über zehn Minuten hatte man zu fahren. Die Stadt blieb zurück. Ab
und zu klebte eine Villa am jäh zum Wasser sich senkenden Hang; mit
ihrem Dach und ihren obersten Stockwerken sah sie über den Waldessaum
empor, mit ihrem Fundament wurzelte sie tief darunter im Felsen. In
der beizenden Helle lag tiefab der See, und ein Silbergeriesel ging in
zartem Gleichmaß der Bewegung über seine Fläche.
Jutta fühlte sich wie betäubt. Ihr war, als sei dies mehr, als sie zu
bewältigen vermöge: der Überreichtum dieser Landschaft und darin die
Nähe des geliebten Mannes ...
„Verzeihen Sie mir -- ich habe diese Begegnung nicht gesucht ...“
Er nahm ihre Hand und drückte sie und ließ sie rasch wieder.
„Ich weiß es.“
„Und ich habe Ihren Blick verstanden? Nun, da es sich so getroffen hat
-- nun darf ich in Ihrer Nähe bleiben?“
„Ja.“
„Wenige Tage -- geschenkte Tage -- die Gegenwart der gütigen, vornehmen
Menschen, die Ihre Freunde sind, gibt uns diese Freiheit.“
„Ja.“
Sie wußten es beide: tausend Rücksichten waren ihnen auferlegt, sie
durften nicht in stolzer Leidenschaft, die Welt verachtend, aufeinander
zustreben.
Nicht Feigheit band sie -- Achtung vor einem, der fern war und noch an
sein Glück glaubte.
Sie dachten beide an ihn. Das zwang sich ihnen auf, ungesucht, fast
gegen ihren Wunsch. Kein Gedanke hatte ihn gestreift, als sie gespannt,
in jener unerträglichen Steigerung der Sehnsucht zueinander, die die
Gegenwart ahnungsloser und hemmender Menschen großstachelt, bei Tisch
zusammengesessen. Da war ihr Blut schwer gewesen vor Angst, daß sie
auseinandergehen müßten, ohne sich zeugenlos sprechen zu können.
Und kaum war ihnen das bißchen Einsamkeit geschenkt, das ein offener,
emsig die Straße entlang klappernder Wagen gibt, so waren sie wie
beherrscht von dem einen Gedanken an den Mann ...
„Ich habe an Malte geschrieben,“ sagte sie, aus diesen Gedanken heraus.
„Die Wahrheit?“ fragte er rasch.
Schon fühlten sie beide, als ob es eine solche gäbe ...
Und waren doch vor drei Wochen in quälender Ungewißheit
auseinandergegangen, damit ihre Seele sich Klarheit suche ...
„Ich habe ihm gesagt, daß ich glaube, mein Herz sehnt sich nicht mehr
nach ihm ...“
„O -- du ...“
Es riß den Mann hin -- ihm war, als habe sie sich mit diesen Worten ihm
schon versprochen ...
Er preßte ihre Hand -- vereint blieben ihre Hände in den Falten ihres
Kleides, auf dem Sitz zwischen ihnen ...
„Aber er,“ flüsterte Jutta, „er weiß es noch nicht ... Wie seltsam ...
wie es alles schwer macht ...“
„Ja. Hart. Für ihn und uns. Phantastisch fast ... wie das Fallen eines
Sterns -- wenn das Auge es erblickt, ist der Sturz längst vorbei ...“
Er sah in schwerem Sinnen vor sich hin.
Und Juttas Gedanken wanderten dem kleinen papiernen Unheilsboten nach
...
„Solange er nicht *weiß*, was ich ihm sagte, habe ich es noch nicht für
*ihn* gesagt,“ dachte sie.
„Mein Leben ist nun, als schwebe es haltlos,“ sann sie weiter, „haltlos
zwischen zwei Zuständen. Ich habe etwas hinausgerufen -- aber der
Schall ist noch nicht angekommen.“
Und mit ihrem ganzen Wesen horchte sie gleichsam ins Unbestimmte hinaus
...
Wie das alle Nerven anstrengte und überreizte ...
„Aber wir wollen uns dieser Tage freuen,“ sprach Herbert.
„Schön ist es ... schön ...“ und mit einem furchtsamen Ausdruck,
erschauernd setzte sie hinzu: „Fast zu schön.“
Das Üppige aus dieser Umwelt kam auf sie zu wie lauter Versuchung.
