Auf den Flur ging sie mit hinaus und fing an der Klinke der Etagentür

noch mit ausführlichen Kadettengeschichten an, deren sie sich aus ihres

Maltes damaligen Briefen genau erinnerte. Man sah, Hochhagens und

Rosenfelds junge Streiche standen noch frisch in ihrem Gedächtnis, als

sei alles erst gestern gewesen, was diese drei mitsammen ausgefressen

hatten. Und noch immer liebkoste ihr mütterlicher Stolz dankbar und

bewundernd die Tatsache, daß es lauter harmlose Jünglingstaten gewesen

seien.

Dies alles war unaussprechlich rührend. Und das alte Mutterherz befand

sich bei diesen Gefühlsschwelgereien nur in seinem Recht. Renate

schämte sich, daß sie die Frau nicht gern leiden mochte, und um dies

vor ihrer Selbstkritik gutzumachen, zeigte sie nun ein dringliches

Interesse an diesen alten, lachenden Geschichten.

Hochhagen aber erkannte gequält, daß die Mutter wohl in

leidenschaftlicher Aufdringlichkeit der jungen Frau den Mann

nahebringen wollte, in einem Augenblick, wo sie von ihm zurückzuweichen

begann. Er wußte: das vertragen wenige Menschen -- ermattende Liebe hat

noch nie durch Zureden neue starke Kraft gewonnen.

Er war erleichtert, daß Renate ihm gutmütig und lebhaft das

Gespräch mit der alten Frau fast ganz abnahm, bis man nach endlosen

Verabschiedungen sich endlich trennte.

Unterdessen waren sie allein geblieben -- Jutta und der Mann, der nun

solchen bedeutungsvollen Abschied nahm.

Kaum daß die Tür sich hinter den dreien schloß, so trat er rasch an die

junge Frau heran und nahm ihre Hand, sie mit pressendem Druck haltend.

„Daß dies meine letzten Minuten mit Ihnen sein müssen -- vor solcher

Trennung!“ sprach er in leidenschaftlichem Zorn.

„Ach, nichts ist mehr zu sagen -- nichts,“ flüsterte Jutta ganz

erschöpft von der Anstrengung. Sie fühlte nur: immerfort muß ich mich

verteidigen -- gegen alles und alle und gegen mich selbst -- ich kann

nicht mehr ...

„Sie werden mir schreiben -- Ihre Entschlüsse, Ihre Stimmungen,“

drängte er.

Sie schien nicht zu hören. Sie sprach vor sich hin.

„Schuldig komme ich mir vor -- und bin mir keiner Schuld bewußt. Die

alte Frau setzt mich ins Unrecht ... irgendwie -- von selbst ... Nur,

weil sie da ist ...“

„Trennen Sie sich von ihr, so rasch, als es mit Schicklichkeit geht --

ganz unbeeinflußt von ihr und von mir sollen Sie über sich entscheiden

-- darum flieh’ ich ... Eine Flucht, die mich etwas kostet ...“

Er küßte ihr die Hand, heiß und schweigend.

Er brauchte ihr nicht noch einmal zu sagen: willst du mein sein,

erstreite ich dich von dem Mann und seiner Mutter -- in offenem Kampf

... Glück, hinterrücks gestohlen, verbietet sich uns ...

Sie stand zitternd. Sie fühlte wohl -- ihr Leben und das der Männer lag

in ihrer Macht -- Macht? Ach nein -- Unschlüssige haben keine Macht

... Und als dumpfe Angst drückte sie das Gefühl, daß der Stärke ihres

Temperaments keine klare Stärke des Willens beigesellt war ...

„Lebe wohl,“ sprach er ganz leise.

Sie sahen sich an. Mit ehernem Ernst. Zwei, die mehr die Drohungen als

den Rausch der Liebe empfinden.

In diesem Augenblick erschien die alte Frau wieder in der Tür.

Sie sah die Blicke, die voll schweren Ausdrucks tief ineinander

wurzelten zu letzter, stummer Aussprache ...

Ihr Gesicht wurde ganz grau. Sie wollte etwas sagen, bewegte nur die

Lippen. --

Herbert Gamberg verneigte sich noch einmal tief vor Jutta.

