Acht Tage hatte man sich der tatenlosen Freude ergeben, hier zu

sein. Das Bewußtsein: Ferien! genügte. Das Auge war von dem in jeder

Beleuchtung neuen Bild bis zur Anstrengung beschäftigt.

Aber bei dem Hinaufschauen war besonders den beiden Jungen, Renate und

Jutta, der Wunsch gekommen, all diese lieblichen Stätten, die sich im

blauen Seewasser spiegelten, nach und nach zu besuchen.

Und heute waren Geheimrats in der Morgenfrühe von Caux mit der

Drahtseilbahn herabgekommen, und Jutta, ihr Kindchen in Marthas

eifervolle Hut gebend, hatte sich im scharfrasselnden Einspännerchen

herabfahren lassen.

Nun standen sie hier und sahen in den dünnflüssigen, silbrigen Schimmer

des Morgenbildes hinaus, indes mit emsigem Puckern und geschwätzigem

Rauschen das Dampfschiff herankam, mit dem derben Weiß seines

Ölfarbenanstriches ein plumper Fleck in all dem zarten Zusammenklingen

und Ineinanderfließen.

„Merkwürdig,“ sagte Jutta, „es ist mir, als wäre es ein großes

Erlebnis, daß wir nun an das andere Ufer fahren. Ich hatte eine

förmliche Sehnsucht danach.“

„Das ist vielen Menschen eigen,“ bemerkte der Geheimrat, „sie sehnen

sich immer ans *andere* Ufer. Und fühlen sich um was betrogen, wenn

sie da angekommen sind. Das sind die mit den wandernden Seelen. Sollte

meine liebe verehrte neue Freundin auch solche Wanderseele haben?“

fragte er neckend.

Jutta wurde rot.

Sie sprach ein paar ableugnende Worte. Der Lärm, den der Dampfer

machte, verschlang sie. Das Wasser brodelte grünweiß. Man wurde ein

bißchen gedrängt und gestoßen und fand sich dann in einer Reihe, wie

auf der Schulbank sitzend, wieder. Das Sonnensegel war gespannt. Man

saß sehr angenehm. Renate schob leise ihren Arm in den der Freundin.

Der Geheimrat hatte Jutta rechts, seine Frau links.

„Die Vorstellung kann unsertwegen beginnen,“ sagte er. „Wir haben

bezahlt und warten auf das Klingelzeichen!“

Die Schiffsirene stieß einen greulichen Wutlaut aus, und wie ein

störrisches Pferd begann das Boot sein Hinterteil zu drehen. Die Ufer

glitten. Sie lagen im Schatten. Nur dort, über Villeneuve hinaus, in

der östlichen Ecke des Sees, kam aus dem Rhonetal ein Sonnenstrom, er

brach heraus zwischen den himmelanragenden Schranken der Gebirge, die

ihn zu leiten und zu bändigen schienen, als seien sie ein Riesenkanal

des Lichtes. Und im Bande dieses Sonnenstromes wälzte sich die

gelbe, weißkochende Wassermenge des Flusses und strudelte hinein in

das Blaugrün des Sees. Ein kurzer Kampf der Farben, umschäumt von

aufbrodelndem Gischt. Und dann hatte der Riesenmund den breiten Faden

des Stromes ganz verschluckt.

Eine Zeitlang unterhielten Jutta und Renate sich damit, an der

schroffen, bewaldeten Bergwand, hinter dem wasserumspülten, klobigen,

grauen Gemäuer des alten Schlosses Chillon, das Dach und ein paar

Fenster ihrer Pension herauszufinden.

Aber die Landschaft drehte sich, als sei sie eine Wandeldekoration,

die um den festen Mittelpunkt des Schiffes sich in langsamem Schwung

hinziehe. Und das kleine Baufragment, das zwischen den Wipfeln

herausgeschaut hatte wie ein Gesicht, das halb über den Zaun guckt,

verschwand.

Im selben Moment bekam Jutta eine Angstempfindung. Weil sie das Dach

nicht mehr sah, unter dem ihr Kind schlief ... Vielleicht deshalb. Sie

wußte es nicht. Sie fuhr auf.

