Serviette zusammen, um sie dann in den silbernen Ring zu stecken,
„liebes Kind -- das ist ja wohl kein kleiner Entschluß? Malte schrieb
so kurz und bündig davon. Bloß so ungefähr: hol das Kind, Jutta soll
gleich zu mir kommen, wir können uns in Hongkong treffen. Aber wenn man
zu seinem liebsten Mann reisen kann, ist ja alles egal: Seekrankheit
und die weite Tour. Wirst du seekrank? Du bist doch mal als Backfisch
mit deinen Eltern nach Schottland gefahren und nach ’m Nordkap.“
„Das wäre ja egal,“ sagte Jutta zerstreut.
Die alte Frau wischte sich die Lippen nochmals mit der vom Ring
zusammengehaltenen Serviettenrolle ab, legte sie dann entschlossen
hin und fuhr eifrig fort: „Du kannst mir Baby ruhig anvertrauen. Das
weißt du ja auch. Zu meiner Zeit waren andere Methoden. Aber ich werde
mich ganz an die halten, die du bisher mit Baby befolgt hast. Frau
Oberst Ruhland wunderte sich immer so. Ihre Enkel werden immer das
erste Jahr in Kleie gebadet. Nun kann sie mal sehen, daß ein Kleines
auch ohne das stramm wird. Frau von Brechta ist ganz gegen Baden. Ihre
Enkel werden bloß kalt abgewaschen. Sie sind aber auch skrofulös. Wir
sprechen oft bei unserer Whistpartie von diesen Sachen. Man kann ja
verschiedener Meinung sein. Aber das muß ich doch mal sagen: du glaubst
nicht, wie rechthaberisch die Brechta wird. Was ihre Kinder und ihre
Enkel haben und tun, ist immer besser als das, was unsere sind. Ja ...“
Diese Worte stießen für Jutta kein Fenster auf, durch das sie
hineingesehen hätte in ein rührendes kleines Idyll, wo alte Frauen,
Daseinskämpferinnen a. D., ausgeschaltet aus allem weiblichen Erleben,
von fern in bescheidener, vielleicht auch stillschmerzlicher,
entsagender Zuschauerfreude ihrer Kinder und Enkel Tage in endlosen
Gesprächen nachkosteten. An diesem Whisttisch, dessen blanke Platte
die starkgeaderten, blassen, alten Hände, die die Karten hielten,
widerspiegelte. Und wo eigentlich jede Frau nur Monologe sprach und den
Reden der Genossinnen nur scheinbar aufmerksam zuhörte, um damit für
die eigenen Mitteilungen Aufmerksamkeit zu erkaufen.
Nein, Jutta dachte nur in flüchtiger Verwunderung, was diese fremden
alten Frauen mit ihrem Kinde zu tun hätten. Und sie fühlte: sie müsse
sprechen.
„Mutter,“ sagte sie sanft, „es ist noch nichts entschieden.“
Die Mutter öffnete den Mund.
„Wir sprechen morgen darüber,“ fuhr Jutta fort, „ich glaube nicht, daß
ich es über das Herz bringe, mich von meinem Kind zu trennen. Und auch
sonst ...“
Die Mutter kannte nur ganz einfache Gefühlszustände. Für sie
bestand das Leben eigentlich aus lauter Vierecken, die man, gleich
Mauersteinen, glatt aneinander bauen kann.
Diese Äußerung war ihr gar nichts Rätselhaftes. Sie sah sofort einen
Haufen Gründe, die ihr auch Juttas verhaltenes, unfreies Wesen mit
einem Schlage klar machten.
Mit Blick und Rede drang sie nun auf Jutta ein, sehr lebhaft, gar nicht
beleidigt, sondern voll Gerechtigkeit.
