konnte seine Tochter nicht sein, das hätte doch allem widersprochen,
was er seit ihrer frühesten Kindheit von ihr erwartete.
„Ja. Man hat ihren Glauben an Glück, an die Zuverlässigkeit ihrer
eigenen Liebe, an die Möglichkeit einer befriedigenden Zukunft
zerstört. Vergiftet hat man sie. Nicht mit Vorsatz und nicht aus bösem
Willen -- so wenig wie ein Kranker den Gesunden, der um ihn ist, mit
Absicht ansteckt ... aber er steckt ihn eben doch oft an ...“
„Du meinst, daß Jutta Falckenrott ...“ fragte der Geheimrat.
„Das meine ich, daß die unselige Frau aus ihrem zerrissenen Gemüt,
ihrem ganzen unbefriedigten Temperament heraus schädlich auf Renate
eingewirkt hat. Alle innere, freudige Sicherheit hat sie ihr genommen.
Wenn ich schon etwas bereute, ist es dies: sie zusammengeführt zu
haben. Ich sehe freilich nicht, wie ich es hätte verhüten können, ohne
den fernen Freund unheilbar zu kränken, ohne ein peinliches Aufsehen zu
erregen.“
„Daß die Frau leidet, haben wir ja immer gesehen. Aber du meinst, in
solchem Grade? ... So aller Selbstbeherrschung bar, daß ihr die junge
Glückseligkeit einer Braut nicht Respekt einflößte?“
„Vielleicht,“ sprach Emmich erbittert, „vielleicht hat sie gar
geglaubt, als Weib von Erfahrung die Unerfahrene warnen, retten
zu müssen -- was weiß ich, wie weit Frauen untereinander in ihren
Gesprächen und Geständnissen gehen.“
„Mein altes Vorurteil gegen Frauenfreundschaft!“ dachte der Geheimrat.
„Seit langer Zeit bin ich in schweren Sorgen um die Ehe meines
Freundes. Dir, nur dir und in der ernsten Lage, in der ich selbst mich
befinde, sei es anvertraut: Ich fürchte, daß in der Seele dieser Frau,
die in der Einsamkeit ganz mutlos geworden war, Liebe zu einem anderen
Mann entstand. Aus deinem Telegramm sah ich zu meinem Schrecken, daß er
hier ist. Und deshalb, nur deshalb reiste ich sofort.“
„Gamberg?!“ rief der Geheimrat so völlig überrascht, daß diese
Überraschung eigentlich wie ein Zeugnis war ...
Emmich nickte ...
„Wieder sag’ ich: unmöglich! Aber nicht ein Blick -- nicht ein Ton
verriet, daß ... Selbst jetzt, wo du’s sagst ... wenn ich kritisch
zurückdenke ... Nichts. Du irrst! Oder, wenn du nicht irrst, ist das
so tief verborgen, so ganz unter der Oberfläche, daß man nur auf
raffinierteste schuldvolle Beherrschung oder -- schwersten Ernst
schließen dürfte ...“
„Gewiß das letztere -- ganz gewiß!“ sagte Emmich mit starkem
Ausdruck. „Du wirst mir glauben: wenn ich Jutta nur von fern eines
leichtsinnigen Abenteuers für fähig hielte, hätte ich den fernen Freund
und meinen ganzen Kieler Kreis, ohne zu zögern, brüskiert und sie von
Renate ferngehalten ... Aber so! Wie sollte ich -- wie konnte ich. Und
nun, da ich dem Freund treu mein Versprechen hielt, seiner Frau ein
Bruder zu sein suchte, nun ist mir dadurch mein eigenes Glück zerstört
worden.“
„Aber lieber Emmich -- ich kenne doch meine Tochter -- die ist von
geradem Wuchs -- man kann wohl mal versuchen, sie zu verbiegen --
aber das richtet sich fest und stark wieder auf -- ihr werdet euch
aussprechen! Ihr werdet euch wieder verstehen.“
Aber indem er das mit möglichst zuversichtlichem Ton sprach, fiel ihm
schwer ins Gedächtnis, was er seiner Frau gesagt hatte: Hat Renate
nicht die Kraft zu dem, was von ihr verlangt wird, so ist es besser,
sie tritt beizeiten zurück ...
