Er selbst erschrak beinahe, als er es gesagt. Mit dem lauten Wort war

nun der Entschluß unwiderruflich geworden, an den er in den schweren

Stunden der letzten Nacht immer wieder gedacht hatte.

Es war nicht ganz einfach, Herrn Wilmers zu dem Gefühl zu bringen, daß

es Zeit sei, den Besuch am Tisch zu beenden. Das bewährte Mittel,

Gesprächspausen eintreten und auffällig werden zu lassen, konnte

Herbert nicht anwenden; die Lebhaftigkeit des Herrn Wilmers wurde

immer behaglicher und intimer; er führte die Unterhaltung mit einer

sprachlichen Rüstigkeit unerschöpflicher Art.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu sagen: meine Zeit ist knapp.

Dann gab es einen Abschied, aus dem Herbert schließen durfte, daß er

für den Rest seines Lebens unter die nächsten Freunde des Herrn Wilmers

gezählt werden würde.

In der Erleichterung, daß es überhaupt nur endlich zum Abschied kam,

lächelte er hell. Und hiervon war nun Wilmers völlig bezaubert und

erklärte seinem schicken Kreis, daß die hochmütige Außenseite nur für

die Welt sei, daß in der Intimität eine hinreißende Liebenswürdigkeit

zutage trete.

Wenige Minuten nachher ging Herbert auf den Waldwegen dahin. Kühl und

feucht war die Luft unter den Tannen, von kräuterigen und moosigen

Gerüchen schwer. Zuweilen schimmerte durch die breithängenden

Nadelzweige das Geblitze des Sees auf.

Er ging, um Abschied zu nehmen.

In dieser letzten Nacht war es ihm klar geworden: er hätte sich nicht

verführen lassen dürfen, hierherzukommen.

Was hatte ihn verführt: Blick und Wunsch der geliebten Frau?

Die eigene Sehnsucht nach ihrer Nähe? Vielleicht diese üppige Schönheit

der Natur -- die so stark in all den vollen Tönen ihrer Lebensfülle auf

die Nerven wirkte, daß man ein aufpochendes Anrecht in sich fühlte,

auch zu jauchzen, in ihr mit erhöhten Daseinswonnen aufzugehen --

Vielleicht dies alles ...

Er dachte daran, wie sehr er sich in der Hand gehabt hatte, noch damals

beim Abschied in Kiel -- als er ihr und sich die Haltung vorzeichnete

...

Und nun hatte die Leidenschaft sie doch fast überwältigt. -- Wie kam

das?

Vielleicht so: Wenn das Schicksal mit dem gleichen Erlebnis zu uns

zurückkehrt, hat es verdoppelte Kraft: zur Macht der Gegenwart gesellt

sich die Macht der Erinnerung --

Und das ist: Feuer im Rücken, Feuer von vorn ... Wer kann sich gegen

solchen Ansturm behaupten! ...

„Es ist würdiger,“ dachte er, „wir gehen jetzt auseinander -- um uns

später mit freiem Bewußtsein gehören zu können ...“

Er fühlte: dies war seiner Art notwendig!

Nicht nur aus Achtung vor der Geliebten, vor dem Gefühl, das sie

zueinander zwang -- auch um seines eigenen, zukünftigen Stolzes und

Gleichmaßes willen. Wenn die schwülen Augenblicke gestern sie zusammen

fortgerissen hätten? ... Er wußte heute: es würde ihm furchtbar,

unvergeßlich würde es ihm gewesen sein ...

Die Scham vor dem fernen Mann hätte ihm das Gemüt vergiftet ...

„Wär’ er hier!“ dachte Herbert inbrünstig. „Seine Abwesenheit macht

mich von ihm abhängig ...“

Ja, solange er nicht *weiß*, daß seine Frau ihn nicht mehr liebt, so

lange sind wir wie in Ketten ...

Allerlei Stimmen hatten in der Nacht auf ihn eingesprochen: daß es auf

die geliebte Frau wie Feigheit wirken könne, wenn er fliehe; daß er

sich gerade als Mann beweisen müsse, indem er bleibe.

Er erkannte: dieser ganze Liebesroman war nicht seinem eigentlichsten

Wesen gemäß, das der ruhigen Entwicklung aller Lebensfragen zuneigte.