„Fühl’ ich dir nach, Kind. Ganz und gar. Du denkst: was wird Mutter
für Last haben, sie ist es nicht mehr gewohnt mit so einem Kind! Und
du denkst, das kostet Mutter ja auch zu viel, denn die Martha muß doch
mit. Und du meinst auch: so ’ne Reiserei nach China ist zu teuer,
man darf sich solchen Luxus für sein Gefühl mit gutem Gewissen nicht
gönnen, man muß tapfer sein. Und du bildest dir ein, nachher schmeckt
das Alleinsein doppelt schlecht und fürchtest: wer weiß, vielleicht
kann ich’s dann nochmal erleben müssen, ein Baby zu bekommen, wenn mein
Mann fern ist. Aber sieh mal ...“
Und nun widerlegte sie selbst all diese einfach derben Gedanken, die
sie für selbstverständlich als die die Tochter beherrschenden annahm,
und verbreitete sich darüber, daß es ihr keine Last, sondern ein
unaussprechliches Vergnügen sein solle; daß man ja die Mehrkosten ihres
Haushaltes, die entständen, ganz ungeniert verrechnen könne; daß junge
Leute, die sich liebten, auf ein paar tausend Mark nicht sehen sollten,
um so weniger, als sie es doch dazu hätten. Und zu dem letzten Punkt
der Erwägungen, die sie bei Jutta vermutete, brachte sie allerlei
Beispiele vor von Frauen, die sich durch den unruhevollen Beruf des
Mannes drei- und viermal hintereinander in ihrer schweren Stunde allein
gesehen ...
Ihr Leben war klein und eng. In solchem Leben drängt schon die
Notwendigkeit, alles mit plumper Genauigkeit zu erwägen ...
Und aus dieser ihrer Gewöhnung heraus sprach sie eifrig, gutherzig,
voll Verstand ... dem freundlichen Hühnerhofverstand ... für den es
innerhalb seines Gitters keine Diskretion und außerhalb keine Bewegung
und Wichtigkeit mehr gibt ...
Dem Strom dieser Redeflut, die aus dem Ackergelände einer platten
Auffassung sich heranwälzte, fühlte Jutta sich nicht gewachsen. Wie
hätte sie ihm begegnen sollen? Mit dem Geständnis ihrer Unklarheiten
und ihrer Not?
Der bloße Gedanke erschien hiernach beinahe grotesk ...
„Morgen, Mutter, morgen,“ sagte sie matt.
Und in der Nacht lag sie und sann den Brutalitäten der Entwicklung nach.
Ist denn von Mensch zum Menschen keine Sicherheit? Stellt die Trennung
jeden in ein anderes Licht?
In uns bleibt das Bild des Fernen fest ... Er aber ändert sich -- und
kehrt er zu uns zurück, so stimmt sein Gesicht und Wesen nicht überein
mit dem Bild von ihm, das unsere Seele in sich trug.
Oder ist es noch anders: wandelt sich in unserem Gedächtnis alles leise
und stetig? Gibt es da ein geheimes Wachsen und Umgestalten? Geht es
über unsere Kraft, eines Menschen Wesen in klaren und genauen Farben
in uns lebendig zu erhalten? Ändern wir es unbewußt, im Maß, wie wir
uns selbst ändern und weiterwachsen? Passen wir die Fernen uns etwa
an? Nur um sie auf unserem Weg mitnehmen zu können -- um sie nicht zu
verlieren?
Käme das nicht darauf hinaus, daß man die Fernen nur als Herzensbesitz
behalten kann, wenn man sie niemals wiedersieht? ...
Die Trennung zerreißt jedes Band ... Zerrissene Bänder kann man wieder
zusammenknüpfen ... ja -- es ist dann aber kein glattes, festes Band
mehr -- es ist eben ein Knoten darin ...
So grübelte Jutta und konnte es nicht begreifen, daß diese brave,
prächtige Frau, daß sie die teure, gütige, aufopfernde Mutter aus den
Tagen sehnsüchtigen bräutlichen Glückes sein sollte ... Und es wirkte
aus ihrer Erscheinung, aus ihren Gesten, Blicken, Worten noch so vieles
peinvoll auf Jutta hinüber ...
Die Ähnlichkeit mit dem Sohn war es -- kleine, ungünstige Ähnlichkeiten
-- am Mann Züge, die sich ganz unauffällig oder gar harmonisch in seine
Art eingefügt hatten -- die, ins Weibliche, Gealterte, Vernachlässigte
übertragen, aber nicht sympathisch berührten -- die man übersehen
hätte, wenn sie nicht eben durch die Anklänge aufgefallen wären ...
Und Jutta fragte sich mit Entsetzen: „Wenn ich ihn wiedersähe, sähe ich
ihn dann auch anders ... als damals ...“
In Tränen ausbrechend, drückte sie ihr Gesicht in das Kissen. Sie
begriff: alles war noch unklarer und drohender geworden. Es war
beinahe, als wenn die Mutter mit ihrem breiten, nüchternen Wesen sich
vor das Bild des Sohnes stellte, das, ach -- nur noch ein unsicherer
Schatten gewesen war ... und nun gar nicht mehr zu erfassen schien ...
