Nachher, als er endlich zu Bett gehen konnte und eine ganz merkwürdige,

vollkommene Stille und Nacht ihn gleichsam umwuchs, so daß er sich ganz

wie verborgen darin vorkam -- nachher sah sein Gedächtnis noch immer

in diesen unbegreiflichen Blick hinein ... Und er suchte danach: was

wollte er mir sagen? -- -- Er fand keine Deutung. -- So quälte ihn

dieser Blick, daß er sich zuletzt einbildete, ein Vorwurf habe darin

gestanden.

Wofür? Sie hatte es seltsam gefaßt hingenommen, daß das Kind schon

fortgebracht sei, berichtete ihm Martha, die es ihr gesagt, als sie aus

ihrem Dämmerzustand zum vollen Bewußtsein gekommen war.

Also nein, ein Vorwurf nicht. Sie flüsterte ihm doch auch zweimal

„danke“ zu ...

Eine Frage? Vielleicht die Frage: Du willst mich richten?

O Gott, nein -- er wollte nicht richten. Man schlägt nicht noch auf

Seelen ein, die schon zerbrochen am Boden liegen.

Aber was war denn seine kalte Heftigkeit gegen Renate anderes gewesen

als Richterhochmut und selbstsüchtige Furcht?!

Mit einem Male vernahm er ganz deutlich, was er in der Dunkelheit des

Gartens mit zornigem Vorsatz überhört hatte: Renatens Weinen.

All sein männlicher Hochmut schmolz dahin. Verwandelte sich in ein

Mitleid, das ihn ganz weich machte.

Sein liebes Mädchen hatte geweint! Und er ließ sie ungetröstet.

Anstatt sie herzlich und ernst an sich zu ziehen und ihr zu sagen:

sieh, laß uns von diesem allem lernen -- laß uns begreifen, daß es in

der Liebe keinen festen Besitz gibt, daß man sie jeden Tag und jede

Stunde voll Wachsamkeit beschützen muß. Nicht gegen die Versuchungen,

die von draußen kommen, sondern viel mehr und viel ängstlicher gegen

unsere eigenen Schwächen.

Anstatt so zu ihr zu sprechen, wie er als der Reifere hätte tun müssen,

ließ er sie weinen.

Gefiel sich förmlich in Härte.

Bis sie mit einem stillen „Lebe wohl!“ von dannen ging, hinein in die

Dunkelheit.

Dies Lebewohl ängstigte ihn mit einem Male schwer. Er legte allerlei

Klänge hinein: den des Schmerzes, der Bitterkeit, des tief verletzten

Stolzes. -- Es kam ihm plötzlich nachträglich so vor, als sei der Vater

in stummem Zorn mit seiner Tochter davongegangen ...

Ja, dies Lebewohl war ein Abschied gewesen.

Einem so heftigen, ungerechten Menschen wollte dieser milde, liebe,

erfahrene Vater ganz gewiß sein Kind nicht geben.

Wenn es nur erst Tag werden wollte, damit er zu ihr eilen könne ...

Aber als es Tag war, kamen andere Pflichten.

Gerade saß er bei seinem Morgentee und hatte gewissermaßen eine

stille Beratung mit seiner Uhr. Mit ihrer Kette und all ihren kleinen

Geräteanhängseln lag sie auf dem Tisch neben der Tasse und gab ihm die

Auskunft, daß es erst sieben sei.

Er konnte auch nicht von hier fortgehen, ehe er nach Jutta gesehen

hatte. Das verstand sich von selbst.

Da klopfte es, und Martha kam herein. Sie war aufgeregt.

„Herr Kapitän -- Herr Kapitän ...“ Sie weinte.

„Liebes Kind,“ sagte er in einem Gemisch von Wohlwollen und Ungeduld,

„weinen Sie weniger, fassen Sie sich mehr. Dann machen Sie sich noch

verdienter.“

„Aber ich ängstige mich doch so.“

Ja, um ihre Herrin ängstigte sie sich. Die benahm sich wunderlich ...

Und ihr Gebaren hatte Martha auf den schrecklichsten Gedanken, die

tollste Furcht gebracht.

Seit es Tag war, kramte sie zwischen allen Sachen herum -- ordnete

dies und das -- Und sagte nicht, was es für einen Sinn habe ... Und

antwortete nicht auf Fragen.

