23.
Mein Geburtstag ist angebrochen. Es ist eigen, daß niemand darum weiß
… Im Elternhause wurde er immer wie ein hohes Fest begangen. Der Vater
pflegte auf dem Harmonium den gleichen Choral zu spielen: »Lobe den
Herren, den mächtigen König der Ehren.« Der gehörte zur Eröffnung
des Feiertages, und die liebe Mutter hatte die selbstgebackene
Geburtstagsbrezel, die sich rosinengefüllt über den ganzen Tisch
ausbreitete, mit Lichtern besteckt. So viel Jahre, so viel Lichtchen.
Wie hätte heute der Tisch im Glanze von 26 Lichtern strahlen können!
So tat es diesmal nur eine goldene Morgensonne, die Tante Fernande und
mich beschien. Ich hielt unsere Andacht über den Text: »Freuet euch!
Und abermals sage ich euch, freuet euch.« Gerade weil mir so einsam und
weh ums Herz war …
Komme eben von meinem morgendlichen Rundgang zurück.
[Illustration]
Der Geburtstagstext warf sein Licht auf meinen Weg. Zur Clemenskapelle
eilte ich und fand dort eine wohlbehütete ewige Lampe, und der
Wandfries mit seiner köstlichen Malerei gab mir Frieden und senkte
etwas in mein Herz, das beinahe wie Glück aussah. Und auf dem Rückweg,
da kam plötzlich das Freuen, denn an meinem Lieblingsbaum, einer
starken, wunderlich geformten Birke, lehnte – ein Regenschirm. Lehnte
_der_ rote Regenschirm der Muhme Jesuliebe, der mein Schicksal ward.
An seiner gelben schweren Elfenbeinkrücke, auf deren umschließendem,
silbernem Ring der Name eingraviert war, baumelte ein Heidestrauß,
mit leuchtendem Band eingebunden. Im Strauße steckte ein gelbes
Geburtstagswachslicht, mit Rosengirlanden verziert.
Als ich das liebe Geschenk sah, kam ein solch übermütiges Freuen
in meine Seele, daß ich das Ungetüm aufspannte und in hellstem
Sonnenschein unter dem roten Riesendach heimwärts wandelte, die
närrischste Lage, die wohl je durch den Lager Busch stolzierte …
Es ist mir niemand begegnet, und ich habe meinen Schatz in die tiefsten
Tiefen meines ungeheuren Kleiderschrankes versenkt, das einzige Möbel,
das mein rotes Ungetüm fassen konnte.
Lieber Herrgott, schick’ einen Abglanz meiner Freude in das Herz und
das Haus eines Einsamen!
24.
Es hat heute abend ein Sturm eingesetzt, der ganz wunderlich ist
im Hochsommer. Er könnte einem kalten November an der Nordsee Ehre
machen. Mir bringt dieser Sturm doppelte Behaglichkeit. Er dringt
nicht durch die festen Mauern meines Hauses, sondern tobt sich in den
leeren Fenstern der Ruine aus. Die Fledermäuse haben sich versteckt.
Die alte Eva läßt mich heute seltsam allein. Ich weiß, daß sie meinen
Geburtstag nicht ahnt, aber sie hat noch keinen Tag vergehen lassen,
ohne daß sie mir ein liebes Wort gesagt, einen Wunsch, ein Gottbehüt’!
Heute streiften mich mehrmals scheu ihre Augen … Aber ich kann mich
täuschen. Dies alte Haus verleitet dazu, Gespenster zu sehen. Ist
mir’s doch auch allabendlich, wenn ich mich zur Ruhe begeben will, als
läge ein zusammengeworfenes Bündel vor meiner Stubentür, dasselbige
unselige Bündel, das ich damals vor der ~Pietà~ fand. Aber die Bahn
ist immer frei, sobald ich die oberste Treppenstufe erreiche. Weshalb
narren mich meine Sinne? Ich habe keine Angst vor dem Krüppel, ich
meide ihn nur aus Gehorsam. Manchmal packt mich das seltsame, kindische
Gelüst, ungehorsam zu sein. Ich wehre mich dann gegen Unsichtbares,
gegen Büttenpapiere und Befehle, gegen Fledermäuse und Enterbte. Dann
kommt mir jäh der Gedanke, hinauszulaufen nach dem »Holländerwald«
und den Krüppel zu suchen. Ihn in mein Haus zu nehmen, ihm Mutter zu
sein. Ihm Gutes zu tun unter hundert persönlichen Opfern. Weil ein
schweres Geschick ihm alles Menschentum, alles Menschenwürdige nahm,
ihn zum stammelnden Kinde ummodelte, mit dem abschreckenden Antlitze
eines mißgestalteten Zwerges. Daß man mir diesen Samariterdienst nimmt
und mit kurzen, herrischen Worten meine Christenpflicht verneint,
dünkt mich ein Eingriff in meine freie Liebestätigkeit. Mir fehlt auch
der Krüppel in dem Bilde, das ich mir von meinem Krankenhause und
Siechenheim malte. Der »Enterbte« wird nie zugeben, daß ich den Kranken
betreue. Und der ist doch wahrhaft »enterbt«. – Denk’ ich an den
Krüppel, so wirft sich der »graue Alltag« wie ein schwarzer Meltau auf
alle Blumen, die sich für mich in Lage erschlossen. Ein Meer von Blüten
vernichtet er.
Der Sturm draußen ist allgemach in ein ächzendes Klagen übergegangen.
Einmal schlug es wie in schwerem Schlag und Fall gegen meine Tür, nun
weint es draußen, wie ein wunder Mensch …
Nachts.
Die Gese Tönnings lag gestern abend auf der Schwelle des Hauses. Ach,
– freilich ein wunder Mensch. Und bis nach Mitternacht mußte ich ihre
Beichte anhören. Die hat mir Kopf und Herz verwirrt … Laut hätte ich
weinen mögen über meine arme Mitschwester, die sich ihr junges Leben so
verpfuschte. Aber wir Frauen von Lage können nur schwer die erlösenden
Tränen finden. Vielleicht hielt sie auch der Ekel zurück, der mich bei
dieser Beichte schüttelte, – und den ich jetzt mit Scham als tiefes
Unrecht und Pharisäertum erkenne. – Darf ich als Unversuchte, sorglich
Behütete aburteilen?