Auslandkommando erhalten würde. Später mal, sehr gern. Dann bekam man
seine liebe Älteste ein bißchen wieder als Tochter ins Haus, und das
müßte wundervoll sein ... Als Freundin mit der verheirateten Tochter
sich gut stehen, das hatte sich die Geheimrätin immer wie einen
Gipfelpunkt des Frauenlebens ausgedacht ...
Und Renate seufzte ein wenig. Ganz zuversichtlich hatte sie noch eben
das stolze Lächeln der Mutter mit glücklichen Blicken beantwortet. Nun
fiel ihr plötzlich ein, wie zornig und gramvoll Jutta heute nachmittag
von ihrem Los gesprochen hatte.
So leise, so andeutend nur der Seufzer gewesen war: Emmich hatte ihn
doch gehört. Und er sah auch, daß über das Gesicht der Mutter ein
Ausdruck von Mitleid ging.
All das schien ihm feindselig -- als bedrohe das auch ihn und seine
Glücksicherheiten.
Er sagte sehr liebevoll und vielleicht wieder ein wenig bevormundend:
„Das Warten hat ja nun ein Ende. Frau von Falckenrott wird nach
Hongkong reisen.“
Jutta erhob ihr Haupt.
„Nein,“ sprach sie klar und fest, „ich werde nicht nach Hongkong
reisen.“
Sie sah ihn an. Ganz gerade. Wie eine, die unerschütterlich geworden
ist.
Hochhagen wurde rot. Er erschrak. Und ihr Ton erregte ihn. Es schien
versteckter Trotz darin.
„Ich hoffe, es ist nicht Ihr letztes Wort.“
„Ich gehöre nicht zu den Frauen, die heute nein und morgen ja sagen.“
„So haben Sie schon an Malte depeschiert?“
„Nein. Das nicht. Es kommt ja auf den Tag nicht an.“
„Oh, Sie wollen nicht zu ihm?“ fragte Renate erstaunt, „ich -- ich
reiste gleich, wenn Emmich riefe und und wenn ich nach Yap sollte ...“
Die Geheimrätin spürte mit dem feinen Ohr der Weltdame, daß ein harter
Klang in den raschen Worten war, die zwischen Jutta und Emmich hin und
her flogen. Sie begriff nicht ... dachte auch diskret daran vorbei ...
wollte nur gütig alles ins gesellschaftlich Freundliche lenken und
sprach beinahe lobend: „Es tut Ihrem Gemüt wohler, hier in der Heimat
still Ihrem Kindchen zu leben und tapfer weiter zu warten?“
„Ich will mit der Kleinen fortgehen -- schließe meine Wohnung zu --
gebe sie vielleicht auf -- ich weiß noch nicht -- aber fort will ich --
in die Berge vielleicht -- das findet sich.“
Und dabei sah sie immer Hochhagen an, als teile sie ihm Dinge mit, die
hinter ihren Worten standen ...
Er erhob sich.
„Was ist geschehen?“ dachte er.
In diesem Augenblick kam Lisbeth Rosenfeld heran, mit ihren eifrigen
Bewegungen, ganz erfüllt von einem Einfall. Sie war wieder einmal
getragen von glühender Lebenslust. Ihr Mann lächelte ein bißchen
ergeben, und der Geheimrat, mit einem undeutbaren Pläsier, das ihm in
feinsten Fältchen um die Mundwinkel und Augen saß, rieb sich die feinen
Operateurhände.
„Frau Geheimrat, süße Renate und du, Liebes, hört mal zu. Die Tatsache,
daß Emmich uns mit Geheimrats so eng zusammengeführt hat, muß extra
gefeiert werden. Bei uns natürlich. Morgen. Ausgemacht. Ja?“
„Morgen hast du wieder Zwirnbeine und im Kopf einen großen Ballon,
der platzen will, und bist sterbenskrank,“ neckte Jutta, die sich
plötzlich ganz in der Gewalt hatte und eine trotzige Fröhlichkeit in
sich aufschäumen fühlte. Es war gesagt -- gesagt -- es schien, als
seien Würfel gefallen ... wohin? Vielleicht rauschte ihr Fall nur
ins Unbestimmte hinein -- aber Jutta spürte doch die Bewegung -- ihr
Schicksal stand nicht mehr still ... Und die Stärke ihres Temperaments
blitzte durch ihr Wesen.
