mit ihm mich der treuste

Bruder verläßt. Aber die Sprache seiner Augen ist zu eindringlich, ich

muß ihn selbst gehen heißen. So gaben wir uns die Hand, und als ich in

den Lager Forst einbog und noch einmal über die Heide schaute, die rot

glühte im Strahle der Abendsonne, da stand er noch wie festgewurzelt,

ein schwarzer, einsam ragender Baum in der öden Heide. Und sein Arm

winkte mir ein letztes Lebewohl. –

Ich fürchtete mich nicht in meinem Lager Walde. Trotzdem es anfing zu

dunkeln und immer finsterer wurde, je mehr ich mich dem Märchenwalde

näherte.

Und es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf, die reichten

bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne … Immer

wieder kommen mir diese gleichen Gedanken. Und gestern war mir ganz

eigen fromm und gut zu Sinn.

Und was ich nun in der Folge niederschreibe, da ist auch kein Fehl

daran, und hat sich alles so zugetragen und sich wie Flammenschrift in

mein Herz und mein Gehirn eingebrannt. – – –

Auch das Lichtchen in der Clemenskapelle brannte, und aus dem Tempel

schimmerte es hell. Ein breiter Strom goldgelben Lichtes floß heraus,

als sollte dem Christkind der Weg bereitet werden.

»Sieh, da naht es schon«, sagte die dunkle, klangvolle Stimme des

Ritter Lage. Und wie immer stritten sich Güte und Sarkasmus in diesem

Klange. Als ob er auf mich gewartet hätte, so trat er heraus und

streckte mir beide Hände entgegen. Aber meine Füße wollten mich nicht

weitertragen, und ich schwieg hartnäckig.

»Will man zum heiligen, oder zum profanen Clemens?« scherzte er; um

dann ernst hinzuzusetzen: »Die Regenschirmbase tut immer das Richtige.

Jetzt schweigt sie, – wie der Märchenwald dort …«

Da trat ich rasch näher und legte meine kalten Hände in die seinen und

rief: »Der Märchenwald sagt: ›Gottwillkommen, Ritter Lage!‹«

Er nickte ernst. »Dies sieht der Regenschirmbase gleich. Sie fragt

nicht, bringst du Gutes oder Schlimmes? Sie scheint auf Gerechte und

Ungerechte.«

»Was Ritter Lage mir bringt, _kann_ nur gut sein«, sagte ich überzeugt.

»Man spürt den Segen nur nicht immer gleich, – und – ich brauche viel

Sonne – und bin so einsam.«

Die letzten Worte konnte er kaum vernommen haben, so leise hatte ich

sie gesprochen. Und doch schlug er mit einem Male beide Hände vor sein

Gesicht. Es sah erschütternd aus.

Was sollte ich tun? Ich kämpfte mit den Tränen. Aber er war mir doch

zu fremd, ich konnte ihn nicht berühren, sosehr ich ihn liebte. Da

hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Seine Hände sanken herunter,

er faßte den Elfenbeinstock fester in die Rechte und machte eine

Handbewegung, daß ich ihm folgen solle. Er führt mich ja nie, – sein

Gebrechen erlaubt es nicht. –

»Wir können hier nicht im Schnee stehenbleiben, Gitti«, sagte er

heiser. »Sonst bin ich morgen ganz invalide. Vergessen Sie nie, daß ich

ein armer Schächer bin, nicht so voll Saft und Kraft wie die kleine,

_deutsche_ Lage. Nur Mitleid dürfen Sie nicht mit mir haben, von Gitti

vertrage ich kein Mitleid.«

Ich folgte ihm in den Tempel.

Der Vorraum, der sonst die ~Pietà~ beherbergte, war warm und

tiefbehaglich. Schwere Teppiche von einem satten Blau bedeckten den

Fußboden, die Wände waren mit silbern schimmerndem Brokat bezogen,

mattgedunkelte Gobelins erhöhten die Vornehmheit des Raumes. Nur eine

Madonna della Sedia in ovalem, mattsilbernem Rahmen hing als einziges

Bild in dem Rund. Im großen weißen Marmorkamin loderten Buchenscheite.

Ich schaute in die Flammen. Er blieb an der Pforte stehen, – ich aber

fühlte seine Blicke auf mir ruhen. Und diese Blicke sind Kraftquellen.