Dann ging er, sehr ernst, auf die alte Frau zu, um in respektvollem

Handkuß sich von ihr zu verabschieden.

Sie aber, linkisch halb, halb betäubt vor Zorn, verbarg vor ihm ihre

Hand. Er verbeugte sich, in fremder Ehrfurcht, gemessen und doch ohne

Befangenheit ... Und ging ...

„Was war ... was war das? ... Was will dieser Mann ... Und du? Du?“

stotterte sie und kam, fast besinnungslos, auf Jutta zu.

Sie wich ein wenig zurück, wie vor drohendem Angriff -- das war

unwillkürlich -- dann faßte sie sich, sah der alten Frau gerade in das

weiße Gesicht und sagte laut und stolz: „Du hättest ihm deine Hand

geben dürfen.“

VI

„Mein lieber Malte! Nun hast Du meine Depesche erhalten, die Dir sagt,

daß ich nicht kommen kann. Von was für lächerlichen Bedenken läßt man

sich bestimmen. Warum habe ich nicht ein paar hundert Mark in die Hand

genommen, um Dir eine sehr lange Depesche zu senden -- eine, die von

Gründen spricht?

Aber ich denke wiederum: wäre sie unverstümmelt angekommen? Hätte

nicht *ein* entstelltes Wort eine Reihe von falschen Vorstellungen

in Dir erwecken können? Dich in namenlose Bestürzungen und Sorgen

bringen können? Vielleicht hat mich diese Erwägung bestimmt, Dir nur

zu telegraphieren, daß ich mein kleines Kind nicht verlassen kann. Und

Du ergänzt diese Mitteilung aus Deiner Phantasie heraus. Nimmst an:

vielleicht ist das Kind kränklich; vielleicht ist Mutter doch schon zu

alt, als daß man ihr mit solcher Unruhe kommen dürfte.

Nein, das Kind ist wohl. Mutter hätte es gern genommen. --

Als Du ausreistest, lieber Malte, gabst Du mir vorher einige

Lehren über das Korrespondieren nach anderen Weltteilen. Es waren

gewissermaßen Fundamentalsätze für den Briefverkehr mit fernen

Familienmitgliedern. Du sagtest mir: dies dünne Überseepapier hat

einen eigenen Charakter, es verträgt gewissermaßen nur Chronik, keine

Psychologie. Du erklärtest mir: man muß keine Stimmungen über den Ozean

hinweg mitteilen wollen. Bis die Mitteilung zu dem Herzen kommt, an

das sie gerichtet ist, hat das Herz, das sie machte, sich schon längst

wieder beruhigt. Kleinere seelische und körperliche Unpäßlichkeiten,

sagtest Du, meldet man nicht an die andere Globushälfte. Man erweckt

dort schmerzliche Sorgen zu einer Stunde, wo hier schon alles

überwunden und vergessen ist.

Ich habe es vollkommen verstanden und mich nach besten Kräften danach

gerichtet. Ich sah ein: es war eine kluge Grausamkeit -- grausame

Klugheit. Die Gemütsruhe des Fernen muß erkauft werden mit der

beständigen Selbstbeherrschung des Zurückgebliebenen.

Und so habe ich mein Gefühl zurückgedämmt, wenn es hinströmen wollte;

ich habe meine Seele zur Stummheit gezwungen. Ich habe versucht, Dir

nur Berichterstattungen über meine Tagesläufe zu geben. Und ich habe

verschwiegen, was in mir sich an seltsamen Kämpfen und Rätseln zutrug.

Denn ich, lieber Malte, bin vielleicht eine von den unglücklichen

Naturen, die mehr in sich erleben, als sie jemals mit Menschen und Welt

erleben können.

Ich versank in ein Einsamkeitsgefühl beinahe ungeheurer Art, als Du

fortgegangen warst. Und es kommt mir vor, als sei ich schon ein ganzes

Menschenalter in dieser Einsamkeit ... eine lange, lange Zeit schon ...

Und in dieser Zeit hat sich so viel in mir verändert, und mir scheint,

ein ganz neuer Mensch ist aus mir geworden. Einer, den Du vielleicht

gar nicht mehr liebhaben würdest, der fremd, der abstoßend auf Dich

wirken kann.

