das Experiment nicht machen, ob so eine kleine Lunge Hochalpenluft
vertragen kann. Gervasius’ gehen nach Caux, hoch über dem Genfersee.
Ich bleibe in der Nähe seiner Ufer. Es gibt da auch Plätze, die
kühl sind, selbst im Sommer. Es ist die Rede von einer kleinen
Pension, die hoch über der Uferstraße, im Schatten eines gewaltigen,
bewaldeten Felsvorsprungs, unter Tannen fast versteckt liegt, oberhalb
Chillon. Später, Anfang September, gehe ich nach Italien. Den Winter
möchte ich in der Nähe Roms verleben. Nicht in der Stadt selbst, in
Frascati vielleicht, oder wo sich mir sonst die Gelegenheit zu einer
vorübergehenden Heimat bietet, die mir angenehm scheint. Aber im
September bleibe ich noch mit Gervasius’ zusammen; die Geheimrätin,
die eine Disposition zu rheumatischen Zuständen hat, denkt die heißen
Höhlen von Monsummano zu benutzen; sie befinden sich in der Gegend bei
Pistoja.
Es ist natürlich unmöglich, Dir Briefadressen zu notieren. Wie könnte
ich mich von hier aus und schon jetzt dafür verbürgen, daß sie
zutreffend bleiben. Unberechenbare Zufälle können mich, können uns
bestimmen, Pläne und Plätze zu wechseln. Schreibe also nach Kiel. Ich
werde die Post von meiner Adresse stets unterrichten. --
So weit, lieber Malte, kam ich gestern. Die halbe Nacht hatte ich
geschrieben. Und nun ist es wieder still um mich her, und ich will
versuchen, den Brief zu schließen. Wie unmöglich es mir auch scheint
-- denn es ist ja kein Brief -- es ist ein Teil meines Lebens --
ich möchte fortfahren zu sprechen und zu sprechen, bis ich eine
unerschütterliche Wahrheit an sein Ende setzen könnte.
Alles, was ich schrieb, kommt mir dürftig vor. Besonders weil ich mir
sagen *muß*: Du kannst es nicht begreifen. Wie solltest Du auch! Für
Dich steht ein Bild fest: das von mir und unserer Liebe, wie alles war,
da wir uns trennten.
Aber nur in der Erinnerung steht ein Wesen und ein Gefühl fest -- im
Leben wächst und wandelt alles weiter.
Und wir waren nicht Hand in Hand, als neue, große Dinge über mich
kamen. Das ist es.
Leb wohl. Ich tue Dir weh. Ich wäre glücklicher, wenn ich Dir wohltun
könnte. Aber ist in einer schmerzlichen Wahrheit nicht mehr Würde als
in einer Lüge?
Leb wohl.
J.“
Als dieser Brief geschlossen und fortgesandt war, hatte die junge Frau
einen kurzen Rausch von Genesungskräftigkeit. Nun war es gesagt! Dies
einfache Gefühl: wahr gewesen zu sein, schien schon fast alle Fragen
gelöst zu haben. Sie genoß die Empfindung, ihre Last von sich fort auf
eine andere Seele gewälzt zu haben. Dies erste, unbewußt egoistische
Fühlen, das einer Aussprache folgt. Sie dachte immerfort: „Daß mein
Herz sich von ihm wendet, *mußte* ich ihm sagen. Wohin es sich wendet,
das *darf* ich ihm nicht sagen. Sein Anteil an meinem Leben, sein
Anrecht an mich endet mit meiner Liebe.“
Sie begann den Aufbruch vorzubereiten. Nach Art temperamentvoller
Frauen konnte sie ein Gefühl der Befriedigung haben, wenn Arbeiten, die
Überblick und ein gewisses organisatorisches Talent forderten, sie ganz
in Anspruch nahmen.
Und immer wieder erzählte sie es mit halblauter Stimme dem kleinen
Kind und nickte ihm zu, liebkosend, als verstehe es schon den Inhalt
menschlicher Rede: „Wir gehen fort -- in die schöne weite Welt gehen
wir -- da finden wir vielleicht das Glück ...“ Und das Kind lag in
ihrem Schoß und trank aus der Flasche und sah mit blanken, stillen
Augen zu dem hellen Fleck empor -- den es noch nicht bewußt als das
Gesicht der Mutter empfand -- so lag es, von Behagen erfüllt, reinlich
und angenehm, bis ihm vor Sattheit die Lider sanken.
