59. bis 68. Tausend

Berlin / Leipzig

Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Meinen verehrten Gastfreunden

_Käthe_ und _Ludwig Povel_

in Dankbarkeit

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen,

vorbehalten

Copyright 1922 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin

Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig

1.

Welch wunderliches Erlebnis, zur Erbin des »grauen Alltags« ernannt

zu sein! In unserer Familie ist seit Generationen ein Suchen nach

Licht gewesen, ein Hunger nach Freuden und Sonntagen. Und ein Durst

nach Arbeit, Pflichterfüllung und schöner Ruhe. Was fange ich mit dem

grauen Alltag an? Zu lesen steht es in dem großen, gelben Aktenbogen,

der sich auf meinem altmodischen Schreibtisch breitmacht. Das steife

Papier rollt sich eigenmächtig auf und wieder zusammen. Dann gibt es

einen knisternden Knack: »Ich bin hier,« sagt dieses Knistern, »du

schaffst mich nicht aus der Welt, auch nicht wenn du den Kopf in den

alten Sorgenstuhl einwühlst. Vogelstraußpolitik? Schäm’ dich!« Und des

Holzwurms Ticken und Bohren, der im Innern des Schreibtisches rumort,

klingt wie Entrüstung. Der gelbe Aktenbogen sagt:

»Laut Testament der Erblasserin ist Freiin Jesuliebe-Brigitte v. Lage

in Erfurt (Thüringen) die Universalerbin des grauen Alltags.«

Die Erblasserin ist vor 25 Jahren meine Taufpatin gewesen. Sie war

weitläufig mit uns verwandt, »von sieben Suppen eine Schnitte«, wie

der Volksmund sagt. Aber gerade diese eine Schnitte hat trotz ihres

wunderlichen Beigeschmackes meinen Eltern immer gemundet. – Trotzdem

dachte niemand von uns Thüringer Lages an den grauen Alltag. Da kam

Tante Jesuliebe einmal drunten von der holländischen Grenze zu uns

nach Erfurt. Wie ein altes Bild. Als ob die Zeit stehengeblieben sei,

oder als ob die Biedermeierkleidchen, die sie als Kind getragen, mit

ihr zugleich gewachsen seien: Die Eltern schickten sich in großer

Feierlichkeit an, Tante Jesuliebe in »Gückels Staatswagen« abzuholen,

während ich mich dem Mitfahren geschickt entzog und lieber hinter einem

Pfeiler an Silbers Hotel versteckt die Ankommende beobachten wollte.

In diesen Vorbereitungen stöberte mich ein wunderliches Lebewesen auf,

indem es mir einen riesengroßen, roten Regenschirm reichte, wie ihn

die Bauern an Markttagen über sich spannen. Dazu schrie es mich an:

»Was lungerst und kuckst du? Siehst du nicht, daß es regnet? Spann’

mir den Schirm auf, nimm mir einen Teil Sachen ab, und dann zeig’ mir

das schöne, alte Erfurt.« Ihre durchdringenden, grauen Augen sahen

mich so stolz und heischend an, daß ich, in altväterischem Gehorsam

erzogen, keinen Widerspruch wagte, sondern das Schirmungetüm öffnete.

– Darauf hing sie noch an meinen linken Arm ein Marktnetz, das mit

einem Zeitungspapier ausgelegt war: »Nachrichten aus der Grafschaft

Bentheim.« Bepackt war es mit Haar- und Kleiderbürsten, mit Kämmen,

Zahnbürste, Seife und Schwämmen bis oben hin. Sie selbst trug eine

große, mit roter Wolle gestickte Reisetasche, die den preußischen

Adler in schwarzweißen Perlen zeigte. Auf der Rückseite war in

gelber Seide riesengroß »~Bon voyage~« gestickt. So zogen wir durch

Erfurt und hatten ein großes Gefolge hinter uns von Schuljugend

und kopfschüttelnden und lachenden Müßiggängern. Ich kam aber gar

nicht zum »Schenie«, wie der Erfurter sagt, denn meine Unbekannte

erzählte so herrliche Geschichten von jedem alten Hause, von jeder

lutherischen oder katholischen Kirche, daß ich ganz glückselig zuhörte

und schließlich meinte, sie müsse ja wohl in Erfurt geboren sein, was

denn auch der Wahrheit entsprach. »Vor 200 Jahren«, rief sie pfiffig.

