... Und ein ganz merkwürdiges Gefühl von Altwerden erwuchs ihnen daraus
... Die Erkenntnis: unsere Nachfahren recken sich schon neben uns empor
... Denn vielleicht mehr noch als durch eigene Freuden zeigen Kinder
durch eigene Leiden, daß sie nun ihren Lebensgang für sich haben ...
* *
*
Am anderen Tag schien alles wieder im Gleichmaß zu sein. Der Geheimrat
sah: „das Kind ist doch etwas blaß und hat einen gespannten Zug im
Gesicht -- hoffentlich merkt meine Frau es nicht.“ Die Geheimrätin
dachte: „Keiner soll mir ausreden, daß das Kind Kummer hat, es ist
Unruhe in ihrem Blick -- hoffentlich merkt mein Mann es nicht.“
Und sie waren, ohne es selbst zu wissen, um ihre Tochter herum wie
Hofstaaten um eine Prinzessin.
Renate spürte erhöhte Liebe und Pflegsamkeit. Und das tat so wohl,
ein bißchen schmerzlich wohl -- machte weich -- stimmte zu gerührter
Dankbarkeit. Sie hing sich mit kleinen Zärtlichkeiten an die Eltern
-- machte dem Papa förmlich den Hof, schenkte ihm Tee ein, strich ihm
Brötchen, hielt das Zündholz für die Zigarette, war mit dem Sitz seiner
Krawatte nicht zufrieden, obgleich der Geheimrat sich einbildete,
ein Künstler im Krawattenknüpfen zu sein; der Mama konnte sie nicht
so viele kleine Dienste tun, aber sie streichelte ihr manchmal ganz
grundlos und unvermutet die Hand und nickte ihr zu.
Trotz dieser gesteigerten Temperatur in der gegenseitigen
Hingegebenheit vermieden die Eltern jede Frage. Mit einer Delikatesse
ohnegleichen gingen sie ganz an den unbegreiflichen und starken
Gemütserschütterungen vorbei, die sie gestern an der Tochter beobachtet
hatten.
Man mußte die Verabredungen innehalten, die vorgestern mit Herrn
von Gamberg in Evian besprochen worden waren. Der Geheimrat selbst
hatte sie angeregt, und obgleich seine Frau wünschte, daß die Tour
unterblieb, weil ihr jede Stimmung dafür fehle, so fand er doch, daß
ihrerseits eine Absage unmöglich sei, da keinerlei Krankheit oder
drohende Wetter Hindernisse hergäben.
Um elf Uhr standen sie bereit auf dem kleinen, schmalen Bahnsteig im
Schattenstreifen, den das von dünnen Eisensäulen getragene Dach hergab.
Der Geheimrat in seinem grauen Anzug und Panamahut; seine Damen in
hellen, kurzen Kleidern, wie zu flotten Märschen bereit. Aber er hatte
vorweg die Parole ausgegeben: Anstrengungen erlaube ich heute nicht!
Der Himmel war sehr blau, wenn auch nicht ganz wolkenlos. Es sah
aber schön aus, wenn die großen Wolkenschatten rasch über die
besonnten Grashalden der Gebirgsabhänge zogen oder ganze Strecken der
Tannenwälder plötzlich verdüstert erschienen. Droben der Felsgipfel des
Rocher de Naye erhob sich unumwölkt in die glänzende Luft; man erkannte
hier unten die kleine flatternde Fahne des Hotels dort oben.
Hart am Bahnsteig entlang, über den eisernen Schwellen und der
gezahnten Schiene, zogen sich die dicken Drahtseile hin. Sie vibrierten
heftig. Und nun kroch auch der aus zwei Wagen bestehende Zug herauf,
ganz steil kam er empor wie ein kleines Ungetüm, das mit klammernden
Organen keuchend bergan klimmt.
Ja, und da war Jutta. Sie errötete. Herr von Gamberg und sie saßen --
zwei Touristen scheinbar -- unbefangen -- unter den vielen Menschen,
die gedrängt die blanken Holzbänke der offenen Wagen einnahmen.
Sie grüßten schon von weitem höflich, so wie sie der in Reih’ und Glied
stehenden Familie Gervasius ansichtig wurden -- grüßten lachend, mit
winkender Hand, mit gelüftetem Hut.
