Viel Seltsames erlebe ich in Haus Lage …

Es scheint mir unfaßlich, daß ich 25 Jahre in Thüringen lebte, und daß

während dieser Zeit dies alte Haus tot für mich war. Denn überlebendig

zeigt es sich jetzt und eng mit mir verwachsen, als ob es nur gewartet

hätte, bis ich kam, um mich fest und unzerreißbar in seinen Bann zu

ziehen.

Heute fand ich wieder ein seltsam Gelaß. Ein Ring war mir vom Finger

gefallen, der blaue, leuchtende Saphir mit dem Kranz von alten, in

Platin gefaßten Diamanten, der unter Tante Jesuliebes Schmucksachen

für ihr Patenkind sich fand. Ich begab mich sofort auf die Suche,

und als ich ihn in einer Ecke entdeckte, sah ich auch ein Türchen,

fast am Erdboden klebend, und seltsame Zeichen trug es durcheinander

verschnörkelt. Aber mit Hilfe eines brennenden Wachsstockes entzifferte

ich mühelos die schlichte Mahnung: »~Ora et labora.~«

Das ~labora~ tritt einem hier ja überall entgegen, das ~ora et labora~

lehrten mich Vater und Mutter durch ihr Beispiel. Ich strich liebkosend

über den Spruch, da sprang das Türlein auf. Und in seiner kleinen,

dunklen Höhlung lag wieder ein Buch, danach ich gierig griff.

»Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an! Zünd an!«

Du, der du allwissend bist und mich an deiner starken Hand hältst, hilf

mir, daß ich den Weg finde …, den rechten Weg. –

8.

’s ist tiefe Nacht. Aber ich will mich nicht zur Ruhe legen, ehe ich

meine Gedanken und das, was ich bis zum Abend erlebte, klar gesondert

habe. Bis jetzt, seit meiner Rückkehr aus dem Lager Forst saß ich

mit gefalteten Händen und sann, – und sann. Draußen hat Eva um die

Abendbrotzeit an meiner verschlossenen Tür gerüttelt und nicht eher

Ruhe gegeben, bis ich ihr zurief, daß mir nicht gut sei und ich

keiner Speise und keines Trankes bedürfe. Das Alleinsein würde die

beste Arzenei sein. Da ist sie gegangen, laut vor sich hinmurmelnd.

Vielleicht übertreffe ich an Narretei die ganze Sippe Lage, die ihr

durch die Finger lief.

Ich war mit raschen Schritten am heutigen Frühnachmittage ausgezogen.

Jetzt dünkt’s mich wie ein Märchen von der Prinzessin »Weißnichts« aus

dem Hause »Ohnearg«, die »alle Möglichkeiten verschlafen hatte und

ausging, das Glück zu suchen«.

Wie auf verbotenen Wegen schlich ich mich ums Forsthaus herum, um ja

nicht die Herren Nordstamm aufzustöbern. Am Arm den kleinen Binsenkorb,

der die handfeste Atzung für Vesper und zugleich Abendbrot barg. Bis

an die Grenze schritt ich, da wo das Waldweibchen drohend und zugleich

lockend seine knorrigen Arme reckt, – dann blieb ich tief atmend

einige Minuten stehen, auf daß ich voll Andacht in den Märchenwald

eingehen könne.

Wie still er schien, und wie lebendig er war!

Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, ich könnte ihn

nicht schildern, aber ich habe die _Liebe_, und deshalb vermag ich es:

Ich wandelte durch Dome, in denen tiefe Glocken läuteten, ich ging

durch Waldhüttchen hindurch, drinnen Zwerge kauerten und kicherten und

meine Kleider neckend streiften. An Riesenharfen schritt ich vorbei,

deren Kiefernsaiten von Harz troffen und einen Duft ausströmten, der

wohl Schwersiechen den heiligen Trost zurufen konnte: »Auf, nimm dein

Bett und wandle!«

Es grüßten mich Riesen und schauten wildgnädig auf das Menschlein, das

unter ihnen ging, es nickten mir spottend Alräunchen zu und schabten

ihre Fingerlein: O du Prinzessin Ohnearg und Weißnichts! Und waren doch

alle nur Bäume und Bäumchen.