Und dann standen wir schließlich vor dem alten Kloster, darinnen mein

Vater seine Amtswohnung hatte, und die alte Dame meinte, just dahinein

wolle sie, und es schiene ihr beinahe, als sei ich ihr Patenkind

Brigitte-Jesuliebe Lage. – Oben fanden wir Vater und Mutter und die

alte Köchin recht mißmutig vor, da die Großtante nicht angekommen sei.

[Illustration]

»Lieber Herr Vetter, ich fahre nicht gern im Wagen rasch nach Hause,

sondern mache in jeder Stadt gern einen kleinen Umweg zu Fuß«,

bedeutete ihm damals der unverhoffte Gast. Der »kleine« Umweg hatte

zwei und eine halbe Stunde gedauert, und ich hatte den Krampf in beiden

Armen. Aber lustig war’s gewesen, und die alte Marie kochte frischen

Kaffee, und die Thüringer »Kräpfel, Wuchteln und Maulschellen«, das

Erfurter Eigengebäck, bildeten gleich das Abendbrot.

Großtante Lage aß 15 Stück davon, nahm immer nach je dreien einen

Löffel Bullrichsalz und ging dann gleich hochbefriedigt zu Bett. –

Der rote Regenschirm von der Großtante ist schuld, daß ich Erbin des

grauen Alltags bin. Mit dem roten Regenschirm hat sie alljährlich

der Reihe nach ihre Neffen und Nichten erprobt, die weit näher als

wir mit ihr verwandt waren. In Bayern, in Schlesien, in Pommern, in

Württemberg und in Holland war sie, aber überall hatte sich die Jugend

geweigert, mit ihr und dem Schirm durch die Straßen zu ziehen. Viel

Grobheit und Verlachen und eitel schnippische Antworten sind ihr zuteil

geworden; weiß nicht, welch guter Engel gerade damals über mir wildem,

unbotmäßigem Ding gewacht hat, daß ich meine spottlustige Zunge im

Zaume hielt. – So wurde es für mich wahrhaft eine »~bon voyage~«.

Herzlieber, guter, alter Regenschirm, hab’ Dank! Du ließest mich einen

Menschen finden und gabst mir eine Heimat!

2.

Heute erhielt ich einen Brief von einem der übergangenen Erben. Er

lebt in Holland in überreichen Verhältnissen und scheint glücklich zu

sein, den grauen Alltag nicht geerbt zu haben. Er redet mich »Verehrte

Regenschirmbase!« an, ist also auf dem laufenden. – Von Herzen wünscht

er mir Glück zu der Erbschaft, teilt mir mit, daß er nur noch von zwei

_alten_ Lages wüßte, einem Spitalweibchen Fernande Lage, die bei Minden

wohne, und einem Matthias Lage aus Paderborn, beide in kümmerlichen

Verhältnissen. Er, der Holländer, habe sie unterstützt, aber nie eine

Antwort erhalten. Das Spitalweibchen sei eine störrische Lutheranerin,

der Matthias Lage hingegen gläubiger Katholik. Von der damaligen

Jugend vor ungefähr 25 Jahren sei merkwürdigerweise außer ihm alles

verstorben, teils in Wochenbetten, teils in Duellen und sonstigen

Raufhändeln, die Lages seien ja allesamt eine närrische Art von ~Homo

sapiens Linné~. Dies zur Vervollkommnung der Familiengeschichte. Es sei

recht erfreulich, daß Muhme Jesuliebe mit echt Lagescher Spürnase noch

etwas Junges aufgestöbert habe. Zum Schluß hofft er, daß der Clemens

nicht im grauen Alltag spuke. Diese Bemerkung ist mir vollkommen

unverständlich, aber ich werde schon noch dahinterkommen. –

3.