Sie sahen sich an.
„Du bist mein!“ sagte sein Blick mit einer ruhigen, großen Bestimmtheit.
Um sie her ging aber der Tag und seine Regie weiter. Für dieses Mal war
der Geheimrat der Spielleiter. Und er stand schon da, um Jutta die Hand
zum Aussteigen zu reichen, als der Wagen am niedrigen, langgestreckten
Bahnhofsbau vorfuhr.
Man war ein wenig knapp vor Einfahrt des von Thonon kommenden Zuges
angelangt. Und nun wurde in aller Hast, beim Einsteigen und noch aus
dem Coupéfenfter heraus, besprochen, daß also Herr von Gamberg morgen
-- nein, nicht schon morgen, er müsse sich bei Exzellenz Plaß abmelden
und in der Tat ein Wiedersehen mit seinen Koffern in Genf feiern --
schön, also übermorgen mit Frau Jutta und den drei Gervasius zusammen
einen Ausflug nach Rocher de Naye machen werde. Er könne in dem Hotel
absteigen; es liege zehn Minuten von Juttas Pension entfernt und
gleich ihr scheinbar im Bergwald versteckt, während man doch einen
zauberischen Blick über den See habe.
Der Geheimrat, um seine derzeitige Befehlshaberstellung auszukosten,
wie er sagte, ordnete alles genau an: wann Herr von Gamberg übermorgen
früh mit dem Wagen Frau Jutta abholen solle, um mit ihr nach Glion
hinaufzufahren, wo man die Zahnradbahn nach Rocher de Naye zu nehmen
habe; sie, die drei Gervasius, würden an der Station zur Stelle sein
und sich zu den Freunden gesellen.
Neben dem Kopf des Geheimrats, der das Fenster besetzt hielt, sah Jutta
ein wenig von dem auf dem Bahnsteig Zurückgebliebenen. Und dann schien
er einfach fortzugleiten, als schöbe man ihn wie ein Versatzstück
weiter. Der Zug rollte davon.
Sie sank, eine ganz Erschöpfte, in eine Ecke der Polsterbänke.
„Wir sind allein. Also jedem eine Ecke zur verspäteten Mittagsruhe
bis Bouveret,“ befahl der Geheimrat, dem es selbst sehr um ein halbes
Stündchen in Gedankenlosigkeit und mit geschlossenen Augen zu tun war.
Ja, denken, denken -- nicht mit Blick und Lachen und Wort heucheln
müssen, ersehnte Jutta.
Jeder saß in seiner Ecke. Renate blinzelte noch einigemal lustig zu
ihrem Vater hinüber, weil er aus seiner Tasche ein frisches weißes
Tuch nahm, entfaltete und über seinen Kopf deckte, ehe er wagte, ihn
anzulehnen. Seine Tochter wußte: er pflegte ungefähr in jeder Tasche
ein Tuch zu haben, und sie neckte ihn mit seinem Widerwillen gegen
Dinge, an denen jedermann seine Spuren lassen konnte, und meinte:
„Papa, du solltest auch im Leben die Gummihandschuhe tragen, die du
beim Operieren anhast.“
Er drohte ihr mit dem Finger und sagte: „Du Krabbe!“
Dann waren sie alle still, und die Geheimrätin schlief sogar mit
bemerkbaren Atemzügen, von denen ihr Mann nachher verleumderisch sagte,
es wäre Schnarchen gewesen.
Jutta besann sich -- ja, es war kein Phantasieerlebnis -- sie hatte ihn
gesehen, gesprochen, den Druck seiner Hand gefühlt. Er würde kommen --
all diese betäubende Schönheit der Welt war wie ein tumultuarisches
Vorspiel gewesen, alles würde nun klar und groß und sicher: er kam! ...
Aber wie: wenn es ihn reute? Wenn er nur zum Schein, um nicht durch
eine Weigerung aufzufallen, weil ihm keine Gründe zur Hand gewesen
waren, gesagt hatte: ich komme!
Wenn nun morgen ein Telegramm käme -- ein Brief -- eine
Telephonnachricht -- daß er fortbliebe!
Aus Vorsicht -- wegen der Welt -- um auch nicht von fern den Anlaß zu
einem Gerede zu geben? Oder aus Rücksicht auf Malte? ...
„Oh,“ dachte Jutta leidenschaftlich, „ich habe ihm ja die Wahrheit
gesagt, ich bin ja frei ... frei ist wieder mein Weg ins Leben ...