Dann wieder taten sich Kirchen auf aus silberstämmigen Buchen, an denen

nicht Tadel noch Fehl war. Ihre Wipfel reichten bis zum Himmel und

klopften beim Herrgott an, daß er sie segne. –

Und dann kam der tief-tiefe Tannenwald. Edeltannen, bodenständig,

mit silbernem Schein, die mich ernst willkommen hießen, zarte

Douglastannen, die noch bange zitterten vor ihrer eigenen Schönheit.

Birken standen dazwischen, mit zartgrünen Schleiern ihre Reize

verhüllend, und sie hatten kleine, schwarzweiße Pilzwächter zu

ihren Füßen hingewiesen … Auch Kindertännlein wuchsen ringsumher,

wohlgezogene und doch fröhliche kleine Gesellen, und zwischen ihnen

lag die rostbraune Heide, in deren Winterdolden der Frühlingswind

harfte. Und über all dieses hatte die Sonne ihre warmen, leuchtenden

Mutterhände gelegt, ein Segen ohne Maß ging von ihr aus. Ich grüßte die

unermeßliche Schönheit und trank Gottesnähe in mich hinein. Da sah ich

mitten in der Tannenwildnis, aber hoch über ihr, ein Glockentürmlein,

und es war mir, als ginge von der schweigenden Glocke, die darinnen

hing, all das gewaltige Tönen aus, das den Wald erfüllte.

Aber das Tönen schwieg plötzlich, weil eine Menschenstimme lachte.

Mißtönend, klagend, schrill: einem Kauz hätte sie gehören können oder

einer kranken Waldtaube; aber es war doch ein Mensch, der vor dem

Kirchlein kauerte, das sich plötzlich aus dem Dickicht schob. Uralt und

schlicht, aber nicht verfallen; und etwas dahinter stand ein kleines,

festes Haus, schier mehr ein Tempel mit dorischen Säulen.

[Illustration]

Der Mensch hatte nicht viel Menschliches an sich. Nur als ich nahe

vor ihm stand und er mit demselben klagenden Lachen nach meinem

Kleidersaume griff, sah ich, daß es ein Jüngling war, ein Krüppel,

der nun in grotesken Sprüngen in das Innere des Tempels flüchtete.

