Der Enterbte.«

16.

Der Sonntag begann heute so wunderschön und endete so wunderlich, –

die Kirchenglocken läuteten in den klaren Morgen hinein, mein Lage

sah aus wie eine Märchenprinzessin, die sich zum Empfang des Prinzen

rüstet, der sie heimführen will. Nun ich ihn niedergeschrieben habe,

muß ich über den Vergleich lachen. –

Pastor Oswald hielt eine kernige Predigt. Sein ganzes Wesen ist kurz

und bündig, einfach und schlicht. Viel schlichter, als es bedingt

wäre. Denn Eva erzählte mir, daß er einer reichen Hamburger Familie

entstamme, und daß seine Mutter aus gräflichem Hause sei. Er habe alles

beiseite getan und sei aus innerem Antriebe Pfarrer geworden. Das

Pfarrhaus unterscheide sich in seiner Einfachheit in nichts von den

Bauernhäusern. Ich mag den frischen Gesellen wohl leiden. Habe ihn auch

gebeten, jeden Sonntag mit mir zu essen. Wenn es irgend paßt, kommt

auch die Lehrersfamilie mit dazu. Nur ist da schon allerhand Kleinzeug,

und die Eltern sind nicht immer abkömmlich. Aber es ist das, was ich

mir wünsche: Pfarrhaus, Lehrer- und Gutshaus Hand in Hand. Pastor

Konrad Oswald hüllt sich in ablehnendes Schweigen, wenn das Gespräch

einmal auf seine zukünftige Frau Bezug nimmt. Ohm Matthias ist darin

nicht sehr taktvoll. Er bohrt den Geistlichen jeden Sonntag von neuem

mit seinen Fragen und Scherzen an. Selbst Tante Fernande hat es ihm

schon des öfteren verwiesen, freilich mit dem verblüffenden Zusatze,

daß der Pastor meinen könne, sie selbst habe Absichten auf ihn. Mein

helles Lachen nahm sie sehr übel. –

»Ein evangelisches Pfarrhaus ohne Frau ist wie ein Haus ohne Dach«,

kam ich scherzend meinem Ohm zu Hilfe; aber da traf mich ein so

leuchtender Blick aus Pastor Oswalds Augen, daß er mich verwirrte und

ich fürderhin eine recht schweigsame Hausfrau für die kleine Tafelrunde

abgab.

Oh, nur das nicht! Nur jetzt nichts Verwirrendes, Hemmendes in mein

Leben tragen, das der _Arbeit_ gewidmet sein soll. Der Arbeit, die aus

der Menschenliebe geboren wird. Riesenkräfte fühle ich in mir, meinem

Hause, dem Dorfe, allen denen, die mühselig und beladen sind, ein

fester Untergrund zu sein. Und freuen will ich mich mit den Fröhlichen.

Ich meine, es gibt deren viel zu wenig in Lage. Nur das Lehrerhaus ist

ein wirklich fröhliches, da bin ich so gern daheim.

Man sagt, es sei leichter, Mitleid zu hegen, als Mitfreude. Oh, dies

paßt dann nicht auf mich. Grenzenlos kann ich mich mit anderen freuen.

Vielleicht liegt es daran, daß an meines herrlichen Vaters rundem

Familientisch jeden Abend das gleiche, alte Lied angestimmt wurde: »Wir

sitzen so fröhlich beisammen und haben einander so lieb … Und jeden,

_ja jeden wird’s freuen, wenn einem was Gutes geschah_.« –

So ist dieser Begriff der Mitfreude mir ganz in Fleisch und Blut

übergegangen. –

Doch wohin ich meine Augen schicke, sie treffen auf Not, auf Trauer,

tiefen Kummer und Elend, auf Krankheit und Siechtum. Eigentliche Armut

kennt Lage nicht; es hat wohl jeder Hausvorstand, wenn er fleißig

ist, sein gutes Auskommen, aber von den älteren Leuten ist kaum eines

recht gesund, außer Maria Dörpings Großmutter, die sich der bekannten

Zähigkeit des Unkrautes erfreut. –

Aus all diesen Erwägungen heraus will ich ein Krankenhaus in Lage

bauen. Auf sonnigem Grund, auf einer schönen großen Wiese soll es

stehen. Im Rücken wird das Haus den Wald haben, der es vor scharfen

Winden, die hier im Winter empfindlich blasen sollen, schützen wird.

– Als ich Ohm Matthias von meinem Plan erzählte, sang er mit höchst

unmelodischer Stimme: »Kommt ein Vogel geflogen«, und tippte auf seine

Stirn. Desto herzlichere Zustimmung bekam ich vom Lehrer Hein Borgers

und seiner prächtigen Frau »Mien«. Ihre frohe Lebensbejahung bildet

eine rechte Kraftquelle für mich. Und Pastor Oswald »steckte wieder

seine Lichter an«, wie ich heimlich sage. Ich habe nirgends wieder so

klare, strahlende Augen gesehen von der Bläue eines tiefen Bergsees. Er

drückte mir, wie schon so oft, mit Urkraft die Hand, daß ich meinte,

meine Rechte müsse nach diesem Drucke einfach auf den Boden fallen. Er

ist danach immer sehr unglücklich, kann sich aber diese urwüchsige Art

der Zustimmung nicht abgewöhnen. –

Gleich nach der Kirche machte ich meine Besuche im Dorfe. Sprach auch

bei Maria Dörping vor, die gerade ihre Hausandacht beendet hatte.