Malte *muß* gefühlt haben, daß es eine Vorbereitung war zu der
unerschütterlichen Forderung: gib mich frei.“
Ganz vergessen war es plötzlich, daß der ferne Mann ja noch nicht wußte
... Er und seine Ansprüche und sein Dasein waren nichts. Es gab nur
eines: die bedrängende Furcht, daß Herbert ausbleiben könne ...
„Wie soll ich diese Spannung ertragen,“ dachte sie.
Sie fürchtete sich vor dem Abend, vor der Nacht.
Zwischen der Langsamkeit der Stunden und der leidenschaftlichen
Ungeduld in ihrer Brust klaffte eine Disharmonie, die beklemmend war.
Auf dem Dampfschiff, zwischen Bouveret und Territet, bat Jutta
flehentlich: „Darf Renate bei mir bleiben? Ich bringe sie selbst morgen
hinauf. In der Pension ist ein Zimmer frei.“
„Ach ja,“ stimmte diese bei, „wir können dann zu Fuß hinauf -- es muß
herrlich sein durch den Wald und über die Alm -- weißt du, Mama -- die
so in der Mulde liegt, mit der silbergrauen Hütte auf dem grünen Grund.“
„Kind, du hast ja keine Sachen mit.“
„Jutta leiht mir alles -- und Kamm und Schwamm und Zahnbürste kaufen
wir gleich in Territet.“
„Federleicht ist mein Gepäcke,“ zitierte der Geheimrat. Seine Frau
hatte noch Bedenken. Wahrscheinlich aus mütterlicher Politik, meinte
er, um ihre Zustimmung als wichtigen Akt erscheinen zu lassen.
Sie hatten dann beinahe ein Gefühl wie Mädchen, die die Schule
schwänzen, als sie, nach Abfahrt der Eltern, noch in Territet
herumliefen.
So jung waren sie in ihrer Stimmung -- auch Jutta -- plötzlich ganz
voll übermütiger Jugend.
Dann fuhren sie im Einspännerchen bergan, durch düstere und doch heiße
Tannenstrecken. Bis sie zur Pension kamen, wo Jutta ein Wiedersehen mit
der Kleinen feierte, als läge eine lange Trennung hinter ihr.
Sie konnte das Kind noch für die Nacht zurechtmachen und es waschen und
tränken und Martha loben, daß nichts passiert sei, und dem kleinen
Wesen, das zufrieden lag und mit seinen tiefen, rätselvollen Blicken
guckte, erzählen, daß Mutti einen herrlichen Tag erlebt habe ... alles
bekam Baby zu hören, in ausführlichen, flüsternden Worten, die von
heimlichem Jubel durchglüht waren. Bis Baby die Augen zufielen ...
Da verlosch auch die Jubelstimmung im Herzen der Frau.
Nur Unruhe blieb und das Gefühl, als habe plötzlich alles eine
enttäuschende Wendung genommen.
Man wurde zum späten Diner in den Speisesaal gerufen. Da waren
noch einige Pensionäre, allerhand Menschen, denen Jutta die kargen
Höflichkeiten gönnte, die erforderlich sind, wenn man unter dem
gleichen engen Dach schläft, an einem Tisch miteinander speist. Mit
angezogenen Ellbogen saßen sie und handhabten die Bestecke geziert,
aßen Brotbrocken zwischen den Gängen und erstatteten einander Bericht
über die Ausflüge, die sie, jeder für sich, gemacht hatten. Und alles
war von einer so unaussprechlichen Leere und Gleichgültigkeit erfüllt.
Und wenn einer der Tischgenossen eine Bemerkung von bescheidener
Heiterkeit machte, lächelte man wichtig, als sei es amüsant.
Bei jeder Mahlzeit, die Jutta noch hier eingenommen, hatte sie die
Furchtbarkeit dieses Zwangs gefühlt, mit zusammengewürfelten Menschen
zu sitzen und Blick und Miene auf diese Leerheit abzustimmen. Förmlich
verzehrt hatte sie sich vor Verlangen nach ihren einsamen Mahlzeiten in
ihrem eigenen hübschen Speisezimmer ... Aber das gab es ja nicht mehr
-- dahin war keine Rückkehr -- sie selbst hatte es zerstört ...
