Geheimrat. Aber ihr Mann konnte ihr auch nur sagen, daß es bei so
kleinen Kindern schließlich alles auf die Zähigkeit ankäme. Renate saß
verschüchtert und mit angstvollen Mienen dabei. Sie hätte am liebsten
immerfort weinen mögen ... Wegen ihres Vaters nahm sie sich zusammen
... Er wollte, wenn man weinte, immer so ganz genau wissen: warum denn?
Und grenzte damit stets so merkwürdig rasch den Kummer ab ... Jetzt
hätte Renate auf dies „Warum?“ nicht wahrheitsgemäß antworten können:
„aus Mitleid mit Jutta“, denn eigentlich war ihr, als gäbe es außerdem
noch viele, viele Gründe zum Weinen, man wisse sie nur selbst nicht
genau ...
Endlich entschlossen Gervasius’ sich, wieder hinaufzufahren, und
Herbert versprach ihnen, noch zweimal einen Bericht zu telephonieren,
denn er natürlich, er werde sich vorzugsweise hier aufhalten.
Geheimrats fanden es auch ganz selbstverständlich.
Dann schien eine große Pause in dem Gang der Ereignisse einzutreten,
die nachmals vielleicht dem Gedächtnis der Beteiligten ganz entschwand.
Es zogen Tage in dumpfer Krankenstubenschweigsamkeit vorüber. Das
Kommen und Gehen der Ärzte, Flüstergespräche, kurze Schlummerstündchen,
angstvolles Wachen. Und diese seltsam rasche Gewöhnung an solchen
Zustand: als habe es eigentlich niemals einen anderen gegeben, als
werde er nie ein Ende nehmen.
Dabei im tiefsten Herzen immer ein leises Mahnen an die schweigsame und
unauffällige Fürsorge des liebenden Mannes. Das stete Wissen: er ist
da, ich könnte ihn rufen ... Das war wie Wohltat, die man nicht recht
an sich herankommen lassen mag und an deren Möglichkeit nur zu denken
doch stützt.
So gingen Tage, so gingen Nächte. Und in wunderbarer Zähigkeit hielt
das kleine Kind sein bißchen Leben fest.
Dann, eines Abends, als die Dämmerung mit ihrer Schwermut die Welt
leise zu füllen begann, brachte Martha einen Brief. Sie brachte ihn
strahlend, denn sie kannte ja die Handschrift, die Freimarken auf dem
Umschlag.
Und sie dachte in ihrer Unbefangenheit: der kommt gelegen -- der kommt
als Trost.
Ein Brief! Von Malte? Jetzt? Unmöglich! „Über Sibirien“ stand auf dem
Umschlag. Wie denn? Er hatte damals aus Hakodate geschrieben: Komm!
Danach mußte er doch schweigend warten, bis ihre Antwort zu ihm kam
... Und die -- die war ja unterwegs -- sie hatte wohl noch ein, zwei
Wochen zu wandern, bis sie ihn erreichte -- diese Antwort, die ihm
sagte: vielleicht liebe ich dich nicht mehr. -- Und wenn er dann wieder
schrieb, so vergingen wieder lange Wochen, bis sie seine Worte lesen
konnte. -- -- Wie von selbst, durch die seltsam sich hindehnende Zeit
des Schweigens, schien er schon aus ihrem Leben sich entfernt zu haben
-- ganz ausgeschaltet von der Teilnahme an ihren Tagen ...
Dieser Brief war ihr etwas Unheimliches -- ganz und gar Unerwartetes.
Und darum schon bedrohlich -- vorwurfsvoll -- ein zorniger,
schmerzlicher Anruf -- noch ehe sie ihn gelesen ...
„Aber er weiß noch nicht,“ dachte sie, sich ermutigend.
„Über Sibirien?“ -- Mein Gott, warum schreibt er denn? Er konnte doch
nicht wissen, ob ich nicht zur Stunde schon unterwegs zu ihm bin, ob
mich dieser Brief überhaupt noch in Europa träfe ...
Auf einmal, in jähem Verständnis, wußte sie: Dies ist die Antwort auf
meine Depesche. Oder vielmehr: nicht die Antwort -- all die Fragen sind
es, die meine Depesche in ihm aufrührten.
Mit ihren unsicheren Fingern zerriß sie den Umschlag, ihn
auseinanderzerrend.