„Könnte ich aussteigen, könnte ich zurück, mir ist mit einem Male, als

müßte etwas geschehen ...“

„Aber, liebe Frau! Ihre Martha ist eine Perle, die paßt wie ein

Wachthund auf,“ tröstete die Geheimrätin.

„Pomade!“ mahnte der Geheimrat und ergriff Juttas Arm. „Nur immer

Pomade!“

Er wußte ja Bescheid mit den grundlosen Nervositäten von Frauen.

Renate drückte sich schmeichelnd an die Freundin.

„Das Kind ist unruhiger, als es früher war,“ sprach Jutta vor sich hin.

„Die neue Nahrung ...“

„O nein -- das kann nicht sein ... ich habe den Apparat mit -- ich

mische und sterilisiere die Milch selbst -- ganz nach Vorschrift --

heute bin ich um fünf aufgestanden, um es noch vorher zu machen.“

„Sie sind eine prächtige Mutter!“ lobte Frau Gervasius, „aber

übertrieben muß man auch nicht mit der Angst sein.“

„Ja -- ja -- es ist Unsinn ...“ murmelte die junge Frau ...

Der feine Silberduft über dem See und den nahen Ufern löste sich

mehr und mehr auf. Nur die Ferne blieb in der zarten Ungewißheit, in

bläulich heller Verschwommenheit.

Jetzt kam Bouveret. Im Schatten lag es. Man sah ausdrucksvolle weiße

Hausgesichter unter dunkelgrünen Kastanienriesen. Und dahinter das

aufsteigende Massiv des Gramont.

Am Ufer ging die Straße hin, steigend und fallend, je nachdem sie

dem Gelände den Raum abtrotzen konnte. Wie Spielzeug, von Maultieren

gezogen, die Führer als kleine Figürchen daneben, bewegten sich Karren

auf der Straße entlang.

Der feine Turm von St. Gingolph kam in Sicht. Am abschüssigen Ufer

klammerte sich das Städtchen an die Felsen.

Die Reisenden saßen schweigend und nahmen die Bilder in sich auf.

Gervasius’ hatten nicht die Angewohnheit der Ellbogen und der

stimmkräftigen Bewunderung. Sie stießen sich nicht auffordernd an

und sagten nicht mit Augenaufschlag „o Gott“ zu den überraschenden

Schönheitsakzenten. Sie fühlten von selbst, einer auf den anderen die

Stärke seiner Empfindung übertragend, daß sie gemeinsam sich dankbar

und staunend erhoben.

Einmal sahen Mutter und Tochter sich an und wußten, daß sie sich nicht

nur mit ihren Blicken trafen. „Wäre Emmich hier,“ dachte Renate. „Wie

wollte ich ihr gönnen, daß sie Emmich hier hätte,“ dachte die Mutter.

Und Jutta spürte, daß sie, obgleich Arm in Arm mit der Freundin

sitzend, doch allein war.

Die beklemmende Unruhe, die sie vorhin so jäh und grundlos überfallen,

wollte nicht still werden. Sie wußte gewiß, in einem starken Vorgefühl:

es wird etwas passieren.

Sie wollte es niederzwingen. Ja, wirklich -- es war Unsinn -- was

sollte denn geschehen?

Das Kind war gut betreut.

War vielleicht der ferne Mann von einem Unheil bedroht? Ja, ein

kleiner, unscheinbarer Wanderer war unterwegs nach ihm -- der Brief --

er reiste jetzt über Länder und Meere und brachte ihm Kummer ... Aber

es waren erst vierzehn Tage, seit sie ihn geschrieben hatte ... Er war

noch ahnungslos ...

Die tausend Gefahren, mit denen sein Beruf jeden Tag den Mann bedrohte,

waren in Juttas Vorstellung infolge der Gewohnheit nicht mehr etwas so

schreckhaft Deutliches, daß sie dadurch beunruhigt wurde ...

Ich bin nervös, fühlte Jutta.

Sie dachte mit Vorsatz immer vorbei an dem einen, dem vielleicht in

Wahrheit all ihre Unruhe galt.

Gerade in diesen Tagen konnten ihre Gedanken ihn nicht präzise suchen.

„Wir werden, wir dürfen uns nicht sehen. Aber ich bin immer in Ihrer

Nähe --“ hatte er gesagt.