„Ich fürchte, ich verstehe sie nur zu gut. Sieh mal, Papa -- und
deshalb -- damit du siehst, wie tief das liegt, deshalb sag’ ich dir
das von Jutta ... Du wirst es mir nachfühlen: ich kann nicht ertragen,
zu denken, Renate ist vielleicht ähnlich veranlagt, könnte, im Fall
einer langen Trennung, in die gleichen Leiden und Versuchungen geraten.
Das ist eine furchtbare Vorstellung. Macht mich halb verrückt, kann
ich dir sagen ... Ich muß begreifen: dann ist es für sie und für mich
besser, wir gehen jetzt auseinander. Ich will lieber ein einsamer Mann
bleiben, als eine Frau haben, der ich nicht blind vertrauen kann. Ich
will ein Mann bleiben, ein ganzer Kerl -- ich liebe meinen Beruf über
alles in der Welt -- ich liebe auch meine Braut über alles in der Welt
-- entsteht da ein Zwiespalt -- mein Gott, er ist ja schon da! Nun,
dann muß eben das Herz bluten und verzichten! Dem Beruf hab’ ich mich
angelobt mit Ehre und Eid. Ihm untreu zu werden um einer Liebe willen
... was wär’ das, wenn ein deutscher Offizier das könnte ...“
Er schwieg ein paar Augenblicke, von Bewegung übermannt.
Ganz heiß war ihm die Stimme in der Kehle.
Aber fest mußte er bleiben -- ganz fest!
„Und -- ja -- ich muß es dir sagen -- es will kaum heraus -- und ich
wäre nicht gekommen. Und ich hätte Renate geschrieben: hier ist mein
Wort zurück. Deine Depesche zwang mich her -- ich sah, ich habe hier
vielleicht an meines fernen Kameraden Stelle zu stehen -- ihm schulde
ich Treue ... Und so kam ich ... Aber es ist vielleicht besser, wir
sehen uns nie mehr -- sie und ich.“
Mit mannhaft ruhigem Druck umfaßte die zarte Hand wieder die starke,
braune.
Und sehr liebevoll, fast als spräche er zu einem ganz jungen Menschen,
sagte der Geheimrat: „Wir wollen uns besinnen -- lieber Emmich, wir
wollen uns besinnen. Mit so raschen Worten entscheidet man nicht über
Schicksale ...“
In diesem Augenblick hielt der Wagen vor dem zwischen Eisenstäbe
gespannten Netzgitter der Pension.
X
Leider war die Pension ganz überfüllt. Madame mit ihrer künstlichen
Frisur und den spiegelnden Glanzlichtern auf den Puffen und Locken des
schwarzen Haares, Madame bedauerte verbindlich. Hatte aber doch jenen
leisen Ton von ablehnendem Hochmut, den Wirte sofort annehmen, wenn ihr
Haus besetzt ist. Ja, wer in der vielbesuchten Pension noch unterkommen
wollte, mußte sich eben lange vorher darum bewerben. Daß sie vor
einigen Tagen dem Diener des Herrn von Gamberg noch ein Zimmer habe
einräumen können, sei Zufall gewesen; es sei auch kein Domestikenzimmer
gewesen, Herr von Gamberg bezahle für den Diener herrschaftliche
Pension.
Man sah, die Frau war fasziniert von dem Auftreten des Herrn von
Gamberg, denn sie führte seinen Namen bei der Auseinandersetzung ganz
unnötig wiederholt an.
Natürlich hatte Emmich eine Anwandlung von ungerechtem Ärger.
Aber er konnte unmöglich aufpochen und sagen: jetzt bin ich hier! Ich
habe hier nähere Rechte und Pflichten! Herr von Gamberg hat sich und
seine Hilfsaktionen zurückzuziehen! Ich stehe hier, um den fernen Vater
des kleinen kranken Kindes zu vertreten. Nein, das konnte er nicht
sagen.
Man stand ein wenig zweifelnd. Der Geheimrat mochte nicht damit
herauskommen: „du gehörst doch zu uns -- du wirst mit mir zu den Meinen
hinauffahren, sobald du Jutta gesprochen hast.“
Emmich dachte: „In das Hotel, wo Gamberg wohnt, will ich nicht -- ich
will ihn vermeiden, so viel ich kann -- sonst gibt’s noch einen Krach
...“
Unterdes wartete der Kutscher, mit dem Koffer auf dem Bock neben sich,
vor der Gitterpforte.
In dieses Zögern unnützen Hin- und Herdenkens hinein kam der
Legationsrat von Gamberg.