„Wie rasch ist doch die Poesie eines Heims zerstört,“ dachte Jutta voll
Beklemmung. Alles, was den Reiz einer Wohnung ausmacht, ist ja nicht
vom Tapezier geliefert. Die Sachen allein haben den Zauber nicht in
sich. Die Hand, die voll Liebe und Geschmack alles stellte und ordnete,
nach zahllosen Versuchen und zärtlichen Berechnungen, die hatte alles
gemacht ... „Meine eigene Hand,“ dachte sie.
Und plötzlich, indem das Haus zerfiel, begannen die Dinge zu reden. Es
war förmlich, als seien in allen Ecken und Winkeln Geister versteckt
gewesen, die sich aufgestört fühlten und in dringlichen, empörten
Vorstellungen zu der Zerstörerin sprachen: Weißt du noch -- weißt du
noch? ...
Mit wieviel Vergnügen und Neckerei hatte Malte das oft erneute
Umstellen der Möbel, die stets veränderte Anordnung der bunten
Reiseerinnerungen begleitet. Immer, wenn er vom Dienst heimkam, sah
er, daß an der Zierlichkeit und Gemütlichkeit des eigenen Nestes
weitergeschafft worden war. Und er staunte die Erfindungsgabe der
jungen Frau an -- er lobte sie, wie nur verliebte Ehemänner loben
können. Er genoß die Wohnlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, wie
nur Männer vermögen, die schon lange angefangen hatten, unter der
Burschenwirtschaft zu leiden.
O ja -- Jutta wußte noch ...
Und mit einem Male fühlte sie: das tat weh. Es war, als töte man ein
Lebendiges ... Als beleidige und verleugne man ein Stück des eigenen
Daseins, indem man dieses Heim umwarf ...
Der Gedanke kam ihr, es stehen zu lassen. Verschlossen und verhängt.
Als Tempel der Erinnerung. Als Zufluchtsstätte.
Die stillen, gelehrten Leute unten im Haus würden sehr zufrieden damit
sein und die Schlüssel wohl hüten.
Aber da war die harte Wirklichkeit, die sprach: das kostet zu viel Geld.
Ein Reiseleben wurde begonnen auf unbestimmte Zeit -- das wurde teurer
vielleicht als die bisherige Art der Wirtschaft. Die Ersparnis an Miete
und Steuern glich es aus.
Aber wenn das auch nicht gewesen wäre: ja -- auf *unbestimmte* Zeit zog
sie hinaus -- *unbestimmten* Zielen entgegen -- hinein in die Wirrnis
des Lebens -- kein sichtbarer Halt darin als das kleine Kind -- keine
zwingende Pflicht als diese allein -- frei zu jeder neuen Gestaltung
der Zukunft, wenn das Kind darin seinen gerechten Platz fände ...
Wer wußte was von Rückkehr? Ob? Wann?
„Niemals!“ sagte eine Stimme.
Es war Jutta, als habe das hier jemand laut ausgerufen.
Weinend sank sie in sich zusammen und legte ihr Gesicht in die
verschränkten Arme auf den Tisch.
Lisbeth Rosenfeld kam.
„Ach, Liebes,“ sagte sie, „dies ist ja schrecklich! Wie oft sind
wir hier himmlisch vergnügt gewesen. Weißt du noch auf eurer ersten
Gesellschaft? Malte hatte Lampenfieber. Man sah es. Ich freute mich
halbtot. Denn wie Männer so sind: anderswo war er immer gewaltig
kritisch, wenn er merkte, daß der Hausherr oder die Hausfrau Unruhe
hatten. O -- und euer Bursche -- es war himmlisch -- wie im Lustspiel
-- weißt du noch, er hielt die Hand oben auf die Sektflasche, damit
nichts heraussprudle -- wir kamen um vor Pläsier -- er merkte, der arme
Kerl, daß wir über ihn lachten ... Hör’ mal, überhaupt: du bist ein
Geizkragen. Ich hätte alles stehen lassen bis zur Rückkehr nach einem
Jahr oder so ... Malte ist ja wohl nicht sentimental -- aber ich denk’
mir: es wäre mehr Heimkehrstimmung gewesen, wenn er dich in diesen vier
Pfählen wieder vorgefunden hätte. Und du denkst an Sparen von Steuern
und Miete.“
„Ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, wenn meine Reise mein
Budget in Unordnung brächte.“
„O Gott, wie weise! Hör’ mal, du Liebes: ich sagte, Malte sei ja wohl
nicht sentimental -- ich will dir mal ’ne Beobachtung anvertrauen:
*alle* sind sie ein bißchen sentimental -- so in ’ner letzten
geheimsten Gemütsecke. Ist dir noch nie aufgefallen, daß nirgends so
viel Blumen verschenkt werden wie in der Marine? Ja -- an Bord wächst
das Blümlein Poesie nicht, und auf dem Meer grünt kein Frühling ...