Bei ihrer Ankunft in der Pension hatte sie einige wenige Zeilen von

ihm gefunden. Aus Genf. Zeilen, in denen alles, was zu sagen war,

*zwischen* den Worten stand. Und er berichtete ihr, daß er eine kleine

Reise zu machen habe, dann nach Genf zurückkehren und von dort über

Bonneville nach Chamonix fahren wolle.

„Mit ängstlichem Vorsatz an mir von fern vorüber ...“ dachte sie.

Ihn in der Gegend zu wissen, hatte zugleich etwas Beruhigendes und

Aufreizendes.

Und manchmal schien ihr, als sei ja nun schon alles anders geworden,

als sei der Zwang, sich meiden zu müssen, aufgehoben, weil sie ihrem

Mann die Wahrheit gestanden ...

Emsig rauschte das Schiff. Die Uferbilder zogen langsam vorbei wie

Schaustücke, in denen alle Reize gehäuft erscheinen.

Man näherte sich dem Ziel. Evian lagerte sich lachend und imposant an

dem hier breiteren Rand hin. Am Kai, der sich über die Stadt hinaus

zur Promenade verlängerte, standen die Platanen in endloser Reihe.

Ihre dicken, hellen, bizarr moosgrün- und braungefleckten Stämme

glichen einer unabsehbaren Säulenlinie. Weiße, palastähnliche Bauten

reihten sich dahinter aneinander. Straßeneingänge öffneten sich zu

emporführenden Gassen mit schmalen Bürgersteigen. Die Stadt schien sich

steigend bis zum Prunkgebäude eines Hotels zu gipfeln.

Munteres und malerisches Leben war am Strand. Fischerbarken lagen

da, auf denen eifrig hantiert wurde -- in schweren Körben schaffte

man die silberschuppige Frühbeute landwärts. Segeljachten, schlank

und leicht, mehr für Spiel als für ernsten Sport, fast nur wie große

Skier anzusehen, wiegten sich leise an ihren Ringen. Ein Dampfschiff

löste sich gerade strudelnd von der Brücke, um dem ankommenden Platz

zu machen. Auf der Anlegebrücke und auf dem Kai standen und gingen

Badegäste. Sehr helle Farben beherrschten das ganze Bild, und es

schien, als käme vom See her ein beständig vibrierender Reflex und gäbe

ihm flimmernde Unruhe und vermenge doch zugleich alle Farbenwerte auf

das unentwirrbarste.

Der Geheimrat übersprach noch einmal das Programm: „Also ihr, meine

Damen, ihr tut das eurem Herzen doch allernächste: ihr guckt euch die

Läden an ... Pariser Ableger -- leider -- Frau, ich baue auf deine

vielbewährte Selbstbeherrschung ... zügle die Gelüste deiner Tochter.

Um dein Ansehen zu wahren, sage ich nicht: auch deine eigenen! Eine

Mutter *hat* keine Gelüste -- wenigstens in der Meinung der Kinder.

Sie, meine verehrte Frau, haben Ihr Baby nicht bei sich -- können also

so unvernünftig sein, wie es Ihnen beliebt.“

„Papa, ich hab’ nur noch zwanzig Franken -- aber die geb’ ich aus, wenn

ich was Niedliches für Emmich finde.“

„Wenn du meinst, daß rauhe Seemänner geeignete Empfänger für

Niedlichkeiten sind! Und wenn du sicher bist, morgen eine neue

Geldquelle zu finden ...“

„Todsicher!“ und Renate hängte sich in ihres Papas Arm, um ihm vorweg

seine angestammten Bankierspflichten angenehm zu machen.

„Ich sehe mir mal unterdessen die hydrotherapeutische Anstalt und die

Bäder an. In einer Stunde können wir uns oben im Hotel treffen. Aber

mehr als das akademische Viertel gebe ich euch nicht. Wenn ihr dann

nicht da seid, esse ich allein.“

„Wir sind präzise,“ versprachen Frau Gervasius und Jutta aus einem

Munde.

So trennte man sich. Der Geheimrat ging den Kai entlang, an

dessen äußerstem Ende, auf hohem Sockel, der General Dupas mit

feldherrnmäßiger Geste den bronzenen Arm in die Seite stemmte, während

hinter seinem metallenen Dreimaster die duftige Ferne blaß dämmerte.

