„Wenn ich daran denke, daß Jutta ihren Mann aus leidenschaftlicher

Liebe heiratete, und daß all dies Glück sich jetzt schon in Kummer, ja

in Verzweiflung verwandelt hat, muß ich weinen vor Angst, daß es auch

unserer Liebe ebenso ergehen könnte.“

Und wie zitterte sie vor der Zukunft?

„Ob ich wohl stärker wäre als Jutta? Ob ich wohl während einer so

langen Trennung immer freudig bliebe? Ob Liebe wohl durchaus der

Gegenwart des Geliebten bedarf, um ganz lebendig zu bleiben? Oder ob

man ein wenig oberflächlich sein muß, weniger am Geliebten hängen muß,

um seine Abwesenheit gefaßter zu ertragen? Ach, du glaubst es nicht,

wie mich alle diese Fragen beschäftigen.“

Und weiter: „Schreckliches Mitleid hab’ ich mit ihr -- wir weinen so

viel zusammen. Und dabei ist mir manchmal zumute, als weinte ich über

uns ...

Ich habe nicht gedacht, daß man als Braut so schwere Gedanken haben

könnte. Aber vielleicht muß es so sein. Mama sagte mal, man müsse die

Brautzeit nicht durchjubeln, sondern zur ernsten Einkehr benutzen. Und

nun frage ich mich immerfort, ob ich auch wohl stark und groß genug

bin, die Frau eines Seeoffiziers zu werden. Die braucht viel Tapferkeit

und viel Selbstverleugnung ... Ich habe immer gedacht: durch Liebe

bringt man das auf. Aber die arme Jutta hatte doch auch Liebe.“

Er las den Brief wieder und wieder.

Zuletzt sonderte er gar nicht mehr die einzelnen Stellen heraus. Alles

floß zusammen. Alles hatte im Grunde den einen, den gleichen Inhalt:

Furcht vor der Zukunft!

Und was langsam, von einem Brief zum anderen in ihm emporgewachsen war,

stand nun als harter Gedanke plötzlich ganz klar vor ihm da.

Lieber jetzt ein jäher Schnitt -- ein furchtbares Zerreißen, als eine

Zukunft voll Unsicherheit ...

Er fühlte: es würde seine Manneskraft untergraben, seine

Berufsfreudigkeit aufzehren, wenn er später in Angst vor dem

Gemütsleben seiner Frau zu sein hätte. Er hatte ja die Frau seines

fernen Freundes betreut -- hatte gesehen, wie haltlos eine Frauenseele

werden kann, wenn sie vor Sehnsucht müde wird. --

Das wollte er nicht erleben. --

Lieber ein einsamer Mann bleiben ...

Auch um des holden, zärtlichen jungen Wesens willen, das sich jetzt

schon vor bloßen Möglichkeiten fürchtete ... deren Glück, das frische,

jubelnde Brautglück, sich schon jetzt in verzehrende Unruhe verwandelt

hatte.

Ihr, vor allem ihr, noch mehr als sich selbst, war er es schuldig, als

Mann zu handeln.

Er begriff, daß dies vielleicht einer von den Fällen war, wo höchste

Härte am letzten Ende höchste Selbstaufopferung ist.

Was mußte er tun?

Ihr schreiben. Ihr das Wort zurückgeben und ihr anheimstellen, sich in

Freiheit noch einmal zu prüfen.

Schreiben?!

Er lächelte bitter in sich hinein.

Wo andere Männer handeln, eingreifen und durch die Wucht ihrer

persönlichen Gegenwart einen Kampf zu ihren Gunsten entscheiden können,

bleibt uns -- ein Brief! Der jämmerliche Abklatsch des Gefühls!

Erregung, Zorn, Bitte, Liebe aus zweiter Hand -- auf dem Papier.

Die Ferne nimmt uns unsere Waffen ...

Aber er -- er war hier -- saß nicht wie der arme Malte drüben bei den

schrägäugigen, gelbhäutigen Chinesen, während hier sein Glück in die

Brüche ging, das er nur mit -- Papierfeuer hatte heißhalten können.