V
Im Hause der Gervasius mußte man nun den neuen Zustand mit der
wichtigen und bestehenden Ordnung der Dinge in Einklang zu bringen
suchen. In das um den Geheimrat kreisende System paßte eine bräutliche
Tochter mit ihren gerechten Ansprüchen nicht so ohne weiteres hinein.
Er selbst machte sich hierüber nicht die geringsten Gedanken. Nach
Art genialer und übermäßig beschäftigter Männer hatte er von der
Möglichkeit von Kollisionen und Schwierigkeiten im Familienleben und
Hausstand keine Ahnung. Seine Frau täuschte ihm jederzeit einen leisen,
geölten Gang der Maschine des Alltags vor.
Auch jetzt war die Geheimrätin ihrer selbst und ihrer strategischen
Künste ganz sicher. Alles würde schon irgendwie klappen, ohne daß
ihr Mann spürte: da kamen Störungen heran ... die Telephondrähte des
glatten Berufsbetriebs könnten ihm verwirrt werden ... Die bloße Furcht
davor erzeugte in ihm schon eine Nervosität, und sie ließ es nicht
einmal zu dieser Furcht kommen.
Mit der gewohnten heiteren Seelenruhe saß sie beim Morgenbrot mit den
Ihrigen.
Das belaubte Geäst der großen Ulme, die nahe bei der Veranda
stand, besprenkelte den Kaffeetisch drinnen hinter der Glaswand
mit Schattenflecken. Mutter und Tochter, in weißen Hemdblusen und
knappen grauen Röcken, hatten nicht das allermindeste von einem
Morgenprovisorium in der Kleidung. Frisch und stramm waren sie
angezogen.
Die beiden Jungens, Philipp und Heinrich, beide im Alter, wo man zu
lange und zu viele Arme und Beine zu haben scheint, verhielten sich
ziemlich schweigsam und frühstückten mit einer ungemeinen Energie.
Noch vor drei Tagen hatten sie sich beständig dadurch geärgert und in
ihren Menschenrechten beeinträchtigt gefühlt, daß Renate erwachsen
war. Sie sahen in diesem Umstand kein Verdienst der Schwester, die
ihnen nicht für zehn Pfennig imponierte, wie sie zu sagen pflegten. Sie
waren auch in ihrem tiefsten Gemüt überzeugt, daß Renate der übrigen
Welt ebenfalls nicht imponiere, und daß es ein großer Erziehungsfehler
der Eltern sei, „das Mädchen“ schon in Gesellschaften und auf Bälle
gehen zu lassen, so daß sie nicht mehr, wie sonst, allabendlich mit
den Brüdern spielen und lesen konnte. Auch kam es oft vor, daß die
Mama warnend über den Garten rief: „Renée!“, wenn man sich mal wieder
himmlisch lustig mit ihr prügelte -- als ob ihr das was schade! Nee,
von einer Etepetete-Schwester hatte man kein Vergnügen und wenig Nutzen
-- höchstens daß sie einmal mit Taschengeld aushalf oder bei Mutter
abbettelte, was die für die Jungens nicht gleich erlauben wollte.
Nun aber hatte ihre rauhe und streng kritische Haltung einen Stoß
bekommen, und das Gleichgewicht ihrer respektlosen Jungensseelen
hatte sich noch nicht wieder eingefunden. Sie waren -- niemals hätten
sie es sich oder irgendeinem Menschen eingestanden -- schlechtweg
verlegen vor der Braut! Mit Hochhagen waren sie soweit einverstanden.
Sie besprachen ihn unter sich und stellten fest: er hatte sich famos
benommen! Ganz gemütlich und brüderlich streckte er ihnen die Hände
entgegen und sagte: „Na -- Fips und Heinz, wir wollen uns fein
vertragen -- was?“ Sie fühlten auch schon eine leise Ahnung in sich
aufsteigen, daß so ’n Schwager und eine verheiratete Schwester ihnen
allerlei Vorteile bedeuten könnten. Aber noch sträubten sie sich, in
ihrer Haltung die Schwenkung von Respektlosigkeit zum Respekt offen zu
vollziehen.
