Separat-Conto

Leipzig.

Meinem genialen Kameraden

Juliane Déry

* * *

Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen

durchsetzen wollte.

Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, hatte er ihr verheimlicht.

Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit

dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so daß an der ihrigen,

an der inneren Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes

Blutzeichen haften blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form eines

Sterns.

-- Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung?

-- Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden

meine Kräfte. Kann ich irren?

-- Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die

Dünen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom

Meer herüber, immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft wechselt,

bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich jetzt eine Weile schonen, meiner

Wunde wegen.

-- Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du sie mich nicht befühlen?

-- Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte.

-- Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der

herrlichen Einsamkeit. Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser

Bewegung, die mich beschwingt.

-- Es ist eine Flucht, Jala.

-- Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies

Himmelreich! Säume nicht zu lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange

ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick,

das uns bedrohen könnte?

-- Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich muß lachen, weißt Du. Sie

haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere

Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle

Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und die Wege, die wir auf ebener

Erde durch die Wüsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer

Häscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner

unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter,

ist langsamer in Entschlüssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao,

ihr Oberpriester, schläft und verdaut.

-- Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, daß noch ein Dritter im hohen

Rathe sitzt.

-- Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Anträgen

belästigte? Den hat nur Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen

bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet

andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts

Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hüten zu helfen.

Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne

ihn. Er hat mich einst unterrichtet.

-- Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe.

Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib mit einem tiefen

zärtlichen Blick.

-- Die hat andere Ursache, süßes Weib.

-- Also folg' mir bald, Grege.

Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein

Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nußgröße die Kraft des

Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie

ziehen.

Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschränkt ihren

Willen hatte. Er wußte auch, daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr

war.

So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der

Wandernden einschließend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner

Wunde erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen haben.

-- Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber

er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich

nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er

wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, sie einzuholen. Wer weiß, wie

groß der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres

Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin.

Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre

hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen,

sonnenhellen, weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. Eine

schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fußsohle die Erde

berührt. Die verkörperte Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens

und deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem

Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schöpfend zu immer stärkerem

Glanze, unfaßbar allem Gemeinen.

-- Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schönheit, wenn

ich länger säume.

Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit

schmerzendem Fuße ihren Spuren zu folgen.

Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen

Gegenden ihn jetzt sein Schicksal führte, die große Befreiung.

Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein

Unterdieerdebringen.

Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen über Städteleichen.

Für blühende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine

Wurzelfäule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug

die andere, eine Kraft fraß die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis

sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden

kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was

übrig geblieben war von alten Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine

Kuriosität für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein Spott für

die Langeweile der Feiertage.

Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrückt

den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den

Beinen und Armen hängen!

-- Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest über Köpfe und

Tröpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse

aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter

Könige? Heiliger Gott Bimbam, ist's denn glaublich? Und erst eine Blinde

mußte mir die Augen öffnen? Ein Kind Ao's, des frommen Komödianten, mußte

mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell' ich meinen

Mann.

Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Länge des

gleichförmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen.

Er zog die leichte Kapuze tiefer in's Gesicht, die Sonnenstrahlen

abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich verbündeten, ihn desto

heißer zu stechen.

Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß die Augen und tastete sich

mit dem Stabe weiter. Sollte er's besser haben als Jala, sein Weib, die

blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der

Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin?

Greges Ohren summten.

Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und befühlte seine Wunde an

der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er

schmerzenden Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. Instinktiv war er

die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur

mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte.

Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief?

Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala's Ton.

Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um.

Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel,

zweimal Stabeslänge kaum, hinter ihm.

Es durchzuckte ihn.

Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens

keine Häscher aus Teuta.

-- Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wüste?

Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich auf seinen Stab und blickte

die Fragenden scharf an.

Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten

Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen

Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln.

Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende

Bewegung in dem Sinne: Was kümmert's Euch? Laßt mich! Ich will nichts mit

Euch zu schaffen haben.

-- Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt auch Deine Zunge?

Und sie lachten kalt.

Der Eine näherte sich ihm, während der Andere mit dem Fuße den Anker, mit

der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt.

-- Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trägt drei.

Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie

ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht

leblos, wie angeklebt?

-- Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurück.

-- Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefällig den Mund öffnen willst.

Wir grüßen Dich!

Aber es klang nicht wie Gruß.

Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er nicht schnell den rechten

Entschluß fand. Wie würde Jala handeln?

Da lachte er auf: -- Ich erwidere Euren Gruß. Nun laßt mich in Frieden. Ich

suche mein Weib.

Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden.

-- Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten jetzt die Fremden.

Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? Wäre das auch

mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch

für vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob das Weib nicht

eine Katze, die schwer zu bändigen. Sicher ist sicher. Schließlich ist der

Teutamann doch die Hauptsache.

Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der

jüngere vertrat ihm den Weg.

-- Höre, Mann aus Teuta!

-- Woher weißt Du das?

-- Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem Zustande kann man nur aus

dem nächsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses

Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, daß sich

Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen

unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht.

-- So sieh' doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der

glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In

Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich

rühmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der

Begattung währt.

-- Köstlich, wie du Bescheid weißt!

-- Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich

nicht länger.

-- Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde brauchen? Setz' Dich zu uns

und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach

seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und einen lahmenden Fuß. Dein

Fuß kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem

ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund.

-- Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine solche Sprache zu mir, dem

Freien, wagst?

-- Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du -- ein Freier

gewesen.

Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt und in die Gondel

gelegt.

Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier.

* * *

Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Müdes Flimmerlicht.

Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige Sand, unter Jalas

Sandalen, so oft sie den Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es

waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung.

Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von

jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an's Ziel zu gelangen.

Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurückgeblieben? Bis zum

Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala

konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des übersandeten

Kanales mit der leichten dünenartigen Böschung auf beiden Seiten. War das

nicht seine feste Meinung?

Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre gegangen sein. Ihr tastender

Stab fühlte keinerlei Erhöhung mehr am Wege.

Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das Gesicht in der

Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief über den blinden

Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer

ihrer brechenden Müdigkeit.

So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung sie zwänge, und

Grege's, des Getreuen, zu harren.

Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten Handflächen

unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt.

Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flügeln

ein gelber Schmetterling.

-- Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige Jala! dachte sie. Dann

verwehte ihr Bewußtsein, bis sich's wieder verdichtete im Traum.

Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens,

ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend,

die Farbe der verdorrten Gräser und Halme.

Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft

und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der

Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige Fläche der Wange

schwebte ein Lächeln der Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den

leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die

tiefwühlenden, schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten

wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen.

Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Körper in den

warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten.

Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung über die Welt gekommen,

wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen.

Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau geädert, letzte,

verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der

versunkenen Sonne.

Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfüllte es wie heiliger Rausch

beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie

mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren

hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in süßen Düften die

seidenweiche Luft gebadet.

Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß tauchend, die Insel, das

Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege's

Himmelreich und das ihre.

Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die

Vielzuvielen und Zusammenhängenden wohnen, der dichte, drückende Schwarm

der Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück des

Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen Willens.

Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefühlt.

Wie war das gekommen, daß sie anders war? Ein Trotz für sich und ein

Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und

eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung

wuchs, daß die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held

erstehen müsse, der Alles erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und

sie die Heldin des Helden?

Wie war das gekommen?

War's eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in

gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre

Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden

Elementen lud?

Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich's zu deuten in gegenständlichen

Bildern, da die erklärenden Worte versagten.

War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand?

War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht des jauchzenden Frühlings,

als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das

Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwämme

sie in Blitzen?

Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur

dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mußte? Konnte sie

darum nimmer von ihm lassen?

-- Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im Traume.

So verging die Zeit.

Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung.

Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf.

-- Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Höhe! Grege! Grege!

Was war das Alles? Was?

Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte

ihren Körper zu voller Höhe. Fremd. Allein.

-- Grege! Grege!

Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in's Leere.

Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme.

* * *

Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreißig Klafter

tiefer, als die übrigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde.

Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwärmter

Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß

keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger

Schnüre für die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner

runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel.

Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso

hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag.

Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung

der Teutaleute bezügliche.

-- Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem

fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend.

-- Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige Oberrichter.

-- Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lächeln.

-- Also Alle glücklich, nickte Ao.

-- Wie üblich, bestätigte Kaspe.

-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte

Soundso. Ich meine, es müßte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein.

Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem

feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem

zarten Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch die

Temperaturorgel.

Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar.

-- Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell?

fragte wieder Soundso. Ich meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel

Kerze zu hell sein.

Alle stimmten bei.

Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat

spielte, mit einem feinen Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit

in den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten um die Idee einer

Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der

Zeltgewebe und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen

Räthe empfanden die schwache Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen

Behaglichkeit.

-- Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für das gemeine Volk hat sich

bewährt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei

Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am

Rücken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch

Schwinggondeln mit Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt?

-- Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas

geknickte Gestalt erhebend.

-- Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der

gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt ist das gemeine Glück, dank der Idealität

unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin,

durch beider Willen, ihrer frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im

geheiligten Amte stehe -- sprach der Oberpriester in schläfriger

Feierlichkeit.

-- Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du

schläfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im

weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat.

-- Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort.

Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte in einem winzigen

Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war.

Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II

zwischen Achtundzwanzig und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen

Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und

Fünfzig gut, Abtheilung V Rest ungenügend.

-- Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen müssen. Vielleicht, daß er

eine Abkürzung der Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der

Abtheilungen nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao schlafsüchtig.

-- Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene,

es liegt in der Natur, daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden

und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen.

Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte.

Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung.

-- Natur? rief er merklich überrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in

Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe

und Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begründen

sich darauf, daß wir über die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit

Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir.

Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik,

das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet.

Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte,

ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hören.

Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer

größeren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache

auf den Grund geht. Du bist gewarnt.

Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen Ao schon lange nicht

mehr gesehen.

-- Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, daß er sich

so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden

Zwinkerblick auf Soundso.

Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste Lammsmiene aufgesteckt, als

hätte er nie das kleinste Wässerchen getrübt.

Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus

wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei

ernste Gefahr im Verzuge ist.

Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang ist durchaus normal und

giebt zu keinen Befürchtungen Anlaß, so lange wir in der Lage sind -- und

wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets -- den Slavakos die festgesetzte

Zahl an jungem Tauschvolk alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung

der bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können sogar, bei der

nächsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schätzung unserer Leistung

hinaufgehen und stärkere Gegenleistung fordern.

Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrücken.

-- Eines Tages möchte sich's doch ereignen, daß Teutaland nicht mehr so

viel Tauschvolk produzirte, um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten.

Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin

kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. Auch die Surros kriegt man auf die

Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches

Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die

Landwirthschaft zu zerstören und uns ganz den Künsteleien der Techniker und

Chemiker zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage

Greges. So hängen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil

zustößt, sind wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß sie

unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit wollten wir sie dann

verpflichten? Oder sie führen ein System des Lebens ein, das ihnen selbst

genügend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner

Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken.

-- Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im

Gegentheil immer nachdrücklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein.

-- Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit vollkommen bezwungen zu

haben schien.

-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den

Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den

Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse

vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji

nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute

Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre

Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . .

-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere

Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere

Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere

Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend

geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und

sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier.

Liegt nichts Verdächtiges vor?

Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er

wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine

neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und

damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen.

-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen

Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere

Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende

Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften

Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere

vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute

geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen

Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden

sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir

kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer

der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger

Angriffspunkte bieten wir.

-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß

wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das

Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus --

gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin

die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit

drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren

neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen?

Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube

nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen

Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen.

-- Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das

ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten!

-- Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und

Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen,

welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche

machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's.

-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf.

Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne

Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens,

der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der

die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände

in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in

der höheren Region harrten.

Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr:

-- Der Alte wird schwach.

-- Ein Idiot.

* * *

Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und

schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick

war seltsam unruhig.

-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu

einem neugierigen Lächeln.

-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung.

Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen.

-- Heillose Worte? Von Seite Aos?

-- Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz.

-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist

er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen?

-- Hm.

Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand.

-- Na, Hoheit?

-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: »Worte sind

Schall und Rauch.« Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel

zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt

. . .

Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit.

-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt?

-- »Worte sind Schall und Rauch.«

-- Hab' ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte

nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in

jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die

nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und

stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer

Wissender?

-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte

hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt.

-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare

Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung,

Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- --

Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen

Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten.

-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die

Ohrmuschel steckte.

-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte.

-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der

Wochensitzung. Worte, Worte, Worte.

-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren?

-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten.

-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.

-- Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß.

-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem

Siegel der Verschwiegenheit.

Aug' in Aug', daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am

Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du?

-- Probleme, herrliche Probleme sogar.

Dann blickten sie sich starr an.

-- Soundso?

-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig

sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen

Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in

unserem musterhaft gesunden Land?

-- Ich ahne, Bim.

-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister

hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still

verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor

dem Oberpriester auszusprechen.

-- Und vor dem Oberpriester!

-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche

Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch?

-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche

Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig.

-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen,

ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur

verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der

Urstoff.

Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck

über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder,

aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde

entschlüpften klügere Worte.

-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht

Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme

werden hervorsprießen, neue --

Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und

legte die rechte dem Sprecher auf den Mund.