So wollte er doch trachten, das Unerwartete und Leidenschaftsvolle

dahin zu meistern, daß es ihm und der geliebten Frau und vor allem

jenem fernen Mann das bürgerliche Ansehen nicht zerbräche!

Sein noch in allerlei Widerspenstigkeiten verstrickter Vorsatz,

abzureisen, hatte durch die Begegnung mit diesem lauten und

andrängerischen Mann nun ganz sichere Gestalt bekommen.

Die ernste Lage, die nur durch die Größe ihres Gefühls und

durch heiligste Schonung aller Empfindlichkeiten ertragbar war,

mußte unertragbar werden, wenn nun ein plumper und nicht in sie

hineingehörender Mensch ihnen seine Gesellschaft antrug.

Am Gitter der Pension zögerte er kurze Augenblicke.

Er fühlte sich von einer Befangenheit benommen, die ihm unfaßlich war

-- so, als sei es eine Verlegenheit, vor die Geliebte hinzutreten.

Zusammen schuldig Gewordene erröten voreinander -- kann das Unfaßliche,

Unlogische sich begeben, daß man errötet, weil man *nicht* schuldig war?

Ist für eine Frau eine Leidenschaft nur groß und echt, wenn sie keine

Grenzen achtet?

Was mochte alles in der Geliebten vorgegangen sein seit gestern abend?

Eine sinnlose Furcht, gegen die er sich nicht wehren konnte, kam

plötzlich über ihn, daß nun sie, unschlüssig und von ihrer Sehnsucht zu

ermüdet, sich von seiner Liebe doch noch abwenden könne.

Wie er einst, unschlüssig und mit klugbedachten Lebensplänen

beschäftigt, an der ihrigen vorbeigegangen war.

Und in dieser jäh in ihm aufwallenden Angst fühlte er schmerzhaft: ich

kann sie *nicht* wieder verlieren ...

Das gäbe einen Riß, den nichts mehr verheilen könnte ...

Rasch trat er ein.

Leer waren Korridor und Treppe. Die kleine Familienpension ließ ihren

Eingang nicht von einem Portier bewachen. Im Bureau war Madame,

die dort sonst schrieb und huldvoll die Anliegen ihrer Pensionäre

entgegennahm, nicht anwesend. Durch offene Türen und Fenster kam die

Waldluft herein und durchwürzte das Haus.

Er stieg treppan.

Da, am Kopf der Treppe, aus dem rechten Arm des Korridors kommend,

rannte Martha fast gegen ihn an. Sie sagte: „Ach Gott ...“

Vielleicht zur Entschuldigung. Atemlos und kläglich sagte sie es.

„Melden Sie der gnädigen Frau, daß ich hier sei.“

Martha, deren sommersprossiges Gesicht ganz schlechtfarbig aussah, und

die überhaupt einen fast zerzausten Eindruck machte, sah ihn betrübt an.

„Ach, Herr Legationsrat -- das Kind ist uns krank geworden -- sehr

krank -- wenn es man nich stirbt!“

„Diese Nacht?“ fragte er betroffen und sich verfärbend.

„Nein, schon gestern. Wo ich allein mit der Kleinen war. Aber ’n

Versehen hab’ ich nicht gemacht, ganz und ganz gewiß nicht,“ beschwor

Martha und begann zu weinen.

„Das wird Frau von Falckenrott Ihnen auch nicht zutrauen,“ sagte er

tröstend.

Er dachte: „Kleine Kinder sind ja manchmal krank -- erholen sich

rasch.“ -- Er erinnerte sich: da und dort in den Kinderstuben seiner

verheirateten Freunde gab es zuweilen schreckhafte Erregungen. Und nach

ein paar Tagen sah man die jungen Mütter wieder strahlend auf Bällen ...

„Kann ich die gnädige Frau wohl einen Augenblick sprechen?“ fragte er.

„Ach -- ich glaub’ nicht -- nein -- es ist wohl nicht möglich ...“

Aber sie lief doch zurück, um zu fragen.

Er stand am Treppenkopf. Als würde es schon zudringlich und voreilig

sein, wenn er sich der Tür mehr näherte.

Er dachte immerfort: „Nun muß ich hierbleiben -- in ihrer Nähe -- bis

ihr Kind genesen ist ...“

Martha kam wieder, machte schon, kaum daß sie die Tür hinter sich

schloß, abwinkende und zur Stille ermahnende Handbewegungen und schlich

heran.