-- Er war zur Stelle -- hatte nur einen Tag, eine Nacht und noch

einen Tag zu fahren, um vor die Geliebte zu treten -- Aug’ in Auge

mit ihr um sein Glück zu ringen. Ihr streng und stolz, fest und stark

zu sagen: Hast du kein Vertrauen zu dir selbst -- so leb’ wohl! Was

mich betrifft, ich habe den Glauben an mich: es können mich Jahre und

Ozeane von dir trennen: ich bleibe dein, freudig und treu. Traust du

dir’s nicht zu: leb’ wohl! Begreifst du nicht: eine große Sache fordert

Opfer auch von dir -- leb’ wohl! Erkennst du nicht: es liegt ein

tiefer, heiliger Sinn darin, daß die Frau gefaßt zu warten versteht auf

den Mann, der nicht zu selbstischen Zwecken hinauszieht, sondern um dem

Vaterland zu dienen -- erkennst du es nicht, dann: leb’ wohl! ...

Ja, so wollte, so mußte er vor sie hintreten ...

Aber plötzlich, in den lodernden Zorn dieser Vorsätze, fiel der

Schreck: Nein, das kann ich nicht -- man reist nicht von weit her zu

einer Frau, um ihr zu sagen: wir müssen scheiden.

Er sah ihre Eltern vor sich. Diese Menschen, die er um all ihrer reifen

Güte und Klugheit willen so hochstellte.

Er sah sie selbst: das weiche, schöne, liebe Gesicht! So jung! So

zärtlich ...

Und noch so lachend war es gewesen vor wenig Wochen -- ganz unberührt

von allen Seelenkämpfen.

Er sah sie weinen ...

Und die Vorstellung war so beklemmend, daß sich ihm die Stirn feuchtete.

Das war zu hart für beide -- für ihre Weichheit -- für sein Mitleid --

sich in solcher Aussprache gegenüberzustehen ...

Er fürchtete auch plötzlich, daß Hoffnungen und der heiße Wunsch, sie

sein zu nennen, ihn schwach machen könnten.

Daß wiederum sie sich nicht frei entscheiden, sondern sich auch von

zärtlicher Aufwallung bestimmen lassen könne ...

So blieb wohl nichts als schreiben -- als das elende Mittel, das immer

nur einem Bruchteil alles Gedachten und Empfundenen auf den anderen

hinüberwirken lassen kann ...

„Ich habe ja Zeit,“ dachte er.

Morgen kann ich schreiben -- morgen -- anstatt in jubelnder Vorfreude

auf Wiedersehen zu ihr zu eilen ...

Schlaflos lag er die ganzen Stunden, bis der Tag graute. Es waren ihrer

ja nur wenige.

Seine Nerven, überreizt von den großen Anstrengungen der letzten Wochen

und Tage, von der Unsumme von Angelegenheiten und Verantwortlichkeiten,

die er, als Erster Offizier an Bord, ständig geistesgegenwärtig in

seinem Kopf zu halten hatte, wollten sich auf keine Weise zur Ruhe

zwingen lassen.

Er versuchte, an die mechanischen Dienstsachen zu denken -- an

irgendeinen kleinen Ärger, den es da oder dort gegeben hatte -- an die

drolligen Schrullen einiger Kameraden -- --

Umsonst.

Er konnte nichts, als sich in die Vorstellung hineinleben: ich habe

mein Glück verloren.

Zuletzt schien es ihm, als trennten ihn schon große Zeiträume von dem

Augenblick, wo er von Bord gegangen war -- Zeiträume, in denen das

Leben über ihn hinweg weitereilte und ihn zurückließ: alt, mutlos,

freudlos ...

Eigentlich hatte er ganz vergessen, daß da draußen auf der Reede das

Geschwader ankerte. Daß wohl schon jetzt, im Morgengrau, im Dunst der

See, die ihre Wärme dampfend an die kühle Luft abgab, daß da schon

Depeschenboote über die Wasser schwammen, mit leisem, eiligem Rauschen

die glatte Oberfläche zerschneidend.

Als es an seine Tür klopfte, hart und schnell, antwortete er gehorsam

„ja“ und dachte, daß er vielleicht befohlen habe, man solle ihn zur

Abreise rechtzeitig wecken.

Er wunderte sich, als nun der Maat eintrat, der an Bord sein Bursche

gewesen war, und den er gestern abend dort hatte zurücklassen müssen.

