Gluckgluckgluck, zippzippzipp --

Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die

anmaßliche Frechheit und lebensmörderische Aufschneiderei seiner

Teuta-Autoritäten gedachte. Na, auch diese Ilios wird stürzen.

-- Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nähe saß und

emsig ihren nächsten Vortrag vorbereitete.

-- Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, verödeten Kopf hättest, Du

würdest noch Anderes thun.

-- Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder herzurichten und urbar zu

machen suchen. Ich würde die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in

Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst

Deine Welt noch erobern, glaube mir!

Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und

geistesmächtig, so willensstark, so unerschütterlich selbstständig. In

ihrer unmittelbaren Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, und war doch

voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war

ihr zugleich Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles

brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natürlich aus

einem innerlichen Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt.

Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berührt wird, der kommt

nimmer los.

-- Nimmer los? rief's wie ein fernes, müdes Echo in seiner Brust.

Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt

das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es

ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, und kann doch sich

nicht aufschwingen und in seiner eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er

mag. Sie befreit und lähmt zugleich.

-- Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und müder.

Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt saß, glaubte er doch

zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spüren.

-- Was sagtest Du, Meisterin?

-- Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche

Meer. Nur ein träumendes Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand

ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser

getrunken, den wird ewig dürsten.

-- Und was arbeitest Du jetzt?

-- Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung

durch Pflanzen gehört?

Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht,

davon gehört oder darüber nachgedacht zu haben.

-- Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr

durch die Thierwelt wirst Du gehört haben? Auch davon nicht?

-- Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus

nachtüpfeln könnte?

Maikka lachte kurz und schrieb weiter.

-- Liebe Meisterin, wenn's nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir

verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische.

-- Unsinn. Du bist jetzt in Nordika.

-- Gut. Also wie ist's damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere

zunächst!

Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein

wenig steif geworden waren.

-- Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden

Kreidefelsen an der Küste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen

oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind?

-- Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, da ich das Alles noch

niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin?

Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb mitleidig.

-- Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht

Abbildungen davon gesehen?

-- Gestatte, daß ich verneine.

Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen

Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel.

-- Such' Dir selbst das Nöthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den

ursprünglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde

Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren

gebaut, und die Küsten der Angelos bestehen zum größten Theil aus den

Kalkgehäusen der mikroskopischen Foraminiferen.

-- Foramif -- --?

-- Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen Auge nicht wahrzunehmen

sind.

-- Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen werthen

Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken

können. Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. Ich glaube Dir

auf's Wort. Wie ist's nun mit den Pflanzen?

Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausführend, zwischen den

Büchergestellen hin und her.

-- Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird

Dir einleuchten.

-- Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese

Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin!

-- Du weißt doch Etwas von den Bergwerken?

-- Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in

den Riesenräumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu

einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten

Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren

Bauthiere unseres Landes.

-- Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefüllt, das

wäre für euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen

Erdschlupfern muß man den Boden zuschütten, damit sie zu ihrer besseren

Natur gezwungen werden.

-- Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das

Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten --

vergiß das nicht! -- sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. Später, wie's

immer geschieht, bleibt man im schützenden, warmen Loch hocken und macht

sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit.

Fatal, aber unvermeidlich.

-- Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu

setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie hätte der Schlupfwinkel in der

Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben müssen.

-- Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka!

-- Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist

baut sich einen neuen Körper und schafft sich neue Wohnstätten.

-- Wir hatten eben keinen neuen Geist.

-- Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals.

-- Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir können

keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los.

Ach, Maikka --

-- Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren.

-- Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht

einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren.

-- Das sollst Du auch nicht, Grege.

-- Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang

von seinem Sitz.

Maikka schob seinen Arm in den ihrigen.

-- Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hört sich's

gemüthlicher.

Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und

Schüler. Und um größere Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen

zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen übte die kluge Meisterin

laut dozirend ihren nächsten Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß,

im Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fühlung zu haben.

Draußen klatschte der Regen unablässig und erkältend an die Scheiben, so

daß sie sich innen mit feuchtem Hauch überzogen.

Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drückte die

Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit.

-- Algen? Großartig!

-- Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der

Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thätig gewesen sind. Sie sind

Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob

sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen.

-- Die Naturforscher! lächelte Grege.

-- Sie leben im Meere . . .

-- Die Naturforscher?

-- Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen

äußerlich Polypen-Stöcken, da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht

bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ältesten

Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen

genannt, haben in früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige

Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei

Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein

gefunden, der aus Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in den

Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, die aus den Gerüsten von

Kalkalgen gewachsen sind.

-- Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen.

-- Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere Ausgraber, namentlich

amerikanische Archäologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man

bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von

Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die

ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des

päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder

aufgenommen worden, seit die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild

IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika

gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste in Konstantinopel und Sevilla

haben damals, ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen Staub

von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre Statthalterei über den

Ozean getragen, nach Südamerika und Australien.

-- Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still für sich.

-- Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . .

der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heißen Quellen

des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen

abgesetzt, die eine Ausdehnung von über zwei Quadratmeilen und eine Höhe

von einigen tausend Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren

Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grüne und braune Streifen

und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es

sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur

des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad

nur weiße Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel bedeckt

sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grüne Farben ein, bei

noch geringerer Wärme kommen die rothen und orangefarbigen und in den

kühlsten Becken sind sie olivenbraun.

-- Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwärmerisch auf

die gelehrte Meisterin, die unermüdlich weiter dozirte.

Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die

kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und

vieles Andere zu sprechen.

Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermüdet und vermochte

ihren Ausführungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte,

ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf

behalten und so anschaulich wiedergeben könne!

Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes hören, etwas Ungelehrtes,

Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches,

sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich in seinem Kopf.

-- Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich büffle mit Vergnügen noch

eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages.

-- Ja Du, ein Weib!

-- Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben.

Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur.

Aber er hatte sich diesmal verrechnet.

Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritäten und

Kostbarkeiten enthielt.

Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei.

Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich.

Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich

das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel

und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem

Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns

an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht

an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht.

-- Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die

Schulter sah.

-- Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine

wohlgezählten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schön in seiner

Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein

Märchenschatz Indiens: »An die Schönheit«. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich

weiß Dir Passenderes.

Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und

Kostbarkeiten enthielt.

Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von

der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch

voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf.

-- Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten

Gläubigen zum Gebet!

Es war der letzte Band der »Fliegenden Blätter« aus dem Jahre 2001,

Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die

Nachwelt übrig geblieben.

An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, daß der Aelteste des

Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte.

Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rücken Greges die

Sache eingefädelt.

Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rücken Maikkas um den

Empfang nachgesucht.

So hatten beide Theile einen vergnügten Tag.

* * *

Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen Mantel und einen

breitkrämpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen

vielleicht Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe

und nahm ihm die Sandalen ab.

Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war

angenehm, aber für Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im

geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht

um den Leib, hüllte auch die Arme darein.

Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege

nach.

-- Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, dabei doch männlicher

geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . .

Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die

kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank

geschlossen.

Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte

auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte.

Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen Büchergestellen und Schränken,

Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie

von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes

Aufathmen nach dem Druck der trüben Elemente, die während des langen

Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte

Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen.

Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hände. Sie war sehr

zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich.

Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er an Großmutter Ingeborgs

Gartenhaus vorüber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag.

Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Großmutter

Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strömt

den Ueberfluß in Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege lächelte und

schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. Grege grüßt das Glück. Wie das

klingt, und wie ist es wahr!

Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte seine Brust und beflügelte

seine Schritte. Wie reich und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie

licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . .

Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, unbefangen. Von einem

Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein

Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht

den Kopf so, daß ihm die plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den

rothen Kamm scheint.

Dort ist das Rathhaus.

Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur reicher bemalt in Braun und

Grün, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weißen Wandflächen

zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau.

Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlägt den

Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm

geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden.

Keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur umlaufende Bänke an den Wänden,

diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt.

Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thür

einladend offen steht.

Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche »Hoheit« (o

Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder

neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer,

mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt

auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres

und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben.

Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen

blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet

Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit

und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn.

Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten

ein.

Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf

Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen

Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die

Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern.

Der Patriarch lächelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks

und heiße Dich willkommen. Du bist Grege?

-- Grege aus Teuta.

-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzählt, unsere brave

Meisterin.

-- Ja, ich danke ihr viel.

Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm

berichtet?

-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner

Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu

sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so

stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche,

und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land?

Grege lächelte ein wenig zweifelhaft.

-- Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten

habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz

fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.

-- Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren

Geschichte . . .

-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst

Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird?

Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich

verlegenes, fast dummes Gesicht mache.

-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das

Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft.

-- Sogar für Euch Teutaleute selbst?

-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in

welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden

und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu

und Glauben.

-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück.