»Ehe ich Ihnen Schweres zu tragen gebe, Freiin Brigitte Lage, sage

ich Ihnen, daß ich Sie liebe, wie ich noch nie eine Frau geliebt.

Sie verkörpern mir das Höchste, das Schönste, das Beste. Ich, der

fünfzigjährige Mann, habe um Sie mit einer Demut geworben, die mir

sonst weltenfern ist. Unter Grobheit und bittrem Humor versteckte ich

meine heiße Sehnsucht, Sie an meinem Herzen zu halten, Sie zur Liebe

zu erwecken, diesen reinen, stolzen Mund zu küssen, bis er meine Küsse

erwidere. Gitti, für jeden Blick aus deinen Augen, der mir galt, der

mich suchte, für jedes gütige, kindliche Wort sollst du tausendmal

gesegnet sein!«

»Sprich weiter, Ritter Lage«, sagte mein Herz, aber mein Mund

blieb stumm. Man kann nicht reden, wenn das Glück so übermächtig

hereinbricht, man kann nur beten für den, der es uns bringt. –

Totenstille im Raum. Minutenlang.

Da wendete ich meinen Kopf von den Flammen fort und sah nach ihm hin.

Sah, daß er in einen der tiefen Sessel gesunken war, daß der Stock auf

dem Boden lag, sah sein weißes Gesicht, die blassen Lippen, den tiefen

Schmerzenszug um den Mund, sah seine Augen, die mich auf den Platz zu

bannen schienen, da ich stand.

»Ich bin so glücklich«, sagte ich nur leise. Aber dann lief ich doch

zu ihm hin; es war ja zu unnatürlich, daß wir uns so ernst und traurig

ansahen und doch wußten um unsere große Liebe.

Er stöhnte auf, als ich seine Hand ergriff. »Ist’s nicht erbärmlich,«

stieß er zwischen den Zähnen hervor, »daß ich hier sitze und die

kleine, feine Frau steht vor mir und muß mich trösten?«

»Ich verstehe vieles nicht«, sagte ich fest. »Ich kenne Ihren Kummer

nicht. Wollen Sie ihn nicht mit mir teilen, Ritter Lage? Ich hab’ dich

doch so lieb, Clemens, weißt du es denn nicht?«

Da sah er mich wieder an, und vor diesem Blicke erhob ich mich und ging

langsam nach dem niedrigen, seidenen Diwan, der sich längs der Wände

hinzog. Dort setzte ich mich hin, ganz still. –

Da tönte wieder seine tiefe, gute Stimme, aber es war mir, als käme

sie aus Fernen. »Gitti, mein süßes Kind, hör’ mich an. Wir müssen

uns trennen. Ach, daß ich dir, der allzeit Gebenden, Gütigen, dieses

Christfest bringen muß!«

»_Mußt_ du es?« fragte ich zurück. Und vielleicht schwang ein Gran

Zorn mit in meiner Frage. Ich wehrte mich, da man mein Herz zertrat.

Seine Stimme ward fester, schier feindlich. »Frage nicht so, Gitti.

Ich bin nie ein Tierquäler gewesen, und gegen dich brutal zu sein, ist

das Schwerste, was mir das Geschick bisher auferlegte. Jawohl, das

_Schwerste_«, betonte er noch einmal stark, wohl weil ich mich ein

klein wenig gerührt hatte.

Er selbst schmiegte sich noch tiefer in den alten, großen Sessel, die

hoch lodernden Flammen umleuchteten sein strenges Profil. Er sah an

ihnen und an mir vorbei und erzählte mit harter, weh tuender Stimme:

»In vielem, was ich dir jetzt sage, werde ich dir Elementarbegriffe

beibringen, – unterbrich mich dann nicht, ich möchte haushalten mit

deinen und meinen Kräften. Vorerst aber bitte ich dich, heute hier

auf eine Stunde die Hausfrau zu spielen und dir und mir jenen Wein

dort zu kredenzen, Wein vom deutschen Rhein, alt und fein wie er, und

abgelagert in den Lageschen Kellern. Gitti, Geliebte, ich bring’ ihn

dir!«

Er hob das Rubinglas, in das ich den wie Öl rinnenden Trank gegossen.

