wünschte. Und er machte es so nett. Es war vorgestern nachmittag ja
gewissermaßen noch nicht offiziell.“
„So kommen Männer zu Meriten,“ scherzte Hochhagen.
„Nur noch die Knöpfe ... ach, ich nehme keinen Sonnenschirm ... ich
will Emmich einhaken ... sag mal, Emmich: Kriegt nun Reiswitz den
Silbergewinn oder Herr von Gamberg?“
„Den bekommt Herr von Gamberg. Aber der Besitzer der ‚Freia‘
wird wohl, wie üblich, dem, der sie zum Sieg geführt hat, eine
Aufmerksamkeit schicken. Korb Sekt -- Zigarettenetui --“
„Der Legationssekretär ist ein Vetter von Frau von Falckenrott?“ fragte
die Geheimrätin.
„Durch sieben Scheffel Erbsen, wie man hierzulande sagt,“ antwortete
Hochhagen und half bei den Handschuhknöpfen, was die Arbeit aber nicht
förderte, da er mehr in Renatens Augen als in ihre Handfläche sah.
„Er ist eine sehr interessante Erscheinung. Vornehm. Fast auffallend
beherrscht in Wort und Haltung. So, daß es wie vorsätzliche
Verschlossenheit wirkt. Wie bei Menschen, die sich nur äußerlich ihrer
zeitweiligen Umgebung schenken. Und sehr ernst.“
„Wer weiß warum!“ dachte Emmich.
„Ach, Mama, mach du die Knöpfe zu,“ bat Renate.
„Ja, ich bin in so was noch so unerfahren,“ entschuldigte er sich.
„Na, na ...“
„Lieber Emmich, unterwegs hat Renée Ihnen etwas vorzutragen. Sie hat
sich’s ausgebeten, es Ihnen selbst und allein sagen zu dürfen. Ich
möchte nur vorweg bemerken: es war meines Mannes eigenster Gedanke, und
wir, mein Mann und ich, wären glücklich, wenn sich das verwirklichen
ließe,“ sprach die Geheimrätin.
„Das klingt verheißungsvoll,“ meinte Hochhagen. „Ich habe Renée auch
etwas vorzutragen -- nur, ich fürchte ... es wird sie nicht sehr
erfreuen ...“
„O Gott -- was Unangenehmes!“ rief die junge Braut. Und unfähig zu
warten, aus einem Gemisch von Angst und Neugier heraus, fragte sie --
und war doch ein bißchen blaß: „Mußt du morgen nach Samoa?“
Er lachte sie herzlich aus.
„Nein, Liebling, so flink kommt dergleichen dann doch nicht ...
Zahnbürste einstecken ... Abschiedskuß ... auf Wiedersehen in
zweieinhalb Jahren ... Aber ein bißchen unregelmäßig könnten meine
Besuche in den nächsten Wochen immerhin werden ...“
„Lieber Emmich, sagen Sie’s nur schlank und klar heraus. Das mögen wir
Frauen bei unangenehmen Sachen am liebsten. Wir haben ja alle zu viel
Phantasie, und die arbeitet während einer Vorbereitung blitzschnell und
malt gleich tausend Schrecknisse aus. Sie hörten es: Das Kind sah Sie
schon nach der Südsee abfahren.“
„Na ... denn ... Also: der Erste Off’zier auf der ‚Thuringia‘ ist so
kaputt -- nervös -- überarbeitet -- daß er wohl auf ein paar Wochen
oder länger in ein Sanatorium muß, sich mal gründlich kurieren ... Ich
soll ihn ersetzen. Zunächst gehen wir nur die Woche über zu allerlei
Schieß- und anderen Übungen hinaus und kommen Freitag abends wieder
herein. Aber dann geht’s in die Nordsee -- ein kleines Manöverpräludium
bei Helgoland. Hieran schließen sich die großen Manöver in der Ostsee.
Ob ich die auch noch mitmachen muß, kann ich heute nicht vorweg wissen
und sagen. Krietzow -- den ich vertreten soll -- legt alles daran, sich
rasch zu erholen -- sein spezieller Landesherr, zu dessen Dynastie die
Krietzows immer nahe Beziehungen hatten, will vom Bord der ‚Thuringia‘
aus den Manövern zusehen ... Also das schwebt im ungewissen -- hängt
von Krietzows mehr oder minderer Erholung ab -- erst mal aber bin ich
da fest ...“
In raschem Überblick, sowohl als Hausfrau wie als Mutter und Gattin,
dachte die Geheimrätin, daß es gar kein ungünstiger Zustand sei, wenn
so ein Verlobter fünf Wochentage sich nicht allabendlich zum zärtlichen
Beisammensein einfinden könne.