Nun saßen sie und genossen es, daß sie ausnahmsweise gar nicht
beachtet wurden und mit Löffel und Silbermesser in die Butterdose und
Kristallschale voll Pfirsichmus wahre Schächte graben konnten.
Außer Mutter, Tochter und den beiden Jungens war da noch eine Zeitung
am Tisch. Eine große entfaltete Zeitung, und am Fuß ihrer Wand stand
auf der Tischdecke eine Teetasse und eine Eierplatte, von der jemand
die Spiegeleier schon abgegessen hatte. Da nun diese bedruckte
Papierwand auch von feinen, weißen Fingern gehalten wurde, bestand
begründete Vermutung, daß sich hinter ihr wohl der Geheimrat befinden
möge.
„Aber Kind,“ sagte die Geheimrätin, „Fips und Heinz kommen doch immer
in Pension während der Universitätsferien.“
„Ich dachte,“ wandte Renée ein und bettelte sehr mit Stimme und Augen,
„daß Fips und Heinz diesmal nicht zu Doktor Habels brauchten, daß sie
hier bleiben könnten ...“
Ihre Blicke begegneten sich mit denen der Brüder. Sie lächelten sich
alle drei sehr pfiffig zu. Fips und Heinz begannen Schlaraffentage zu
ahnen: die Eltern weg -- bloß das Brautpaar als Aufsicht! Donnerwetter,
das konnte nett werden ...
„Liebling,“ sagte die Geheimrätin, „was denkst du nur: Vater und
ich können doch nicht auf Reisen gehen und ein Brautpaar hier
unbeaufsichtigt lassen. Was sollte man davon denken.“
„Wir wollen wohl auf Emmich und Renée passen,“ sagte Fips eifrig.
„Es ist völlig schnuppe, was die Leute denken,“ stellte Heinz voll
Weltverachtung fest.
„Tante Adele könnte uns bemuttern!“ schlug Renate dringlich vor.
„Mein Ängel ...“ äffte Fips der altjungferlichen Tante Adele nach,
die so zärtlich und getragen die Geheimrätin, ihre Jugendfreundin,
anzureden pflegte.
„Unmöglich. Stell dir vor: wie lästig für Emmich. Er soll doch
Rücksichten auf sie nehmen. Ihm müssen all ihre sentimentalen und
anspruchsvollen Schrullen ungenießbar sein. Wir haben Geduld, weil
wir das langsam sich wie Moos ansetzen sahen. Und den treuen Menschen
darunter wissen. Nein, nein. Auch will Adele im August zu ihren
Geschwistern.“
„Und wenn ...“ Renate mochte es ja wirklich kaum sagen. Aber der heiße
Wunsch ... die erste junge Brautglückseligkeit ... „Und wenn -- Vater
allein ...“
Die Geheimrätin setzte mit Entschiedenheit, fast klirrend, ihre Tasse
hin, aus der sie gerade hatte trinken wollen.
„Aber Liebling ... Kind! Ich soll Vater allein reisen lassen! Bist
du bei Trost! Die Universitätsferien im Hochsommer sind die einzigen
Wochen, wo Vater uns hat, wo wir ihn haben. Im Frühling arbeitet er
meist durch -- oder gönnt sich mal ein, zwei Wochen. Von Anfang Juli
bis September gehört er doch einigermaßen sich und uns. Sieh mal, ich
denke so: du gehst mit! Übers Jahr bist du Frau. Nun haben wir noch
einmal unsere Tochter. Lockt dich denn die Schweiz nicht? Lockt dich
Italien nicht?“
„Da bin ich ja schon allerwärts gewesen,“ sagte Renate betrübt.
„Und verlobt ist sie noch nicht gewesen!“ gab Fips zu bedenken.
Im Hinblick auf die möglichen Schlaraffentage waren sie wieder eins mit
der Schwester.
„Ach -- Naseweis,“ sagte die Mutter und mußte lachen.
In diesem Augenblick sank knisternd die hoch auseinander gespannte
Zeitungswand zu einem unordentlichen und widerstrebenden Faltengehäuf
von Druckpapier zusammen, auf dem die feinen Operateurhände ruhten.