Emmich sah ihn schon, als er, auf dem Weg unter den Tannen, hinter dem
zwischen Eisenstäben gespannten Drahtnetz ging. Wie immer in etwas
steifer, sehr gerader Haltung, in seinem hellgrauen Gehrock, ohne Hast
einherschreitend.
Emmich biß sich auf die Lippen. Und mit einiger Besorgnis sah
der Geheimrat, daß sein Gesicht sich in schwerem Ernst noch mehr
verfinsterte.
Nun erschien Gamberg in dem Rahmen der weitgeöffneten Pforte.
Er erkannte den Kapitän Hochhagen.
Und er erblaßte.
Ganz gewiß. Der Geheimrat sah es so genau, daß jeder Zweifel
ausgeschlossen war.
„Also -- ja!“ dachte er. Denn weshalb hatte Gamberg sonst die Farbe zu
verändern ...
Aber beherrscht wie immer kam Gamberg nun näher, um Hochhagen zu
begrüßen.
Er reichte ihm die Hand.
„Welche Überraschung, Herr Kapitän! Hat Frau von Falckenrott Sie schon
empfangen?“
„Ich komme in diesem Moment an und höre eben von Madame, daß das letzte
Zimmer, das noch zu haben gewesen wäre, für Ihren Diener genommen
worden ist.“
„Er kann sofort die Pension verlassen. Ich hatte es angeordnet, damit
Frau von Falckenrott noch jemand zu ihrer Verfügung habe, falls sie
der Hilfe bedürfen sollte. Ich selbst wagte mich ihr dazu nicht
aufzudrängen.“
„Zu korrekt, um unverdächtig zu sein,“ dachte Emmich.
Sie sprachen voll äußerster Höflichkeit weiter zusammen. So höflich,
daß es dem zuhörenden Geheimrat beklemmend wurde.
„Es gibt so merkwürdige Feindseligkeiten,“ dachte Emmich, während er
förmlich weitersprach. „Er hat mir ja eigentlich nichts getan. Und wenn
er Jutta liebt und in schwieriger Lage die Haltung eines Ehrenmannes
zu bewahren trachtet, sollte ich ihn eigentlich bemitleiden. Gott
weiß, woher solche Feindseligkeiten kommen. Wie in eine Wolke davon
gehüllt, erscheinen einem manche Menschen. Jeder Blick von ihnen reizt
uns. Jedes Wort benimmt uns ... wie von selbst sind wir befangen und
geärgert ihnen gegenüber.“
Ja, so von Natur aus, vielleicht nur, weil er ganz anderer Art
war, erschien ihm Gamberg als Feind. Und mußte sich doch gestehen:
er scheint wieder sehr vorsichtig gehandelt zu haben ... Denn
merkwürdigerweise und trotz aller Antipathie dachte er nie: das ist
nicht wahr, was er erzählt.
Er glaubte unbedingt, was er hörte, daß Jutta seit der Erkrankung des
Kindes ihre Zimmer nicht verlassen habe, und daß Gamberg nicht einmal
wagte, bei ihr sich melden zu lassen.
Welche Kämpfe sie wohl mit sich ausfocht in ihrer angsterfüllten,
traurigen Einsamkeit!
„Nun vielleicht werde ich es bald wissen,“ dachte Emmich.
In ihm war ein Gefühl, als müsse er auf sein Recht pochen. Es deutlich
betonen, daß er hier den Freund und Kameraden vertrete.
„Ich bin, wie jeden Morgen, gekommen, um mich nach dem Verlauf der
Nacht zu erkundigen,“ bemerkte Gamberg.
„Sie sollen es gleich erfahren,“ sagte Emmich.
Er stand noch eine Sekunde zaudernd. Ihm fiel ein: hier der Geheimrat
war ja unter allen Umständen der berufenste und willkommenste Besuch im
Krankenzimmer. Aber er hatte eine große Begierde, Jutta zu überraschen
-- sie allein zu sehen -- plötzlich vor ihr zu stehen -- wie eine
Forderung, eine Mahnung vor sie hinzutreten -- ihm war, als müsse in
seiner unvermuteten Erscheinung so etwas wie eine Botschaft liegen --
Trost -- oder Strafe ... er wußte dies alles selbst nicht genau -- er
fühlte nur das unbezwingliche Verlangen, der Frau ohne Zeugen in die
Augen zu sehen -- ihm schien, als müsse dann irgend etwas Klärendes
sich begeben -- sie werde sich in ihrer Not ihm anvertrauen --
vielleicht weinen --
„Du begreifst, Papa ...“ Der Geheimrat machte schon eine zustimmende
Geste.
