Dann stand man auf. Die Prosa kam, und man mußte essen und saß,

merkwürdig von grundlos plötzlicher Heiterkeit getragen, um die Spitze

einer jener langen Generalabfütterungstafeln im Saal. Der war nun

wieder leer, und nur die Kellner schlüpften wie schwarze Hechte hin und

her und räumten ab.

Nachher saß man noch lange am Haus im Freien und ließ den Geheimrat

in Ruhe zu seinem Kaffee und seinen Zigaretten kommen. Bei dieser

Gelegenheit wurde es dann auch festgestellt: Gervasius’ fuhren mit

der Bahn hinab in ihr Hotel in Caux, und der Legationsrat von Gamberg

schwor dem Geheimrat, als dem derzeitigen Beschützer der schönen Frau

Jutta, zu, daß sie mit heilen Gliedmaßen bis an die Pension gelangen

solle. Der Geheimrat nahm seine Verantwortung humoristisch wichtig

-- denn im Ernst konnte von irgendeiner Gefahr bei diesem geplanten

Abstieg nicht die Rede sein.

Dann standen Jutta und Herbert Gamberg auf dem offenen, mit gelbem

Kies bestreuten Bahnsteig, der fast aus dem schwarzen Mundloch des

Tunnels herauszukommen schien, einer langen, schmalen Zunge gleich.

Sie lächelte ganz freundlich zu den drei Abfahrenden hinauf -- ein

unverdächtiges Lächeln. Sie wechselte verständliche Worte mit ihnen,

die Sinn und Zusammenhang hatten, und denen niemand angehört haben

würde, daß ein Wesen sie sprach, das eigentlich nur Maske war.

Dahinter, die wahre, die eigentliche Frau lächelte nicht und sprach

nicht, sondern dachte einen einzigen fanatischen Gedanken: „Nun sind

wir gleich allein.“

Herbert, in einer beklemmenden Vorfreude darauf, endlich Stunden

ungestörter Aussprache vor sich zu haben, verbarg seine Erleichterung

über die Abfahrt der Freunde unter immer wachsender Höflichkeit und

strengem Ernst des Ausdrucks. Nichts war seiner zurückhaltenden Art

gemäßer als dies. Wenn er heimliche Erregungen zu verstecken hatte,

wurde er steif.

„Er ist ein merkwürdiger Mann,“ dachte der Geheimrat, „wenn man recht

gemütlich mit ihm gewesen ist, scheint er es nachher gewissermaßen

dadurch zurückzunehmen, daß er sich in formelle Haltung hüllt.“

So bekamen, nach den wohlgelungenen Stunden des Tages, diese letzten

Minuten etwas Konventionelles.

Noch ein letztes Grüßen -- und sie standen allein.

Sie sahen sich an -- kurz atmend -- verlegen beinahe, von dem

halbdeutlichen Wunsch beherrscht, voreinander ihre heiße Freude zu

verbergen ... als sei etwas Plumpes darin, das unterdrückt werden solle

...

„Gehen wir gleich?“

„Das müssen wir wohl,“ sagte Jutta, „es ist jetzt halb fünf. Vor

Einbruch der Dämmerung möchte ich unten sein.“

„Oh -- wir sind es früher ...“

„Desto besser.“

„Also ...“

Das sollte wie muntere, harmlose Aufforderung klingen. Und kam nur

gepreßt heraus.

Sie schritten aus. Hintereinander her. Der Mann voran.

Hart unterm Gipfel, in ganz geringer Senkung, zog sich über feines

Geröll, das rieselte und rutschte, ein Pfad hin. Wie eine Wand stand

zur Rechten der grünbenarbte Fels, links unten lag die Welt.

Zuweilen wandte Herbert sich zurück und sah die geliebte Frau an -- was

sie mit einem strahlenden Lächeln beantwortete.

Leicht schritt sie einher -- in grundlos seliger Fröhlichkeit.

Nichts hatte sich an den Umständen ihres Lebens geändert.

Und doch schien ihr, als sei nun jede Not vorbei -- als wandere sie

mühelos, freudig hinein in die Erfüllung all ihres Sehnens.

Die im Grenzenlosen verschwimmende Herrlichkeit der schönen Welt schien

ganz allein für sie da zu sein, lachte für ihre lachende Seele.