Da ist ihnen, als müßten sie an Land alles Schöne und Liebe in die
vollen Hände nehmen. Na -- und so, in ’ner gewissen Ideenverbindung mit
sentimental und so weiter: aufrichtig: Malte findet sich vielleicht
schwer zurecht, wenn er heimkommt: ’ne neue Wohnung -- ’n Kind --
fabelhaft viel neue Bekanntschaften auf einmal.“
Jutta lächelte mit Mühe. Sie machte eine Handbewegung, die ungefähr
auszudrücken schien: Ach, das ist noch so lange hin ...
„Könnt’ ich dir bloß meine Lebensauffassung beibringen! Du bist zu
schwerblütig, Liebes. Man muß das Leben nehmen, wie es ist, und die
Feste feiern, wie sie fallen. Du bist immer so gewissermaßen in den
schwarzen Mantel der Tragik eingehüllt.“
„Das ist wohl Temperamentsache.“
„Gewiß. Aber so ’n bißchen kann man sich auch was abtrotzen. Ich weiß
recht gut: die Trennung, und daß deine Kleine kam, während Malte fort
war, das hast du so merkwürdig mühsam getragen. Herrjes -- er kommt ja
wieder. So ’n Ehemann, der’s gut zu Haus hatte, der läuft einem nicht
weg. Und dann Baby ...“
Sie lachte hell auf. Ihr fiel ein riesiger Spaß ein.
„Das hab’ ich dir ja wohl nie erzählt, die berühmte Geschichte mit
meiner Lite? Die war doch in Erscheinung getreten, als Hektor in
Westindien war. Na, als das Schulschiff heimkam, heckte ich mir was
Famoses aus. Wir wohnten damals mit Platows in einem Haus. Ich hole
mir also die kleine Platow, die war zwar ’n paar Wochen älter als Lite
-- aber was weiß ’n Mann davon ... ich pack’ beide Gören in ein Bett
und sage: ‚Lieber Hektor, suche dir gefälligst Fräulein von Rosenfeld,
deine Tochter, aus!‘ Und er sagt -- kannst du es wohl glauben? -- sagt
schlankweg: ‚Die!‘ Und tippt mit kolossaler Unfehlbarkeit auf das
Platowsche Wurm. Es sah natürlich schon nach mehr aus als unsere kleine
Lite, die kaum sechs Wochen war. Nu, und da hatte seine Männereitelkeit
das Gefühl: das beste Exemplar von diesen zwei Wickelkindern gehört
selbstverständlich mir! Ach, was haben wir gelacht! Noch immer muß ich
lachen, wenn’s mir wieder einfällt.“
„Du hast viel Talent, aus dem Leben ein Vergnügen zu machen,“ sagte
Jutta.
„Gottlob. Deshalb würde ich auch zum Beispiel nie mit einem kleinen
Kind reisen. Liebes -- ernsthaft -- findest du es richtig?“
„Warum sollte es nicht richtig sein?“ fragte Jutta überrascht, „ich
gehe ja mit dem Kind in ein Klima, das besser ist als das von Kiel.“
„Klima? -- Na ja, das wohl. -- Na, das ist auch deine Sache. Also,
Liebes: warum ich hauptsächlich komme: wir planen ein Abschiedsfest für
dich.“
„Nein,“ bat Jutta mit heißem Gesicht, offenkundig entsetzt. „Das tut
mir nicht an.“
„Sonnabend muß es sein, dann sind die Schiffe im Hafen.“
„Ich flehe dich an ... nein. Ich käme nicht.“
Und zuletzt mußte Lisbeth Rosenfeld das Unfaßliche wohl einsehen: Jutta
wollte kein Fest.
Aber da ihr während der Debatte einfiel, daß man ja ebensogut zu
Ehren von Renate und Emmich, vor Abreise der Braut, ein paar Freunde
zum Abendessen bitten könne, tröstete sie sich. Wenn ihr nur von
irgendwoher aus der Ferne eine Fiedel im Ohr klang, war sie mit der
Welt und sich zufrieden.
