wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen
Punkt.
-- Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu
sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die
Fußbekleidung gespitzt?
Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher
trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom
allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in
einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers,
nickten dem Oberpriester beifällig zu, seiner außerordentlichen
Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken.
-- O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es
entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein
Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit
einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das
Licht meiner Augen geschwächt.
-- Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt,
mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr
Alle wißt, verpönt ist?
-- Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche
Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen!
Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab' ich mir diese
Abweichung gestattet.
Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit.
-- Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen
gekräftigt sind? fragte Ao liebreich.
-- Gewiß, das werde ich.
-- Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich
erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit
zuwenden.
Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück.
-- Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die
Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt,
mit einiger Sorge.
Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien
wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen.
Auch war's, als suche er mühsam nach dem Worte.
-- Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte
uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher
die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er
das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe.
-- Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die
Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild
von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes
Ereigniß versetzt hat.
-- Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still
geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.
Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.
In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel.
Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit
gesenktem Kopfe.
Endlich seufzte er auf:
-- Zwei Ereignisse.
-- Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.
-- Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe
Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt
sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen.
Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der
Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem
zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.
-- Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.
Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich
allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das
Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte.
-- Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr,
täuschen mich meine schwachen Augen nicht.
-- Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn?
-- Minus? fragte Einer verzagt. Ist's nicht Minus?
Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: -- Minus!
-- O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein
Freudenfest zu! entfuhr's dem Sprecher in der ersten Erregung.
-- Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem
Sprecher einen dankbaren Blick zu.
Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt.
-- Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man
sieht's ihm gar nicht an.
-- Ja, man sieht's ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite.
-- Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.
-- In der That, es ist so, der Vierte.
-- Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und
wahrhaftig so, daß man's ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen
Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was
meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine
besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus,
ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht
mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in
der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich.
-- Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf.
-- Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein.
Beweglich!
Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.
-- Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde.
-- Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine
Mitältesten der Reihe nach anblickend.
-- Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste,
bestätigte der Sprecher mit Kennermiene.
-- Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur
Bekräftigung.
-- Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester,
seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang.
-- Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts
Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser
plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren
Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath.
-- Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist
an und für sich nichts Kritisches.
-- So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt
ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit
einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem
Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde.
-- Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte
der Zweitälteste ein.
-- Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind
kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der
Sprecher wie zur Selbstbelehrung.
Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche
Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen
Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht
hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein
mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu
drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses
sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen.
-- Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife,
daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters
unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister
und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und
Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt
ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht?
-- Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der
gelehrte Minus.
Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort.
-- Beweglich? Im Angesichte des Todes frag' ich Euch, wollt Ihr mit der
Sprache herausrücken oder nicht?
Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem
Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde.
Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten
sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete
Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten
Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein
Abschluß gefunden werden.
-- Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort.
-- Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem
Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig
beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über
seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen
Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch
glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine
Mitältesten nicht andeuten.
-- Habt Ihr Beweise?
Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm
sich kein Blatt vor den Mund.
-- Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen
will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine
Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke
versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein
gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person.
-- Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt.
-- Dann kennst Du Jala nicht?
-- Jala? Was geht Euch Jala an?
-- Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem
Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden
ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus' Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein
Zauber hat sie beseitigt.
-- Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch
Grege ist verschwunden.
-- Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres
Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch?
-- Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.
Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der
Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:
-- Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn
gemeuchelt.
Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus'
Werk! Keiner ist listiger, als er.
Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom
Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all'
seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit
zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja
einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses
Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt
von Teuta vorgegangen?
Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen
Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu
schlucken gehabt, wie heute.
Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche
schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu
klingen. Schlechte Musik fürwahr.
-- Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus
weisem Munde zu vernehmen?
Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und
tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht
vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu
verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen
geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie
wollen wir uns vor dem Volke verantworten?
-- Begreift Ihr denn nicht? Darum hab' ich Euch ja berufen lassen, daß wir
uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen
Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr
denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter
Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe
Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben
gegangen --
-- Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath?
-- Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der
störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke
zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen.
Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd:
-- Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur
Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er
hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir
die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben
sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen?
Ao athmete auf.
-- Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache
getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung.
Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim
halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und
das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn
Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus.
Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes
lebhaftes Ertönen der Klingel.
Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen.
Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter
Verdacht, daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur
kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen
das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen
begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen
den hohen Rath aufzuwiegeln.
-- Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der
Oberpriester.
-- Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester.
-- Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der
Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich.
Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt.
-- O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim
heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht
mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht.
Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen?
-- Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines
Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher
Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu
fangen.
-- Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt.
Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich
versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht
mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere
sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe.
Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen
erhalten.
Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen.
Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für
seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er
eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand
auf dem Tastwerke spielen.
Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen
der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder
herbescheiden wolle?
Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen.
-- Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen,
meine Freunde, verweilt noch.
-- Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt
mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und
verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum.
-- Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und
meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht
tragen. Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer.
-- Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll's das Volk
besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle
finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das
Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß
oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird.
Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle
Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu
den seinigen.
-- Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe,
ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn
beschließen?
Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an.
Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei
feierlichen Anlässen.
-- Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den
herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er
soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen.
Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit.
-- Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade
das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der
Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf's Beste zu
ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid,
unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch
aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen.
-- Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte
Ungeheuer! ächzte der Oberpriester.
Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu.
-- Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit?
-- Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe
stiftet.
Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer
intelligenter Zuversicht.
-- Lasse das meine Sorge sein, Ao.
-- Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue
Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird
Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine
Begleitung. Laß' uns Titschi aufsuchen.
-- Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist's möglich, daß wir ihm
nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten,
obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte.
Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des
Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen
gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele?
Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als
handle sich's um irgend eine Verabredung zum Frühstück.
Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen
Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den
Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta!
* * *
Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem
Teutavolke geboten.
Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte
Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die
Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der
verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft!
Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen.
Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten
Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche
Person, Soundso.
Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des
überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und
als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte,
war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken.
Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen
Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer
Betrügerei?
Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise
nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der
Aeltesten ab.
Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als
man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.
Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete
sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und
Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht
zu werden.
Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies
sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben
war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne
Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in
Erwägung gezogen werden.
Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf's Aeußerste an und ließ
alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich.
-- Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.
Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in's Bett und konnte mit nichts als mit
virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen.
So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn
preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination
zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze
dampfte, bald fror ihn, daß er sein Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte,
die vor Frost zu bersten droht.
-- Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde
tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao!
Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude
mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden.
Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man
beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum
Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh' sei umsonst. Diese
unnahbar edlen Spitzbuben!
Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein
Verrückter.
-- Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem
Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene
Brust.
-- Wer denn? Wo denn?
-- Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten,
Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie
in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel,
ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter!
Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke.
-- Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte
seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz
Teuta dieses Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz
für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich,
herrlich!
-- Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde
und brach in den Polstern zusammen.
-- Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich
vielleicht den Bim herbeirufen?
-- Verschon' mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der
Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er
einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten
Geschäfte?
Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit
gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend:
-- Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll.
Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen.
Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe!
Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber
nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:
-- Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich
in's Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos
Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm's nie verzeihen, daß es unter
seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung --
lächerlich: Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht
unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste
Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut
eingefädelt!
Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn
jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht,
das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken.
Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig.
-- Bim -- ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann
mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?
-- Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen!
Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich.
Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette -- die Bewegung sah
drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben -- und mit der großen
Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen
begannen zu spielen.
-- Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche?
-- Hunger hab' ich, guter Titschi, Hunger.
-- Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln
sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester.
-- Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt
und elend gemacht.
Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die
Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und
Fläschchen.
-- Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher!
Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum
Munde.
-- Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab' ich lange geschlafen, Freunde?
Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute.
-- Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.
-- Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten
hinein.
-- Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi.
-- Wie man's nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand.
Dann verwandelte sich's in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich
glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.
-- Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht
köstlich? Bezeuge Du's, Oberrichter Kaspe.
-- Ja, die Luft Titschis ist gut.
Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim's Urtheil hören. Was
habt Ihr beschlossen, Freunde?
-- Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem allweisen Willen gehen
soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht.
-- Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen?
-- Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen.
Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter
Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus
der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren.
Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten
von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten
wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit
seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes,
der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht
durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen's doch ahnen --
Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten.
Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht.
-- Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim.
-- Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in's Wort.
-- Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen.
Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim
ein.