Es war keine menschliche Mühe, es war göttliche Lust, zu leben.

In den Rausch dieser Stimmung drängten sich keine schwülen

Beängstigungen -- es war etwas ganz Freies -- Reines.

Das bloße Gefühl, von jeder Heuchelei befreit zu sein, gab eine

vollkommene Zufriedenheit und Erholung.

Schweigend wanderten sie. Nur der Widerklang ihrer Schritte und das

leise Rieseln des Weggerölls, das ihr Fuß in Bewegung setzte, ging

immer mit ihnen. Hinter ihnen her kam der laue Wind und strich die

Frauenkleider nach vorn. Zuweilen holte ein Wolkenschatten sie ein,

huschte über sie hinweg und eilte ihnen voraus am Hang hin.

Sie kamen an die einzige wirklich mühevolle Stelle des Abstiegs.

Für einen Kamin zu weit, für eine Schlucht zu eng -- eine Art

steil abfallender Rinne, angefüllt mit kleinen Blöcken, zwischen

denen zuweilen ein kümmerlich grünendes Buschgestrüpp seine Reiser

herausstreckte und ein Wasser rann, doch so dürftig, daß es nicht

rieselte, sondern nur feuchtete.

Herbert stieg voran. Er prüfte mit dem Stock die Liegefestigkeit jedes

Steines, ehe er darauf trat oder seinen Fuß in die Spalten und Lücken

zwängte. Dann hielt er seine Rechte der nachkommenden Jutta hin. Mit

einer gewissen feierlichen Emsigkeit überwanden sie die Strecke, ganz

fürsorglich sich nur gegen ihre kleinen Tücken vorsehend.

Und dann standen sie ausatmend und vergnügt einander gegenüber. In

der glücklichsten Unbefangenheit. Und dachten nur erstaunt, warum sie

vorhin voreinander verlegen gewesen seien.

„Von nun an ist es ein Spaziergang,“ sagte er.

„Wir können bis dicht vor Caux auf dem Hauptweg bleiben und dann den

kleinen Pfad nehmen über die Alm, nachher durch den Wald hinab, nach

Montfleury. Ich kenn’ mich da aus -- ich bin mit Renate schon da

gegangen!“

Wirklich, es war ein Spaziergang. Ein gutes Wandern war es in der

leichten, unbegreiflich reinen Luft, die nach Schneefrische und

würzigen Kräutern zugleich roch. Die wohlig warm war und zugleich so

stark.

Und immer lag fern drunten der See, im blausilbernen feinschuppigen

Gerinnsel seiner weit hingestreckten Fläche.

Nur eine Überraschung bot dies Spazierengehen. Der Weg zog sich so

merkwürdig um all die Falten des Bergmantels -- ein und aus bog

er sich, rundete sich hinein, daß man wie umschlossen von grünen

Bergwänden war, rundete sich hinaus, daß man steil und hoch über der

Gegend zu wandern schien.

„Es ist weiter, als ich dachte,“ sagte Jutta einmal.

„Da auf der Alm können wir rasten.“

„Sie ist nicht bewirtschaftet.“

„Das sieht man schon von hier -- es weidet nirgends Vieh.“

„Dort hab’ ich gestern auch mit Renate gesessen.“

Nun war es, als hätten sie ein Ziel. Sie gingen rascher. Bergab lief

der Weg und schien sie fast zu stoßen -- immer mußte sie sich im

Gleichgewicht halten gegen jene seltsam fallenden Vorwärtsbewegungen,

zu denen der Körper beim Absteigen gedrängt wird.

„Warum sind wir so schweigsam,“ fragte Herbert einmal, in guter,

unbefangener Laune.

Ja, warum? -- So fieberhaft hatten sich ihre Wünsche dem Alleinsein

entgegengedrängt, um endlich miteinander sprechen zu können, über den

Ernst ihrer Lage -- über ihre Wünsche -- ihre Zukunft.

Und nun wußten sie nichts zu sagen und schienen ganz ausgefüllt von der

Lust am zweisamen Wandern in der schönen Welt.

Da vor ihnen lag die Alm -- ein Idyll -- fast in

Bilderbogenfriedlichkeit. Lieblich und still. Leer lag sie, eine große,

lang sich hinabziehende Matte, von dem Saum des Tannenwaldes umgrenzt.