Der Geheimrat, schmunzelnd und überlegen, mit pfiffigen Blicken seine
Tochter anguckend, sagte erwägend: „Was meinte Fräulein Tochter, wenn
wir den Kapitän Hochhagen einlüden, Urlaub zu nehmen und uns als
Gast zu begleiten? Da der alte Papa offenbar keine Gesellschaft von
Anziehungskraft mehr für seine Tochter ist, werden ihr vielleicht die
Schweiz und Italien durch dieses ausgezeichneten Mannes Begleitung
etwas sehenswerter vorkommen.“
„Papa!“ jubelte Renate und stürzte auf ihren Vater zu, einen
umgepolterten Korbsessel hinter sich lassend.
Heinz und Fips sahen Schlaraffenland in die Versenkung fahren.
Und die Geheimrätin war beinahe starr: ihr Mann hatte zugehört! Sonst,
wenn er hinter seiner Morgenzeitung saß oder mit einem Buch in der
Hand, hätte man einen Mordanschlag auf seine eigene Person verabreden
können, und er würde es nicht gemerkt haben. Er hatte hinter seiner
Papierwand gesessen und dem Gespräch zugehört! Nein, so etwas ...
Der Geheimrat ließ in wohlgefälligem Behagen die Küsse der Tochter über
seine Wangen ergehen und spürte die Kraft ihrer jungen Arme, die seine
Schultern umpreßten.
Aber dieser Jubelsturm stockte plötzlich.
„Wenn er aber keinen Urlaub bekommt!“ sagte sie in schweren Sorgen.
„Das mußt du mit Exzellenz Marweg ausmachen -- oder oder wer sonst
die gnadenspendende Instanz für Emmich sein kann -- ich bin in den
Wirrnissen der Rang- und Kommandoverhältnisse gänzlich unorientiert.
Aber wer es auch sei: ich denke mir, wenn du dem betreffenden großen
Mann so zu Leibe gehst wie eben mir, kann er nicht widerstehen.“
Die Jungens pruschten.
„Du machst immer schlechte Witze, Papa,“ sagte Renate, noch
umwölkt. Aber da sie, im Gegensatz zu ihrem Papa, schon in allen
Marineangelegenheiten sehr orientiert war und von dem Tag an, wo sie
in bezug auf den Kapitän Hochhagen empfunden hatte: „den oder keinen“,
sich durchaus identisch mit der K. M. fühlte, so fuhr sie belehrend
fort: „Emmich ist zur Verfügung des Chefs der Ostseestation ...“
„Na also ... man erbitte, daß der Chef verfügt ...“
„Ach, Papa,“ fiel Renate ihm in die Rede, „du kannst dir keinen Begriff
davon machen, wie es an Offizieren mangelt! Die Urlaubsverhältnisse
sind schrecklich -- einer muß schon halbtot gearbeitet sein, ehe er mal
loskommt.“
Die Geheimrätin und ihr Mann lächelten sich an. Diese frische, drollige
Weisheit rührte sie. Die Geheimrätin dachte an ihre Brautzeit, wo sie,
nachdem sie einen halben Tag eines Klinikers Verlobte gewesen, mit
nicht minderer Autorität von seinen Berufskomplikationen sprach.
Drinnen im Haus schlug eine Uhr acht. Sie schlug sehr anspruchsvoll,
als habe sie Bedacht, daß nur ja recht weithin ihr pastoraler,
feierlich gemessener Ton den Leuten melde: eine Stunde sei zwar ins
Meer der Zeit zurückversunken, aber man könne ruhig sein, sie, die Uhr,
bleibe standhaft auf dem Posten.
Und dieser weise Klang, der achtmal in die köstliche Morgenfaulheit
hinausdröhnte, störte sie denn auch gründlich.
Fips stopfte den letzten Happen seiner Semmel -- er hatte zwei mehr
gegessen, als sonst sein äußerstes Maß war -- in den Mund; Heinz hielt,
mit stark zurückgelegtem Kopf, den Tassenrand zwischen den Lippen,
damit der dicke Zuckerbodensatz noch hineinrutsche.