„So, so,“ sagte der Geheimrat amüsiert, „das kommt also vor? Ein
Lendemain mit Zwirnbeinen.“
„Ach,“ prahlte Lisbeth mit heißem Gesicht, „nur wenn ich zu viel tanze.
Warum läßt Hektor das zu! Heute tanz’ ich ja nicht. Also morgen bei
uns.“
Und da es ihr unmöglich war, einen Tisch zu decken, ohne ihn fort und
fort zu vergrößern und so viel heranzuladen, als die Räume nur fassen
mochten, zählte sie auf: „Natürlich müssen die Crewkameraden kommen,
soweit sie im Moment in Kiel stationiert sind und uns näher stehen.
Und dann Exzellenz Marweg -- Herr Geheimrat, ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß ich mich glänzend mit Exzellenz vertrage, einfach
glänzend. Hektor ist aber nicht eifersüchtig. Hat er auch nicht nötig.
Und Herr von Gamberg, Juttas Vetter. Liebes, wird er können? Segelt er
morgen mit? Ach so -- du hast ihn nicht gesprochen.“
Jutta dachte nicht, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, den Besuch des
Mannes zu verleugnen, weil Renate noch mit ihm zusammengetroffen war.
Dieses Zusammentreffen hatte sie schon vergessen. Sie wollte wahr sein
und sagte sehr ruhig: „Doch, ich habe ihn gesprochen. Er war zum Tee
bei mir ...“
„Ah ...“ dachte Hochhagen, „er -- er ... das ist es.“
„Na -- segelt er mit?“
„Nein.“
„Famos: also Gamberg ... Und dann noch ...“
Sie erwog rasch: Die beiden Ehepaare aus Gervasiusscher Freundschaft
und Verwandtschaft, die hier anwesend waren und jetzt in der
entgegengesetzten Verandanische plaudernd zusammensaßen, mußte sie die
nicht auch einladen? Eigentlich fand sie den langen Professor Lüdermann
etwas trocken, und es verletzte ihr ästhetisches Gefühl, daß so eine
winzig kleine Frau wie ein Anhängsel neben ihm hertrippelte; und an der
arroganten Ruhe des Konsuls Thyssen, des Bruders der Geheimrätin, war
ihre Lebendigkeit fast zerschellt, während Frau Thyssen sich immerfort
zu bemühen schien, *keine* Überlegenheit zu zeigen ... Aber Lisbeth
war eben von so unbegrenzter Gastfreudigkeit, daß sie hinzusetzte:
„Und natürlich, liebe Frau Geheimrat, Ihren Herrn Bruder und Frau und
Lüdermanns.“
„Beste Frau Lisbeth! So viel Menschen können Sie gar nicht setzen,“
warnte Hochhagen.
„O doch ... und wenn Sie mir Ihren Judeit leihen -- Hochhagen hat einen
großartigen Burschen -- ostpreußischer Fischer -- kann aber alles --
serviert wie ein Diener im Schloß ... Ja, ach, es kann reizend werden.
-- Ganz einfach geht es aber zu bei uns, Frau Geheimrat -- gerade das
Improvisierte macht Spaß. Also morgen abend acht Uhr ...“
Sie war unwiderstehlich in ihrem Verlangen, alles, was an Menschen
in ihren Dunstkreis kam, sich zu einer Bundesgenossenschaft der
Lebensfreude zu werben. Sie wandte sich schon, um Thyssens und
Lüdermanns ihre Einladung vorzutragen, und hatte keine Ohren mehr für
das, was Jutta noch sagen wollte.
Und so mußte Jutta es dem Mann mitteilen.
„Lieber Rosenfeld,“ sprach sie, „ich kann morgen abend nicht zu Ihnen
kommen.“
Hochhagen merkte auf.
„Aber das ist schade,“ sagte Kapitän von Rosenfeld, „das gibt’s nicht
-- solche Absage nimmt Lisbeth einfach nicht an.“
„Meine Schwiegermutter kommt morgen abend.“
„Maltes Mutter!“ rief Hochhagen.
„Ja!“
Er atmete ordentlich auf. Ganz unverhohlen. Über sein männliches
Gesicht ging ein Freudenschein.
Jutta sah es, es ärgerte sie geradezu.