Ich folgte ihm nicht, – ich öffnete sacht die Pforte des kleinen

Gotteshauses. Und hatte ich vorher in arme, verzerrte Züge geschaut,

so grüßte mich nun ein Marmorbildnis von wunderbarer Schönheit, von

Künstlerhand gemeißelt – der heilige Clemens. –

Nicht im großen Ornate des Papstes, im schlichten härenen Gewande hatte

ihn der Künstler dargestellt, wohl um die Demut äußerlich kundzutun,

die diesen Kirchenfürsten auszeichnete. Der Anker war ihm beigegeben

und ruhte zu Füßen des Bildnisses. – Später entdeckte ich noch ein

uralt Steingefüge des gleichen Heiligen, das sich außerhalb der

Kirche an ein Mäuerchen lehnte. Ein vermorschtes Holz steckte neben

ihm im Waldboden, und darin hing eine »ewige Lampe«, aber sie war

ungeschützt verlöscht, tot, und das Öl verdunstet. Es sah so traurig

aus, und deshalb löste ich die ungefüge Lampe aus der verrosteten

Klammer und trug sie in die Kapelle. Hier konnte ich sie gut an

einem hervorspringenden Eisenknauf befestigen, gerade dem heiligen

Clemens gegenüber. Und nahm mir vor, am nächsten Morgen mit einem

Ölkännchen wiederzukommen, es sollte nicht mehr dunkel und einsam

um den Heiligen sein. Als ich das Kirchenpförtchen wieder schließen

wollte, brach gerade die Abendsonne durch die Fenster, die in feiner

alter Glasmalerei die heilige Notburga zeigten, die »Dienstmagd« mit

der Sichel in der Hand. Darunter den Spruch: »Die Hand bei der Arbeit,

das Herz bei Gott.« Seltsam leuchtend rot war der Schimmer, der durch

dies Fenster in das Kuppelrund fiel. Und darin sah ich einen Fries,

von eines Meisters Hand gemalt: Unseres Heilandes Werdegang, seine

Geburt, sein Ringen, sein Leiden und seinen Tod. Da stand ich wie

gebannt, und die Blicke konnte ich nicht losreißen von dem Kindlein auf

dem Schoße der Gottesmutter und von dem Hirten, der auf der Schalmei

das Wiegenlied tönen läßt. – So geleitete ich mit Augen und Herz

den Christus. Aus jeder Darstellung wuchs er größer und göttlicher

heraus und gab mir die Erinnerung an meine Kinderzeit, als die Mutter

mich _diesen_ Christus lehrte. So lieb und schlicht, so zürnend und

gewaltig, so demütig und vergebend. –

Überreich beschenkt schritt ich aus der kleinen Kapelle hinaus in

meinen Märchenwald. – In der abendstillen Dämmerung wollte ich die

seltsamen Gesellen wieder grüßen, neugierig, welche Formen die Riesen-

und Zwergenbäume wohl im Halbdunkel annehmen würden, um mich zu

schrecken. Aber mein Fuß verhielt im Heidekraut, denn ein klagendes

Rufen scholl zu mir herüber. Hilfeheischend tönte es, und nun eilte ich

nach der Richtung des Tempels, woher es kam. – Die Pforte lief leicht

in ihren Angeln, als ich sie öffnete; ich trat in die Werkstatt eines

Bildhauers. Beinahe hätte ich über der Schönheit einer Marmorgruppe die

arme, zusammengeworfene Gestalt des Krüppels übersehen, der zu ihren

Füßen wie ein Bündel lag. Ein Blutbächlein rieselte an der Schläfe

des Jünglings hinunter, er hatte von einem Sockel wohl mit täppischem

Griff den Hammer herunterholen wollen, und dieser war ihm auf die

Stirn gefallen … Hastig verließ ich den Raum, denn der alte Brunnen

draußen fiel mir ein, an dem ein gefüllter Eimer hing. Ich tauchte

mein leinenes Tuch, das ich über mein Körbchen gebreitet hatte, in

das kühle Naß, lief wieder zurück und legte es auf die Wunde; gellend

schrie der Verletzte auf. Aber nichts rührte sich im Hause, so scharf

ich auch horchte. Nur die marmorne Gottesmutter, die den toten Sohn im

Arme hält, schaute voll Erbarmen auf uns nieder. Da nahm auch ich den

Kranken in meine Arme und bettete den schmerzzuckenden Kopf an meine

Brust. Er schlug die Augen auf, und nun lachte er, wie ein Kind, das

sich geborgen weiß. Aber auf meine besorgten Fragen antwortete nur ein

Lallen. Hart kniete es sich auf den Fliesen des Bodens, ich lehnte den

Kranken gegen den Marmor, löste das Tuch und lief wieder zum Brunnen.

Da tönte mir das Klagen nach, und wieder empfing mich der Schrei, als

ich den Umschlag erneuerte. Ratlos sah ich nach der großen Tür, die

mir in das Innere des Hauses zu führen schien, denn die Werkstatt war

nur eine große Halle. Über der Tür stand der Spruch gemeißelt: »~Nisi

Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant

eam.~«

Das klang tröstlich, und ich durchschritt die Tür. Wie seltsam

mutete das große, traute Wohnzimmer an, das sich mir zeigte … In

dieser Waldwildnis ein so behaglicher Raum mit hohem Kamin, darinnen

ein loderndes Feuer brannte. Schwere Teppiche bedeckten den Boden,

flämische Möbel standen wuchtig an den Wänden. Nirgends ein Mensch,

außer dem, dessen tierische Laute fortgesetzt das Haus durchgellten.

