Ich wandle durch das Königreich der Freude. –

* * * * *

Mein Kindlein ist wieder gesund. Es schläft und trinkt und tut sonst

allerhand, was ich wie die gewiegteste Familienmutter beurteilen

lerne. Über natürliche Dinge wird hier im Dorfe mit größter Offenheit

gegen jedermann gesprochen. Zweideutigen Witz aber kennt man nicht.

Ich könnte meine ganze Umgebung mit dem altmodischen Worte »keusch«

bezeichnen. So war meine Mutter Pauline, und ich finde sie nun in fast

allen Dorffrauen wieder. Von meinen Leuten scheint noch niemand die

~Pietà~ gesehen zu haben. Ohm Matthias meidet jeden Gedanken an Tod und

Vergänglichkeit, Tante Fernande lebte mit Jesuliebe Lage auf gespanntem

Fuße. Eva schweigt sich aus, und ich würde es auch nicht ertragen

können, von irgend jemand Kritik zu hören. Von dem Heiland in den Armen

der Gottesmutter geht eine unsägliche Liebe aus, und von der Maria, in

deren Herzen man die sieben Schwerter ahnt, leuchtet eine Tapferkeit,

daß ich jede bange Mitschwester zu diesem herrlichen Bilde schicken

möchte, auf daß sie den Kampf mit dem Leben wieder aufnähme.

Nach dieser Morgenfreude konnte ich hochgemut durch das Dorf gehen

und jeglichen Kleinmut, Bitterkeit, Neid, Scheelsucht und sonstige

Lieblichkeiten siegreich überwinden. Bis in das letzte Häuslein drang

ich heute. Da wohnt die Korb-Sina. Eine alte, wunderliche Frau hoch in

den Sechzigen, mit Adlernase und funkelnden, schwarzen Äuglein. Sie

wird gefemt im Dorfe ob ihres Lebenswandels, den sie in der Jugend

führte. Da soll kein Bauer in Lage gewesen sein, dem sie nicht das

Herz rascher klopfen machte; man sieht es den Ehrbaren und Finsteren

heute nicht mehr an, daß sie um der schönen Sina willen vom Pfade der

Tugend gewichen. Heute flicht die alte Sina die Körbe, die sie leider

vergaß, in ihrer Jugend auszuteilen, und ihr zahnloser Mund erzählt

unermüdlich alle Schlechtigkeiten, welche die Lager Männer nach ihrer

Meinung einst an ihr begangen, in die Ohren ihrer Enkelin hinein. Es

ist das uneheliche Kind ihrer eigenen unehelichen Tochter, die aber

längst gestorben. Um dieser Enkelin willen besuche ich die Korb-Sina

und höre ihre endlosen, wilden Geschichten gelegentlich mit an. Maria

Dörping ist ein schönes, herbes Mädchen, das ungeheuer einsam seinen

Weg bisher gegangen ist. Sie hält das Haus der Großmutter in tadelloser

Ordnung, zieht in dem kleinen Gärtchen die schönsten Rosen, Reseden

und Heliotrope, von denen sie mir jedesmal mit ernstem Gesicht einen

Strauß bringt, den ich daheim zwischen die Bilder meiner Eltern stelle.

Haus Lage selbst beut mir noch keine Blumen dar. Da wuchert nur Ilex

ringsumher mit unwahrscheinlich großen, roten Beeren. Doch nein,

ich vergesse den Busch Jelängerjelieber, der sich baumartig hoch an

Haus Lage anschmiegt. Er duftet stark und süß in mein Arbeitszimmer

hinein. Maria Dörping hat sich das kleine Haus am Dorfende überaus

schmuck hergerichtet. Von der Genialität der Großmutter ist nichts

auf sie übergegangen. Wie Kraut und Rüben wuchern alle Gegenstände

um die alte Frau herum, aber Maria schafft immer wieder Ordnung.

Auch einen Hausaltar hat sie aufgebaut, trotzdem sie lutherisch ist.

Aber die Dörfler sind so unduldsam, daß sie selbst in der Kirche die

Nachbarschaft der Korb-Sina meiden, und so betet auch die Enkelin

lieber daheim in ihren vier Wänden. Sie hat ein altes, zerbrochenes

Altarbild gefunden und dies vor eine große Kiste gestellt, hat alles

mit einer sauberen weißen Decke mit breiter, gehäkelter Spitze

überdeckt, große Ilexsträuße, die in der Gegend des Försterhauses

am dichtesten wachsen, darauf gestellt und läßt von ihnen ein hohes

Kreuz umrahmen, das sie sich von Münster mitbrachte, wo Maria für

ein Geschäft feine Nähereien arbeitet. Auf dem Altarbild steht mit

mächtigen geschnörkelten Buchstaben geschrieben:

HErr CHRIST iss aufferstanden

Van all den Dodesbanden,

Darob verjubelliert met schall

Undt jubels laut o Christen all.

Verswunden iss all Sorge itzt,

Erstanden iss Herr JESU Christ

Diweyl ER überwunden:

Das Heyl for uns gefunden.

Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz

darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art.

Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen,

und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie

von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich

überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um

welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber

für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses

in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten

Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden

Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe

Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten

Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich

handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt,

mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren

tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe

ich immer wieder in das seltsame Haus. –

Ritter Lage schreibt:

»Es lohnt sich wohl, eine ~Pietà~ zu meißeln, wenn man solch einen Dank

dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …

Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und

sah es Bäume umarmen. Das nenne ich _Dank_. Keine Jury der Welt könnte

einem Künstler _so_ lohnen. – –

Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die

liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein

echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich),

als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen

Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von

Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und

das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum

endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –

Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame

ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen

unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei

der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige

ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die

Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein

Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt,

es steht zu Ihrer Verfügung. –

Der graue Alltag und sein Licht · 第 16 / 71 题