ihren Händen an seine Hand geklammert hatte. Er fühlte wohl, es war
ihr ein wenig Trost, ihn zu sehen. Vermutlich nur um des zufälligen
Umstandes willen, daß er Arzt war -- daß sein Gebiet ein total anderes
sei, kam ihr vielleicht gar nicht zum klaren Bewußtsein.
Aber da oben saß sein liebes, junges Kind, und da war auch seine Frau
-- zwei Herzen, die in Spannung und Ängsten lebten -- die schon mit
tausend Fragen auf ihn warteten. Und denen er sehr ernste Dinge zu
sagen hatte.
Er sprach aus seinen schweren Bedenken heraus: „Sie gefällt mir nicht
-- gar nicht gefällt sie mir, die junge Frau -- leidenschaftlich, wie
sie ist -- und ganz mürbe -- man könnte ihr wohl eine Verzweiflungstat
zutrauen ...“
Emmich sah ihn groß, mit offenem Mund an.
Hin und her dachte der Geheimrat.
„Wenn du mir auch telephonieren würdest, sobald die Lage sich hier
verändert -- es dauerte doch zwei Stunden, bis wir unten sein könnten
... wir müßten lieber für einige Tage ins hiesige Hotel übersiedeln ...
Um ihr nahe zu sein -- ja, das müßten wir ...“
„Er sagt immer ‚wir‘,“ dachte Emmich unruhig.
„Ja, es wäre das beste. Ich fahre jetzt hinauf und bereite das vor ...
Gegen Abend komme ich wieder.“
Merkwürdigerweise war er ganz umständlich -- sprach mehr als nötig über
jede kleine Nebensache -- konnte gar kein Ende finden.
Emmich mußte zuletzt wohl spüren: ein weiches Wort wurde von ihm
erwartet, ein Gruß vielleicht ... Aber er sagte nichts. Er konnte
nichts finden -- sein Herz schwieg, es schwiegen seine Gedanken.
Er war nur unaussprechlich traurig. So herabgestimmt, körperlich und
seelisch, wie er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte.
Und endlich mußte der Geheimrat sich verabschieden. Gebeugt ging er
davon.
Emmich suchte sein Zimmer auf und warf sich auf sein Bett.
Vielleicht schlief er ein paar Stunden. Jedenfalls fuhr er erschreckt
in die Höhe, als man zum Essen rief. Aus Rücksicht auf das kranke Kind
schlug man nicht den Gong.
Emmich trat, ehe er hinabging, wieder bei der jungen Frau ein.
Es war das gleiche Bild wie am Morgen. Nur schien ihm, daß die
Aufregung einer unnatürlichen Gefaßtheit gewichen sei.
Ob seine Gegenwart ihr Wohltat oder Qual sei, konnte er nicht erkennen.
Ihr Blick war so leer. Als sähe sie ihn gar nicht wirklich.
Der Tag schlich mit einer Langsamkeit hin, die Emmich unerträglich
wurde.
Ihm schien, als sei er plötzlich aus dem Getriebe des Lebens
ausgeschaltet.
Die Ansprüche des Dienstes hatten jäh aufgehört. Ein paar Wochen lang
war er von ihnen durch die Tage und oft genug auch noch durch die
Nächte gepeitscht worden, als sei ein Mensch ein unermüdbares und
unerschöpfbares Gebilde aus Maschinenteilen und nicht aus Nerven und
Blut.
Die Ansprüche seiner Braut an ihn hatten plötzlich ein Ende gefunden ...
Er fand nicht den Mut, ihr zu schreiben. --
Sie wiederum konnte ihm kein Zeichen mehr geben. --
Er hatte ja ihren letzten Brief nicht mehr beantwortet ...
Zeit und Gelegenheit hatten gefehlt? O nein -- man kann einen Gruß, ein
verheißendes Wort telegraphieren. Und das wußte sie ja wohl. Und er
schwieg ...
Nun schlich der Tag. Und hatte keinen, aber auch gar keinen Inhalt
als das unbestimmte Gefühl eines völligen Zerfalls aller bisherigen
Lebensreize.
Zweimal sah Emmich den Diener des Herrn von Gamberg in den Garten
kommen und ins Haus treten. Sollte sich wohl nach dem Kind umhören ...
Er hatte eine flüchtige Regung, fast von Dankbarkeit, daß Herr von
Gamberg nicht selbst kam -- ihm jede Begegnung ersparte.