Und Jutta wurde rot ... Sie fühlte es, zu ihrer größten Verlegenheit.
Und begriff sich nicht ... „Merkwürdig,“ dachte sie, „solch sinnloses
Erröten.“
Jutta Falckenrott fühlte undeutlich, daß Erröten vielleicht niemals
sinnlos ist, daß aus uneingestandenen Wünschen, Wissen, Schuldgefühlen,
Befürchtungen -- kurz aus ganz starken, aber im dunkeln bleibenden
Unterströmungen die Aufwallungen kommen, die das Blut in die Wangen
jagen.
Fahrgäste stiegen aus. Andere, die neben Gervasius’ auf dem Bahnsteig
gewartet hatten, stiegen mit ein. In dem Hin und Her konnte man nicht
Plätze nebeneinander erobern. Der Zufall drückte jeden irgendwohin.
Mutter und Tochter saßen sich gegenüber vorn im Wagen. Der Geheimrat
hatte noch ein Unterkommen in dem Abteil bei Jutta und dem Legationsrat
gefunden. Das gefiel ihm gut, der schönen Frau gegenüberzusitzen. Sie
interessierte ihn in jeder Hinsicht.
Im allgemeinen konnte keine Frau mit ihm verkehren, ohne ihm geschwind
etwas vorzuklagen und gewissermaßen einen ärztlichen Rat so nebenbei
von ihm zu erfischen. In der allerhöchsten Gesellschaft, in Ballsälen,
auf Diners bekamen ihn die Damen in einer Fensternische, in einer
Saalecke fest, und brachten das Gespräch auf ihre Kinder oder auf ihre
Leiden. In aller Unschuld knöpften sie ihm kleine Gratiskonsultationen
ab. Und es war schon vorgekommen, daß er, wenn die Betreffende zu
zudringlich wurde und -- sehr häßlich war, mit seinem allerschlimmsten
Lächeln gesagt hatte: „Meine Gnädige, auch hier kostet ein derartiges
Gespräch mit mir zwanzig Mark. Denn die Konsultationen beim Punsch
Romain und bei Gänseleberpastete gehen zugunsten meiner armen Kranken.“
Jutta hatte ihm noch nie etwas vorgeklagt, und das mochte er haben.
Auch war sie sehr intelligent und sprach gut. Das mochte er auch haben,
denn immer wieder fiel es ihm auf, wie wenig gewandt deutsche Frauen
ihre Muttersprache meisterten. Es gab die Gewählten und Gezierten.
Und es gab die Nachlässigen. Aber frei und sicher aus dem unendlichen
Wortschatz schöpfen, gewandte Sätze formen, das verstanden nur sehr,
sehr wenige.
Sie war auch sehr schön, und das mochte er drittens haben. Weil er von
Berufs wegen mit so viel Unästhetischem umzugehen hatte, konnte er
große Freude an geschmackvoll gemeisterter Schönheit finden. Und er
sah: Jutta brachte die ihre voller Harmonie zur Geltung.
Ihre seelischen Unruhen, die er ja erraten mußte, von denen auch sein
Schwiegersohn voll Sorge gesprochen, beschäftigten ihn ebenfalls. Und
so hätte er alles in allem wohl wissen mögen, was für ein Mensch sie
eigentlich sei.
Er taxierte, so wie er’s ihr auch vorgestern auf der Brücke gesagt:
eine wandernde Seele.
Eine von den Sehnsüchtigen, für die es nie und nirgendwo eine wahre
Erfüllung gibt. Die sich ermatten in der ewigen Begierde nach einem
Glück, das ihnen nur in ungewissen Linien vorschwebt.
Und das tat ihm leid.
Denn er wußte: die Art hat es schwer mit sich. Besonders wenn sie
vornehm und anständig bleiben will.
Er hatte gesehen, wie Jutta errötete, als man einander ansichtig wurde.
„Ei, ei,“ dachte er.
Doch schlechtes Gewissen? Wegen Renée? Fühlt, weiß sie, daß sie ihr was
in den Kopf setzte?
