Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr
Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm
mit bebenden Nüstern zu: -- Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du
wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn,
in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du -- Dich!
Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu
plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen,
zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte,
stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken
Nacken: -- Halloh, Maikka!
Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die
Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den
Fjorden lag:
-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar
sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die
abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die
vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff!
Wiking, los!
Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.
Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne
Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.
* * *
Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die
dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen
Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.
Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu
erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala -- daß sie
blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu
machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören.
Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.
Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges
Lächeln.
Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand
sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht
auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die
Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und
Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas.
Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß!
Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein
verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich
vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine
geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile
mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich
zuwider war.
Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem
Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein?
Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll
Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein
Inhalt?
Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.
Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern
gestanden.
-- Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.
Grege schüttelte unmuthig den Kopf.
-- Du sehnst Dich von hier fort?
Er schwieg.
-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos
kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.
Grege wehrte heftig ab.
-- Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen
möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif
dafür. Willst Du nach Teuta zurück?
Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck
an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.
Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung.
Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.
Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte.
-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter
und Früchte sieht man selten.
Grege bejahte stumm.
-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden.
Vielleicht das Klima sogar milder.
Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte
bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke
abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub.
Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und
Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den
Zaun.
-- Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika?
-- Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.
-- Und Ihr eßt von Allem?
-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das
Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht
wahr?
-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?
-- Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.
Sie schöpfte tief Athem.
Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen.
-- Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine
Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine
ich.
Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!
-- Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr
Humor, Maikka.
-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.
-- Nenn' ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.
-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen
und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im
Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus!
-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie
mit solchen Gesprächen erfüllen.
-- O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben.
Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer
Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und
gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist
ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar
kein guter.
Grege fuhr auf: -- Respekt!
-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer
Staatsgrundgesetze.
Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer,
hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie
einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab's
einen Zehner.
Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.
-- Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt,
Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche
Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will
einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem
Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des
großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes
botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und
hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur
Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren,
die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen
Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige
Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten
persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als
Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich
als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen
war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo
man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am
Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm
begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege,
hör' mich ohne Zorn an: Achtest Du's für ausgeschlossen, daß Du der
Abkömmling -- eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein
könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte
Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du
Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach
zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte
Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.
Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase
schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.
-- Duftlos, lächelte er.
Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: --
Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir
künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt's ja
nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt,
kann's zu statten kommen.
Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte
Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich möchte
wissen, Maikka, giebt's auch Blödsinnige in Nordika?
Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann
betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie
der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.
-- Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.
-- Taubstumme?
-- Ich vermuthe.
-- Blinde?
-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?
-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.
-- Ja, Grege.
-- Wo sind diese Bedauernswerthen?
-- In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords.
-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?
-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund
draußen.
-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?
-- Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil
wenigstens.
Eine große Bewegung erfaßte Grege.
-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche,
nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?
-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte.
Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen
seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen
und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung
tapfer nieder.
-- Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag' doch!
-- Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen
Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.
-- Sonderbar, sonderbar.
-- Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert,
Grege? Dies findest Du sonderbar?
-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am
großen Fjord einmal zeigen?
-- Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche.
-- Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl
schwer?
-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?
-- Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur
Last fallen?
-- Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun
einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist
fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt,
möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum
ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt,
Grege.
-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams
auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich.
Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen,
und drückte sie innig.
Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.
So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken.
Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte
einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine
einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und
Färbung.
Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne,
er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah
gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar
beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: -- Er
ist schön, glühend schön, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen
feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen.
Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.
Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! über ihre
verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell.
-- Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka?
-- Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und
das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite.
Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du.
Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte.
-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?
-- Wir kutschiren, Grege.
-- Wie ist das?
-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor,
ein recht flinkes.
-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.
-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge
Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.
-- Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.
-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich!
Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den
Aengstlichen.
-- Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht?
-- Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend
ist. Sieh' mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische
dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns
Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und
Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du
wirst hüpfen vor Freude, glaub' mir, Grege.
-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung
bin ich gar nicht gewohnt.
-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das
nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind
sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was
wir unternehmen?
Grege lachte.
-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.
Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem
eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte
Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.
Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen
Birken umbuscht, gar still und heimlich war.
-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.
-- Nun?
-- Sie sind müde und hungern nach Ruhe.
-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die
armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel.
Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine
nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten,
Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um's andere und schlug lachend
mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte.
Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.
-- Hör' auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt's.
-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb' mich auf. Und nun
vorwärts!
Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen
Augenblick an seiner Brust lag.
-- Maikka, was müssen die Leute denken!
-- Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's
übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.
Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb,
duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu
einem Häufchen.
Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, über mich
hinüber! Eins, zwei -- drei!
Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung
war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib
hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.
Sie sprang auf, klatschte in die Hände: -- Himmlisch! Aber jetzt müssen wir
ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb,
Grege?
-- Ist das vernünftig geredet?
-- Enorm, wenn Du ja sagst.
Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg,
eine piepsende Maus im Mäulchen.
-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.
-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.
-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was
unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's
interessant.
Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und
packte seinen Kopf und drückte ihn nach links.
-- Was ist das dort, Grege?
-- Ein Haus.
-- Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus?
-- Ein Dach, Fenster, eine Thür.
-- Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein.
-- Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür.
-- Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen
Meister und korrigirt ihn.
-- Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.
-- Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich
denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein!
Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja
nicht. Also!
-- Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.
-- Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du
verzauberter Prinz aus Märchenland.
Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer
Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der
gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und
hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: -- Gieb mir einen Kuß. Ich
verdurste.
Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn.
Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit
ihren Lippen und saugte sich daran fest.
In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie
aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete.
Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der
Stelle von Jalas Stern.
-- Du bist eine Wilde, knirschte er.
-- Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh
gethan.
-- Wer wohnt in dem Hause?
-- Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen?
Dann komm! Heb' mich auf, ich bitte Dich.
Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch
die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder.
Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber
und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick
wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren,
auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber
einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer
gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von
blendendem Weiß.
-- Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich
werde Dich auch malen.
-- Aber nicht so.
-- Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz'
Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?
Er bejahte und verneinte zugleich.
-- Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden
Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn
verschlingen.
-- Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.
Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und
küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen.
Und Grege ließ sie gewähren.
Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der
Welt.
Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und
Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da
zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der
Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger
Betäubung kaum mehr erwachte.
Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel
wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch
den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube.
-- Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie
daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich
die Wirthin machen.
Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen
Pfefferkuchen zurück.
-- Hier, Grege, lass' Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so
glücklich gewesen. Und Du?
Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas
Händen den Krug und that einen tiefen Zug.
* * *
Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. Das Wetter verbot jeden
größeren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme,
die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in überschäumender
elementarer Gewalt.
Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte,
einmal systematischen Studien in der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm
nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die
allein zu einem eindringenden Verständniß den Weg bahnen kann und mit dem
Verständniß die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege erhält. Grege
fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller
wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre
wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele unschätzbar werthvolle
Jugendjahre mußte er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken,
das der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen
als alleinwissenswürdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über
die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fühlte
er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von
dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und
wüst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in
gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch über die Ahnung, daß
das nicht das Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres,
Fröhlicheres geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht
nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß wurde dem jungen Volke mit der
pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das Neue ist das
Gefährliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt
geworden, also haltet Euch an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der
überlieferten Kulturideale und Kulturschätze schon noch an Euch verspüren,
auch wenn sich Euer unreifes Gefühl jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf
denselben Wegen vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen sind,
alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, Zucht und Sitte, für den
Bestand des Staates, der für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein
muß auf der Welt. So will's unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste
Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegründet. Will das Ei
klüger sein als Henne und Hahn?