Emmich sah Herrn von Gamberg fest und klar an, fast befehlshaberisch.
„Ich danke Ihnen für alle Fürsorge, die Sie gezeigt haben. Von nun
an stehe ich der Frau meines Freundes bei, soweit sie männlichen
Beistandes bedürfen sollte,“ sagte er.
Herr von Gamberg machte eine Bewegung, als markiere er eine Verbeugung.
„Wir wollen der gnädigen Frau doch die Freiheit lassen, sich zu wenden,
an wen sie will.“
„Jedenfalls,“ scherzte der Geheimrat rasch und erzwungen, „ist sie
nicht verlassen, wenn schon Rivalität entsteht, wer ihr beistehen
soll. Also, lieber Emmich: sage Frau Jutta, ich sei hier und zu
ihren Befehlen ... Kommen Sie, lieber Gamberg, setzen wir uns in den
Schatten, bis Hochhagen uns Nachricht herausschickt ...“
Und er nahm Gamberg am Arm und führte ihn fast an den Tisch unter der
großen Tanne, den besten Aussichtspunkt des Gartens.
Im Hause, wo Madame schon Befehle gab wegen der Räumung und Reinigung
der Stube, die der neue Gast haben sollte, erfragte Emmich die Zimmer
Juttas.
„Nummer neun ist das Schlafzimmer der gnädigen Frau, auf zehn ist jetzt
das Krankenzimmer; die Zimmer sind im ersten Stockwerk, rechts den
Korridor hinunter.“
Er stieg langsam hinan auf den Kokosläufern, die die Holzstufen der
Treppe deckten -- die Hand griff dabei mechanisch am Geländer vorwärts,
als bedürfe er der Stütze.
Was wird sie sagen? Was werde ich ihr sagen?
Er wußte nicht was. Unbestimmte Richtergefühle hatte er. Als sei er auf
dem Weg, eine Sünderin zu vernichten.
Sie zu fragen: was hast du aus deiner Ehe gemacht? Was hast du meiner
Braut getan? Und damit mir?
Wie friedlich ging der Sonnenstrom den Korridor entlang. Durchs Fenster
kam er und füllte mit seinem flimmernden Gold den schmalen Gang
zwischen den gelblichen Wänden. Und ganz voll von Tannenduft war er,
stark und harzig.
Über den holzfarbigen Türen, deren Rahmen ein gemalter, schlichter
Strich umgab, standen in seltsam schnörkeligen arabischen Ziffern die
Nummern.
Nummer zehn. Er sah diesen ganz gleichgültigen kleinen Umstand genau:
die Null hatte eine Schleife.
Er zögerte noch. Lauschte. Wünschte, daß sich die Tür öffnen möge
... als erleichtere das die Lage, wenn Martha etwa herauskäme oder
vielleicht sie selbst ...
Nun klopfte er. Und erschrak zugleich. Vielleicht durfte man an die Tür
eines Krankenzimmers nicht so deutlich pochen. Hier durften vielleicht
alle Töne nur halb sein.
Er meinte, man riefe „Herein!“, obschon er vor dem Klopfen seines
Herzens möglicherweise nicht genau hörte und Einbildung für Tatsache
nahm.
Er öffnete die Tür.
Und ihm war, als erklänge ein Aufschrei ...
Er zog die Tür hinter sich zu und stand wie gebannt ...
Denn dort, neben dem dunkeln Kinderwagen, war eine Frauengestalt in die
Höhe gekommen -- verharrte etwas vorgebeugten Leibes -- mit geducktem
Kopf und gespreizten Händen -- starrte aus Schreckensaugen auf ihn ...
Ein paar Herzschläge lang ...
Dann sank sie zurück -- fiel wieder in den Stuhl -- lachte auf -- oder
weinte -- es war krampfhaft -- und verbarg das Gesicht in beide Hände.
Er kam näher. Er sah, wie ihre Schultern zuckten.
Er ahnte: Einen kurzen, furchtbaren, blitzgleichen Moment lang hatte
sie gedacht: Malte!