In ihrer Mitte kauerte gedrückt das Blockhaus. Die dicken Stämme, aus

denen es gefügt war, hatten Sonne und Wetter silbergrau gefärbt. Nun

schimmerten sie metallisch, und das Schindeldach, das sie schirmte, von

Steinen beschwert und dunkel gefleckt, gleißte. Ein alter Holunderbusch

drängte sich an die rückwärtige linke Ecke und umschattete sie. Daneben

rann, aufgefangen in einem halben, gehöhlten Baumstamm, ein blankes

Wasser unter einem den Rasen durchbrechenden Felsbrocken hervor.

Jetzt entließ diese Rinne das Wasser ungenützt; dünnstrahlig und

blitzend entfloß es ihr und suchte sich einen Weg talwärts, durch das

Wiesengras, darin sich einen schmalen Lauf zu tiefen ihm auch durch

Stetigkeit gelungen war.

Gestern war Jutta hier gewesen -- aber nun erst entdeckte sie die

Stätte wahrhaft, in ihrer Feld- und Wald- und Welteinsamkeit unter dem

grandiosen Himmel und der Nachbarschaft der von weitem herschauenden

Gebirgskolosse.

Die Eingangstür lag zwischen Pfosten tief zurück. Das waren grob

behauene Stämme, in dürftigster Baukunst errichtet. Sie umschlossen die

verrammelte Tür derart, daß eine breite, geräumige Nische entstand, in

der der Schwellbalken einen Sitz hergab.

Besser konnte man nicht sitzen. Den Rücken hielt man gegen die Wand,

die Füße voraus gestreckt. Der Rahmen der derben grauen Stämme, klobig

und fest, umschloß die Stätte und verbarg sie allen Menschen.

Aber wo waren Menschen? Fern und fingergroß sah man zuweilen einige auf

dem sich ein- und ausrundenden Weg droben vorwärts krabbeln. Gerade

klomm auch die Zahnradbahn, zwei schräge Kästchen, bergan -- winzig

wie ein dunkler Käfer, der Mühe hat, sich mit klammernden Beinen beim

Emporkriechen zu halten.

Sonst nur die wartende, schwüle, duftende Einsamkeit.

Auch der See war verschwunden -- von der Mulde dieser Alm, die die

Wälder bergabwärts begrenzten, konnte man ihn nicht sehen.

Und daß man ihn nicht sah, gab völlig den Zauber der Einsiedelei.

Im Wandern war das Schweigen so natürlich gewesen. Der gleichgestimmte

Schritt, die frohgemute Gesundheit der gemeinsamen Bewegung hatten

kraftvoll wie Gespräch und unbedrängte Mitteilsamkeit von einem zum

anderen hinübergewirkt.

Und jetzt, in der gleichen Sekunde, als sie nach einigen scherzenden

Reden über den pastoralen Reiz dieses Platzes sich niedergelassen

hatten -- jetzt züngelte das Schweigen zwischen ihnen empor wie eine

Flamme.

Jutta legte ihren Hinterkopf gegen die Tür. Mit nervösen Fingern

spielte sie an dem Hut in ihrem Schoß. Sie hörte zu, wie ihr Herz

klopfte. Und bei diesem Horchen wurden auch die Finger still.

Schwer schlug es und rasch zugleich ...

Wie eins, das nicht mehr warten kann ...

Die Kühnheit ihres Temperaments loderte in ihr und verzehrte ihre

Besinnung.

Jene Verderberwut war in ihr, die eine leidenschaftliche Frau vorwärts

treiben kann, zur Sünde und Verdammnis.

Der Trotz, dem es ein lachendes Spiel scheint, Vergangenheit zu

verleugnen, Zukunft zu zerschlagen, um des einen süßen, trunkenen

Augenblicks willen.

Jutta von Falckenrott war mit Gamberg allein in der weiten schweigenden

Einsamkeit.

Und der Mann, der dieses Weib liebte, spürte ihr begehrliches Warten.

Von diesem Warten ging eine Versuchung aus, die ihn betäubte ...

Seine Ehre hatte so genau gewußt, auf welchen Wegen und in welcher

Haltung er und die Geliebte durch ihren schwierigen Liebeskampf gehen

mußten, um in freiem Gefühl, unbeschädigt zueinander gelangen zu können.