Ja, alles, was dieser Mann tat und ließ, war von der bedachtsamsten
Vorsicht bestimmt, das war deutlich.
Das hatte etwas Entwaffnendes. Respekt sprach daraus. Vor dem fernen
Gatten der Frau, vor der Frau selbst. Vielleicht auch ein Stolz, der
keinen Flecken auf der Ehre duldet ...
Über diese Gedanken hin kam Emmich zu einer Aufwallung des
Verständnisses.
Was mochte dieser Mann wohl leiden!
Dem war es ganz gewiß nicht leicht, sich mit einer unbezwinglichen
Leidenschaft einzurichten und abzufinden.
„Das wird es keinem,“ dachte Emmich, „und er -- er hat doch offenbar
alle Hoffnung, sein Ziel zu erreichen -- wär’ er sonst hier?“ ...
Er wagte nicht den kürzesten Spaziergang. Zum Lesen fehlte ihm jede
Sammlung. Das Mitleid mit Jutta vermengte sich auf das unentwirrbarste
mit der Unruhe um sein eigenes Geschick.
Wenn er noch wenigstens die praktischen Anforderungen hätte überdenken
können, die die Lage an ihn stellen würde. Wie war denn die Lage?
Er vertrat hier den fernen Freund und Kameraden.
Aber wenn die Frau ihm nun sagte: Dein Freund ist nicht mehr mein Gatte
-- -- ich löse mich von ihm los?
Dann blieb ihm nichts, als sich schweigend zurückzuziehen. Dann hatte
er nicht mehr das Recht, ihr beizustehen. Er durfte ihr nicht einmal
helfen, ihr Kind zu begraben ...
Aber noch lebte es ... Er fand sich plötzlich roh, daß er es in seinen
Gedanken gleichsam begrub. „So eilig macht das spannungsvolle Warten
auf den Tod die Phantasie,“ dachte er.
Von Unruhe befallen, ging er wieder einmal hinauf. Jutta hatte sich,
so schien ihm, daran gewöhnt, ihn in kurzen Zwischenräumen eintreten
zu sehen. Immer fand er sie neben dem Kind sitzen, mit seltsam
ausdruckslosen, erschöpften Zügen, unbeweglich. Sie gab auch keine
Auskunft, sie überließ es ihm selbst, sich durch Beobachtung davon zu
überzeugen: keinerlei Veränderung sei eingetreten.
Manchmal war die sommersprossige Martha im Zimmer, mit irgendeiner
Hantierung beschäftigt wie jemand, der seine vollkommene
Überflüssigkeit durch Beflissenheit verstecken will. Und ihre scheuen,
kummertrüben und ergebenen Blicke hingen an ihrer Herrin, die nichts
von ihrer Gegenwart zu bemerken schien.
Als Emmich jetzt zum vierten- oder fünftenmal seit Mittag hereinkam,
fand er, daß sich das Bild der starren Wacht aufgelöst hatte.
Die Fenster standen weit geöffnet. Auf das eine traf noch die
Abendsonne, die jeden Tag um diese Zeit die Hausfront schräg in ein
belichtetes und ein verschattetes Dreieck abteilte.
Die Zimmerwand zur Rechten war vom warmen Glanz des Sonnengoldes
fast völlig bestrichen. Es übersprühte auch den dunkel lackierten
Kinderwagen und setzte blanke Punkte und Flächen auf seine Räder und
seine Wände. Die Kissen in ihm lagen leer.
Hin und her ging die junge Frau und trug in ihren Armen, auf weißen, in
unregelmäßigen Enden und Zipfeln herabhängenden Tüchern, das Kind.
Und sie sang. Ganz leise nur. Ein Schlummerlied von einfachen,
rührenden Worten.
Emmich trat heran.
Einen Moment stand sie still, blieb mit dem Oberkörper in wiegender
Bewegung, ihr Gesang wurde zum bloßen Summen, und sie gönnte ihm einen
Blick auf das Kind.
In ihren Augen war mehr Leben. Unsicherheit. Und doch auch Licht.
Er wußte nicht, wie das zu verstehen war. Vielleicht so: die Unruhe,
in die das Kind aus fast schon totenähnlicher Schwäche verfallen war,
mochte ihr als erstes Anzeichen wieder beginnender Kräfte erscheinen
... aber sie wußte nicht, ob sie wagen dürfe, daran zu glauben ... ob
es nicht etwas anderes bedeute ...