Nur einmal hatte sie gesagt: „Du mußt nun allein in die Heimat

zurückreisen, Martha -- ich -- ich gehe anderswohin -- weit fort ...“

„Weit fort ... dahin, von wo man niemals wiederkehrt,“ dachte Martha.

Er spürte es wohl --

Aber er faßte es anders auf.

Weit fort ...

Hin zu dem anderen Mann, der sie liebte? Und mit ihm in die Welt hinaus

oder lebensscheu in die Verborgenheit hinein?

Konnte das möglich sein? So unmittelbar von dem Grabe ihres Kindes fort?

Der Gedanke war ihm so hart, daß er fast wünschte, die Auffassung

dieser treuen, ergebenen Dienerin möchte die richtige sein.

Wär’s nicht milder, dem fernen Mann zu sagen: Dein Weib wollte ihr Kind

nicht überleben, sie beging eine Tat des Wahnsinns -- als sagen zu

müssen: Dein Weib lief sofort mit einem anderen davon, sie beging eine

Tat der Unwürde.

„Wir wollen gut aufpassen,“ sagte er nur.

Das war ein übles Amt, und es machte die Stunden nicht kurzweilig, daß

er es vor sich und vor der Frau zu verstecken trachtete, wie er hier

eigentlich als Spion und Wächter sich herumschlug.

Er sah Jutta nur auf wenige Minuten, um ihr zu sagen, daß er mit ihr am

Nachmittag zum Kirchhof fahren werde.

Wieder machte ihn ihre Haltung und ihr Aussehen ängstlich und betroffen.

Eine fast erhabene Ruhe lag über ihrem Wesen. Es war das eines

Menschen, für den es Zweifel und Kämpfe nicht mehr gibt.

Zu welcher Gewißheit mochte ihr Leid sie getragen haben?

Und hat schon jemals Wachsamkeit eine verzweifelnde Seele von einer

schlimmen Tat zurückhalten können? War er dazu imstande?

Er ging in den Garten, der ja eigentlich nur eine beschränkte Terrasse

war, darauf Tische und Stühle standen, und die ein aus Tannenästen

gefügtes Geländer gegen den Abhang schützte, aus dem Wipfel an Wipfel

sich emporreckten.

Der Tag half nicht seine gequälte Stimmung klären. Wie eingesperrt kam

Emmich sich vor, an diesen kleinen Platz gebunden, den kein Windhauch

erreichte. Von dem hinaus man in die weite, besonnte Welt sah. Es war

sehr heiß. Früh schon flimmerten Luftwellen über dem See. Der Himmel

hatte eine fast stechende Bläue.

Emmich sehnte sich bald recht von Herzen nach dem klugen Gesicht des

Geheimrats, in dem auch während des tiefsten Ernstes stets ein Lächeln

zu warten schien. Aber dies Gesicht, das einen immer wie von selbst zur

Frische und zum Mut ermahnte, zeigte sich nicht. Und plötzlich dachte

Emmich, es habe ein stolzer und kalter Zurückzug darin gelegen, wie der

Geheimrat gestern abend sagte: „Du benachrichtigst mich wohl, wenn ich

hier noch gebraucht werde.“

Dies -- nachdem er ein paar Stunden vorher extra sich in der Nähe

angesiedelt hatte, um zum Beistand bereit zu sein. Natürlich war es ein

Rückzug gewesen! Und wie denn auch nicht? ...

„Er sah, daß ich seine Tochter weinen ließ ...“

Und mit einem Male saß Emmich vor einem Briefbogen und schrieb mit

dahinrasender Feder:

„Geliebte! Ich kann nicht zu Dir eilen und flehen: verzeih, daß ich

Dich weinen ließ. Denn ich muß hier wachsam sein. Ich mußte gestern

abend nicht heftig werden. Ich mußte sagen: Laß uns an dem Beispiel der

Schwäche und des Leides lernen, daß wir stark und glücklich werden! Bin

ich denn noch -- ja, immer und ewig bin ich

Dein Emmich.“

Es fand sich zum Glück ein Bote in der Pension, der die größte

Schnellfüßigkeit versprach ...

Nun ertrugen sich die Stunden schon leichter.

Er dachte: sie wird ja nicht unerbittlich sein -- Und er lächelte

manchmal glücklich in sich hinein.