Es war doch recht unbehaglich. Er mochte im allgemeinen nicht, wenn
Frauen sich so leidenschaftlich befreundeten, wie Jutta und Renate es
getan hatten. Er hatte noch nie gesehen, daß junge Wesen dadurch klarer
und zufriedener geworden waren. So ein bißchen Freundschaft obenhin,
zum Lachen und zur Freude -- ja. Aber Unreife sollen nicht miteinander
in die Nebel und Abgründe des Lebens hinabwollen -- das war immer eine
unbekömmliche Geschichte; sie machen sich gegenseitig nur furchtsam.
Frauenfreundschaft ist nur was für Geprüfte, dachte er.
In seiner munteren Art fragte er allerlei und erfuhr vom Legationsrat
von Gamberg denn auch, daß dieser gestern abend erst mit dem letzten
Zug von Genf über Lausanne eingetroffen sei, so spät, daß er sich nicht
mehr habe erlauben dürfen, sich noch bei Jutta zu melden. Dafür habe er
sich heute morgen mit fast unbescheidener Pünktlichkeit in der Pension
eingestellt.
Und während dieses Berichtes sah er, Gamberg zuhörend und nach
Gleichgültigem fragend, immer beobachtend Jutta an.
Sie fühlte es. Und errötete wieder. Ihr war, als durchschaue dieser
kluge Mann sie ganz und gar. Sähe es ihr an, daß sie wieder bis in die
Nacht hinein auf ihrem Balkon sich in Erwartung und Verlangen zerquält
-- daß ihr Schauer über die Haut rieselten, wenn in den nahen Tannen
leise ein Schritt klang -- daß ihr Herz rasend schlug, als sie einmal
glaubte, wie einen Hauch nur, ihren Namen rufen zu hören -- daß sie
entnervt, fiebernd, von Ungeduld zermürbt, monoman immer dachte: „Käme
er doch -- käme er doch ...“ Aber er war nicht gekommen ...
Ihre Unruhe hatte das Kind förmlich angesteckt. Es schrie in der Nacht.
Das war nicht mehr vorgekommen seit den allerersten Wochen. Es wurde so
gut genährt und gehalten, daß es schlief, schlief, still, mit stetigem
Atem, fast ohne sich zu rühren ...
Und heute morgen, als Herbert kam -- früher als sie ihn erwartet
hatte -- da sah sie ihn nicht allein. An den Tischen auf der
kleinen Terrasse frühstückten auch die anderen Gäste der Pension und
saßen interessiert und bewachten Mienen und Worte. Daheim in ihren
Pflichtkreisen waren sie vielleicht tüchtige und angenehme Menschen.
Im Nichtstun aber offenbarten so viele ihre Inhaltlosigkeit. Es war
gerade, als ob nur die Bewegungen der anderen Menschen ihnen ein wenig
Bewegung bringen könnten ... und sie lauerten hungrig.
Dies erzählte Jutta jetzt. Und indem sie dem geliebten Mann zu
verstehen geben wollte, daß sie ihm unter vier Augen Unendliches zu
sagen gehabt hätte, machte sie eine humoristische Darstellung daraus.
„Ja,“ sagte der Geheimrat, „früher dacht’ ich manchmal, man kennt einen
Menschen nicht, ehe man nicht mit ihm in der Arbeit zusammen war.
Hiervon bin ich abgekommen. Arbeit hebt so sehr, daß auch Unbedeutende
von ihr zu etwas gemacht werden können. Beobachte jemand beim
Faulenzen, und du wirst wissen, ob du einen Menschen von höherer Kultur
vor dir hast. Die Arbeitsstunde zügelt, die Feierstunde entzügelt. Da
zeigt sich’s, ob einer blöde, leer, roh oder von feinsten Bedürfnissen
ist.“
Der kleine Zug kroch unterdes steil bergan. Die Landschaft, indem sie
zurückzusinken schien, wurde immer gewaltiger.
Voraus erhoben sich zwei kolossale Höcker: links das grasbenarbte Horn
des Jaman, links der willkürlich gebuckelte Gipfel des Rocher de Naye.
Man besprach die „Aussicht auf Aussicht“. Das unermeßliche Blau
erschien schöner und tiefer, weil weiße Wolken darüber hinwegsegelten
-- so vereinzelt -- jede in stolzer Verlassenheit. Und unter ihr
auf dem mächtigen Stück Erdenrücken und seinem bizarr gehaltenen
Riesenmantel von Wäldern, Almen, Felsenkahlheit zogen ihre Schatten
lautlos mit.