Heute ertrug es sich gut. Die liebe Renate war da. In ihrer köstlichen
Unbefangenheit, die sich durch Farcen nicht gestört fühlte, weil sie
sie als solche noch nicht erkannte.
Und dann kam der Abend.
Auf Juttas Balkon saßen sie und staunten in die rasch wachsende
Dämmerung hinaus. Dieses merkwürdig schwebende Grau wuchs von
allen Seiten in die Welt hinein, es schien aus der Fläche des Sees
emporzusteigen, es wallte leise vom Himmel herab, es breitete sich aus
den Bergwänden hervor und wurde tiefer und tiefer. Am weiten Kreis
der Ufer blitzten Lichterketten, und in ihnen war ein Verlöschen und
Wiederaufzucken, als spielten da unsichtbare Finger auf leuchtenden
Tasten. Blanke Raupen krochen über die dunkle Fläche des Sees,
fremdartige Raupen, deren Sirenenschrei bis hier herauf tönte durch
die feierlich weite Stille. Aus dem Rhonetal, das in dem Schwarz der
gigantischen Gebirgsmauern hinweggelöscht schien, kam, wie aus einem
Tunnelmund, ein Zug mit feurigem Zyklopenauge und verschwand sogleich
wieder dem Blick, weil er den Weg nah am Fuß des Hanges entlang nahm.
Jutta mußte an eine andere Sommernacht denken. An jene ferne, da sie im
purpurnen Dunkel des Parks, in seinem schwülen Rosenduft, sich von zwei
Armen umschlossen gefühlt hatte ...
Ganz deutlich, durch die Kraft ihrer Sehnsucht Gegenwart geworden,
spürte sie den Kuß auf ihren Lippen ... seinen Kuß.
Und aus der weiten, heißen Sommernacht, aus ihrem von
Liebesgeheimnissen überfüllten Schweigen stieg ein Rausch auf und
verführte die Frau. Sie vergaß ihre Ehe. Ihr Kind. Alles.
Die Jungfräulichkeit war ihrer Seele zurückgegeben und sehnte sich nach
Erfüllung und nach all dem wonnigen Erleben des Weibtums.
Phantastische Vorstellungen bedrängten sie.
Wie -- wenn er nur gesagt hatte „übermorgen“, um zu verstecken, daß
er meinte: „diese Nacht!“ Wenn er dort zwischen dem Dunkel der Stämme
wartete -- von Sehnsucht ruhelos wie sie, von Verlangen krank wie sie
...
Heiße Reue kam. Weshalb nahm ich mir eine Gefährtin mit hinein in diese
Sommernacht?!
Wär’ ich allein! Vielleicht rief’ er leise: komm -- komm ... Und ich
huschte hinab zu ihm -- in seine Arme -- an seinen Mund ...
Purpurn war wieder die Sommernacht, und ein heimliches Brennen war
in ihr, das alle Nerven anspannte und alles Leben steigerte, so daß
es schien, als müsse ein Blitzstrahl der Erlösung niederflammen --
irgendwoher ...
Sie zitterte -- sie seufzte. Und legte die Stirn auf die harte Kante
des Geländers.
Da fühlte sie einen Arm um ihre Schultern, eine Wange legte sich
gegen ihr Haar, und ganz leise, vor Zärtlichkeit und Mitleid förmlich
vorsichtig, fragte die junge Stimme: „Sehnst du dich so sehr nach
deinem Mann ...“
Jutta fuhr empor.
Ihre Leidenschaft vergaß alles: Verschwiegenheit, Schonung, Vernunft
...
Sie warf sich in die Arme des Mädchens und brach in Tränen aus.
„Nein -- nicht nach ihm -- zurück sehn’ ich mich -- zurück in meine
Jugend -- noch einmal möcht’ ich über mein Leben entscheiden -- frei --
wissend. -- Ach Kind -- geliebtes Kind -- wir verstehen uns selbst ja
nicht -- nichts wissen wir von uns -- nichts -- als bis es zu spät ist
...“
„Du liebst Malte nicht mehr?“ fragte Renate entsetzt -- fast lautlos.