Und nun muß ich doch viele Bogen Überseepapier vollschreiben. Denn mit

der bloßen nüchternen Mitteilung von allerlei wichtigen und unwichtigen

Tatsachen bleibe ich nicht mehr wahr.

Vielleicht hätte ich noch unbestimmbare Zeit mich von meiner inneren

Unsicherheit niederdrücken lassen und mutlos weiter geschwiegen. Aber

nun riefst Du mich ‚komme‘, und ich antwortete ‚nein‘. Und dafür willst

Du Erklärungen. Es ist Dein Recht, sie zu erwarten. Ich will versuchen,

sie zu geben, soweit man das Unerklärliche deutlich machen kann.

Laß mich bei dem beginnen, was ganz gewiß erst in zweiter Linie steht.

Ich meine, mein Verhältnis zu Deiner verehrungswürdigen Mutter. Aber

ich kann Dir und mir vielleicht daran beweisen, wie Empfindungen und

innerste Stimmung zu einem Menschen sich ändern können, ohne daß

man den Grund aufzeigen kann. Ja, das Grundlose ist das eigentlich

Furchtbare daran, das jäh Überraschende, das aus Tiefen unseres Wesens

aufsteigt, von denen wir nichts wußten, und die wir deshalb auch nicht

bewachen konnten.

Unser alter Hausarzt sagte oft: niemals kann man sich besser gegen

Krankheiten schützen als bei Epidemien, denn man ist gewarnt; man ist

nur waffenlos gegen noch nicht erkannte Gefahren.

Wie sollte ich mein Gemüt mit Pietät, mit Dankbarkeit bewaffnen? Ich

wußte gar nicht, daß die ergebene Liebe, die es gehegt hatte, in Gefahr

sei.

Weit zurück, einer Vergangenheit gleich, die nie wiederkehrt, mit der

mich nichts mehr verbindet als eine Erinnerung, ist es mir, daß ich

als Deine Braut Deiner Mutter glücklich dankbare Tochter war. Wie nun

Deine Mutter wieder vor mir stand, die ich inzwischen vielleicht ein

ganz anderer Mensch geworden bin, da schien mir alles fremd an ihr,

und ich konnte es nicht begreifen, daß zwischen uns eine allernächste

Gemeinsamkeit der Lebensinteressen sein sollte. Sie aber empfand diese

Gemeinsamkeit als ihren gerechten Anspruch, obgleich auch in ihr eine

Feindseligkeit gegen mich war oder erwachte.

Sie ist Deine gute, rührende, treue, opferfreudige Mutter. Kein Wort

kann warm und groß genug in meinem Munde sein, sie zu loben.

Aber sie fand in mir nicht die elementare Sehnsucht nach Dir, nicht

das Trennungsleid, wie es nach *ihrem* Maßstab sein sollte. Und sie

fühlte sich gekränkt, weil ich, gerade wie sie, zuerst Mutter bin

-- nur Mutter. Weil ich mein Kind nicht verlassen will und kann um

Deinetwillen, und weil ich es ihr nicht und niemand anvertrauen mag.

Weil mir meine Mutterpflichten schmerzlich und bedrängend sind -- denn

mir ist mein Kind wie ein vaterloses Kind!

Nun ist es aber unter Frauen wohl so: eine will der anderen immer die

Art ihres Gefühls aufzwingen. Und wo das unmöglich ist, entfernen sie

sich rasch voneinander.

So haben Mutter und ich uns ganz rasch voneinander entfernt. Und

gestern morgen, lieber Malte, ist sie wieder abgereist. Wir weinten,

als die letzten Minuten herankamen. Bis dahin waren wir gezwungen,

gereizt, unfrei miteinander. Aber in jenen allerletzten Augenblicken

brach über uns eine leidenschaftliche Trauer herein, und wir weinten,

als ständen wir an einem Grab.

Seit diesen kummervollen Augenblicken prüfe ich mich immerfort und

suche nach meiner Schuld. Denn so ist mir: als sei ich schuldig vor

diesem einfachen, eifrigen, treuen Mutterherzen.