Weil seine Stimmung sich verändert hatte, war er plötzlich wieder von

Vertrauen zu ihr erfüllt. -- Das Unlogische hiervon wollte sich ihm

manchmal aufdrängen. Aber er fühlte, sich entschuldigend: ... in der

Liebe! Wer hat schon von ihr Logik gefordert? --

Auch die Begegnung wurde ihm erspart, der er voll Unbehagen

entgegensah: der Legationsrat von Gamberg zeigte sich nicht.

Und dann kam endlich der Augenblick, wo er die junge Mutter geleiten

mußte, damit sie ihr kleines Kind in das allerletzte Lager betten sähe

...

Ihm schien, als werde sie von Erschütterung ergriffen, als er eintrat

-- sie schwankte -- hielt sich an der nächsten Stuhllehne und faßte

sich gewaltsam ...

Erinnerte er sie an den fernen Gatten? Deutlicher als je vielleicht?

Weil er, der feierlichen Stunde die Ehre gebend, seine Uniform angelegt

hatte ... Den Rock, den auch der Vater des Kindes trug? War es das? ...

Aber sie schien sich rasch zu beherrschen.

In aufrechter Haltung ging sie an den Wagen.

Von schwarzen Schleiern ganz umhüllt, in Schweigen, das ihm unnatürlich

und bedrohlich schien, saß sie neben ihm. Und doch war es vielleicht

nur ein gefaßtes, sanftes Schweigen völligster Ergebung.

Er wagte nicht mit einem Wort der Frage oder des Trostes daran zu

rühren.

Ihm fiel wunderlich deutlich ein, was sein Schwiegervater gestern abend

gesagt: „Solches Leid verwischt sich und vergißt sich, wenn neues,

blühendes Leben ins Haus kommt.“ -- Ja, der sprach aus der Erfahrung

einer *glücklichen Ehe* heraus ...

Was für eine Zukunft wollte diese Frau sich aufbauen? Oder dachte sie

an keine mehr? ...

Und so, in Schweigen, kamen sie an die Pforte mit den strengen Pfeilern

...

Sie betraten den Kirchhof -- jenen wunderbaren Platz aller Melancholien

und aller Entzückungen, aller Leiden und allen Trostes.

Die junge Frau, am Arm Emmichs gehend, hielt im Schreiten inne ... Sie

sah sich um -- sah hinaus -- langsam ging ihr Blick von der Ferne

zur Nähe ... verweilte wie erstaunt auf dem weißen Marmorbildnis der

tragischen Königin, das aus Blumenüppigkeiten unterhalb des Friedhofs

sich erhob -- ein steinernes Mal, der Menschheit ein Zeichen, daß auch

ein Thron keine Zufluchtsstätte vor den Grausamkeiten des Schicksals

gewährt ...

Sie seufzte tief auf ... und schritt langsam und schweigend weiter ...

Da war eine kleine Kapelle ... da waren Menschen ... Erkannte sie denn

keinen?

Auch den hohen, blassen Mann nicht, der neben Renatens Mutter gestanden

hatte und nun herankam und ihre Hand küßte und gleich mit Ehrfurcht

wieder zurücktrat? Auch ihn nicht?

Es schien, sie sah nichts, außer dem winzigen Sarg, der eigentlich

nur ein Gehäuf von Blumen war, auf einem kleinen, mit schwarzem Tuch

bedeckten Postament.

Sie hielt sich immer fest an Emmichs Arm ...

Als sei er ihr der Nächste in diesem schweren Augenblick -- als sei der

hohe, blasse, ernste Mann ihr ganz fremd. Da war ein Priester ... Er

sprach ein tröstliches Gebet. Nicht mehr als das ...

Über ein kleines Kind, das gekommen und gegangen war, ohne vom Leben

etwas zu wissen, konnte Menschenweisheit nicht mehr sagen ...

Und dann trug ein Mann den länglichen kleinen Berg von Blumen auf

vorsichtigen Armen voran.

Es war ein winziger Zug, der folgte. Die junge Mutter wie ein Schatten

nur -- neben ihr fest und gerade der Mann im blauen Rock, der die Zähne

zusammenbiß und so stark und so deutlich an den fernen Kameraden dachte

-- als könne er ihn dadurch herbeschwören ...

Durch ferne Wasser rauschte sein Schiff -- die Flagge wehte -- die

Möwen flogen -- phantastisch fremdartige Ufer dämmerten am Horizont

-- stark und voll eherner Ruhe klang das Kommando ... am weißen Bug

schwollen die Wogen ... Und hier begräbt man dein Kind -- das du nie

gesehen -- dessen Schrei du nie gehört ...