Aber da Renate wirklich ein bißchen verhagelt aussah, klopfte sie
ihr ermutigend die Wange und sagte heiter: „Also im Ernst gar keine
Trennung, sondern nur eine kleine Übung -- auch fürs Kind -- um sich
auf die Marinefrau vorzubereiten.“
„Ja, Mama -- aber siehst du denn nicht -- damit ist das andere doch
auch entschieden ...“, sprach Renate. Schwer vor Enttäuschung war ihr
das Gemüt.
„Jetzt geht nur ... das kannst du mit Emmich unterwegs besprechen ...
geht nur, sonst stört ihr Frau von Falckenrott noch bei Tisch.“
Und sie drängte das Brautpaar förmlich fort. Denn sie hatte alle Hände
voll zu tun und fühlte sich schon sehr gestört. Dennoch war eine Minute
übrig, um hinter der Gardine verborgen dem Paar in stolzer Befriedigung
nachzusehen. Renate, lang und schlank, war nur ganz wenig kleiner als
der Mann, der fest und stattlich neben ihr schritt, in guter Harmonie
des Ganges. Die Geheimrätin machte gern so ihre kleinen Schlüsse aus
dem Gang eines Menschen. Männer, die trippelnd oder ungleichen kurzen
Schrittes gingen, solche, die immer nur das eine Bein voransetzten und
das zweite nachzogen, in dieser allgemeinsten Form des Gehens, flößten
ihr kein rechtes Vertrauen ein. Sie mochte Männer, die stolz und
geradeaus, im sicheren Wohlmaß der Bewegung schritten. Und das tat der
Kapitän Hochhagen, trotz jener leisen, fast unbestimmbaren Nuance, die
den Seemann verriet.
Renate hatte ihre Hand unter den Arm des Verlobten geschoben, aber sie
stützte sich dennoch nicht eigentlich, sondern schritt leichtfüßig und
selbständig neben ihm einher.
„Ach ja,“ dachte sie immerfort, „es fängt schon an!“
„Sag, Süße, verstimmt es dich so schwer, daß ich während der nächsten
Wochen fort sein werde? Dies Kommen und Gehen ist aber doch keine
wirkliche Trennung.“
„Doch, Emmich, doch! Aber ich werde natürlich tapfer sein. Es wäre
kindisch, wollt’ ich’s nicht. Trennung ist es aber doch. Du denkst wohl
nicht daran: Heute haben die Universitätsferien begonnen ... Papa hat
noch ein paar schwere Operierte, die erst außer Gefahr sein müssen, ehe
er sie den Assistenzärzten überläßt -- aber so in vierzehn Tagen reisen
wir ... Das tun wir immer in den großen Ferien Papas -- da muß er eine
total andere Umgebung haben -- zwar, er arbeitet auch dann oft und viel
wissenschaftlich ... aber es ist doch eine andere Art des Lebens ...“
„Und ihr reist immer alle mit?“ fragte Hochhagen in einem ihn selbst
überraschenden Gemisch von Empfindungen. Es war einerseits gut,
wenn diese Reise nun gerade mit seinem vorübergehenden Bordkommando
zusammenfiel. Aber anderseits schien es ihm, als sei ihm Renate näher,
wenn sie hier in Kiel in ihrem Elternhaus von seinen Briefen erreicht
und seinen Gedanken gefunden werden konnte. „In was man sich alles
reinfühlt,“ dachte er erstaunt; war es nicht gerade, als ob man in
eine völlig veränderte Stellung zu Dingen und Menschen gekommen sei?!
„Nein. Fips und Heinz kommen immer zu Doktor Habel in Pension. Habels
gehen erst mit ihnen an die See, solange Schulferien sind. Papa bleibt
gewöhnlich bis zum achten Oktober fort und beginnt erst dann zu lesen.