Und weil es mühsam atmete -- und von unbewußter Angst bedrängt schien,
nahm sie es, trug es umher und sang ...
Als Emmich in das kleine Gesicht sah, wußte er: die Stunde war da ...
Bärtige Männer mit braunen Gesichtern, deren Haut grob und rauh war
von der See, hatte er im Todeskampf gesehen. Und dies war ein ganz
kleines Kind, dessen Verstand noch nicht mit bewußter Tätigkeit die
Erscheinungen der Welt erfaßt hatte.
Und dennoch -- dennoch -- da war eine Ähnlichkeit. Da war jener Zug
strenger Bitterkeit, den nur die haben, die vor der letzten Not stehen
...
Die wandernde Frau ließ ihm nur den einen, raschen Blick, als solle
auch er sehen: es geht besser -- besser ...
Er setzte sich an das Fenster, das leerer schien als das andere, weil
keine Strahlenbündel hereinkamen.
„Was ist dies für eine Stunde!“ dachte er. „Hier stirbt ein Kind, und
ihm, dem es stirbt, dem hat es eigentlich nie gelebt. Und hier ist
eine Frau, die vielleicht nach dem letzten Atemzug des Kindes von dem
Mann fortgeht, dem sie es geboren hat ... Ist es nicht, als wäre dies
ganze Stück Leben nur ein Traum für ihn gewesen? Wie ging er? Aus einem
lachenden jungen Haus, darin Glück war und Hoffnung. Wie kommt er heim?
In eine Leerheit -- alles aufgelöst -- zerstoben -- ja nur ein Traum
war alles ... Seemannslos -- hartes Seemannslos ...“
Er dachte an Renate. Und in einer beinahe eisernen Entschlossenheit
sagten seine Gedanken: nein, wenn sie keine Barmherzigkeit und keine
Kraft und keine Größe hat, will ich verzichten ...
Summend floß der einwiegende Gesang durch den Raum ... immerfort ...
Und die leichten Schritte bekamen durch ihre Unaufhörlichkeit schon
etwas Schreckliches ... wie das rastlose Wandern des Unglücks ...
Der röchelnde Atem des Kindes war schwächer -- er übertönte nicht mehr
den leisen Sang ...
Und der Kopf der Mutter neigte sich ein wenig mit beruhigterem Ausdruck
-- als wähne sie, dem Kind Schlummer zu ersingen, und sei darüber
glücklich.
In Emmich wurde der dringliche Wunsch stark: Wenn doch Papa Gervasius
käme. Er hatte gesagt: gegen Abend.
Hin und her ging die Frau und sang.
Und nun schien es dem Mann, der hier auf trübseligem Wachtposten saß,
als sei das Kind ganz seltsam stumm und still. --
In jener unerklärlichen Stille, die sich von aller anderen
unterscheidet, weil sie sich niemals mehr zur Bewegung umwandeln kann
... Eine Stille, deren unheimliche Art der Verstehende spürt -- die er
in einer Aufwallung des Entsetzens ahnt. Emmich erhob sich.
Oben der ausgezerrte Lichtkegel losch fort -- wie ein Aufzucken von
etwas Körperlichem war es -- dieser jähe völlige Schatten im Raum ...
Jutta erschrak. Sie hatte den raschen Vorgang nicht gesehen -- spürte
nur eine Veränderung ... stand ... sah wie erwachend Emmich an ...
Er trat heran. Sein Mund war ihm trocken vor Aufregung. Ganz zart
sagte er: „Wollen wir das Kind nicht hinlegen ...“ Sie ließ es sich
fortnehmen ... als sei sie plötzlich wie gelähmt, ganz willenlos ...
stand wie träumend -- oder wartend ...
Und sah, mit welcher andächtigen Vorsicht die Männerhände das Kind auf
die Kissen legten ... Männerhände verstehen es sonst nicht, weiche,
warme Glieder so sicher zu heben und zu tragen ... so hart und schwer
sinkt kein weicher, warmer, kleiner Körper in die Kissen.
Mit einem Schritt war sie schon neben ihm.
Zerrte ihn am Arm fort ... Stand und sah mit weit aufgerissenen Augen
... Betrachtete wie irr das Kind. Und fiel mit einem Schrei in die Knie
...