Nun breche ich hier in Thüringen meine Zelte ab, es ist eigentlich

nur ein kleinwinziges Zelt im Dörfchen Hochheim bei Erfurt, wohin ich

mich verzog, als vier Augen sich schlossen und ich nun nichts weiter

vorstellte, als ein »armes Mädchen höherer Stände«. Das ist etwas

unglaublich Hartes und erschrecklich Weniges, und jeder glaubt sich

berufen, gute oder minderwertige Ratschläge, hie und da auch einen

kleinen Fußtritt zu geben. Oder auch mit feinfeinen Nadeln just in die

Stelle zu stechen, da es am wehesten tut. So wollten »gute Freunde und

getreue Nachbarn« mir durchaus meinen Urväterhausrat über den Kopf

weg verkaufen, und meine Aufwärterin nennt mich »kumplett verrückt«,

weil ich mir alles gerettet habe, da ich doch für Väterchens uraltes

Zylinderbüro und Muttchens eingelegten Schreibtisch »Unsummen«

bekommen hätte. – Diese Unsummen würden aber niemals die Summen

der Glückesstunden aufwiegen, die ich an diesen beiden Möbelstücken

erlebte, durchlitt und durchlachte. Märchenerzähler waren beide Eltern,

und führte mich Vater Ernst durch selbsterdachte köstliche Geschichten,

die ein unsagbar feiner, guter Humor durchsonnte, so gab mir Mutter

Pauline den Reichtum von Andersens Märchen. – Nun steht »Speditör

König« mit seinem Möbelwagen vor meiner Tür, und der Kutscher sagt:

»Hü, alle meine Pferde« zu dem einzigen, das davorgespannt ist, genau

wie es der kleine Klaus tut in Andersens Märchen. Ich habe soeben viele

Hände, schwielige und weiche vornehme, gedrückt und ziehe nun mit

meinem persönlichen Gepäck von dannen, als da sind: »Vaters Statur,

des Lebens ernstes Führen und Mütterchens Frohnatur und Lust zum

Fabulieren.«

4.

Mit Gott! Ich bin in Haus Lage. Von weiter, roter Heide ist es dicht

umgeben, von Birken und hohen Wacholdern, von Ginsterbüschen, die

leuchtend gelb blühen. Hier soll das Thüringer Waldkind daheim sein und

ist’s schon. Ist mit tausend feinen Fäden bereits gefesselt, schier

jede rote Dolde hat sich eng mit dem Herzen verknüpft. Hinter der

Heide, im Rücken von Haus Lage, liegt Wald, tiefer Tannen-, Eichen-

und Buchenwald, ein köstlich Fleckchen Erde. Im Park steht eine Ruine,

die Spanier haben im Dreißigjährigen Kriege das Schloß zerstört. Jetzt

rankt sich Efeu dicht herum, von den Gemächern ist nur das – Gefängnis

übriggeblieben, eine eisenbeschlagene, schwere Tür führt hinein. Das

Licht konnte nur durch eine Falltür von oben eindringen, wenn sich

nicht ein Sonnenstrahl just dann verirrte, wenn der Wärter das Essen

durch die Klappe schob. – Mich fröstelte, als ich diese Unterkunft

sah. Gefangen inmitten der weiten, weiten Heide …

Eine schneeweiße Bank habe ich hinsetzen lassen vor ein efeuumwuchertes

Fenster im Erdgeschoß. In diesem Fenster mag oft in tiefer Nische, die

von wohlerhaltener durchbrochener Steinornamentik umgrenzt ist, eine

schöne Fraue von Lage gesessen, gestickt und geplaudert haben. Mit wem?

Das werde ich wohl noch ergründen können, wenn ich erst einmal die

Bücherei durchstöbert habe. Auf dies Tagewerk freue ich mich. Deshalb

hat es noch gute Wege damit. Denn noch bin ich nicht zur Freude hier,

sondern zur Arbeit.

