14.
Wir haben die Taufe der kleinen Erika begangen. Pastor Oswald hat
wie ein rechter, echter Hirt gesprochen, aber im Kopf und Herzen des
unglücklichen Vaters der Kleinen ist wohl nichts haftengeblieben.
Es gibt nichts Trostloseres, als solch eine Feier am offenen Sarge
einer Mutter. Aber die Sitte will es hier so, und Sitten und Gebräuche
können sehr unbarmherzig sein. Ich kam auch nachgerade in eine
bedrückend trübe Stimmung hinein und wunderte mich eigentlich, daß
die Mutterhände sich nicht plötzlich ausstreckten und das Kind zu
sich betteten. Und daß sie nicht all die vielen laut weinenden Weiber
fortwiesen, die so sehr mit ihrem Geschrei die Ruhe des Todes und die
Ruhe des lebenden und schlafenden Kindleins störten.
Nach der Taufe wurde der Sarg geschlossen und fortgetragen. Der junge
Förster stand wie ein Taumelnder. Sein Vater schob ihn zu mir hin,
vielleicht sollte er mir danken, daß ich sein Kind in mein Haus und
an mein Herz nahm. Ich sah in zwei schier erloschene Augen und in
versteinerte Züge. Da wandte ich mich ab und trat zur Seite, und der
alte Vater stützte den jungen Sohn und führte ihn zu den Menschen,
die den Sarg zum Friedhof geleiteten. Es war ein seltsamer Tag und
ein besinnlicher Abend. Für die Teilnehmer an der Trauerfeier und dem
Begräbnis – es war wohl das ganze Dorf versammelt – habe ich Kaffee
kochen und einen Imbiß herrichten lassen im Forsthaus. Eva war mit
zwei Mädchen dort und hat alles versorgt. – Ich selbst betreute das
Kind und blieb mit wunderlichen Gedanken bei der Wiege. Ohm Matthias
und Tante Fernande spielten Schach. Diese Stunden versöhnen beide, und
infolgedessen sind’s auch für mich Feierstunden. Ich schaukelte sacht
die Wiege. Im Kamin loderten knackende Holzscheite. Mein Leben hat nie
lodernde Flammen gekannt, nur herzerquickende Wärme …
Hab’ Dank über das Grab hinaus, mein herrlicher Vater! Und du,
herzliebste Mutter! Ihr gabt mir das Eiland, die sonnige, behütete
Jugend. Pflanztet die heilige Menschenliebe in mein Herz, und ich erbte
von euch beiden doch Herbheit genug, ein kleines, festes Mäuerlein um
mich zu bauen. –
Wenn die Liebe, die die Dichter besingen und unsterblich machen, so
furchtbare Kraft hat, daß sie einen starken, bodenständigen, fast ein
wenig bäurisch-tölpelhaften Mann wie den jungen Förster Nordstamm zum
Greise wandelt, der schier ohne seine fünf Sinne herumgeht, der seiner
Vaterpflicht vergißt, weil ihm das junge Weib starb, – dann will ich
mich vor der Liebe bewußt hüten. – Bisher ist sie noch nicht an mich
herangetreten. Man hat in ehrlicher Freude mit mir geplaudert, auch
ist wohl manch ein kecker Bewunderungsblick zu mir hingeflogen, aber
man bestürmt _arme_ Töchter höherer Stände nicht mit Bitten: »Komm auf
mein Schloß mit mir.« Ich hätte auch, – zwar mit dem Schloß, aber
nicht mit dem Bittenden, etwas anfangen können. Jetzt hat mir ein
gütiges Geschick ein Schloß »ohne lästiges Zubehör« geschenkt, – das
ist herzerquickend schön. Ei, und das Kindlein? das rosige, atmende,
werdende Etwas? Sollten Leute, die keine Menschenliebe kennen, nicht
gerade dies Kleinchen ein lästiges Zubehör nennen? Für mich ist’s ein
Gottesgeschenk. –
Schier setzt mein Herzschlag aus bei dem Gedanken, man könnte dies
Geschenk jemals wieder zurückfordern. –
Ich habe die väterlichen Ratschläge des seltsamen Briefschreibers