Hier am Kai lagen die Anstalten, die der Geheimrat besuchen wollte.

Sehr langsam wanderten die Damen in die Stadt hinauf. Sie sahen bald:

die Prachtbauten am Ufer waren wie eine neue Fassade vor einem alten

Haus. Drinnen im Städtchen, im krassen Gegensatz zu allem breiten

architektonischen Prunk, gab es noch schmale, düstere, kleine Gassen.

Und ganz eng war die, die sich auf mittlerer Höhe hinzog und Laden

an Laden zeigte. Wäre dieser merkwürdige Rahmen nicht gewesen: die

Gasse mit dem bedrängten Raum, die Fronten kümmerlicher Häuser, die

Schmalseite der Auslagen: man hätte sich wirklich nach Paris versetzt

fühlen können. So viel Luxus lag hinter den Fenstern für Käufer

bereit: Schmuck und Antiquitäten und alles, was überkultivierte

Menschen zur Pflege ihres Körpers etwa brauchen könnten.

Eine weltstädtische Menge drängte sich in der schmalen, verschatteten

Straße. Sie hatte den ausgesprochenen Charakter der Pariser auf Reisen.

Merkwürdige Morgenanzüge sah man bei den Herren -- Rock, Weste und

Sakko von drei verschiedenen Farben und Stoffen; viele trugen auch

nur das seidene, farbige Hemd mit buntem Gürtel unter dem Rock, den

die Hände, die in den Hosentaschen stachen, zurückrafften. Andere

waren ganz in Weiß gekleidet. Die Eleganz der Damenwelt hatte mehr

Einheitlichkeit und war von einer farbenfröhlichen Grazie bestimmt. Man

stand in lachenden Gruppen zusammen und war unbegreiflich laut. Man

flanierte hin und her.

Die drei Damen standen vor den Schaufenstern. Frau Gervasius schlug

vor, man wolle straßauf, straßab erst einmal alle Auslagen betrachten.

Die Verlockungen waren stark. Überall schien eine Fülle großartiger

Gegenstände für die volle Börse bereit; überall auch eine unübersehbare

Menge von entzückenden Kleinigkeiten, an denen überraschend niedrige

Preise standen.

Aber wenn die kauflustige Renate dann in den Laden selbst kam, erwies

es sich, daß man gar nichts fand. Das Schöne war phantastisch teuer,

das Wohlfeile von plattem Geschmack, spielerisch, von übler Unechtheit

des Materials. Auch zeigte es sich, daß sich in den Magazinen keine

Vorräte häuften, daß eigentlich, außer den im Fenster ausgestellten,

nichts da war. Renate zeigte Enttäuschung und Ungeduld, die ihre

Mutter und Jutta zu teilen begannen. Man mußte doch irgend etwas finden

...

Und in dem Shoppingeifer vergaßen die Frauen Zeit und Hunger.

Bis es plötzlich der Geheimrätin zum Bewußtsein kam, daß es gewiß lange

zwölf Uhr sei. Natürlich! Nun hieß es rennen.

„Papa darf nicht den Triumph unserer Unpünktlichkeit haben.“

„Ach, Mama, es ist gleich halb eins,“ sagte Renate.

Nun, wenn die Sache also doch verloren war, konnte man sich die Eile

bergan sparen.

In schicklichem Tempo wanderten sie die Wege zur Terrasse des Hotels

hinan.

Da oben, unter der weit vorspringenden, orange und weiß gestreiften

Markise, an deren Fransenbehang ein Lüftchen entlang spielte und leise

Bewegung unterhielt und die vielen gedeckten Tischchen in den Schutz

ihres Schattens nahm, da oben saß der Geheimrat barhäuptig. Sein

Panamahut hing an einem Pfeiler der Glaswand, die hinten in seinem

Rücken war.

Er war aber nicht allein.

„Papa ißt richtig schon,“ schrie Renate beinahe.

„Wer mag da bei ihm sitzen?“ fragte sich die Geheimrätin -- „er findet

auch überall Bekannte.“

„Vielleicht hat einer der Ärzte aus der Anstalt sich die Gelegenheit

nicht entgehen lassen, mit Papa mal zu sprechen,“ meinte Renate. „Ja,

wahrhaftig -- Papa ißt ...“

Jutta sah es auch: der Geheimrat schien zu speisen -- *er* sprach

aber nebenbei zu dem Herrn, der den emporsteigenden Damen den Rücken

zuwandte ...