Die Tante Jesuliebe-Brigitte Lage scheint eine Arbeits_wut_ gehabt zu

haben. Überall begegnet man irgendeinem Sprichwort, das auf die Arbeit

Bezug hat, oder auch einem kategorischen Imperativ. Als ich gestern

hinter der Ruine den uralten Baum erkletterte, dessen verzweigte

Wurzeln sich wie ein Wappenschild von der Mauer abheben, las ich

eingeschnitten in den Stamm: »Arbeite!« Und war doch hingekommen, um

mich zu verstecken, um zu rasten und zu träumen. Und so viel Macht

hatte das herrische Wort, daß ich sofort wieder hinunterstieg und

selbst mit Hand anlegte bei der Säuberung des inwendigen Hauses, auf

daß mein Hausrat bald seine bleibende Statt fände. Wenn alles bis

auf den letzten Nagel an Ort und Stelle ist, dann will ich in Tante

Jesuliebes Gemächer gehen und die Erbschaft völlig antreten. Vielleicht

finde ich auch dort irgendeine Weisung, einen Brief …

Davor fürchte ich mich. Es ist gewiß töricht von mir, aber ich möchte

lieber allein einen, wenn auch schweren oder gefahrvollen, Weg gehen,

als mich durch Bitten oder Befehle einer Toten bestimmen zu lassen.

Heute nacht ließ mich der Vollmond nicht schlafen. Er stand grellweiß,

ein riesenhafter Scheinwerfer, am Himmel. Sein Licht lag gespenstisch

auf der Ruine und dem weiten Rasen davor. Ich erhob mich von meinem

Lager, hastig kleidete ich mich an und warf meinen dicken Flauschmantel

über. Die schwere Tür öffnete ich (alle Türen sind hier groß und

gewichtig) und schlich mich hinunter. Aber selbst unter meinem sachten

Schritt ächzte die alte Treppe, und das Ächzen löste ein seltsames

Echo in dem hallenden Gange aus. Dann stand ich auf dem Rasen vor der

Ruine, und nun trank ich buchstäblich die Schönheit der Vollmondnacht

in mich hinein. Haus Lage und das Trümmerschloß – eingebettet waren

sie in Licht. Nichts vom grauen Alltag ringsumher … Und in meinem

Innern ein grenzenloser Jubel, ein Glücksgefühl ohnegleichen. Ich

nickte dem alten Hause zu: Du bist mein! Und der Ruine: Du bist mein!

Der stille, mondbeschienene Park, die Sonnenuhr, ja der alte, schwarze

Geräteschuppen, den das Mondlicht malerisch verklärte, jedes bekam den

Gruß: Du bist mein! Die junge Brigitte Lage, die bisher nur gerechnet:

was soll ich essen, was soll ich trinken, womit soll ich mich kleiden?

Sie besaß plötzlich etwas; nicht etwas, – hundert Dinge. – Sie war

eine Erbin. Ja, aber Erbin des _grauen Alltags_. Warum hatte man dies

Fleckchen Erde so genannt? Warum bewußt einen Schatten darauf geworfen?

Der sich doch ganz und gar verbergen mußte, da Gottes Licht den grauen

Alltag in seine Arme nahm. Ich setzte mich auf die weiße Bank vor die

Ruine, meine Gedanken waren unruhig und jagten sich. »Der häßliche

Name müßte ganz verschwinden, er hat keine Berechtigung,« trumpfte ich

laut – »schwarze und graue häßliche Dinge werden in Lage nicht mehr

gelitten; ~dixi~, ich habe gesprochen …!«

Da fuhr etwas Graues, unsagbar Häßliches aus der einen großen, leeren

Augenhöhle der Ruine und strich klatschend über mein Haar hin. Laut

schrie ich auf.

Gleich darauf kam ein Lachen. Voll und tief, seltsam melodisch. – Und

eine gute Stimme sprach neben mir: »Heldenseele! – will Ewigkeitsnamen

ohne Hammer und Meißel ausmerzen. Schier nur mit einem Gedanken … Und

fürchtet sich vor einer Fledermaus. Kindskopf!!!«

Scheu sah ich mich um. Und da ich niemand entdeckte, so angestrengt ich

auch spähte, kroch mir wahrhaftig fröstelnde Furcht über den Rücken.

»Wer spricht da?« fragte ich bang. Und etwas beherzter: »Wer sind Sie?«

[Illustration]

»Die Fledermaus«, tönte die Antwort irgendwoher.