Ich bin immer mitgekommen -- ich bin Papas Liebling -- so ein bißchen
-- es ist ja auch anders -- ich brauchte ja auch nicht wie Fips und
Heinz aufs Abiturium loszubüffeln. -- Na, und jetzt ...“
Er erriet.
„Diesmal wolltest du lieber hier bleiben!“ sagte er voll zärtlicher
Dankbarkeit und streichelte die Hand, die auf seinem Arm lag.
„Natürlich. Aber Mama sagt: Unmöglich. Und Papa hatte eine himmlische
Idee! Ich sollte dich einladen, die ganze Zeit solltest du mit uns
reisen als Papas Sohn. Jawohl.“
Nun zitterte ihre Stimme und es kostete etwas, das
Enttäuschungstränlein zurückzuhalten. An den Wimpern hing es aber doch.
„Oh ...“ Er war ganz betroffen. Ob das schön gewesen wäre! Und wie
hätte man sich kennen gelernt! Miteinander eingelebt! -- -- Aber
man war kein Luxusmensch. Man hatte einen rauhen, wichtigen Beruf.
Man gehörte nicht sich, sondern einer grandiosen Sache. Und man war
gewohnt, ohne Wimpernzucken zu verzichten.
„Das ist rührend von Papa ... Und du sagst, bis Anfang Oktober bleibt
ihr fort ...“
Sie nickte seufzend.
„Ich könnte Urlaub nehmen -- sowie Krietzow wieder dienstfähig ist --
nur dumm, daß man heute nicht weiß: ist das vor oder nach ’m Manöver.
Jawohl ... wenn ich dir sage, daß ich seit drei Jahren nie wirklichen
Urlaub hatte -- mal so zwei, drei Tage für eine Kameradenhochzeit, das
war eigentlich alles. Was meinst du? Wenn ihr nicht irgendwo am anderen
Ende der Welt sitzt, könnte ich doch noch nachkommen. Ja, sogar noch
nach dem Manöver. Sonst früher. Alles hängt von Krietzow ab. Aber wie?
Wenn’s denn auch nur nach dem Manöver anginge. Es wäre doch immer was?“
Ob es etwas wäre! Leider war man jetzt auf der Straße, ging gerade über
den Klaus-Groth-Platz auf den Niemannsweg zu. Deshalb konnte Renate
dem liebsten Mann nicht jubelnd um den Hals fallen. Nachdem schon alle
Freude verloren gegeben war, erschien nun dieser Bruchteil davon, der
doch noch vielleicht den Umständen abgerungen werden konnte, wie ein
überwältigendes Geschenk.
Renate tanzte beinahe neben ihrem Kapitän einher. Und all ihre Freude
strömte wie Liebesbekenntnis beseligend zu ihm hinüber.
Und allerlei Gedanken gingen, schwer von Glück und schwer auch von
Mitleid und fast von Furcht, andächtig durch ihn hin: Welch ein
Rückschlag für eine solche jubelnde, liebessehnsüchtige Seele, wenn sie
sich plötzlich in Entsagung und Einsamkeit versetzt sieht. Ja, da mußte
man wohl milde richten, wenn so eine Seele dann aus dem Gleichgewicht
kam ... Arme Jutta! Und er fühlte: eine ganz besondere, reine Kraft
-- eine große, heilige Einfältigkeit muß ein Frauenherz haben, um
Einsamkeit ertragen zu können ...
Sie, die Eine, Süße, die hier, beschwingt von Freude, in stillem
Jauchzen neben ihm ging -- sie hatte solche klare Kraft. -- Er glaubte
es ...
