Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie
entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra's weiter
sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er's nicht
selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals,
Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus
tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die
er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen
Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge
unvermögend, den Brand zu löschen . . .
Unsinn, Unsinn!
Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene
Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot.
Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles
noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren
herausgearbeitet . . .
Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine
Gedanken in einander zu unzerreißbarem Gefüge . . .
Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. Da trat ein ältlicher, schwarz
gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz,
ein schlotteriges Knochengestell.
-- Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler,
der eine komische Rolle hersagt, -- ich bin der Wirth zum tollen Junker
Heinz, und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren Vorhandensein
bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glück
hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines
Gastes übereinstimmt.
-- Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt's? Ich habe keine Zeit,
Mann!
-- Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft eines Herbergvaters in Ihrer
Majestät der Kaiserin von Indien und Königin von Jerusalem und anderer
Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaßen ich mir
in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten,
benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen.
Derohalben giebt's erstens kund zu thun, daß Ihr keine Gastfreundschaft auf
Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa
noch zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit
ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen müßt;
zweitens giebt's von Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu
leisten vermögt, welches Euer Nam' und Art und mit welcherlei
staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt.
-- Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr!
-- In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas
Anderes?
-- Ich bin's.
-- Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege?
-- Aus Nordika, durch Wasser und Luft.
-- Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns
manchen leichten Gesellen an's Land und manches gelüstige Dirnlein in's
Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr
kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn
unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der
Gastfreundschaft zu hoch hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das
Glück, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes
zu freuen, Gentleman.
-- Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so überrascht Ihr mich. Von all'
diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt.
-- Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den
neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen
Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist
Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem
Weltreich beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu
fragen, wie ich's thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so
großen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen.
-- Je nun, Mann, was soll ich da sagen?
-- Was man so die Wahrheit nennt, wenn's Euch beliebt. Zu welcher Gilde
gehört Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen
Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die
reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt
Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman?
-- Nein.
-- Der ist hier die größten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung könnt
Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des
Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel in's British Museum
abgeliefert. Dort steht er noch. Die größten Gelehrten aller Rassen machen
dort seit tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs
Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum
tollen Junker Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der
berühmtesten Sehenswürdigkeiten im British Museum, da ist unser königlich
kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen.
-- Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlässig?
-- In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr könnt,
gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst
dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, nach
verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Männer in
musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein
Wort, Gentleman.
-- Ich bitte Euch, 'meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte
Belehrung über diesen Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden.
Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher?
Also erzählt!
Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, schnitt
eine lächerlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenüber und begann:
-- Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heißt, die Polizei
eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem
königlich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er
amüsant ist -- lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, mein Wort
darauf! -- zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat.
Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm'
mich!
-- Zur Sache!
Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über einander und spuckte
seitwärts an die Wand: -- Gott verdamm' mich, wenn ich nicht mitten drin
bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich
Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß nicht was, aber vorher,
Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im
Königlich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert
sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin,
Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . .
-- Ist das Alles? Ich danke.
-- Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung
überwältigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, weiß sich das
nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem
Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und
schlechter, wegen Unzulänglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus,
wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie
der größte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere
Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune --
nicht alle Völker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in
Nordika! -- Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit
wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel
zur Fortpflanzung, amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und das
Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien
haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir
besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim keine Revolution
bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika,
selbstverständlich, wasmaßen die Nordikaner unsere besten Freunde sind.
Aber das übrige Europa ganz, wir werden's ausputzen, auflackiren, poliren,
präsentabel machen, ertragsfähig. Ein großes Geschäft, würdig unserer
Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze
Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen
Hottentotten mehr, leider.
-- Das bezweifle ich.
-- Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine
Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak
langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch
einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden -- und was
weiß ich.
-- Teutaleute, nicht?
-- Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine
Historie, da komm' ich sofort darauf zurück. Also wir verschaffen uns von
diesen interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare -- kein leichtes
Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefährlich,
als einen gesunden Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen,
mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist
dabei umgekommen, neulich erst . . .
Grege rückte einen Schritt zurück: -- Keine Familienszenen, das wäre
indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten,
paart sie -- was dann?
-- Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren
Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die
mißlungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt.
-- Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter
vermehren, was geschieht da?
-- Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien,
nach Afrika, und später, wenn wir ganz Europa haben, in ihre
Originalländer, unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt
und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt ist.
-- Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschuß ergiebt, oder wenn
einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden?
-- Da giebt's zu lachen, großartig, Gentleman. Reiche, vornehme
Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafür
dürfen sie sich überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu sich
nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht
wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und
bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui!
Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das
Vergnügen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und
seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben
die Welt, weil wir sie haben.
-- Hm.
-- Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas
werth.
-- Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus?
-- Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten
finden's so gut daheim. Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische
Aufsicht, Training . . . hm . . .
-- Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt?
-- Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmühle, je nach Befund.
Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt.
-- Was ist sonst noch da?
-- Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung gelehrter
Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung
entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus dem
fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, Hofprediger und
als Gegensatz Hungerkünstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben
Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht's Euch selbst an,
Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere
Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen
Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. Die Leute
in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was
sie auch vom Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen sie von allen
Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman
. . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür
jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe
gesehen? Ihr glaubt wohl, wir hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den
allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe,
mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . Jetzt eilt mir's, Gentleman.
-- Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht fürchterlich . . .
-- Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklärungen,
Gentleman. Worüber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei
. . .
-- Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta
an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein
Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht.
-- Gott verdamm' mich, Gentleman, das hätte ich wahrhaftig vergessen. Wurde
da vor Wochen vom Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib
erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter
Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . .
-- Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter!
-- Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig.
-- Also verrückt!
-- Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind.
-- Blind?
-- Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein.
Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, mit kalter Sachlichkeit.
-- Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, Gentleman. Ich kann's nicht
so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger.
-- Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit
einem blinden Weibe?
-- Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit
blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war
sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken.
-- Was konnte sie?
-- In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . .
Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht ließ man sie gerade darum laufen.
Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht
immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen
werfen, heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und man kann's
nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine
kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das
Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so
viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn
wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr,
Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich verrathen sie sich
gegenseitig, wie dieser rundköpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman?
-- Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundköpfigen Kretin.
-- Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer Gelehrter, Ihr kennt die Welt.
Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein
geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh's an Euren
Augen, Ihr habt viel erlebt.
-- Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt Ihr Recht haben.
-- Hab' ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt' ich sagen? Das
Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem
eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem Königlich-Kaiserlichen in
die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman?
Zweitens, daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht
erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben.
-- An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall.
-- Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische
Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche.
Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen
Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger
begünstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft zu revanchiren. So
mag's wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte
seinen Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen
gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber
die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht.
Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem Spaß, trotz der ernsten
Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen
Polizeipräsidenten. Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos
zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben
müssen, Gentleman.
-- Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende!
-- Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, Teuta werde den Angelos den
Krieg erklären, wenn sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst
abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen
Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch
die Historie?
-- Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege
etwas dringender.
-- Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hieß es,
Gentleman.
-- Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch.
-- Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das
ändert nichts am Spaß.
-- Wahrhaftig nicht.
Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hände: --
Ich dank' Euch für die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat
mir ordentlich Appetit gemacht.
-- Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas
Punsch oder . . .
-- So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das möcht' ich mir
nun doch einmal besehen, so schnell als möglich.
-- Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch zuvor unser Land gut
anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr
bedürft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an
kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf.
Oder an Nachtschweiß? Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, Ihr bedürft
meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen
und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein
Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine
sehr interessante königlich-kaiserliche Familie, zahlreich wie sämtliche
Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien
gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet's mir danken, es ist
ungeheuer sehenswerth. Wir salben Könige, die nichts zu thun brauchen, als
sich salben zu lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche
Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles
Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist
gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben.
Wir haben viele Völkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Könige
so nützlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes Bild.
-- Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich Fahrgelegenheit nach Teuta
finde?
-- Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit
Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden?
-- Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft!
-- Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold.
-- Und Euer Name?
-- Drachenschiff!
-- Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und
tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch,
und der Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann im Rath.
Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra
und Jesus Sirach: -- Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker,
meine Familienpapiere!
-- Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt's nicht, kann's Euch den Hals
kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu
befriedigen, mit Respekt zu sagen.
-- Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht!
-- Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman.
Gottbei!
Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem
schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebückt durch die niedrige Thür
schiebend.
Grege warf sich auf's Lager und wand sich in Krämpfen wie ein Epileptiker.