„Ach nein. Sie schüttelte nur den Kopf -- ach, sie sieht beinahe ebenso

aus wie das Kind -- rein um bange zu werden.“

„Was fehlt dem Kind?“ fragte er.

„Ich weiß nicht. Wir verstehen es nicht. Es fing gestern an zu

erbrechen, viele Male, ich flehte gleich Madam’ im Bureau an, daß ’n

Doktor kommen solle -- er spricht mit der gnädigen Frau Französisch --

ach, Herr Legationsrat, wenn ich es mal so sagen darf -- ich glaub’,

sie hat kein Vertrauen zu ihm -- sie mag sein Gesicht nicht leiden --

sie hat wohl schon sechsmal gesagt: ‚Martha, er kann ja ganz tüchtig

sein!‘ Wissen Sie wohl -- wie man so spricht, wenn man es ganz inwendig

eigentlich nich denkt.“

„Haben Sie nicht an den Geheimrat telephoniert?“

„Er ist kein Kinderarzt, sagt die gnädige Frau.“

„Nun, er würde aber doch ...“ Herbert Gamberg dachte nach, während

Martha mit ihren wasserhellen Augen andächtig an ihm hing -- als müsse

von ihm, nur weil er der einzige Mann war, den sie hier kannten,

unbedingt Trost kommen. Und sie berichtete es nachher auch ihrer

Herrin: man sah wohl, wie nah’ es ihm geht, er war weiß wie der Kalk an

der Wand.

Er stand und erwog: ihr ein Wort der Ermutigung schreiben? Nein.

Nichts. Sie wußte von selbst: er sei zur Stelle, wenn sie ihn brauchte.

Er fand es zarter, zu schweigen. Aber helfen -- das einzige tun, was

hier Trost geben konnte. Sie mochte den Arzt nicht, sagte Martha. Und

begründete das in aller Einfalt ganz richtig mit dem grundlosesten

aller Gründe: sie mag sein Gesicht nicht leiden. Wer kennt so etwas

nicht, man wehrt sich stark gegen Helfer und Kluge und Gute, weil

vielleicht eine kleine Linie in ihrem Angesicht einem widerstrebt ...

Er traute Jutta eine große Kraft des Widerwillens in solchem Fall von

Antipathie zu.

„Hören Sie, liebe Martha ...“

Sie war nichts wie Ohr und Auge.

„Sagen Sie: ich würde nach Lausanne telephonieren. Dort gibt es unter

allen Umständen einen erfahrenen Kinderarzt, dem wir völlig vertrauen

dürfen. Vielleicht kann er in zwei, drei Stunden zur Stelle sein.

Ich kehre jetzt in mein Hotel zurück und telephoniere Ihnen, wen

ich herbekomme und wann. Ich werde den Herrn von der Bahn holen und

herbegleiten. Mein Diener kann sich hier einquartieren und Ihnen zur

Hand sein.“

„Ja,“ sagte Martha, „ja, das ist schön.“

Ihr schien, als sei nun schon die Besserung auf dem Wege. Sie hatte

auch nicht gedacht, daß dieser stolze Mann, vor dessen Haltung ihr

etwas unbehaglich gewesen war, so zutraulich mit ihr sprechen könne ...

Nun gab er ihr noch die Hand ...

Dann ging er. Von einer Eile getrieben, die geradezu Wohltat war.

Sie hinderte ihn, den Tumult seiner Empfindungen zu sondern und

jede einzeln zu betrachten. Dunkles und Beglückendes in unerhörtem

Durcheinander ging durch ihn hin.

Wenn das Kind starb? ... Dann war vollends ihre kurze Ehe mit dem

anderen Mann nur noch wie ein Traum ...

Er war gewiß keine dämonische Natur -- nicht von fern. Und dennoch

wollten Gedanken kommen ... der Verstand sprach von Erleichterung ...

von größerer Klarheit der Zukunft ... Er scheuchte das in schwerem

Schreck hinweg ...