„Nein! Ich weiß nicht -- nein -- gewiß nicht -- ich weiß jetzt nicht:
habe ich ihn je geliebt? Aber siehst du -- dies dumpfe Gefühl von
Täuschung -- von Enttäuschung, das mag in hundert Frauen schlummern --
im Untergrund ihres Wesens liegt es -- und kommt nie herauf. Niemals,
denn der Mann ist ja immer da, mit seinen Rechten, seinen Ansprüchen,
seiner Gegenwart, die zugleich immer die Vergangenheit und die Zeit
erster, holder Illusionen frisch hält. Da kann das nicht erwachen,
nicht wachsen, geschweige denn laut werden. Andere Frauen sind nicht
so lange allein und können sich nicht umsehen und nicht besinnen. Aber
ich ... ich habe Zeit gehabt -- Einsamkeiten hab’ ich gehabt -- allein
waren wir, ich und mein Kind -- --“
Sie begann von neuem zu weinen.
Es tat wohl, zu weinen -- es war zugleich wie Anklage und Trost -- als
ließe sich mit diesen leidenschaftlichen Tränen das Glück ertrotzen ...
Und Renate weinte mit ihr -- sie weinte aus Furcht vor dem Leben und
aus Entsetzen darüber, daß große Liebe enden kann. Und gegen die ihre
kam, wie ein Gespenst, eine drohende Unsicherheit heran ...
* *
*
„Und was macht sie jetzt?“ fragte der Geheimrat.
„Schreibt.“
„Du hättest sie zwingen sollen, sich aufs Bett zu legen.“
„Zwang auf erregte oder abgespannte Nerven ausüben wollen, halte ich
für ganz verkehrt.“
„Im allgemeinen wohl. Aber wenn wie hier die Ursache am Tage liegt ...“
Die Geheimrätin stickte auf einem hellgrauen, in Taschenform
zugeschnittenen Stück Brokat das Blumenmuster nach. Die dazu nötigen
blassen, grünen und rosa Seidenfäden lagen auf dem Tisch.
Das hohe Halbrund einer Koniferenwand umschrankte ihren Platz, von dem
aus, zwischen den Rahmenpfeilern zweier glatt verschnittenen Tujas, sie
das paradiesische Stück Welt überblicken konnte.
Jetzt wandelte die Gestalt ihres Mannes, der seine Zigarette rauchte,
als Vordergrundfigur immerfort hin und her vor der Fernsicht, deren
Reize in diesem Moment die Geheimrätin übrigens ganz kalt ließen.
Ihretwegen hätten sich da tellerplatte märkische Kartoffelfelder
anstatt des Genfersees hinbreiten können. Denn sie dachte an gar nichts
als an ihre Tochter und deren unbegreiflichen, höchst beunruhigenden
Gemütszustand.
„So,“ sagte sie jetzt und beäugte mit größter Genauigkeit den
dornenbesetzten Rosenstengel, den sie eben fertig bekommen hatte. „So?
... für dich liegt die Ursache am Tage ...?“
Er stand still.
„Nun, sie waren von der Pension bergan gestiegen und hatten dazu
beinahe drei Stunden gebraucht. Es war heiß gewesen, sie brachen zu
spät auf und kamen fast in die Mittagsglut hinein. Sowie nun Renée zu
dir ins kühle und schummrige Zimmer kommt, löst sich die Übermüdung in
einen Tränenausbruch.“
„Ach Mann -- wir kennen doch das Kind besser -- die kann doch acht
Stunden wandern und kommt ebenso lustig an, wie sie ausgegangen ist,
und schmaust wie ’n Bauernjunge und braucht keinen Schlaf ... Und
heut: nicht mal zum Lunch wollte sie -- ins Zimmer mußte man ihr das
Essen bringen -- und aß nichts -- und immer von neuem kamen Tränen.
Und Jutta hält sich gar nicht auf -- nimmt sofort den Zug bergab,
der, ihr offenbar sehr gelegen, noch gerade zu erwischen war -- voll
Eile zu ihrem Kind zurückzukommen. Na ja, sie ist ja ’ne treue kleine
Mutter ... Aber diesmal, weißt du -- diesmal wirkte es doch etwas wie
schlechtes Gewissen.“
„Schlechtes Gewissen! Ich bitte dich! Inwiefern?“
„Ach -- ich bekomm’ so ein Gefühl: Jutta Falckenrott ist kein Umgang
für Renée. Sie setzt ihr was in den Kopf. Beunruhigt ihr Gemüt. Nimmt
ihr was von ihrer Unbefangenheit. Und die ist doch schließlich das
Beste, was die Jugend hat. Die hab’ ich unserem Kind gehütet und
geschont ... Und nun zerstört mir eine fremde Hand das alles.“
Voll Sorge und Unmut war sie, und immer flinker gingen dabei Nadel und
Faden auf und nieder.