Da ging ich zurück, beugte mich über den Kranken und rief ermunternd:

»Komm! Komm mit mir!« Er erhob sich plötzlich sehr gelenkig und

folgte mir, wie ein gehorsamer Hund. Das Blut an seiner Hand und auf

seiner Stirn schien ihm ungeheuer wichtig zu sein, aber sein Klagen

verstummte, als ich ihm begütigend sagte: »Das wird alles gut.« Von

seiner armen Sprache konnte ich nichts deuten, es schien mir aber, als

sei er gut Freund mit meinen Bäumen und Bäumchen.

So gingen wir Hand in Hand nach Lage zurück. Hier habe ich meinen

seltsamen Gast in einem freundlichen Gelaß gebettet, heilkräftige

Arnika auf die Wunde gelegt und will nun selbst, todmüde, mein Lager

aufsuchen. Gute Nacht, Märchenwald und Fledermäuse!

9.

Recht schlecht und unruhig habe ich geschlafen, ein Zustand, der

mir sonst fremd ist. Immer meinte ich, das klagende Rufen zu hören

und dazwischen energisches Zurechtweisen von einer zweiten Stimme.

Einmal war es so laut, daß ich aufstand und mich völlig ankleidete.

Ich horchte an der Tür des Gastzimmers, aber nichts regte sich

hinter ihr. Etwas Blinkendes lag am Boden, ich hob es auf und hielt

einen wunderlich geformten Knopf in der Hand, an dem noch ein Stück

Manschette hing. Mit großer Gewalt mußte er abgerissen worden sein.

Dreimal stand ich so in verschiedenen Zeitabständen vor dem Gemach,

beim drittenmal drückte ich die Klinke kurz entschlossen nieder.

Die große Stube war leer, das Bett sorgfältig geordnet, das Linnen

abgezogen und fortgeräumt. Die alte Eva stand an einem der beiden

offenen Fenster und stäubte gerade ein Tuch aus. Sie knickste, sah aber

an mir vorbei.

»Ich hatte einen Gast«, sagte ich etwas erregt …

»Er ist nicht mehr da«, war die ruhige Antwort. –

»Das sehe ich. Aber ich will wissen, wo er ist. Er stand unter meinem

Schutz.«

Sie sah mich hilflos an. »Gnädig Frölen dürfen nicht solch böses

Gesicht ziehen. Ich gebe keine Befehle, ich führe sie nur aus.«

»Wo ist der Kranke?«

»Fortgeholt.«

»Von wem?«

Ich stellte mich an das kleine, bleigefaßte Fenster, das vom Gange aus

nach dem Park schaut, und trommelte heftig mit den Fingern dagegen.

Und unter dieser Musikbegleitung enteilte Eva lautlos, ohne mir zu

antworten.

Ich habe dann den köstlichen Frühlingsmorgen benutzt und bin mit

einem Ölkrüglein durch den Märchenwald geschritten, um dem heiligen

Clemens das ewige Lämpchen anzuzünden. Dann hielt ich eine stille

Andacht und freute mich tief und glücklich des kleinen, stimmungsvollen

Kirchleins. Strich auch sacht mit der Hand über die wunderschöne

»~Pietà~«. Nirgends an der Gruppe fand ich einen Namen, – es ist auch

gleichgültig. Wer so etwas meißeln kann, ist ein König …

Zu Hause war ich dann guter Gedanken voll und setzte sie rasch in die

Tat um. Zwei Briefe schrieb ich. An Fernande Lage, das protestantische

Spitalweibchen, und an Matthias Lage, den gläubigen Katholiken. Ich

bat beide, ihren Wohnsitz aufzugeben, um zu mir in mein Haus, das auch

ihren Namen trüge, überzusiedeln. Sie sollten hier einen schönen,

glücklichen Lebensabend genießen, soweit es in meiner Macht läge, und

einst da ruhen, wo alle Lages ausrasteten. –

Damit habe ich bei dem »Ohm Matthias« sehr schlecht abgeschnitten.