Da gab ich Fersengeld, und das tiefe, musikalische Lachen hallte

hinter mir drein. Die alte Kastellanin Eva empfing mich geruhig an der

Haustür. »Nur zahm, nur zahm!« sagte sie und zog mich hinein. Ohne

Staunen und weitere Worte, als sei es nichts Besonderes, daß ihre junge

Herrin nachts zwischen 2 und 3 Uhr wie ein Wirbelwind daherjage. Erst

als ich auf dem Rand meines Bettes saß und sie mir die feuchten Schuhe

auszog, äußerte sie sich, – schier beifällig. »Eine echte Lage, ich

habe nun den Beweis«, mümmelte sie, denn sie hat keinen Zahn mehr. »Da

ist noch kein männlicher und kein weiblicher Lage gewesen, der hier

nicht im Mondschein herumgegeistert hätte.«

»Eva! Wohnt noch irgend jemand außer uns im Haus Lage oder in der

Ruine?« fragte ich mit Herzklopfen.

»Irgend jemand? Da sind eine Menge! Da ist mein Neffe Josua, da ist die

Köchin Rahel, da ist der Gärtner Michael und sein Gehilfe Benjamin und

wohl zwanzig Parkarbeiter, die in der Ökonomie schlafen …«

»Nein, nein, die meine ich nicht«, wehrte ich ab. Diese

alttestamentliche Garde, die sie mir da aufzählte, lag mir nicht im

Sinne. Sie war alt, uralt, wie Eva auch. Und das Lachen hatte jung

geklungen – und fein gebildet. Also konnte die »Fledermaus« auch kein

Methusalem sein.

»Eva, wie alt bist du eigentlich?« fragte ich wieder.

»Das kann ich dem gnädigen Fräulein wohl auch morgen vormittag sagen,

nicht um 3 Uhr nachts«, lautete die Antwort; und wie ein Spuk war Eva

draußen. Sie ist unglaublich rasch, die Alte. Wäre der zahnlose Mund

nicht, das eisgraue Haar und die hundert Runzeln, man könnte ihr 50

Jahre weniger geben. Sie hört wie ein Fuchs und sieht wie ein Luchs

und läuft wie ein Wiesel. Aber sie spricht von Friedrich Wilhelm dem

Dritten, der einmal in Lage gewesen sein soll, – und von Goethe –

als sei sie mit beiden groß geworden. – Doch von ihrem Alter mag sie

nicht reden hören – die _echte_ Eva. – Man wählt hier in Lage die

Namen der Dörfler alle nach der Bibel. Der Hausvater sticht an der

Wiege des Neugeborenen mit spitzer langer Nadel in das Bibelbuch, und

welcher Name dem Stiche am nächsten ist, der wird für das Kind gewählt.

»Josua, der Neffe« gilt bei seiner Tante als Springinsfeld und Übermut,

immerhin schätze ich ihn auf Mitte der Fünfzig. Sie hat bei ihrem

eigenen hohen Alter den Maßstab für ihre Umgebung verloren. Ich weiß,

daß sie mich hinter meinem Rücken »das Kleine« nennt, aber es klingt

unendlich gut und mütterlich. Trotzdem bleibe ich für sie »das gnädige

Fräulein Lage«.

Diese Sachen überdachte ich, während ich mich wieder wohlig im warmen

Bette ausstreckte. Wollte den »Fledermausgedanken« entfliehen …

5.