-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden,

und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht

einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die

Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist,

läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs

untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von

Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe

ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so

recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein

verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der

ehrbaren Meinung.

-- Habt Ihr viele Gesetze?

-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit

Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles

ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt

blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die

Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie

eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.

-- Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist

erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der

Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: »Das Verderben

des Staates sind die Gesetze.« Besonders jene Gesetze, welche neben einem

ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da

muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.

-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön

entwickelte?

-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in

jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist

ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen.

Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da

hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend

gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle

Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit,

einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte,

konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es

war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte.

Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine

individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig,

unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte

zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten

Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die

Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust

zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und

Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in

außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen,

der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme,

die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die

Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein

Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen,

anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und

dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen

sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht

niedergelacht, wie sich's geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab

war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die

feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs

aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob

keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in

Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten,

Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land,

die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den

südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der

sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was

geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und

dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen

ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's

weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern,

sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße

wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was

die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was

fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu

unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen.

Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter

mache nun einmal redselig.

Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so

gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und

Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei

es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von

einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles

Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse

versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute

hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend

Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich,

das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in

allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten

europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu

einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei

nicht froh.

-- In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt?

Grege antwortete mit Ueberzeugung:

-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und

feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die

geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege.

Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der

Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.

Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und

demüthigte.

-- Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die

Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten

Leute chemisch verflüchtigen.

Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das können wir auch.

Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos

denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte,

vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen.

Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und

so ehrlicher Scham hatte er's nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta

geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern,

wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der

Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum

hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können.

Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des

hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet.

Der Greis lächelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht

erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch

sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen.

-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.

-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das müßt Ihr wissen.

Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick

durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder.

-- Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt

nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel

von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung

machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich.

Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten

mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere

Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend

Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle,

Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen -- und Alles von unten

herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat

Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja?

-- Ja, so eine Art Nibelheim.

Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und

murmelte: Nibelheim, Nibelheim.

-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist

Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst

sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab'

ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl.

Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden.

Grege nickte traurig.

-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus

dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen.

Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's

Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . .

Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer.

-- Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst.

Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man

soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das

Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und

sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den

Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen?

-- Die muß ich mir noch schaffen.

-- Schaffe sie Dir.

Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen

und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mögen. Vater!

Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze

junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt,

im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe?

-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen.

Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und

führen Tänze auf. Du bist eingeladen.

Grege sagte zu.

Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte.

Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus

und »grüßte das Glück«.

* * *

Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag.

Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er

wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben

und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du

bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller

Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt

wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und

anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich,

Amen.

Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert,

eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter

Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein

Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie

Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön

bei aller Tollheit.

Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker

gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen

Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten,

dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des

Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den

Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am

Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die

Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit

darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes,

wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.

Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab's

nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege

wußte davon zu sagen.

-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn

auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt

»Liebesgarten der Abgeschiedenen«, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die

Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte

sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen

Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und

Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen

Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine

Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen

schwirrte.

-- Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele

könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie groß ist Euer Herz in

Teuta?

Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem

Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.

Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser

Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und

Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder

weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei,

völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster

Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende

Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein

reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem

angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja

einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es

wieder stimmte.

Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel

Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht

auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten

Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des

Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.

Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so

verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue

Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine

Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über

sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen

nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder.

Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der

Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte

sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen

verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern

zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff

bis zum äußersten Kreis.

Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das würde ihm und seinen

Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche

Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne

ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt

begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles

gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all' die Widerstände

und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je

näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst

fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch!

-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine,

wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer

Lehrerin?

-- Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht

und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt

könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung

eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur

Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an

ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet

werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das

gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen

Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln

haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern

Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in

Teuta über die Lehrer?

-- Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes.

-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und

Dir dabei das Genick brichst.

Und sie lachte über diese »Teuta-Möglichkeit«, daß sich ihre Hüften bogen.

Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.

-- Schau' dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die

Rose zu Gericht? Eine andere Rose?

Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton:

-- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt,

die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .

-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie

fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten

Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.

Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete,

freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten

die Gedanken in seinem Kopf.

-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen?

-- Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.

-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer

empfängt, der richtet sich darauf ein?

Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es

vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es

kam ihr so.

-- Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die

freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf

längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache

des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein,

Grege?

Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als

Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter

den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal

heraufbeschwören.

-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs.

-- Sicherlich, Grege.

-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren,

wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu.