Seemannslos, mein alter Kamerad -- Seemannslos.

Aber wir stehen aufrecht! Ja, das tun wir. Und zerbrechen nicht daran

...

Er drückte den Arm der Frau an sich, so fest, so stark, als könne er

sie damit halten, an den fernen Mann ketten.

Als hätte dieser Druck ihr weh getan -- so zog sie nun ihren Arm aus

dem seinen. Vielleicht wollte sie auch allein, ganz allein an die

Stätte treten.

Hinter ihnen gingen Renate und ihre Mutter -- in jenen leisen Tränen,

wie nur Frauenmitleid und Frauenwissen sie weinen können ...

Und dann die beiden Männer: der kleine Gelehrte mit bekümmerter

Miene und der andere -- in etwas steifer Haltung, beherrscht und

undurchdringlich wie immer ... Wie schnell war die letzte Arbeit

für das kleine Kind getan ... Emmich empfand es beinahe als etwas

Schauriges. So viel Hoffnung und Vorfreude, so viel geheimnisvolles

Werden -- all die heiße Not der einsamen Mutterschaft, die die Frau

erlitten -- all die Bitterkeit und Tränen ...

Und nun: ein paar Hantierungen -- noch ein Gebet ... Und im Grunde

eines engen und nicht sehr tiefen Loches häuften sich Blumen ... Das

war alles.

Scheu trat er zurück ... Ihm war: man muß sie wohl allein lassen. Zu

einem letzten Blick.

Vielleicht fühlten die anderen Zeugen ebenso ... eine unschlüssige,

zögernde Bewegung ging durch die paar Menschen. Da sah Emmich ganz

deutlich, daß Jutta eine Hand erhob -- ganz leise nur -- als wolle sie

sie ausstrecken -- in der Geste, die man macht, wenn man jemand halten

will. Und er sah auch: das galt dem Mann.

Gervasius’ mußten es auch bemerkt haben. Auch sie zogen sich rasch

zurück. Emmich fand sich mit ihnen im Hauptweg zusammen. Sie gingen

der Pforte mit den strengen Pfeilern zu, und zur Rechten, über die

Rosensträuche des Friedhofs hinweg, sahen sie in das gewaltige

Schönheitsbild hinaus.

Emmich wurde sich erst jetzt so recht eigentlich der Nähe der Geliebten

bewußt. Er nahm leise ihre Hand.

„Verzeih’ mir,“ sagte er, „ich war so ganz bei einem, der weit von hier

ist ...“

„Das habe ich gefühlt,“ sprach sie herzlich.

„Willst du denn noch etwas von mir wissen?“ fragte er halblaut.

„Ach, Emmich ...“

Sie drückten sich sehr fest die Hand. So blieben sie stehen und

sahen sich nach den Eltern um, die es verstanden hatten, unauffällig

zurückzubleiben.

Nun kamen sie heran, und Emmich litt kurz an jener Verlegenheit, die

reife Menschen befällt, wenn sie den Zeugen ihrer Kämpfe in die Augen

sehen sollen.

Aber die Eltern verstanden sich auf die Zartheit der Blinden. Emmich

küßte seiner Schwiegermutter die Hand.

Es schien, als sei gar nichts gewesen.

„Ja,“ sagte der Geheimrat, „wir müssen wohl auf unsere Freundin

warten.“

Und er sah an Emmich vorbei. Sie brauchten sich nicht erst durch einen

Blick darüber zu verständigen, daß sie beide voll Unruhe dachten: was

spricht sie mit ihm?

Zwei Menschen standen an der winzigen Gruft ...

Die Frau atmete schwer -- als hindere noch ein Druck sie am Sprechen.

Sie weinte nicht. Sehr bleich war ihr Gesicht im Rahmen schwerer

schwarzer Kreppfalten.

Sie sah ihn an, mit einem merkwürdigen starren Blick ...

„Ich habe nicht gewagt, dich aufzusuchen,“ begann er halblaut, „ich

hatte das Gefühl, als ob ein Feind dich bewache ... Aber du weißt es:

dein Leid ist meines ...“

Er hätte auch nicht gewagt, hier an dieser Stelle zu ihr zu sprechen

... Aber sie hatte die Hand nach ihm ausgestreckt -- vor all diesen

Zeugen -- das bezwang ihn ... Wer hätte Selbstbeherrschung von ihr

fordern dürfen, in diesem Augenblick ... Sie streckte die Hand aus nach

dem Mann, den sie liebte, der ihr Trost war ...