Zwei Seeoffiziere kamen ihnen entgegen: Die Gesichter beider Herren
hatten den Glanz neugieriger und erfreuter Teilnahme. Es waren Bekannte
Hochhagens. Man stand still, Glückwünsche wurden dargebracht, Renate
sagte, kaum daß sie vorüber waren: „Wie sind sie nett.“
Nun kam auf dem Bürgersteig Tante Adele in Sicht. Sonst dachte Renate
wohl manchmal: „Du lieber Gott, schon wieder Tante Adele.“ Heute sagte
sie: „Da kommt ja Tante Adele -- ach, sie ist zu nett.“
Die Dame, die heranschritt, hielt schon von weitem ihre beiden, in
bräunlichen, halbdurchsichtigen Trikothandschuhen steckenden Hände mit
gespreizten Fingern dem Paar entgegen. Schmachtende Freude verklärte
ihr kleines Gesicht, in dem zwei blanke, braune Augen unter merkwürdig
dicken Lidern auffielen. Unter dem winzigen Kinn saß das Polster
eines rilligen, weißen Fettlagers. Da nun auch Tante Adelens Mund von
stattlicher Breite und in seinen Winkeln ein wenig nach oben gezogen
war, mußte man eigentlich Fips und Heinz in einem gewissen, ruchlosen
Vergleich recht geben. Und als sie einmal, bei Tante Adelens Eintritt
ins Zimmer, sachte und scheinbar ganz unbeabsichtigt „quak -- quak“
vor sich hingesagt hatten, konnte ihnen die Mutter nicht einmal einen
Klapps geben, damit ihr die Jungens nicht, nach der Logik der bekannten
Anekdote, mit der frechen Frage kamen: „Wen meintest *du* denn?“
„Mein Ängel!“ sagte Tante Adele überwältigt.
Renate stellte ihren Verlobten vor. Er küßte ritterlich den
Trikothandschuh und sagte Verbindliches, worauf Tante Adele ihm innig
die Hand drückte und ihn bedeutungsvoll mit schwimmendem Blick ansah,
als schlösse sie ein schweigendes Bündnis mit ihm, das Zeit und
Ewigkeit überdauern solle.
Hochhagen und Renate hörten Tante Adele zu.
„Vorgestern ist bei euch Verlobungsfete gewesen? -- Ich nehme es nicht
übel, daß ich nicht zugezogen wurde -- Lüdermanns sind dagewesen?
Es ist mir ja nur deshalb unangenehm, weil Frau Professor Lüdermann
denken könnte, ich stehe nicht mehr so nahe ... Ach, Herr Kapitän,
machen Sie das Kind glücklich. Sie ist ein Ängel ... Ich bin auf dem
Weg zu deiner Mutter, um ihr Glück zu wünschen, obschon ich noch keine
offizielle Anzeige erhalten habe. Ich störe Mama doch nicht? In so
neuen Lebensverhältnissen werden die alten Freunde zuweilen lästig
empfunden. Ich habe mir vorgenommen, ganz zurückhaltend zu sein und
nichts übelzunehmen.“
Renate versicherte, daß Mama nicht gestört, sondern erfreut sein werde,
und daß noch heute beim Frühstück von Tante Adele die Rede gewesen
sei. Und dann setzte man seine Wege fort. Renate hatte unbestimmt das
Gefühl, daß Tante Adele keinen sehr bestrickenden Eindruck gemacht
haben konnte, und erklärte und entschuldigte: „Sie ist so lieb und gut.
Aber weißt du: verkümmert. Nie hat ein Mann um sie angehalten, ihr den
Hof gemacht, Wünsche auf sie gerichtet, Gefallen an ihr gefunden. Mama
sagt, das habe ihr was Isoliertes gegeben. So, als stehe sie draußen
am Gitter, und drinnen sei das Leben. Sie ist aber doch sehr nett ...“
Hochhagen sah schon: sein geliebtes Mädchen war jetzt allen Menschen
gut. Denn er bezweifelte nicht im mindesten, daß sie ehedem, mit Fips
und Heinz, übermütige Kritik an dieser gefühlvollen und beleidigten
Dame geübt habe.
Aber er verstand ihre Stimmung: diesen Kuß der ganzen Welt ... Und das
war wieder wie eine verborgene Liebeserklärung an ihn, die sein Gefühl
nur immer noch steigerte.
Noch zweimal wurden sie von Kameraden angehalten, die nicht
vorübergehen wollten, ohne Glück zu wünschen. Und während Hochhagen
spürte, man denke: „Donnerwetter!“ und: „Der hat Dusel,“ sah er, daß
Renate einen lachenden, naiven Stolz zeigte, darauf, daß er sie gewählt
habe, vor allen Frauen sie ...
Wie das alles merkwürdig war: Rührend vor allen Dingen, aber doch auch
verpflichtend, voll geheimen Ernstes -- voll verborgener Tragweite ...
Endlich betraten sie Juttas Wohnung. Sie fanden schon Besuch vor: den
Legationssekretär von Gamberg.