-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh!

Entwi-- Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres

staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf

dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines

Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber

entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist

nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung -- wem

schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- --

Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten.

Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet.

Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe:

-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch

einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prüfen. Du hast

die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes

beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit.

-- Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit.

Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den

aufsteigenden Aerger zu dämpfen.

Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter,

es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Größenwahnsinnige dabei, dem

nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich

ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend

werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten

Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen

Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem

unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen

weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute

mit solchem Eifer wacht!

Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein

Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt

damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die

der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt?

-- Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer

wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir

noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit

meiner hohen Kollegen immer näher komme?

-- Wieso das?

-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist

als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein

Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an

der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein

Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die

Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe

war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das

Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre

des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch

ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all' die großen Reiche des

Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre

noch?

-- O, Hoheit.

-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?

-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter

Verfassung.

-- Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei

der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die

Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung

durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter

wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?

-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet.

-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh?

-- Aber, ich bitte.

-- Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne?

-- Die sitzen noch ganz solide.

-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen?

-- Ich begreife nicht, Hoheit.

-- Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat

verzichtet.

-- Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich,

daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu

schärfen.

-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der

Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt

überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen,

wirklich, Bim?

Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen -- es war keine vollständige

Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen

hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager.

Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort:

-- Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind

zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt?

-- Nie, Minus.

-- Hättest Du's doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr

erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden,

Bim. Warum läßt Du uns sterben?

-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.

-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an

der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich.

-- Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen?

-- Weil sie zeitgemäß sind.

-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit.

-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.

-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus.

-- Verschwende ich ihn?

-- O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin -- --

-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich

vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu

leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns.

Oberphysikus, Amtsgeheimniß!

Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem

stand's nicht richtig.

Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an.

Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine

Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen.

-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die

den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt?

Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und

weinen, die Unerbittlichen.

-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß

nicht, Minus.

-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen

sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden.

-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen

Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten

Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da

kam's zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch

schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das

besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem

Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die

Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke

doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig

sterben, Minus.

-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend!

Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir

wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat.

Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in

Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du

wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt's drauf ankommen. Du willst

gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart.

-- Minus!

-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch.

Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn.

Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten

die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus

der Ueberdruß, der Unmuth.

-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir

flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns

anvertraut -- --

-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- --

-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Späher

hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das

nicht?

-- Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in

Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner

Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich.

-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus.

-- Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil

wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles

Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen!

-- Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus.

-- Ist's das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie

Obere, die sich mit »Hoheit« anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte

Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und

liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes,

wie die Vögel des Himmels.

-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist

Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus

alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei

davon, drum kann ich ruhig reden.

Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander

geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von

keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?

Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen

unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an

unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich.

Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen.

Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.

-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere.

-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund

geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil

es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen

vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und

Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt,

gründlich.

-- Haben wir das, alter Bim?

-- Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles

ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten

bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand

ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die

anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut.

Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie

hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört,

außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit

ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! --

Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so

wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte,

es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung

altbekannter Dinge.

Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug.

-- Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein

Mensch weiß was. Jala, Unglückliche!

-- Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung

zur Beobachtung. Dann entwich sie -- --

-- Das sagst Du mir jetzt erst?

-- Fragtest Du?

-- Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte!

-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie

wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und

unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig.

-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hüte Deine Zunge.

-- Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine

Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um.

-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Närrin und -- mehr als Eine. Schluß. Fahr'

ab.

Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür.

* * *

Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete

das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne

Sterne.

Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige

Gesang der Wellen am Strande.

Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes

Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in

dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über

die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wüthender Heerfahrt.

Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand

umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine

Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von

wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und

Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten

Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des

Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei

günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres

gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere

verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.

Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus

entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam

hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des

Daseins zwischen den Dünen.

Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer

forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine

Gewalt am schwächeren Nachwuchs.

So gab's keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten

der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen,

die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst

verschwundenen Epochen bis an's Meer stießen, den Ur gejagt, war das

Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen

Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.

Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger

werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters

hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.

Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen,

die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von

waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten

Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen

und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten,

unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen,

und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte

und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander

losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.

Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem

kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium

erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in

hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos

den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen

mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut

gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß

unter ihren Fußtritten die Erde gebebt.

Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren

zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen

Männer mit der unermüdlich behenden Zunge.

Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber

wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend

aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und

der Wolkenhimmel in Schlünden und Abgründen schmetternd versinken, da klang

das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich.