Das war also Lisbeth.
Und Renate kam und wollte durchaus helfen. Sonst, sagte sie, müsse sie
der Mama tüchtig an die Hand gehen, wenn die in den Vorbereitungen zur
großen Ferienreise stecke. Aber diesmal heiße es: Du bist Braut, hast
Festtage. Und so habe Mama Heinz und Fips ganz allein wegbesorgt, und
sie seien schon mit ihren Pensionseltern nach Sylt abgereist. Mama sei
doch unbegreiflich tüchtig, klug und aufopfernd.
Voll Begeisterung für die Eigenschaften ihrer Mutter sagte sie es.
Nun sei es merkwürdig still im Haus. Störenden Lärm dürften Heinz und
Fips ja nie machen, aber es wäre immer solch drolliges, unterdrücktes
Rumoren. Und man könne gar nicht beschreiben, was für ehrliche und
couragierte Jungens es seien.
Vor zärtlicher Schwesterliebe glänzten ihr die Augen.
Jutta wollte aber nicht erlauben, daß man ihr beistehe: fremde Hände
könnten nie helfen; ehe man sie leite, habe man alles selbst getan.
Die junge Braut bedurfte aber irgendwie der Nähe der neuen Freundin.
Hier fand sie für alle ihre Fragen und all ihr unersättliches Interesse
am Beruf des Verlobten gewissermaßen sachverständige Antworten. Sie
sagte: Papa necke sie schon sehr. Ehedem habe er sich für einen
leidlich unterrichteten und autoritativen Mann auf einigen nicht
unwesentlichen Gebieten des Wissens gehalten, aber jetzt sehe er ein,
daß er sich vor seiner Tochter nicht mehr behaupten könne, weil ihm
die Abzeichenunterschiede zwischen einem Steuermannsmaat und einem
Obermaschinenmaat nicht geläufig seien.
Sie erzählte es mit strahlendem Lächeln, verliebt in den munteren Humor
ihres berühmten Papas.
Jutta dachte: „So viel fröhliche und zärtliche Harmonie in einer
Familie habe ich noch nie gesehen.“
Und weiter dachte sie: „Warum verläßt das holde Geschöpf diesen
ihren sicheren, hellen, warmen Platz -- zu welchen Schicksalen? Ach,
das Leben fängt für uns erst richtig an, wenn wir es als Frauen
verantwortlich zu tragen haben.“
Aus ihrem eigenen schweren Herzen heraus hätte sie warnen mögen: bleibe
die lachende und behütete, geliebte Tochter deiner Eltern -- noch
lange, lange ...
Renate dachte nicht daran, daß sie vielleicht störe, indem sie zwischen
den Körben und Koffern herumsaß. Zuweilen löste sich aus der Fülle der
Dinge, die hier geschichtet und verpackt wurden, eine Kleinigkeit los,
die ihr als Schatz in den Schoß fiel: da waren ein paar Jugendbilder:
Emmich Hochhagen als Leutnant z. S., ein Gruppenbild: Emmich,
Rosenfeld und Malte, mit noch fünf Kameraden, als Seekadetten in den
Steinbrüchen bei Syrakus; ein silberner, schmaler Becher, unter dessen
Boden eingraviert stand: E. H. s. l. M. v. F. Und noch viele andere
kameradschaftliche Erinnerungen an das gemeinsame Leben der Freunde.
Renate lachte alles an -- machte aus jeder Sache eine Quelle der
Freude. Alles sprach doch von ihm.
Aber schließlich wurde sie still. Der ernsthafte und schweigende Eifer,
mit dem die junge Frau ihr Heim zerstörte, bedrückte sie.
Sie fing an, sich allerlei träumenden, vergleichenden Gedanken zu
ergeben.
Als Kind hatte sie einmal eine große, sehr schöne Spieldose gehabt,
auf der sich beim Klang der Töne Tänzerpaare anmutsvoll bewegten.
Ihr fiel eines Tages ein, die Paare umzustellen, neu zu ordnen. Sie
nahm die Mechanik auseinander. Als sie dann mit großer Sorgfalt neu
zusammengefügt wurde, klangen die zarten Töne nicht mehr, und die
Tänzerpaare kreisten nicht wieder. Das fiel ihr jetzt so wunderlich
deutlich ein. Und in ihrem Ohr war ganz genau die zierliche, leise,
melancholische Melodie des alten Wiener Walzers -- ja, in Moll war sie
gesetzt gewesen ...