Er war glücklich, noch in ihrer Nähe zu sein, ihr beistehen zu können,

ihr zeigen zu dürfen: ich sorge mich mit dir um dein Kind. -- Er

arbeitete sich in das Gefühl hinein: so kann ich ihr schon zeigen,

daß ich es als teure Pflicht empfinde, an ihres Kindes Ergehen

teilzunehmen ...

Er erfuhr in seinem Hotel den Namen und Ruhm eines Kinderarztes und

ließ sich sogleich mit diesem Professor Lequint verbinden. Alles

ging glatt, und der Professor war bereit, um halb eins in Territet

einzutreffen, wo Herbert ihn empfangen würde.

Darauf versuchte er an den Geheimrat nach dem Hotel in Caux hinauf zu

telephonieren. Aber die Nachricht kam zurück: die Herrschaften seien

gerade ausgegangen.

Als dies alles getan war, kam eine Pause voll Unbehagen -- das Warten

... für Beherrschte vielleicht noch zehrender als für die Ungeduldigen,

die sich in Worten und Gesten Luft machen können.

Herbert traf auch wieder unfreiwillig mit Herrn Wilmers zusammen und

sollte erklären: ob er seine Abreise auf den Nachmittag verschoben

habe? Mit welchem Zuge nun? Er -- Wilmers -- würde auf eine geplante

Partie verzichten und es sich nicht nehmen lassen, ihn an die Bahn zu

geleiten. In einer dem Legationsrat bekannten Familie sei plötzlich

ein ernster Krankheitsfall eingetreten? Das ging Herrn Wilmers sehr

nahe. Ja, Kranksein im Hotel wäre etwas Entsetzliches. Und teuer!

Die betreffende Familie solle sich nur auf schauderhafte Rechnungen

gefaßt machen. Es scheine beinahe, als sei ein Haferschleim mühseliger

herzustellen als eine getrüffelte Geflügelgelatine.

Die Mühlräder dieser Gesprächigkeit sausten lange und monoton. Und

schließlich bekam Herbert sogar ein Gefühl von matter Dankbarkeit.

Der breitschultrige Mann, der sich und seine Mitteilungen für wichtig

hielt, hatte ihm über eine Stunde fortgeholfen durch die beruhigende

Macht, die allem Gewöhnlichen zuweilen eigen sein kann.

Dann konnte er auch schon zum Bahnhof fahren.

Kaum aber hatte er den Professor aus dem Häuflein der Aussteigenden

herausgesondert -- die Männer fanden sich an dem Gebaren von Suchenden,

das sie beide unwillkürlich annahmen -- kaum saß er mit ihm im Wagen,

so gab es ein knappes Gespräch, das Herbert qualvoll war.

Professor Lequint nahm seinen runden, weichen Filzhut ab, strich sich

mit der Hand durch sein dickes, schwarzes Haar, das ihm in die Stirn

fiel, und fragte: „Sie hatten schon einen Arzt aus Territet zu Ihrem

Kind berufen?“

„Es ist nicht mein Kind.“

„Ah --“

„Die Mutter des Kindes ist mir befreundet -- verwandt.“

„Es ist ein kleines Kind?“

„Vier Monate.“

„Ah ... Warum reiste die Dame mit einem so kleinen Kind? Oder ist die

Mutter leidend?“

„Nein.“

Herbert dachte: er wundert sich über alles; Ärzte sind gewohnt, daß

Angehörige von Patienten sie gleich mit laienhaft erzählten Symptomen

überfallen; es muß ihm erstaunlich sein, daß ich nichts zu sagen weiß.

Und plötzlich teilte er mit: „Das Kind hatte starkes Erbrechen in der

Nacht.“

„So ... wir werden sehen.“

„Er wird sehen, daß die Mutter eine junge, schöne Frau ist -- daß ich

nicht unbefangen ihr Zimmer betreten darf -- daß ich ihr vor der Welt

ziemlich fernstehe. -- Er wird vielleicht denken, daß ...“

Vielleicht dachte der Professor nichts. Hatte gar kein Nachdenken übrig

für die Umwelt des kleinen Patienten, war nur gespannt auf diesen

selbst.

Aber das unselige Gefühl, daß in seinem Eintreten für Jutta etwas sie

Bloßstellendes läge, bedrängte Herbert plötzlich stark.

Er hatte die Empfindung, als müsse er diesem fremden Mann Erklärendes

und Entschuldigendes sagen.