Jutta konnte von ihrem Platz aus, an etlichen Lodenhüten vorbei, gerade
Renate ins Gesicht sehen und signalisierte ihr nun zu: sie möge auf die
ziehenden Schatten achten.
Der Geheimrat erkundigte sich nach dem Ergehen des Töchterleins.
„O gut ...“ sagte Jutta. Ihr war, als dürfe sie nicht erzählen: es
schrie die Nacht -- als heiße es ihre eigene Unruhe eingestehen.
Herr von Gamberg fragte, ob alle jungen Mütter sich so um ihre kleinen
Kinder abmühten; heute morgen habe er, kaum daß Frau Jutta ihm fünf
Minuten am Frühstückstisch geschenkt hatte, noch allein warten müssen,
weil sie vor der Abfahrt noch die Kleine versorgen wollte.
„Leider ist es nicht allgemein,“ sagte der Geheimrat.
„Meine Verantwortung ist aber auch besonders groß.“
„Weil der glückliche Vater dieses Wickelkindes das Zipfelchen Vaterland
in China festhält?“ fragte der Geheimrat spaßig.
„Weil es ...“ sie brach ab. Sie hatte wieder und abermals sagen wollen:
weil es nur mein Kind ganz allein ist ...
Sie fühlte sich ein wenig beruhigt, weil es ihr gelungen war, das Wort
noch auf der Lippe zurückzuhalten ... Vor diesem klugen Mann hätte sie
es merkwürdigerweise nicht aussprechen mögen.
Gamberg ahnte, was in ihr vorging -- sein Wissen von ihr befähigte
ihn, die abgebrochenen Worte sich zu ergänzen.
Er vermied es, sie anzusehen.
Sie fühlten voneinander: Diese unerhörte Erregung war jäh wieder da,
die ihnen die Gegenwart von Menschen zur Qual machte. Die ihre Nerven
bis zur Unerträglichkeit anspannte.
Nun verschlang ein Tunnel den keuchenden kleinen Zug, der, in seine
seltsam klappernden und surrenden Geräusche förmlich eingehüllt,
lärmvoll durch die Dunkelheit klomm, das Gebiß seines kleinen
Mittelrades hart in die Eisenzähne der Schiene schlagend. Unter dem
von eisigem Hauch durchschauerten Gewölbe führten all die Schallwellen
einen wühlenden Kampf miteinander.
Und in dieser lauten Dunkelheit, die jedermann benahm, so daß alles
Aufmerken nur auf sie gerichtet war, fühlte Jutta einen kurzen, starken
Händedruck.
Er sollte ihr zu ihren unterbrochenen, nicht vollendeten Worten
Tröstliches sagen.
Sie verstand ... Wie tat ihr das wohl. Ihr Verlangen, sich mit ihm
aussprechen zu können, wuchs.
Jenseits des Tunnels empfing sie eine andere Welt. Eine, die kein
Lächeln hatte und keinen Glanz. Die Starrheit eines von Steingeröll
fast übersäten, im Schatten liegenden Hochtals, dessen längliches Rund
Felsenschroffen umstanden. Und aus ihm heraus führte ein zweiter Tunnel
in die kühne Freiheit des breiten, gebuckelten Gipfels des Rocher de
Naye.
Da war Leben -- nur zu viel Leben; Licht -- nur zu beizendes Licht.
Und außer dieser seltsamen Hochstation von Hotel, Terrassen,
Aussichtstribünen und Menschengewimmel auf grüner Vegetationsnarbe die
weite, ungeheure Welt.
Es wirkte, als sei vielleicht ein Ballon von da unten emporgestiegen
und habe hier ein ungewähltes Stück Zivilisation abgesetzt. Nun
schnurrte das gewohnheitsmäßig seine Funktionen ab, auf die es
eingestellt war. Der Gegensatz schrie, wie Farben schreien, die nicht
zueinander passen.
