Wer wie ich in einer so märchenhaften Kinderstube aufwuchs, wem
hochstehende, feinsinnige Eltern Lebenskameraden waren, der findet sich
schwer in einer brutalen Welt zurecht. Man dünkt sich oft ein Ei ohne
Schale. Aber ich habe mich in all dieser Zeit schon gestrafft, und eine
festere Schale wird noch wachsen. Auch die innerlichen, unsichtbaren
feinen Flügel, mit denen man sich erheben kann, wenn andere meinen, man
kröche mit ihnen … Zünd an, Brigitte! Auch in dir selbst. Auf daß du
nicht zum Pharisäer werdest! – –
Ohm Matthias hat eine Reise angetreten. Ich mußte ihm wohl oder übel
einen ganz neuen Anzug in sein Köfferchen legen und gab ihm auch das
nötige Kleingeld. Er will nach Paderborn fahren, um seine Papiere in
Ordnung zu bringen, sagte er mir, und fügte hinzu, Ritter Lage habe es
für sehr unordentlich erachtet, daß er jetzt noch immer nicht mit allen
nötigen Ausweisen versehen sei. Das bewog mich natürlich besonders,
seinen Reisegelüsten nachzugeben. Aber Ohm Matthias ist wie ein Kind.
Ich fürchte, er rächt sich in der Stadt für alles, was wir ihm hier
vorenthalten. Und ist doch längst nicht mehr kräftig genug, um auf
seinen Körper loszuwirtschaften. So ist er nun abgezogen, ganz »feiner
Hund«, wie er Tante Fernande zurief, und sie sah wie eine Glucke aus,
die ein Entlein ausgebrütet hat, das sich vor ihren sichtlichen Augen
in eine Stromschnelle begibt. –
Einige Tage später.
Bin kaum zum Ausruhen, noch weniger zum Nachdenken gekommen. Denn die
allerletzte Kate meines Dorfes beanspruchte mich völlig. Wohl hatte ich
mir Hilfe genug mitgenommen, eine derbe Magd, die das kleine Haus unter
Seifenwasser setzte, mit erstaunten Augen und glucksendem Lachen davon
Kenntnis nahm, daß ihre vornehme Herrin auch grobe Arbeit tun konnte,
und dann mit ihr, mit Kraft und Ausdauer, Frische und Fröhlichkeit,
den Stall säuberte, daß die kranke Frau in ihrem Bett gar nicht wußte,
wie ihr und ihrem armseligen Hausrat geschah. Hie und da steckte auch
wohl eines der vielen Kinder, die währenddem in der Nachbarschaft
untergebracht waren, seinen Wuschelkopf neugierig in die beginnende
Ordnung, um ganz überwältigt wieder davonzustürzen, und abends lohnte
es sich dann wohl der Mühe, die zwei aufgeräumten, sauberen Stuben zu
sehen: die frisch überzogenen Betten, die leuchtenden, rosakattunenen
Fenstervorhänge und den gescheuerten Tannentisch. Daherum saßen nun
frisch gewaschene Mägdlein und Buben mit ihren sauber gekämmten Tollen
und Zöpfchen und schrieben und lasen ihre Schularbeiten. Es war weder
Vollmond noch Sternenhimmel über mir, als ich endlich in die Nacht
hinaustrat, um nach Haus Lage zurückzukehren. Und doch war es seltsam
klar in mir und um mich. War es der Glanz aus sieben Augenpaaren, der
auf meinem Heimweg lag? – Als ich nach Hause kam, fand ich mancherlei
Post vor, auch barg meine große Ledertasche Papiere, welche mir die
kranke Frau des Trunkenboldes übergeben hatte, den man gestern zur
letzten Ruhe getragen. Pfarrer Oswald hat die Vormundschaft der
Kinder übernommen. So schickte ich denn Ludwig hinüber zum Pfarrhaus,
um den Freund endlich einmal wieder in’t Lager Huus zu bitten. Das
sollte ein lichtes Beratungsstündlein werden, und so dankbar bin ich
jedem, der mich über das Bangen, das Heimweh, das Warten hinwegbringt
durch frisch-fröhliche Arbeit, gutes Verstehen und einen herzlichen
Händedruck.