Es ging vorüber. Der letzte Gram war abgeschüttelt.
Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes Gesicht. Teufel!
Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu
wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd
auf Alles, was ihm begegnete. Daß hier Alles in's Titanenhafte, Kolossale
getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war
das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein
schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste
Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man die
Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie
verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hält die Welt, hält das
gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und
Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins schlug ihm überall
prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller
Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachäffung
Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, was
er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein dämonischer Humor, der jeder
Verzweiflung Herr wird, schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des
Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn
geworden.
Das Allermerkwürdigste dünkte ihm -- und das war vielleicht der Schlüssel,
sich Angellands räthselhafte Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig
erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwärtige
schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den
tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jüngeren, üppig
genährten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur
ein Nebending, das sie nur als einer ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte.
Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo ein
Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart
auf und formte es rücksichtslos zu seiner Heimath. So ward er überall der
Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und pflückte überall die
Freuden der Heimath . . .
Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Fülle der
Gesichte eines in's Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem
königlich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wußte
genug davon. Und er wollte keine Gefühle zwecklos verpuffen . . .
Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach einem Ziel: Teuta! Kalte
Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments
. . .
In Teuta -- klingt's nicht wie ein Märchen? -- hat bereits Einer den Kopf
zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und
dieser Eine . . . war nicht Grege?
Teufel!
Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an?
Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich's um
mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu
entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen.
Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge in das Jala-Abenteuer. Wer
war der rundköpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht
sagen wollte?
Aber die letzte große That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn.
Das fühlte er. Welche That? Festzustellen in's Einzelne vermochte er sie
nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glühender
wurde, eingehüllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde
gekommen, mußte der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles stand
im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem
Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich
trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, die Neugeburt der
königlichen Seele . . .
Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog
plötzlich alle Mystik. Grege knirschte: -- Ganz Teuta auf Schiffe packen
und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie
die urgermanischen Vorfahren im Norden . . .
Wer lacht so grell?
Teufel!
* * *
Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in
freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein
Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine
Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund
abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses
Opfer. Nach Aos Gefühl war's ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in
der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht
riechen. Und erst das freie Licht! Giebt's etwas Brutaleres als freie Luft
und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche
Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der
späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein
lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel
mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen!
Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.
Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer
solchen Abendröthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches
Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.
-- Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug
wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom
Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen
umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne
werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein
unerträglicher Skandal sein.
Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben,
diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu
lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und
Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe
an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich
nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum
nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr
Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht
einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und
dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein
Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei
ungewöhnliche »Effekte« sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres
Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des
göttlichen Uebermenschen Zarathustra und des großen Mysteriums unserer
Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.
Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom
Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in
einer Sänfte noch in's Gotteshaus und in's Museum schleppen lassen, um sich
durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und
oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das
Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald
zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten
grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in
einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges
überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der
Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike
Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann
in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und
Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege
improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen
bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der
Majestätsperiode früherer Jahrtausende.
So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem
geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso'sche Automaten die
lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil
sie für einen Automaten zu gefährlich war und leicht zu seiner Entlarvung
führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich
die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale
stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder -- alten Münzen
nachgeahmte Spielmarken -- einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und
mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . .
Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt
erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man
ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche
verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er
die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er
nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten
Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk
würde dabei das Schauspiel einer bis -- zur Nacktheit verhüllten
wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen
sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste
Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . .
Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen
Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die
oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause
emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der
versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s.
w., in verjüngtem Maßstabe nach berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes
Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder
ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte.
Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit
beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen
und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den
Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner
persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit
sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die
Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von
Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die
Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt:
zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des
Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra's
selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen
merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten.
Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom
spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der
vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten
Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten
Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten
Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne.
Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um
von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu
werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch
keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die
religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder
Nichtglaube.
Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt
. . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung.
Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen
von den Strapazen erholen könnte.
Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso.
Athemlos flog der Diplomat herein: -- Hoheit, sie will nicht.
-- Wer will nicht?
-- Jala.
-- Der Automat Jala?
-- Jala in Person, Hoheit.
-- Hast Du sie denn?
-- Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß!