Sie trat an das Fenster, die Vorhänge teilend, die noch geschlossen
waren, weil sie vorhin die Sonne hatten absperren sollen, damit die
Strahlen nicht die zarten kleinen Lider träfen.
Das letzte bißchen Helligkeit reichte aus zum Lesen.
Und sie las: „Mein geliebtes Weib! Da liegt nun eine Depesche vor mir.
Du telegraphierst: ‚Ich kann mein kleines Kind nicht verlassen.‘
Zuerst habe ich gar nichts gefühlt als eine schreckliche Enttäuschung.
Sehnsucht hab’ ich nach Dir gehabt -- eine Sehnsucht! Möchte wohl den
Mann sehen, dem sie ähnlich zusetzt wie mir! Wenn man eine so schöne,
geliebte, kluge Frau hat, die auch ihrerseits treu an einem hängt! Und
wenn man nach dreijährigem Hangen und Bangen endlich vereint wurde und
sich dann gerade nur ein paar Monate gehören durfte!
Alle Tage zehnmal schluckt man das ’runter und gibt sich Rückgrat mit
dem Gedanken: der schöne, stolze, große Beruf will das nun mal so --
Männer, die im Krieg stehen, sollen kein weiches Heimweh kennen -- und
wir, an Bord, leben ja immer wie in Kriegswachsamkeit und Bereitschaft.
Aber alle Tage zehnmal kommt’s doch wieder hoch. Und dann die Nächte
... Und in dem Klima ... Na ja, also lieber still davon.
Schwer enttäuscht war ich. Hätt’ am liebsten sofort
zurücktelegraphiert: ‚Unsinn -- Dein Mann geht vor ...‘ Geschrieben war
schon so was ... Der Postmaat hatte es schon in der Hand. Aber ich nahm
ihm das wieder weg.
Denn weißt Du, geliebtes Weib -- wunderbare Gedanken sind mir gekommen.
Ob ich Dir sie wohl so recht auseinandersetzen kann? Versuchen wir’s.
Sieh mal -- die allerallererste Hoffnung auf das Kind haben wir ja
zusammen bejubelt. Aber -- Gott, es klingt wohl komisch -- das war
doch beinahe wie eine Stimmung, so ’n bißchen phantastische Vorfreude.
Jedenfalls verwischte sich das in mir, als ich fortging. Wurde wie so
’n Traum. Mir nichts Wirkliches. Mußte mich in den folgenden Monaten
oft zwingen, daran zu denken. Dann kam eines Tags die Depesche, daß
ich ein Töchterchen bekommen habe. Ich weiß noch, wir hatten ein Diner
bei dem Konsul Glaubermann in Schanghai. Da traf die Depesche ein.
Ich wurde etwas erregt, hatte so einen heißen Fleck in der Brust,
vielleicht sogar nasse Augen (ich glaube wohl), und alle wurden mit
aufgeregt, und zu Deinen, meinen und des Kindes Ehren wurde kolossal
viel Sekt getrunken.
Von da an war in Deinen Briefen immer viel von dem Kind die Rede, und
ich habe ja wohl auch stets in meinen Briefen der Kleinen gedacht --
hoffe es wenigstens.
Aber -- es war doch wie so ein akademischer Begriff: ich bin Vater,
habe ein Kind! Ich mußte es förmlich so vor mich hinstellen, damit ich
es nicht vergäße. Ja, so was Unwirkliches war es am letzten Ende.
Und da kommt Deine Depesche! So felsenfest habe ich ein jubelndes ‚Ja‘
erwartet, denn Emmich hat es mir wohl gesteckt, daß Du mehr von der
Trennung leidest, wie ich eigentlich von Deiner Einsicht und Deinem
Verstand erwartet hatte. Ganz felsenfest; denn ich bildete mir ein: Du
flögst am liebsten durch die Luft her.
Und da sehe ich aus der Depesche: es gibt nun etwas in Deinem Leben,
das Dich hindert, Deiner Sehnsucht nach mir zu gehorchen. Das kann nur
ganz was Heiliges, Großes sein.
Es ging mir auf. Wie eine Offenbarung war das. Ich wußte, was es sei:
die Mutterliebe!
