am anderen Morgen zu Ihrer Mutter und forderte Sie für mich? Aus den
tausend Verlegenheiten und Schwerfälligkeiten und Unschlüssigkeiten
meiner damaligen Stimmungen und Pläne heraus ließ ich’s. Um all jener
Kleinlichkeiten willen, von denen wir uns das Große aus der Hand
schlagen lassen. Und Sie waren noch so jung! Ich hatte Ihre Mutter
einmal sagen hören: eine frühe Heirat erlaube ich ihr nicht. Ich
dachte: es hat Zeit. Man muß sich prüfen. Dies alles ist vielleicht
nur, weil die Sommerglut im Blute kocht -- Gott weiß, was ich alles
dachte: Ich weiß nur eins: es war meine große Narrheit. Als ich von
Ihrer Verlobung hörte, da begriff ich’s. Ich war bei der Gesandtschaft
in Mexiko -- ganz verstrickt von den Reizen der phantastischen und doch
so traurigen und monotonen Umwelt ... Und wähnte, daß ich Sie vergessen
habe. Bis die Nachricht kam ... da hab’ ich Nächte gelegen und meinen
Zustand bedacht ... Ja, Jutta, Sie sagten es: auf weiten Wegen führt
uns das Leben herum -- manchmal so, daß wir uns vor den Kopf schlagen:
mein Gott, du hast ja schon einmal an deinem Ziel gestanden und bist
daran vorbeigegangen ...“
Sie schluchzte auf und legte die Stirn auf die gefalteten Hände an der
Tischkante.
Er preßte fest den Mund zusammen -- zwang sich zur Gefaßtheit.
In das staubige Sonnengold waren draußen unterdessen Schatten gefallen
und hatten allen stumpfen Glanz weggelöscht. Fahles Gewölk rückte am
Himmel empor und wuchs und stand wie ein gewaltiges Hochgebirgspanorama
über den Baumwipfeln. Und aus den Wolkenbildern der Gletscher und
Gipfel wuchsen Ungetüme empor, der Alpenzug formte sich um. Nun sah es
aus, als ließe eine höllische Riesenesse dicken Dampf hinaufquellen zur
Höhe des blauen Himmelsgewölbes.
Und Jutta weinte ...
Er trat an sie heran.
„Weint so das Glück?“ fragte er leise.
Die Stunde trug ihn fort. Er konnte nicht anders.
Sie versuchte ihre Tränen zu trocknen. Es riß sie hin zu sprechen ...
sich selbst laut, endlich laut und klar ihr Elend sagen zu hören.
„Nein,“ sagte sie, „ich bin nicht glücklich. Und weil ich es nicht mehr
bin, verzweifle ich an mir selbst. Ich liebte meinen Mann -- drei Jahre
habe ich gewartet, ehe ich seine Frau werden konnte -- ich liebte ihn
-- und und ich kann es nicht fassen, daß die Trennung alles erschüttert
hat ... ich dachte, es sei wie Felsen ... Aber seit mein Kind da ist,
das keinen Vater hat -- so empfinde ich’s -- weil er nicht da war --
er kennt es nicht -- es könnte ihm ja -- käme er unverhofft zurück --
auf der Straße begegnen und weinen -- und er wüßte nicht: es ist mein
Kind und meines Kindes Stimme ... Ja, nun ist mir -- als sei ich ganz
von ihm losgelöst ... als sei alles zu Ende ... Nichts ist in mir wie
Bitterkeit. Oft hass’ ich ihn ...“
Sie erhob sich. Hielt sich an ihrer Stuhllehne fest und wollte stark
sein.
Ihre Lider schlossen sich geblendet. Denn durch das Gewölk hin zuckte
ein Blitz.
„Und ich werde dennoch zu ihm reisen,“ sprach sie mit mattem Entschluß.
„Nein, Jutta,“ sagte er und griff nach ihrer Hand, „das werden Sie
nicht tun. Wenigstens nicht aus dieser Stimmung heraus. Warten Sie
noch. Prüfen Sie sich. Bedenken Sie die furchtbare Enttäuschung des
Mannes, der ein Weib erwartet, das aus Liebe kommt, und er fühlt dann:
sie kam nur aus Pflicht. Oh ... wenn zu mir ein Weib, mein Weib so
kommen wollte -- ich litte -- mein Stolz hieße sie wieder gehen ... In
diesen Dingen gibt es nur eine Würde, sie heißt: Liebe!“
Seinen beschwörenden Worten rollte ein Donner nach, stolz und mit
seinem gebieterischen Schall die Luft erfüllend.
Jutta erbebte. Gewitter gingen ihr auf die Nerven -- belästigt von der
eigenen Schwäche wehrte sie das mit unwilliger Kopfbewegung von sich ab.
Er fuhr fort: „Ich weiß es wohl, ich von allen Menschen, ich bin der
letzte, der Ihnen abraten darf zu reisen ... Jutta, wir wollen nicht
lügen ... wir fühlen alles, wie es ist ... Nein, ich darf nicht sagen:
bleiben Sie! Ich will niemand bestehlen. Stumm wäre ich wieder aus
Ihrem Leben fortgegangen, wenn ich gesehen hätte: Sie sind glücklich!