„Sein Kind,“ schrie sie, „sein Kind ... Sein Kind ...“ immerfort.
„*Sein Kind.*“ Sie wollte es wieder herauszerren -- es in ihre Arme
nehmen ...
„Es schläft!“ sprach Emmich feierlich.
Er legte die Hand über die Augen ...
Eine unaussprechliche Erschütterung ging durch ihn hin ...
Am Boden lag die junge Mutter und weinte ... krampfhafte Zuckungen
zitterten durch ihren Körper -- schwer lag ihr Haupt in ihren
verschränkten Armen ...
Emmich bückte sich, um sie aufzurichten.
Auf einmal waren helfende Hände da: die treue Martha in Tränenfluten.
Und gefaßt und voll stiller Sicherheit der Geheimrat.
Sie trugen Jutta nach nebenan, auf ihr Bett ... Ihre krampfartigen
Bewegungen ließen nach ... es schien, als sei sie ohnmächtig.
Aber es schien nur so ... denn plötzlich fuhr sie in die Höhe: „Sein
Kind!“ rief sie, „sein Kind.“
Der Geheimrat winkte Emmich, daß er fortgehen solle.
Da war ein Frauenarzt -- da war eine treue Dienerin. --
Er fühlte wohl: das sind die zuständigen Helferhände.
Was sollte seine unerfahrene Männerhand da leisten ...
Er trat noch einmal in das Zimmer nebenan.
Dämmerung erfüllte es, traurig und beredt zugleich.
Ja, nun war die Sonne ganz untergegangen. -- --
Armer Freund --
Vielleicht in diesem selben Augenblick dachte er in stolzer
Glückseligkeit an Frau und Kind ... Und ahnte nicht, wie bettelarm
diese Stunde ihn gemacht ...
In den Kissen lag der kleine, erkaltende Körper.
Schlaf in Gott, kleiner Engel, sagten seine Gedanken.
Er ging hinaus ...
Da war Licht im Haus ... im Korridor und auf den Treppen brannte es und
verkündete, daß der Alltag seine Ordnung beibehalten, und daß man keine
besondere Notiz davon nehme, wenn der Tod durchs Haus husche.
Er fürchtete sich vor Begegnungen und vor all den Fragen, die plump und
laut und so aufdringlich dem Verhauchen eines letzten Seufzers immer zu
folgen pflegen.
Er ging in den Garten.
In Emmichs Ohr lag noch immer der Nachhall jener Worte, die die junge
Mutter, einer Besessenen gleich, ausgerufen: „Sein Kind -- sein Kind.“
-- -- Und nur dies -- und immer wieder dies ...
War das Reue?
Wie konnte man diesen Schrei deuten?
„*Sein* Kind ...“
Emmich erinnerte sich an all die bitteren, überreizten Reden, in denen
sie gesagt: „*Mein* Kind ...“
„Ich muß es ihn wissen lassen,“ dachte er, „jawohl -- schreiben -- oder
depeschieren -- ja, das ... ein Vater muß es doch wissen, wenn sein
Kind -- -- daß er nun kein Kind mehr hat ...“
Emmich ging auf die Tanne zu. Die ragte hoch und schwarz in die
nächtliche Luft hinein. Ein ganz dünner, warmer Wind stieß leise in
ihren Wipfel, so daß ein feines Knistern in den Nadeln rumorte.
Er stutzte. Da saß ja jemand. Eine Frau.
Und sie erkannten einander -- es war mehr ein Spüren und Erraten als
ein deutliches Aug’ in Auge.
„Renate!“ sagte er halblaut.
Sie stand zitternd vor ihm.
Sie hätte ihm ja um den Hals fallen mögen und weinen und betteln:
„Verzeih’ mir -- --“
Ihr Vater hatte in schwerem Kummer zu ihr gesprochen ... von all den
Zweifeln und Sorgen, die ihre Briefe in ihm wachgerufen ...
Nun wollte sie ihm zuschwören: „Ich liebe dich doch! Ich will ja alles
auf mich nehmen. Alle Prüfungen, allen Gram -- nur verlaß mich nicht
-- niemals will ich dir wieder weh tun -- still in mir stark zu werden
suchen -- nur verlaß mich nicht ...“
Aber sie fühlte: das darf ich nicht!