Ein hochgewachsener Herr -- im ganz hellen Vormittagsanzug -- einen

modisch zurechtgebogenen, kleinen Panama auf dem blonden Kopf.

Und Jutta folgte den beiden Frauen mit schweren Füßen, mit versagenden

Knien.

Denn *sie* wußte es auf der Stelle, wer das sein müsse ... sie wußte

es, noch ehe sie wirklich die Ähnlichkeit der Silhouette hatte mit

festem Blick nachprüfen können ...

Nun hatten sie die oberste Terrasse erreicht. Und der Geheimrat winkte

ihnen schon mit der Hand entgegen.

Sie schritten über den fast leeren Platz, durch die Gasse der noch

unbesetzten Tische, denn die Speisestunde der ständigen Gäste lag ein

wenig später.

Der Geheimrat erhob sich. Mit ihm der andere -- den Gelehrten weit

überragend.

„Herr Legationsrat!“ sagte Frau Gervasius überrascht. „Welch ein

Zufall.“

Der Geheimrat, der den in der am Kai spazierenden Menge von ihm

Aufgefischten wohlwollend und gewissermaßen vorführend am Arm gefaßt

hielt, nahm die Antwort vorweg.

„Zufälle negiere ich. Auch hier. Nichts konnte natürlicher sein, als

daß ich Herrn von Gamberg traf ...“

„Der von seinem neuen Vorgesetzten zu einer Besprechung herberufen

wurde,“ ergänzte Gamberg selbst und küßte den Damen die Hand.

„Exzellenz Plaß braucht hier die Kur.“

Nun hielt er Juttas Hand in der seinen. Er fühlte: ihre kalten Finger

zitterten ... Ihre Blicke trafen sich. Die seinen hatten ihr sagen

wollen: „vergib -- dies ist nicht meine Schuld.“ Er las in dem ihren

eine vollkommene Fassungslosigkeit.

Um ihr zu helfen, wandte er sich gleich sehr lebhaft an die

Geheimrätin, die schon eifrig fragte, ob die Gräfin Plaß auch hier sei,

und ob sie die zwanglose Liebenswürdigkeit des Umganges sich bewahrt

habe, mit der sie früher in Kopenhagen alle Menschen zu bezaubern

verstand.

„Papa, ich finde es schändlich, daß du ohne uns zu essen begannst.“

„Mein Kind,“ sprach der Geheimrat, „ich hatte euch das akademische

Viertel gelassen. Es war überschritten. Zu Hause habe ich nichts zu

sagen. Ich genieße es als Ferienerholung, meine Herrenstellung zu

betonen.“

„Alles dreht sich zu Hause um ihn, einfach alles,“ versicherte lachend

die Geheimrätin.

Inzwischen entdeckte Renate aber, daß ihr Papa keineswegs das Menü des

Gabelfrühstücks in Angriff genommen hatte, sondern sich zur Beruhigung

seines dringlichen Appetits nur mit einigen Ölsardinen befaßt haben

konnte.

Man scherzte lebhaft, und der Geheimrat sprach von Pseudomännlichkeit,

die sich zu keiner freien Herrentat mehr aufzuraffen vermöge und nur

leer drohe. Jutta sah auch, daß fünf Gedecke auf dem Tisch standen, und

begriff, daß Herbert die nächsten Stunden mit ihnen verbringen werde.

Sie hörte es auch gleich.

„Aus der Dringlichkeit, mit der ich Herrn von Gamberg einlud, mit uns

zu frühstücken, muß er geschlossen haben, wie schlecht es mir allein

unter drei Frauen geht. Macht-, willen-, hilflos -- ganz und gar.“

„Glauben Sie ihm kein Wort,“ sagte Jutta. Sie hatte sich in die Hand

bekommen -- ihre Miene, ihre Stimme.

„Mit Frau und Tochter würde ich schon fertig. -- Als man mir verhieß,

ich dürfe unsere Freundin ein wenig mit *an* -- ich sage nicht: *in*!