beherzigt und ein langsameres Tempo angeschlagen. Habe noch etliches
gutes Personal angenommen, damit ich von gröberer Arbeit verschont
bleibe, und habe mir die feinere vorbehalten. Das ist z. B. die
restlose Versorgung des Kindleins, das neben meinem Bette schläft,
und das ich bade, trockenlege, ankleide, und mit dem ich plaudere
und lache. Ich glaube nicht, daß der mütterliche Leib allein zur
Mutterschaft heiligt, – mütterlicher Geist, liebendes Herz und
sorgende Hände können sich wohl auch den Namen Mutter verdienen. Vater
Nordstamm hat seinem Kinde noch nicht nachgefragt, so gehört es mir
um so einziger und inniger. Und wenn die Vaterliebe nicht etwa ganz
plötzlich hervorbrechen sollte, so will ich durch meine Erziehung die
Kindesliebe pflanzen und großziehen, dann wird die kleine Hand einmal
mahnend und weckend an das verstörte Herz klopfen und es überwinden. –
Zu meinem Bereich gehört ferner noch die Armenpflege. Es gibt genug
Kranke und Arme in Lage. Arm an Besitz und auch an Geist. Viele davon
gehörten in ein festes Haus, weniger um ihrer Gefährlichkeit willen,
als um der Aufsicht willen, die ihnen völlig fehlt. Es ist soviel
tönendes Erz und klingende Schelle um sie herum, aber es mangelt die
Liebe. Ob wohl dem Krüppel im Tempel jenseits meiner Grenze Liebe
gegeben wird …?
Nirgends habe ich ein weibliches Wesen im engeren und weiteren Umkreise
des Tempels entdeckt, und solch ein armes Geschöpf braucht doch treue
Hände … Und warum es wohl frei herumläuft, wenn es einem doch verboten
ist, ihm Gutes zu tun?
Ganz verloren und schüchtern bin ich mit diesen Fragen zu Eva gekommen,
aber ein Granit kann nicht härter im Schweigen sein als sie. Auch
bekommt sie, wenn man sie bedrängt, so hilflose Augen, denen gegenüber
ich selbst hilflos werde. Ich frage dann nicht weiter, aber meinem
offenen, mitteilsamen, liebebedürftigen Herzen sind diese Rätsel in und
um Lage etwas sehr Quälendes. –
»Kleine Mädchen müssen nicht neugierig sein«, schreibt Ritter Lage.
»Und nun vollends eine verständige Mutter von mindestens 25 Kindern,
die ich so beiläufig zusammengezählt habe, und von denen die alte
Korb-Sina am Ende des Dorfes die Älteste, Ohm Matthias der Zweite, ich
selbst der Mittelste und Klein Erika die Jüngste ist. Oder hat man
inzwischen noch ein Kind bekommen, das man meinem spürenden Spotte
unterschlägt? Ich traue der jungen, unberechenbaren Regenschirmbase ein
ganzes Waisenhaus zu. –
Haben Sie übrigens in dem Schatze Ihrer Märchen und Geschichten,
die Sie den Dorfkindern auf Ihren Samaritergängen mit vollen Händen
austeilen, auch das Märchen schlechthin von ›Gitti und dem Zornebock‹?
Meine Großmutter erzählte es mir, mein geliebtes Großchen, das ich
›Grodeli‹ nannte. Und Sie sind das Urbild dieser Großmutter, die Ihre
Urahne war. Deshalb nenne ich Sie in meinen Gedanken meistens Gitti,
und mich können Sie als den Zornebock betrachten. Ach, es ist ein
köstliches Märchen. Eben ein _Märchen_. Und ich rede und denke jetzt
blühenden Unsinn, was ich doch bisher meiner verehrten Base ›Gitti
Regenschirm‹ überließ.
Warum der Krüppel nicht von weiblichen, fürsorgenden Händen betreut
wird? Weil nicht jeden das Ewigweibliche hinanzieht, sondern die
meisten _hinab_. –
Warum er nicht in einem festen Hause verwahrt ist? Das geht Sie nichts
an.