Er schreibt seine Antwort so grob und mißbilligend, daß ich sie mir

ungefähr so übersetzt habe: »Gestorben wird, aber ob du es erlebst, du

dummes Wicht, das ist die Frage.«

Tante Fernande dankt mir kurz, verspricht ihr Kommen und lobt mich aus

einer falschen Voraussetzung. Sie findet es außerordentlich klug und

bedacht von mir, daß ich mir in ihr eine Beschützerin und Anstandsdame

heranholen will.

Nichts lag mir ferner. Ich will zwei einsamen Lages, die mittellos

in der unruhigen Welt wohnen, eine Heimat geben, eine friedenvolle,

sorgenlose.

In dieser besinnlichen Wald- und Heideeinsamkeit liegt jeder Gedanke an

Äußerlichkeiten weltenfern. Aber vielleicht hat die alte Fernande eine

innere Befriedigung davon, daß sie meint, sie sei mir nütze. Vielleicht

kann sie jetzt besser die Wohltat von mir annehmen. So will ich sie bei

ihrem Glauben lassen. –

Mein Tag ist immer reich und ausgefüllt. Ich schaue auch öfters

in das Försterhaus, wo die junge Frau etwas zagend ihrer schweren

Stunde entgegensieht. Man hat sie mit Ammenmärchen verstört, und ich

fürchte, meine Eva hat auch manchen Schatten ins Försterhaus getragen.

Neulich ertappte ich sie beim Räuchern mit Ginsterblüten. Der Geruch

war abscheulich und verpestete das schmucke Anwesen. Ich weiß, daß er

»Alpdrücken« beheben und »starke Wehen« hervorrufen soll. Aber ich weiß

auch, daß dieser Unsinn dem sehr bodenständigen Arzt in Lage das Leben

sauer macht. Deshalb verwies ich am Abend ganz energisch der guten

Alten ihr Tun. Ihr Widerspruch ist immer derselbe: »Was weiß so ein

Junges!« Aber da er unhörbar gemurmelt wird, lasse ich ihn unbeachtet.

Ich saß mit der jungen Frau Nordstamm an der leeren Wiege, drin das zu

Erwartende liegen soll, und wir hatten die ganze kleine Aussteuer um

uns herum gebreitet, aber die Türe sorgfältig verschlossen: daß nur

ja kein unberufenes Männerauge unser törichtes Tun belauschen sollte.

Jedes gestrickte Mützchen wurde über der Faust anprobiert, und die

kleinwinzigen Linnen wurden vor die eigene Brust gehalten, um den

staunenswerten Unterschied recht deutlich zu sehen. Und ich erhielt von

der jungen Frau das Lob, daß ich »recht wie eine Mutter fühle«. Dreimal

packten wir das Bettzeug der Wiege aus und ein, und legten immer wieder

ein neues, noch zierlicheres Hemdchen, Jäckchen, Mützchen hinein. Und

die angehende Mutter schaukelte sacht das Gestell, darauf zwischen

leuchtenden Rosen und Tulipanen der Spruch gemalt war: »Onze Heere God

zal dat Kind bewaren.«

[Illustration]

Von meiner Entdeckung im Lager Wald sagte ich nichts, vielleicht war’s

eine eifersüchtige Wallung, die keinem Menschen sonst das Kirchlein

gönnte. Eines heimlichen Bangens kann ich mich nicht erwehren. Die

junge Frau ist überzart. Wenn ihr Gatte etwas sagt, fliegt Blässe

und Röte über ihr schmales Gesicht, fast möchte ich sagen, es sieht

wie Abneigung aus, womit sie ihn anschaut. Aber freut man sich dann

_so_ auf das Kindchen? Der Arzt predigt ungeheure Schonung der jungen

Frau. –

Von der Wiege kommend, traf ich beim abendlichen Heimweg auf ein

Grab. Ich hatte einen anderen, weiteren Weg gewählt, vor dem mich

der alte Förster Nordstamm gewarnt. »Der Wilde Jäger sollte dort

umgehn mit Heihallo und Hussida.« Herr Förster, das war gefehlt. Vor

halsbrecherischen, schlechten Wegen lasse ich mich gern warnen, denn

meine Gesundheit gehört nicht mehr mir, sondern dem »grauen Alltag«.