„Ich war sehr überrascht, als ich das Telegramm bekam,“ sagte sie und
sah ihn mit prüfenden Blicken an. Und diese Blicke fragten ihn: Warst
du das? Ist das auch deine Regie?
Er fühlte wohl, was ihr Ausdruck zu bedeuten hatte, und sagte ganz
ehrlich: „Ich bin auch überrascht. Und ich freue mich riesig, daß wir
Maltes liebe alte Dame wiedersehen sollen.“
Und er dachte: „Nun wird ja alles gut ...“
Er hatte eine unbestimmte, aber riesengroße Vorstellung von der Macht
einer Mutter ... Als die seinige noch lebte, hatte sie alles über ihn
vermocht. Und ob er gleich schon ein gereifter Mann war, da sie vor
wenig Jahren starb, hatte er ein kindliches Gefühl des Verwaistseins
in sich entdeckt, so voll schmerzlicher Wehmut, daß er sich fast hätte
schämen mögen ...
* * * * *
Am anderen Abend fuhr Jutta zum Bahnhof. Eine große Mattigkeit lag
ihr in den Gliedern. Sie war abgespannt bis zur Erschöpfung, ganz
widerstandsunfähig. Sie schob es auf den Tag voll Hausfrauenarbeiten.
Die hatte sie vor sich aufgebauscht und übertrieben, mit einem
Aufwand von Zurüstungen sich förmlich betäubt. Es war in der Wohnung
zugegangen, nicht als solle eine anspruchslose alte Frau kommen,
sondern als müsse man mit äußersten Anstrengungen trachten, vor einer
pomphaften und kritischen Dame zu bestehen.
So konnten die zitternde Rührung und die angstvolle Beklommenheit, die
abwechselnd Juttas Gemüt beschweren wollten, niemals ganz Herrschaft
über sie gewinnen.
Aber nun rächte es sich, daß sie nicht den Mut gehabt hatte, sich zu
sammeln, daß sie sich mit Vorsatz durch die Stunden gehetzt hatte.
In ganz verworrenen Empfindungen ließ sie sich dem Wiedersehen
entgegentreiben. Bald von dem harten Bedürfnis zur Wahrhaftigkeit
erhoben, bald von dem weichen Wunsch ganz ergriffen, dem Mutterherzen
nicht weh zu tun.
Müde lehnte sie in der Wagenecke. Der große Federhut, so leicht er war,
schien ihr den Kopf zu belasten; in ihrem Schoß lag ihr Täschchen aus
Silbermaschen. Sie hielt es mit ihren Fingern umklammert.
Die Fahrt hatte nichts Erfrischendes. Der Sommerabend war dunstig. Die
salzig feuchte Seeluft durchwirkten die Dampfsäulen, die tagsüber aus
den Essen der Werfte, aus den Schornsteinen der hin und her rauschenden
Dampfer emporgequollen waren, mit feinen Atomen. So stand sie grau und
schwer über der Stadt und der Förde und hing wie ein Schleier vor dem
Bilde des jenseitigen Ufers, daß es mit all seinen hohen Hellingen,
mit seinen gewaltigen Glasbauten, seinen seltsamen Gerüsten etwas
Mystisches bekam. Das Zauberland moderner Schiffstechnik war da drüben,
und die stehenden Dunstnebel wischten all seine drohenden Linien
weich ineinander. Die Abendsonne glühte und setzte in dies feine,
verschwommene Bild brennende Punkte, die an Metallteilen der Schiffe,
auf einzelnen kleinen Fenstern glitzerten wie vom Zufall hingestreute
Kupferflecke auf einem blaugrauen Florgewand.
Der Trott des Wagens, ein Rhythmus und keine Melodie, wirkte
merkwürdig auf die Ohrnerven. Seine stumpfe Einförmigkeit hatte etwas
Hypnotisierendes. Jutta hörte immerfort zu, wie die Räder rollten und
die Hufe des Pferdes klappten.
Daraus schreckte sie auf. In der Nähe des Schlosses, auf dem
Bürgersteig, der sich unter seiner Mauer hinzog, kam jemand gegangen.