„Ja,“ stotterte sie, „ich bin es ... ich warte auf Papa. Er bleibt so
lange ...“
Und sie wußte kaum noch Haltung zu bewahren in dem schmerzlichen
Erstaunen, daß er sie nicht in seine Arme nahm ...
Sie hatten sich doch wochenlang nicht gesehen?
War sie denn nicht mehr seine Braut? War alles zu Ende?
„Das Kind ist tot,“ sagte er.
„O mein Gott.“
Nun stand Renate ganz wie versteinert.
„Und -- sie?“ fragte sie endlich.
„Sie -- ja, sie! Nun ist sie wie wahnsinnig -- was morgen kommt -- was
die Zukunft bringt -- wer weiß es! Sie hatte ja solche Begierde nach
Glück ... Vielleicht wirft sie sich nun einem anderen Mann in die
Arme, weil ihr die Ehe mit Malte zu schwer schien -- weil sie keine
Opfer bringen konnte -- weil sie gleich müde wurde an ihrer Sehnsucht
...“
„Wie sprichst du bitter,“ sagte Renate leise.
„Wie soll man nicht bitter sprechen, wenn man sieht, wie eine Frau
ein Mannesleben zerbrechen möchte, das er ihr gutgläubig in die Hände
gab! Das sie mit heißen Schwüren und voll Liebe hinnahm ... Das sie
dann nicht zu ehren und zu schonen wußte ... warum? Weil sie es
nicht verstand, mit ihrer Sehnsucht fertig zu werden -- weil sie die
Gegenwart des Geliebten brauchte, um zu lieben -- armselige Liebe ist
das -- besser gar keine als solche.“
Sehr hart sprach er, und Renate fühlte wohl: das war ihr mitgesagt.
Sie schluchzte auf, wollte sich durchaus bezwingen und kämpfte ihre
Tränen nieder. Sie hatte auch die Empfindung, sie dürfe, sie müsse sich
irgendwie verteidigen, und sie habe diese Härte nicht ganz verdient.
Aber er war von einem blinden Männerstolz und Trotz ganz beherrscht.
„Gottlob,“ sagte er, beinahe triumphierend, „wir sind fest geworden in
unserem Beruf. Wir verstehen uns darauf, die Zähne zusammenzubeißen.
Jawohl, wetterfest sind wir, ganz und gar. Wir ducken uns nicht, und
wenn’s auch zum Untergang zu kommen scheint. Wir sind unser Leben,
unsere Kraft, unsere Klarheit höheren Dingen schuldig. Und wenn eine
Frau nicht begreift, daß sie daran teilhat, dadurch, daß auch sie
Opfer bringen darf -- dann ist sie’s eben nicht wert, die Frau eines
deutschen Seeoffiziers zu werden! Das hätte auch Jutta sich sagen
sollen. -- Jede soll sich das vorher klarmachen! Aber wir -- wenn wir
uns denn schon mal in der Wahl vergriffen -- in Gefühlselend versumpfen
wir nicht! Auch Malte ist ein ganzer Kerl. Wenn er all dies erfährt
-- es wird ihn treffen -- kann schon sein, daß er’s Lachen für immer
verlernt, daß er ein einsamer Mann bleibt für immer -- aber er bleibt
*aufrecht* stehen -- Ja, stehen bleiben wir ...“
Dieser stolzen Heftigkeit konnte sie nichts entgegensetzen wie ein
leises verschüchtertes Weinen.
Jedes Wort galt auch ihr -- sagte ihr drohend: „Zerbrechen lasse ich
mich nicht.“
Er hörte kaum auf ihr Weinen.
Es rührte ihn nicht. Er war wie emporgetragen von einem hochmütigen
Rausch -- all die bangen Grübeleien der letzten Wochen -- all die
Gemütsbewegung der letzten Stunden hatte sich, für ihn unbeschreiblich
wohltätig, in dieser Heftigkeit entladen.
Ob das Wetter irgendwo zu schwer getroffen habe, bedachte er in diesem
Moment nicht.
Er war förmlich gesättigt von dem Gefühl, daß er beim Wiedersehen seine
männliche Haltung bewahrt hatte, daß er weder weich noch zärtlich
geworden war.
Und Renate weinte ...
„Besser jetzt weinen als später,“ dachte er noch.
Mit starken Schritten ging er im Dunkeln auf dem kleinen Platz hin und
her.