Vom Zug hasteten die Touristen zum Gerüst der Aussichtstribüne, als
würden sie den Anfang des Schauspiels versäumen, für das sie voll
bezahlt hatten, wenn sie sich nicht eilten. Kellner standen in der
Tür des Hotels und taxierten, wie viele von den Vorbeiströmenden wohl
zum Lunch kommen würden. Im riesigen Speisesaal, aus Holz und Glas,
warteten die Tische wie zu schützenfestlicher Generalabspeisung.
Aus irgendeinem Grunde wurde vor dem Hotel eine neben dem Türpfosten
befestigte, grelltönende Glocke geläutet, der Kellner, dem dies oblag,
zog an dem Strick mit einem leidenschaftlichen und genauen Rhythmus.
Dicht dabei, an einem mit schon geleerten Weinflaschen bestandenen
Tisch, hielten sich kreischende Frauen die Ohren zu und taten
empfindlich, während ihre freudeheißen Gesichter den Männern breit
zulachten, davon einer gerade sein rot gefülltes fußloses Glas hoch
emporhob zum Wohl der sonntäglich geputzten derben Schönen.
Der Geheimrat brauchte sich mit seiner Gesellschaft nur durch Blicke
zu verständigen -- sie waren einig in dem Wunsch, sich von dem Treiben
recht weit zu entfernen. Langsam spazierten sie auf dem Gelände dahin;
es stieg und fiel ab und war doch alles der fast hufeisenförmige Gipfel
des Berges.
Sie fanden einen grünbenarbten kleinen Hang, der wie ein
amphitheatralischer Sitz einlud. Und der Geheimrat zog wieder eins
seiner berühmten Reservetaschentücher heraus, breitete es säuberlich
hin und setzte sich darauf, obschon der Bewuchs der Erdkrumen ein aus
Rasen und Kräutern ineinanderverfilztes trockenes Lager geboten hätte.
Neben ihm suchten sich Jutta und Herbert Gamberg ihren Platz, Jutta
zwischen den beiden Herren. Ganz wie von selbst blieb man zusammen, wie
der Zufall es bei der Herauffahrt gefügt.
Die Art, wie Frau Gervasius ihre Tochter eng neben sich behielt,
hatte fast etwas Demonstratives -- in aller Unbewußtheit -- als wolle
sie sich und unwillkürlich damit auch den anderen zeigen: noch ist
es *mein* Kind! Noch bin *ich* die Nächste zu ihrem Vertrauen, ihren
Kümmernissen. Und Renate, ein wenig schweigsam und oft von einem ganz
bohrenden Nachdenken wie hinweggeführt aus dem gegenwärtigen Zustand,
hing sich an die Mutter und suchte sich auch mit ihr zusammen einen
Platz, fern von den anderen, und als sie dann saß, legte sie ihren Hut
in den Schoß und ihren Kopf an die Schulter der Mutter. Still träumten
sie beide hinaus. Und indem sie das große Bild zu bewundern schienen,
waren ihre Gedanken doch eigentlich stark beschäftigt. Die Mutter
wartete, voll Vorsicht, aber doch auch voll Begierde, ob die Tochter
nicht sprechen würde. Aber der Tochter war es Zuflucht und Vertrauen
genug, in all ihrer Furcht diesen guten, sicheren Platz zu haben, wo
man ohne Erklärungen fest sich anlehnen durfte.
Gewiß -- so fühlte sie -- verstand die Mama von selbst, daß es viele,
viele Dinge und Fragen gab, über die eine Braut schwer nachzudenken
hatte. Denn einmal sagte sie es doch selbst: man müßte die Brautzeit
nicht nur durchjubeln, sondern auch zur ernsten Einkehr benutzen.
Manchmal seufzte Renate, ohne es zu wissen. Und die schweigende Mutter
horchte bekümmert dem Seufzer nach.
Der Geheimrat bog sich ein wenig zurück, um mal zu konstatieren, wo
Frau und Tochter sich denn eigentlich niedergelassen hatten. Er fühlte
wohl: die zwei freimauerten heute ein wenig zusammen -- schlossen ihn
und alle Welt von ihrem Bündnis aus. Er streifte es mit keinem Wort.