Ein hoher, schlanker Mann, im hellgrauen Gehrock und in ebensolchem
Zylinder. Vor ihm waren allerlei Fußgänger -- ein paar Kinder, zwei
Matrosen, eine Frau -- die bildeten in ihren willkürlichen Bewegungen
eine Schranke vor ihm, die sich bald öffnete, bald schloß. Jutta
erkannte ihn aber schon von fern.
Sie hatte ihn heute nicht gesehen. Nur Rosen schickte er, dunkelrote;
kein Wort dabei -- nicht einmal seine Karte -- aber sie wußte: ja, das
kam von ihm! Ein Gruß der Liebe. Schweigsam und von fern ...
Sie richtete sich auf -- belebt von dem Wunsch: sähe er doch! Erbebend
in dem raschen Gedanken: wenn er so vorübergeht ...
Schon waren sie sich nahe, der Fußgänger und die Fahrende.
Da sah Gamberg auf -- vielleicht geheimnisvoll bezwungen von dem ihm
entgegenbrennenden gespannten Blick. Er sah auf -- jäh -- wie jemand,
der sich aus schwersten Gedanken gerissen sieht ...
Und er sah ein Frauengesicht, das erblaßte -- weil diese flüchtige
Begegnung schon ein Erlebnis war ...
Er machte Front und grüßte. Und stand, bis sie vorüber war.
Ihre Blicke hatten sich getroffen, rasch und heiß.
Die Räder rollten, die Pferdehufe klappten, und alles war vorbei.
Die rasend emporgewallte Aufregung sank in sich zusammen. Es blieb
nichts zurück wie das Gefühl einer seltsamen bleiernen Ermüdung. Die
war ein körperlicher Schmerz.
Jutta hatte einen Gedanken -- der schauerte durch sie hin ...
Vielleicht hasten wir für immer so aneinander vorüber?
Gestern hatte er gesagt: versuchen Sie sich klar darüber zu werden, was
denn Ihre Sehnsucht eigentlich will.
Und sie fühlte auch wohl: wer das Leben mit unsicheren Händen anfaßt,
kann es nie meistern -- wer das Leben mit unklaren Blicken überschaut,
kann in seinem Treiben nie den richtigen Platz für sich herausfinden.
--
Der Wagen hielt. Jutta empfand den Ruck wie eine peinliche Roheit. Nun
hätte sie immerfort, immerfort so weiterfahren mögen, bis das Rollen
der Räder ihr die Gedanken verblödet hätte ...
Auf dem Bahnsteig ging sie hastig hin und her, mit den Schritten
nervöser Ungeduld.
Sie stellte sich ihres Mannes Mutter vor. Die Photographie von ihr, die
zu Haus auf dem Schreibtisch stand, neben der von Malte, die hatte ihr
das Bild der alten Frau mehr gestohlen als lebendig erhalten. Es war
ein so dummes Bild. Von einer Art, wie man sie nur noch selten sieht:
eben ein Mensch, der sich zum Photographieren extra hingesetzt und ein
Gesicht gemacht hat.
Ja, eine kaum mittelgroße Frau war sie, mit einer breiten Taille und
raschen mütterlichen Bewegungen, immer schwarz gekleidet, und auf den
noch dunkeln Haaren trug sie eine Spitzenhaube, nach verflossener Mode.
Und ihr Gesicht? War denn so gar kein starker Zug darin, daß Jutta es
sich durchaus nicht vorstellen konnte?
Das machte ihr die Stirn heiß. Mein Gott -- wenn ich sie nun nicht
wiedererkenne!
Aber das war natürlich ein wahnwitziger Gedanke ... Sie würde sie
selbstverständlich unter Tausenden erkennen, wenn nur erst das Gesicht
hinter dem Fenster des Abteils erschiene ...
Und nun sah sie plötzlich auch Einzelheiten aus ihm ganz genau ... Sehr
aufmerksame, wimpernlose, dunkelbraune Augen hatte die Mutter; und
im Mund, wenn sie sprach, wurden zwischen ihren eigenen, starken und
gewölbten Zähnen vier ganz flache, kleine, gleichmäßige Schneidezähne
sichtbar, die ihre Künstlichkeit durchaus erkennen ließen.
Es ärgerte Jutta geradezu, daß sich ihrer Vorstellung in diesem
Augenblick voll großer Spannung nun ein so kleines Merkmal so überaus
deutlich aufdrängte.
Jetzt brauste der Zug heran, ein Fabeltier mit dampfschnaubendem Mund.