„Jutta,“ begann sie etwas scheu, „tut es dir nicht weh? Ich meine: daß
dies hier nun alles aufhört? Es war so hübsch. Und es hatte doch eine
Geschichte für dich -- hatte es nicht?“
Jutta richtete sich von der Kommodenschublade auf, über die sie gebückt
gestanden. Sie strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Ja, es tut
weh.“
Der Ton war hart und kurz.
Warum? wollte Renate fragen, warum denn sich selbst weh tun?
Ach, immer weniger konnte sie es begreifen. Die Geschichte ihrer
eigenen Liebe war noch so jung und für Fremde ganz alltäglich; aber
dennoch hütete sie schon in ihrem Schubfach Erinnerungskleinode, von
denen sie sich um keinen Preis getrennt hätte: das waren doch nicht
Tisch- und Tanzkarten, nicht welke Blumen und Schiffsbänder -- das
waren eben Dokumente ihrer Herzenserlebnisse.
Und hier warfen die Hände, die ihn selbst errichtet, den ganzen
Tempelbau zusammen?
Aber sie wagte nicht näher nachzufragen. Jutta dachte angstvoll: ich
muß es ihr irgendwie erklären. Ihr war, als gehe hier ein Unrecht vor,
und eine junge unschuldige Seele werde des Zeuge.
„Ja, weil dieses Heim Geschichte, zu viel Geschichte für mich hat,
mag ich nicht mehr darin bleiben,“ sprach sie. „Ich habe mich in der
letzten Zeit sehr unglücklich darin gefühlt.“
„Das kann es geben,“ dachte Renate bestürzt. Zwischen ihr und dem Leben
hingen goldene Schleier. Sie hatte immer gewähnt: Glück, wenn man es
einmal besaß, hat ewige Kraft, wirkt in alle Zukunft hinein -- läßt nie
Leere aufkommen.
Immer kam Renate in strahlender Fröhlichkeit. Und still, das ganze
Wesen von Mitleid und Nachdenklichkeit erfüllt, ging sie davon.
Aber für ihr wie für jedes junge Herz hatte alles geheimnisvoll und
leidenschaftlich Traurige eine unwiderstehliche Anziehungskraft.
Jeden Tag kam sie deshalb wieder. Emmich hatte sein Bordkommando
angetreten und war wochentags mit der „Thuringia“ zu Schießübungen auf
See.
Die Geheimrätin ließ die Tochter gern gehen. Sie begriff:
Kameradenfrauen -- das war nun neu und wichtig für Renate. Und dann
hatte sie auch Mitleid für Frau von Falckenrott. „Die ist ja krank vor
Sehnsucht nach ihrem Mann,“ dachte sie herzlich.
Und Renate hatte so viel köstliche Gesundheit in sich. Die mußte jeder
kranken Seele wohltun. Gerade die Geheimrätin hätte wissen können, daß
die Kranken zuweilen die Gesunden vergiften ...
Nun war es keine Häuslichkeit mehr. Nun waren es nur noch Wände, vor
denen die Stücke aus Holz und Polsterwerk standen, die vom Möbelhändler
aus zu einer Einrichtung gehören.
Lauter klang der Schrei des Kindes in diesen kahlen Räumen. Und es war
der jungen Mutter, als sei dringende Klage darin.
Härter hallte der Schritt vom teppichlosen Estrich wider. Ein
Wanderschritt ...
Von den Wänden sahen merkwürdige helle Flächen. In den mildgetönten
Tapeten gab es Quadrate, hoch und quer, klein und groß -- da war das
Papier noch stärker gefärbt -- all diese Stellen halfen dem Gedächtnis,
dort noch die Bilder zu sehen, die doch nicht mehr dahingen.
Alles, was auf Borden, in Schranknischen, auf Ziertischen gestanden an
indischem Silber, chinesischem Porzellan, japanischem Cloisonné, war
zwischen Heu in tiefen Kisten verschwunden.
Nur auf dem sonst schon kahlen Schreibtisch stand einsam das Bild des
Mannes, der einmal hier der Hausherr gewesen war.
Es sah in all die Unwirtlichkeiten hinein.
Und Jutta wagte nicht, es anzutasten.