Die Geheimrätin klappte in die Hände und mahnte zur Eile. Renate lief
ins Haus, auf den Flur, um nachzusehen, ob die Bücherriemen der Brüder
auch alles Nötige umschlossen; dies Amt war ihr, zum Zorn von Fips
und Heinz, seit zwei Jahren von der Mutter auferlegt, und sie erfüllte
es so gewissenhaft, daß auch heute die Jungens auf dem Flur von ihr
mit der raschen Mahnung empfangen wurden: „Wo ist dein deutsches
Aufsatzheft, Fips? Heinz, dein Vocabulaire fehlt, du hast doch heute
Französisch!“
Draußen gab der Geheimrat seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. Halb
neun fing er an zu operieren, es war also Zeit, in die Klinik zu gehen
und sich vorzubereiten.
„Hast du viel heute?“
„Nur drei Sachen, eine davon etwas schwerer!“
Aus solchen Antworten zog die Geheimrätin dann ihre Schlüsse: Er
kommt präzise, verspätet oder gar nicht zum Gabelfrühstück. Und
hiernach richtete es sich, ob er mit von den allgemeinen Schüsseln zu
essen bekam, ob besonders gekocht wurde für ihn, oder ob man in sein
Studierzimmer einen nahrhaften und leichten Imbiß stellte. Sie hatte
auch in ihrem Gedächtnis ein Register. Da stand: Gestern ist eine sehr,
sehr schwere Operation gewesen, und solange Gefahr ist, darf man ihn
nicht anreden, muß sein Schweigen nicht unterbrechen, muß abwarten,
ob er spricht. Oder: Heute entläßt er geheilt eine Patientin, die ein
halbes Jahr gelegen hat, es ist eine arme Frau, man muß daran denken,
ihr noch eine kleine Freude zu machen, dann freut er sich auch. Oder:
Er hat vor ein paar Tagen Ärger mit Doktor Berthold gehabt -- erwähne
nur nicht, daß du die Frau Doktor Berthold gestern trafst, und daß sie
sich unterstand, schnippisch zu sein.
Sie hatte auch herausgefunden, daß aus unbegreiflichen Gründen an
einigen Tagen der Woche die Sprechstunden überlaufener seien als an
anderen; als gäbe es geheime Gesetze, denen zufolge Leidende sich vor
allen Dingen am Montag, Mittwoch und Sonnabend konsultationsbedürftiger
fühlten. Sie hegte einen adressenlosen Zorn in sich, wenn für diese
Tage auch noch schwere Operationen angesetzt waren.
Einladungen zu Diners und Soupers besprach sie nie. Sie verfügte
völlig. Für die Tochter nahm sie an, für sich und den Geheimrat behielt
sie die Entscheidung bis zur letzten Stunde vor. Die Bekannten waren
dazu erzogen worden, mit dieser Unbestimmtheit zu rechnen. Fühlte sie:
Er wird unter keinen Umständen Zeit und Lust haben, in Gesellschaft zu
gehen, erfuhr er überhaupt gar nicht, daß man ausgeladen gewesen war.
Übersah sie am Mittag, daß es ihres Mannes Stimmung entsprach und ihm
eine wohltätige Ablenkung sein werde, unter Menschen zu sein, so sagte
sie ihm einfach: Wir werden heute abend da und da speisen.
Über diese paradoxe Wirkung, daß aus der höchsten Unterordnung eine
Form von Frauenregiment sich ergeben hatte, konnte der Geheimrat
amüsiert spaßen, und Wendungen, wie „wenn ich darf“ -- „falls meine
Frau erlaubt“, kamen bei ihm vor.
Nun ging er also; im Zimmer stieß er noch auf die vom Flur
zurückkehrende Renate, die ihn mit der zärtlichen Dreistigkeit, die
junge Töchter den berühmtesten Vätern gegenüber haben können, noch
flink mal umarmte und um sich selbst drehte.
Dann war sie schon draußen und räumte den Tisch ab, während nun die
Mutter hinter der Zeitungswand verschwand.
Renate sang ein bißchen vor sich hin. Dann unterbrach sie ihr Liedchen.