-- meinen Vaterarm nehmen, war ich sehr befriedigt. -- Nicht wahr? Das

versteht sich. Wer so viel mit brüchigem Weibstum sich abplagen muß,

kann wohl schmunzeln, wenn er mal eine schöne Dame behüten darf. Aber

mit dieser schönen Dame werde ich auf das unerhörteste tyrannisiert!

Immer, wenn ich zu irgendeiner Sache keine Neigung habe, heißt es: aber

Papa -- wegen Frau Jutta mußt du ... Und muß dies und muß das. Und

mußte heute früh um sieben Uhr vom Hochgebirge niedersteigen, weil die

schöne Dame Sehnsucht ans andere Ufer hat.“

Und diese Klage wurde eine Huldigung durch Ton und Blick. Man lachte.

Der Geheimrat unterbrach den Vortrag über seine schlechte Stellung

durch eine Frage.

„Sollte Frau von Falckenrott in ihrer ahnungsvollen Nervosität

vorausgefühlt haben, daß sie hier einen besseren Kavalier fände, als

ich einer bin? Bei der neuen Freundin abgesetzt! Bei der Tochter

abgesetzt! Frau, mein vielenttäuschtes Herz flüchtet zu dir.“

„Ich bin aber keine Lustspielfrau, die verzeihend im Schlußbild die

Arme öffnet, wenn der Schwerenöter _faut de mieux_ reuig begeistert

ausruft: Alte!“

Jutta saß mit blassen Lippen. Sie wußte, der Geheimrat scherzte

harmlos. Er jonglierte gern ein bißchen mit einer Neckerei.

Und doch traf es sie. Ja, sie hatte es gewußt ... daß man einem

Erlebnis entgegenfahre ... Solch drohendes Vorgefühl hatte sie jäh

übermannt.

Die Mahlzeit wurde aufgetragen. Gang um Gang. Sie war für

feinschmeckerische Menschen gefällig anzusehen und zu essen. Der

schwerflüssige, duftende Ivorne, der die Feurigkeit des weißen Bordeaux

mit der Poesie der Rheinweine vereint, leuchtete gelbgolden in den

feinen Gläsern.

Ein linder Hauch, kaum Wind zu nennen, spielte durch die Luft und blies

ihre Hitze fort.

Drunten stieg das am Hang klebende Gehocke der Häuser nieder und wurde

von den Wipfeln der Platanen wie von einem grünen Strich gegen den See

abgegrenzt.

Der blaute weit hinaus, eine Fläche von durchleuchtetem Glas. Und ganz

fern, mehr geahnt als gesehen, am Jenseitsufer, schimmerte Lausanne.

Der Himmel war nun ein saphirnes Gewölbe geworden und prangte in

den Vollfarben der Mittagshöhe. Ja, das war eine gute Ferienstunde.

Aber vielleicht wurde sie doch nur von dem Ehepaar in ihrer völligen

Schönheit genossen.

Renate verstummte allmählich. Und Jutta hatte sich von vornherein nur

gezwungen, zuweilen ein karges Wort, das unbefangen klingen sollte, in

die Unterhaltung zu werfen.

Die führte nun Herr von Gamberg mit dem Geheimrat unter der

aufmerksamen und mitsprechenden Teilnahme seiner Frau. Sie redeten

eifrig über einige politische Fragen, die eben den Tag bewegten.

Renate sah die Freundin an. Wie blaß sie wieder war. Und ein wenig

senkrecht zusammengezogen war die Stirn -- zwischen den Brauen, über

der Nasenwurzel stand wieder diese Falte, die dem Gesicht jenen

Ausdruck strenger Leiden gab ...

„Wüßte ich nur, was diese unruhige und geheimnisvolle Traurigkeit

bedeutet,“ dachte sie. „Sie hat doch auch gejubelt -- damals, als sie

Braut wurde ... und gedacht, sie könne immer froh bleiben in Liebe,

auch wenn er weit, weit fort sei.“

Es war so beängstigend, zu sehen, daß Liebe nicht immer zum Glück führt

...

Und seltsam beklemmend mischte sich dies in die starke Sehnsucht, die

sie nach dem fernen Verlobten hatte ...

Zuweilen ging ihr Blick von dem bleichen, ausdrucksvollen Gesicht fort

und verlor sich in die Weite ... und all die weitgespannte Schönheit,

die dann auf sie zuzuwallen schien, überwältigte sie. Wo war Emmich

jetzt?