Großmutter sperrte alle Fenster der Diele auf und bemerkte bissig,

daß allzu arge Frömmigkeit schlechte Luft mache. Da hat dann Maria

eine eigene Art, sie anzusehen, worauf die alte Frau sich brummend

verzieht. –

Maria Dörpings Freudentränen über meinen Krankenhausplan waren mir

eine rechte Sonntagsgabe. Ich habe mit der Herben viel gute Pläne

durchgesprochen. Auf dem Rückwege sah ich ein sehr hübsches, sehr

üppiges Mädchen an einem Zaune stehen. Sie knickste und bat mich, doch

auch einmal in ihr Haus einzugehen, Vater und Mutter würden sich so

sehr geehrt fühlen. Es klang mir wie Spott aus ihren Worten, aber sie

hatte ihre Mienen gut in der Gewalt und lief überraschend anmutig für

ein Dorfkind vor mir her ins Haus.

Dorfschmied Klas Tönnings ist ein Hüne, seine kleine, zarte Frau

sieht zu ihm auf, wie zu einem Heiligen. Wie kann eine Tochter so

verschieden von ihren Eltern sein! Die Augen des Ehepaares sehen

bedachtsam in die Welt, im Blicke der Mutter liegt etwas Schüchternes,

um nicht zu sagen Verschüchtertes. Der Schmied soll an Jähzorn leiden,

und irgendeine dunkle Geschichte liegt ob dieses Zornes in seiner

Vergangenheit. Die Tochter scheint ihm ohne Erfolg um seinen rötlich

struppigen Bart zu gehen, der ihm fast bis auf die Brust herabhängt.

Vater Schmied bewacht seine Tochter mit Augen und Mienen, ich meine

die Kandare zu sehen, an der er sie hält. Die Mutter streichelt hie

und da verstohlen die hübsche, gepflegte Hand der Tochter, die diese

dann unwillig zurückzieht. Das sind so meine Beobachtungen. Irgendeinen

Zweck verfolgt das Mädchen, da sie mich in die Schmiede bat, – und

diese Erkenntnis stört mich in meiner Unbefangenheit. – Als ich dann

fortging, bot sie mir ihre Begleitung an, und da auch der Schmied es

zu wünschen schien, so wehrte ich mich nicht. Gese Tönnings ist mir

unsympathisch, aber als ich sah, wie sie ganz in Klein Erika aufging,

und wie flink ihre Bewegungen waren, kam mir der Gedanke, sie mir als

Kinderpflegerin anzulernen. Denn bei der Ausführung meiner vielen Pläne

werde ich oft außer dem Hause sein. –

Nach Tisch fuhren plötzlich Wagen vor. Ich trank gerade mit Pfarrer

Oswald und Tante Fernande den Mokka, Ohm Matthias saß grollend in

seinem Gemach, weil der evangelische Pfarrer ihn störte. Eva meldete

die Heidkamper Herrschaften und Baron Ellers. Es sind meine nächsten

Nachbarn, doch immerhin 20 Kilometer von Lage entfernt. Überaus

rasch fand ich mich mit Herrn und Frau von Heidkamp in den gleichen

Anschauungen. Sie sind freilich alle älter als ich und kargten nicht

mit guten Ratschlägen und Mahnungen, die ich gewiß beherzigen werde

unbeschadet meiner Selbständigkeit. Denn ich komme ja als Fremde

hierher, und Thüringer Sitten und Gebräuche werden sich schwer

in meine bodenständigen Leute einpflanzen lassen. So muß ich die

Umlernende sein. Baron Ellers, der überraschend gepflegt und nach dem

»~dernier cri~« der Großstadt aussieht, versetzte mir sofort allerhand

vergnüglichen Klatsch aus der Umgegend. Auch Lage selbst schonte er

nicht. Bei verschiedenen Geschichtchen sah ich ihn erstaunt-ablehnend

an, dann räusperte er sich und wurde für den Rest des Tages recht

manierlich. Er meldete mir auch gleich drei oder vier weitere

frauenlose Freunde teils aus Münster, teils vom Lande an, die sich

»nächsten Sonntag die Ehre geben wollten«, und natürlich mußte ich an

die Fußangeln und bissigen Hunde des »Enterbten« denken.