Das mochte der Geheimrat aber durchaus nicht haben. Er wollte nicht
nur die Worte, er wollte auch die Blicke seiner Frau, wenn er mit ihr
sprach. Er setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihr einfach die
Stickerei fort.
„In dem Augenblick, wo sich das Kind verlobte, gabst du sie dem Leben
und lauter fremden Händen hin,“ sagte er voll tiefen Ernstes.
„Und sie zerstören mir, was ich gebildet habe,“ schluchzte sie auf.
Er zog sie voll Güte an sich.
„Denke nicht so klein von deiner mütterlichen Arbeit,“ sprach er, „ich
vertraue ihr, ihren Resultaten und dem gesunden Wesen unserer Tochter
besser.“
Sie trocknete eifrig ihre Tränen, schluckte und wollte sachlich sein.
„Man sieht wohl: die arme Frau ist voll heimlicher Erregung. Die sehnt
sich krank nach ihrem Mann. Es ist Unsinn, daß sie nicht zu ihm gereist
ist. So kleine Kinder haben an jeder Pflegerin dasselbe. Die großen
Kinder -- die sind’s, die einen notwendig brauchen ... Ja, und was ich
sagen wollte ... Nun fürcht’ ich -- wirkt das entweder wie von selbst
hinüber auf Renée, oder die Frau klagt ihr leidenschaftlich was vor und
verleidet dem Kind schon vorweg den Beruf des Mannes.“
„Du kannst recht haben,“ gab er ihr zu, „ich glaube sogar: du hast
recht. Aber sieh: wenn die freudige Zuversicht unserer Renate überhaupt
zu erschüttern *ist*, ist es da nicht gesünder, sie kämpft das jetzt
mit sich durch? Zu dieser oder jener Klarheit hin?“
„O Gott ... du willst sagen?“ fragte sie erschreckt.
„Nichts will ich sagen als dies: wenn Renate erkennt, daß sie nicht
in fester Haltung die Opfer zu bringen vermag, die ihres Mannes Beruf
vielleicht einmal von ihr verlangen kann, dann ist sie nicht wertvoll
oder nicht reif genug, ihn zu heiraten. Sie muß sich sagen, daß sie
nicht nur den Mann heiratet, den sie liebt, daß sie sich zugleich
auch gewissermaßen einer großen Sache angliedert, die etwas von ihr
verlangt. Hat sie dazu nicht die Kraft, ist es besser, sie tritt
zurück. So sehr wir das auch um des Mannes willen beklagen müßten. Denn
ich mag ihn leiden. Und ich denke: du auch.“
Eine Pause entstand. Dann sagte die Geheimrätin zaghaft, mit einer
förmlich kleinen Stimme: „Vielleicht ist sie doch nur von dem
Bergansteigen übermüdet ...“
„Sieh, sieh -- meine kluge Frau ...“ dachte der Geheimrat, und in
seinen geistvollen Zügen kamen wieder allerlei kleine Boshaftigkeiten
auf und sprühten aus seinen Blicken. Er lächelte in einem Gemisch von
Güte und Spott. Und mit dem sechsten Sinn, den sie für ihren Mann
und seine Kritik hatte, spürte sie, was in ihm vorging, und wie ihre
Frauenseele vor ihm lag mit all ihren unbewußten und unlogischen
Zickzackempfindungen.
Ja, ganz und gar fühlte sie sich wie von durchsichtigem Glas vor ihm.
Und das beschämte sie ein wenig und beglückte sie unaussprechlich. Sie
kuschelte sich noch enger an ihn und drückte ihre Wange fester gegen
seine Schulter, als wolle sie durch dies nahe Anschmiegen sagen: gibt
es wohl einen besseren Platz auf der Welt als diesen!
Er saß still und hatte ein gutes Gefühl von Liebe und auch von Respekt.
Oben in ihrem Zimmer aber beugte sich die junge Renate über ihren
Schreibtisch, der ganz im Schatten stand. Schräge, feine Lichtlinien
gingen durch diesen Schatten und streiften über den blonden Kopf,
über das Papier und über die Tuchplatte des Tisches. Die Stäbe der
Persienne schlossen nicht eng aneinander und ließen all diese schmalen
Bänder von Sonnenschein durch.