So nahm er es ... Wie konnte er anders ...

„Ich habe gelitten, daß ich dir nicht beistehen durfte. Aber ich

verstand es wohl, daß der andere Rechte zu haben glaubte ...“

„Herbert,“ begann sie --

All dies hatte sie gar nicht gehört. Sie hörte nichts wie das, was

sie selbst sagen mußte -- was in ihren Gedanken schon mit deutlichen,

grausamen Worten stand ... „Herbert ... Herbert -- wir -- du und ich

... wir werden uns niemals mehr sehen ...“

Er machte eine Bewegung -- in jähem Schreck ... Sah sie an ... Ihre

Blicke starrten ineinander -- wie vor Entsetzen. „Niemals ...“

wiederholte sie leise.

Er trat einen Schritt auf sie zu ... Sie wich zurück -- hielt sich mit

der Linken an eine aufrechte Marmortafel, die, mit schwarzen Buchstaben

bedeckt und von Schatten überfleckt, neben der kleinen Gruft stand.

„Besinn dich,“ sprach er halblaut, „besinn dich -- Liebe! Nicht hier --

nicht jetzt -- solche Worte ...“

„Ja -- hier -- gerade hier.“ Sie faßte sich.

„Dies Grab steht zwischen uns -- für immer --“

„Jutta ...“

Sie streckte ihm die Hand hin.

Er faßte sie hastig -- mit seinen beiden Händen -- noch voll Unglauben

-- noch voll verzweifelter Abwehr gegen diese Worte -- noch in der

Hoffnung, sie beschwören zu können ... Sie sah ihn an -- lange und

stumm ...

Sie sah die leidenschaftliche Bitte in seinen Augen.

Alles war in ihr erloschen -- wie weggeweht. -- Und dennoch -- dennoch

tat es weh, zu sagen: leb’ wohl ...

Sie begriff es nicht mehr, daß sie um seinetwillen gezittert hatte

... Und dennoch -- das Wort „niemals“ ist wie Tod ... Sie wußte: es

verdirbt sein Leben ...

„Ich kann nicht anders, Herbert,“ sagte sie sehr leise und sehr

traurig. Und wieder hingen ihre Blicke ineinander. In einem letzten,

schweigenden Kampf ...

Und in einer grausamen, tödlich demütigenden Erkenntnis begriff die

Frau es plötzlich: ihm verdanke ich es -- seinem Stolz und seiner Ehre,

daß wir schuldlos scheiden können ... Sie schluchzte auf.

„Leb’ wohl ... Und Dank ... Und vergib ...“

Sie entzog ihm ihre Hand.

Sie brach zusammen ... Die Hände vor dem Gesicht, beugte sie sich und

legte ihre Stirn gegen den kalten Stein -- der von einem fremden Leben

und anderen längst erloschenen Leiden sprach ...

Sonne und Schatten spielten unruhig über sie hin ...

Noch ein paar Herzschläge lang stand er -- wartend -- vielleicht --

vielleicht betäubt von der Gewißheit: verloren -- zum zweitenmal

verloren -- für immer verloren ... Und dann ging er -- rasch --

unbeherrscht -- Form und Schein und Welt vergessend -- ganz benommen

von dem Wissen: Verloren ...

So kam er an den Freunden vorüber, ohne sie zu grüßen -- ohne sie zu

sehen ... Ein fassungsloser Mann ... Emmich sah ihm nach. -- Was war

das?

„Der sah nicht gut aus!“ dachte der Geheimrat voll Unbehagen ... Und

die junge Frau? Was war mit ihr. In erwachender Sorge wollten sie

zu ihr zurückeilen. Aber da kam auch sie schon gegangen. Gefaßt und

aufrecht ... in einer stillen, sicheren Haltung.

Als sie sah, daß Renate an Emmichs Arm hing, wurde ihr Gesicht sogar

ein wenig hell -- wie in der Andeutung eines Lächelns ...

Sie umarmte Renate. Es war, als wolle sie sagen: verliert euch nie! Sie

wandte sich zu Emmich.