„Was vergessen?“

Der Mann stand stramm. Die weiße Tür gab seiner schlanken, blauen

Gestalt blanken Hintergrund. Sein bartloses Gesicht konnte trotz allen

dienstlichen Ernstes ein freudiges Licht in den hellen Augen nicht

verstecken.

„Eine Depesche, Herr Kapitän. Ich soll eine schöne Empfehlung von Herrn

Kapitän von Krietzow machen. Sie wär’ in der Nacht gekommen. Er hätt’

sie aus Versehen aufgemacht. Weil die Ordonnanz bloß meldete: an den

Ersten Offizier. Und nachgesehen hätt’ er nicht -- aus ’m Schlaf ’raus,

sagt Herr Kapitän.“

„Bestellen Sie: das machte nichts. Und viele Grüße an Herrn Kapitän ...“

Der Maat machte auf den Hacken kehrt.

Und Emmich Hochhagen nahm die Depesche aus dem Briefumschlag, in den

Krietzow sie getan hatte.

„Das Kind der Frau von Falckenrott seit einigen Tagen in größter

Lebensgefahr. Gamberg zwar hier, nehme aber an, daß im Ernstfall Du der

armen Frau näherer Beistand bist. Erwarten Dich voll Ungeduld. Viele

Grüße. Papa Gervasius.“

Er besann sich keinen Augenblick. Er verließ sein Bett. Zog sich mit

einer Raschheit an, als seien Alarmsignale gegeben worden. Klingelte

und befahl die Rechnung, einen Wagen -- nur rasch -- nur rasch. --

-- Er sah: die Zeit war knapp -- denn er hatte ja gedacht, er habe

keine Eile ... Er hatte ja gedacht: zu einem Abschiedswort -- zu einer

letzten, ehern ernsten Frage, die vielleicht das Ende des Glücks

bedeutet -- dazu hastet man nicht ...

Er erreichte den Zug noch. Dann, als er in seiner Ecke saß und draußen

die Landschaftsbilder vorbeiglitten, wurde er allmählich frei von dem

Gefühl, ein Gehetzter zu sein. Sich auf dem Wege zu befinden, ist schon

immer etwas.

Jetzt war keine Schonung möglich -- jetzt mußte er seine

Auseinandersetzung mit Renate und vielleicht auch ihren Eltern Aug’ in

Auge haben.

Aber welchen Stunden voll schmerzlicher Erregung, voll gefährlicher

Versuchungen er auch entgegenging -- die Pflicht rief ihn.

Der Freund, als er schied, hatte ihm gesagt: sei meiner Frau ein treuer

Bruder! Er war es gewesen, hatte versucht, es zu sein, so sehr, daß

sie seine fürsorgliche Ergebenheit sogar als bevormundende Wachsamkeit

empfand.

Aber mit aller treuen Brüderlichkeit hatte er doch nicht verhüten

können, daß die Frau in schwere Kämpfe geriet ...

Und nun war das Kind des Freundes in Gefahr?

Und an der Seite der Frau befand sich jener Mann ... der in all

seiner höflichen Ruhe und formvollen Undurchdringlichkeit für Emmich

unheimlich war -- in dem er den Zerstörer ahnte ...

Dieser, gerade dieser war neben Jutta am Bett des Kindes?

Wenn es nun stürbe? Würde das nicht auf das Gemüt der Frau so wirken,

daß sie sich sagte: nun ist jedes Band zwischen Malte und mir zerrissen?

Ganz gewiß!

Mußte nicht ihr leidenschaftlicher Gram sie dem Mann in die Arme

treiben, der wartend bereitstand?

Ganz gewiß!

Ihr Herz hatte die Einsamkeit nicht ertragen. Mit förmlich fanatischer

Liebe hing sie an dem Kind als an ihrem einzigen Trost -- vielleicht

war das Kind auch ihr Halt gewesen. -- Wenn es ihr geraubt würde,

bewies sie sich vielleicht: auf meiner Ehe ruht kein Segen. Ja, sie

würde von Malte fortgehen, hin zu dem anderen, wenn das Kind stürbe.

Wenn es doch am Leben bliebe! Es schien durch sein bloßes Dasein die

Sache seines fernen Vaters zu führen.

Während der langen Stunden seiner Tag- und Nachtreise dachte Hochhagen

sich in all dieses immer stärker hinein.