Er erschrak über einen kurzen Lichtschein, der in der Nähe aufblitzte.
Beleuchtet von der kleinen, nach zwei Sekunden schon wieder
verlöschenden Flamme eines Streichholzes, zeigte sich mitten in all
der Finsternis das Gesicht des Geheimrats, der, ein paar Schritt
entfernt, sich eine Zigarette anzündete.
Vielleicht nur, um solcherart sein Herankommen anzuzeigen. Er mochte
wohl weder lauschen noch überraschen ...
Emmich trat auf ihn zu. „Wie geht es ihr jetzt?“ fragte er rasch.
„Für den Augenblick ist sie zu kraftlos, um etwas anderes zu tun, als
still weinend in ihrem Bett zu liegen. Und was ich fragen wollte ...
alles, was hier nun nötig tut -- zu besprechen ist ...?“
„Besorg’ ich, mach’ ich,“ fiel Emmich ihm schon in die Rede.
Der Geheimrat hörte aus dem Dunkel ein leises, unregelmäßiges
Schluchzen, wie wenn jemand sich durchaus bemüht, seine Tränen
herunterzuschlucken.
Das war seine Tochter. Ach ja -- --
Weil er die beiden nicht Arm in Arm fand, konnte er sich seine Schlüsse
machen ...
„Wir wollen in unser Hotel zurückkehren,“ sagte er, „Mama wartet
da ... ich hab’ ihr nicht erlaubt, mitzukommen -- alle Frauen
haben ein Talent, sich in Erinnerungen hineinzusteigern -- das ist
Nervenkraftverschwendung ...“
„Erinnerungen?“
„Nun ja. Wir haben unser Erstes auch so verloren. Als diese da noch
nicht lebte.“ Er erfaßte Renate am Arm, schon auf dem Sprung, mit ihr
zu gehen. „Das verwischt sich und vergißt sich -- wenn neues, blühendes
Leben ins Haus kommt. -- Also gute Nacht, Emmich -- du benachrichtigst
mich wohl, wenn ich hier noch gebraucht werde -- gute Nacht -- komm,
Renate.“
Sie zögerte noch wenige Augenblicke. „Leb’ wohl, Emmich,“ sagte sie
dann leise.
Und er antwortete nur kurz, noch in einem letzten Ausklang seiner
Heftigkeit: „Leb’ wohl.“
XI
Die plumpen und lauten Dinge, die Emmich in nervösem Unbehagen
gefürchtet hatte, warteten schon auf ihn, als er ins Haus zurücktrat.
Da war Madame, mehr vorwurfsvoll und umwölkt als verbindlich, aber doch
immerhin mit der teilnehmenden Note im Wesen, die man Leuten schuldig
ist, die man für sehr zahlungsfähig hält. Sie tat, als wenn ihre
ganze Pension dem Zusammenbruch entgegengeführt werde, falls das tote
Kind nicht sofort aus dem Haus gebracht werde. Es zeigte sich auch,
daß sie schon die entsprechenden telephonischen Anordnungen gegeben
hatte, daß der Arzt unterwegs sei, und daß Beamte jenes düsteren
Geschäftsbetriebes, der hier in Frage kam, noch vor zehn Uhr zur
Stelle sein würden. Wenn die Pensionäre schlafen gegangen -- und dies
pflegten sie frühzeitig zu tun -- sollte der traurige kleine Transport
bewerkstelligt werden.
Emmich hatte Flüstergespräche mit der sommersprossigen Martha, die
immer von neuem weinte und deshalb kein praktischer Beistand war. Es
schien, als habe sie teils ein allgemeines Grauen, teils wirklichen
Kummer und dabei vielleicht auch die undeutliche Empfindung, daß sie
der Situation Untröstlichkeit schuldig sei.
Der Arzt kam, und Emmich hörte vielerlei von ortspolizeilichen
Vorschriften.
Mit ihm zusammen beschloß er, daß man das Kind leise, ohne Vorwissen
der jungen Mutter, fortschaffen müsse.
Jutta lag, körperlich von äußerster Schwäche gebändigt, ganz still --
in einem Mittelzustand von Ohnmacht und Schlummer.
Einmal trat Emmich an ihr Bett -- er sah: man konnte nicht zu ihr
sprechen.
Es mußte gehandelt werden ohne ihre Zustimmung.
