15.
Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Klein Erika war krank, mein
süßes Kind. Wie schneidet es ins Herz, ein Hilfloses leiden zu sehen.
Der Arzt war gar nicht recht bei der Sache, wie mir schien. Und schier
spöttisch lehnte er meine eigenen Ratschläge ab, welche die Angst
geboren hatte. Mir war, als denke er, daß Klein Erika wohl am besten
bei seiner toten Mutter aufgehoben und hier auf der Welt doch nur
unwillkommen und schließlich eine Last sei. Männerweisheit. –
Ich habe dann seiner Gleichgültigkeit gegenüber nach meinem Ermessen
gehandelt, habe vorsichtig mit Umschlägen operiert, um das Fieber
nicht hochkommen zu lassen und die Schmerzen zu lindern. Warum muß
eine Mutter in das Reich der Schatten gehen und etwas so Zartes
zurücklassen? Ich glaube, wenn ein krankes Kindlein aus der
Mutterbrust trinkt, muß es gleich gesunden. Und ich habe nur _Liebe_ …
* * * * *
Fünf bange Tage konnte ich das Zimmer nicht verlassen. Das Lichtlein
drohte immer auszulöschen. Ich bat Eva, die Lampe in der Kapelle zu
betreuen, wurde aber mit einem barschen »Tut nicht nötig« abgewiesen.
Nun mußt’ ich des öftern an das Dunkel denken, das den Clemens umgibt …
Heute trieb es mich auf den Friedhof. So lange hatte mich dies stille
Fleckchen nicht gesehen, und ich wollte doch Tante Jesuliebe-Brigittes
Grab so herrichten lassen, wie die Seltsame, die Eigenbrötlerin, die
unendlich Gütige, es verdiente.
»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, sagte einst der
fromme Simeon. »Denn meine Augen …«
Ich rieb die meinen heute in unfaßbarem Staunen, – meinte, die Vision
müsse verschwinden. Aber sie blieb leuchtend weiß vor meinen Blicken
bestehen und hob sich von tiefdunklen Tannen ab. Die »~Pietà~« aus
dem geheimnisvollen Tempel stand auf dem Grabe von Jesuliebe Lage. –
Ich frage nicht, wie man sie hinzaubern konnte, ohne daß ich nur das
Geringste davon gewahr wurde. Denn in der tiefen Stille meines Hauses
und meiner weiteren Umgebung müßte man wohl das Rollen und Ächzen eines
schweren Wagens vernehmen, dem solch ein Marmor anvertraut ist …
Ich frage nicht. In mir ist plötzlich der Wille geboren, alles, was
Lage mir gibt, als ein liebes Wunder anzunehmen. Fragen sind laut, sind
unharmonisch. Dies Marmorbildnis tönt wie eine große Symphonie. Die
Liebe spannte alle Saiten, und ein gewaltiger Geist vermochte darauf zu
spielen.