Maikka brauste auf:

-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften.

Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle

Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch

dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem

Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen

gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein

staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien

einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten

sich um ihr »Ewigweibliches«, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein

Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre »Frauenfragen«

jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter

Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem

Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette

abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie

nicht.

-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren

hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich

mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken

mit ihr auseinander ist.

Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über

einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.

Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.

-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur

übersieht!

-- Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am

Schienbein weh gethan.

-- Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum

soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns?

-- Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.

-- Und wird's hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine

Veranlassung bieten, aus freien Stücken.

Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige

ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die

Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben

tummelte sich das jüngere Pferdevolk.

Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die

Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie

sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen.

Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und

wendete sich nach Grege um.

-- Mir nach, Grege!

Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre

nackten Arme und Beine leuchteten.

Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt

machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese

galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich

jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten

betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort,

Maikka nach.

Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang

sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr

Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger

Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und

intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte

Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls

ein tadelloses Thier, das Regiment.

-- Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!

Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp

hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt,

der erschreckt zurückwich.

-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir

aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch?

Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus.

Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas

darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen

und mit ihr einen Ritt zu wagen.

Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hör', Grege,

kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein?

Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die

Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der

aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat

nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd

gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren?

-- Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die

Umwerthung der Werthe zu Pferd!

-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden

Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem

geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein

Zarathustraismus kommt zu Fuß?

Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt

vom Pferde in seine Arme.

-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich

meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen.

Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden

Abendfrieden.

Sie war wie verwandelt.

-- Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als

klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- über Zarathustra muß ich mit

Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem

Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra?

-- Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta

nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige

erlaubt.

-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber

sag' mir, was weißt Du von seinem Leben?

-- Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende

des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst

fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte

er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er

gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge

murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und

bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.

-- Das glaubst Du Alles buchstäblich?

-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.

-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch

Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm

seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so

wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?

-- Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der

in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt,

in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift »Der Fall Wagner«, die

seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle

vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark

wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien

floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark

zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus

einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ

ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere,

um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel

angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem

Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen

wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.

-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie

Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?

-- Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die

Lehre unserer ersten Autoritäten.

-- Das läßt sich hören. Erzähl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger

und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?

-- Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth,

sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in

einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und

Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen

dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen

Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in

riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit

fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die

ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend

Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten

den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu

Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen.

Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch

der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die

übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen.

Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen

Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere

für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten

kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe

und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra

entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den

zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die

Tafel auf: »Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines

brünstigen Weibes zu fallen.« Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre

billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der

Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen,

ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.

-- Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten

gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre

der Teutaleute? Sag' Dein Sprüchlein zu Ende!

-- Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines

mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der

griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in

schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten

versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den

Jungen nur verlacht wurden, ließen sie's und schüttelten betrübt die Köpfe.

Von Staatswegen, im Interesse von »Thron und Altar«, wie damals die Formel

lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das

gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil

er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.

-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?

-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde

verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser

Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre

öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir

. . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .

-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte

. . .

-- Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher

Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.

-- Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende

nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich

gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag' mir noch eins: Welche

Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?

-- Die geheimnißvollen Gegensätze: »Man soll die lieben, die Gewalt haben.«

»Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .«

-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben.

Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut

Nacht.

Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.

Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des

Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit

schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele

verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was

hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an

einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen

Irrthümern Vermischtes?

Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.

Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein

gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn

Maikka auf das Drachenschiff beschied.

* * *

Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu.

Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um

Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg -- und mit

den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu,

bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach

der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er

drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt

nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten

Stand.

Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's

nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht,

und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und

eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das

Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal

ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken

lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's

Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze

seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet

er's nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum

dieses Gewirr von Linien und Lichtern?

Sind's die Zuhörer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen?

Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und

wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte,

aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern,

geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur

die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen.

Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht.

Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . .

Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am

Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über's Meer, die Gestade abzusuchen?

. . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große

Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und

gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .

Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter,

leidenschaftlicher.

Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der

ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier.

Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder,

die sie entrollt . . .

Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.

Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte

und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen

und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie

Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes,

damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung

die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große

Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden

Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen,

warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht

selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung

ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst,

sich in eigenem Vollbesitz haben könnte?

Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord -- warum läuft er

nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zögert er hier? Was

fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von

der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder

Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das

Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten

dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er,

seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen

müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für

sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche

Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er

da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem

Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres

Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn

seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern

auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze

Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun

zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine

Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink

läuft -- und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe

und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand

verpflichtet sein wollte?

Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die

Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr

und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der

dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte,

dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit

und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und

rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er

nicht entweichen.

Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu

leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es

gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit

geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren

Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein

war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn

unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?

Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern

-- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich

zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu

arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der

Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach

gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas

abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen

Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten

ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an,

sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie

aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären?

fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit

der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch

lieber »zum ewigen Andenken« aufbewahren, als sie von ihrem Magen

verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine

Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes

Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer

und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien -- und je mehr man von ihr

genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung

wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war,

wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und

unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen,

Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist

frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde.

Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin

wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die

Worte vernahm: »Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen,

schöpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelüsten ließen sie die Zügel

schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution

gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des

zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten

ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt«.

Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm

heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie

diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten

seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!

Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte,

gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner

Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung

die Anrede »Hoheit« entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen

üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen,

während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: »Hoheit! Soll das ein

auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich

Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht?

Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir

für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den

Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun,

genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht.

Sei gegrüßt, Grege!«

Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und

zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit

ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen

Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem

Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als

wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz

und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem

Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein

Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug,

undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten

ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele

erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den

Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .

Wohin? Wie lange?

Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.

Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem

niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um

ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen

Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit

auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich

umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich.

Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war

gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere

Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines

Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher

Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt.

Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von

einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht.

-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden

sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie

kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung

beizutragen.

Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm.

Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.

Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie

ein guter Witz.

Jetzt wieder, und Grege lachte mit.

Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit

entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die

verstecktesten Gedanken heraus.

-- »Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die

Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man

sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch.

Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben

wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan

machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo

Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll,

den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen

lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat

hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger

wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue

Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus.

Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern -- und das Volk lief in

Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk

verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das

Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte

hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren --

und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die

Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen

hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den

großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie

erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen

mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte

fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer

Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren

zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht

trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn

Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich

Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte

man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren

verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche

und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte

man in der Rechtssprache »Nummero Sicher«. Den Strolchen bekam das gut, den

Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten,

Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen »groben Unfugs« oder

»Lästerung« in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun

hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische

Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten

Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die

Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer

warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des

Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse

brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender,

gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter

und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher.

Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der

erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten

ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich

unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen

Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine

überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen

Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der

abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum

gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl

Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur

Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine

neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten

Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten

und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen

Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche

Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner

Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der

Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß

seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er

die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten

Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu

Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und

versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die

Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf

Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches

Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und

ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen.

Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten

schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab

keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische

Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen

Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue

Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und

erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft

und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen

wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten

schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die

Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie

Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker

in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die

Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr

sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in

diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war

ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten

Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der

Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich

unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig

wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht

hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer

Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere,

gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten

ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben

waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die »chinesische

Pest« begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten

Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger

Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen,

verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch

Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen

Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende

erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war

ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen

Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum

mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an

Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den

nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen

der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der

Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt

und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem

Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese

im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den

Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es

friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .«

Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In

Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des

jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen

Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender

Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie

eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe

Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen

Staatenwelt einige Verstöße gegen die »historisch festgelegte Wahrheit«

nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene

»schauerliche Jammer-Ecke« verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem

Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich

begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen

überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie

waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen

Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus,

Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn

glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte

gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der

großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der

Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere

Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in

vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die

kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen

und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen.

Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere

Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die

Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die

Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter

welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit

am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden

der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen,

kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen

Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten

Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur

noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner

Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner

brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa

gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und

kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen,

belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt

doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten

gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.

Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika

ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für

allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß

sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke,

herzliche Hochachtung empfinde.

Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung -- sogar!

Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung

spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht.

»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«

»Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!«

Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung,

Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele

aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von

der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles

fortgewirbelt, auf die Tribüne.

Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt

zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen

halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten

seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt.

Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals

hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten.

Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh

und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und

über sich selbst hinaus Bahn sucht.

-- Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt

soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen.

Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich

kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht,

um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich

klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn

ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein

armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus

Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht.

Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen.

Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge

und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre

Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft,

Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel

offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden

Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken

der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort?

Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig,

und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in

Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle

aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr

noch ein Wort? Oder ist's genug?

-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm

voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.

In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert · 第 6 / 9 题