Aber ich weiß meine Schuld nicht zu nennen. Heißt sie Treulosigkeit?

Nein, gewiß nicht. Denn mein Herz ist voll Dankbarkeit für die

Liebe, die Mutter mir einst gab. Heißt sie Unduldsamkeit? Ach, wie

gleichgültig ist es in großen Krisen des Lebens, ob ein Mensch kleine

Engigkeiten in seinem Auftreten und was für Angewohnheiten, was für

Ansichten er hat.

Ich weiß nicht, was Mutter Dir schreiben wird, und wo Mutter die Gründe

sieht, daß wir schmerzlich befremdet voreinander standen.

Vielleicht bin ich krank. Meine Seele ist vor Sehnsucht so müde

geworden, daß sie nicht mehr kraftvoll empfinden kann.

Nun wirst Du sprechen: deshalb gerade riefest Du mich! Damit ich, von

Sehnsucht befreit, wieder in heiterer Sicherheit ins Leben sehen lerne.

Aber jetzt, lieber Malte, jetzt muß ich Dir das Allerschwerste sagen.

Gewiß verstimmt es Dich, daß Mutter und ich nicht mehr in Liebe uns

fröhlich zueinander halten können wie einst. Aber Du denkst: das kommt

vor -- Schwiegertochter -- Schwiegermutter -- jung und alt -- da findet

sich schon einmal ein Übergang zu neuem Akkord, wenn’s denn auch andere

Tonart wie ehedem ist. Du könntest recht haben. Wer weiß es.

Das, was ich jetzt sagen muß, ist viel ernster.

*Ich weiß nicht mehr, ob ich mich nach Dir sehne!*

Nun ist es geschrieben. Ich fühle: es ist furchtbar. Es ist gerade das,

was man niemals einem Fernen über den Ozean hin schreiben soll: von

innerem Kampf soll man schweigen.

Aber ich soll, ich muß, ich will wahr bleiben.

Verlörst Du nicht jeden, auch den letzten Anteil an mir, wenn ich Dir

diese Kämpfe noch länger versteckte?

Sie begannen, wenn ich es selber recht weiß und erkenne, mir das Gemüt

zu beschweren, von dem Tag an, wo mein Kind geboren war.

In dem Übermaß der Erregungen, die dieses Neue mir gab, war ich allein.

Es kam mir vor, als gäbe es nichts auf der Welt, was so wichtig, so

heilig sei, als Mutter werden. Und das ist auch gewißlich wahr. Nur

weil ich allein war, wurde aus dem Jubel Schwere, aus dem Glück eine

übermäßige Verantwortung. Mir kam vor, als sei das Kind mir ganz allein

gegeben, und es war, als ströme all meine Liebe von Dir fort dem Kinde

zu.

Ich weiß nicht, ob in jeder Frau in solcher Zeit die Gefahr solchen

Gefühlswandels ist, und ob dann die liebevolle Gegenwart des Mannes für

sein Recht spricht.

Immerfort denke ich seitdem darüber nach. Und je mehr ich dachte, je

mehr bestritten meine Gedanken Dir Anteil an dem Kind, an mir.

Es kann wohl sein, daß die nächsten Freunde erraten haben, wie schwer

ich an den Aufgaben des Lebens herumlöste. Denn Hochhagen hat es nicht

vor mir verleugnet -- von vollkommener Ehrlichkeit, wie er ist -- daß

er Dir die Idee anregte, mich nach Hongkong zu berufen. Auch Lisbeth

und Rosenfeld redeten zuweilen weise und liebevoll auf mich ein. Aber

zum Glück ist Lisbeth viel zu dringlich mit dem Amüsement des Daseins

beschäftigt, als daß sie mich oft und zu sehr mit Trost gequält hätte.

Nichts ist unerträglicher, als wenn einem Wohlmeinende verständig in

Stimmungen hineinreden, die einem selbst noch völlig unverständlich

sind. Aber andere Menschen erheben ja in aller Unbefangenheit oft den

Anspruch, sie verständen uns ganz genau!

Meine Lage ist in den bisher bestandenen Formen meines Lebens nicht

mehr ertragbar.