Und das verletzte seinen Stolz -- seine ganze hochmütige

Unantastbarkeit war dahin ... er litt schon durch ein „Vielleicht“.

Nachher hatte er die große Aufreizung der Spannung. Ihm schien

natürlich, als bleibe der Professor eine ungewöhnlich lange Zeit oben

in dem Krankenzimmer.

Jeder andere wäre rastlos auf und ab geschritten, sich die Zeit durch

Bewegung verkürzend. Er saß, in vollkommener Haltung, unbeweglich,

bleich und sah leer ins Unbestimmte.

Er faßte sich auf das, was der Professor verkünden werde: Leben oder

Tod.

Und als er dann endlich in der Verandatür erschien, erhob sich Herbert

aus dem geflochtenen Stuhl, in dem er neben einem Gartentisch gesessen.

Scheinbar gelassen schritt er ihm entgegen.

Ja, Professor Lequint konnte vorerst nur die Achsel zucken. Das Kind

hatte ganz gewiß irgendeine Mageninfektion -- es erbrach. -- Trotz

der verständigen und in solchen Fällen bewährten Mittel, die der Herr

Kollege schon verordnet hatte, fuhr es noch fort zu brechen. Man mußte

seine Bemühungen darauf richten, die Kräfte des Kindes zu erhalten.

Was aber eben schwer sei, wenn der Magen alles verweigere. Uralter

Malaga sollte halbteelöffelweise eingeflößt werden. Kräftigende und

die Körpertemperatur belebende Einreibungen sollte man versuchen. Aber

immerhin ... Ob Madame nicht nahe Angehörige habe, die ...

Herbert fühlte: der Professor mochte nicht fragen: hat sie einen Mann?

...

Er sprach mit wahrhaft eisiger Miene: „Herr von Falckenrott befindet

sich dienstlich im Ausland. Madame ist aber unter dem Schutz sehr

naher, älterer Freunde hier, des Professors Gervasius und Frau, die

oben im Hotel wohnen. Sie sind bereits benachrichtigt. Ich selbst bin

erst seit gestern hier und wollte heute weiter. Aber ich werde jetzt

bleiben, um Frau von Falckenrott beizustehen, falls sie meiner bedürfen

sollte.“

Dies alles war dem Professor recht gleichgültig. Er hatte keine Zeit,

über die Lebensumstände seiner internationalen Patienten nachzudenken.

Aber die Schönheit und Verzweiflung der jungen Frau hatten ihn einen

Moment gedauert, und er dachte flüchtig: ob die niemand hat außer dem

höflichen und kalten Herrn, der mich herbrachte?

Der Professor hatte nun Eile, um den nächsten Zug zu erreichen. Morgen,

sagte er, würde er wiederkommen. Herbert wollte mit hinunterfahren nach

Territet, um alles selbst zu besorgen, was der Professor verordnet

hatte.

Gerade als sie einsteigen wollten, kam Martha angestürzt. Sie drückte

Gamberg einen gefalteten Zettel in die Hand und lief wieder zurück ins

Haus.

Der Wagen rollte in dem kurzen, gehaltenen Trab der Bergabwärtsfahrt

unter den Tannen hin.

Herbert hielt das kleine Papier zwischen seinen Fingern.

Mit Bleistift stand darauf geschrieben: „Dank! Dank! Ich hoffe wieder.

J.“

Wie beredt Juttas blasse eilige Schriftzüge waren. Sie sagten Gamberg,

daß der Arzt, den er herbeigeholt hatte, ihrem verzweifelnden Herzen

Mut zurückzugeben vermochte. Daß sie dafür ihm dankbar war -- wie

es Frauen sind, die alle Verdienste gern auf den geliebten Mann

häufen ... Ja, ein Liebesgeständnis, ein Beweis unerschütterlichen

Zusammengehörigkeitsgefühls waren diese kurzen Worte ...

Die junge Frau droben am Bett des Kindes glich nun einer, die auf

einer rasenden Flucht zum erstenmal den Mut hat, stillzustehen,

zurückzublicken, aufzuatmen, sich darauf zu besinnen, daß man mit

seinen Kräften haushalten muß, weil noch viele Kräfte nötig sind.

Sie dachte gesammelter nach, ließ auch ihren Verstand sprechen.