Vor diesem Bild hatte sie einst gesessen und sehnsuchtsvoll
Lebendigkeit hineingesehen -- bis ihr war, als leuchte aus diesen Augen
Liebe, als kämen, vernehmbar, herzliche Trostesworte aus diesem Mund.
Dann waren Zeiten gekommen, in denen sie scheu an dem Bild vorbeisah.
Und zuletzt Tage, in denen es sie beleidigte, weil es nur noch die
ungünstigen Ähnlichkeiten mit der Mutter aufzuzeigen schien.
„Was sind Karikaturen?“ dachte Jutta; „gar nichts Gefährliches sind
sie. Sie entadeln uns wohl wie unter huschendem Blitz diesen oder
jenen charakteristischen Zug; aber die Übertreibung löst alles so
auf, daß das Komische einem doch die wahre Erscheinung nicht verdirbt.
Verderblich sind nur die Ähnlichkeiten mit dem Banalen. Ein geliebter
Mensch kann ohne Gefahr einem Raubvogel, aber darf nicht einem Haushuhn
ähnlich sehen.“
Nun stand das Bild da und forderte einen Entschluß.
Es konnte hier nicht bleiben. Wenige Stunden noch, und derbe
Männerfäuste würden den Schreibtisch forttragen.
Ich will es nicht mitnehmen, fühlte Jutta. Ihr war: dann reist die
ganze Vergangenheit mit und alle diese marternden Fragen, die mich
nicht zur Klarheit kommen lassen.
Sie wollte ja ganz frei sein. Ihr Frauenleben sollte noch einmal von
vorn anfangen. Durch den Brief an Malte, deuchte ihr, hatte sie ihre
seelische Freiheit auf eine ehrliche Art zurückgenommen.
Sie mußte noch einmal über sich entscheiden, ob sie ihres Mannes Frau
wieder werden wollte -- konnte -- wenn er heimkam. --
Und wußte doch schon unter all diesen Gedanken, daß sie es nicht wollte
-- nicht konnte.
Nein, das Bild mußte zurückbleiben.
Es sollte gleichsam mit begraben werden in dieser tiefen Kiste, darin
all die bunten und anmutigen Dinge ruhten, die ihm gehört hatten.
Und plötzlich, in all diese Empfindungen, die überschwer waren von Not
um die *höchsten* Dinge ihres Lebens -- ganz plötzlich tat es ihr leid,
daß all die hübschen fremdländischen Sachen ihr nicht mehr mit gehören
würden. Sie stand wie benommen vor Staunen, fast vor Entsetzen. Das
gab es? Durch das von Trauer ganz erfüllte Gemüt konnte solcher Gedanke
gehen? ...
Blitzte die Wahrheit vom ewig Gestrigen warnend auf? Würde sie immer
und immer, und ginge sie ganz aus Maltes Leben fort, die phantastisch
bunten und doch so traulichen Räume vor sich sehen, in denen sie mit
ihm gewohnt hatte?
Wozu hatte sie sie dann zerstört? Sie begriff mit einem Male das
Uneingestandene: sie hatte gewähnt, etwas ganz auslöschen zu können,
als sei es niemals dagewesen. Und wußte jetzt: das kann man nicht ...
Sie nahm sich zusammen. Raffte sich aus der jammervollen Wehmut auf,
die sie fassungslos machen wollte. Und schlug das einsame Bild sorgsam
in Seidenpapier, damit es geschont und geschützt läge zwischen dem Heu,
obenauf in der Kiste, die schon fast voll war von den hübschen bunten
Dingen ...
Mit zitternden Händen mußte Jutta ein wenig umhertasten -- ob nicht da
unter dem Heu verborgen kantige Gegenstände waren, die das Glas des
Bildes durchstoßen konnten ...
Nun war ein Platz geschaffen -- eine sichere kleine Mulde -- wie ein
Bett ...
Sie paßte das Bild hinein ... da konnte es wohl sicher liegen ...
Jahre und Jahre ... denn wer wußte, ob der Mann, dem dies alles
gehörte, jemals den -- Mut haben würde, diesen Kistendeckel, diesen --
Sargdeckel zu öffnen ...
Sie schluchzte auf -- sie stand noch zaudernd. -- Und nahm das Bild und
ging raschen Ganges, es in ihren Reisekoffer zu verstecken ...
VII
Über das gewaltige Bild des Sees, der ihn umschrankenden Alpen und
des Himmels, der kein blaues Gewölbe war, sondern ins Unbestimmte
verschwebender Äther, schien Silberstaub ausgeschüttet, der, von der
Luft getragen, ruhig in ihr stand.