Tränen traten in ihre Augen ...

Jutta sah vor sich hin. Sie horchte der ruhevollen, männlichen Stimme

und dem politischen Gespräch nach, ohne bestimmte Worte aufzunehmen.

Ihr, der heimlich Zitternden, tat es wohl, zu spüren: der Mann

beherrschte sich und die Lage.

Allmählich stieg ein heißes Glücksgefühl in ihr auf. Er war da ...

Das Leben hieß nicht mehr: warten!

Ungern schnitt der Geheimrat in die für ihn harmonische Stunde mit

einem Gedanken an die davonlaufende Zeit hinein. Aber Programme,

sagte er, müßten innegehalten werden, wenn man von Zug- und

Dampferverbindungen abhinge, und wenn eine junge, übersorgliche Mutter

schon bei Antritt der Fahrt von allerlei Ängsten befallen wurde, also

gewiß Wert darauf lege, pünktlich heimzukommen.

Und dabei sah er Jutta herzlich und zugleich voll Achtung an.

„Diesen Mann geben wir aber nicht sogleich wieder frei,“ bestimmte

er heiter, indem er seine Hand auf Gambergs Schulter legte. „Ihre

Rückreise nach Genf hängt von gar nichts ab als von Ihrer Laune. Ihren

Botschafter haben Sie ausführlich gesprochen, Ihrer Botschafterin

einige Tage lang getreulich die Schleppe getragen. Was zieht Sie

nach Chamonix? Ich rate Ihnen dringlich ab. Ich versichere Sie, der

Montblanc ist schon im Begriff grau zu werden vor Entsetzen über all

die Hotelküchendüfte, die das Tal zu seinen Füßen erfüllen. Wegen der

durchrasenden Autos können Sie kaum auf der Straße spazieren gehen. Auf

den Höhen aber ist Jahrmarkt. Ein Schützenfest ist eine Nachtstille

gegen den Trubel auf Montanvert am Mer de glace. Bleiben Sie hier,

oder vielmehr -- kommen Sie zu uns nach Caux, oder nehmen Sie Wohnung

in Glion, da sind Sie halbwegs zwischen uns und Ihrer Frau Cousine,

die übrigens keine verwandtschaftlichen Gefühle an den Tag legt. Sonst

würde sie ihre Überredungskünste spielen lassen ...“

„Ja, wirklich,“ sagte die Geheimrätin anstatt ihrer. „Bleiben Sie ein

paar Tage in unserer Nähe. Ich meine auch, es würde die oft so ernste

Stimmung unserer lieben Freundin aufheitern, wenn Sie sich einmal mit

einem Verwandten aussprechen kann.“

Er fühlte: dieser Aufforderung mußte augenblicklich Antwort werden

-- entweder ein freundlich begründetes Nein oder ein zwangloses,

unauffälliges Ja.

Er sah Jutta an ...

Und er sah in ihren Augen ein heißes, dringendes: Bleibe!

„Die Gemeinde Chamonix wird Sie verklagen, Herr Geheimrat, weil Sie den

Zustrom von Fremden ablenken,“ sprach er; „nach solcher Schilderung

würden Sie mich ja für geschmacklos halten, wenn ich nicht mit Ihnen

führe.“

Man stand auf. Der Geheimrat ging ins Hotel, um zu bezahlen und den Weg

nach dem Bahnhof zu erfragen.

„Weit. Heiß. Ansteigend!“ verkündete er dann. „Also Wagen.“

Und es schien, daß Gervasius’, ohne Worte darüber zu wechseln, aus

einer selbstverständlichen Annahme heraus, es für Juttas Wunsch

hielten, mit dem Mann zu fahren, der ein wenig ihr Verwandter, aber

jedenfalls auch ein Jugendbekannter war.

Die Geheimrätin verteilte die fünf Personen auf die beiden vorfahrenden

offenen Wagen, und so stiegen Jutta und Gamberg in den zweiten, während

im ersten der Geheimrat, auch gegen die eigene junge Tochter galant,

auf dem schmalen Rücksitz sich unterbrachte, wobei sein Panamahut sich

am Rocksaum des Kutschers scheuerte.

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 11 / 21 段