Aber er dachte: gut so -- gut so! Er wußte ja: zwischen Müttern und
Töchtern gibt es merkwürdige Dinge: ein Verstehen, bloß aus dem Gefühl
heraus, ohne Worte, das ans Wunderbare grenzt ... als seien da Fäden,
die nichts zerreißen konnte ...
Nun saß man lange schweigend. In diesem gigantischen Weltbild da
vor ihnen war keine Einheitlichkeit der Stimmung. In ruhevoller,
ernster Pracht stieg zu ihren Füßen der Berg hinab, mit grünen
Matten und tiefen Wäldern. Über ihrer Linie sah man den See, im
beizenden, blitzenden Blau bestrahlter Edelsteine -- die zierlichen
Ufer überlächelte der Sonnenschein. Das war von so versucherischer,
sündhafter Grazie, von so gesteigerter Schönheit, daß man in
begehrlichem Verlangen die Arme hätte ausbreiten mögen, um in ihr zu
vergehen.
Zur Rechten und geradeaus verschwamm diese glänzende Üppigkeit ins
Grenzenlose, ihre Abschlußlinie ging unter im Duft der Ferne, so daß
es schien, die ganze Erde sei von ihrem Herrlichkeitswesen. Aber zur
Linken und geradeaus traf der Blick auf die harte und düstere Mauer
der Hochalpen. Über der Wucht des grauen Felsenmassivs des Dent du
Midi erstreckten sich Gletscher, waren wie weißblaue Fetzen zwischen
Felsschroffen geworfen und eingeklemmt; dahinter drängten sich, fern
und immer ferner, eisige Gipfel -- da ahnte man eine Welt von tödlicher
Leere und Kälte -- ein Durcheinander von furchtbaren Einöden.
Der Himmel hielt das Bild zusammen -- spannte sich über all diese
Töne hinüber. Sein Blau war von solcher Tiefe, daß es dem hinauf sich
bohrenden Blick zuletzt schwarz erschien ... Und weiße, einsame Wolken
zogen ...
Tief unter ihnen zog ihr Schatten mit ...
Diesem lautlosen Riesenspiel des Lichtes mit den Wolken sahen sie, wie
bezaubert davon, zu.
Jutta saß schweigend, von einer an Andacht grenzenden Wonne halb
betäubt. Sie genoß die schöne Stunde zusammen mit dem Mann, der sie
liebte! Dies Wissen: geliebt zu sein, das werbende Sehnen und Begehren
neben sich zu spüren, erhöhte ihr noch die Gewalt dieses Blickes in
unerhörte Naturwunder.
„Wären wir allein hier!“ dachte sie in heißem Wunsch -- „Hand in Hand,
hoch über der Welt ...“
Fühlte er nicht das gleiche? Sagte er nicht aus dieser Notwendigkeit
heraus plötzlich halblaut: „Es wäre schöner, zu Fuß hinabzusteigen.“
„Ja, ja ...“ gab sie hastig zu.
„Ob es schöner wäre!“ sagte der Geheimrat. „Wenn Sie Lust dazu haben,
ich bitte Sie, unabhängig zu sein. Wir können da heute nicht mithalten
... mein Töchterlein scheint ein wenig flau -- ist still -- sie soll
sich nicht anstrengen ...“
„Wollen wir?“ fragte er.
Sie sahen sich an. Rasch, in aufjauchzendem Entzücken: „Ja -- ja ...“
Und wieder Schweigen.
Nun war Jutta wie trunken von der Erhabenheit der Welt ... Bereit, in
all der Schönheit unterzugehen -- widerstandslos -- und sei es Sünde
-- und sei es Tod ... Allein mit ihm ... endlich und zum erstenmal
wirklich allein ...
Der Geheimrat sah den gleitenden Schatten nach und suchte eine
Erinnerung festzunageln.
„Schopenhauer,“ sagte er, „mein Gott, so etwas kann quälen ... helfen
Sie doch ... oder können Sie’s nicht? Sie sind aus der Generation, die
ihn nicht mehr las ...“
Aber Herbert Gamberg konnte aushelfen.
„Im Kapitel von der Nichtigkeit und den Leiden des Lebens,“ sprach er;
„die Gegenwart ist einer kleinen dunkeln Wolke zu vergleichen, die
der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist
alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach
allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit
unwiederbringlich.“
„Das nenn’ ich ein genaues und präsentes Gedächtnis haben,“ lobte der
Geheimrat.