Aber dem »Spuk« gehe ich entgegen. –

Es lief alles friedlich ab. Ich fand ein Grab in tiefster Waldwildnis

versteckt, und meine zerrissenen Hände geben Zeugnis, wie hartnäckig

ich mich durch Brombeeren und Ilex durchkämpfte. Einen Namen trug die

Ruhestätte nicht, ein winziges Kreuzlein, roh aus Holz geschnitzt,

steckte darauf. Vom Grabe aus schritt ich nach der Lager Kirche und

ließ mir vom Küster den Schlüssel zur Gruft geben. Ihm blieb der Mund

offen stehen. »Bi disse Tid?« fragte er fast tonlos. –

Ja, der Sarg ist leer, nur ein altes Pergament liegt darinnen. Joochen

Lage, † 1642: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz.« Rings um

mich standen die Holzsärge bis an die Decke hinauf übereinander, ein

trostloser Anblick. Drei oder vier Steinsärge mit alter Ornamentik

reihten sich rings in der Gruftrundung; ein paar neumodische Zinksärge

zeigten, daß auch Holländer Mynheers de Lage hier in den letzten drei

Jahren beigesetzt worden waren. Ich löschte den Wachsstock, der in der

Nische für abendliche Besucher aufbewahrt wird, und schritt im Lichte

des letzten Mondviertels über den Friedhof.

»Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht

Hinab auf die Gräber in Lage.«

Auch hier ruhten Vorfahren, die nicht in der düsteren Gruft

hatten liegen wollen, umgeben von Steinen und Moder, jedem Zufall

preisgegeben, der die ungeschützten Särge zerstören konnte. Ich blieb

noch einige Zeit an der tausendjährigen Buche stehen und dachte meiner

Eltern, dachte des weißen Kreuzes auf dem Friedhof zu Erfurt: »Sei

getreu bis an den Tod«, dachte in Liebe und Heimweh an die beiden

Efeuhügel, die Unersetzliches bergen.

Als ich dann in mein Zimmer trat, glänzte schon von weitem das große,

gelbliche Büttenpapier, auf dem der »Enterbte« mir seine närrische

Weisheit darzureichen pflegte, und ich war just in der rechten

Stimmung, sie anzunehmen.

»Die liebwerte Regenschirmbase geht sehr selbstherrlich vor, wie mir

scheint. Mit ihrer unverbrauchten Kraft lockt sie kranke Kinder aus

fremden Häusern, denn wenn die feine, kleine Lagesche Spürnase auch

unvergleichlich ist und ungeheuer nett in dem gescheiten Gesichtchen

steht, so hat sie doch über die Grenze geschnüffelt. Die schmale Spur

zwischen Clemenskapelle und Tempel _ist_ diese Grenze, und der Tempel

steht nicht mehr auf Brigitte Lages Grund und Boden. Hausrecht soll

man ehren, oder??? Für die Lampe bedankt sich der heilige Clemens.

Sie muß jeden Tag gefüllt werden, das gebe ich zu bedenken, aber

hübsch jenseits der Grenze bleiben, ohne die Werkstatt zu betreten

… Und damit die liebe Regenschirmbase nicht wieder so zerschunden

aus dem Ilexgewirr des Waldgrabes hervortaucht und sich unnützen

Grübeleien hingibt, so diene zur Vervollkommnung der Familiengeschichte

(siehe oben), daß in besagtem Grabe der Urahn Joochen wirklich ruht,

wenigstens das fein säuberliche Gerippe. Meine eigenen Hände haben ihn

dort still beigesetzt, als ich einst entdeckte, daß sein Sarg offen

stand und beim Umfallen schon einmal die Gebeine verloren hatte.

Durch meine nüchterne Enthüllung hoffe ich die Regenschirmbase richtig

eingeschätzt zu haben … Den goldenen Manschettenknopf bitte ich in der

Clemenskapelle niederzulegen.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 8 / 71 题