Ihm war, als sei er unterwegs, um zu helfen, zu handeln. Und er litt

vor Ungeduld, wenn er sich klarmachte, daß er im Grunde weder helfen

noch handeln könne.

Er durfte Gamberg nicht stellen. Ihm nicht auf den Kopf zusagen: Du

liebst sie und willst einen Abwesenden berauben -- ich stehe hier

anstatt seiner und versperre dir mit den Waffen in der Hand den Weg zu

der Frau.

Vor Dingen, die man nur spürt, auf deren Vorhandensein man zwar

schwören könnte, und die man doch nicht zu beweisen vermag, steht man

ohnmächtig.

Der Legationsrat von Gamberg hatte mit keinem Wort und keiner Miene

Kritik herausgefordert, er hatte nicht ein einziges Mal eine Haltung

angenommen, die verletzend für die Ehre des Abwesenden genannt werden

konnte.

Und gerade deshalb fürchtete Hochhagen ihn.

So beherrschte Naturen sind zielbewußt -- gefährlich sind sie durch

ihre Unangreifbarkeit.

Ein Mann, der nichts wollte, wie eine temperamentvolle, unter ihrer

Einsamkeit leidende Frau trösten, um dann mit dankbaren Siegergefühlen

seiner Wege zu gehen, ein solcher Mann würde sich anders benehmen.

Dieser wollte mehr! Das witterte Hochhagen. Gerade diese vornehme,

vollkommen besonnene Art des anderen bewies es ihm: der wollte die Frau

für immer sich erobern und war vielleicht schon jetzt voll Besorgnis,

in ihr die zukünftige Trägerin seines Namens zu schonen.

Hochhagen fragte sich allerlei: ob wohl dies Gemisch von Liebesromantik

und äußerster Rücksicht, von verbotenen Wünschen und starker

Hochachtung für eine Frau bezaubernd war?

Er gab sich auf diese und andere Fragen keine Antwort. Er wagte es

nicht. Er sah wohl: man spricht so erfahren über Frauen und kennt sie

in- und auswendig.

Aber sowie man zu ihnen in eine Stellung kommt, von der aus man

wirklich in ihre Seele hineinsehen kann, bekommt man die Empfindungen

eines Analphabeten: man weiß wohl, da stehen tiefe Dinge, aber man

kann sie nicht lesen ...

Mitten in all diesen Grübeleien erlebte er dann auch noch eines Morgens

die Sensationen des märchenhaften Szenenwechsels. Er hatte während

der Reise kaum auf die Bilder draußen geachtet -- stumpf für alles,

was draußen sich begab, war die ganze Fahrt mit ihren wechselnden

Stationen, lärmdurchbebten Durchgangswagen voll Staubgeschmack,

schmalbettigen Schlafcoupés, hastigen Mahlzeiten, tausend fremden

Gestalten an ihm vorübergegangen, als stehe er gleichgültig still, und

all dies rase unbegreiflich sinn- und zwecklos an ihm vorüber.

Nun sah er auf einmal den Genfer See vor sich und wußte: noch eine

Stunde, und ich bin da ...

Der feine Frühnebel, ganz von silbernem Glanz durchwirkt, stand auf der

weiten Fläche. Er breitete sich auch zart vor der Wand des Gebirges aus

und machte seine Größe mild. Es waren gar keine starken Töne in dem

Bild. Wunderbar keusch und leise wirkte es -- ein Morgentraum.

Das tat dem Auge wohl. Wie dem Mund die fast herbe und feuchte Luft,

die durch das Fenster hereinkam.

Hochhagen atmete sie förmlich mit Vorsatz tief ein. Als könne sie ihm

das peinliche, brennende Gefühl in der Brust löschen ...

Er dachte nicht mehr an die unselige Frau, die zu behüten und

vielleicht zu retten er gekommen war.

Er dachte nur noch an seine Liebe und seine eigene Not ...

Was „sie“ wohl zu seinem Telegramm gesagt hatte?

Gestern, gegen Abend, von irgendeiner Station aus, hatte er

depeschiert, er würde von morgen früh an in Juttas Pension sein. Er bat

den Geheimrat, ihn dort aufzusuchen.

Diese Fassung der Depesche mußte Renate gezeigt haben, daß er nicht

ihretwegen diese Reise unternommen hatte ...