„Lieber Emmich,“ sprach sie mit einer ganz kraftlosen Stimme, deren

Klang ergreifend war -- denn sie verriet all den Gram, den die gefaßte

Haltung verbergen wollte, „für so viele Treue habe ich Ihnen zu danken

-- wollen Sie mir noch einen Dienst erweisen -- einen letzten ...“

In einem Gemisch von Rührung und Spannung, das ihn ganz benahm,

versprach er: „Jeden. Natürlich.“

Sie wurde rot. Sie schien sich fast zu fürchten vor dem, was sie sagen

wollte -- mußte ...

„Helfen Sie mir -- daß ich auf das nächste, das rascheste Schiff komme,

das mich zu -- Malte bringt ...“

„Jutta!“ schrie er jubelnd auf. „Gott segne Sie für dieses Wort.“

Sie sah vor sich hin -- sprach leise -- zu sich selbst mehr als zu den

Freunden: „Sein Kind sollte ich hüten -- nun muß ich ihm sagen, daß ich

es nicht mehr habe ...“

* * * * *

Nur drei Tage später war es. Auf dem Pier des Norddeutschen Lloyd

in Genua stand Emmich mit seiner Braut. Auch Renatens Eltern waren

dabei. Sie hatten die Scheidende geleitet, um ihr mit Liebe und

Fürsorge wohlzutun bis zu jenem Augenblick, wo sie allein ihren Weg

weiterwandern mußte in der schweren Einsamkeit ihres Grams.

Und der Augenblick war da. Die Brücke, die Bord und Pier verbunden

hatte, war schon zurückgezogen -- nach aufklatschendem Fall lag sie nun

auf den Steinen.

Der Pier, der sich als steinerner Arm in den Hafen hinein erstreckte,

glich beinahe einer hohlen Gasse, zwischen den ragenden Borden der

Schiffe, die hüben und drüben an seinem Doppelkai ankerten.

Da lag der aus Australien heimkehrende „Barbarossa“ und dehnte seinen

mächtigen Leib an den Quadern entlang, als wolle er sich ein wenig

verschnaufen, ehe er weiter ging. Oben auf seinem Promenadendeck war

es leer, nur ein paar Stewards in ihren blauen Jacken und ein Koch

mit weißer Mütze standen dort und sahen nach dem befreundeten Schiff

hinüber, das nun Anker aufgehen wollte. Mittschiffs war emsiges

Leben auf dem „Barbarossa“, da holten lautlos mit ihren beweglichen

Tintenfischarmen die Dampfwinden Stückgut aus der Tiefe des Raumes und

führten es an Stricken mit leisem Pendeln durch die Luft, um es in die

Leichter hinabzulassen, die sich an die Planken drängten.

Am Heck flatterte im frischen Wind die schwarzweißrote Flagge. Und ganz

oben, am Hauptmast, strich die Luft das weiße Stück Tuch glatt aus,

darauf ein blauer Schlüssel und ein blauer Anker sich kreuzten.

Mit diesem selben Zeichen spielte der fröhliche Wind auch auf dem

„Prinzen Heinrich“.

Ein blauer Himmel, den weiße, rasch ziehende Wolken belebten, stand

über dem Hafen und seinen aneinander gedrängten Schiffen. Bord klemmte

sich fast an Bord, dem flüchtigen Blick schien es unmöglich, Masten und

Schornsteine noch in ihrem sicheren Zusammenhang mit den neben- und

hintereinander liegenden Rümpfen festzustellen. Es war eine Wirrnis

von Linien und Farben. Die Menschenansammlung in der hohlen Gasse des

Piers zwischen dem „Barbarossa“ und dem „Prinzen Heinrich“ wartete voll

Spannung auf den Augenblick, wo sich dieser in Bewegung setzen, und wie

es ihm möglich werden solle, aus dem Gedränge sich herauszuarbeiten.

Renate und Emmich, Arm in Arm, sahen mit erhobenen Gesichtern hinauf

zu der schwarzen Frauengestalt, die sich an die Reling des Hauptdecks

lehnte. Über ihr auf dem Promenadendeck war ein unruhevolles Treiben.

Da standen die Musikstewards bereit, den Augenblick der Abfahrt mit

schmetternder Blechfanfare und patriotischen Weisen anzublasen. Da

liefen Passagiere umher, die noch nicht sich zu orientieren vermocht

hatten. Andere standen und winkten letzte Grüße hinab zu den Menschen

auf dem Pier.