Pastor Oswald folgte meinem Diener fast auf dem Fuße. Und wie er unter
der grünen beschirmten Hängelampe saß, die mein Arbeitszimmer so
traulich erhellt, erschrak ich vor der fahlen Blässe seines Gesichtes,
vor dem Gram, der in seinen Augen lag.
»Um Gott, was ist mit Ihnen?« fragte ich rasch und nahm seine kalte
Hand noch einmal in meine Rechte.
Er schien mit der Antwort zu ringen, dann kam es stockend von seinem
Munde: »Ich habe die Sünde wider den heiligen Geist begangen. –
Ich habe ein Weib genommen, um die heiße Liebe zu einer anderen zu
bezwingen. Und _kann_ sie nicht zwingen. Ich wollte groß sein und bin
kleiner im Denken und Handeln als der Geringste meiner Pfarrkinder.«
Er stand vor mir, als sei ich sein Beichtiger.
»Nicht doch, nicht doch«, rief ich laut. »Um Gott, was haben Sie mir da
gesagt? Und ich war so ruhig, so froh all die Zeit gewesen!«
»Weil Sie mich loswaren«, sagte er bitter. »Auch Sie tragen ein wenig
Schuld an meiner Not, Freiin Brigitte. Nicht weil Sie mich als Freier
ablehnten, – das war Ihr gutes Recht, aber _wie_ Sie es taten. Sie
sind sehr rasch, Baronin, – sehr selbstsicher und selbstherrlich,
trotz Ihrer Weltfremdheit und Kindlichkeit, die eine ganz neue Welt
für mich bedeutete. Sie warteten gar nicht ab, ob ich selbst um Sie
werben würde, Sie nahmen ganz einfach die Wünsche meiner alten Mutter
schon als Werbung auf: Und wehrten sofort ungestüm ab, verletzten mein
Ehrgefühl aufs schwerste …«
Ich fühlte, daß ich blaß und kalt wurde. »So hätten Sie gar nicht um
mich geworben?« fragte ich tonlos.
»Nein«, entgegnete er fest. »Denn ich sah, daß Sie meiner starken,
großen Neigung gar kein Verständnis entgegenbrachten. Zum Toggenburger
eigne ich mich nicht. Aber zum Warten. Ich wäre Ihr Freund geblieben,
hätte mit Ihnen Hand in Hand dem Dorfe das Beste gegeben, was wir geben
konnten. Und vielleicht …«
»Nein, _niemals_ …«, rief ich rasch.
Eine rote Lohe schoß ihm in das Antlitz. »Sehen Sie, wie ungestüm und
doch irrgehend Sie in Ihrem Urteil sind«, sagte er verweisend. »Lassen
mich nicht einmal ausreden. Ich wollte sagen, _vielleicht_ hätte ich
_überwunden_ …«
Nun war es an mir, mich brennend zu schämen.
Er sah es und half mir ritterlich. »Tat ich Ihrem Stolze weh? Ich mache
es wieder gut, indem ich Ihnen sage, daß ich _niemals_ überwinde. Sie
treten nicht in ein Mannesleben, um vergessen zu werden. Sie fühlen das
auch, fühlen es so stark, daß Sie Ihre Folgerungen gewissenhaft ziehen.
Daß Sie sich der Pflichten eisern bewußt sind, die Ihnen Ihre große
Macht über die Menschen auferlegt.«
»Ahnt Frau Maria all dieses?« fragte ich laut.
»Sie _weiß_ es«, war seine Antwort. »Weiß es viel länger, als Sie
selbst es wissen. Und in ihrer großen Liebe zu mir sagte sie dennoch
_ja_, denn sie wollte mir helfen zu überwinden, wollte dabei auch Ihr
großes Liebeswerk am Dorfe fördern … Und nun gehen wir beide –«
»Was heißt das?« fragte ich bestürzt.