Ich habe beschlossen, meinen Hausstand aufzulösen und auf Reisen zu

gehen. Ich werde alle Möbel, die ganze Einrichtung verpacken und in

einem Speicher verwahren lassen. Erinnerst Du Dich noch an Martha? Sie

war zu Haus schon meine Jungfer gewesen, seit Babys Geburt hat sie

umgesattelt und wirkt auch als Kindermädchen, soweit ich die Kleine

nicht selbst besorge. Martha ginge mit uns bis nach Feuerland, sagt

sie, was ihr aus irgendeinem Grunde die unwirtlichste Gegend auf dem

Erdball zu sein scheint.

Wir gehen aber nur nach der Schweiz und Italien.

Dieser Umwelt muß ich entrinnen. Sie läßt mich niemals zu einer freien

Betrachtung meines Seelenzustandes kommen. Hier haben wir unser erstes,

kurzes Eheglück gelebt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt Deinen

Kameraden, die nach Dir fragen, die mich an Dich durch jene allgemeine

Ähnlichkeit erinnern, die ein so stark charakterisierender Beruf und

solche Uniform wie die Eurige ausprägt. Hier treffe ich andere Frauen,

die in ganz unerschütterter Gemütsruhe von ihrem fernen Mann reden

können, die es gar nicht als etwas schreckhaft Großes empfinden,

ein Kind in die Welt zu setzen, während der Gatte bei den Antipoden

ist. Und diese Gleichmütigen machen mich vor mir selbst zu einer

Krankhaften, einer Ausnahme. Ich frage mich dann: bin ich so überfein,

so sehr leicht verwundbar? ...

Wenn ich es bin, dann hätte ich Dich niemals heiraten dürfen, denn ich

wußte ja: dies Opfer konnte an mich herantreten! Und als ich damals in

der Theorie davon sprach, schien es mir groß und erhebend.

Vor mir tut sich die furchtbare Frage auf: hab’ ich nicht genug der

Liebe in meinem Herzen gehabt?

Und mir ist, als müßte ich wandern, wandern, damit meine Seele Klarheit

fände über sich -- ob sie denn wirklich von Dir fortgegangen ist -- und

wohin sie will.

Denke nicht, lieber Malte, daß ich mir gar keine Mühe gegeben habe.

Freundlich lebte ich mit Deinen Freunden. Ich habe mich durch Lisbeth

und Rosenfeld und auf Hochhagens Zureden in die Vergnügungen der

Kieler Woche hineinzerren lassen. Ich habe mich nicht einsiedlerisch

und melancholisch gehen lassen: gezwungen habe ich mich, an jedem

Alltagsgeschehen teilzunehmen, immer in dem Wunsch, festzustellen: ja,

die Welt ist in Ordnung, nur in mir ist etwas aus der Ordnung.

Ja, das ist es gewiß. Ich will Dir als Beispiel davon gestehen, daß ich

oft die brüderliche Fürsorglichkeit Hochhagens als eine Art Wachtdienst

empfand, den er in Deinem Namen ausübte. Mein Verstand sagte es mir

immer ganz klar, daß Emmich nur aus seinem warmen, redlichen Herzen

heraus tat, was er als Dein bester Kamerad Dir schuldig zu sein

glaubte. Und meine überreizten Nerven wehrten sich gegen seine Treue,

weil mir war, als beleidige mich sein Schutz -- als werde ich dadurch

zu einer Frau gestempelt, der man einen Schritt vom Wege wohl zutrauen

könne.

Ja, siehst Du es hieran? Ich bin auf irgendeine Weise aus dem

Gleichgewicht.

Und ich muß den Weg suchen, der mich zur Klarheit, zur Ruhe

zurückführt. Ich hoffe ihn zu finden, indem ich mich von hier entferne.