Aber jetzt wußte er nichts, als daß er nur den Arm auszustrecken

brauchte, um die süße Frau, die Frau, die ihm zitternd entgegenglühte,

an sich zu nehmen ...

Die erhabene Einsamkeit ringsum schien den Atem anzuhalten ... Eine

unerhörte Bedrängnis erfüllte die Welt ... zu seligem Tumult mußte sich

alles lösen ... die Vorahnung jubilierender Wonne brauste heran.

Er tastete nach ihrer Hand. Er sah ihr in die Augen.

Kraftlos lag ihr Haupt zurückgelehnt -- unter seinem heißen, bittenden

Blick schlossen sich halb ihre Augen -- in wehrloser Hingebung.

Noch das Zögern und Zittern von Sekunden ... Nein, kein bewußtes

Zögern ... die Begierde lähmte, weil es ungeheure Tat ist, die Wonne

ihrer Spannung zu lösen ...

Und in diese Hemmung hinein drängte sich jäh etwas Zerstörerisches

-- -- --

Mit dem gleichen Herzschlag spürten sie es -- jeder von ihnen anders --

und doch in einer beklemmenden Einheit des Entsetzens ...

Die Frau sah plötzlich ein Männergesicht vor sich ... es gehörte nicht

dem, dessen Arme sie schon umschlossen.

Es war ein bärtiges Gesicht, braun von Wetterunbilden. Und blaue,

tiefe und doch freundliche Augen standen darin, in denen Güte und

Zärtlichkeit leuchteten. Und so viel Zutrauen war in diesem Gesicht

-- nichts von lauernder Besorgnis -- nichts von gespannter Eifersucht

-- es sah sie an, wie es sie damals angesehen in der Abschiedsstunde

-- als er sprach: „Kind, ich glaube an dich; es ist ja auch gar

nicht wahr, daß die Abwesenden unrecht haben -- im Gegenteil, ihre

Abwesenheit macht sie für anständige Herzen heilig.“

Dies Gesicht näherte sich jetzt dem ihren ... Dieses ... und in seinen

Augen war die gleiche Unergründlichkeit wie in den Augen ihres kleinen

Kindes ...

Und auf den Mann warf sich ein Phantom und rief ihm etwas zu -- ein

scharfes, höhnisches Wort ... Ein Wort, das ihm die Ehre zerbrechen

wollte ... mit einem Fernen kann man nicht im offenen Kampf sich messen

-- aber bestehlen kann man ihn so leicht -- ja, zum *Dieb* werden kann

man an ihm ...

Sie ließen voneinander, als habe eine gewaltige Faust sie voneinander

gerissen.

Jutta brach in Tränen aus.

*Der ferne Mann hatte sie besiegt.* Gerade durch seine Abwesenheit ...

Vielleicht saßen sie noch lange, schwerer und unklarer Not hingegeben

... um mit dem jähen Rückschlag all ihrer Empfindungen fertig zu werden

...

Als die Tränen der Frau endlich still wurden, stand Herbert auf.

Er sagte sanft, sehr schonend, doch ohne sie anzusehen: „Wollen wir nun

weitergehen?“

Sie kam hastig in die Höhe.

Ja, weiter wandern -- fort, fort -- hier konnte man nicht bleiben ...

Und doch war es ihr, als hätte sie auf dieser harten Schwelle

sitzenbleiben mögen -- um zu weinen und zu denken ...

Still gingen sie. Zwei Gedrückte -- Mutlose ...

Der Mann litt unter einem Zwiespalt der Empfindung, der ihm

ungeheuerlich war.

Eine Art Scham wollte aufkommen darüber, daß er sie aus seinen Armen

gelassen -- daß er sich ihr nicht als der Mann bewährt habe, der für

den Kuß der Geliebten einer Welt trotzt ... Der Besonnenheit hat,

anstatt sich mit ihr in den Tod zu stürzen ...

Und doch, zugleich auch begann eine stolze Genugtuung ihn zu erfüllen

... Unversehrt war seine Ehre aus dieser schwülen Stunde hervorgegangen

...

Er hatte den fernen Mann nicht beleidigt ... diesen Mann, vor

dessen Angesicht er nicht augenblicklich hätte treten können, um ihm

Genugtuung zu geben ...

