Fast leer.
Und ich sitze seit Stunden und grüble. – Das feine Juchtenbuch und der
gewichtige Foliant, sie tragen beide auf der ersten Seite den Vermerk:
»Mit Gott!«
Darunter steht mit Tante Jesuliebes feinkritzliger Handschrift, die so
in hellem Widerspruch steht zu ihrem derb zupackenden Wesen: »_Zünd an,
Brigitte! Zünd an!_« Den Tag und die Stunde, da sie es schrieb, hat
sie dabei vermerkt: »1. September 18…«
Ja, Tante Jesuliebe-Brigitte hat es selbst geschrieben. Aber sie hat
sich nie Brigitte genannt. Nur ich in der ganzen Familie Lage trug und
trage diesen Namen. – Die Mahnung gilt also mir …
[Illustration]
6.
Wer löst mir das Rätsel? Durch die Nacht hindurch hat es mich verfolgt,
und wenn mein Weg so fortläuft, wie er in Lage begonnen hat, da werde
ich mir das Schlafen abgewöhnen und gleichfalls herumgeistern. Aber
nicht in der Ruine, sondern im Märchenwald. Der hat mir’s angetan.
Doch Vater und Sohn Nordstamm dürfen mich nicht auf meinen weiteren
Forschungsfahrten begleiten, sie sind zu nüchtern und bodenständig.
Und wo ich ein Wurzelweib sehe mit drohend erhobenem Arm, das mir den
Weg verwehren will, da sehen sie einen überständigen Baum, der gefällt
werden muß. –
Zünd an, Brigitte, zünd an!
Solch ein Wort, das man nicht verstehen und nicht meistern kann, ist
wie ein Stachel.
Ich habe mich an die alte Eva herangepirscht und so vorsichtige und
so tolpatschige Fragen getan, daß sie mich endlich besorgt anblickte
und nach meinem Puls faßte. »Gnädig Frölen sollten sich ins Bett legen
ein paar Tage«, war ihre Meinung. »Das Lager Wasser macht dem Neuling
leicht Fieber, und die Lager Luft verwirrt Kopf und Herz.«
»Was nicht noch alles, Eva?« fragte ich, »woher hast du die Weisheit?«
»Ei nun, das Lager Fieber kenn’ ich seit siebenzig Jahren, und das von
der Luft steht sogar aufgeschrieben.«
»Wo denn, Eva? Wo steht’s geschrieben? Oh, ich fiebere wirklich vor
Erwartung, die ganze Lager Luft liegt voller Geheimnisse.«
»Ein Geheimnis ist es just niet« (Evas Sprache hat einen holländischen
Anklang), »aber graulich ist’s freilich anzusehen«, orakelte sie.
»Drunten in der Gruft liegt’s in einem offnen Sarg. Da sollte der Herr
Joochen Lage, † 1642, drinnen liegen, aber nur das Pergament fand man
anstatt seiner.«
Mit solchen Enthüllungen soll man nun zufrieden und ruhig sein.
Natürlich nahm ich mir vor, sofort, gleich in der nächsten Minute
in die Lager Gruft hinabzusteigen, die sich unter der nahen Kirche
befindet. Besonders da Eva mich angstvoll beschwor, dies erst am 7.
Tage zu tun, da sonst Gefahr bestünde, daß ich selbst noch im selben
Jahr in die gleiche Gruft überführt würde. ’s ist ein hartgesottner
Aberglaube hier rundherum, möcht’ ich ihn doch verjagen können mit
frisch-fröhlichem Gottesglauben …
Eva hätte mich auch nicht von der Gruftbesichtigung zurückhalten
können, so tat es ein Brief.
Der holländische »Enterbte«, wie er sich nennt, scheint großen Anteil
zu nehmen an meiner Anwesenheit im neuen Besitz. Es sind zwar nur
wenige Zeilen, aber warum schreibt er überhaupt? Mehr als einmal? Mehr
als nötig? Wir kennen uns nicht. Und fast möcht’ ich sagen, seine Worte
verwirren mich …
»Ich schätze, die verehrte Regenschirmbase ist mit dem Vertilgen von
Staub, Spinneweben und ›Fledermäusen‹ zu Ende gekommen. – Ich sehe
aus der Ferne Haus Lage schimmern und leuchten im Glanze des Mondes.
Denn wir haben doch jetzt Mondschein in Lage? Wenn auch abnehmend.