»Das heißt, daß ich mich um eine ausgeschriebene Pfarrstelle in Berlin
beworben habe. Man will mir wohl im Kultusministerium, die Fäden
sind bereits angeknüpft, und im großen Getriebe der Weltstadt fragt
auch niemand nach Marias Herkunft. So bleibt ihre feine Seele vor
Nadelstichen verschont, – sie trägt genugsam an dem großen Leid, daß
mein Herz und meine Seele in Lage bleiben. Und doch neidet sie Ihnen
beides nicht, Freiin Brigitte, denn sie ordnet sich Ihnen unter.« –
Wir sahen uns an, und ich fühlte, daß etwas unendlich Gutes und Großes
mit diesem Manne aus meinem Leben schied. Einen Augenblick durchfuhr
mich der Gedanke, ob es nicht das Glück gewesen sei, das ich mit meinem
raschen Handeln von meiner Schwelle verjagt hatte. Aber da stand es
plötzlich mit leuchtender Schrift vor meinem Auge: »Das vierte Päckchen
bringe ich dir selbst, Gitti!«
Und dieser Gedanke flutete wie ein Meer von Glück über mich hin.
»Mein Herz ist seit langem gebunden!« sagte ich laut. »Und ich hoffe
unablässig, daß mein Bruder Konrad Oswald Frieden und Überwinden finden
möge. Grüßen Sie mir Maria. Ich werde sehr einsam durch euer Fortgehen,
aber es ist das beste so.« –
Die scharfe Blässe hatte sich wieder über Oswalds Gesicht gelegt; er
verbeugte sich tief und schritt über meine Schwelle hinaus in die
Nacht. Ich aber lehnte meinen Kopf an die Mauer der Horchbucht und
sagte eindringlich: »Ritter Lage, bring’ mir Sonne! _Ritter Lage, ich
gehöre dir für Zeit und Ewigkeit!_«
37.
Der letzte Satz, den ich auf der vorigen Seite niederschrieb, ist ein
so tiefes Erleben, daß ich mich wie ein neugeborener Mensch fühle.
– Es _wurde_ etwas in mir, oder soll ich bekennen, »ich ward?« –
_Dieses_ Werden kann nicht einseitig sein! Es muß in seinem gewaltigen
Geschehen auch die Seele des andern erschüttert, ja neu geschaffen
haben. Denn ich habe dieses »Werden« meiner Bruderseele mit erlebt,
hab’ es in tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt … Es wird mich fördern
in meiner Menschenkenntnis.
»Fördern«, das ist mein liebstes Wort im deutschen Wörterbuch.
Einer den andern fördern. Jeder Mensch jeden andern Menschen. Sich
immer dieser Aufgabe bewußt sein bei jedem Wort und jeder Tat. Mich
selbst fördert ja nicht das, was ich erlebe, sondern was mir zum
Erlebnis wird …
Ein Neugeborenes bin ich. Herrgott, hilf dem Kinde weiter!
Zwei Tage darauf.
Ich habe die Hochstimmung nicht verloren und abgetan, aber ich verberge
sie tagsüber und hole den kostbaren Schatz nur des Abends hervor, wenn
ich ganz allein bin mit meinen Gedanken und Erinnerungen, mit dem
Mondlicht, das durch mein Spitzbogenfenster lugt, mit dem Folianten und
mit meiner Liebe. –
Es ist nutzbringend, wenn man die Kraft besitzt, sich rasch
umzuschalten. Ich mußte gestern den Schritt vom Erhabenen zum
Lächerlichen tun. Er hat mein Gleichgewicht wohl ein wenig erschüttert,
aber nicht zu Fall gebracht. Ohm Matthias kehrte von der Reise zurück,
nicht allein. An seinem Arm führte er ein Lebewesen, teils Frau, teils
Kind, teils Dirne – der alten Eva sträubte sich bei dem Anblick jedes
Haar auf dem Kopfe. »Meine Braut«, sagte Ohm Matthias vorstellend, und
er warf dem Wesen Blicke zu, daß ich in seiner Seele rot wurde.
Nach einigen Augenblicken des inneren Umschaltens in eine niedrigere
Sphäre drängte ich das Menschenkind, fast ohne daß es dies gewahr
wurde, auf die Halle hinaus, wo es zwar auch noch nicht am Platze war,
denn der schien mir weit ab vom Weichbilde des Lager Huus zu liegen,
aber es blieb doch einstweilen im Vorraum stehen. Ich selbst trat zu
Ohm Matthias ins Zimmer und schloß die Tür hinter uns mit hartem Druck.