Diese unbezwingliche Leidenschaft, die schweren Kampf in sein bis dahin

so wohlgeordnetes Leben gebracht, war nicht sein Verderben geworden ...

Die geliebte Frau, die er sich zu erringen, der er einst seinen Namen

zu geben hoffte, würde gleich ihm eines Tages dankbar und befreit an

den Augenblick der Gefahr zurückdenken ...

Aus dieser Empfindung heraus stand er einmal still, ergriff Juttas Hand

und küßte sie in scheuer Liebe ... voll Respekt ...

Sie sahen sich an ... Tief und schmerzlich.

Und schritten weiter. So sehr damit beschäftigt, den Aufruhr ihres

Gemütes in eine erträgliche Gefaßtheit zu bringen, daß ihnen der Weg

gar nichts und die Zeit etwas Unbemerkbares war.

Bis sie auf einmal vor der Pforte der Pension standen -- einer hohen

Pforte aus Drahtnetz, zwischen Eisenstäbe gespannt, von der aus das

Gitter weiterging, die Tannen des Waldes von den Tannen des Gartens

scheidend. Hier war es sonnenlos. Auf ihren sachten Füßen hatte die

Dämmerung sich schon aus den Schluchten der Berge herausgeschlichen und

lief nun über den See und warf die grauen Schleier der Abendstille über

ihn hin.

Noch einmal, zu wortlosem Abschied, küßte er die Hand der Frau. Und

sein herbes, feierliches Schweigen gelobte ihr mehr zu, als Worte

gekonnt hätten.

Ein letzter Blick und gute Nacht.

Drinnen stand auch schon das Schicksal und wartete, um mit einem harten

Anruf diese erschöpfte Seele zu erschrecken. Als Jutta ihr Zimmer

betrat, fand sie einen fremden Mann darin, der über das Lager des

Kindes sich beugte, neben dem Martha auf den Knien lag.

Dieser Mann war ein Arzt.

Und ihr kleines Kind war sehr krank.

VIII

Niemand wäre auf die Vermutung gekommen, daß der Legationsrat von

Gamberg ein Mann sei, der in schweren Kämpfen stehe. In seinem Hotel

richtete sich die Aufmerksamkeit vieler auf ihn; seine vornehme

Erscheinung sowohl wie seine ihm eigentümliche Haltung von etwas

ablehnender Steifheit forderten die Neugierde heraus. Aber zu denken,

daß dieser korrekt aussehende Mann in harter Seelennot sei, hätte kein

Mensch sich unterstanden. Die kleine, strenge Falte auf seiner Stirn,

der etwas scharfe Zug um den Mund wirkten auf die ihn Beobachtenden als

Hochmut. Daß seine hellen Augen mit so leerem Ausdruck über die anderen

Gäste gingen, als nähmen die Blicke an nichts Anteil, verschärfte den

Eindruck des Stolzes. Nun gibt es überall Menschen, die durchaus wissen

müssen, wer der andere ist. Die die Fremdenbücher oder den Portier

befragen und ein dringliches Interesse nach Nam’ und Art von Gestalten

haben, die gar nicht zu ihrem Lebenskreis gehören. Deren eigentlichster

und Hauptreisezweck zu sein scheint, sich den Begriff Publikum in

Einzelwesen zu zerlegen, und die sich erst zu unterhalten meinen, wenn

sie einen Hinz entdecken, zu dem sie durch einen Kunz Beziehungen haben.

So blieb auch Gamberg nicht von Annäherungen verschont. Gerade weil er

so sehr in sich verschlossen durch die Menge ging, schien es doppelt

zu reizen, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Auch hat es --

undeutlich -- stets etwas Auszeichnendes, von einem Einsamen in seine

Einsamkeit aufgenommen zu werden.

Es fand sich ein Herr, der mit gelüftetem Strohhut in der Veranda an

Gamberg herantrat. Der nahm, in scharfes Nachdenken versunken, seinen

Morgentee -- von den Ermüdungen der schlaflos durchwachten Nacht

soeben ein wenig durch Bad und sorgsame Morgentoilette erholt. Die

Anrede erschreckte ihn beinahe und störte ihn empfindlich. Aber in

seiner beherrschten, kühlen Höflichkeit nahm er die Vorstellung des

Zudringlichen entgegen.