Schon mit dem beladenen Teebrett in den Händen, das sie vor sich
hielt, sagte sie: „Bitte, Mama -- sieh mal nach -- der Bericht muß
doch schon drin sein -- Wettfahrt Kiel-Travemünde -- unter Jachten
der Kreuzerklasse II -- ist ‚Freia‘ placiert -- Erste? Ja? Hurra. Na,
das freut mich für Reiswitz -- das Gewitter vorgestern -- das hat die
Flaute behoben -- du, die ‚Freia‘ gehört dem Legationssekretär von
Gamberg, der gestern abend mit bei Rosenfelds war. Er ist ein Vetter
von Jutta Falckenrott. -- Mama, wen magst du lieber leiden: Lisbeth
Rosenfeld oder Jutta ...“
Die Geheimrätin ließ etwas ergeben die Zeitung sinken und sagte milde:
„Kind, ich kenne die beiden Damen noch so wenig.“
„Aber so was weiß man doch sofort! Lisbeth ist ja lustig und lebendig
-- denk mal, sie hat mir gestern abend schon gesagt, daß wir uns du
nennen wollen -- aber für Jutta, weißt du, Mama, für Jutta schwärme
ich! Sie ist so schön. Und es ist so etwas Geheimnisvolles in ihren
Augen und in ihrem Wesen.“
„Es ist das Vorrecht deiner Jahre, zu schwärmen,“ sprach die
Geheimrätin nachsichtig.
Renate setzte das Teebrett wieder hin.
„Glaubst du, Mama, daß Emmich Urlaub bekommt und mit uns reisen kann?“
Die Mutter lächelte.
„Kind, was kann ich davon wissen. Wir wollen es hoffen. Ich finde Papas
Idee sehr glücklich.“
„Ach ja,“ sagte Renate aus vollem Herzen und machte sich zum Schoßkind
bei der Mutter, zugleich beide Arme um ihren Hals legend, „es wäre zu
schön. Sieh, wie genau lerntet ihr euch kennen -- Emmich und ihr -- wer
weiß, ob ein so tägliches und nahes Zusammensein sonst jemals im Leben
wieder sein könnte. Und wir lernten uns kennen! Er und ich! Jetzt ist
es alles so wie ein glückseliges Ahnen -- manchmal denk’ ich, es ist
Traum oder Rausch -- ich fühle wohl, Mama, daß es nicht diese Stimmung
ist, in der man durch das Leben geht. Jetzt ist alles so heiß, so
aufgeregt in mir, ich weiß manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen
soll ... Ich weiß, allmählich kommt das zur Ruhe, und dann kommt wohl
so ein heiliges Wissen von Liebe und Zusammengehörigkeit wie bei Papa
und dir.“
Die Mutter zog ihr Kind noch fester an sich. Und das Kind, auf der
Schwelle des Frauenlebens, staunend, erregt und doch etwas furchtsam
stehend, fragte flüsternd am Ohr der Mutter weiter: „Mama, ist es
*noch* schöner, verheiratet zu sein als verlobt zu sein?“
Die Mutter schluckte ein wenig, nahm sich zusammen und wich scheu
der Antwort aus, die, klar und für jedes Herz gültig zu geben, über
Frauenvermögen ist.
„Kind, man kann eins nicht über das andere steigern und nicht den einen
Zustand mit dem anderen vergleichen. Wer die Feierzeit des Brautstandes
nicht nur durchjubelt, sondern auch zu ernster Einkehr nutzt, tut gute
Vorarbeit für eine glückliche Ehe.“
Sie blieben ganz still. Der junge, blonde Kopf lag auf der Schulter
der Frau, die in ernster Rührung vor sich hinsah. Und indem sie so
zusammen schwiegen, fühlten sie sich in einer unzerreißbaren Einigkeit
verbunden. Ihnen war, als seien Schranken zwischen ihnen gefallen,
als seien sie nicht so sehr Mutter und Tochter als Trägerinnen eines
Geschicks, Genossinnen in ein und der gleichen Bestimmung.
Um die Mittagszeit, wie es verabredet gewesen war, kam Emmich. Die
Braut in ihrem Rosenhut, den von Rand zu Rand unter dem Kinn weg ein
weißes, am linken Ohr geknüpftes Band hielt, stand schon bereit und zog
sich gerade die weißen Handschuhe zum weißen Kleid an. Sie kannte es
nicht anders als: Männer darf man nicht warten lassen, erstens mögen
sie es nicht, und zweitens haben sie dazu keine Zeit.
Das Brautpaar wollte zu Jutta gehen, um die Mutter des fernen Kameraden
respektvoll zu begrüßen.
Emmich küßte der Geheimrätin die Hand.
„Was sagst du -- Reiswitz ist Erster geworden!“ rief Renate.
Er lächelte. „Reiswitz steht offenbar in Gunst und Gnaden bei dir.“