Nein, es konnte keine Fabel sein.

Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch,

wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die

große Helle und Stille über sie kam.

Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande,

hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt

herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei

Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas

Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die

aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende,

unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender

Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz.

-- Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange

keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem

Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten

See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in's Tausendste

fabulirt hatte.

-- Alles kehrt wieder, Willem Mom.

-- Schlechtes Wetter, jawohl.

Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten

schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm

der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel.

Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.

-- Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne

Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die

tausend Menschen faßten.

-- Das ist vorbei, Fix.

-- Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die

faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über

Brücken.

-- Das kommt nicht wieder.

-- Warum, Willem Mom?

-- Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen.

-- Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein

kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie

auch wieder satt.

-- Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat

sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.

-- Jawohl.

-- Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem

Metall. Jetzt thut's ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie

man will.

-- Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he,

Willem Mom!

-- Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten

nicht einmal unterwegs.

-- Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab' ich

mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.

-- Ich sag' Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut,

als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten.

-- Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu

sehen, nach Teuta.

-- O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer

tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen.

-- Wenn einmal die Wolken 'runterbrechen, müssen sie alle miteinander

ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine

Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser,

Willem Mom!

-- Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles

trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie

nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen.

-- Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?

-- Das haben sie sich abgewöhnt, Fix.

Fix lachte.

-- Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was

glaubst Du von ihrem Essen?

-- Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt.

Fix lachte wieder.

-- Na, hör' mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen,

denn zu sehen ist da wohl nichts.

-- Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in

die Erde, wo's hübsch warm ist.

Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.

-- Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit?

-- Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen.

Wär' auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr.

-- Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört' ich.

-- Das schon, wenn auch ungeheuer selten.

-- Nun also, Willem Mom.

-- Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder

sie haben etwas Verrücktes angestellt.

-- Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so

Einen?

-- Jawohl.

-- Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich

denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst

Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu

sehen? Es rührt sich nichts.

In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und

Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter.

Plötzlich war's, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als

würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in

einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit

tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf,

gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles

Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth.

Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit.

-- Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was

sagst Du dazu, Willem Mom?

Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte

den Kopf vor, um schärfer zu sehen.

-- Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du?

-- Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo?

-- Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt.

-- Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande

sein?

-- Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.

-- Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist's weg, rechts hinein. Am Ende doch

nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom?

Meinst Du?

-- Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet.

Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts

gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe

vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des

Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand

grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab.

-- Mehr nach rechts, Willem Mom.

-- Dort liegt's, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein

könnte?

-- Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.

Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im

nachgiebigen Sande.

-- Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom.

Nun standen sie davor.

-- Heda! rief Fix.

Willem Mom beugte sich schweigend nieder.

-- Greif nicht zu, lass' mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere

Seite tretend. -- Heda, rühr' Dich!

Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich,

ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem

Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen.

-- Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.

-- Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden.

-- Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht.

Wär's nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in

einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was

wir von oben gesehen. Glaubst Du?

-- Lass' mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix.

Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen

Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend.

-- -- Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass' den Arm und fühle nach dem Puls!

Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und

seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren.

-- Ich finde keinen Puls, Willem Mom.

-- Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix?

-- Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder

sind schlank und zart. Ich will's noch einmal mit einer Anrede versuchen.

-- Schweig', Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir

müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die

Handflächen kräftig. Ich will's an der Brust und im Rücken versuchen.

Und schweigend machten sich die Männer, an's Werk.

Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen

schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie

elegische Musik.

Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des

Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien

und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen.

Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme.

-- Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger

zucken.

-- Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine

Schulter, Fix.

-- Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch

Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm' zu Dir und zu mir!

-- Sei kein Narr, Fix. Lass' los, ich bin Manns genug.

-- Willem Mom, ich sag' Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die

Augen auf! Siehst Du mich?

Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen

kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte

davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.

Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam

hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt,

ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend.

Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden

Blicken die Finsterniß durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden,

von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung

und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die

schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange,

wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender

Arm und suche sich um seinen Hals zu legen.

-- Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark.

Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner

Last zu Boden.

Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch

gewaltsamer an sich preßte.

Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der

erste Laut, der wie >Grege< klang.

-- Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme.

-- Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster

Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten.

-- Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz

Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung,

das Weib auf sein Knie ziehend.

-- Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich.

Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche

weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte.

Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie

in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen

Gesichts zu erspähen.

-- Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich

schütze Dich!

-- Schweig', Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner

Heftigkeit.

Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.

Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam

die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war

ansteigend und schwierig, und so war's das Vernünftigste, sich in die Last

zu theilen.

Dann ging's vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein

Wort.

An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die

Willem Mom's, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein

kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen.

-- Hier Vater, mach Platz' auf dem Lager, wir bringen menschliches

Strandgut. Ein Weib.

-- Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.

Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.

-- Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens.

Warmes Lager und einen warmen Schluck.

Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.

Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem

wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte.

-- Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.

-- Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.

-- Ist Grege da?

Die Männer sahen sich an.

-- Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.

Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt,

die Hände über der Brust gefaltet.

Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame

Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß

sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete

den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so

edler Schönheit.

Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig

hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür.

-- Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt.

-- Oeffne die Augen, sieh' uns an, bat Willem Mom.

Endlich bewegten sich ihre Lippen: -- Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum

Sehen.

-- Sie redet irr, flüsterte Fix.

Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems

spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und

Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern.

Fix entging er nicht.

-- Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber

schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit

eigener Beobachtung beschäftigt.

-- Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone.

Wie heißt Du?

-- Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.

-- Die??

-- Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.

-- Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.

Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: -- Nicht möglich? Es giebt

kein Unglück, das nicht möglich wäre.

Dann, gegen das Lager gewendet:

-- Ist's wirklich so? Bist Du blind?

Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen

enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne.

Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer

Schmerzenszug.

-- Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet.

Sie nickte und seufzte:

-- Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles

sagen.

-- Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander.

Der Frühwind sprang über's Meer und jagte die Thür auf.

Flammend grüßte jetzt die Sonne in's Gemach.

Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen

geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren

Rettern.

-- Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz.

* * *

Die Luft klar wie Krystall.

Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und

Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften

getragen.

Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.

Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.

So ging's die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.

Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten

gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war

kaum mehr zu schätzen.

Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen

Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu

und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.

Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden

Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte.

Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose

Flug spottete jeder Berechnung.

Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und

die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols

näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.

Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes

Land in ungeheuren Flächen zu erkennen.

-- Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen

zum Verschnaufen, spottete der Jüngere.

-- Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den

Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in

dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und

sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den

Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?

-- Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen

Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das

erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen,

aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.

Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders

der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe.

Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den

Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst

seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht

am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in

dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine

Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde,

nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen

Noth.

Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den

ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein

Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner

knirschenden Betäubung vollständig.

Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an

ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.

-- So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust

bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.

In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen

Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen

bestimmten Gedanken denken konnte.

Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des

Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten

vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie

sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem

Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an

ihn.

-- Nimm's uns nicht übel, wir hatten's besser mit Dir vorgehabt. Wir werden

Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind.

Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst

Du frei sein, Flüchtling?

Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.

Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen

in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr

Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und

lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte

er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr

Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der

Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in's

Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod

Verbündeter.

Nur wenn er an Jala dachte, war's mit seiner Fassung vorbei.

-- Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler

Anfang. O über die verwünschte Wunde!

Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die

schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele.

Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne

wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller

Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte

auf die bittere Erregung.

-- Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er

seine Peiniger.

-- Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher

schließen den Zweifel aus.

Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und

lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben.

Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an.

Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die

Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot!

Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen

Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er

mochte nicht fragen.

Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein

Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber.

Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel.

In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem

Glanz.

Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von

einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.

Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in

dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht

und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen

dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität.

Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in

das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner

ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste

Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben

vermochte, in diesen fremden Regionen.

-- Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber

zu lösen, und über die Stupidität geht nichts.

-- Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.

-- Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme,

die Augen aufschlagend, wie im Traum.

-- Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir

sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere.

Lass' ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch' Dir den Mund. Wir thun

das Gleiche.

Grege versank in Schweigen, das auf's Neue zu einem schlummerähnlichen

Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so

unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos,

und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren

Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem -- -- so verwandelt -- -- --

Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen

Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen,

von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.

Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.

Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich

damit seinen Bart.

-- Originell ist er immerhin, dieser Typus.

-- Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In

normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer

zu stehen kommen.

-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt

vorausgesetzt.

-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir

gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlünden zwischen

Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer

Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.

Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte

es seltsam.

-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender

Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den

Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod

und Leben.

-- Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists

gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?

-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine

Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und

wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der

Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht

von der richtigen Stärke.

-- Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der

reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die

verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte

befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt.

Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern

wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns

ein anderes Exemplar einfangen.

Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich

stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine

Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand!

Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und

Sinnloses -- ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände.

Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen -- --

Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den

Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.

Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug

Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte

Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die

schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er

in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die

Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den

Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.

-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht,

seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.

Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen,

blutigrothe.

-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.

Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag

von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner

nieder.

Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strömung hob das

Fahrzeug.

-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! --

* * *

Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.

Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug

von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.

Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm

aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine

neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.

Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen

Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein

Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.

Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches

gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und

wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.

Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der

Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!

Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth

wieder.

An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die

Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.

Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen

Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.

Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war's vorbei.

Grege verhehlte sich's nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer

Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und

Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu

unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe.

Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand

er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.

Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten

herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.

-- Möchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste

und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du,

daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?

Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:

-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?

-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von

Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.

Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm

eine.

-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir müssen den Rest eintheilen.

-- Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.

-- Warum hoffst Du das?

-- Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!

In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß

sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei

andere Fahrzeuge hielten.

-- Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht's gut,

werden wir uns schleppen lassen.

-- Und dann?

-- Dann kehren wir heim.

-- Wie verstehst Du das?

-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht

fern. Dort ist unser Ziel.

Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die

Gefangenschaft.

-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn

in's Auge.

-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter

Harmlosigkeit.

-- Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!

-- Du wirst unser Gast sein.

-- Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.

-- Und wenn mir das nicht behagt?

-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.

-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will?

-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu

feiern. Ist Dir das zu wenig?

Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die

unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn

noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich

stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine

weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das

Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.

Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei

meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht.

-- Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.

-- Was für eine Rechnung?

-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine

Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.

-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist

Du!

-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.

Heiß stieg's in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und

Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er

als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?

Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu

richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten.

Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.

Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht

unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta

galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!

Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner

Flucht aus Teuta klar.

Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn

aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer

Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und

Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt

galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.

Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf

gegen die, die vor ihm sind.

Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den

Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird

sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.

Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er

drückte die Hand auf die pochende Brust.

Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er

brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage

besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und

setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine

Legion aus dem Boden.

Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz

gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.

Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß:

Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die

Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten

vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus

ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.

Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick

seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen.

Sogar für die Weisesten im hohen Rath.

-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe

her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo

mit boshaftem Lächeln.

-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.

-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken

gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den

Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes

Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf

los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.

-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge,

Schurke immer und ewig.

-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter

gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts,

ich bitte Dich.

Grege's Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz

zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!

Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine

weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft

durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?

Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines

Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.

Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und

berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung

ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber

er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls

würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in

Sicherheit zu bringen.

Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschäftlich

verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen

Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die

ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und

Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang

gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen

Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl

schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle

Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung

reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte

für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut --

Kalkulation und kein Ende.

Da -- alle Wetter!

Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.

Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die

Erde.

Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede

gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm

nachstürzen, wär' sicherer Todessprung.

-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!

* * *

Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus

erlebt. Was ihm nur plötzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, daß er

jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz

senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu

behelligen!

Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese

wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.

Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Blätter und Tafeln, dann

schob er sie ärgerlich bei Seite.

-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben?

Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74.

Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen

hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell

genug. Was meinst Du, Minus?

-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt.

Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider.

Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.

Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:

-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!

-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester,

Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.

-- Sag' Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir

haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch

dieses vertuschen? Denk' nach, Minus!

-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er

war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir

hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest,

wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann.

Ao machte ein bekümmertes Gesicht.

-- Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge

das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf

das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.

-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen

wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch

entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung

vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag's zum Grundgesetz unserer

Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich

zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber,

Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig

verschwunden?

-- Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine

Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von

Staatswegen und Augenweide für Alle.

-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.

-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen

Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.

-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen

Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell

war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp

hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er

war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person.

Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein

großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß

machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er

königlich.

Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte

er mit speckiger Stimme:

-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant

ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.

-- Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und

doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel

Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.

Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.

-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim

nicht Rath?

-- Geh' mir mit Bim!

-- Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn

da nichts machen?

-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst

gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- läßt sich daraus ein

Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?

-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine

persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden

sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als

Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.

-- Du thust Dich leicht, Ao.

Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie

Glaskugeln:

-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an

kein Weib!

-- Soll ich's an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.

Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.

-- Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die

Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath,

fügt sich's nicht in's Gesetz!

-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!

-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf

ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen

Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche

Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib

und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich

erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig

und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal

steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .

-- Gut, ich werde ein Ende machen.

-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten

Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende.

-- Noch vor dem Zarathustra-Fest.

-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig.

Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom

Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um

Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden

mit Deinem Herzen.

-- Gewiß, das will ich.

-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit

dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und

Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei

Schwierigkeiten, Du verstehst mich.