Das gab der Landschaft die Zartheit und das Unwahrscheinliche einer
Vision. Vielleicht konnte sie sich jeden Augenblick in Dunst auflösen.
Die dünnen Farben, die hinter dem Silberstaub angedeutet schienen,
konnten ganz verlöschen, das blasse Blau dort oben, das tiefere hier
unten versiegen. Und das, was zwischen beiden Welten von leichtem Blau
stand, die phantastischen Silhouetten, die Riesenberge eines fernen
Traumlandes sein mochten, konnten sich in nichts auflösen.
Dies Gemälde, das leise auf schimmernden, weißgrauen, rosig
angehauchten Flor hingetuscht schien, hatte in der Nähe des Ufers
einige kräftigere Töne. Da schuppten auf der überdünsteten Flut
stählern blitzende Lichter auf und verloschen sofort wieder. Sie
hielten dem Blick nicht stand. Sie zuckten da und dort und überall.
Die herbe Morgenluft roch nach Wasser. Aber es war auch der kräuterige
Duft in ihr aus den Tannenwäldern, die den felsigen Berghängen grüne
Farbe gaben.
Auf der Anlegebrücke von Territet standen wartende Menschen. Der
Dampfer kam von Montreux her, und mit ihm sollte die Fahrt, an
Villeneuve und der Rhonemündung vorbei, an all die Küstenorte des
französischen Ufers gehen. Es war ein buntes Gemisch von Gestalten:
Touristen im bekannten Aufzug der praktischen Häßlichkeit; Badegäste in
blütenweißer Eleganz, Landleute mit Sack und Pack.
Frau Gervasius, in einem sandfarbenen Schneiderkleid, mit einem lila
Hut voll Blumen und Fittichen, wirkte fast wie die ältere Schwester der
beiden jungen Damen, was ihr Gatte auch schmunzelnd attestiert hatte.
Renate und Jutta hatten kurze weiße Kleider an und einfache flotte
Strohhüte. Der Morgenkühle halber trug die junge Frau noch einen
rohseidenen Staubmantel. Und es war niemand auf der Brücke, der die
schlanke, blasse Frau nicht mit einem bewundernden Blick gestreift
hätte.
Auch der Geheimrat, im Panamahut und hellgrauen Anzug von allerbestem
Schnitt, wirkte, ohne es zu ahnen, sehr auffallend. Die weltmännische
und diskrete Vornehmheit seiner Erscheinung war auf den ersten Blick
ganz und gar Durchschnitt bester Gesellschaft. Aber sowie man das
bartlose, kluge und sehr durchgearbeitete Gesicht und die scharfen
Augen hinter den Brillengläsern sah, dachte man: das ist jemand!
Er fühlte sich höchst behaglich als Hüter seiner drei Damen und legte
eine Kunst an den Tag, die Ferienstimmung zu genießen, daß man mit ihm
guter Laune werden mußte, man mochte wollen oder nicht.
Und Jutta -- wollte eigentlich nicht!
Sie verstand sich selbst nun vollends gar nicht.
In dieser neuen Umwelt, wo die Schönheiten jubelten wie allzu
rauschende Musik, betäubten wie allzu starker Wein, hier, wo alles fast
brutal auf die Sinne eindrang und sich ihrer bemächtigte -- hier schien
es Jutta, als seien die letzten Monate voll Kampf und Not nur ein Traum
gewesen.
Und sie glaubte es sich schuldig zu sein, unter ihrer Wirklichkeit
fortwährend zu leiden. Sie begriff nicht, daß das menschliche Herz sich
gegen einen gleichmäßig fortdauernden Druck wehrt und ihn zeitweise
abstoßen muß, um überhaupt weiter schlagen zu können.
Der Geheimrat gab sich besondere Mühe mit ihr, das merkte sie bald.
Dafür wollte sie dankbar sein, ihm das Lächeln zeigen, das er zu sehen
wünschte. Die Güte hatte auch etwas Beschämendes -- sie war wie ein
Geschenk an die unrichtige Adresse. Denn Jutta spürte wohl: man ging
von dem Glauben aus, daß sie sich nach ihrem Gatten sehne. Daß sie
unter einem zwar starken, aber ganz klaren Gefühl leide.
Und sie versuchte die Wahrheit tief zu verstecken ...