Sie zerrieben sich beide in Wachsamkeit und Angst, sie und die treue

Martha. Es war klüger, abwechselnd zu ruhen, um zuverlässigere Nerven

zu behalten.

„Iß und schlaf dann zwei Stunden. Dann werde ich mich hinlegen, um die

Nacht durch wieder wach zu sitzen,“ befahl sie.

Gerade so grundlos wie sie gestern abend und heute früh den Anordnungen

des einen Arztes zweifelnd gehorcht hatte, gerade so impulsiv war sie

von blinder Zuversicht erfaßt: dieser wird mein Kind retten.

Nun saß sie im niedrigen, bequemen Rohrstuhl neben dem Wagen des

Kindes. Man hatte natürlich das Gitterbettchen nicht mit auf die Reise

nehmen können. Und ganz gewiß lag das kleine Wesen in seiner rührenden

Unselbständigkeit ebenso geräumig, warm und weich in diesem schönen

englischen Wagen.

Aber es quälte Jutta. Ihr schien, es läge stiller, geborgener, wenn nur

das Gitterbett zur Stelle sei, mit den sanften blauen Seidenfalten,

die vom gebogenen Stab über das Kopfende herabfielen. Wenn man nur

die ganze, von träumerischer Schlafensfeierlichkeit durchwobene,

frischduftende Behaglichkeit des heimatlichen Kinderzimmers hierher

zaubern könnte!

Ach, in der Heimat wäre es vielleicht gar nicht krank geworden ...

Lisbeth Rosenfeld fiel ihr ein. Hatte nicht sogar die lustige,

unbesorgt durchs Leben trällernde Lisbeth so etwas wie einen warnenden

Ton in der Stimme gehabt, als sie damals fragte: mit einem so kleinen

Kind willst du reisen? ...

Nun aber kamen ruhigere Gedanken: es war ein Unglück, das daheim ebenso

plötzlich hätte hereinbrechen können.

Dieser sympathische Professor mit seinem sicheren Wesen und tiefernsten

Blick, der beruhigenden Stimme und dem festen Händedruck, der würde

helfen ...

Gestern abend noch und immer wieder in der Nacht hatte sie die arme

Martha mit Fragen gefoltert. Und Martha weinte und sagte: sie wolle

lieber selbst sterben, damit das Kind am Leben bleibe, wenn die

gnädige Frau dächte, sie habe ein Versehen gemacht. Nein, beschwören

konnte sie es: sie hatte die von der gnädigen Frau selbst im Apparat

sterilisierten Flaschen jedesmal unter Thermometerkontrolle erwärmt.

Und endlich ließ Jutta von ihr ab. Sie wußte es auch im Grunde ganz

bestimmt: eine Nachlässigkeit war ausgeschlossen ...

Es war eben ein Verhängnis. Man würde die Ursache nicht feststellen.

Vielleicht war trotz allen Sterilisierens doch ein Giftstoff in der

Milch gewesen.

„Und ich war fort unterdes -- war mit -- ihm.“

Das kam immer wieder. Schloß jede Grübelei ab.

Das Kind war nicht unter ihren eigenen Händen erkrankt ... Sie, ja sie

ging indessen Hand in Hand mit dem geliebten Mann ...

Das wollte ihr eine furchtbare Last aufbürden. Sie wehrte sich:

nein, nein -- so schwächlich muß man nicht denken ... Das sind

Zufälle. Sinnlos, brutal. Aus solchem Zusammentreffen soll man sich

nichts aufbauen, als sei ein geheimnisvolles Walten um uns und halte

Abrechnungen ...

Wofür auch Abrechnung? Sie war sich keiner Schuld bewußt.

Sie wagte nicht, deutlich an den beängstigenden Rausch jener Minuten zu

denken, wo die Begierde sie beinahe verbrannte ...

Aber dennoch errötete sie, heiß, bis in die Augen hinein ... Und sie

seufzte -- dankbar -- erleichtert ...

Sie erinnerte sich ihrer Vision ... Wie das Gesicht ihres Gatten so

plötzlich vor ihr gewesen war ...

Sie begriff, was das zu bedeuten gehabt hatte ...

Ja, seine *Abwesenheit* machte seine Ehre heilig. Es war die Ehre

eines Mannes, der zu hartem Opfer, aufreibender Arbeit, unendlicher

Verantwortung in die Ferne gezogen war, dem Vaterland zu dienen.