In der Halle dröhnte Lärm und polterte unter dem Glasgewölbe hin. Die
Reihe der dunkeln, von der Patina des Kohlenstaubes monoton gefärbten
Wagen hielt.
Jutta stand, und ihre Augen suchten ... Hinab, hinauf -- bis eine
heftig winkende Hand gerade vor ihr in einem Fensterrahmen ihr sagte:
hier, hier bin ich ...
Ein paar Sekunden noch, und die Frauen lagen sich in den Armen. Sie
weinten beide leidenschaftlich. Wenn dies ein Wissender gesehen hätte,
würde er erstaunt gefragt haben: warum weinen sie? Aber die Frauen
selbst empfanden es als das Natürliche. Keine wunderte sich über die
heiße Tränenflut der anderen.
Die alte Frau hatte sich jämmerlich nach der Schwiegertochter gesehnt,
die doch ihren Sohn so leidenschaftlich liebte und ihr deshalb ein
Teil seines Lebens war. Vielleicht weinte sie auch aus Wichtigkeit,
weil ihr Sohn ihr geschrieben hatte: reise sofort nach Kiel, hole das
Kind und hilf Jutta. Und das kam ihr großartig und verantwortlich
vor. Etwas weinte sie auch aus der Ankunftsbefriedigung heraus, denn
unterwegs war sie immer noch erregt, in dem Bewußtsein, daß sie binnen
zwei Tagen mit solchem Reiseentschluß und mit allen Reisevorbereitungen
fertig geworden sei. Sie fühlte sich deshalb sehr heldenhaft und modern
und hatte den Genuß gehabt, daß das Staunen und die Teilnahme ihrer
Freundinnen in ihrer kleinen Heimatstadt sie an die Bahn geleiteten.
Und Jutta weinte aus ihrer allgemeinen Erschöpfung heraus. Vielleicht
brach auch eine Hochflut schöner Erinnerungen jäh über sie herein, als
sie die Mutter wiedersah ...
Dann kamen die prosaischen kleinen Sorgen um Gepäck und Wagen. Und all
die Taschen und Schachteln schienen sich gleichsam an die hohe Stimmung
zu hängen und zerrten sie herab.
Man saß im Wagen zusammen, man fuhr nach Haus.
Da war das Bett der Kleinen. Eine Stätte, wo alle Rührung wieder
aufwallte und die Großmutter vor Entzücken weinte.
Es war schummerig in dem von Schlafensstille durchwobenen Raum. Nur ein
Nachtlicht brannte, eine träge kleine Flamme, die auf winzigem Ölbassin
wie eine blanke, gelbe Schwimmblume erblühte.
Man sah nicht viel von dem bißchen Menschentum da im zierlichen
Bett. Ein rundes Schädelchen war sichtbar, dunkel überflaumt; schwer
lag es in den sich aufbauschenden Kissen. Ein winziges Näschen war
zu erkennen, das gegen die Leinwand des Bettuches stieß. Und noch
ein Fäustchen, festgeballt -- das streckte sich ein wenig unter dem
Deckbett hervor.
Die junge Mutter stand daneben, ihre Hand umschloß die gebogene Stange,
von der herab die Gardinen über das Bettchen fielen.
Stolz und wartend stand Jutta und sah zu, wie die alte Frau sich über
das Lager bückte.
Und nachher saßen sie zusammen, gerade da, wo gestern nachmittag Jutta
mit dem Mann gesprochen hatte ...
Draußen sank der lange Tag in die leise, blasse Dämmerung hinüber. Der
Abendwind schlich ein wenig durch die Blätter und stieß sie zag an,
aber sie waren so schwer vom Vollsaft ihrer Sommerreife, daß sie sich
kaum rührten.
„Mir schien,“ sagte die Mutter, „man sah so wenig -- aber doch -- mir
schien: die Kleine gleicht Malte ganz und gar.“
„Nein. Nicht ein bißchen. Du wirst es morgen sehen.“
Der Ton, in dem die Ähnlichkeit abgeleugnet wurde, tat der alten Frau
unbestimmt weh.
„Gott, mir war, als seien sechsunddreißig Jahre versunken, und mein
Malte läge wieder in seinem Bettchen vor mir.“
Und sie trocknete ihre Tränen.
Jutta schwieg.