Wir leben jetzt im Wonnemonat Mai. Aber das weiß ich nur vom

Hörensagen und aus Thüringer Briefen, die freilich spärlich genug

für mich abgegeben werden. Das _arme_ Freifräulein Lage war auch arm

an Freunden geworden, und die Erbin – _will_ nun nicht. »Eine Mauer

um uns baue«, möcht’ ich beten, wie das fromme Mütterlein im Gedicht

von Clemens Brentano. Das feste Mäuerlein um Haus Lage haben die

Spanier niedergerissen im Dreißigjährigen Kriege. Hätten auch etwas

Gescheiteres tun können. Nun ist’s freilich leicht, auf meinem Grund

und Boden herumzustöbern – für nächtliches Gesindel – Fledermäuse und

dergleichen …

Also wir merken hier nichts vom Wonnemonat. Es regnet und stürmt

und ist eisig kalt. Nur im Hause drin prasseln die Holzscheite in

zwei großen Kaminen und vier mächtigen Kachelöfen. Man könnte auf

Weihnachten raten, so gemütlich ist’s. Ich möchte erst einmal die

eisige Luft aus allen Zimmern bringen, sie ließ einem schier das Herz

erstarren, als ich herkam. »Davon weiß ich nichts«, meinte die alte Eva

geruhig, als ich sie darum befragte. »Das gnädige Fräulein Jesuliebe

hat wohl manchmal ein Feuerlein brennen lassen, aber der Herr Vater

selig und die Frau Mutter selig, und was sonst so von den Herrschaften

hier wohnte, die waren alle nicht für Wärme …«

Ich schaute die Eva scharf an, aber ich sah, die gute Alte hatte es

streng wörtlich gemeint.

Ich aber »bin für Wärme«. Herrgott, ja. Seit gestern friere ich in

Haus Lage. Ich schone den mächtigen Holzvorrat nicht. Josua hat mich

schon vorwurfsvoll angesehen. Aber ich weiß aus den Büchern, daß

der graue Alltag von 14000 Morgen Wald umgeben ist. Mit dem Förster

habe ich auch schon gesprochen, er ist alt, wie beinahe alles hier,

und lebt als Witwer bei seinem Sohn und der Schwiegertochter. Es ist

eine Erbförsterei. Die ganze Stube hängt bei ihnen voll »Förster«,

und darunter prangt immer derselbe Mann noch einmal als »reitender

Feldjäger«. Schmuck sehen sie alle aus, die »Förster Nordstamm«.

Vater und Sohn haben schon einen langen Gang mit mir durch »meinen«

Wald gemacht. Ich sage _meinen_ Wald, weil er mir gehört, und um

mich scherzend zu behaupten gegen den alten und den jungen Förster,

die auch beide von »ihrem« Walde sprechen. Die junge Frau Rika blieb

daheim, sie erwartet ihr erstes Kind und ist nicht sehr kräftig, aber

fröhlich und guter Dinge. – Als der Wald am dichtesten und tiefsten

wurde, schier wie ein Urwald, da spürte ich trotz des stundenweiten

Weges neue Kräfte. Welche Wonne, in diese tiefe, lockende Stille

hineinzudringen, vor jedem dieser seltsam geformten Ungeheuer staunend

stehenzubleiben. Sie begrenzten die schmale Spur, die kaum den Anspruch

auf die Bezeichnung »Weg« erheben konnte. Und die ihn oft genug drohend

verlegten, wie ich weithin mit meinen scharfen Augen sah.

»Nun wird es sehr unwirtsam«, bemerkte der alte Förster nach einer

Weile, und der junge stimmte ihm eifrig bei. »In diese Wildnis sind die

_Damen_ Lage nie eingedrungen, da ist oft nicht Weg noch Steg. Aber der

Herr Baron wollte eben seinen Urwald haben …«

Ich warf noch einen bewundernden und schmerzlich verlangenden Blick auf

die schmale Spur, die zwischen Stechpalmen und Farnen dahin führte. Und

dann nickte ich lachend einem wunderlichen Baume zu, der wahrhaftig wie

ein Waldweibchen aussah mit krummer Nase und zahnlosem Mund: »Gute

Nacht, Eichenmuhme, ich komme bald wieder und besuche dich.« Denn »der

Urwald ist jetzt _mein_«, wandte ich mich an meine Begleiter, »und was

mein ist, will ich kennenlernen von Ur to Enn.«

Vater und Sohn Nordstamm tauschten Blicke. »’s ist eben eine Lage«,

hießen diese Blicke, das war mir ganz klar, ohne daß sie mit ihrem

Finger auf die Stirn deuteten. Wir kehrten nun um, und ich prägte

meinem Gedächtnis den Weg ein, versäumte auch nicht, wie weiland Hänsel

und Gretel unauffällig rote Ilexbeeren zu streuen; sie reichten gerade

bis zur Grenze des Parkes, und von dort aus fand ich meine Heimat ohne

Führer. Ja, es ist meine Heimat. Nirgends sonst seit meiner sonnigen

Kinderzeit war ich so mit dem Herzen in irgendeiner Landschaft,

nirgend sonst seit Vaters Tode tönte so stark und süß die uralte ewige

Heimatmelodie aus Baum und Strauch, aus Fluß und Wiese, aus Hecken und

Ackerscholle. Lage, sei gesegnet!