Renate schrieb an ihren Verlobten. Sie konnte gar nicht anders, als
Emmich alle Not ihres Herzens darlegen. Auf eine merkwürdige Art
war ihr, als litte sie die Leiden der anderen Frau mit -- als sei
dies etwas Allgemeines -- ein Frauenlos, das ganz gewiß auch ihrer
harre, vor dem es kein Entrinnen gab, und dem sie schon voll Angst
entgegenklagte.
Die herzhafte und gesunde Sehnsucht, die sie nach dem geliebten Mann
empfand, wurde das Fundament, darauf sich ganz unkontrollierte und
verworrene Empfindungen aufbauten. -- Die Sorgen vor allem, daß es ihr
ergehen könne, ja müsse wie der lieben armen Freundin.
Das Mitleid mit dieser wandelte sich, indem die Feder es beschrieb,
unversehens in die Furcht vor eigenen Erlebnissen und Enttäuschungen,
die sich bis zu Zweifeln an der Sicherheit ihrer Liebe steigerten.
Sie bedachte ihre Worte nicht sehr. Sie folgte nur dem zwingenden
Bedürfnis nach möglichst erschöpfender und befreiender Aussprache.
Sie unterschied noch nicht zwischen gesprochenen und geschriebenen
Worten und wußte nicht, daß gerade die, die lautlos nur auf dem Papier
stehen, wuchtigere und härtere Stimme haben können als die anderen,
deren Klang ein Blick begleitet ...
Es tat ihr wohl zu schreiben. Es tröstete mehr als alle liebevollen
Reden Juttas. Denn Jutta hatte leidenschaftlich bereut, ihren
Gemütszustand der jungen Freundin offenbart zu haben. Aber Renate
meinte unter Tränen: „Wäre es sonst Freundschaft?!“
Und alles, was Jutta gesagt hatte, um ihr Geständnis zu mildern, um
glauben zu machen, es sei ja ein ganz ungewöhnlicher Einzelfall --
alles hatte Renate nur bekümmerter gemacht. Es war eben jene Art von
Abwiegeln gewesen, die mehr steigert als alles Aufwiegeln. Aber das
wußte Renate natürlich nicht.
Sie wußte nur: Jutta ist unglücklich, und ich werde es ganz gewiß auch
werden.
Aber nebenher ging auch eine entschlossene und mutvolle Empfindung,
dies Unglück ertragen zu wollen ...
Sie las den langen Brief nicht wieder durch. Ihre Feder war all diese
vielen Zeilen entlanggelaufen wie über eine Brücke, die zu „ihm“
führte. Und als unter den vielen Bogen das Schlußwort stand „Deine
Renate“, da war ihr: ich bin da!
Und nun erst legte sie sich auf ihr Bett, weil ihr die Eltern befohlen
hatten, sie solle sich ausruhen. Sie war noch gewohnt zu gehorchen und
ordnete ihre Pflichten jetzt in drolliger Naivität so, daß sie erst
ihren Stimmungen nachgab und dann artig war.
Als die Mutter später hereingeschlichen kam, fand sie ihr liebes,
schönes Kind fest schlafend, mit verschränkten Armen, gerunzelter Stirn
und einem leidvollen Zug um den Mund ... so wie Menschen schlafen,
denen ihre Erregungen noch in die Träume hinein Schrecknisse bringen.
Und noch vor kurzem hatte dies Gesicht im Schlummer immer den
kindlichen Ausdruck aus allerfrühesten Jugendtagen zurückgewonnen ...
Ergriffen stand sie und dachte: „Nein -- es ist kein Kindergesicht
mehr ...“ An der Türspalte lauschte ihr Mann. Sie trat von dem Bett
hinweg, um ihm den Blick freizugeben.
Lange sah er die Tochter an. Seine Augen funkelten -- von dem Naß, das
sie füllte. Denn dieser spöttische Mann war merkwürdig weich dem Weh
und Ach der Frauen gegenüber. -- Wie sollte es ihn nicht bekümmern, daß
sein Liebling sich mit Schatten herumplagte.
Still gingen die Eheleute fort. Sie sprachen sich gegeneinander nicht
über ihre Empfindungen aus. Aber sie wußten es nun beide: ihre Tochter
war ein Mensch geworden, der seine Erlebnisse für sich hat.
Das war der Lauf der Welt.