Gezwungen, in kühler Unterhaltung saß man dann im Balkonzimmer. Die
alte Frau thronte auf dem Sofa, vor der bräunlichen Seidenwand, auf
der Reiher von Goldstickerei lächerlich vornehm zwischen weißen,
schimmernden Aprikosenblüten stelzten. Sie trug ein schwarzes Kleid mit
einem schmalen, lila Westeneinsatz, der durch Haken geschlossen war,
aber infolge ihrer Rundlichkeit zwischen den Haken ein wenig klaffte.
Aus einer dieser Spalten kam das Schlänglein einer goldenen Uhrkette
heraus, daran eine Troddel hing. Während des Sprechens nahm Frau von
Falckenrott oft diese Troddel zwischen Daumen und Zeigefinger der
Linken und spielte nervös damit.
Sie hatte einen gespannten Ausdruck voll versteckter Erregung. Wie
jemand, der sich nicht am Platz fühlt, dadurch aber mehr gereizt und
beleidigt als gerade unsicher geworden ist.
Jutta, in ihrem schlichten, weißen Kleid, sah sehr bleich aus. Sie
tat genau das, was man „Konversation machen“ nennt. Sie versuchte
unaufhörlich ein Gespräch zu unterhalten, das alle Anwesenden irgendwie
zur Teilnahme daran bewegen mußte.
Hochhagen und Renate erfuhren, daß Herr von Gamberg gekommen sei, um
Abschied zu nehmen.
„Ja,“ sagte er, „seit einigen Monaten habe ich mir das Vergnügen machen
dürfen, nach Kiel zu fahren -- die Montierung meiner Jacht zu verfolgen
-- ihre ersten Segelversuche -- das hat mich unterhalten ...“
Hochhagen dachte, daß das nur ein Vorwand gewesen sei ... Herbert
Gamberg war in der Vermögenslage, sich solche „Vorwände“ leisten zu
können.
„Und das hat nun alles ein Ende? Die Fahrten nach Kiel? Das Interesse
an der Jacht?“ fragte Hochhagen in gut erzielter Unbefangenheit.
„Ich trete jetzt meinen Urlaub an und nach seinem Ablauf meinen neuen
Posten.“
„Ah -- Sie sind versetzt.“
„Ja.“
Es war merkwürdig, daß Gamberg vermied, jetzt und hier zu sagen wohin.
„Nun,“ dachte Hochhagen, „diplomatische Versetzungen sind kein
Staatsgeheimnis, man wird es ja lesen ...“
Renate sprach mit der alten Frau.
„Als Ihr Bräut’jam eben hereinkam, ergriff es mich ... der Rock meines
Malte, sein Bart, fast seine Figur -- Gott, doch eine große Ähnlichkeit
-- und er ist immer ein treuer Freund meines Malte gewesen.“
Ihre Stimme bebte.
„Die Trennung ist Ihnen schwer?“ fragte Renate so liebevoll, als sie
konnte. Denn in einer raschen, vorurteilsvollen Empfindung fühlte sie
sich enttäuscht von der alten Dame.
„Doch ja ... besonders nun, wo ich hier in seiner Häuslichkeit bin ...
und immer denken muß, er sehnt sich nach Frau und Kind.“
„Nein, Mutter, nach dem Kind kann Malte sich gar nicht sehnen,“ sprach
Jutta unerwartet dazwischen, „er kennt es ja gar nicht. Es ist ihm eine
Geschichte, daß er eins hat. Er vergißt es auch fast immer -- das Kind
ist sozusagen eine P.-S.-Angelegenheit für ihn.“
Sie sagte es ganz ohne Schärfe. Nur feststellend.
Aber das vielleicht war es gerade, was die alte Frau reizte. Sie sah
an der Schwiegertochter vorbei und richtete Blick und Wort geradezu
an Hochhagen, der bei Juttas Bemerkung sein oberflächliches Gespräch
mit Gamberg abbrach und in plötzlich aufwallendem Unbehagen den Frauen
zuhörte.
„Glauben Sie mir, lieber Herr Kapitän, für ganz kleine Kinder haben
Männer nie eine so eifrige Teilnahme wie wir -- ob sie nun im Haus sind
oder weit weg -- das ist gleich. -- Aber man muß deshalb nicht denken,
sie hätten kein Gefühl dafür. Das wäre ja unnatürlich, wenn sie es
nicht hätten.“
„Es wäre vielleicht Pose, vielleicht Lüge, wenn sie von Vatergefühlen
sprächen, in einem Fall wie diesem,“ sagte Jutta und bekam langsam ein
heißes Gesicht; „ich glaube nicht an die sogenannte Stimme der Natur
oder des Blutes. Tausend und aber tausend Beispiele sprechen dagegen.
