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Mein Kindlein ist wieder gesund. Es schläft und trinkt und tut sonst
allerhand, was ich wie die gewiegteste Familienmutter beurteilen
lerne. Über natürliche Dinge wird hier im Dorfe mit größter Offenheit
gegen jedermann gesprochen. Zweideutigen Witz aber kennt man nicht.
Ich könnte meine ganze Umgebung mit dem altmodischen Worte »keusch«
bezeichnen. So war meine Mutter Pauline, und ich finde sie nun in fast
allen Dorffrauen wieder. Von meinen Leuten scheint noch niemand die
~Pietà~ gesehen zu haben. Ohm Matthias meidet jeden Gedanken an Tod und
Vergänglichkeit, Tante Fernande lebte mit Jesuliebe Lage auf gespanntem
Fuße. Eva schweigt sich aus, und ich würde es auch nicht ertragen
können, von irgend jemand Kritik zu hören. Von dem Heiland in den Armen
der Gottesmutter geht eine unsägliche Liebe aus, und von der Maria, in
deren Herzen man die sieben Schwerter ahnt, leuchtet eine Tapferkeit,
daß ich jede bange Mitschwester zu diesem herrlichen Bilde schicken
möchte, auf daß sie den Kampf mit dem Leben wieder aufnähme.
Nach dieser Morgenfreude konnte ich hochgemut durch das Dorf gehen
und jeglichen Kleinmut, Bitterkeit, Neid, Scheelsucht und sonstige
Lieblichkeiten siegreich überwinden. Bis in das letzte Häuslein drang
ich heute. Da wohnt die Korb-Sina. Eine alte, wunderliche Frau hoch in
den Sechzigen, mit Adlernase und funkelnden, schwarzen Äuglein. Sie
wird gefemt im Dorfe ob ihres Lebenswandels, den sie in der Jugend
führte. Da soll kein Bauer in Lage gewesen sein, dem sie nicht das
Herz rascher klopfen machte; man sieht es den Ehrbaren und Finsteren
heute nicht mehr an, daß sie um der schönen Sina willen vom Pfade der
Tugend gewichen. Heute flicht die alte Sina die Körbe, die sie leider
vergaß, in ihrer Jugend auszuteilen, und ihr zahnloser Mund erzählt
unermüdlich alle Schlechtigkeiten, welche die Lager Männer nach ihrer
Meinung einst an ihr begangen, in die Ohren ihrer Enkelin hinein. Es
ist das uneheliche Kind ihrer eigenen unehelichen Tochter, die aber
längst gestorben. Um dieser Enkelin willen besuche ich die Korb-Sina
und höre ihre endlosen, wilden Geschichten gelegentlich mit an. Maria
Dörping ist ein schönes, herbes Mädchen, das ungeheuer einsam seinen
Weg bisher gegangen ist. Sie hält das Haus der Großmutter in tadelloser
Ordnung, zieht in dem kleinen Gärtchen die schönsten Rosen, Reseden
und Heliotrope, von denen sie mir jedesmal mit ernstem Gesicht einen
Strauß bringt, den ich daheim zwischen die Bilder meiner Eltern stelle.
Haus Lage selbst beut mir noch keine Blumen dar. Da wuchert nur Ilex
ringsumher mit unwahrscheinlich großen, roten Beeren. Doch nein,
ich vergesse den Busch Jelängerjelieber, der sich baumartig hoch an
Haus Lage anschmiegt. Er duftet stark und süß in mein Arbeitszimmer
hinein. Maria Dörping hat sich das kleine Haus am Dorfende überaus
schmuck hergerichtet. Von der Genialität der Großmutter ist nichts
auf sie übergegangen. Wie Kraut und Rüben wuchern alle Gegenstände
um die alte Frau herum, aber Maria schafft immer wieder Ordnung.
Auch einen Hausaltar hat sie aufgebaut, trotzdem sie lutherisch ist.
Aber die Dörfler sind so unduldsam, daß sie selbst in der Kirche die
Nachbarschaft der Korb-Sina meiden, und so betet auch die Enkelin
lieber daheim in ihren vier Wänden. Sie hat ein altes, zerbrochenes
Altarbild gefunden und dies vor eine große Kiste gestellt, hat alles
mit einer sauberen weißen Decke mit breiter, gehäkelter Spitze
überdeckt, große Ilexsträuße, die in der Gegend des Försterhauses
am dichtesten wachsen, darauf gestellt und läßt von ihnen ein hohes
Kreuz umrahmen, das sie sich von Münster mitbrachte, wo Maria für
ein Geschäft feine Nähereien arbeitet. Auf dem Altarbild steht mit
mächtigen geschnörkelten Buchstaben geschrieben:
HErr CHRIST iss aufferstanden
Van all den Dodesbanden,
Darob verjubelliert met schall
Undt jubels laut o Christen all.
Verswunden iss all Sorge itzt,
Erstanden iss Herr JESU Christ
Diweyl ER überwunden:
Das Heyl for uns gefunden.
Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz
darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art.
Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen,
und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie
von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich
überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um
welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber
für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses
in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten
Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden
Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe
Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten
Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich
handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt,
mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren
tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe
ich immer wieder in das seltsame Haus. –
Ritter Lage schreibt:
»Es lohnt sich wohl, eine ~Pietà~ zu meißeln, wenn man solch einen Dank
dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …
Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und
sah es Bäume umarmen. Das nenne ich _Dank_. Keine Jury der Welt könnte
einem Künstler _so_ lohnen. – –
Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die
liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein
echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich),
als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen
Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von
Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und
das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum
endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –
Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame
ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen
unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei
der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige
ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die
Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein
Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt,
es steht zu Ihrer Verfügung. –