Er hat ihn gefunden! Unglaublich!
-- Leicht war's ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht
war's ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war
erstaunlich groß. Aber nun halt' ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er
ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die
ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung
ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.
-- Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach
Titschi den Strom der Rede.
-- Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte.
Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn -- --
-- Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele
flüchtig.
-- Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll.
-- Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen
Wort, wie Minus sagt.
-- Minus! Ihn hast Du?
Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war
auf's Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch
that ihm weh vor Ungeduld.
-- Nachdem ich das Atom -- --
-- Das Atom! Hört, hört!
-- Das Atom!
-- Das Atom?
Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich's im Voraus denken können. Aber
immer auf's Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und
Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender!
Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: -- Hoheiten, das Atom ist der
Anfang aller Dinge, lassen wir's dem guten Bim, damit er auch an das Ende
der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen.
Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht
um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten.
-- Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des
Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als
das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu
Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was
ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung
des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes.
Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter
die Bettdecke.
-- So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner
Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund.
-- Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn,
musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber
gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. Sieh hier
unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen
Ao, er ist krank, und ich selbst -- --
Ao lächelte schwermüthig: -- Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr
krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt
seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe!
Titschi kroch aus dem Bette: -- Weißt Du, was inzwischen in Teuta und
seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum
weiltest?
-- Nun?
-- Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren?
-- Minus? Er ist eingetreten in's große Mysterium? Ist er das?
-- Woher weißt Du das, Bim?
-- Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein
Versprechen erfüllt.
-- Ja, das hat er.
Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen,
das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:
-- Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?
-- Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu
machen.
-- Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi.
-- Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts.
-- Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend.
-- Nein, hoher Oberpriester.
-- Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre
ein.
-- Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine
Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen.
Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.
Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte
sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das
Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch
ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was
kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe
kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle
zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre
wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere
war er, so wenig sie's auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese
Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt,
der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit?
Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern
nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken.
-- Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.
-- Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk führen wir auch über die
festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit
einem schiefen Blick nach Titschi.
-- Natürlich führen wir's drüber hinweg. Worüber führten wir's nicht
hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein!
Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim?
Es herrschte tiefe Stille.
-- Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken
auf.
Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem
Fahrstuhl liegend.
-- Lebendig und todtbeglückt grüß' ich Euch.
Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd.
-- Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.
-- Das überleb' ich nicht, röchelte Ao.
Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes
Stück.
* * *
Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er
zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der
Luftgondel fand.
Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm
vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk.
Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder
erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine
Wiedergeburt zu neuem Leben.
Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke.
Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß
nicht Alles unbeschädigt geblieben.
Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder
aufgebrochen und blutete ein wenig.
Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine
Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem
blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt
des geliebten fernen Weibes.
Jala! Die Seelen grüßten sich.
An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder
auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und
Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte.
Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von
solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte
der Körper.
Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still,
fremd, beschwichtigend.
Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine
herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und
Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles
durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft.
-- Jala, wo weilest Du? Wo ich?
Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel.
Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er
schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein
konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu
ahnen. Grege lächelte.
Freiheit! Hoffnung! Jala!
Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich
trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören.
Freiheit! Hoffnung! Jala!
Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung.
Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der
Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden
aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie
der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der
Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so
wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.
-- Jala!
Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich
stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der
räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden
Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen
Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel
entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen?
-- Jala!
Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein
Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land
der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel
allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im
letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das
Andere, entschieden Nichts.
Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln.
Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und
Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen
Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von
gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich
alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen
in wilder Gebirgsart -- --
Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den
Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich
zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib
unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.
-- Grege! Grege!
Es war Jala's Stimme. Wahrhaftig, sie war's. Ihr Ruf hallte über Berg und
Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie
Flötenton.
-- Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich
suche dich, Grege, Grege!
Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu
suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile,
bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die
Gipfel, an die Wolken -- --
-- Grege! Zu Hilfe! Rette mich!
-- Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du
wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala,
hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm'
doch, komm' -- -- komm' herab zu mir -- -- --.
Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie
ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der
Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in
unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein
Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern
ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen.
Vergebens.
Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen
ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!
Noch einmal war's ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr
verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen,
hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten
der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt
zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer
ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen
Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in
majestätisch düsterem Gewoge.
Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war
steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein
Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit.
Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und
den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die
kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht
nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte
er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem
feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit
stattgefunden.
Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige
Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta
hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen
Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten
Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende,
unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit
Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material
für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet.
Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige
Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde
entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so
intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven
ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem
haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über
dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen
weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten.
Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein
Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so
viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine
reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in's Innerste
davon getroffen war.
Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem
Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine
Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in's Auge.
Grege nickte ihm zu.
-- Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich
begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben
Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder
schickt Dich Jala mir als Bote?
Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in's Gesicht, schüttelte
eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als
wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich
finden. Mach' nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und
Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also
vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach' Sprünge wie ich! Und hinter Dir
steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig -- siehst
Du denn nicht?
Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und
blickte rückwärts.
-- Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den
Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen.
Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie
auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine
grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes
Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen
Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem
Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung
strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem
eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen
Feueraugen voll sprühender Gewalt!
-- Angelos? Wohnen hier Angelos?
Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den
Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und
Worte auffangen.
-- Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos.
Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die
mächtigen Pratzen auf die Schultern.
-- Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.
-- Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du
fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus.
Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte.
Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege
und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter.
Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem
allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte,
gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes,
daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder
sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und
doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen
des Hundes.
-- Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund.
-- Hier! Sie reichte ihm die Hand. -- Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du
müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen?
Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er
gekommen! Durch die Luft!
Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka.
-- Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem
abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das
meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen.
Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen
gekämpft?
-- Ja, Maikka, das hab' ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch
und trage keinen Streit in die Welt.
Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen
sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm
selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes.
-- O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den
Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen?
-- Grege heiß' ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du's.
Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur
meiner Freiheit hab' ich mich gewehrt.
-- Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?
-- Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich,
gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich?
Maikka lachte: -- Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika
heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig
anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o
Teuta!
Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen,
aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug
seine vergnügtesten Töne an.
-- Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta?
-- Davon und von vielem Anderen später. Willst Du mein Gast sein? Ich führe
Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du
schwimmen?
Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als
vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das
Schwimmen in großen unterirdischen Bassins.
-- Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner
Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes
Land kennen lernen, Teutamann Grege.
-- Gute Leute hoffe ich.
-- Gewiß.
-- Was lieben die Leute in Nordika?
-- Nichts, Grege, und Alles -- was Liebe verdient.
-- Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben
sie Respekt?
-- Vor nichts, Grege, und vor Allem -- was Respekt verdient.
-- Merkwürdig, Maikka.
-- Jawohl, Du wirst schon sehen.
Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen
Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger
spürte.
Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er
die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte,
machte er einen hohen Satz.
-- Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet
hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht.
-- In Teuta!
Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und
Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer
Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch
nehmen.
-- Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist
hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus
die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem
Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde
spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist.
Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an.
-- Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist
Du sehr geübt in Muskelarbeit?
Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange
mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche
Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von
Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer
kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt.
-- Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du
rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land-
und Wassermenschen, nach Belieben, Grege.
Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille
schimmernde Nacht.
All' seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes
Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen
Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen
Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer
sozusagen.
-- Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit
aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer
wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung
seines Teutalandes zu begegnen.
-- Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege?
-- Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen
unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der
Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen.
-- Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher,
schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen
nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit
ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle
Arme. Da fühl' einmal her!
Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als
Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die
herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den
Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit
mächtigem Sprung durch die Luft.
-- Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka.
Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser.
Grege stand unentschlossen.
-- Nun? Mein Gast hat die Wahl!
-- Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant
ausweichend.
Maikka schlagfertig: -- Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du
darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das
Boot noch vor uns her. Mir nach!
Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift
und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt -- und
platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und
nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede
Bewegung.
-- Herrlich, herrlich! Flink, Grege!
Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie
flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast
besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine
Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen
pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm
kicherte und schlängelte, wogte und wiegte die Nixe in den schönsten
Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich
hertreibend.
Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe
spürte. Dann war's ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite
über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm.
Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen
Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen
und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz.
Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes
erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich
würgenden Nixenarmen erstickt.
Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich -- und sein Bellen schallte
wie Siegesruf.
Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu
empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen
nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das
Zweckmäßige.
Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon
in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte
sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre
Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler.
-- Und nun rasch in's wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles
bereit?
Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften
Schritten Maikkas folgend.
Was war das für eine Welt?
In Teuta gab's für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen
Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die
Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der »offenen
Zeit« gab's Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen
Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit
Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der
Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für
sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit
dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.
Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für
sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte.
Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich
heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf,
wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort
zu thun hatte.
Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller
Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf's Blut zuwider. Aber was
wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und
glücklich unter der aufgezwungenen Regel -- und sich zu preisen schätzte es
nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das
bevorzugteste Volk der Zivilisation!
Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast
Grege führte?
In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach,
reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in
all' seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft -- wie schmolz das
ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem
Himmelreiche!
Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen
Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße
Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden
schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste
allein.
-- Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und
bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind
sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in
Nordika, Grege. Und nun setz' Dich zu mir und iß!
Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln.
Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den
Früchten, einem Stückchen Backwerk und schänkte sich von dem süßen Saft
einen Schluck in sein Glas.
-- Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich.
Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?
-- Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur.
Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf
und rückte ihren Sitz näher dem seinigen.
-- Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist
Du ein freier Mann in einem freien Lande.
-- Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet.
-- Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln.
Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang.
-- Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen
erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch
nach Fox und meinen Thieren sehen.
-- Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also
bist Du Lehrerin?
-- Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse
erzählst Du mir morgen.
* * *
Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht.
Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst schüttelte ihn eine
wüthende Sinnlichkeit, dann klärte sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht
nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun
ihres Verlassenseins Kummer bergen?
Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wüßte, die Getrennten
einander nahe zu bringen? Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte
stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die kluge Lehrerin nicht
eine Nothhelferin werden?
Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer
Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen.
Ja, ja, ja.
Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über seine Seele, und behaglich
streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein
neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen.
Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen Träume, löschten die
himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und
wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff und warfen
ihn schließlich in den See. Alles schien für ihn verloren in gräßlicher
Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen
Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die
Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens -- --
Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten Schlaf.
Das war das Morgenlied.
Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glückliche Narr der
Träume.
Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit
mächtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie
Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür her tönte
eine glockenhelle Stimme: -- Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein
will!
Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel.
Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom
Lager. Er strich über die Knie, er strich über die Waden, er befühlte die
heile Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit
beiden Händen über die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel.
Wie klang's?
»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
Und wessen Stimme war's?
Ja, ja, Maikka's Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin
dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen?
Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck.
In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte
er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weißen, weiten,
weichen Mantel. Er ging zur nächsten Thür, im Gehen den Mantel um sich
nehmend. Er öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen
Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, wie gestern, erwarten ihn,
ihm ihre Dienste schweigend zu leisten.
Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams
und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen,
sie wissen von nichts.
Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die
Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne
fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach.
Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten
Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos.
Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In
dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet,
die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine
sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch
so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes,
Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht
Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.
Grege steht immer noch, von all' den überraschenden Eindrücken erfüllt --
aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu
erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam
mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur
empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist
doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo
ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will?
Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die
sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um
seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit
der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die
Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch
schlüpfe?
Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den
kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß -- Blumen, so schön
und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das?
Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war
chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige
Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form
herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel
Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod
von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen
Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für
ihn nicht gelten?
Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen
Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege
des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von
überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle
keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird
dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten
Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber
hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde?
Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand.
Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes
Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht
unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als
in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta's Staatsweisheit
vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider
vorenthalten?
Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht?
Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist
in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.
Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist
leer.
Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen.
In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der
gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm,
ihnen zu folgen.
Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht
zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor.
Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber
doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich
unheimlich wurde.
Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum
gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der
Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute
nicht persönlich um ihren Gast?
Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als
Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war's nicht Greges
eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen?
Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen
Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und
hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen
konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom
sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender
Linie.
Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht
Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging's
im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben,
ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen,
zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen!
Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog
auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts!
Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete,
seine Haut wurde schweißwarm.
Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer
Reihe.
Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich.
Nun zählte der Andere: eins, zwei -- drei!
»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung
an die letzte Nacht durch den Kopf?
Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen,
hüpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele
erschien, war der junge Mann aus Teutaland.
Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite,
lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im
Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei
Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften.
Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten.
Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in
dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer
Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der
Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat.
-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand.
Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der
merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein
Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch
fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begnügte
sich mit einer stummen Verneigung.
Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt.
Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was
thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier,
außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt?
Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab.
-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist
würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden.
Grege nickte höflich.
Maikka fuhr fort: -- Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im
Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege!
Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen
Sprühen der dunklen Augen begleitet.
Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon
einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so
gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er
noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm
in diesem »freien Lande« Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit
fortgerissen.
Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich,
jedoch ohne die Reihe aufzulösen.
Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge
mit ausgeführt, auf Grege zu: -- Wie gefällt es Dir?
Grege: -- In Teuta hätte mich's verrückt gemacht.
-- Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's
Wort.
Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz
vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte
der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt
wurde.
Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft
schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so
jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen:
Frisch, frei und froh, mein Kind!
Dein Sinn sei leicht wie der Wind,
Dein Muth bewährt wie Gold,
so bleibt das Glück dir hold --
Trala, Dir hold, trala, Dir hold.
Fest in Treue stets geschlossen
Sind wir stolzen Volkes Sprossen
Dir in Liebe zugewandt,
Nordika, heiliges Vaterland --
Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der
feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit
gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie
selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge
entzückte.
Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen
Schlägen:
Nordika, heiliges Vaterland!
Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den
Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über
dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter
Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende
Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser
alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er
seither keine Ahnung gehabt.
In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort
galt nur der Begriff vom »Staat« und »Reich« als eines künstlich
aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals
das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden
Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit,
die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche
Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern
und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen
Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von
Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute
hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich
keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil
Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur
mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur
verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.
Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig
erschüttert und todtbetrübt zugleich.
-- Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf
ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu?
Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: -- Nie hätte ich das
geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.
Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter
Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie
von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit.
-- Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntniß? Bist Du
je bei uns gewesen?
Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: --
Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten
Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß
von Teutaland.
Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten
Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre
Lippen.
-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit
fünf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen.
Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und
entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle,
hinaus in's Freie.
* * *
Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.
Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte:
-- Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das
ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.
Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge.
Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln.
-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte?
-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.
-- Lass' hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
-- Eine Erinnerung.
Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede für sachliches
Nichtwissen.
-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.
-- Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege:
Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
-- Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.
-- Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und
kapitalistischen Metallzeit?
-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig
zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.
Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: -- Für Nordika gilt
das wohl nicht.
-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem
großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere
Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab
schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie
kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein
Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen
Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser
furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich
blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und
durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte.
-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million
Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler.
Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf
Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit
Dir kann man reden. Hör' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch
zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr
doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet
Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen
kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör' mal, Grege,
hör' mal!
-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?
-- Wär's möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig
Empfindung hättest?
-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an
Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland
geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen
Eindrücken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein,
das weit hinter mir liegt?
In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand
auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstieß: -- In Teutaland
verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine
eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für
ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen
setzt?
Grege zuckte zusammen.
-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert.
Grege, begreifst Du das nicht?
-- Ich beschwöre Dich, Maikka!
Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und
Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz.
-- Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich muß
Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen.
Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er
vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender
Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit
Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen
Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet.
Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen
Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern
und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und
ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in
Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit
Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole
willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des
Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas
hinwirft -- --
-- Halt ein, Maikka!
-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger,
Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle
Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle
Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der
Millionenstädte -- --
-- Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende,
Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten
nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen
Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle
begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich,
Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?
-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland
keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und
stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.
-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!
Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte
ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen
haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im
Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!
Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen
eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten.
Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem
Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein
seltsamer Rumor.
Er zwang Maikka zum Stillestehn.
-- Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?
-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten
Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und
dann Deine Thränen -- weiß ich's? Das hat mich eben erregt und außer mich
gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaßen!
-- Mit mir wohl auch nicht.
-- Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein.
Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte.
-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an
den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?
-- O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie
hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen
Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht!
-- Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand
haben, Maikka!