Begriff sie? War sie sich völlig bewußt, wie ihre Briefe auf ihn

gewirkt hatten? Zu welchen Sorgen sie ihn führen mußten?

Freute sie sich auf ihn? Ängstigte sie sich vor ihm?

Ahnte sie schon, daß er lieber auf Glück verzichten als eines gewinnen

wolle, neben dem her der Unglaube an die Beständigkeit dieses Glücks

ging?

Station Territet ...

Sein Herz klopfte ... das Gefühl, dem geliebten Mädchen nun nahe zu

sein, benahm ihn ganz.

Wie Furcht befiel ihn der Gedanke: wie, wenn sie auf dem Bahnsteig

steht? ...

Aber er übersah es mit dem einen schnellen, scheuen Blick, den er rasch

über den offenen Bahnsteig gleiten ließ: nein, sie war nicht da ...

Als er einem Träger seinen Gepäckzettel in die Hand drückte und mit

einem Kutscher über die Fahrt nach der Pension verhandelte, fühlte er

eine Hand -- sie gab ihm einen leichten, wohlwollenden Schlag auf die

Schulter ...

„Na ... gottlob!“ sagte der Geheimrat.

Es erschien Emmich Hochhagen unbegreiflich, daß der Geheimrat

gänzlich unverändert war: das kluge, bartlose Gesicht lächelte --

freudig -- weich -- was ihm drollig stand -- denn so ein Fünkchen

Selbstironisierung war meist dabei, wenn er weich wurde ... Und das

war er in diesem Augenblick. Sein zärtliches Vaterherz ahnte, daß

das bräutliche Glück seiner Tochter schon aus den Fugen war -- die

schwermütige Unruhe ihrer Stimmung hatte sich seit dem Eintreffen von

Emmichs kühler Depesche zu einer Nervosität gesteigert, wie sie die

Eltern an ihrem Kind nicht für möglich gehalten hatten. Ihnen selbst

war die Fassung der Depesche nicht ganz geheuer. Aber sie wollten das

Vertrauen ihrer Tochter nicht erzwingen und gestanden es sich nur

untereinander: zwischen Renate und Emmich war nicht alles in Ordnung,

und vielleicht kam er gar nicht als Renatens Verlobter her, sondern nur

in Erfüllung der Freundespflicht gegen den fernen Kameraden.

Aber er war da! Das war nun erst einmal die Hauptsache!

Der Geheimrat als erfahrener Mann hoffte immer ... Bloß die Jugend

verzweifelt, pflegte er zu sagen.

So klopfte er denn nochmals wohlgefällig, wie um die Tatsache seiner

Ankunft zu loben, Emmich auf die Schulter.

„Wie steht es?“ fragte der hastig.

„Nicht gut.“

„Ist noch Hoffnung? *Du* mußt es doch wissen!“

„Ach lieber Emmich -- wie überschätzest du unser bißchen Weisheit!

Die beiden tüchtigen Ärzte, der gutwillige, aber nicht ganz angenehme

Doktor von hier und der Professor Lequint, den Herr von Gamberg aus

Lausanne hat kommen lassen, die hoffen immer noch. Ich will dir was

anvertrauen: es gehört das ein bißchen zum Metier ... Mut geben ... die

Angehörigen instand halten ... sich selbst suggerieren: es kann noch

werden -- weil doch nun mal jeder Mensch lieber in Zuversicht als in

Entmutigung handeln mag ... Vielleicht ist auch so ’ne Art Sportgefühl

dabei: man will denn doch durchaus nicht den Tod Erster werden lassen

... Wenn er es sich aber mal vorgesetzt hat ... Na, genug. -- -- Bauen

wir auf ein Wunder. Welche Redensart, wie du bemerkst, ein Sideroxylon,

das heißt ein innerer Widerspruch, ist ...“

Emmich hörte wohl: der Geheimrat glaubte an keinen guten Ausgang.

Nun saßen sie zusammen im Wagen. Der Geheimrat seinerseits fand den

Kapitän sehr verändert. Nicht nur braun von der Seesonne. Auch hager

fand er ihn, und einen scharfen Zug von Unruhe hatte er im Gesicht. Und

noch nicht einmal sah er seinem Schwiegervater gerade und freudig in

die Augen. Auch fragte er nicht nach Renate ... Und Freundestreue in

Ehren: aber dies wäre doch das natürlichste gewesen! Erst die Braut!