Ebensoviele dafür, daß sich Elternliebe nur aus der beständigsten und
genauesten Erfüllung der Elternpflicht gebiert. Aber das ist ja eine
ungeheuer umfassende Frage. Da wir sie nicht beantworten können, wollen
wir sie auch nicht anschneiden.“
Und dann setzte sie noch hinzu, im gewaltsamen Versuch zu scherzen:
„Ja, Malte ist eben dienstlich nicht in der Lage, sich Vaterfreuden
hinzugeben.“
Den Scherz hörte die alte Frau gar nicht. Sie hatte ein eifervolles
Gefühl, daß sie diese allerpersönlichste Angelegenheit nicht zu einer
großen, allgemeinen Frage umbiegen lassen wollte.
Sie spürte in ihrem Empfinden: das beraubte den fernen Sohn und damit
auch sie -- bestritt ihr geradezu das ganz enge Anrecht an dies kleine
Kind. Ihr kam es, seit sie hier war, vor, als müsse sie sich in ihrer
Großmutterschaft betonen, während sie vorher, in der Heimat, sich
einfach als die Hauptperson, als die Nächste zu dem Kindchen gefühlt
hatte.
„Es ist beinahe immer,“ sprach sie mit sehr weinerlicher Stimme, „als
mache Jutta meinem Sohn einen Vorwurf daraus, daß er weg ist.“
Sie lächelte, in einer eifrigen, künstlich freundlichen Art, damit man
glauben möge, daß es scherzhaft gemeint sei, was sie sagte, während in
ihrer ängstlich bebenden Stimme doch eine schwere Anklage mitschwang.
Renate sah sie fast furchtsam an. Von dieser alten Frau ging etwas
Feindseliges aus -- unbestimmt und unerquicklich.
Herr von Gamberg stand langsam auf und trat in die Balkontür.
„Aber liebe gnädige Frau, Sie verstehen Jutta gewiß falsch,“ sagte
Hochhagen voller Herzlichkeit, „Ihre Schwiegertochter war, trotz
all unserer Freundschaft, doch sehr einsam. Sie ist in den Fehler
aller Nachdenklichen verfallen und hat sich die einfachsten Dinge
kompliziert.“
Er sah Jutta an, bittend, aufmunternd -- als wolle er ermahnen: schone
die alte Frau.
Obgleich er schon begriff: diese beiden konnten einander weder schonen
noch wohl tun. Obgleich er schon erkannte: die Ankunft der Mutter hatte
die Lage nicht geklärt, hatte sie nur bedrohlicher gemacht.
Rechte und Art beider Frauen waren zu verschieden.
Hochhagen hatte des Freundes Mutter kennen gelernt, als unter allen
Formen des Gefühlsüberschwangs Hochzeit gefeiert wurde. Als sich in
dieser Mutter für das Hochzeitspaar eben alles Mütterliche verkörperte,
weil auf der anderen Seite nur ein befangener Vater und eine unsicher
sich gebende Stiefmutter stand. Damals hatte Freude und Rührung
diese Frauentype zu einer besonderen Erscheinung von Tiefe und Würde
gestaltet.
Nun schien ihm, als sei dies eine brave, liebevolle Frau aus jener
Enge, in der man den Lauf des Lebens nur versteht, wenn er sacht
zwischen dem Faschinenbau des Herkommens hinrinnt.
Nein, diese hatte gewiß nicht die feste, kluge Hand, die halten kann,
ohne merken zu lassen: ich leite dich ...
Diese alte Frau konnte wahrscheinlich das Außergewöhnliche nicht mit
Verständnis, sondern nur mit Lamentationen begleiten ...
Jetzt sprach die Mutter: „Alles ändert sich ja wohl mit der Zeit. In
meiner Jugend las man ergreifende Geschichten von Frauen, die jahrelang
warteten und spannen und ihre Kinder erzogen und still bereit in der
Kemenate saßen, bis der Gatte aus dem Kreuzzug heimkam. Die Frauen von
heute können nicht mehr so viel Geduld aufbringen, glaube ich.“
„Romantik liest sich immer besser, als daß sie sich erlebt,“ sagte
Jutta.
