-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen

Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege

gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt

gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch

lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit

Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als

hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden

Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße

gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das

soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als

kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner

Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat

keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein

und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt

. . .

-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und

Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.

-- Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid

reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu

sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten

mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier

unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure

Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran

die verborgenen Kräfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure

Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von

Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt

ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die

Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und

schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet,

die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland

seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern,

gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer

Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam

bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als

blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle

aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll

erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß

sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse

liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus

ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die

trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn

die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der

Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta

unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen

hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die

herrliche Welt!

So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine

Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt,

überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß.

In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen

erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das

Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und

glückeshungrigen Gattung.

Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen,

Jungen und Alten, Männern und Weibern.

Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des

Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der

neuen Meisterin.

Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben.

In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie

sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe

floß, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um

in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel.

-- Einen . . .?

-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das

ist Staatsgeheimniß. Mach' Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh' in die

Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate

wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den

blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt

wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig

für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen

Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif -- wenn der rechte

Umstürzer kommt.

-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.

-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche.

-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.

Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein

Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine

jähe Röthe.

-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen

Lippen.

Plötzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein

Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib?

Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte

und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren

Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die

Sehenden! Thu' mir Gewalt an!

* * *

Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und

was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen

nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen.

Ihren Fortgang!

Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter

dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle

Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In

Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem

Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und

Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im

Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.

Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft »Die Politik des

altneuen Kurses.«

Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn

übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und

gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.

Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden.

Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen

Entdecker ein starkes Stück.

Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu

einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der

bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und

zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden.

Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem

Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren,

und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern

bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den

unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in

der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden.

Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur

noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten

Literatur-Fragmenten, genannt das »Kommersbuch«, Abtheilung »Kneiplieder«,

fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese

Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die

Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten

manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß

regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn

unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu

kuriren, gern zu seinem »Kommersbuch«. Einige sprachliche Formen, die keine

Philologie mehr zu erklären vermochte, wie »Krambambuli«, »Jupeidi,

jupeida«, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen

Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen,

daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß.

Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen

Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt

im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.

Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der

dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht,

der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie

jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach:

Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten

-- und der Staat ist gerettet.

Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen

Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist

es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu

gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?

Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden

Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen

übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines

Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen

Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor

Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt,

zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: »Wissen

ist Macht, Bildung macht frei«, oder »Dem Volke muß die Religion erhalten

bleiben«, oder »Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im

Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder«,

oder »Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient

zerschmettert zu werden«, oder »Wem's im Teutareiche nicht behagt, der

blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden«.

Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt

hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der

Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen

Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen

Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege

automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf

lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht

wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den

Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit?

Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht

heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: -- Das will Alles noch

wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein.

Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen

und Schutzmaßregeln erheischen.

-- Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao,

der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten

doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen

nicht: Das ist der Automat Minus, das ist -- gestatte das Beispiel -- der

Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt's überhaupt keine

Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als

glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter,

Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns

allein, meine hohen Freunde.

Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner

Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.

Titschi abschließend: -- Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium

ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der

Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim

Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns

auf seine amtsgemäße Haltung verlassen?

-- Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend.

Titschi: -- Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den

Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen.

Soundso: -- Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe

ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben.

Die Kopie übertrifft ihn.

Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe

und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal.

Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne,

ohne Gefahr der Entdeckung?

Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der

Automat den Mund: -- Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt

sich Alles bieten. Dixi.

Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit

geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei

der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas

Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des

Volkes wäre?

Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an.

Automat Minus nickte: -- Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt

nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne

seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste

Diener.

-- Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine

Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht,

spottete vergnügt der Oberdiplomat.

Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem

Grauen.

Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: -- Hoheiten, wenn ich nicht

meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte,

ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist

unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene

Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit

uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger

anfertigen ließe und gegen uns selbst in's Feld führte.

Bim warf sich in die Brust: -- Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische

Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und

Identität festgestellt.

Soundso lächelte verschmitzt: -- Vielleicht gelingt es uns auch noch,

Automaten mit Bim'schem Entdeckergenie anzufertigen.

Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste

Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie

einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem

listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen.

Ao: -- Du sagst »uns«, Soundso, »vielleicht gelingt es uns«. Wer sind diese

»uns«? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht

verrathen?

-- Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im

Stillen bei mir selbst erwogen.

Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet.

-- Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, daß meine

Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der

Frauenstadt liegt.

Alle wie aus einem Munde: -- In der Frauenstadt?

-- Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern

selbst in »geschlossener Zeit« und ohne »amtlichen Auftrag« öfters in der

Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation

geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in

der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit

zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird.

-- Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte

Kaspe.

-- Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten

Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht

und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten

Frauen einlassen.

Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe.

-- Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die

Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den

Automaten Grege zur Stelle bringst?

-- Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich

seiner Brauchbarkeit entgegen.

-- Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet.

Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel Anerkennung. Im Innern sah

er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch

den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten

Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird

zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von

den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick

genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in's Gesicht geworfen. Das

Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn's mißlänge . . . Es

soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los!

-- Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens

in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht

länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich

darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende

eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem

Festordner abliefern zu können.

Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war

das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen

Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig

zu werden.

Die reine Teufelei!

Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein

und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen.

Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. Mit Jalas Rückkehr hätte

der sündhafte Tanz auf's Neue begonnen.

-- Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen

weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für

seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken.

Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei

»Erwägungen«.

Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während

sich seine Augenlider gefühlvoll senken.

-- Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die

Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben

vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in

unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für

selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?

Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: -- Je Weniger um das Heil des

Staates wissen, desto besser wird es behütet.

Der Ton klang ein wenig sarkastisch.

Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf

dirigirte.

Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms

vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet

werde. Nachdem für den hohen Rath all' die Schrecknisse und Aengste der

jüngsten Zeit so glücklich überwunden sind, soll das Volk für die

Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden.

Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.

Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des

Festzuges, worin die »politisch-sozial verdächtigen Schattirungen«

vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig

ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern

notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter

um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: -- Das kommt

uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen

Festes würdig.

-- Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher »Geist der Empörung«?

-- Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen

Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber

immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung

unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt.

-- Ach so. Ich dachte schon . . .

-- Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl

Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu

frei spazieren ließen.

-- Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren?

-- Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar

harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig

das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben

Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen.

Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die

persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren,

erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer

sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate.

-- Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.

-- Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit

unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener

Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren

zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer

staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei.

-- Strafe muß sein, lächelte Soundso.

Ao, beglückt: -- Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die

Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung

theilen zu sehen.

Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: -- Nachdem unser gelehrter Minus als

Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig

weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung

nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges

hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist

schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler mit um so ruhigerem

Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer

Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug

einstellen lassen.

Ao: -- Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung,

Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit

einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse

nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen.

Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines

glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: -- Noch eine ziemlich

heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten

entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja,

unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit.

Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . .

hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom

»hohen Mysterium«, vom »großen Unbekannten«, von der Formel »Gott und sein

Volk« nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der

Gläubigkeit vielleicht gar besudeln?

-- Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten!

Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht

rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften.

-- Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere

veranlassen.

Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. Er hat seines

verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas

Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine

juridische Strenge erhöhen helfen.

Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.

-- Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung

zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken

verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir

verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso

berufe. »Probleme«, »Entwicklung« und ähnliche vom heiligen Wortschatze

verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer

Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen

versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß

daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen

Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur

Abwandlung überweisen.

Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im

physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte

Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm

mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in

ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen

geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar

selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein

aufreizendes Liebeslied mit dem verrückten Titel »An eine blinde Seherin«,

ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine

Ode »Auf einen sprossenden Bart«. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren

schienen es diese »Dichter«, die mit ihren Schmierereien sich über die

offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu

nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu

erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl

straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen

Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu

bestrafen.

Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein

glattgeschabtes Kinn.

Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen.

-- Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen

werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt

in der menschlichen Natur.

Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen.

Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine

Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge

wurden mit Begeisterung angenommen.

-- Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse

Oberphysikus Bim zweifelnd.

Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine

Revisions-Sitzung anzuberaumen.

Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie

traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten.

Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen.

Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos.

Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in's Ohr, daß der Automat

Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest

verschönen . . . leibhaftig!

* * *

Maikka lud Grege ein, mit ihr in's Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich

ausrüsteten für die Reise.

Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie

schalten.

-- Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da

müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den

Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen.

Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock,

dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.

-- Daß ich's nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an

die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in

der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge

aussehen.

Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht

sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem

kurzen schwarzen Rock bestehen.

Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie

einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt.

Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt.

Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte

dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten

Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven.

-- Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.

-- Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir

müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir,

wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit

wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe

zu bestehen, Grege.

-- Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald

in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich

auch wieder das Unglück grüßen.

-- Nur nicht pathetisch, Grege!

-- Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr

mit zu viel Worten zur Last sein.

-- Nun thust Du gekränkt, Grege!

-- Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief

verpflichtet.

-- Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe

bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?

Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen.

Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die

Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig

schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand.

-- Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher

und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d'ran baumeln

könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb' mal Acht, was wir im Gebirge für

Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die

entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . .

-- Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab?

-- In einer Stunde.

-- Und wir kutschiren?

-- Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis

in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer

entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches

Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete!

Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund.

In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein,

denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen

Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und

wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege

wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den

sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in

Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: »Der Purpur-Staat oder vom neuen

Götzen«, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine

Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der

Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die

»Sprüche von Jesus Sirach«, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen

Strich umrahmte: »Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm

Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das

Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt

nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!«

Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz

dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem

Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber

Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene

weiße Mähne.