-- Freilich. Den größten und höchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und
Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die
Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das
Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal
den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig,
nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der
Dinge?
-- Wir nennen's in Teuta das Mystische.
-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische!
-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und
trägt?
-- Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische!
Nicht im Mindesten kümmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir
erlauben uns das, Grege.
Und nun lachte sie wieder.
-- Warum leben wir eigentlich, Maikka?
-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach.
-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?
-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag's in der Hoffnung,
daß es mir wieder gefällt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne.
-- Mit und ohne, was heißt das?
-- Mit und ohne Gefallen. Aber hör' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm!
-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die
schönsten Kinderträume zurückführen könnte.
-- Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft
mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!
Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er
wollte oder nicht.
-- Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du,
sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!
-- Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem
Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter
kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich!
-- Nun?
-- Ist so verschattet, daß ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie
eine alte verblichene Handschrift.
Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man
nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt
daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da,
für uns nicht da. Was soll's uns also?
-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich's auch nicht, was in
unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben.
Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt,
wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob
wir's wissen und wollen, oder nicht?
-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann
hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige
Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau' mich an, Grege: Bin ich
stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?
Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte
von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die
Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden.
Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild
lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht
vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er
konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer
neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht
einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut,
zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.
-- Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als
Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!
-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich!
Nordika hat nichts dagegen.
Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.
Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.
-- Mir nach! Hier ist Nordika!
-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. --
Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man
in Teuta auch nicht. Armes Teuta!
In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der
schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger.
Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine
Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen
Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so
schlaff -- --
Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne.
Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte,
reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen,
von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen
sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das
Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von
Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und
anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und
Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.
-- Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem
Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling
um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege?
-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da
versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von
ihrer Insel -- --
-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?
Grege verneinte mit Kopfschütteln.
-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt,
wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder
vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser
sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder -- was weiß ich!
Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont
abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen
Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika,
immer Nordika.
-- Wie ein einziger Körper!
-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper.
Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie
zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.
-- Wie ein Körper, Du hast's verrathen. Und verräthst Du auch wie wir's
machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir
uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen?
Erräthst Du's?
-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften,
denk' ich.
-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wäre uns zu
mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn
Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns,
als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den
menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie
Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen
Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder,
der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er
weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder
Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen
Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der
Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine
Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?
Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun
auch lachen mußte.
-- Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land
sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.
Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte
und horchte auf.
-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt
befinden?
Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen.
Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen.
Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen
Augen, daß es Maikka durchbebte.
Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.
Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?
Nein, noch nicht.
-- Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?
Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er
im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: -- Ich wüßte nicht, aber --
vielleicht doch.
-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.
-- Nach Sternbildern.
-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt?
-- Im Morgenstern, Maikka.
-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wäre, Grege!
-- Wieso?
-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!
Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch
lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen
Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem
einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!
Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt
über die schöne Deutung.
Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit
ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle
Sternbilder.
Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.
-- Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.
-- Auf der Jagd.
-- Auf der Jagd?
-- Ja.
Neues Schweigen.
-- Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen
zögernd.
Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind
alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich
-- und das ist unser neuer Sinn.
-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.
-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der
Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich,
da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.
Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika
die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz,
nicht Satte und Hungrige -- --
-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist
eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden,
Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.
-- Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer
die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt?
-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute
Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im
Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen
und halte Dich brav! schloß sie lachend.
-- -- --
Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus
dem ein freundliches Haus schimmerte.
-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst
mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten.
Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du
zögerst?
Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.
-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?
-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.
-- Du hast doch gefrühstückt?
-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern.
* * *
Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem
Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im
Freien gab.
Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem
Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere
Frauen und Männer.
Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre
dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das
Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie
erhaschen können.
Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas
Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen.
Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu
erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf
einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein
gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um's Andere. So gab's auch
keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein
Anderer schweigend und gesammelt herankam.
Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier,
Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines
starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich
Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer
persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer
mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender
Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten
Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen
Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier
Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von
jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden
Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften
Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.
Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen,
das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit.
Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den
Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so
mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich
erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine
rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus
genommen. Womit wollte er's begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine
Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht
unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse
hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder
Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts
und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner
Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische
Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt?
Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun
und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das
heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und
Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm
heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten
Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen.
War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in
sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und
Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft,
umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in
seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen
seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen
Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem
bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland
überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude
den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte
Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten
überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen,
als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?
Und wie war das Alles so geworden?
Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hören, was in der
Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.
Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht
dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern,
sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten
Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im
Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem
heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des
kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine
Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die
nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß
zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen
und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine
hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit --
daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das
Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in
dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu
Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich
und die Anderen erquickt.
Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die
Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan
und den größten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten
Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die
phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und
Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten
Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der
Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten
Gärtnerinnen getheilt.
Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und
Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen
Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen
Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die
einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die
praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso
viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.
In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt
ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als »Hoheit Oberlehrer« im
»obersten Rath« und hütet den »heiligen Wortschatz« -- und nie dürfte ein
Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche
Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder
es wartet ihrer der »große Fluch« der Verdammung zu »ewiger Verhöhnung«
beim Zarathustra-Feste!
Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und
die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka
stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach
vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie
manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit
eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die
Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka
nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und
sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute,
nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache
ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der
Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die
hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen
Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen,
theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie
gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die
Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn
zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der
Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und
ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der
Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die
Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des
Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so
rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter
die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder
rettet sich wie er mag.
-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über
die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.
-- Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen
wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich
doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren,
Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine
Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit
der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht
beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben.
Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude
jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den
Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die
ständigen Schüler.
-- Auch Werkstätten, Spielräume?
-- Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu
lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht,
sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.
-- Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich
meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu
behalten.
-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das
ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in
Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt
nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar
lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder
überladen vor.
-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als
beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch
all' die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den
Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr
vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?
-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben
führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend
Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so
noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit
gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter.
Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles,
wußten Alles -- nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein
Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine
Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in
Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die
weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der
Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde
Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles
überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.
-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas
Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den
Ohren, vor den Augen und --
-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so
erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.
-- Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem
er sinnend stehen geblieben.
Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem
Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern,
Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch
schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige
Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für
diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu
thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben
ohne Harm und ohne Falsch.
Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die
sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen
Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine
große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in
seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten
Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie
ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein
Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei
nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen,
Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu
unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen
Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute
die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch
im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und
seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu
verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in
natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken
gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen
herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?
Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren
Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter
sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin-
und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit
den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen,
blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen
der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fältchen oder Runzelchen
oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies.
Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter,
vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben
erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr
unmöglich geben.
-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär's
möglich?
-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen
nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt's keine
alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei
Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.
Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.
-- Nein, mein Schüler, hör' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der
Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob
männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls
gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr
Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene
Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts.
Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und
Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo
er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube
mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch
verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines
Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg
eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart,
Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden
Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben,
andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja
selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen
verschiedenartigen Ideenkreis.
-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in
voller Freiheit.
-- Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und
dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder
den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.
-- Ja, sehr.
-- Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem
Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle
echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.
-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich
die Vorträge in Euren Volkshochschulen?
-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes,
dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.
-- O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta.
-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie,
Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten,
in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen
werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen
allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache
von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich
ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam,
auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist
natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig.
Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die
Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo
einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum
»Existenz-Minimum« gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für
Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht
und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine
blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute
hier oben beten unsere Heimath an!
Grege schritt still, gedankenvoll.
-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur.
Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn
er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der
Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne
Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt
oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig
hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so
bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der
Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie
genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst
Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbändig.
-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.
Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war
wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der
Flammenzone.
Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo
Jala's Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in
die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner
Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen
Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen.
Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen
und Zeigefinger.
Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht.
-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du -- oder bist Du hungrig?
-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe,
wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie
ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.
Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des
schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie
hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der
Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten
Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das
schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?
Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe,
breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und
überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine
nackten Glieder laufen fühlte. War's wirklich nur die Schattenkühle, was
ihn erschauern machte?
In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.
-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka
und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine
und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig
geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib
in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er
neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler
Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende
Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen
schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen;
denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das
Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden
aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen,
daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland
der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin
in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und --
sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen
überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von
Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren
spritzte.