»Ohm Matthias, ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich üble Scherze
durchaus nicht vertragen kann und auch nimmer in meinem Hause leide.«
»Üble Sachen?« stotterte er. »Da verstehe ich dich nun nicht, liebe
Nichte. Die Dame ist meine Braut.«
»Die Braut eines Freiherrn von Lage wird immer von irgendeinem
Anverwandten in das Haus ihres zukünftigen Gatten gebracht«, sagte ich
eisig. »Du wirst die Person sofort veranlassen, Haus Lage zu meiden,
oder du selbst verläßt dieses Dach.«
Er sträubte und wand sich und knurrte verschiedenes, aber mein Finger
zeigte gebieterisch nach der Halle, und da fügte er sich endlich.
Ich hörte einen sehr erregten Wortwechsel, und dann steckte Ohm
Matthias noch einmal seinen Kopf zur Tür herein. »Hast du Geld, Nichte
Brigitte?« fragte er kläglich. »Ich kann doch das Mädchen unmöglich
ohne einen Pfennig fortschicken.« Ich entnahm einen Schein aus meiner
Tasche, und Ohm Matthias nickte beifällig. »Du bist nobel, Nichte
Brigitte, – von mir hätte sie nicht soviel bekommen.« Damit lief
dieser lächerliche Lage mit raschen, schnellen Schrittchen hinaus und
nahm draußen mit glucksendem Lachen wortreichen Abschied. Dann sah ich
die widerliche Person über den Rasen nach dem Dorfe schreiten. Ein
grobes Scherzwort rief sie noch einem vorübergehenden Knechte zu, seine
Antwort verschlang das wütende Bellen des Hofhundes, und dann trat
Stille ein. –
Der Schmutz des Alltags hatte mich gestreift, aber inmitten _meines_
grauen Alltags brennt ein Sonntagslicht, das ist nimmer auszulöschen. –
Später.
Wie um die Wahrheit des letzten Wortes zu bekräftigen, halte ich ein
gelbes Büttenpapier in der Hand. Wunderlich ist mir zu Sinn, nachdem
ich es gelesen. Wo weilt der Schreiber? Warum kommt er nicht zu mir? Er
muß in meiner Nähe sein, sonst würde ja das Geschehen in meinem Hause
nicht zu seiner Kenntnis gelangen. – Wie alles auch zusammenhängen
möge, er hat mich trösten wollen! –
Ritter Lage schreibt:
»Ohm Matthias hat endgültig Ihr Haus verlassen, Regenschirmbase, und
ist auf dem Wege nach Holland. Dies Holland aber liegt weiter als der
Tempel und die Clemenskapelle, und so wird er Ihren Weg nicht wieder
kreuzen. Gitti …!«
Weiter nichts.
Was hinter dem Ausruf steht, wie ich mir die kleinen Punkte übersetzen
soll, ich weiß es nicht. Ohm Matthias ist tatsächlich fort, Eva
hat das Zimmer mit einem Lächeln tiefer, innerlicher Befriedigung
ausgeräumt und mit andern Möbeln instand gesetzt. So, als wollte sie
dieses Kapitel als gänzlich abgeschlossen betrachtet wissen. Wie gern
füge ich mich hierin. Und als Tante Fernande mir weinend, mit immer
wiederkehrendem, ungezähltem Gottseidank um den Hals fiel, da spürte
ich, wie recht Ritter Lage gehandelt hatte. –
38.
Im November, abends.
Heute habe ich einen ganz neuen Lebensinhalt bekommen. Ich brauchte
nicht nur aus Büttenpapieren zu schöpfen oder die alte Eva
auszuhorchen, sondern ich hörte ein paar kluge Männer über Ritter Lage
urteilen. Ich war mit Hausmeister Ludwig, der meinen Wagen lenkte, nach
Heidkamp hinübergefahren, wo mich das liebe Ehepaar endlich einmal
umhegen wollte. Dort traf ich eine Herrengesellschaft, landsässige
Leute und solche aus Münster, Osnabrück, Lingen und aus Holland. Es war
ungeheuer anregend.
»Ich höre gern, wenn kluge Männer reden, daß ich begreifen kann, wie
sie es meinen.« Ob ich so mäuschenstill zugehört hätte, wenn sie
nicht vom Ritter Lage erzählt hätten? Es kam ihnen lächerlicherweise
erst lange danach zum Bewußtsein, daß ich ja auch eine Lage sei. Aber
Clemens spielt mit allen Verstecken, und so nahm man auch dann einfach
an, daß ich genau so ahnungslos über sein Tun und Treiben sei, wie
alle andern. Nur ein Baron von ter Mählen, ein kluger, älterer Mann
Anfang der Fünfziger, der über große Besitzungen verfügt und sich doch
meistens in München aufhält, um der Kunst zu leben, rückte lebhaft
seinen Stuhl zu mir heran und fragte mit warmer Anteilnahme: »Eine Base
des Clemens Lage? Wie ungeheuer interessant für mich!« Ich sah ihn
erstaunt an und fühlte, wie die Farbe in meinem Gesicht kam und ging.