„Sie gestatten? Herr Legationsrat von Gamberg, nicht wahr? Sie

gestatten: Wilmers!“

Die freudige Zuversicht, in der der Mann, der groß und doch untersetzt

war, dies „Wilmers“ vorbrachte, verhieß von vornherein Ansprüche auf

Bekanntschaftmachen. Aber Gamberg konnte bei seinem zuverlässigen

Gedächtnis für Namen wie für Gesichter keinen Wilmers in seiner

Erinnerung auftreiben.

Der Mann hatte ein rötliches, starkes, bartloses Gesicht, mit sehr

intelligenten Augen. Und die angeborene Plumpheit der Gestalt war durch

elegante und gut-getragene Kleidung zu einer besonderen Note gekommen.

Die anspruchsvolle Sicherheit des Auftretens schien dafür zu sprechen,

daß Herr Wilmers nicht gewohnt und nicht gewillt sei, sich übersehen zu

lassen.

„Sie wünschen?“ fragte Gamberg aber trotzdem aus einer sehr großen

Entfernung.

„Nichts, als Ihnen die Hand zu drücken, damit meine Schwägerin nachher

nicht sagt: und du bist ihm so vorbeigegangen?!“

„Ihre Schwägerin?“ fragte Gamberg voll mißbehaglichen Erstaunens.

„Sie gestatten,“ sagte Herr Wilmers jovial und erfaßte schon die Lehne

des Stuhls, der untergeschoben dem Platz Gambergs gegenüber stand.

Die ganze Veranda sah ja zu, und da alle diese Menschen im Augenblick

sein Publikum waren, wollte Wilmers es auch befriedigen, indem er ihm

das Schauspiel einer rasch sich entwickelnden Bekanntschaft gab.

Herbert von Gamberg machte eine schwache Geste, worauf Herr Wilmers mit

der Leichtigkeit der Bewegungen, die große, dicke Menschen oft haben,

sich setzte.

„Der Bruder meiner Frau ist doch mit einer Schmylauer Tochter

verheiratet! Das wissen Sie doch, Herr Legationsrat?! Na, und Lu ist ja

so was wie ’ne Cousine von Ihnen. -- Wenn Sie damals, als Lu heiratete,

nicht überseeisch gewesen wären, hätten wir uns auf ihrer Hochzeit

kennen gelernt -- na, und nun dacht’ ich: so ’ne versäumte Gelegenheit

muß man nachholen. Ich muß doch Lu ’nen Gruß von Ihnen bringen können.“

Gamberg sagte halblaut und sehr förmlich, daß er in der Tat über die

Familie, in die Lu, jetzt Frau von Lemkow, hineingeheiratet habe, nicht

näher unterrichtet gewesen sei. Er drückte die Hoffnung aus, daß es Lu

Lemkow gut ergehe, und daß sie glücklich geworden sei.

Damit hatte er gleichsam einen Vogelkäfig geöffnet. Die Mitteilungen

flatterten nur so heraus und ihm um die Ohren. Sie hätten ihn in

ihrem raschen Durcheinander verwirren müssen, wenn er überhaupt

recht zugehört haben würde. Er verstand die Kunst, in aufmerksamer

Haltung auf sich einsprechen zu lassen, ab und zu durch eine

steife Kopfbewegung, eine überall passende, weil ganz inhaltlose

Zwischenbemerkung Anteil zu zeigen und doch mit seinen Gedanken wo

anders zu sein.

Wilmers, für den das Leben sozusagen eine Angelegenheit mit Pneumatik

zu sein schien -- manchmal platzt sie, aber man kann ja andere

Gummireifen umlegen, und nach kurzer Störung geht’s famos weiter --

Wilmers verbreitete sich genau über die Umstände und Charaktere der

Lemkows. Es waren großartige Menschen. Konnten alles, wußten alles,

wollten alles. Und Gentlemen durch und durch. Nichts fehlte ihnen wie

der _Nervus rerum_. Und da war es ja ihr Glück, daß sie einen Mann in

die Familie gekriegt hatten, der Geld besaß und es mit liberaler Hand

hergab, wo er sah, daß man klug damit arbeiten würde.