Und ich kalkuliere, in solch einer Mondscheinnacht wird man jetzt
der alten Eva zum Trotz (meine Empfehlung an sie, sie kennt mich als
›Ritter Lage‹) in die Gruft der Väter hinabsteigen und – hu! – den
Deckel von des Urahnen Joochen Sarg zurückschlagen und schaudernd
lesen: ›Lager Luft verwirret Kopf und Herz.‹ – – – Es kommt darauf
an, Regenschirmbase; manchmal schafft diese Verwirrung die einzig
richtigen Begriffe.«
Unterzeichnet sind diese närrischen Büttenpapierberichte mit »Vetter
Lage, der Enterbte.«
Als ob ich ihn enterbt hätte. Und eine Anschrift ist nie dabei.
Holland ist groß. Wohin soll ich ein Gegenzeichen schicken? Ihm
scheint auch gar nichts an einem solchen zu liegen. Aber da er mit dem
Ahnungsvermögen eines indischen Fakirs meinen Gedanken und Vorsätzen
nachspürt, so will ich wirklich erst am 7. Tage in die Gruft der Lages
steigen und mich durch nichts ins Bockshorn jagen lassen. Ganz gelassen
fragte ich heute die alte Eva nach dem »Ritter Lage«. »Jesus! Der
Clemens!« schrie sie auf. »Ob ich ihn kenne? Da könnt’ gnädig Frölen
ebensogut fragen, ob ich die Lager Kirche kenne, in der ich doch jeden
Sonntag bete. Gott verzeih mir die Sünde, daß ich den Schlingel und die
Kirche in einem Atem nenne, obgleich, – er war der Beste von allen
Lages, von _allen_«, murmelte sie.
»Bitte, nimm doch immer meinen Vater aus; ja, Eva?« betonte ich
kriegerisch; »er war unter allen Umständen der Beste.«
»Hab’ die deutschen Herren Lage nie gekannt,« entschuldigte sie sich
mit dem ihr eigenen tiefen, altmodischen Knicks, »nur die von Holländer
Seite.« –
»Steckt ein Geheimnis hinter dem ›Ritter Lage‹, oder kannst du mir von
ihm erzählen?« fragte ich.
Ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht, das es seltsam verschönte.
Ganz jung sah die alte Eva aus. – »Da reicht wohl mein altes Leben
nicht mehr hin, wollt’ ich vom Junker Clemens alles erzählen«, sagte
sie, und ihre Stimme hatte einen liebkosenden Klang. »Ich war die
junge Frau des Hausmeisters, als er geboren wurde. Seine Mutter starb
im Wochenbett, und da ich selbst mein drittes Kind nährte, so gab man
mir das Neugeborene mit an die Brust. Bis der düstere Vater ihn mit
sich nach Holland nahm. Schier gestorben wär’ der Kleine beim raschen
Nahrungswechsel; aber das kümmerte den Herrn Baron nicht. Bis der Herr
dann selbst starb und der Junker zurückkehrte und von gnädig Frölen
Jesuliebe erzogen wurde im Hause seiner Väter.« Eva lachte unhörbar vor
sich hin. »Von da ab hat es rumort und gespukt im alten Häuschen, im
Park, am See, im Busch, am Reihersteig und in der Gruft seiner Ahnen.
Überhand trieb er Hallodria, und konnt’ doch auch so ernsthaft dasitzen
und meine Geschichten, die ich ihm so ›zwischen Lichten‹ erzählte, mit
Augen und Herz verschlingen. Nur irgendwelcher ›Aberglaube‹ konnt’ ihn
wild machen, und da zankten wir uns oft drum. Denn er hielt vieles für
Aberglauben, was doch heilig …«
Ich klopfte ihr die runzlige Wange. »Laß nur gut sein, Eva, – viel
Heiliges ist da sicher nicht dabei.«
»Was weiß so ein Junges«, murmelte sie. »Man muß in alten Schlössern
hausen, da nimmt man vieles wahr, was sonst kein Mensch weiß.«
»Das haben schon Größere vor dir behauptet, meine gute, alte Eva, und
seit der Zeit redet sich mancher darauf hinaus.«
»Gnädig Frölen wollten vom Junker Clemens wissen …«
»Wenigstens vom ›Ritter Lage‹.«
»Nun freilich. Da hatte der Junker einmal etwas ganz Unerhörtes
ausgefressen – um Vergebung –, so sagt man hier in Lage. Er hatte
als ›weiße Frau‹ gespukt, und die gnädige Großtante war drüber krank
geworden. Freilich wurde sie bald wieder gesund, und der Schelmenjunker
hat ihr während der ganzen Zeit vorgelesen, trotzdem er mit der
Lager Jugend auf Erntedankfest tanzen sollte, – er war damals so
siebzehnjährig. Da sitzt man ungern bei einer Großtante. Es wurde aber