Da ergriff mich ein Gefühl, das mich so weich machte, so windelweich
... Herrgott, so gerührt bin ich ja wohl weder bei unserer Trauung
gewesen noch bei unserem Abschied.
Plötzlich war meine riesengroße Enttäuschung wie fortgeblasen. Ganz
stolz war ich, ganz glückselig.
Nun war es für mich Wirklichkeit geworden: ich hab’ ein Kind. Es steht
auf einmal deutlich da in meinem Leben -- denn es hat die Macht, mir
mein süßes Weib fernzuhalten -- also, es muß eine große Sache sein um
so ein kleines Kind -- nicht einmal meiner guten alten Mutter, die Du
so liebst, willst Du es anvertrauen -- auf die Reise zu mir willst Du
verzichten -- --
Wir sind nicht mehr: Du und ich; wir sind unserer drei! Und dieses
dritte, kleine Lebewesen ist offenbar die Hauptperson geworden.
Ich muß immerfort in mich hineinlächeln. Es hat so etwas Komisches:
ich, der Kapitän von Falckenrott, ich, Dein Malte, ich hab’ einfach
nichts zu sagen. Ich rufe: komm! Und denke nicht daran, daß da ein Kind
ist, das viel mehr zu sagen hat, das sein Mütterchen nicht fort läßt!
Von dem das Mütterchen nicht fort kann!
Laß mir doch die süße, kleine Hauptperson photographieren? Oder geht
das noch nicht?
Und sobald sie ein bißchen Verstand hat, erzähl’ ihr was vom fernen
Papa. Ich sei ein sehr netter Papa, sag’ ihr, der sich mit Emsigkeit um
das Wohlwollen seiner Tochter bewerben werde.
Ja, Du kannst Dein kleines Kind nicht verlassen! Das versteht sich.
Verzeih’ mir nur, daß ich in meinem Unverstand anders dachte. Nein, Du
mußt es pflegen und hegen und bewachen. Damit es dem Papa als dickes,
rosiges kleines Ding entgegentrippeln kann -- Dein Geschenk, teures
Weib, Deines für mich -- hüte es mir wohl!
Bei meiner Heimkehr werde ich es in Deinen Armen finden!
Fest muß ich mich zusammennehmen, wenn ich an diese Heimkehr denke. Das
wird ein Glück werden. Du und ich und mein Kind. Mein Kind! Von Dir so
für mich behütet, daß Du seinetwegen nicht einmal zu mir kommen kannst.
Mit nächster Post schreibe ich einen vernünftigen Brief. -- Leb’ wohl.
Küß mein Kind. Ich hoffe, es gleicht Dir.
Innigst Dein Malte.“
Von aller Kraft verlassen stand sie -- lehnte sich ans Fensterkreuz,
um nicht zu sinken, ging endlich schwankend auf den Wagen zu -- sein
dunkler Lack machte ihn in diesem Augenblick, wo die graue Dämmerung
ins Zimmer schattete, einem Sarg nicht unähnlich. Das Gestell
der Räder, sperrig und leicht gebaut, gab diesem Lager das Wesen
bedrohlicher Leichtbeweglichkeit ...
Als würde es sofort von gespenstischer Hand fortgestoßen werden --
hinweg aus den Augen der Mutter -- hinein in eine Nacht, der kein
Morgen tagt ...
In den Kissen lag der kleine Kopf -- seltsam kleiner geworden, schwer,
hart.
Das Kind atmete kaum ... wie zu Tode erschöpft lag es, hindämmernd an
den Grenzen seiner Kraft.
Außer sich, von wahnsinniger Angst zerbrochen, fiel die Mutter neben
diesem Lager, das ihr unnennbare Furcht einflößte, in die Knie.
„Lebe!“ flehte sie das Kind an. „Lebe.“
IX
Der Strand von Saßnitz war buntscheckig von der gedrängten
Menschenmenge. Nicht nur am Kai, sondern vor den vom Bergwald
überragten, ansteigenden Häuserzeilen stand sie in Beharrlichkeit. Sie
hatte sich lang hinausgezogen, wand sich, einem wandernden Ameisenheer
nicht unähnlich, in dünner Linie auch am Ufersaum hin, hart am Meer,
dicht unter den steilen Wänden der weißen Kalkfelsen, die auf ihren
Häuptern die grünen, tiefen Buchenwälder trugen.