Nun fing die Mutter ein eifriges Fragen an. Unter ebenso eifrigem
Essen. Denn sie war schon früh am Tage fortgereist und hatte ihrem
Proviant, den sie im Körbchen mit sich führte, nicht recht zusprechen
mögen, weil ihr beim Fahren und in der Aufregung der Appetit vergangen
war.
Alles wollte sie nun wissen: wie das Kind gehalten werde, und ob es
schon mit seinen Fingerchen greife. Wieviel es wiege, und ob es die
Nächte durchschlafe. Ob es tags viel schreie und reichlich in die Luft
komme.
Juttas Briefe an die Mutter waren in den letzten drei Monaten nichts
gewesen wie Tagebuchaufzeichnungen über jede das Kind betreffende
Kleinigkeit. Die alte Frau war also unterrichtet. Aber das Thema hatte
ja seine Unerschöpflichkeiten. Mit Kameradenfrauen, die gleich ihr
junge Mütter waren, konnte Jutta es endlos besprechen.
Dies nun war Maltes Mutter. Und sie hatte ein Recht, ihr heißes
Interesse an diesem jungen Leben in dringlichen Erkundigungen zu
betätigen.
Sie hatte ein Recht ... Das sagte Jutta sich, das wußte sie -- es war
die einfachste, naturgemäßeste Tatsache von der Welt. Und dennoch
war es gerade dies *Anrecht*, gegen das sich in Juttas Herzen ein
undeutliches Gefühl wehrte.
Unruhig, von grenzenlosem Erstaunen auf das Schwerste bedrängt, fand
sich die junge Frau der alten Frau gegenüber nicht zurecht.
Seit einem Jahr, genauer, seit dreizehn Monaten, hatten sie sich nicht
gesehen. Eine Frau von Sechzig verändert sich in einem solchen kurzen
Zeitraum nicht mehr. Ihr Wesen ist vom Leben schon so festgefügt, daß
keine Linie mehr ins Schwanken kommt.
Hab’ ich denn damals andere Augen gehabt? fragte sich Jutta.
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, daß sie damals, in glückseliger
Dankbarkeit, zärtlich, voll kindlicher Ergebenheit, sich an diese Frau
geschmiegt.
Nun, damals war die Frau die Mutter des geliebten, ersehnten Mannes
gewesen -- und die Sehnsucht nach dem Sohn hatte um seine Mutter einen
verklärenden Schimmer gewoben. Und das unklare Gefühl: als habe die
Mutter den Sohn wegzuschenken, als sei sie die Glückspenderin -- dies
überkommene Restgefühl von dem uralten, primitiven Wissen mütterlicher
Oberhoheit, das hatte die Braut blind und demütig gemacht ...
Das dachte Jutta ungefähr. Ihre in Leid und Kämpfen reifer und dennoch
zugleich krank gewordene Seele begriff den Wechsel ...
Die alte Frau hatte sich gewiß nicht verändert.
Nur die Augen waren andere geworden, die sie sahen ... Und die
Zusammenhänge waren andere ...
Und dann: Jutta fühlte, daß diese Mutter hier saß als Sachwalterin des
fernen Sohnes ... Hier saß, fast an seiner Statt.
Jutta starrte sie an -- sie forschte in dem alten Gesicht.
Ja, das waren die gleichen aufmerksamen Augen, die Malte hatte ... das
die gleiche Form der Stirn, obschon ihre Breite bei der Frau durch die
glatten, gebogenen Scheitel etwas verdeckt wurde; das seine gerade
Nase und sein länglich rundes Wangenprofil. Und da war auch ein Klang
in ihrer Stimme -- oder vielleicht nur die Übereinstimmung im Gebrauch
dieser und jener sprachlichen Wendung ...
Das wunderbare Spiel der Ähnlichkeiten äffte -- gab seine ironischen
Späße zum besten ... holte die wenigst ansprechenden Züge des einen
Menschen herbei, hielt sie neben die gewinnenden des anderen und zeigte
auf, wie sie sich glichen. Und entadelte ...
„Kind, was siehst du mich denn so an?“
„Wie sehr du Malte gleichst ...“ meinte Jutta mühsam.
„Ja,“ sprach die Mutter stolz, „man hat es mir immer gesagt.“
Die Äußerung hatte der alten Frau sehr wohl getan. Das bedeutete ihr:
Bewunderung! Liebe! Und machte ihr das Herz wieder wärmer und freier.
