Wie ist alles so seltsam!
Der alte Förster kam heute und sah das schlafende, rote Gesichtchen
lange gramvoll an.
Der unglückliche Vater hat noch nicht nach seinem Kinde gefragt.
Über all dem Neuen vergaß ich aber doch die Clemenskapelle nicht,
ich halte dort meine Morgenandacht und lege mir in der tiefen,
göttlichen Ruhe meinen Tag und seine Pflichten zurecht. Meine eigene
evangelisch-lutherische Kirche ist ja immer geschlossen …
Viel wirre, bunte, krause Gedanken mußte ich heute in der Waldkapelle
verarbeiten. Wir wollen übermorgen das Kind taufen am Sarge seiner
Mutter und dann die Tote zur letzten Rast geleiten. Wie sollen wir das
Kind nennen? Es sind keine Bestimmungen getroffen, die Eltern hatten
nur immer vom »Stammhalter« gesprochen. Armes, kleines Mädchen, man
hatte dich gar nicht erwartet. Der Vater antwortet auf keine Frage, die
dich betrifft. Soll ich dir _meinen_ Namen geben?
Als ich von der Kapelle fortschritt, hockte wieder der Krüppel davor.
Hastig haschte er nach meiner Hand, legte sie sich auf seinen armen
Kopf, an sein Gesicht. Und wackelte wieder neben mir her. Als ich mit
der Hand nach dem Tempel wies, sah ich plötzlich einen bösen Ausdruck
auf seinem ohnehin so häßlichen Antlitz. Und als er sich vor mir
niederwarf und nach meinem Kleidersaum griff, herrschte ich ihn zornig
an.
Wie konnt’ ich mich so vergessen! Diesem Ärmsten der Armen muß wohl
vor allen Dingen meine Liebe gehören, will ich dem Wort nachfolgen:
»Was ihr getan habt einem der Geringsten unter euch, das habt ihr mir
getan.« – Als ich heimkam, war auch der Krüppel an der Schwelle und
ließ sich nicht wegbitten, noch verjagen. Ich wollte ihn wieder in sein
Zimmer bringen, aber Eva stand plötzlich vor der Tür, nahm seine Hand,
führte ihn hindurch und schloß hinter sich zu. Es scheint, daß ich
wenig Herrscherrecht hier habe …
»~Gratulor~«, schreibt Ritter Lage. »Also wir haben ein kleines Kind
bekommen? Ich konnte es mir natürlich denken. Ganz Lage wird hinfüro
Kleinzeugs in die Welt setzen, denn Freifräulein Brigitte nimmt alles
an ihr warmes Herz. Und wenn Haus Lage nicht ausreicht, so ist der
Tempel noch da und die Clemenskapelle. Ich stelle alles zur Verfügung
und helfe auch beim Anbau. Das Haus der Regenschirmbase muß wie eine
Ziehharmonika sein. –
Über den Namen des Kindes dürfen Sie sich nicht den hübschen Kopf
zerbrechen. Es gibt nämlich nur _einen_ Namen für dies Heidekind:
›_Erika_‹.
›Clementine‹ würde ich anmaßend von _mir_ finden. Und gegen ›Brigitte‹
sträube ich mich, und werde es _nie_ zugeben.
Und nun, verehrte Regenschirmbase, noch eine ganz ernste Sache:
Sie werden den idiotischen Krüppel, der leider hie und da Ihren Weg
gekreuzt hat, _nie_ wieder berühren! Ich verlange das ganz einfach
von Ihnen, kraft meines Rechtes als älterer Vetter. Und die kleine
Base, die so fein zu organisieren, so tapfer zu befehlen, so lieb zu
bitten versteht, wird ohne Widerspruch gehorchen. Und wird den Kranken
mit Strenge in das Haus mit dem tempelartigen Vorbau verweisen, das
auf meinem Grund und Boden steht. – Und nachdem das kleine Mädchen
bis jetzt so getan hat, als hätte sie aufmerksam den Brief bis hieher
gelesen, während sie doch ihre Gedanken nur an dem einen Punkte haften
ließ, daß ich den Namen Brigitte verwerfe, sage ich ihm leise ins Ohr,
daß Brigitte ganz _einzig_ ist, gar nicht noch einmal in der Welt
vorkommen _kann_, und es mir deshalb vom künstlerischen Standpunkt aus
unleidlich ist, irgendein Lebewesen ebenso genannt zu wissen wie sie …