Ein Sommertag voll ruhigen Lichtes und klarer Wärme wollte zu Ende
gehen. Das Meer lief im gelassenen Gleichmaß der Bewegung gegen das
Ufer an. Das blaue Glas der Wogen zersprang auf ihren Gipfeln und
zerschlug sich zu weißem Schaum.
Ganz fern, geradeaus stieg eine Rauchsäule vor dem Horizont. Das
Schiff, das sie emporflocken ließ, glitt rasch hinweg; es fuhr in
stetiger Richtung nordwärts und versank bald hinter der Linie zwischen
dem Wasser und dem zarteren Blau des Himmels. Dann hielt sich an jener
Stelle noch eine Weile ein graues Wölkchen. Als sich auch das in der
reinen Luft ganz verflüchtigt hatte, breitete sich eine majestätische
Leere aus. Die Einsamkeit thronte über den Wassern.
Aber sie wirkte nicht herüber auf die tausend Menschen und stimmte
sie heute nicht zur Andacht. Die Unruhe der Erwartung fieberte in der
Menge. Und wie hypnotisiert starrte sie westwärts. Die sinkende Sonne
stach ihr beizend und blendend in die Augen; hinter den weißen ragenden
Felsen von Stubbenkammer ging sie horizontwärts, ihre Strahlen gaben
der Silhouette des Waldes hoch dort oben einen Heiligenschein. Und die
ganze Seite des Himmels war wie eine Wand von hellem Gold, das ganz
allmählich, zur Höhe hin, in das feine Blau der Luft hinüberging und
sich in ihr auflöste.
Gleich einer Kulisse stand der weiße Fels mit seiner verschatteten Wand
und seiner scharfen, steilen Linie in diesen Hintergrund von Glanz
hinein. Gegen seinen Fuß warfen sich in unaufhörlicher Arbeit die
Wellen und brodelten weißschäumig.
Plötzlich ging das schon etwas stumpf gewordene Warten der Menschen in
freudige Unruhe über.
Hinter der Kulisse hervor schob sich ein schwarzes Tier. Wie ein
Walfisch. Und anstatt eines Wasserstrahls ließ es eine düstere Säule
von Kohlenrauch steigen.
Es war nicht allein. Es dampfte an der Spitze einer Schar von Genossen,
die ihm in Keilformation folgten.
Eine Torpedobootdivision des Aufklärungsgeschwaders.
Seltsamen Ungeheuern glichen sie. Als habe die Hand der Menschen dem
Meer die furchtbaren Saurier wiedergeben wollen, die die Natur nicht
lebensfähig hatte erhalten können.
Nun schwammen sie durch die schwerflutende See, und aus dem Mund ihrer
Dampfpfeifen kam ein mißtöniges Geheul, ein dunkler, warnender Laut
gereizter Tiere.
Dann fuhren die Schiffe wie lautlos. Wie ermüdet von harten Kämpfen,
gelassen. Sie zogen dem Hafen zu, um einmal eine Nacht zu schlafen.
Ihre kohlschwarzen Leiber, so wenig sie auch die Wasserlinie
überragten, zeichneten sich bedrohlich ab vor dem goldig glänzenden,
glatten Hintergrund des Himmels. Um ihren Bug, so leise sie auch
fuhren, schwoll, wie an der Brust dunkler Schwimmvögel, das Wasser
hoch, das sie zerteilten. Neben den kurzen, dicken Schornsteinen und
dem niederen Aufbau ihrer Kommandobrücken trugen sie seltsame Zeichen
-- gleich schlanken, kleinen Masten, und daran mystische Figuren --
da ein Dreieck, dort ein Quadrat -- hier zwei Querhölzer -- dort
eins, dort ein schräges Kreuz -- ihre Male, die sie für das Auge des
Kommandanten und der Gefährten unterschiedlich machten. --
So kamen sie heran. Eine düstere Schar, schon jetzt in ihrem
friedlichen Tun furchtbar anzusehen -- eine Verkörperung von Krieg und
Tod -- die Phantasie anreizend, so daß man sich wie von selbst diese
niedrigen, schwarzen Gesellen vorstellen mußte, wenn sie nachts, von
schäumenden Fluten überstürzt, in heulendem Sturm, mit verlöschendem
Feuer, den Scheinwerfern des Feindes zu entgehen trachteten -- oder
sich an ihn heranzuschleichen suchten -- selbst des Untergangs gewiß,
den sie dem Gegner zu bringen die Selbstaufopferung haben sollten.