Er legte, wie ein väterlicher Freund, seine Hand auf die meine, nicht
zudringlich oder gönnerhaft, nur beruhigend, so schien es mir. »Clemens
Lage und ich waren Korpsbrüder bei den Bonner Borussen«, sagte er.
»Ich könnte sentimental werden, wenn ich dran denke, daß das Leben uns
trennte … Wir studierten beide Rechtswissenschaft, – ich ging nach dem
Examen in den Verwaltungsdienst, und er zog sich auf seine Besitzungen
zurück. Nun, Sie wissen, was für ein mustergültiger Landwirt er ist,
wie angesehen in Holland und Deutschland. Seine Kolonien, seine
Arbeiterhäuser haben Weltruf. Und seine Kunst … Freiin Brigitte, kennen
Sie seine Kunst?«
Ich nickte, und meine Augen müssen wohl gestrahlt haben. Denn der
Freund lachte froh in sie hinein. – Dann wurde er plötzlich ernst,
und wie ein Schleier legte es sich über seinen hellen Blick. »Clemens
Lage heiratete vor ungefähr 20 Jahren und brachte mir seine junge Frau,
– mir, seinem älteren Freunde, der ich bereits nach ganz kurzem Glück
Witwer wurde und einsam in Bonn saß …« Herr von ter Mählen sah mich
eine Weile forschend an, dann raunte er hastig: »Die Frau des Clemens
war das genaue Gegenteil von _Ihnen_, Baronin.«
»Warum sollte sie mir gleichen?« fragte ich.
»Das ist die rechte Frage, und Sie sollen die Antwort gleich haben.
Weil der Clemens Sie mir schon in seiner Studentenzeit geschildert
hat. Lächeln Sie nicht so ungläubig, Baronin, er hat Sie mir in seiner
lieben, raschen, begeisterten Art von Kopf bis zu Fuß innerlich und
äußerlich dargestellt, – ja er hat eine kleine Tonfigur geformt, die
Ihnen aufs Haar gleicht, und dies Figürchen hielt er liebevoll in
seiner Hand und rief: ›Wenn du je solch einem Mädchen begegnest, so
halte es fest, – hörst du, halte es fest, für _mich_.‹ Ich bin niemals
seinem Ideal begegnet – bis _heute_.«
»Oh,« wehrte ich ab, »Sie kennen mich ja gar nicht.«
»Doch, doch,« lachte er gütig, »ich habe Sie jetzt stundenlang
geprüft, es ist nicht nur die verblüffende äußere Ähnlichkeit mit dem
Clemens-Ideal, es ist Ihr ganzes Wesen, Ihre Stimme, nicht zuletzt Ihre
Anschauungen, Ihre liebe Kindlichkeit, Ihr Fleiß … Lassen Sie es sich
doch ruhig sagen, Baronin. Meinen Sie denn, man spräche nicht ringsum
in Dorf und Stadt von der jungen Philanthropin?«
Ich wußte natürlich gar nichts zu antworten. Auch wollte ich so gern
mehr vom Ritter Lage hören. Aber ich meinte, der Sprecher müsse den
Aufruhr spüren, in dem ich mich befand. Plötzlich bog er sich zu mir
nieder und sprach weiter, aber leise und eindringlich: »Seitdem das
Unglück über ihn hereinbrach, habe ich nichts mehr direkt von Clemens
gehört, er war immer so einer, der nur seine Freude teilte, also daß
seine Freunde schließlich mehr bekamen, als er selbst, aber sein Leid,
das behielt er wie die größte Kostbarkeit für sich. Bis es sich wieder
in Segen für andere gewandelt hatte. Nun erzählt man sich, daß Clemens
ein völliger Einspänner geworden ist, daß sein Humor trübe fließe und
zumeist bitter sei, und daß der Sarkasmus seine sprichwörtliche Güte
totgeschlagen habe.« –
Wieder wurde es still zwischen uns. Dann nahm Herr von ter Mählen meine
beiden Hände und sah mir gütig, voll warmer Teilnahme, in die Augen.