Sie sahen sich ja ein wenig ähnlich! Und überreizte Nerven -- von
Nachtwachen übermüdete Augen -- Gedanken, die vielleicht beständig
und schwer mit dem Bild des fernen Mannes rangen -- -- wie sind die
vorbereitet, vor Phantomen sich zu entsetzen ...
Er ging leise an sie heran.
Aber sie sammelte sich schon. Nahm sich in trotzigem Vorsatz zusammen
...
Erhob sich.
„Sie sind es -- Sie!“ sprach sie.
Und dann, um sich selbst zu beweisen, daß seine plötzliche Erscheinung
doch das Selbstverständlichste von der Welt sei, fügte sie hinzu: „Ach
ja -- Sie ... Es hieß schon immer, daß Sie Renate besuchen wollten.“
Er küßte ihr die Hand. Vor Erschütterung konnte er sich nicht gleich
fassen.
Was für eine schmale, magere, kleine Hand war das geworden.
Und wie verhärmt und elend das schöne Gesicht.
„Ich komme Ihretwegen,“ sprach er ernst, „nicht um Renate zu sehen. Ich
weiß nicht, ob sie noch meine Braut ist.“
„Wie ... das?“
„Wir wollen nicht von mir sprechen,“ sagte er. „Sie mußten nur hören:
Ich bin einzig und allein Ihretwegen gekommen, um Ihnen in Ihrer
Verlassenheit beizustehen, wie es meine Pflicht gegen Malte ist.“
„Ich bin nicht verlassen,“ flüsterte sie.
Sein fester Blick fragte sie: und wer ist es, der dir beisteht? ... Sie
wich diesem Blick aus.
Er nahm es für Schuldbewußtsein. Sein Zorn, sein Schmerz wallten wieder
auf.
„Warum haben Sie das Herz meiner Renate vergiftet ... warum ihr den
Glauben genommen ... ihr bißchen junges Glück verdorben ... und meines
mit ... meines mit?“
„Hab’ ich das?“ fragte sie langsam -- als müsse sie sich erst auf ganz
ferne Dinge besinnen. Unruhe kam in ihr Gesicht. Ihre matte Stimme
wurde heiser, indem sie kräftiger sprechen wollte. „Das hab’ ich nicht
gewollt -- nein -- das nicht -- o -- arme Renate -- sagen Sie ihr ...“
Aber er erfuhr nicht, was er ihr sagen sollte.
Aus den Kissen des Wagens kam ein schwacher Ton ... Kaum vernehmbar ...
Schon kniete die Mutter neben dem Lager und beugte sich, mit gierig
horchendem Ohr und verzehrend eindringlichen Blicken über das Kind.
Es war nur ein kleiner, dünner Klagelaut gewesen, vielleicht im Schlaf
... denn die Augen blieben geschlossen und der Mund stumm.
Eine merkwürdige Befangenheit machte Emmich auf einmal unsicher. Er
begriff: über den Anblick der Frau, die ein Schatten ihrer früheren
Erscheinung war, hatte er eigentlich das Kind in diesen ersten Minuten
vergessen ...
Er hatte nun Angst davor, an das Kind heranzutreten -- eine
lächerliche, feige, kleine Angst -- er, ein Mann, der schon ernsten
Gefahren kaltblütig ins Auge gesehen ...
Es war das Mannesgefühl, das sich vor dem erweichenden Mitleid
fürchtet, das Frauen und Kinder nicht weinen sehen kann ...
Und doch spürte er: sie wartet darauf -- sie kniete noch immer neben
ihrem Kind ... Ihr Warten auf seine Anteilnahme wirkte auf ihn hinüber
-- bezwang ihn. Der Vorsatz huschte durch sein Hirn: ich werde sagen,
das Kind sieht unverändert wohl aus. Er erinnerte sich plötzlich,
daß er seiner Mutter, wenn sie sich vor dem schlechten Ausgang ihrer
letzten Krankheit fürchtete, immer gesagt hatte: Mutterchen, du siehst
sehr gut aus, viel besser als gestern. Und dann hatte sie getröstet
gelächelt.
Fast erheiterten sich schon seine Züge. So unmittelbar schwebten ihm
schon die guten, tröstlichen Worte auf den Lippen.
Da stand er nun und sah auf das kleine Lebewesen herab.
Er erinnerte sich mit einem Male ganz genau, wie es ausgesehen hatte
-- wie ein drolliges, rührendes Bild war dies Kinderköpfchen gewesen.