Kraft, die selbst sterben muß, wenn sie Tod bringt ...
Von dieser ruhevoll vorwärts dampfenden schwarzen Schar ging eine
Majestät des Mutes aus, die alle Zuschauer, ohne daß sie wußten warum,
verstummen ließ.
Sie suchte den Hafen auf. Die Reede konnte ihr keinen Ankerplatz geben.
Sie kannte jenseits der Molen nur eins: Bewegung. --
Und andere Erscheinungen traten aus der Felsenkulisse hervor, als
hätten sie dort gewartet, um ihre stolze Wirkung, ungeschmälert durch
die kleine, rasche Heldenschar, ganz allein zu genießen.
Groß und grau, in der Langsamkeit von einer stillen und bezwingenden
Gewalt, glitten die großen Kriegsschiffe über das blaue Wasser.
Ungeheuer voll Grazie. Ruhevoll stieg der feine Dampf aus ihren grauen
Essen. In der Takelage ihrer Signalmasten war ein emsiges Huschen
von Farbenflecken. Da stiegen und sanken und hißten und tippten
allerlei kleine Flaggen, und einige von ihnen blieben hängen, in
einer geheimnisvollen Anordnung -- beredt für die, die ihre Sprache
verstanden -- stumme Befehlshaber, die blinden Gehorsam forderten.
Vor dem goldenen Grunde des Abendhimmels kamen die Schiffe, wunderbare
Symbole der Macht, in schweigendem Stolz -- unnahbar, seltsam
abgesondert von der Erde und der atemlos staunenden Menge auf ihr --
und doch in der unerklärlichsten Nähe mit ihr verbunden -- von einer in
jeder Brust aufjauchzenden heißen Liebe begrüßt ... „Unsere Flotte“ ...
Die huschenden Farbenflecke hatten alle ihre Befehle über das auch in
Keilformation fahrende Geschwader hin verbreitet. Nun änderte sich die
Bewegung. Einige der Schiffe lagen still -- andere glitten noch weiter
-- in einer Stellung zueinander, deren Ordnung und tiefer Sinn den
Zuschauenden verborgen blieb, kamen sie endlich alle zur Ruhe.
Und nun lagen sie da, eine undurchdringliche, in sich abgeschlossene
Welt.
Aber nicht lange, und es schien, als entstehe ein eiliges Hin und Her
zwischen dem Land und dem Geschwader.
Während der goldene Glanz im Westen erlosch, nahm das Meer eine graue,
ernste Farbe an; das Heranrauschen der Wogen war kein heiteres Spiel
mehr, sondern eine Musik voll Schwermut. Der Himmel entfärbte sich und
bekam eine matte Zinnfarbe.
Und in dieser Lichtlosigkeit, ehe die Nacht hereinfiel, wurde es
lebendig um die Riesenleiber der Kriegsschiffe herum. Barkassen lösten
sich von ihnen und puckerten in eiliger Fahrt zum Hafen. Boote schossen
heran, von den sich im präzisen Gleichmaß hebenden und senkenden
Rudern getrieben. Die Wasser tropften von den Hölzern, und die Riemen
knirschten. In militärischer Ordnung saßen die Maaten auf den Bänken
und beugten sich vor und legten sich zurück. Dann warteten sie an den
Brücken auf die Post, die der Postmaat holte, während die Menge die
Blaujacken umstand und betrachtete und auch wohl mit Biergeld und
Zigarren beschenkte.
Die Gig der „Thuringia“ nahm außer der Post auch noch den Kapitän
von Krietzow auf, der hier eingetroffen und seit diesem Mittag schon
bereit gewesen war, sich wieder an Bord zurückzumelden, um seinen
Stellvertreter Hochhagen abzulösen.
Der Abend wandte sich mit Hochsommerraschheit zur Nacht. Auf den
Schiffen blitzten Heere von Lichtern auf. Wo vorher die kleinen
Gruppen bunter Flaggen gesprochen hatten, zeigten sich nun ebenso
geheimnisvolle Gruppierungen verschiedenfarbiger Lichter.