-- Schweig, mich trifft der Schlag . . .
Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster.
Der hohe Rath wurde herbeigerufen.
Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich
heraus, seine Eigenmächtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort
persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden
Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse
des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den
Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört.
Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath
überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen
Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes
gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren,
bestätigte Bim.
Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in
der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In
seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle.
Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie
in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil
den Grege -- diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen -- ersetzen
müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne,
gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur
des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten.
-- Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte
Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die
Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß!
Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man
nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen.
Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun,
werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle
sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des
unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den
biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe
Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen.
Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese
von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er,
Soundso, wasche seine Hände in Unschuld.
Das wirkte.
-- Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die
Tänzerin sofort vorgeführt werde.
Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam.
Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte
eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos
plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und
hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala
sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.
Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier
eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden.
Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu
empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn.
So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige
Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein
müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine
förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische
Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende
Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres
Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos.
-- Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager
ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen.
-- Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat
uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können
jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich
gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden.
-- Ueberdies hab' ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit
selbstbewußter Miene bei.
Titschi lächelte wie Einer, dem's Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt
angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält.
Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten
Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die
Ecke, Gesicht gegen Gesicht.
Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und
blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr
verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten
Staatsleitung geweihten Raum betreten.
Es war ein Ereigniß.
Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal
erschimmerte in goldenem Licht.
-- Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu.
Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter
Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus
und Grege Platz, in gespannter Erwartung.
Kaspe begann zu piepsen: -- Wir wollen's kurz machen, Hoheiten. Du bist
Jala?
Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand
sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt
wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein
Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des
All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht.
Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß
eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime
Mutterschaft verrathe.
-- Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.
-- Ihr wißt es.
Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.
-- Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht?
-- Ihr wißt es.
Der Ton klang fester.
-- Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat
Dich Grege das geheißen?
Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben
über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die
Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam.
-- Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.
Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu.
-- Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden,
Schweigsame?
Pause.
-- Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht?
Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: -- Was in ihm ist, ist
zugleich außer ihm.
-- Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste
erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst
gethan?
Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander,
daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe.
Der Oberrichter fuhr fort: -- Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand
die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des
Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?
Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten
Brust. Ein Wort von Grege jetzt -- und Alles war gewonnen . . . oder
verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des
Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im
Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand
winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen:
-- Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für
Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte!
-- Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!
Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: -- Was Du
thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist.
Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam,
prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn.
-- Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe.
Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: -- Ich habe eine Stimme
gehört, aber ich fühle sie nicht.
Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit:
-- Ihr habt's vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes
Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts
übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde,
und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der
Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des
Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein
Antrag!
Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem
Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der
Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: --
Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr
noch?
Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger
Stimme: -- Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte
zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo
er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas,
seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide
ihren Lauf nehme.
Und wie erlöst aus peinlicher Lage, rief der gesammte hohe Rath einmüthig:
-- Ja, so geschehe es! Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf!
Jala empfand den Lärm der Stimmen, die Greges Worte verschlangen wie ein
trüber Strudel den vom Himmel gefallenen Regentropfen, mit verzehnfachter
Stärke. Es war ihr wie ein Brüllen, Sausen, Zischen, Tosen, Stoßen, wie der
spukartig sich ankündigende Groll des ganzen Volles, der morgen in immer
wüster anwachsendem Geschrei und Zornausbrüchen ihr Schweigen wie Greges
männlich schönes Wort in den Staub treten wird. Grege . . . und wär's ein
Wahnbild, eine Halluzination gewesen . . . Grege lebt und sein Athem
. . . sein Athem? . . . Nein, seinen Athem fühlte sie nicht, mit dem Klang
der Stimme ist seine Seele verweht . . . Aber seine Stimme war's, seine
lang entbehrte herrliche Stimme . . . Wie soll sie seine Seele zurückrufen,
daß sie auch seinen Athem spüre, was soll sie beginnen, daß er ihr
nahekomme mit seinem vollen, warmen Leben . . . Ihre Kniee halten sie nicht
mehr . . . Aber nein, Niemand soll sie schwach sehen, Niemand, auch Grege
nicht . . . Grege? Grege? War das Grege wirklich, war's nicht ein
Gaukelspiel? Wie wäre Grege hier, ohne sie an seine Brust zu reißen, sie zu
vertheidigen vor dieser machttollen Sippe, vor aller Welt, wie ein Löwe
sein Eigenthum an sich reißt und mit seinem Leben vertheidigt? . . . Bei
der ewigen Liebe . . .