Eine scheue Ahnung war in ihr, daß in dem Geliebten Ähnliches

vorgegangen sei wie in ihr ...

Und das, gerade das verband sie nur enger ...

Sie konnte ihn nicht sehen -- sie wagte nicht seinetwillen, gerade

seinetwillen nicht ihr Kind auf einige Minuten zu verlassen.

Aber was Martha ihr berichtete, von seinem Schreck, seiner tätigen

Fürsorge, erfüllte sie mit Glück.

Sie weinte still vor sich hin ... Ja, das war Liebe ... sie fühlte: er

würde ihr Kind, das vaterlose Kind, gütig an sein Herz nehmen ... eines

Tages, wenn es so weit war, daß er das Recht dazu bekam.

Wo war jetzt Malte? Was wußte er von der Todesangst dieser Stunden?

Und daß das Kind, das er nie gesehen, dessen Dasein für ihn keine

Wirklichkeit war, sich in Gefahr befand?

Nichts wußte er ... Aber der andere Mann war zur Stelle, schützend,

helfend ...

Und von Dankbarkeit überwältigt, schrieb sie, kaum daß der Professor

das Zimmer verlassen hatte, die eiligen Worte auf das kleine Papier ...

Zwei Stunden später waren auch Gervasius’ zur Stelle.

Was konnten sie tun? Mit dem Bestreben, Schritt und Bewegung ganz

unhörbar zu machen, schlichen Renate und ihre Mutter herein und küßten

die blasse junge Frau und sahen bekümmert auf das jämmerliche kleine

Menschenkind, das in seinen Kissen lag und zu kraftlos schien, die

Augen aufzuschlagen oder zu schreien.

Die Frau Geheimrat bot keine Hilfe bei Pflege und Wachen an. Sie wußte

von selbst: das wäre nicht angenommen worden.

Der Geheimrat hörte die ganze kurze und doch so beängstigende

Krankengeschichte an. Er war Spezialist auf anderem Gebiet und wies

ausdrücklich Urteilsfähigkeit und Verantwortung ab. Dennoch aber war es

Jutta ein Trost, zu hören, daß ihm scheine: alles läge klar, und die

Anordnungen der Ärzte seien die vernünftigsten und allein möglichen.

Die Frau Geheimrat flüsterte liebevoll: sie und Mann und Tochter würden

sich den Nachmittag und Abend über in der Pension aufhalten; ja, sie

sei bereit, im Hause zu übernachten. Damit Jutta wisse: Freunde seien

in der Nähe. Aber das lehnte Jutta beängstigt ab. Es würde ihr geradezu

ein Gefühl von Unruhe erregen, wenn sie wisse, die Freunde träten aus

dem Rahmen ihres Ferienbehagens heraus, um hier nutzlos herumzusitzen.

Sie sagte, sie werde ganz gewiß sofort nach ihnen rufen, sobald ihr das

Verlangen nach ihrer Gegenwart komme.

Der Geheimrat fand, daß ihr Gefühl das Richtige sei. Mit Herbert von

Gamberg, den sie im Garten der Pension trafen, saßen sie noch ziemlich

lange zusammen. Und der Geheimrat setzte seiner Frau und seiner Tochter

-- die sich treulos vorkamen, weil sie nicht helfen konnten -- herzlich

auseinander, daß ihr Anerbieten, in der Nähe bleiben zu wollen, fast

das naive Zugeständnis gewesen sei: wir halten das Kind für verloren.

Gamberg saß mit zusammengepreßten Lippen; er wagte nicht zu fragen:

glauben Sie, daß es stirbt?

Auf irgendeine ganz unbestimmbare Weise hatte er das Gefühl: vom

Leben oder Tod dieses Kindes hängt meine Zukunft ab. Er haßte

undeutliche Empfindungen, sie schienen ihm immer etwas von seiner

inneren Sicherheit zu nehmen. Aber dies drängte sich ihm beklemmend,

spannungsvoll mehr und mehr auf. Und doch hätte er seinem Aberglauben

nicht einmal so genau ins Gesicht sehen können, um zu wissen: das Kind

muß sterben, oder es muß leben, damit die Geliebte gewiß mein wird.

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 15 / 21 段