-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.

-- Und nun verlaß' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung

geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die

Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?

-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl.

Minus kämpfte schwer.

Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht

Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut

wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag

sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit

verschlechtert.

Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den

sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der

nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er

thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum

Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?

Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich

als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von

Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug

und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten

die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.

Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für

Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden

Hinsiechen sich von selbst verstopft?

Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen

Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache

Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit.

Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit

über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten

Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn,

Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit

Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten

kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst

mehr ernst nehmen kann.

-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe

Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .

Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.

Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er

durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region

zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten

Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.

Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie:

Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der

Gefühle, Schwelle des Unbewußten -- trennte die Männerhauptstadt vom

Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen

Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit

in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der

Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.

Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege

streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.

Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte,

zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug

sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des

verminderten Lichts.

-- Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen

Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.

Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:

-- Soundso grüßt Minus, Hoheit.

-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?

-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.

-- Kehr' ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.

-- Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei

Titschi.

-- In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du

kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden.

Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in

mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen

Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung.

-- Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein.

Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.

Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.

-- Darf ich Mitwisser sein, Soundso?

-- Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton

etwas erhöhend.

-- Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?

Soundso blieb stumm.

-- Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?

Soundso seufzte wollüstig.

-- Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die

apokalyptischen Leuchter stehen?

Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter

gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.

-- Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat

das Mondlicht Dich wonnig umflossen?

Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte

. . .

-- Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir's gefällig?

Soundso räusperte sich. -- Kann ich leise sprechen, hörst Du?

-- Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?

-- Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung

. . .

-- Wenn Du den Namen verschweigst, denk' ich an Jala. Einverstanden?

Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn.

-- Hat man Spuren? Nähere Umstände?

-- Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.

-- Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist's so?

-- Du sprichst im Bilde, Minus.

-- Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.

Soundso schwieg.

-- Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?

-- Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.

-- Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet

ihr seiner los sein?

Soundso schwieg.

Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören.

Die Pause verlängerte sich.

Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von

sich entfernenden schleichenden Schritten.

Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen

eigenen Athem.

Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.

-- Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem

Gruß, bitte.

Eine Weile tödtliche Stille.

-- Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde.

Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und

unerfreulicher Ausgang, dachte er.

-- Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte

gegen den Hintergrund.

-- War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich

mich zurückziehen?

Es ward ihm keine Antwort.

Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden.

Plötzlich stand er im Dunkeln.

-- Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine

Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht

seine eigenen Wege schließlich.

Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und

er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.

* * *

Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst

fühlte er sich nicht.

Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht

ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die

im Schlafe stets ein wenig geiferten.

Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im

Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die

Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.

Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der

Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach,

das viele Denken.

Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das

lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten

vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen

rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide -- das strengt an, kein

Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der

Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles

klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles

schön klappte.

Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst

konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu

schlichten.

Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende

Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der

nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren.

Da können sie in alle Winkel leuchten.

Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder.

Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter

Kadenz. Eine ganze Arie.

Ao wälzte sich in Positur.

Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein

Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch.

-- Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die

Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst

die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund.

Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft.

Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch

mit dem Tastwerk.

-- Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben.

Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den

Tasten spielen.

-- So, jetzt kann's losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll

mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb?

Besser finden sie's doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da

ist kein Halten mehr.

Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat.

-- Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist

mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab's ihm eindringlich genug

gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht

erstatten. Ich lasse Minus grüßen.

Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen.

Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein

schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft

an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer!

Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche.

Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das

flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase.

-- Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten

mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus -- was?

Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär' gegen alle Verabredung. Soundso

bezeugt's? Dabeigewesen? Das lass' ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine

Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich

einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung,

Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der

Irrthum wird sich aufklären. Ich hab' jetzt wirklich an Anderes zu denken,

wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles

durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen.

Schluß.

Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen

Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen

zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.

Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen

weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe,

schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal

befördern.

Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit

mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein

spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande

käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten,

wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich

der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre

stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute

schließlich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren

zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes

richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von

keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das

Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und

die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im

deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte

Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht

feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren

zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender.

Plötzlich war Ao hereingehuscht.

Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:

-- Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle.

-- Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer

Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?

-- Wie das ganz Teuta's. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten

Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen.

-- Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die

Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum

ließ ich Euch hierher bitten.

Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen

orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:

-- Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz

zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine

pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte.

-- Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen,

noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen

liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte

Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise

des Ueberlieferten nicht in unserem Staate.

Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten,

leise wippenden Fußes.

In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert · 第 3 / 9 题