So kam Lus Mann auf der Domäne hoch, die zu pachten er von Haus aus

natürlich kein Geld gehabt hätte. So kultivierte ein anderer Lemkow

mit bedeutendem Gewinn Ländereien in Südsibirien; das Kapital hatte

er unter den günstigsten Bedingungen bekommen. Daß er selbst, der

hier gegenwärtige Wilmers, der sich übrigens in keiner Hinsicht damit

herausstreichen wollte, das „Glück“ der Lemkows sei, erhellte aus

dem Vortrag von selbst. Wilmers wehrte vorweg jedes Lob und alle

Bewunderung ab, die Herr Legationsrat ihm etwa würde zollen wollen. Er

war ein ganz einfacher Mann -- er hatte bloß ’n offenen Kopf und ein

gutes Herz und ’n Blick dafür, wie weithin man nützen kann, wenn man

Fähigen Mittel gibt. Ja, so war er. Aber er mochte nicht, daß viel

davon gesprochen wurde.

Unterdes kämpfte Herbert ein peinliches Gefühl nieder, das beinahe ein

Schmerz war.

Er hörte Namen nennen, in denen ein Klang von Erinnerungen mitzitterte.

Gerade jetzt ertrug er sie nicht ...

Ganz derb, ganz ahnungslos hing dieser Mann mit jenen fernen, holden

Hochsommertagen zusammen ... Wo er an der jungen Liebe der Geliebten

vorübergegangen war. Wo sein Verstand, seine Pläne dagegen gesprochen

hatten, aus Sommerträumen Lebensernst zu machen ...

Dieser Mann, der der Familienbankier der Lemkows zu sein schien, hatte

auch offenbar ungewöhnliches Gedächtnis, Überblick und Interesse für

all ihre Beziehungen. Es waren ersichtlich seine Renommierverwandten.

Herbert hörte, dann und wann ein Detail aus der Fülle der

Vertraulichkeiten erfassend, daß Wilmers genau Bescheid wußte, wie

gastfrei es ehemals auf Schmylau zugegangen sei, und wer dort alles zu

Sommerzeiten eingeladen zu werden pflegte.

Er bebte davor, daß nun gleich auch Juttas Name fallen werde. Daß er

dann sagen müsse: sie ist hier, wohnt zehn Minuten von uns in einer

Pension.

Aus dieser Furcht gewann er so viel Lebendigkeit, um wirklich mit

Wilmers zu sprechen, ihm nicht nur, in die Abwehr kalter Höflichkeit

gehüllt, zuzuhören.

„Sie sind als Passant hier?“

„I bewahre. Wie Sie mich da sehen, so unglaublich es klingt: ich bin

nervös. Soll subalpin bleiben, aber dennoch so gewissermaßen in

Hochalpenstimmung leben. Man hatte mir irgend so ’n Nest in den Bergen

drinnen verordnet -- war mir zu eingesperrt -- auch die Gesellschaft --

_second_ -- wissen Sie, Herr Legationsrat, ich lege den äußersten Wert

auf beste Gesellschaft ... Ich habe hier einen höchst schicken Kreis

... Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie einzuführen -- wo wir -- man

kann ja beinahe sagen über die Schmylauer weg, fast verwandt sind ...“

„Verzeihen Sie, Herr Wilmers, aber ich bin auf Reisen, um mich von der

Gesellschaft zu erholen.“

„Ah -- na ja -- verstehe vollkommen -- wo sie zu Ihrem Metier gehört!

Mit allem, was mit ’m Metier zusammenhängt, mag man unterwegs nichts zu

tun haben. Lassen wir also alle meine Bekannten weg. Wir können allein

mal was zusammen unternehmen, Tagespartien -- ich halte Ihnen alle

zudringlichen Menschen fern, darin hab’ ich ’ne förmliche Kunst. Wenn

es etwas gibt, das ich hasse, ist es Zudringlichkeit!“

„Leider reise ich schon heute ab,“ sagte Herbert Gamberg mit so

viel Nachdruck, daß der andere ein großes Bedauern heraushörte und

nachher seinem schicken Kreis erzählen konnte: der Legationsrat war

todunglücklich, daß er ausgerechnet in einem Moment abreisen muß, wo

man sich eben gefunden hatte.

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 14 / 21 段