„Ich hab’ immer gedacht, wenn’s mir so naheging, daß mein Junge so weit
weg war: ja, an die Frauen aus der Franzosenzeit hab’ ich gedacht. Mein
Mann hatte es von seiner Mutter und Großmutter erzählen hören: ihr Haar
und ihren Trauring hat die Cornelie von Falckenrott auf dem Altar des
Vaterlandes geopfert. Solche Opfer, auf einmal, wenn einen alles so
hinreißt, das ist ja wohl immer leichter als die, die stille sind und
lange währen. Aber ich hab’ mir dann gesagt: es hat ja einen großen
Zweck.“
„Ganz gewiß,“ sprach Hochhagen warm, „das war gut und groß gedacht und
gefühlt.“
„Ja, Mutter, du hast recht mit jedem Wort,“ sagte Jutta langsam.
Man wußte nicht recht, was man aus dieser Zustimmung machen sollte.
Aber die alte Frau suchte einen Blick der Zufriedenheit an Hochhagen
zu richten. Ihr war doch, als habe sie sich eben einen kleinen Sieg
der Erfahrung und Weisheit über unbegreifliche Stimmungen der Jugend
ersprochen. Das tat ihr wohl.
Sie wandte sich nun wieder zu Renate.
„Liebes Fräulein, Sie haben so ein ernsthaftes Gesicht bekommen.
Ängstigen Sie sich nur nicht davor, daß Ihr Gatte in spe mal hinaus
muß. Trennung facht Liebe meistens nur an. Das weiß ich aus Erfahrung.
Wenn mein seliger Mann eine Inspektionsreise gemacht hatte -- er war
Oberforstmeister -- Gott, ja, es ist doch eigentlich zu komisch, daß
mein Malte so ganz in den Gegensatz gegangen ist. Meer und Wald ...“
So erzählte sie behaglich weiter und breitete ihre Gefühle von ehedem
gern vor der jungen, respektvoll zuhörenden Renate hin.
Unterdes hatte Herr von Gamberg sich gezwungen, höflich zum Gespräch
zurückzukehren.
Er erzählte Hochhagen einiges aus dem depeschierten Segelbericht, den
Reiswitz wichtiger- und überflüssigerweise über den Sieg der „Freia“
geschickt. Man lächelte ein wenig und fand ein paar Handvoll Worte über
die noch ausstehenden Sportveranstaltungen -- Gamberg sagte, er werde
nach Warnemünde fahren, um dort seine Jacht wiederzutreffen, die er mit
nach Rügen zu nehmen denke -- für kurze Zeit -- man konnte aus seinen
Worten, wenn man wollte, schließen, daß er vielleicht den Urlaub auf
Rügen verleben wolle ...
Und dann errieten sich Hochhagen und Renate aus einem raschen Blick,
mit dem sie gleichzeitig einander sagten: Nun können wir wohl gehen.
Man verabschiedete sich. Hochhagen kämpfte die Frage nieder: Wie wird
es denn? Reisen Sie? Bleiben Sie? War das vorgestern abend Ihr letztes
Wort in der Sache?
Er fühlte, es kam ihm nun nicht mehr zu, für den fernen Kameraden
einzutreten.
Hier war seine Mutter! Wie sie auch für des Sohnes Rechte focht: klug
oder töricht, man mußte ihrer Hand alles überlassen.
Die alte Frau von Falckenrott mochte nicht so schnell den Freund
ihres Sohnes wieder verschwinden sehen. Sie hätte ihn am liebsten am
Rockknopf festgehalten. Er war doch wie ein Teil vom Leben jenes fernen
Lebens ...
Sie stand also mit auf, geleitete das Brautpaar durch das Zimmer und
hielt es vor einem Zierschränkchen auf, wo ein Bild des Sohnes zwischen
allerlei chinesischen Nippes aus einem blanken, japanischen Lackrahmen
heraussah. Renate mußte es sehr aufmerksam betrachten, um die einzelnen
Ähnlichkeiten in den Gesichtern von Mutter und Sohn festzustellen. Voll
Genugtuung machte Frau von Falckenrott sie auf die gleiche Form der
Stirnbogen und der Nase aufmerksam.