Daß ich mit meinem Kind nicht in mein Vaterhaus mich flüchten kann,

weißt Du wohl. Vater und seine Frau waren ja vor acht Wochen zur

Taufe von Baby hier, Vater zerstreut, feierlich, eilig. Mit der Miene

eines, der viel wichtigere, größere Dinge verlassen hat, als die

sind, bei denen er im Moment aus unumgänglichen Familienrücksichten

repräsentieren muß. Mit mehr verlegenem Erstaunen als mit Verständnis

und Rührung in der neuen Würde. Mit kaum ertragener Ungeduld in der

fremden Umwelt, darin andere Werte gelten als in der seinen. Du weißt

ja: autokratische Männer leiden förmlich in einem Kreis, in dem ihre

Autokratie nichts gilt, nicht verstanden, nicht einmal gekannt ist.

Und Vaters Frau kam aus lauter Vorsicht nicht zu einem natürlichen

Gespräch. In ihrer beständigen Angst, sich Blößen zu geben, war sie

geziert. Und das ist ja das letzte, was einem derbgearteten Wesen von

bescheidener Herkunft gut ansteht. Wenn sie unbefangen ihren gesunden

Menschenverstand sprechen läßt, hat sie wohl Augenblicke, wo man ihr

Respekt nicht versagen kann.

Ich bemühte mich, ihr zu helfen. Ich sehe so gar nicht in ihr die

Nachfolgerin meiner Mutter, daß ich beinahe ohne Vorurteile mit ihr

verkehren könnte. Alle meine Versuche, sie frei und sicher im Verkehr

zu stimmen, blieben aber erfolglos. Es war immer, als habe sie vor mir

ein schlechtes Gewissen, weil sie meines Vaters Frau geworden ist. Dies

war vom ersten Tag an so, es war zu meiner Brautzeit so, so ist es

geblieben auch jetzt, wo ich ihr, losgelöst vom Vaterhaus, als Frau,

als wirtschaftlich selbständiger Mensch gegenüberstand. Und also ist es

unabänderlich.

Mit diesem Vater, der keine Zeit und Stimmung für mich hat, mit dieser

Frau, die in einer ganz anderen Gefühls- und Bildungszone lebt als ich,

kann ich nicht auf dem Land zusammenwohnen.

Das bedarf auch vor Dir keiner weiteren Begründung.

Du hast mich allein lassen müssen. Die höhere Sache, die wichtiger

ist als das Einzelschicksal einer Frau, die nicht leicht mit sich

zurechtkommen kann, die verlangte das von Dir.

Meine Lage bringt es demnach mit sich, daß ich nun durchaus selbständig

über die Formen meines Lebens mich zu entscheiden habe. Du bist zu

fern, um mich beraten zu können. Aus solcher Ferne kann man in das Herz

und in die Tage einer Frau nicht deutlich hineinsehen.

Aber wenn Du auch nicht mit Deinem Rat bei mir sein kannst, so bist Du

doch in einer anderen Weise allgegenwärtig in meinem Leben: mit Deinem

Namen, Deiner Ehre!

Mir ist, als müßte ich Dir das wie ein Gelöbnis in einem Augenblick

sagen, wo ich meine unklaren Gefühlszustände Dir eingestehe.

Für das, was in meinem Herzen, mir selbst ein trauriges Rätsel,

vorgeht, bin ich nicht verantwortlich.

Aber für meine Handlungen bin ich es und will es bleiben, damit ich

immer Dir und Deiner Mutter frei in die Augen zu sehen vermöchte.

Deshalb wünsche ich, Dir genau meine nächsten Schritte zu erklären.

Deshalb habe ich Dir noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen, was wir

ja schon so oft vor Deiner Ausreise besprachen, daß ich bei meinem

Vater eine Zuflucht nicht suchen kann.

Ich sagte: ich wolle fort, weil ich, unter ganz fremden Menschen, unter

neuen Eindrücken einsam lebend, mich recht prüfen zu können hoffe.

Nun fügt es sich aber so, daß ich doch nicht einsam sein soll, und daß

ich die Gesellschaft, die sich mir anbietet, nicht abweisen kann, ohne

undankbar, ja, ohne auffallend zu erscheinen.

Ich werde mit Emmichs Braut und deren Eltern nicht geradezu reisen,

aber doch mich mit ihnen an benachbarten und an gleichen Orten

zusammenfinden.