Dann Glück und Leid der übrigen Menschheit.

Gervasius dachte: „Dies bleibt abzuwarten.“

Und saß, die Hände auf dem Stockknopf zwischen den Knien, äußerst

unbefangen da, während er in der Tat Miene und Ton des anderen gespannt

beobachtete.

„Seit wann ist Herr von Gamberg hier?“ fragte Emmich.

„Der Legationsrat? Den trafen wir in Evian -- ich las ihn im Gedränge

auf -- überraschte die Damen mit ihm ... Ich glaube, ich war es, der

ihn überredete, sich uns anzuschließen. Er wollte, so viel ich weiß,

nur zwei Tage hier bleiben. Gerade da erkrankte das Kind. Er ist dann

geblieben, und in all seiner gemessenen Art zeigt er viel Teilnahme --

das heißt weniger in Worten als durch die Tat ... hat den Professor

gerufen -- sorgt für alles ... ich muß sagen: ich mag ihn leiden. Er

weiß viel. Und dann: so unauffällige Leute mit sehr viel Takt -- die

tun direkt wohl.“

Ob das alles so sich entwickelt hatte, wie der Geheimrat es sah? War

alles klug angeordnet? Nach versteckten Verabredungen? Um, ohne den

Klatsch der Welt zu erwecken, doch an dieser schönen Stätte zusammen

sein zu können? Waren Gervasius’ nichts wie Statisten in einer

wohlberechneten Szene? Brutal gesagt: die Elefanten?

Jedenfalls konnte Hochhagen aus dem beifälligen Bericht des Geheimrats

entnehmen, daß das Betragen der beiden Menschen, die er in geheimer

Leidenschaft zueinander verstrickt glaubte, äußerlich ein einwandfreies

gewesen sein mußte.

Ja, ungreifbar -- nur drohende Schatten. -- Wie sollte man da als

Freund für den lieben Kameraden in der Ferne eintreten?

„Das Kind darf nicht sterben!“ sagte er schroff.

„Darf nicht! Ach du lieber Gott! Wenn wir was zu erlauben hätten ...“

„Ich muß dir anvertrauen -- halte mich nicht für indiskret -- ich

*muß* es sagen: rette das Kind -- die Ehe der Eltern geht sonst in die

Brüche!“

Der Geheimrat faßte den Arm des anderen: „Ruhe, mein Lieber, Ruhe! Wie

naiv werden doch alle Menschen, wenn der Tod in Sicht ist! Als könnte

man mit ihm handeln! Als gäbe es für ihn Gründe. Die Ehe der Eltern

geht hier den Arzt nichts an -- um das Leben an sich wird gekämpft --

ich will dir sagen: wenn der Tod hinter der Tür steht, gibt es nur

*das Leben an sich*, das verteidigt wird nach besten Kräften. Was

Nebenumstände? Was Vergangenheit? Was Zukunft? Um ihretwillen wär’s

manchmal besser, man fiele dem Tod nicht in die Arme. Aber das steht

nie zur Frage. Immer nur: das Leben an sich! Es ist immer beinahe,

als symbolisiere sich in dem einen Leben, das zu Ende gehen will, die

Wichtigkeit alles Lebendigen. Ach, so oft man’s auch mitgemacht hat:

dagegen härtet man nie ab.“

Er schwieg.

Und Emmich sagte noch, zäh seinen heißen Wunsch verteidigend: „Ja, es

muß leben. Es wird auch -- es wäre so grausam.“

Nach einer Weile fragte der Geheimrat: „Ich glaube aber, die Pension

ist voll?“

„So? Ich habe gestern depeschiert, gebeten, Zimmer zu reservieren,

Antwort konnte ich ja nicht erbitten.“

„Weiß Jutta, daß du kommst?“

„Habt ihr es ihr nicht gesagt?“ fragte er zurück.

„Wir fanden deine Depesche, als wir gestern abend von unserem Besuch

bei ihr zurückkamen. Nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit

zwischen meiner Frau und mir kamen wir doch überein, ihr nicht zu

telephonieren.“

Plötzlich waren sie ganz verlegen voreinander.

Sie fühlten: nun mußte doch irgend etwas gesagt werden ...