Das war alles nicht leicht ... bevormundend in die Tragik eines anderen
Lebens einzutreten ...
Herbert von Gamberg fiel ihm ein ...
„Wäre ich nicht zur Stelle, hätte der Mann alles in die Hand genommen,“
dachte er. Und diese Vorstellung erleichterte ihm etwas die schweren
Stunden.
Was die Zukunft auch bringen mochte: Maltes Kind sollte nicht von
Maltes Todfeind begraben werden ...
Mitten in all dem traurigen Hasten erzählte Martha ihm einmal, daß
Herr von Gamberg wieder habe nachfragen lassen, und daß der Diener den
Bescheid vom erfolgten Ableben des Kindes mitbekommen habe. Man sah: es
war ihr wichtig. Es hatte ihr auch wohlgetan, sich mit dem Diener, der
vielleicht ihr guter Freund war, auszusprechen.
„Also nun weiß er es,“ dachte Emmich, „kann sein, daß es ihm leid tut
-- natürlich, einer Frau, die man liebt, der möchte man Gram erspart
sehen -- möglich auch, daß dieser Tod so mancherlei Zukunftssorgen
auslöscht, noch eh’ sie deutlich wurden -- es war immer Maltes Kind --
erinnerte an ihn -- hielt sein Gedächtnis, seinen Namen im Leben der
Frau ganz gegenwärtig ... kann schon sein, daß ein heimlicher kleiner
Erleichterungsseufzer sich in die Kondolenz mischt -- wäre menschlich.“
Bald nach zehn Uhr fuhren, im vorausgleitenden Licht, das in
Strahlenkegeln aus den Laternen am Bock kam, zwei geschlossene Wagen
durch die Hochsommernacht. Der Wald stand als Finsternis am Weg. Rasch
bergab ging die Fahrt.
Aus dem Schweigen des Waldes führte sie in das hellerleuchtete
Schweigen einer schon schlafenden Stadt. Vor einem Tor mit strengen
Pfeilern hielten endlich die Wagen. Alles war schattenhaft. Das Dunkel
einer Kapelle tat sich auf. Lichter, die einsam wirkten und wie
verloren in dem schwarzen Grund, blinkten und bewegten sich. Männer
tauchten auf und verschwanden in der Tiefe. Dann schlossen sich Türen.
Ein heller, klingender Ton, der Schlag von Eisen gegen Eisen, zitterte
kurz auf.
Und Emmich hatte seine Pflicht getan. Nun blieb nur noch die letzte:
morgen nachmittag den kleinen Sarg aus der Kapelle zu geleiten und in
die Erde betten zu lassen.
Er fuhr zurück. Es war gegen ein Uhr in der Nacht, als er in der
Pension eintraf. Das Haus war wie versunken in schonungsvolle Stille.
Nur eine Lampe erhellte karg Korridor und Treppe.
Ratlos stand er vor den Türen der unseligsten Frau.
Hatte man drinnen seinen leisen Schritt, sein tastendes Anhalten gehört.
Martha öffnete eine Tür und winkte ihm.
Befangen trat er ein -- von der aufwallenden Furcht benommen, einem
leidenschaftlichen Ausbruch standhalten zu müssen.
Aber seine Befangenheit wuchs und wurde zur Erschütterung, weil er ein
Unbegreifliches fand.
Die junge Frau ruhte, halb aufrecht, in einem Stuhl, am offenen
Fenster. Ihre Arme, in ganz gleichmäßiger Haltung, lagen auf den Lehnen.
Sie sah aus wie eine, die zu schwach ist, nur die Hand zu heben, zu
sprechen, zu denken -- so -- als seien alle ihre Kräfte plötzlich und
ganz erloschen.
Und dennoch hob sie ihre Hand, mit einer schweren, mühevollen Bewegung
-- -- als er vor ihr stand ...
Er beugte sich tief. Er schluckte hinunter, was ihm in der Kehle
hochquoll.
Und küßte voll Ehrfurcht vor der Majestät des Leides ihre Hand ...
„Dank ...“ sprach sie leise ...
Sie sah ihn an ...
Lange und tief ... Er verstand nicht, was dieser Blick voll Ernst und
Gram ihm sagen sollte ...
Ihm war, als täte sich eine Welt von Elend vor ihm auf ...
„Dank,“ flüsterte sie noch einmal und legte sich, die Augen schließend,
wieder zurück. --