Familienrat gehalten, da kamen alle seine Streiche zutage, – Jesus,
es war eine Liste wie vom Steueramt. Unten saßen sie in der großen
Halle, und der gestrenge Ohm aus Holland, von dem er dann der Erbe war,
geruhte, auch zugegen zu sein. Da wurden dann Strafen festgesetzt, daß
einem die Haut schaudern konnte, und die eine Tante selig vom Junker
Clemens hätte ihn am liebsten in das Gefängnis von der Ruine getan,
das immer noch ganz wohl erhalten ist. Mit einemmal – ich brachte
gerade ein großes silbernes Brett mit den feinsten Porzellantassen und
-kannen herein, um den Tee zu reichen –, also mit einemmal schlägt der
große schwarze Ritter unten in der Halle sein Visier zurück und spricht
mit tiefer, hohler Stimme: ›Es sei ihm alles verziehen! Er hat die
wunderliche Milch der Mutter Eva getrunken … Vergebung dem Sünder!‹
Ich hör’s heute noch und seh’s noch, wie sie erst alle erstarrt saßen,
die ganze hohe Sippe, und wie sie dann kreischten und die Stühle
umwarfen, und wie der Saal leer wurde in großer Hast. Und ich hielt das
Tablett in meinen zitternden Händen, damit die feinen Tassen meiner
gnädigen Herrschaft heil blieben. Aber ich dachte, nun kommt dein
letztes Stündlein. Da hob sich noch einmal das Visier, und der schwarze
Ritter sagte: ›Gib mir ’ne Tasse Tee, Eva, und hilf mir aus dem Dingsda
’raus.‹ Jesus, da war’s der Junker, und nun wurde ich auch böse, aber
dann kriegt’ ich’s mit dem Lachen, ich gottlose Person, und half dem
Schelm. Er hat auch keine Strafe gekriegt, denn die hohe Sippe ist’s
nie gewahr worden, wer aus dem Ritter sprach. – Ich hab’ es aber immer
gesagt: dem Junker Clemens ist alles heilig und nichts.« –
»Eva,« sagte ich, »jetzt muß ich nur noch fragen, was ist aus ihm
geworden? Denn ein ›reicher Mann‹ ist mir zuwenig für diesen Ausbund.
Was ist er sonst noch?«
»Da fragen mich gnädig Frölen zuviel. Junker Clemens hatte große
Pfunde bekommen, aber wie er damit gewuchert hat, ist mir verborgen.
Für mich wird er allezeit der ›Junker‹ bleiben mit dem Übermut und
dem Unverstand und dem goldenen Herzen. Wenn er auch längst in den
Vierzigen sein muß und nie mehr herkommt und sein Unglück in Holland
verschließt.«
»Sein Unglück, Eva?«
»Ach, so geht es nun, man wird geschwätzig. Gnädig Frölen können da
kein Anteil nehmen, dazu ist die Verwandtschaft zu weit.« Überhebend
zuckte sie die Achseln. Als gehöre ihr der Ritter Lage mit Haut und
Haar. –
»Du nimmst doch auch Anteil an ihm, Eva, und bist gar nicht mit ihm
verwandt.«
Sie sah mich an, lange schweigend an. – »An meiner Brust hat er
getrunken …«, sagte sie dann ruhig.
Da faßte ich die alte Dienerin rundum und küßte sie. »Du hast recht,
Eva, und ich habe geredet wie ein dummes Kind. Aber du weißt, ich bin
einsam …«
Sie streichelte mich ungeschickt. »Hab’s nicht bedacht. Einsame
Menschen haben oft Liebe zu aller Kreatur … Aber man verschließt es in
sich … Ach, ich bin eine Schwätzerin …«
»Du bist meine liebe, gute Eva. Nun möcht’ ich dich nur noch fragen:
Kann man dem ›Junker Clemens‹ nicht helfen? Wenn ein Lage im Unglück
ist, so haut ihn die Sippe doch heraus …«
»Als ob ich den Junker selbst reden hörte. – Nein, gnädig Frölen, –
dem kann keine Sippe helfen.« Sie sprach hastig und leise in mein Ohr.
»Er hat rasch und unbedacht gefreit, – nun hat er ein irres Weib. Seit
20 Jahren! Das ist wohl Unglück. Und einen Knaben hatte er auch, –
ein armes, unglückliches Kind, vielleicht ist’s lang gestorben, und –
Gott walt’s. – Aber das ist mein Leid, daß der Junker nicht alles hat
der alten Eva zu tragen gegeben. Hab’ mir den Kopf zergrübelt, weshalb
er’s nicht tat. Bin drüber alt geworden, und man wird mich betten, ohne
daß ich meinen Junker Clemens wiedersah.«
Sie schlurfte hinaus und war mit einemmal gebückt und kümmerlich. Und
ich weiß jetzt, warum der Ritter Lage sich den »Enterbten« nennt.
7.