Wir sahen uns an und tranken schweigend. –

»Gitti, – denke dir einen jungen Kerl, vierundzwanzigjährig, und bis

zum Wahnsinn verliebt in ein Mädchen. Oder denke dir ihn nicht, er

trägt auch nicht einen einzigen Farbenton, der mir heute gliche … Dies

Mädchen, gleichaltrig mit mir, war meine holländische Base. Vornehm und

rassig äußerlich, innerlich zügellos, unbeherrscht. Das erste Jahr

unserer Ehe verging im Rausch. Ich hatte gar keine Zeit zum Erwachen.

Dann … wurde unser Kind geboren. Und der Mund, von dem ich nur maßlose

Liebesworte gehört, schmähte mich von da ab in rasendem Zorn … Gitti,

du kennst das traurige Etwas, das man meinen Sohn nennt … Gitti, sie

sagte, sie schrie, ich hätte ihn belastet …

Gitti, ich war damals rank und schlank wie ein junger Baum. Zart, wie

die Holländer Lages alle, aber nicht so wie jene Lages aus Antwerpen,

von denen das dünne Büchlein des alten Haudegen spricht. Hast du

über das Büchlein nachgedacht, du kleine, feine, kerngesunde Gitti?

Antworte!«, herrschte er mich an.

»Ich habe darüber nachgedacht.«

»Und du liebst mich noch, du Süße? Du fliehst nicht meilenweit und

schlägst nach mir? Und entziehst dich mir? Und, und – –«

Er bohrte seine Fäuste in die Augen.

Ich lächelte. Freilich mit viel Schmerzen, aber doch so, wie man über

ein großes Kind lächelt, das zornigen Unsinn herausredet. »Noch mehr

lieb’ ich dich, noch viel, viel mehr …« sagte ich innig.

»Da ist es wieder, dein verfluchtes Mitleid«, sagte er, zornig

verbissen. »Gitti, – ich kann dein Mitleid nicht vertragen.«

»Und _ich_ nicht dein Quälen«, rief ich und sprang auf. Stand ihm dann

gegenüber ganz kalt vom Kopf bis zu den Füßen. Tief erbittert. »Warum

schlägst du mich, Clemens Lage? Was habe ich dir getan?«

Er lachte grell. »Die Situation ist neu: ›Ritter‹ Lage, ein kleines,

feines Frauchen schlagend. _Meine_ Fraue, deren Farben ich trage … Aber

du hast recht. Wann hättest du _nicht_ recht, du weißes Mähschäfchen?«

»Ich bin kein Mähschäfchen! Und ich hasse den Namen jetzt und will ihn

nie wieder hören …«

»Wollen wir uns zanken, Gitti? Willst du mir jetzt alles zurückgeben,

was du an Zorn aufgespeichert nach Empfang meiner Briefe, denen nie

eine Antwort ward? Nicht doch, nicht doch. Was ich an dir so liebe, ist

deine vornehme Beherrschtheit in jeder Lage, Gitti, – oh, ich habe

dich wohl studiert. Und du wirst jetzt ganz gehorsam auf deinen Platz

dort zurückgehen, in demselben Gehorsam, in dem dich der prächtige

Vetter Ernst Lage erzogen hat. Damit ich dir mein grausames Märchen

weiter erzählen kann. Oder liebst du nur himmelblaue Märchen von

blonden, großen Schlagetot-Prinzen, Sieh-und-stirb-Helden. Und von

Erbsen-Prinzessinnen?«

»Nein«, rief ich laut. »Du hast mich ja das Märchen vom garstigen

Zornebock gelehrt, und – ich kenne die Prinzessin wohl, die ihn

und sich erlösen wollte. – Sie mußte mit bloßen Füßen durch spitze

Schwerter gehen, aber jeder Blutstropfen bedeutete Erlösung …«

Er sah mich an, als sähe er mich zum erstenmal. »Gitti, ich fürchte

mich vor dir. Vor deiner Güte. Gibt es so etwas auf dieser Welt?

Herrgott, werde ich’s jemals verwinden können, daß ich dich nicht vor

zwanzig Jahren kennenlernte und beide Hände über das Thüringer Waldkind

breitete, bis du mein Weib werden konntest??? – – –

Der graue Alltag und sein Licht · 第 37 / 71 题