Und gerade, als ich an ihn dachte, sprachen sie von ihm. Er scheint

allen Leuten Rätsel aufzugeben. Man fragte mich, ob er die wunderbare

»~Pietà~« selbst aus Holland hergeleitet habe, ob er mir seinen Besuch

gemacht … Ich antwortete kurz verneinend und war endlich froh, als sie

alle wegfuhren. Wie wenig passend fügen sich all diese geselligen Töne

in die stille Harmonie meiner Einsamkeit. –

Kurz vor dem Abendbrot erschien noch ganz unerwarteter Besuch, der

im Ruhestand lebende Pastor Külpers. – Er war mir in seiner steifen

Zugeknöpftheit, die er zu Anfang zeigte, aber noch angenehmer, als

in der väterlich bevormundenden Art, die er im Laufe des Gespräches

herauskehrte. Würde eine liebe, alte Pfarrfrau in weißem Haar, bekannt

und vertraut mit allen Familien, Tugenden und Untugenden meines Dorfes,

mir Ratschläge gegeben haben, ich würde sie ohne Vorbehalt dankbar

annehmen. Aber diesem lehrhaften Tone des alten Herrn gegenüber,

der mit messerscharfer Unduldsamkeit jegliches Tun und Lassen

seiner Mitmenschen, Vorgänger und Nachfahren kritisierte, ließ mich

aufmucken. –

Es hat bis jetzt noch nichts Gnade vor seinen Augen gefunden, was

ich getan, angeordnet und unterlassen habe, aber ganz besonders mein

Nichtbeachten der verschiedenen Konfessionen in meinem Dörflein

scheint ihm bitteres Unbehagen zu schaffen.

»Sie haben es sich gewiß gar nicht überlegt, gnädiges Fräulein, was

für böses Blut es machen muß, wenn Sie in Ihr protestantisches Haus,

dem die brave, fromme Eva vorsteht« … »Meinem Hause stehe ich vor«,

warf ich ein. Er beachtete es gar nicht … »nicht nur einen streng

katholischen Verwandten dauernd aufnahmen, sondern auch, wie ich heute

zu meinem schmerzlichen Bedauern sah, der leichtfertigen Tochter des

gleichfalls katholischen Schmiedes Tönnings Einlaß gewährten. Überhaupt

würde ich vermeiden, anrüchige Personen zu besuchen, wie z. B. die

Korb-Sina.«

»Da bin ich anderer Meinung,« widersprach ich, »ich habe tiefes

Erbarmen mit Maria Dörping, der Enkelin, sie trägt schwer an dem

Verfemtsein ihrer Großmutter.«

Der Pfarrer lächelte mild über meinen Eifer. »Sie sind noch stürmend

jung, gnädiges Fräulein, es ist die Pflicht alter Leute, Sie auf

mancherlei Gerede aufmerksam zu machen, das sich über Ihrem Kopf

zusammenzieht …«

»Mancherlei Gerede ist Klatsch«, sagte ich mit eisiger Abwehr.

»Da ist z. B. die Clemenskapelle drinnen im sogenannten Holländer Wald,

ich bin nie dort gewesen trotz meiner langjährigen Tätigkeit hier,

– man hat Sie gesehen, wie Sie mit einem Ölkrüglein die ewige Lampe

füllten, – Sie sind Protestantin …«

Ich stand so rasch und ungestüm auf, daß mein Stuhl umfiel.

Und blieb stehen und sah den alten Mann an, ganz fest, und ganz

schweigend. Hier ist also meine Achillesferse …

Und dann hörte ich, wie die Tür hinter ihm ins Schloß klappte.

Ritter Lage schreibt: »Tat’s weh, kleine Regenschirmbase? Ja, das ist

nun so echt Lage. Aber nun nicht gleich denken, daß aller Schmelz

von dem Bilde fort ist, das sich das phantasievolle Geschöpfchen so

nett zurechtgemalt hatte. Es ist richtiger, wenn Sie etwas nüchterner

werden. Vielleicht hat auch der Herr Pfarrer in manchem recht. Wer zu

großen Dingen auf dem Wege ist, soll sich nicht mit kleinen aufhalten.

Den Nadelstich mit der Clemenskapelle lassen Sie sich nur gefallen. Ich

wußte es gleich, daß dieser rührende Liebesdienst, den die Protestantin

dem Heiligen erwies, einen Sturm im Wasserglase verursachen würde. So

etwas versteht niemand, nicht einmal ich. Denn wir gehen gewöhnlich

im Trott und im ausgefahrenen Gleise. Aber ich kannte und verehrte

Vetter Ernst Lage. Nur er konnte einen solchen Außenseiter zur

Tochter haben, – Sie können aber jetzt ganz unbesorgt und folglich

streng zurückhaltend sein. Ich werde die Lampe nie mehr verlassen,

noch versäumen. Warum wollen Sie den Lagern Ursache geben, ›ihr Maul

dreinzuhängen‹, wie die Bibel sagt? Sie wissen ja auch, daß sich Flecke

am schärfsten von weißem Grunde abheben. Kleines weißes Bähschäfchen!

Wieviel Wolle wird man Ihnen noch ausrupfen! – Zum Schluß noch gute

Ratschläge: Seien Sie ein wenig strenger mit Ohm Matthias und ein wenig

netter mit der alten Eva, sie verdient es um Sie.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 17 / 71 题