Mit dieser selben Post schreibt Dir natürlich Emmich Hochhagen von

seinem großen Glück, und an ausführlichen Hymnen über seine Braut

wird er es nicht fehlen lassen. Auch Rosenfeld oder vielmehr Lisbeth

wird Bericht erstatten, denn sie hat von damals her, wo Du noch nicht

verheiratet warst und gleich anderen Kameraden von ihr an ihren Wagen

gespannt wurdest, eine gewisse Eile, Dir bei jeder Gelegenheit zu

schreiben. Man wird nur in Superlativen sprechen. Du weißt, daß ich

mich nicht rasch anschließe, und daß auch andere Frauen gegen mich

meist eine abwartende Haltung einnahmen. Als spürten sie, daß sie

mir fast immer gleichgültig bleiben, oder daß ich da, wo ich mich

zu interessieren anfange, leicht zu viel erwarte und dann in die

erkältendste Enttäuschung falle ... so daß es für sie und mich beinahe

gefährlich ist, wenn ich mich interessiere ...

Aber zu Renate Gervasius fühle ich mich in einer Weise hingezogen, wie

es mir noch nicht vorgekommen ist. Ich habe wenig Gelegenheit gehabt,

nah mit jungen Mädchen und Frauen zu verkehren. Wenn ich mit meiner

Mutter im Sommer auf Schmylau zu Besuch war, verstand ich mich gut mit

Lu und Fi. Durch unsere Heiraten kamen wir wie von selbst auseinander.

Wir heirateten sozusagen in alle Wind- und Kulturrichtungen hinein.

Hier wurde mir dann Lisbeth als ‚Freundin‘ in mein Dasein eingereiht.

Lisbeth ist ein Bruder Lustig und eine gutherzige Frau, mit der man

aber doch nicht ernsthaft sich über wichtigere Fragen auseinandersetzen

kann.

Renate ist mir mit einer großen Liebe entgegengekommen, die noch den

kleinen Zusatz von grundloser Schwärmerei hat, wie ganz unerfahrene

Herzen sie hegen können. Renate ist wirklich sehr hübsch. Ihre

regelmäßigen Züge mögen vielleicht nach ein paar Jahren eben durch

Linienreinheit auffallen. Jetzt bezaubern sie durch die Weichheit.

Obgleich ich ja nun Renate erst seit acht Tagen kenne, habe auch ich

sie schon sehr lieb. Und der Gedanke, *doch* mit Menschen aus der

hiesigen Welt zusammen zu sein, der mir noch vor acht Tagen unerwünscht

schien, ist mir angenehm geworden, weil dies holde Mädchen meine

Freundin sein will. Frau Geheimrat Gervasius ist eine sympathische

Frau. Ein wenig Kristallkugel: sehr klar und abgerundet für sich,

aber nicht mehr aufnahmefähig für Menschen und Dinge, die nicht

schon, zugleich mit ihrem Werdegang, in ihr eigenes Leben fest mit

einbeschlossen wurden. Der Geheimrat ist sehr bedeutend -- nun, das

versteht sich ja von selbst, das sagt sein Wirken, seine Stellung --

ich meine: man spürt seinen beweglichen Geist, und es ist ein heiterer

Geist in ihm -- im merkwürdigen Gegensatz zu seinem Beruf.

Sie haben es mir angeboten, daß ich mich an sie anschließen darf.

Vielleicht ist es wieder die Regie von Emmich. Aber in diesem Fall sehe

ich nichts Erbitterndes darin.

Ich werde also zunächst in die Schweiz gehen. Die Wahl des Ortes

war schwer. Der Geheimrat sah mich gestern abend, als ich zum

erstenmal allein dort war, so oft beobachtend an. Er meinte, *mir*

täte Hochalpenluft sehr not, ich sei wohl noch etwas erschöpft vom

Wochenbett, habe mir nachher nicht genug Schonung gegönnt. Aber ich

glaube, ich bin ganz wohl. Ich kann dem fremden Mann, der weder mein

Arzt noch mein Freund ist, sondern nur erst ein Bekannter, der mir

gütig begegnet, ich kann ihm nicht sagen, daß nur meine Seele krank

ist, von all der Mühe, die Wahrheit und das Ziel des Lebens zu suchen.

Nur wer die Sehnsucht kennt ... · 第 9 / 21 段