Selbst als rauher Mann, der nichts von Kindern verstand, konnte man
eine kleine Rührung nicht unterdrücken.
Und nun?
Da lag ein schmaler, kleiner Totenkopf, mit einem unverhältnismäßig
großen Schädel über einem ganz winzigen Gesicht. Uralte, greisenhafte
Züge hatte dieses unnatürliche Gesicht ...
Er hatte schon Männer gesehen, die in allen Schrecknissen des Berufs
umgekommen waren, durch Fall, Brand, Wasser, Explosion ...
Aber dies hatte er noch nicht gesehen: ein Kind, das in vier Monaten
den Weg vom Licht zum Dunkel zurückgelegt hatte und in der furchtbaren
Eile seines schnellen Lebens schon die Züge des Greisentums gewann ...
Er wußte auf der Stelle: es ist ein sterbendes Kind!
Er stand ganz still. Aufrecht. Schluckte herunter, was ihm in der Kehle
hochquoll. Und ohne es zu ahnen, seufzte er schwer auf -- in all diesem
Bemühen, gefaßt zu schweigen.
Er wußte auch nicht, daß er ganz erschüttert und bleich aussah ...
Er wagte es endlich, die junge Mutter dieses ururalten Menschen
anzusehen ...
Sie hatte voll Gier -- brennend in Hoffnung -- atemlos vor Verlangen
nach einem ermutigenden Wort, mit ihren Augen an ihm gehangen ...
Nun begegneten sich ihre Blicke.
Und vor der Wahrheit, die scheu aus dem seinen zu ihr sprach, schrie
sie leise auf.
Ihr Kopf sank -- sie legte ihn auf den Sitz des Stuhles.
Und weinte ... weinte ...
Ganz sachte kam er heran, hob sie auf und führte sie zu einem Sofa, den
sein suchender Blick an der Wand entdeckte ...
Er selbst hatte nasse Augen ...
Er legte sie vorsichtig in die Ecke ...
Dann ging er still hinaus ...
Er hatte keine richtenden und strengen Gedanken mehr.
Nur Mitleid ...
Draußen fand Emmich den Geheimrat allein. Der andere Mann war gegangen.
Gottlob.
Er setzte sich schwerfällig an den Tisch und stemmte die Ellbogen
darauf. Die gefalteten Hände gegen die Stirn drückend, schwieg er
finster.
Nach einer ganzen Weile erst fragte der Geheimrat sanft: „Sie war wohl
sehr erschüttert?“
Da ließ Emmich die Hände sinken und sprach: „Nun versteh’ ich alles,
was du im Wagen sagtest. Nein, da ist wohl keine Hoffnung mehr, das ist
das Ende.“
„Ich wundere mich, daß es noch lebt. Ich dachte diese Nacht ...“
Er erhob sich.
„Ich will zu ihr gehen.“
Aber er ging doch nicht.
„Verzeih’ mir, Emmich -- aber dein Ton Gamberg gegenüber war fast
gefährlich -- an der Grenze dessen, was ein Mann sich bieten lassen
darf. Eine Nuance Kälte mehr, nur eine Kleinigkeit, und ein Konflikt
zwischen ihm und dir mußte unvermeidlich werden, mußte kommen.“
„Du hast recht -- ja -- sehr recht,“ gab er nervös und hastig zu,
„alles ist ja nur Vermutung -- ich muß vermeiden, ihn zu reizen -- das
hieße Malte schlecht dienen -- ob sie seine Frau bleibt, ob nicht --
nur keine Zwischenfälle, die zu Nachfragen und Ausdeutungen Anlaß geben
...“
„Und dann -- wie hast du dir den Tag gedacht?“ Der Geheimrat legte ganz
sacht seine Hand auf Emmichs Schulter. Es waren allerlei versteckte
Bitten in dieser Bewegung. Das fühlte er wohl.
„Du weißt ja ...“ sagte er mutlos, „du weißt ja -- was soll ich
bei Renate? Aus ihrem Mund noch einmal hören, was sie mir so oft
geschrieben hat? Sie glaubt nicht mehr an die Zukunft -- was ist da
noch zu wollen.“
„Und dann,“ fuhr er energischer fort, „dann hab’ ich heute auch kein
Recht an mich selbst -- ich wage mich nicht fort -- keinen Schritt --
dies sterbende Kind -- und diese Frau, die mir zu allem fähig scheint
... Ich komm’ mir verantwortlich vor, vor einem, der am anderen Ende
der Welt sitzt -- -- Nein, laß mich ...“
Der ältere Mann ging still ins Haus. Er dachte: „Ich muß meiner Tochter
sagen: sieh zu, daß du ihn dir noch einmal eroberst ...“ Und weiter
dachte er: „Vielleicht macht diese Notwendigkeit sie fest und klar ...