-- Vorwärts, Tema, mach' Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf

Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du

bist aus edlem Hause.

Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene

Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen.

Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem

Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen

nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten

jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in's

Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als

Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe

übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben.

Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen

Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er

für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten,

ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine

Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und

hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle

spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke

eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf

den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich

gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne

Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren

Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück.

Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit

Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine

große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten

Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält's mit den Alten und

mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt's den

ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen

. . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch

bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . .

Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der

Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel,

das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen

Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig

des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut

hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede

Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .

-- Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema

möchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?

-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung,

Maikka. Ich dachte gerade . . .

-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten

bei Euch die Geschlechtsregister?

-- Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig.

-- Das will sagen?

-- Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht.

Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte

Thore -- und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder

bis zu einer bestimmten Zeit.

-- Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab,

mag nichts weiter hören. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland.

Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen.

Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen?

-- Keinen.

-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die

Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!

Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich über die schwebende

Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß

sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle

darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten

Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in's Blaue hinein

vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den

überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen

ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre

verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da

das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische

Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente

sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber

keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen

Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die

sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen

verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu

seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das

war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der

europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst

eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr

gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes

Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine

Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in

den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von

diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die

politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der

Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie

dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen!

Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem

engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer

einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten:

Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie

alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung

und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den

ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was

hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die

Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen,

bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten

anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung

blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und

sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den

Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde

verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben

sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der

Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen

mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden,

ein wühlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles

zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem

neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?

-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht.

-- Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal

abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig

scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen,

was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu

verwenden?

-- Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die

verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen

und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren.

-- Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes

fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?

-- Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.

-- Die wäre?

-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und

vielleicht noch mehr die geistige Noth.

Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft

gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen

Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein

älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken.

Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.

Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die

gemächlichste Gangart.

-- Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße

gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.

Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu

viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße.

-- Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott.

Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: -- Flink, kutschire Du,

dann stimmt's.

Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel

und machte keinen Schritt mehr.

Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen

gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen

dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu

schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen,

so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander,

Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine

Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will

ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier

nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du

eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine

edle Leitung gewohnt ist. Hör' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen

robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der

Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens

nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in

ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß.

-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.

-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich

einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat.

Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche

über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den

Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.

-- Ist's so recht, Maikka?

-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute,

vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen

erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen

in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!

-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet

und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich

am gleichen Strang und müssen sich verständigen.

-- Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man

das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer

tiefer in den Dreck.

Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres,

Fanatisches.

-- Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal

sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.

-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht

sich auch das Schicksal in's Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das

Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen

verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten

errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat

aller Surrogate.

-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im

Magen liegen.

-- Laß ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an.

-- Ich will mir's merken, Maikka.

-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an

Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so

wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche

und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht

keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen

und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen

einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen,

Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die

Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .

Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs

kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und

Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein

Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem

Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann

oder Weib.

-- Du fragst nicht, Grege?

-- Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder

verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!

Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die

durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition

bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst

erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht,

sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit

gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die

Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema,

sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'!

Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich.

-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich?

-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die

christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist

interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika,

vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können,

ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die

Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre

Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert

Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und

Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit

jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt.

Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre

wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als

Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die

kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und

Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich

Niemand auf.

-- Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit

warmer Antheilnahme.

-- Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die

Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den

armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das

Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine

Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten

christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es

meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr.

Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere

Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der

Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und

Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen.

Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so

setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an

Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.

Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglückliche oder erst

unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?

Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck,

den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemüth machte, und antwortete

treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so

wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die

Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige

Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des

Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes

Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen

Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben

hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den

Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den

Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere

Zweck der Menschheit vereitelt?

-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber

das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein

unverlöschlicher Himmelsglanz . . .

-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt's auf dieser

jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es

manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch

die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit

der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition,

selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie

sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre

Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede

Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden,

wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie,

Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie

gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.

-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.

-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das

volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es

giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!

-- Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!

-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab?

Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel?

-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . .

-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei

den Teutaleuten, na, Grege?

-- Ein Drama.

-- Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den

klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt

. . . Tema, hü! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hügels ist die

Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte!

Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.

-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es

trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire

uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!

Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.

-- Verzeih', Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei

Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der

Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht,

die Herzen auf, die Welt ist so schön!

Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da.

Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und

fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch

eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein

waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein

Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den

Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen

bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen

Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .

Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem

Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen,

improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.

Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer

Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen

um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das

ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .

-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und

sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz

manierlich aus.

Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen.

-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom

bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren

Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit,

Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns

wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter

ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht

einen Monat früher gekommen, zu den »weißen Nächten«? . . . Ach, Ole, Du

glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir

eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich,

Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter

Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen!

Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!

Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden

Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte.

Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich

nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die

fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich

Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden

mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im

dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft

hielt sich feierlich still.

Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab.

Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf

sie Reste von gedörrtem Fleische zu.

-- Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In

einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte

hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?

Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren

schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen

können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder

ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.

Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während

die Gondel ruhigen Kurs hielt.

-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim

Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie

ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir

ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie

an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und

als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und

ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist

zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen

bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war.

Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes.

Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und

ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort

ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen

und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht

wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, daß Du fortkommst,

ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig

sein. Nun geh'! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie

erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und

flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz

verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf

daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst

Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da

umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und

der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von

Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du

auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh

vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald

bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon

begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch

weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von

schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat

Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der

Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und

Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der

Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz

und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?

Er nickte mit stummem Lächeln.

-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl' uns ein Märchen. Sieh, wie sich der

Himmel umschattet!

Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.

-- Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war's. Das jüngste Gericht war

vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der

Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen

stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß

noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den

Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut,

die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel

und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige

Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht,

ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle,

wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob

sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm

nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen

nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit

dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle,

das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und

den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten

konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein

Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu

erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu

stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und

er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht

daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben

könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem

Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden,

unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück,

dort die Hölle mit ihrem Unglück -- und dazwischen das leere Nichts,

unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das

Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er

plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr

zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall

und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze.

Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung

geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet

hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott

geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des

Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene

Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter

einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen

Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich

gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in

schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn

immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge

entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen

und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und

Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten

Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft

schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein

Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen

entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein

Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst

fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie

seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht,

sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet,

vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er

glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine

Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen!

Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der

Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und

er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das

lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes

plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst

der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und

farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb

es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den

Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz

Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße

Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd,

dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen

weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt

mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib

aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei

mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen

Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der

Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und

Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der

Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der

Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.

-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.

Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre

Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.

Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung

gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.

Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein

Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in

alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum

gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .

* * *

Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe

Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie

an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und

tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie

ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese

lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen

Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die

süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden

Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme,

als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei,

seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer

Stunde erwarte . . .

Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte

Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen

und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt

und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in

verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen

schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter

spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus

leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das

blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .

Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild,

in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit

fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden

Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung

von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der

verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und

himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese

menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem

Himmel entgegenzutragen schienen.

Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden,

den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß,

die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen

zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht,

das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann

aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument,

gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie

fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um

die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt

zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des

Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten

Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein

Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn

die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre

breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr

Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine

uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe

wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege's Gedächtniß sich einprägte,

sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:

Befiehl Du Deine Wege

Und was Dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Dess', der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Giebt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da Dein Fuß gehen kann.

-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin,

die als Aufseherin waltete.

-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn

Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt.

Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja

nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.

-- Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?

-- Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch

eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere

Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.

-- Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?

-- Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . .

-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.

-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe

und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren

seine Kraft nicht verloren . . .

Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte

davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein

plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . .

Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war

ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung

verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich

ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen

Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere

Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen

Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks

jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie,

dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die

Herzen der Männer, der »Zottelbären« . . .

Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.

In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen

nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer

fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck

begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch

Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer.

Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen

Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede

erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren.

Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es

höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei

bereits fortgeschafft.

-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du

weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge?

-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge

genächtigt haben.

Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile.

-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches

Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.

-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die

Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum

Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen,

warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!

Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.

So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen.

* * *

Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit

klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande.

Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen

wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an

den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates

bewirken könne.

Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn

in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt

»Zum tollen Junker Heinz«. Grege, der sentimentalen Auffassung der

irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das

Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als

objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in

wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens,

das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten.

Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit

Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt,

wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen

Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt.

Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das

Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem

Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt,

hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit

einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle.

Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem

Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf

auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber

wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des

Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle

sich's um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die

Begleitmusik machen.

Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in

Klang und Rhythmik:

»Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine

Brüder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage

ich Euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und

diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.

Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen

Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat:

sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als

bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und

Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in

Sitten und Rechten.

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch

redet, er lügt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige.

Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als

Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!

Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat

erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie

schlingt und kaut und wiederkäut!

Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich

Gottes -- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und

Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach,

er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom

Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne

sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier!

Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft

er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.

Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da

erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!

Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben

preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo

Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame

Selbstmord Aller -- das Leben heißt.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder

und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles

wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen

ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich

nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden

ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel

Geld, -- diese Unvermögenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander

hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glück

auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der

Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel

riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle

zusammen, diese Götzendiener.

Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und

Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der

Götzendienerei der Ueberflüssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe

dieser Menschenopfer!

Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele

Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig

besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht

überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und

unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat aufhört, -- so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr

ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? --

In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert · 第 7 / 9 题