Und ab und zu strich, vom Scheinwerfer des Wachtschiffes
herausströmend, ein grellweißer Lichtkegel über das Meer und das Land.
Er huschte über jede Erscheinung weg, ließ sie auftauchen und wieder
in Dunkelheit versinken. Die Menge am Ufer fühlte sich oft in hellen
Tag versetzt, lachte und kreischte -- und schon glitt der weiße Schein
weiter und ließ, gleich einem Phantom, ein Schiff erscheinen und war
blitzgleich wieder anderswo.
Und in diesem flinken Wechsel von krasser Helle und nach ihr gesteigert
scheinendem Dunkel sah Emmich Hochhagen einmal, schon ganz nahe der
„Thuringia“, die Gig auftauchen und verschwinden. Er erkannte in dem
huschenden Moment, daß sein Kamerad Krietzow darin saß. Krietzow
hatte sich schriftlich schon angemeldet und war also erwartet worden.
Es hätte sich demnach ungefähr ein Weltuntergang ereignen müssen,
um Krietzow am pünktlichen Erscheinen zu hindern ... ein deutscher
Offizier, der sich dienstlich zur Stelle zu melden hat! ... Dennoch
aber fühlte Hochhagen sich so erleichtert, daß er aufseufzte.
Er wartete fast seit Beginn seines vorübergehenden Kommandos schon
dringlich auf die Ablösung -- was er sich freilich nicht einmal selbst
gestand. Und was kein Mensch an Bord ihm angemerkt hätte.
Renatens Briefe ängstigten ihn mehr und mehr. Er spürte, daß die
unselige, in ihrer Verlassenheit um alle Haltung gekommene Frau einen
immer größeren Einfluß auf sein holdes Mädchen bekam. Das mißfiel ihm
höchst. Deshalb ersehnte er den Tag der Ablösung. Er hatte sich einen
unmittelbar an sie anschließenden Urlaub von zwei Wochen erwirken
können. Und nun, wo die Flotte für einen Ruhetag vor Saßnitz ankerte,
um dann in die wirklichen Manöver einzutreten, nun dachte er Krietzow
die Geschäfte zu übergeben und sofort, im Morgengrauen, nach der
Schweiz abzureisen.
In seiner heimlichen Unruhe hatte er sich eingebildet, Krietzow könne
in allerletzter Stunde abermals erkranken. Auch gibt es ja Unfälle auf
Eisenbahnen und Gott weiß was sonst noch.
Also da war Krietzow! Endlich, endlich!
In der großen Unruhe an Bord, in der Eile der an Land Beurlaubten, bei
all dem Kommen und Gehen fand Krietzows Ankunft doch viel Beachtung.
Man sagte ihm, daß er glänzend aussehe, warf ihm noch neidvoll vor, daß
er wie ein Gott in Frankreich gelebt, während man sich selbst wieder
mal geschunden habe. Dann, nachdem er sich beim Kommandanten gemeldet
hatte, zog er sich mit Hochhagen in die Koje des Ersten Offiziers
zurück, um die dienstliche Angelegenheit zu besprechen.
Inzwischen war die Post sortiert und wurde an Bord ausgetragen.
Emmich sah, als die Ordonnanz die seinige auf den Schreibtisch legte,
vor dem er mit Krietzow saß, obenauf den Brief Renatens.
Aber natürlich, mehr als diesen Blick konnte er den lieben Schriftzügen
jetzt nicht gönnen.
Erst der Dienst.
Und in seinem Gedränge mochte er auch nicht lesen. Es war gerade, als
hielte eine heimliche, warnende Stimme ihn davon ab, einen kurzen Blick
hineinzutun.
Emmich Hochhagen erledigte erst alles, was noch abzuwickeln war, ließ
seine Sachen packen, meldete sich beim Kommandanten ab und fuhr dann
mit einigen Kameraden an Land. Alles freute sich auf die Abwechslung.
Es tat den Nerven schon wohl, sich einmal in hohen weiten Räumen beim
Essen aufzuhalten; nicht nur mit Männern in engen, niedrigen, kunstvoll
ausgesparten Räumen zusammen zu sein. Es war ein Vergnügen, Frauen
zu sehen, die eleganten Frauen eines Badeortes, die mit lächelnden
und gütigen Blicken an ihnen vorbeistrichen, zu rascher und mehr oder
minder harmloser Anknüpfung merkwürdig bereit.