Und wenn nicht -- nun, dann müssen sie lieber auseinandergehen.“
Der Gedanke an all den Schmerz und all den Lärm, die die Aufhebung
eines Verlöbnisses begleiten, tat ihm doch sehr weh. Aber er fühlte:
Emmich hat recht. Als Mann begriff er den Mann. Unsicherheiten in der
Ehe wirken immer zerstörend auf den Beruf hinüber. Wenn Renate sich
nicht die feste Haltung zutraute, die das Leben von ihr fordern konnte,
dann war es besser, sie schieden. Der Vater in ihm stritt indes gegen
den verstehenden Mann. Es handelte sich doch eben um seine einzige
Tochter, seinen Sonnenstrahl, seinen Liebling. Er wollte nicht daran
glauben, daß sie irgendwie und -wo versagte.
Während er treppan stieg, grübelte er noch darüber nach, wie merkwürdig
alle Eltern ihre Kinder überschätzten; wie man die Unfertigkeit
seines Kindes nur nach hartem Kampf zugesteht, während man eigene
Unzulänglichkeiten oft mit Humor und Freimut zugibt.
Er beschloß: ich will mit Renate reden.
Und dabei hatte er ein Gefühl, als wolle er ein Komplott mit ihr
schmieden, unter dem Gedanken: wie fangen wir diesen prachtvollen Mann
wieder ganz fest ein.
Darüber mußte er nun leise in sich hineinlächeln. Ja, was das Leben so
aus einem macht! Einen großen Namen hat man. Allerlei geleistet hat
man. Und ist doch seiner Nachkommenschaft gegenüber auf keinem höheren
Niveau, als daß man sich in einer zerfahrenen Liebesgeschichte einfach
zum Spießgesellen eines jungen Mädels macht ... Weil man es nicht
erträgt, sie weinen zu sehen ... Das ist es ... Und er mokierte sich
über sich selbst.
Draußen unter der Tanne saß Emmich. Er empfand die feierliche und
glitzernde Ruhe, in der die weite Landschaft vor ihm lag, mehr
als schmerzlichen Widerspruch denn als Wohltat. Der hohe, breite
Tannenwipfel über seinem Haupt stand unbewegt, ganz wie von Sonnenlicht
durchstäubt, das die Nadeln fast blau erscheinen ließ.
Er dachte: „Nun ist sein Glück zu Ende ...“
Denn es war ihm Gewißheit: das Kind stirbt; und wenn das Kind dahin
ist, ist es auch die Ehe ...
Armer Freund!
Und an Renate dachte er, ganz voll Trauer und Entsagung. Durch das
Unglück, das er hier vorgefunden hatte, schien ihm sein eigenes
Schicksal besiegelter. Es drückte seine Stimmung ganz herab.
Vielleicht rächten sich auch die Strapazen der letzten Wochen, auf die
er noch diese lange, hastige Reise gesetzt. Er konnte selbst kaum mehr
nachrechnen, seit wieviel Nächten er nicht eigentlich mehr geschlafen
hatte. Er fühlte sich ganz zerschlagen. In so dumpfem Hinbrüten saß
er, daß es ihm entging, wie lange der Geheimrat fortblieb.
Er vernahm das Aufwiehern eines Pferdes. Das zerschnitt förmlich die
Stille. Schritte klangen wieder auf den Wegen des Gartens. Da war
allerlei Bewegung.
Aber es deuchte ihn nicht der Mühe wert, sich danach umzudrehen.
Und endlich kam Gervasius zurück. Er erzählte: gerade seien die Ärzte
dagewesen, er habe während ihrer Anwesenheit auch bleiben und sie an
den Wagen geleiten müssen.
„Nun -- und?“
„Sie meinen, das Kind könne vielleicht noch den Tag, gewiß nicht die
Nacht überleben.“
Emmich schwieg.
In dem gutmütigen und für allen Jammer des Lebens so empfindlichen
Herzen des Geheimrats war ein Kampf.