»Baronin, Sie kennen den Clemens, und er kennt Sie, Sie wohnen sich so
nahe, er muß Ihren Bestrebungen das tiefste Interesse entgegenbringen,
und – Sie verkörpern das, was sich der Jüngling geträumt, der Mann
gesucht und nicht gefunden – – _warum_, warum stehen Sie nicht als
Gattin an seiner Seite?«
Ungestüm war ich aufgesprungen. Zornig hatte ich ihn angesehen. »Und
seine Frau?« fragte ich ganz vernichtet.
Ein tiefes Befremden malte sich auf dem Antlitz des Freundes. »Seine
Frau? Hat er Ihnen nie von ihr erzählt? Sie ist tot seit über zehn
Jahren. Ich hatte damals an ihn geschrieben, aber nie eine Antwort
erhalten. Baronin, der Clemens hat uns, seinen Freunden, immer Rätsel
aufgegeben, aber dies ist das am schwersten zu ratende. Warum mag er
sich gegen Sie verschlossen haben? Just gegen Sie?«
Baron von ter Mählen sann vor sich hin. Er hatte meine Hände
losgelassen, und öfters wiegte er den Kopf. Und wenn er mich dazwischen
anblickte, so schien ihm danach das Rätsel immer schwieriger zu sein.
Ich kann es nicht schildern, wie es in mir aussah nach der Enthüllung.
Und wie es jetzt in mir aussieht und stürmt und jubelt und bangt.
Meine Liebe frei von Sünde. Mein Begehren keine Schuld. Wenn er mir
das vierte Päckchen reicht, dann darf ich es nehmen, ohne in Kampf und
Not zu kommen. Ich brauche nicht auf eines anderen Leid mein Glück
aufzubauen. Diese Gedanken gingen durch meine Seele, während ich
inmitten der lachenden, plaudernden andern neben dem Freunde stand.
Und ich muß wohl alles – ja selbst meine gute Kinderstube vergessen
haben, denn der Baron sagte plötzlich eindringlich: »Sie sind aus den
Fugen, Freiin Lage, mein Gott, habe ich an Schweres gerührt? Kommen
Sie, ich rufe Frau von Heidkamp, damit sie Bescheid weiß, dann hebe ich
Sie in mein Gefährt und fahre Sie rasch nach Lage. Nicht abwehren, ich
meine es gut mit Ihnen.« Und so geschah es, daß ich bald daheim war
und Herr von ter Mählen mich noch um die Erlaubnis bat, daß er bald
wiederkommen dürfe. Wie gern gab ich sie ihm! _Sein_ Freund, der Freund
_seiner_ Jugend, ist auch der meine. –
Aber das Grübeln nimmt kein Ende. Warum, warum? Warum kommt Ritter Lage
nicht zu mir?
Wer hält sein Geschick und das meine in der Hand, wenn sein krankes
Weib schon lange heimging?
Wer darf außer ihr uns namenloses Glück oder unfaßbares Leid bringen?
Im Dezember.
Wie still es im grauen Alltag ist! Rings lastet der Schnee auf der
weiten Heide, der Kirchturmknopf trägt eine weiße Kappe, genau wie
die grauen Mauerpfeiler an meiner Parkpforte und alle Knäufe und
Buckel an Haus Lage. Märchenhaft die ganze Landschaft. Die Ruine
schaut recht einem trutzigen Greise gleich. Weißes Haupt und morsche
Glieder, aber Herz und Sinn noch stark. Die Ruine dräuet immer noch,
trotz der zerstörten Mauern, ist aber gefestigt und steht stattlicher
da, als Haus Lage selbst in seiner langgestreckten Behaglichkeit. Der
weiße Schnee deckt alle Schäden zu bei beiden Burgen. – Seit vielen
Tagen fällt er in kleinen, beharrlichen Flocken, ein leichter Frost
begleitet ihn. Gestern klingelte ein Schlitten auf den Gutshof, die
Heidkamper mit Baron von ter Mählen holten mich ab, um mir entfernte
Heide- und Waldstrecken zu zeigen. Ich nahm, rasch entschlossen, Tante
Fernande, die mir wirklich mit der Zeit eine treue Freundin wird,
mit auf die frohe Fahrt. Baron von ter Mählen spielte den Kutscher.