Wie um das gerade zu verhüten, fragte Emmich hastig: „Diese Sache

stört euch doch wohl die Ferien? Der Verkehr zwischen dem Hotel da oben

und der Pension kann ja nicht kurzerhand abgemacht werden?“

„Das anlangend: wir haben ja Zeit. Und irgendeine Partie machen wir

doch alle Tage -- nun steigen wir zu Fuß eben täglich herab und fahren

zum Diner wieder hinauf. Das ergab sich höchst einfach.“

„Es tut mir aber doch sehr leid -- eigentlich kam es ja durch mich ...“

„Nun irgendwie müssen Menschen zueinander kommen -- der Mittelsmann

braucht nicht betroffen zu sein, wenn was nicht glatt geht ...“

„Ich bin begierig ...“ dachte der Geheimrat; „endlich *muß* er doch mal

nach ihr fragen ...“

Aber Emmich fragte nicht. Eine unbegreifliche und unerträgliche

Befangenheit machte ihn unfrei. Nicht um die Welt hätte er Renatens

Namen aussprechen können.

Er fühlte deutlich, daß ihr Vater voll Spannung darauf wartete. Wie

erstaunlich mußte ihm dies Schweigen sein. Der Wagen fuhr langsam,

kopfnickend zogen ihn die Pferde bergan. Zwischen den Tannen war

ein grünes, kühles Licht, aber nicht die Abgeschlossenheit der

Waldeseinsamkeit. Denn durch jede Lücke sah man das blasse Blau der

Fernsicht.

Eine unnatürliche Situation lange zu ertragen, ging wider den Verstand

des Geheimrats.

Die feine, weiße Operateurshand legte sich auf die braune Faust, die

Emmich auf sein Knie gestemmt hielt.

„Ich habe eine Tochter, sie heißt Renate,“ sprach er lächelnd.

Emmich zuckte ein wenig -- beherrschte sich und sagte leise, erbittert:

„Und ich leide um ihretwillen ...“

Ganz sanft wie eine Frau, so vorsichtig und liebevoll fragte der

Geheimrat: „Darf denn der alte Papa nicht wissen, wie das möglich ist?“

Emmich antwortete nicht gleich. Da fuhr der ältere Mann fort: „Fast

seit wir hier sind, ist das Kind verändert. Nur ganz vereinzelt hat es

noch sein liebes, sonniges, sorgloses Gesicht -- mit all der Weichheit

darin, die mich immer so gerührt hat. -- Und meine Frau und ich, wir

fangen an uns zu fragen: was ist denn das für eine Liebe, die so

schnell aufhörte zu strahlen.“

„Das ist es ja, was ich mich auch frage,“ sagte Emmich, in großer

Erregung aufwallend.

Emmich sah: die Eltern waren nicht blind -- hatten auch schon ihre

Beobachtungen gemacht. Er konnte -- er mußte offen sein.

Auch war eine merkwürdige Erleichterung dabei ... als lüde er nun

einfach dem Vater seine Last auf, der der Nächste dazu war, sie mit zu

tragen -- als schone er Renate, wenn er seine Sorge nicht in grausamer

Deutlichkeit zuerst ihr, wenn er sie vorher dem Vater gegenüber

darlegte.

„Vielleicht versteht ihr euch brieflich nicht,“ meinte der Geheimrat.

„Ich hab’ es schon erlebt: Menschen, die sich Aug’ in Auge gut

begriffen, schrieben sich einfach auseinander! Feder und Tinte sind

oft voll geheimer Fährlichkeiten. Hier ist ein erfahrener, gereifter

Mann, der schreibt. Da ist ein junges Mädchen, das noch nicht den fast

unbegreiflichen Wertunterschied zwischen gesprochenen und geschriebenen

Worten erkannt hat. Was meinst du, Emmich? Kann das so etwas zwischen

euch sein?“

„Nein, Papa. Es ist mehr. Leider viel mehr. Kein Stilunterschied,

wenn du so willst -- ein Unterschied in der Liebe, im gegenseitigen

Verstehen.“

„Du meinst, daß Renate ...“ er mochte kaum vollenden -- sah ja

zweifellos: es sollte seine Tochter sein, die weniger liebte ... Er

konnte es nicht begreifen.

„Ja, Papa. Ich kann mich keiner Täuschung mehr darüber hingeben: Renate

fürchtet sich vor der Ehe mit mir.“

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 17 / 21 段