-- Man führe Grege ab! gebot Kaspe.
Und Jala bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, dann streckte sie die Arme
geradeaus nach vorn, wie beschwörend, und ließ sie schlaff an den Leib
zurückfallen.
-- Ich werde tanzen.
Soundso rührte sich nicht von der Stelle, sein Triumph schnellte ihn nicht
empor, als ihn die Hoheiten beglückwünschend umringten. Bim selbst konnte
sich nicht verhehlen, daß es ein wahres Wunder gewesen, ein solches Weib zu
täuschen und unter fremden Willen zu zwingen.
Ao hatte die ganze Zeit kein persönliches Wort zur Sache gefunden. Die
Geschichte ging ihm über den Horizont. -- Mechanik und Mystik! murmelte er
endlich und bat, das Licht zu vermindern, es sei zuviel der Helle für seine
Augen.
* * *
Die Abendwolken, die Ao wie lodernde Feuerberge erschienen, sah Grege mit
anderen Augen und anderen Gedanken.
-- Eine Armee von Titanen, mit gezückten Schwertern, Reiterschaaren,
anstürmend auf feurigen Rossen, in wildem Schnauben hinein in den Kampf! In
schmählicher Flucht die Feinde vor sich her jagend! Wem eine solche
Heimkehr beschieden wäre an der Spitze eines kampfbegeisterten Kriegsvolks!
Aber er wußte, das sind Wolkenbilder am Himmel, heroische Phantasien. Auf
europäischer Erde findet sich diese Wirklichkeit in Wehr und Waffen mit
blitzender Entscheidungskraft nicht mehr. Und sein Gruß an den
heimathlichen Boden, den jetzt sein Fuß wieder betreten, war ein Seufzer,
jenen schönen Zeiten nachgesandt, wo der Kampf zwischen Männern nicht mit
Worten, sondern mit Blut geführt wurde, wo das Höchste vom Gegner gefordert
wurde als Einsatz, sein lebendiges Leben, seine lebendige Freiheit. Sieg
oder Tod!
Grege trug wieder sein Pilgerkleid und seinen Stab wie damals, als er
ausgezogen . . . Als Fremden zeigte ihn jetzt nur sein wallendes Haar, sein
mit vollem Barte umrahmtes, luftgebräuntes Gesicht, sein ungewöhnlich
straffer Gang, sein raubthierkühner, harter Blick.
Wenn er jetzt die Nacht durchwanderte, könnte er bis zum Morgengrauen in
Teuta sein und den hohen Rath allarmiren.
Er beschloß jedoch, einige Stunden unmittelbar vor der verschlafenen Stadt
zu rasten, und dann, wenn das offizielle Leben gegen Mittag erwachte, aus
nächster Nähe in den heiligen Bezirk einzubrechen.
In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete
Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß
trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit
wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten
wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts
sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen
Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die
Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief
lange, fest, traumlos.
Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine
Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen
nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit
gemüthlicher Selbstironie.
Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was
bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen
Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von Männer-,
Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt
gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara -- thuuu -- stra, Zara -- thuuu
-- stra, Zara -- thuuu -- stra?
In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber?
Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den
Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich
verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und
erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die
Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die
Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet -- da defilirt der hohe Rath vor dem
Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten
. . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und
Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß
mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der
Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe
zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien,
gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher
Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist's nicht so? Ist's
nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an
diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte
. . . als gezwungener Komödiant?
Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die ihm die heißen
Strahlenreflexe der Sonne in's Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab
krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil
es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute
sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?
Hat er einen Doppelgänger?
Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an
der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit
einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten
vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich
da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den
Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs.
Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen
. . . wer denn? Grege's leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine
Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme!
Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische
Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein
Doppelgänger anstimmt: -- Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den
Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono
erwiderte, wie es jetzt erwidert: -- Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir
lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein
Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam
gemächlich und wundert sich über nichts, hier der würdevolle Oberpriester,
geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des
heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso -- Alles echt
und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege,
oder ist er's nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er
stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen
Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt
vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die
Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in's Gesicht. Er ist er selbst,
Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend,
fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden,
dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich
dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur
zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der
weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die
unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über
die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten
Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas
Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen
Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber
immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der
Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt's die Freitreppe herauf
. . . Der hohe Rath, umwallt von den Flatterwölkchen der
Weihrauchfässerschwinger . . . Der schwarzbärtige Vertreter der Slavakos
. . . o Scheußlichkeit! . . . der Baldachin mit den Pfauenwedeln . . . o
Gaukelspiel und Sinnentrug . . . die heiligen Götterbilder und Symbole auf
hohen Tragstangen, die wehenden rothen Banner des Festbundes . . . »Meine
Brüder, seht, ich lehrte Euch den . . .
Grege flüchtet durch eine Seitenpforte in das Königsschloß und nimmt hinter
dem geschlossenen Hauptportal, das auf die Terrasse geht, Stellung, den
Mantel fest um den Leib gezogen, den Stab in der Hand wie ein Herold
. . . Die Stunde ist da! Die Stunde ist da! . . . Außen Bewegung und
Schlurfen der Schritte, wachsendes Getöse, Kommando zur Gruppirung,
Böllerschüsse, Trommelwirbel, das Volk ordnet sich die Freitreppe herauf
und staut sich unten in den weiten Spiralen . . . in wenigen Minuten geht
das hohe Portal auf, Zarathustra-König tritt unter dem Baldachin hervor und
hinauf auf die Portalschwelle die Tänzerinnen schließen einen Reigen auf
der Terrasse . . . der hohe Rath und die hohen Abgeordneten nehmen auf den
Polsterstühlen Platz, die Weihrauchwölkchen verschwimmen in der sonnigen
Luft . . . Minus erhebt mächtig die Stimme . . . der Aktus beginnt in
lautlosem Lauschen des Volkes . . . Minus, der Hüter des heiligen
Wortschatzes von Teuta, begrüßt das heilige Symbol des großen Mysteriums in
wohlgesetzter Rede, verneigt sich und ersucht den Uebermenschen, seines
Amtes zu walten, sich dem Volke als König vorzustellen und seinen
Jahresspruch herzusagen.
Unter donnerndem Beifall beginnt der Uebermensch:
Aufwärts fliegt unser Sinn,
Achtet der Stunde,
Teuta's erhabenes Volk -- --
Da kreischt das Portal im Rücken des königsherrlichen Automaten auf und
Grege der Pilger schreitet leibhaft hervor.
Todtenstille. Die Aeltesten vom Festbund und der hohe Rath blicken entsetzt
auf Soundso. Der ist so verblüfft wie sie. Wer änderte den Festplan? Der
Automat deklamirt unerschütterlich weiter mit wundervollen Armbewegungen.
Was will der Fremde? ruft Soundso in die Deklamation hinein und eilt herzu
. . . Grege setzt ihn mit einem kräftigen Druck auf den Boden . . . Schlägt
mit dem Stab dem Automaten die Krone vom Kopf, daß sie über die Terrasse
hinweg und die Freitreppe hinabklirrt, reißt ihm den Hermelin von der
Schulter und das goldene Scepter aus der Hand -- und der Automat deklamirt,
eine entlarvte Puppe, unerschütterlich weiter . . . Ebenso unerschütterlich
schreitet Grege unter dem bleichen Entsetzen des Volkes in seinem
Zerstörungswerke weiter . . .
Will Euer Wille befehlen,
Wohlan, ich bin sein Symbol -- --
Das Symbol lag im Nu klappernd am Boden, die Maschine rasselte noch einmal,
dann war sie stille.
Automat Minus, blitzschnell in seiner Natur von Grege erkannt, theilt
dasselbe Loos. Sein feingearbeiteter Kopf rollt ihm von der Schulter, der
Purpurmantel entsinkt der Puppe . . .
Die blinde Jala fühlt, daß sich Ungeheures ereignet: -- Sprich, wer bist
Du, der so Entsetzliches schafft? ruft sie mit hellgebietender Stimme in
das stumme Schauspiel hinein.