Jutta stand allein, denn das Hauptdeck war in diesen Minuten wenig

belebt.

Emmich hatte sie dem Kapitän zu seiner besonderen Obhut anvertraut.

Er fand in ihm einen Kameraden der Reserve, mit dem er, als sie beide

Kapitänleutnants waren, im scharfen Dienst und bei fröhlichen Ausflügen

sich famos verstanden hatte. Der joviale und ritterliche Mann würde

schon alles tun, Jutta mit Herzlichkeit und Takt die Fahrt angenehm zu

machen.

Gut aufgehoben war sie -- da gab es keine Sorge ...

Aber die Last, die sie in ihrem Gemüt mit hinübernahm über den Ozean,

die konnte ihr eben niemand tragen helfen ...

Sie hatte nicht geweint beim Abschied. Es schien Emmich sogar, als habe

sie in der Art, ihr Haupt zu tragen, wieder ein wenig von der alten

stolzen Haltung -- es war immer so etwas Kühnes und Mutvolles darin

gewesen. Und wahrlich, es gehörte Mut dazu, den Weg zu gehen.

„Glaubst du,“ flüsterte Renate, wie sie nun so standen und zu der

einsamen Frau hinaufsahen, „glaubst du, daß sie sich wiederfinden?“

„Er ist gerecht und gütig,“ sagte Emmich zuversichtlich, „und sie ist

vollkommen wahr -- ja, das ist sie -- sie wird ihm nichts -- nichts

verbergen -- und sie würde nicht zu ihm gehen, wenn da was wäre, was

sie verbergen müßte -- dafür kenn’ ich sie denn doch ... Wie sollten

sie sich nicht wiederfinden ...“

Renatens Mutter trat heran. Sie war fraulich und mütterlich sehr

besorgt: eine so schöne, junge Frau und so allein und mit dem Kummer

... Und dann: wenn sie ihren Mann nun gar nicht mehr in Hongkong fände.

„Dann findet sie ihn anderswo ... Du glaubst nicht, Mama, wie klein die

Erde ist ... ich hab’s ihm heute früh depeschiert -- daß sie zu ihm

kommt ...“

„Ach und wenn sie ihn findet -- ob es wohl zu ihrem Glück ist? Du

sagtest einmal: sie hat eine wandernde Seele -- eine, die mit Sehnsucht

vergiftet ist -- eine von denen, für die es keine Erfüllung gibt.“

„Freilich hab’ ich das gesagt,“ gab der Geheimrat zu, „aber da hatte

sie all das Schwere noch nicht erlitten -- und und es gibt Seelen, die

erst durch einige Narben zu rechter Festigkeit kommen -- die erst im

Schmerz lernen, was für ein Gut die Freude ist ...“

Er unterbrach sich. Ein heulender Ton -- dreimal hintereinander --

schnitt ihm und allen das Wort ab.

Und alle horchten diesen dunkeln Wehlauten nach. Sie hatten etwas

Menschliches -- trotz der mißtönigen Kraft ihres Schalles. Abschied,

schrieen sie, Abschied.

Zugleich rührte sich das Schiff -- ganz behutsam. --

Vorn, neben seinem Bug, hatte sich der grüne, plumpe, kleine

Lotsendampfer angeseilt ... Der führte nun wie eine dicke, kleine,

sorgliche Mutter den großen Adoptivsohn durch das Gewühl ...

Und oben vom Promenadendeck schwollen kräftige, metallische Töne,

kriegerisch in ihrer Klangfarbe, ruhevoll in ihrem Rhythmus.

„Deutschland, Deutschland über alles ...“ Tücher wehten -- flatternde

Grüße -- zum letzten Lebewohl ...

Die einsame Frau stand unbeweglich. Aber es war ihnen, die ihr mit

nassen Augen nachsahen -- als grüße ein letzter Blick der Liebe und der

Dankbarkeit sie ...

Langsam glitt das Schiff weiter ... Das grüne Wasser des Hafens spielte

an seinen weißen Planken entlang ...

Schwächer wurde der zitternde Klang der Blechmusik -- man konnte die

Melodie nicht mehr erkennen.

Und doch lag sie Emmich noch als Nachhall im Ohr.

„Deutschland -- Deutschland über alles.“

Er dachte: „Sie hört es auch!“

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 20 / 21 段