Er saß hinter uns auf der Pritsche und erzählte sehr lieb und frisch
an uns eingemummelte Insassen hin. Hie und da flüsterte er auch eine
ausgesuchte Bosheit in mein Ohr, er machte sich über Herrn von Heidkamp
lustig, der durchaus selbst hatte fahren wollen. Tante Fernande
kicherte währenddem unablässig, der Schnee machte sie trunken, sie
kommt so wenig heraus. Einen vorzüglichen Weinpunsch bekamen wir in
Campe, einen gleichwertigen starken Kaffee tranken wir dann in unserm
Forsthause. –
Wir sahen dort ein Bild trautester Behaglichkeit. – Der alte
knorrige Baum Förster Nordstamm mit der mütterlichen Schmiedsfrau
auf dem großblumigen Sofa, der Schmied und der junge Förster ihnen
zur Seite. Letzterer hielt auf dem Schoß die kleine Erika, die ihren
goldenen Lockenkopf zärtlich an ihn geschmiegt hatte. Gese ging
mütterlich zwischen ihnen einher und bereitete uns dann rasch in
großer Zierlichkeit ein leckeres Vesperbrot und duftenden Mokka. Als
wir wieder im Schlitten saßen, meinte Herr von Heidkamp sinnend: »Also
mußte wirklich die kleine, wertvolle Frau Rika sterben, damit dies von
uns eben geschaute Glück in den Wald und die Welt hinauswüchse?«
Und alle nahmen rasch das Thema auf und philosophierten darüber, bis
sie sich ganz verstiegen hatten und festsaßen. Ich schwieg. – Mein
Erleben hat mich befangen gemacht, und ich fürchte mich vor meinen
eigenen Worten und Gedanken. Man neckte mich weidlich ob meiner
Schweigsamkeit. Als wir dann in Lage ausstiegen, lud ich alle zu einem
Plauderstündchen und späterem Imbiß ein, aber nur Frau von Heidkamp
blieb bei mir. Die beiden Herren verabschiedeten sich, standen aber
lachend und heischend auf demselben Platze, ohne den Schlitten wieder
zu besteigen. – »Sie haben gar nichts zu fordern, Heidkamp«, rief
Baron von ter Mählen. »Setzen Sie sich schleunigst hin; ich war
der Kutscher und fordere ganz gehorsamst, aber unweigerlich mein
Schlittenrecht.« – Tante Fernande kicherte wieder und schien ganz
überwältigt, als der Baron ihre runzlige Wange mit seinem Schnurrbart
berührte. Ich trat etwas zaghaft näher und sah dem lieben Freunde in
die Augen. »Wie ein sterbendes Reh«, raunte er mir zu. »Das mache sich
ein anderer zunutze.« Und er nahm mich bei beiden Händen, und wie ich
so gehorsam den Kopf neigte, küßte er mich ganz zart auf die Stirn.
Frau von Heidkamp aber reichte ihm fröhlich lachend den Mund und ließ
sich mehrmals auch noch für Tante Fernande und mich mitküssen, bis Herr
von Heidkamp Einhalt gebot und behauptete, er bekäme eiskalte Füße,
wenn er nicht mittun dürfte. Da liefen wir lachend ins Haus, und das
Schellengeklingel des abfahrenden Schlittens lachte mit uns.
Als wir dann am behaglichen Kaminfeuer zu zweien in den tiefen Sesseln
saßen, nahm die Freundin, die soviel älter ist als ich, meine Hand.
»Kleines, weißes Mähschäfchen«, sagte sie innig. Und ich erschrak, da
sie die lieben Worte des Ritter Lage gebrauchte. »Warum küßten Sie den
prächtigen, ritterlichen Menschen nicht?« fragte sie. »Man soll nicht
Spielverderber sein.« –
»Ich habe das Küssen nie gelernt«, entgegnete ich ernsthaft.
»Was sind Sie für ein närrischer Kerl!« rief sie verblüfft. »So was
lernt man doch nicht, oder meinen Sie, ich hätte ganz brave Lektionen
bei irgend jemand genommen, bis ich es zu dieser Kunstfertigkeit
gebracht?«