Man aß zusammen in dem Hotel, in dem Emmich Hochhagen zu übernachten
dachte, um den Frühzug nach Berlin zu nehmen. Im Hinblick auf die
Anwesenheit des Geschwaders war eine Reunion veranstaltet. Aus dem
Saal neben dem Restaurant klang Musik. An der Glastür vorbei drehten
sich tanzende Paare. Vorurteilslos und bereit, jede frohe Stunde zu
nehmen, wie sie ihnen zufiel, beteiligten sich die jüngeren Offiziere
mit leidenschaftlichem Eifer am Tanz, als lägen nicht die aufreibenden
Mühen eines spannungsvollen Aufklärungsmanövers hinter ihnen.
Die Kameraden von der „Thuringia“ feierten Hochhagen weg und quälten
ihn -- ahnungslos -- mit ihrem wohlwollenden Neid! Ja, wer solchen
Dusel hatte! Zu so einer entzückenden Braut fuhr! Sich so fabelhaft
nette Schwiegereltern zugelegt! Ja, der konnte wohl zugeben, daß das
Leben immerhin ein Pläsier sei.
Er lächelte etwas mühsam dazu.
Sie wußten ja nicht, daß sein junges Glück von einem Unbehagen umlauert
war, das von Post zu Post wuchs.
Und gerade weil er ein beklemmendes Vorgefühl hatte bei dem Gedanken:
was mag nun wieder dieser Brief bringen? gerade deshalb blieb er
länger noch mit den Kameraden zusammen, als er es vorgehabt hatte.
Das ganze Leben des Badeortes schien rascheren und freudigeren
Pulsschlag bekommen zu haben. Viel lauter als sonst gebärdete es sich
und wollte der Nacht das Recht auf Stille lange nicht gönnen.
Es war fast zwei Uhr, als der Kapitän Hochhagen sich endlich in seinem
Zimmer allein befand -- in jener Einsamkeit, die fast unsicher machte,
wie festes Land nach bewegter Seefahrt. In all dem Nachhall von Lachen,
Musik, Bewegung, Gläserklang können die Nerven sich noch nicht in der
Lautlosigkeit zurechtfinden.
Er preßte die Hand gegen die Stirn und besann sich. Ja, da war der
Brief. Und morgen -- nein, heute -- um neun Uhr und? wieviel Minuten
doch? fuhr der Zug. Saßnitz ab? -- Berlin an? Dort mußte er den
Nachtzug nach Stuttgart nehmen ... Über den Bodensee -- Zürich -- Genf.
-- -- Wo war doch das Reichskursbuch? Natürlich irgendwo tief unten im
Koffer, wo man es nie findet, nach jener unergründlichen und wirklich
märchenhafterweise sich ewig fortpflanzenden Burschenweisheit, die das
Nötige listig verpackt und das Überflüssige handlich obenauf legt ...
Aber der Brief ...
Und plötzlich hatte er ihn geöffnet und stand mitten in dem gräßlichen
kleinen Zimmer, zwischen dem häßlichen Bett und dem Sofatisch mit
geblümter Plüschdecke, gerade unter der elektrischen Birne, die in
ihrem tellerartigen Schirm fest unter der Decke saß. Sie schien ihm
grell auf Renatens Schriftzüge und das weiße Papier.
Immer finsterer wurde sein Gesicht und sein Ausdruck hart.
Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Starrte hinaus -- und sah
nichts von dem grandiosen Bild da draußen, wo auf dem dunkeln Meer die
von Lichtern übersprenkelte Flotte in wachsamer Ruhe lag -- sah nur im
schwarzen Glas das Spiegelbild der kargen, banalen Stube -- die blanke
Glühbirne unter dem weißgekalkten Plafond und sein eigenes Gesicht -- --
Wußte denn Renate, was sie ihm da alles gestand?
Wenn sie es wußte, hieß es soviel als: ich habe mich doch wohl geirrt!
Nicht in ihrer Liebe. O nein! Das fühlte er wohl.
Ihr Herz drängte sich an das seine voll Angst und Unruhe.
Das war es: voll Angst.
Junge Liebe darf keine Angst kennen. Die soll nur hoffen und glauben.
Was schreibt sie da?