Der Mond stand noch immer köstlich voll am Himmel. Ich ahnte eine

zweite unruhige Nacht, nahm mir aber fest vor, die Ruine und die

Fledermäuse heute unbeachtet zu lassen. Aber abkürzen wollte ich

die Nacht, indem ich mir aus Tante Jesuliebes Zimmer irgend etwas

Lesenswertes holte, mit dem ich mich in meinen roten Ledersessel

einkuschelte bei grünbeschirmter Lampe und prasselndem Kaminfeuer.

Schon dieser Vorsatz allein schuf Behaglichkeit. – Die alte Eva setzte

mir die Lampe und einen kleinen Imbiß, köstliche Buttermilch und

selbstgebackenes Schwarzbrot hin, dazu duftende Gravensteiner Äpfel.

Und nach der langen Wanderung vertilgte ich alles mit Stumpf und

Stiel. –

Es war unsagbar gemütlich. Mit einer brennenden Kerze auf hohem

silbernen Leuchter stieg ich dann ins Dachgeschoß, das Tante Jesuliebes

Zimmer in sich barg. Zwei große, seltsame, getäfelte Stuben, hoch

und geräumig. Der Wohnraum ist fast saalartig. Eine stattliche Reihe

»Lages« hängt an den Wänden, stattlich war auch bei den Mannsen der

Wuchs, doch die Frauen zeigten sich mit wenigen Ausnahmen klein und

zierlich. Ach! und hochmütig, – hochmütig schienen sie alle gewesen

zu sein. – So waren wir Thüringer Lages wohl aus der Art geschlagen.

Bei uns war _der Hochmut_ als _Dummheit_ gebrandmarkt worden, und

so _fehlte_ dieser Zug auch auf _Vaters_ Bild, der im Schmucke der

ordenbesäten Staatsuniform die Reihen schloß. Nicht hochmütig, –

hochgemut sah er aus, der einzige. In sein Anschauen vertieft, hätte

ich schier mein Vorhaben vergessen. Aber es klopfte an der Tür, und ich

schrak zusammen. Auch ohne mein »Herein!« abzuwarten, stand Eva dann

vor mir, und mit altmodischem Knicks teilte sie mir mit, daß man in

Zimmern Verstorbener nie länger als 7 Minuten weilen dürfte, wenn man

es zum erstenmal beträte, beim zweitenmal dann 14 Minuten, beim dritten

21, das sei nun »mal so«.

»Meine gute, alte Eva,« rief ich und gab ihr einen Kuß auf die runzlige

Wange, »gewöhne dich daran, daß bei mir nichts, aber auch gar nichts

›mal so‹ ist. Wir wollen unsern Tag recht sonnenhell beginnen und

ebenso klar schließen. Allem Aberglauben sagen wir ab, bei jeglichem

Spuk gehen wir der Ursache nach, und wo es uns nicht gelingt, da sind’s

halt Fledermäuse gewesen; hörst du, Eva?«

»Haben gnädig Fräulein Fledermäuse gesehen?« fragte sie ungerührt. »Das

wäre schade. Denn das bedeutet, daß gnädig Fräulein ihr Lebtag in Lage

bleibt, also sozusagen unvermählt. Schade, schade!« Und sie schüttelte

ihren alten Kopf anhaltend.

»O du unverbesserliche Eva!« Ich lachte herzlich. Dann ergriff ich ein

zierliches Buch, das in leuchtendes und duftendes Juchten gebunden war

und preislich auf Tante Jesuliebes altmodischem Schreibtisch lag. Und

einen schweren Folianten, der silberbeschlagen auf einem Bord ruhte,

hieß ich gleichfalls mitfolgen, so würde der Abend beim behaglichen

Lesen im Fluge vergehen, und der Mond sollte mich nicht wecken, noch

necken. –

* * * * *

Der graue Alltag und sein Licht · 第 6 / 71 题