Denn auch sie war benommen und beklommen -- von Viertelstunde zu
Viertelstunde mehr. Sie klammerte sich aus Verlegenheit an das
Kinderpflegegespräch -- nicht als ob es sie nicht von ganzem Herzen
interessierte -- o nein. Aber sie wußte ja aus den Briefen alles ...
und man konnte noch so viel davon sprechen ... es gab andere Dinge,
die im Moment stärker auf der Zunge brannten: wann Jutta reisen wolle?
Ob sie sich nicht unaussprechlich freue? Ob der Gedanke dieser Reise
in Juttas Herz entstanden sei, weil sie sich zu sehr nach dem Mann
sehnte? Oder ob Malte den Wunsch gehabt habe, weil er es nicht mehr
ohne Jutta aushalte? ... Das wollte ihr mütterliches Gemüt wissen. Sie
wollte in die Seele der Tochter hineinsehen und die Leiden, Seligkeiten
und Sehnsüchte junger Gattenliebe nachempfindend mitgenießen. Ja, das
wollte sie: von der Liebe und der unzerstörbaren Zusammengehörigkeit
ihrer Kinder viel erfahren -- weil ihr das eine schöne Ernte eigener
Lebensmühen schien ...
Ein Anspruch auf viel Rührung war in ihr ... Und der blieb unerfüllt ...
Da war irgend etwas in Juttas Wesen, was ihr neu deuchte, fremd,
abweisend -- trotz all der zärtlichen Fürsorge, die in der feierlich
anmutig hergerichteten Fremdenstube, am festlichen Abendtisch, in jedem
Wort voll Aufmerksamkeit sich kundgab.
Die Mutter staunte auch ihrerseits in wachsender Unsicherheit die
Tochter an.
Wie hatte Jutta sich entwickelt! Nun, das war natürlich! Man hatte sich
zuletzt am Hochzeitstage gesehen. Inzwischen war dieses schöne, begabte
Geschöpf Frau und Mutter geworden, und die aus dem Beruf des Mannes
herausgewachsenen Umstände hatten ihr auch auferlegt, sich in Zeiten
allein zurechtzufinden, wo ein junges Weib des Gatten besonders bedarf.
Die Mutter hatte es ja auch aus den Briefen herausgefühlt, daß in
Juttas Gemüt keine klare Zuversicht sei. Sie kränkte sich, daß die
Tochter nicht nach ihr rief. Aber sie legte es sich, und vor allen
Dingen vor ihren guten Bekannten daheim legte sie es so zurecht: Es
ist schonendste Rücksicht, Jutta fürchtet, durch ihren Kummer mich mit
kummervoll zu machen.
Denn im Grunde genommen dachte sie immer mit einigen zagen
Hühnergefühlen an den Sohn, der auf fernen Meeren mit seinem
Schiff schwamm. Und ihr war eine so weite Trennung jedesmal etwas
Phantastisches gewesen, unter dem sie litt. Sie stellte sich deshalb
den Zustand Juttas als den einer beständigen ängstlichen Ruhelosigkeit
vor.
Aber nun kam ihr die Empfindung: diese Entwicklung hatte sich nicht auf
der geraden, gegebenen Linie bewegt. Sie spürte mit der im Untergrund
aller Mutterherzen sprungbereit liegenden Eifersucht, daß in Juttas
Gemüt Zustände waren, die sie, die Mutter, nicht verstehen und erkennen
konnte, und die allein schon deshalb ihr bedrohlich schienen und sie
mit feindseligen Vorurteilen erfüllten.
Die Mutter hatte gar nichts anderes erwartet, als daß Jutta ihr schon
im Wagen um den Hals fallen und vor Freude glühend sagen werde: Ich
soll zu ihm reisen! Ist es nicht himmlisch?
Kein solcher Ausbruch hatte stattgefunden. Im Gegenteil war etwas
in Juttas Wesen und in der Art, wie sie in den Gesprächen an der
Hauptsache vorbeiglitt, daß die Mutter sich noch nicht einmal getraut
hatte, ihrerseits davon anzufangen.
Aber nun, nach der Äußerung über die Ähnlichkeit, nun nahm sie sich ein
Herz.