Der Bann ist gebrochen, tausendstimmiges Echo ruft von allen Seiten, von
oben bis unten, von Spirale zu Spirale und pflanzt sich auf der Feststraße
fort: Wer bist Du? Wer bist Du? Wer bist Du, der so Entsetzliches schafft?
Die zahlreiche Gruppe der Männer und Jünglinge im Büßerhemde durchbricht
die Reihen und stürmt, von einem gemeinsamen Gefühl gejagt, von einer
gemeinsamen Vision magnetisch angezogen, die Treppen hinauf, auf die
Terrasse, mit dem Kampfrufe: Zu ihm! Zu ihm! Er ist der Befreier!
Und wieder ruft das tausendstimmige Echo von unten: -- Er ist der Befreier!
Er ist der Befreier!
Und eine furchtbare Naturgewalt rüttelt und schüttelt die Massen, und wie
Donnerstimme hallt's: Heil dem Befreier! Heil dem Befreier!
Jala, ihrer nicht mehr mächtig, sie hat den Befreier erkannt, taumelt einen
Schritt vorwärts, die ganze ungeheure Bewegung ist ihr durch die Seele
gegangen -- die hehre, lichte Gestalt sinkt an Grege's Brust.
Es bildet sich ein dichter Kreis um Mann und Weib, alle Blicke sind starr,
jeder Mund ist stumm, Grege erhebt den Stab und schwingt ihn über seinem
Haupte, während er mit dem andern Arme Jala an sich preßt: Volk von Teuta,
Zarathustras jüngste Stunde ist gekommen, Zarathustras des Richters und
Erlösers! Heil dem Volke! Heil dem Erlöser!
So war das Zeichen zum neuen Leben, zur Wiedergeburt im Kampfe gegeben, und
das weiße Banner des heiligen Aufruhrs weht von der Königsburg, bis der
Sieg erfochten.
Als am Abend die Terrasse von den Trümmern des Automaten-Gaukelfestes
gesäubert wurde, berührte ein Arbeiter die Sprechmaschine in der Brust des
eisernen Hüters des heiligen Wortschatzes, und plötzlich begann die
kopflose Puppe der entlarvten Hoheit zu rasseln: -- Ao ist ein Idiot -- Bim
ist ein altes Grauthier -- Titschi ist ein entlaufener Strandräuber --
Kinder sind heilig überall, wir schütteln sie wie Wanzen ab. -- Man muß dem
Volk in's Gesicht schlagen, das muntert seinen Verehrungstrieb auf -- Man
muß Possen mit ihm treiben, dann fühlt es sich der Gottheit nahe . . .
In derselbigen Nacht wurde Grege durch einmüthigen Beschluß des Volkes zum
obersten Leiter der gemeinsamen Angelegenheiten ausgerufen, der Vertreter
der Slavakos mit Soundso über die Grenze gejagt.
-- Da habt Ihr Euren Tribut.
Ao und seine Hoheiten erhielten einstweilen freies Quartier im Museum.
Grege ließ eine Luftgondel ausrüsten, um bis zum Anbruch des nächsten Tages
Botschaft nach Nordika zu schicken. Der schimpfliche Vertrag mit den
Slavakos wurde durch ein Freundschaftsbündniß mit dem Brudervolke von
Nordika ersetzt.
Dann fielen die ersten Hammerschläge zur Zertrümmerung der Mauer, welche
die Stadt der Männer von der Stadt der Frauen trennte.
Dem Oberrichter Ex-Hoheit Kaspe war es gelungen durchzubrennen und bei
Willem Mom am Strande Unterschlupf zu finden. Dort zirpte und piepste er
bis an sein Ende über des Teutareiches Untergang . . .
Und noch weht das Banner des heiligen Aufruhrs von der Königsburg in Teuta,
bis der volle Sieg über die alte Elendsordnung erstritten ist und Keiner
mehr unter der Erde vegetirt, der berufen ist zu einem glücklichen Leben im
Lichte der Sonne.
Wenn scharfer Nord das Fahnentuch bewegt, tönt es aus den klatschenden
Falten des Banners wie Maikkas Lachen.
Ende.
Druck von C. G. Röder in Leipzig.