„Nein,“ dachte Jutta, „meine Gegenwart ist nicht mehr dunkel ... nicht
mehr ...“
Und zugleich hatte sie jenen kleinen, rührenden und kindlichen Stolz,
den liebende Frauen haben können, wenn der Geliebte gelobt wird.
Die beiden Männer sprachen weiter, mit gelassenen Stimmen, in einem
durch den wohligen Genuß am Augenblick etwas trägen Fluß der Gedanken
oder doch der Worte. Der Geheimrat erzählte, daß er seinen Stil
an Schopenhauer zu bilden versucht habe, daß er dessen Prosa noch
über die Goethesche stelle, daß man es nicht genug beklagen könne,
wie ganz aus der Mode es gekommen sei, in Schopenhauer noch den
Sprachkünstler zu ehren. Herbert Gamberg meinte, man sei hier am Genfer
See mittelbar ein wenig in seinem Dunstkreis. Der Name Grisebachs, des
Schopenhauer-Jüngers, fiel; von dessen „Neuem Tannhäuser“ war die Rede,
und Gamberg wußte einige Lyriker zu nennen, deren Ernten seiner Ansicht
nach auf Grisebachs Acker gewachsen waren.
Im Geheimrat wurden Stimmungen aus der Jugend wach. Er war vergnügt,
daß Gamberg Halbvergessenes in ihm aufstöberte ... allerlei Reime
erhoben ihr anmutiges Geklingel; aus dem unendlichen Bergwerk von
ernstem Wissen, in dem tief versteckt sie am Leben geblieben waren,
fuhren flink leichtsinnig holde Verse auf. Er zitierte -- tastend --
mit suchenden Worten -- ungenau -- Herbert Gamberg half aus.
Und endlich hatten sie es beisammen, und der Geheimrat fühlte jene
drollige Freude, die auch verständigste Menschen haben, wenn es
ihnen gelingt, eine Gedächtnislücke auszuflicken, schon scheinbar
Verschollenes wieder lebendig vor sich zu sehen. Er las dem jüngeren
Mann nun, lautlos sie nachsprechend, förmlich die Silben von den
Lippen, als Herbert mit halber Stimme aufsagte:
„O ihr Savoyens veilchenfarbene Höhn
Und du, Montblanc, in rosigen Abendgluten,
Tiefblauer See -- wie seid ihr heute schön!
Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten;
Ich schaue seufzend nach La Meillerie
Und fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen,
O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! --
Wär’ sie mein eigen!“
„Die letzte Strophe,“ drängte der Geheimrat, „kriegen Sie sie noch
zusammen?“
„Du *warst* mein eigen -- was hat mich so bald
Aus deinem Arm, aus meinem dich getrieben?
Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt?
Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben?
Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See,
Die Wogen tanzen ihren alten Reigen,
Der Mond geht auf wie damals in Vevey --
Wärst du mein eigen!“
Und während so der alternde Mann, in der weichen Freude, die die
Stimmung dieser prangenden Welt auch in ihm aufwallen ließ, zärtlich
mit dem Geschmack seiner Jugend liebäugelte und nachkostete, was ihn
damals entzückt hatte -- horchte die junge Frau den Worten nach ...
Sie hörte den Klang der Leidenschaft in der halblauten Stimme.
Sie fühlte, daß er es *ihr* sagte, dies flehend sehnsüchtige: Wärst du
mein eigen!
Sie erlebte wieder jene kurze Minute in der purpurdunkeln,
rosenduftigen Sommernacht, wo er sie geküßt.
Und ihr deuchte, als sei dies nicht ein rascher Kuß gewesen -- als
hätten sie sich damals feierlich einander gegeben -- und alles, was
nachher kam, sei Irrtum, sei Treulosigkeit gegen ihn ...
„Wärst du mein eigen!“
Alles ging weiter ... die Stunden spannen sich ab. Ein Weilchen noch
sprach der Geheimrat von den Göttern und Götzen seiner Jugend, hielt
eine allgemeine Revue über die Trümmer, die man so hinter sich läßt --
meinte: je mehr einer rückwärts liegen weiß, desto heller ist’s vor ihm.