Sie sagen es selbst: Sie sind es nicht ... In solcher Stimmung tritt
man eine solche Pilgerfahrt nicht an ...“
„Aus Dankbarkeit muß ich gehen -- ja ... darum,“ sprach sie leise.
„Aus Dankbarkeit?“ fragte er erstaunt.
Nun rauschte der Regen. Seine millionenfachen Tropfenschnüre glitten
zur Erde, und indem sie jagend durch die Luft herabsausten, nahmen sie
aus ihr alle Schwüle und allen Staub mit. Blitze zuckten im grauen
Wolkengedränge, und lang und knatternd rollte der Donner aus.
Ah -- das war gut. Der Mann reckte sich und atmete tief. Er schmeckte
die Frische der feuchten Luft im Munde wie belebenden Trunk.
Jutta wagte nicht zu sprechen während der kurzen Minuten, wo das Wetter
in der Nähe und in höchster Kraft lärmte und der Regen, als seien seine
Tropfen harte Erbsen, auf dem Glasdach prasselte. Sie sah den Freund
an. Wohl tat ihr seine Nähe. Aus aller Einsamkeit schien sie befreit
durch ihn. Und auch der große, schwere Kampf, den er durch sein stummes
Lieben und Werben in ihr Dasein trug -- er war doch Leben!
Sein helles Auge begegnete fest ihrem Blick ...
Sie warteten und schwiegen, bis nun ein Blitz ferner zuckte und die
Unmittelbarkeit des Donnerdröhnens ausblieb, während der Regen, als
habe er plötzlich allen Mut verloren, wie vor Schreck innehielt.
Da wiederholte Jutta es: „Ja -- aus Dankbarkeit!“
Sie saß auf der Kante eines niedrigen Stuhles, die Hände um das Knie
gefaltet. Und so erzählte sie ihm ... vielleicht hielt sie sich auch
nur alles noch einmal selbst vor ...
„Sie haben meine Mutter gekannt -- ihre vornehme apathische
Duldermiene. Und Sie wissen, daß sie lange körperlich litt und zu viel
Gram in sich hatte, um ihren kranken Körper beherrschen zu wollen. So
war sie ganz mit sich beschäftigt. Jetzt erst begreif’ ich, was mir
fehlte, woran ich darbte, trotzdem ich eine Mutter hatte: sie forderte
von mir, aber sie gab mir nichts. Junge Herzen können verschwenderisch
geben. Aber sie müssen auch fühlen: mir wird gegeben. Sonst erbittern
sie sich. Sie erinnern sich: Mutter starb früh -- gleich nach jenen
Sommerwochen ... Vater war rauh und ein Arbeiter -- Sie wissen -- von
jenen Männern, die sich zu viel aufbürden, um sich wichtig zu fühlen --
das sah ich damals nicht, wie ich es jetzt erkenne ... Man begreift so
viel, wenn man selbst Frau und Mutter wird -- sieht, was zurückliegt,
dann richtig beleuchtet ... Ja, ich war niemals ganz von meinen Eltern
in ihre Liebe genommen ... Und gerade das, weil ich es nicht hatte:
alle Schönheit des Lebens schien mir darin zu sein: wenn man nur ein
Mutterherz hat! Sehen Sie -- und Maltes Mutter, die nahm mich an ihr
Herz. Sie hatte mich gleich lieb. Und so sehr liebten wir uns, daß ich
mich manchmal besinnen muß: ist sie nicht *meine* Mutter? Sie spürte
gleich, woran es mir fehlte ... Und öffnete mir ihr ganzes Wesen ... Ja
-- und ich bin voll Dankbarkeit ... Sie soll nicht leiden, diese Frau
... um ihretwillen muß ich mich bezwingen ... um ihretwillen werde ich
reisen ...“
Er hatte das Gefühl, als sei ihm unvermutet ein Feind erstanden,
einer, von dessen Dasein er bis zu diesem Augenblick keine Ahnung
gehabt ... Er spürte plötzlich eine Macht, die stärker war als seine
... Seine erste, impulsive Regung war, sich dagegen zu wehren.
„Kann diese Frau wünschen, daß man ihren Sohn mit Almosen täuscht?“
fragte er erregt. „Sprechen Sie mit ihr -- hören Sie ihre Antwort. Ich
weiß sie im voraus. Eine alte Frau, die das Leben kennt, die weiß, daß
Mitleid und Dankbarkeit und Lüge keine Fundamente sind, auf denen eine
Ehe sicher stehen kann.“
Jutta schwieg. „Nein,“ dachte sie, „ich hätte nicht den Mut, mit ihr
davon zu sprechen.“
Er ging hin und her, die Hände in den Taschen, so daß der hellgraue
Gehrock zurückgeschoben und die weiße Weste ganz sichtbar war. Sein
Ausdruck war finster.
Er fragte sich voll Unruhe: Kämpfe ich reinlich? Darf ich überhaupt
kämpfen?
Er wünschte vor niemand und am allerwenigsten vor dem fernen Mann
dieser Frau die Augen niederzuschlagen. Und zugleich fühlte er
deutlich: sie liebt mich -- sie ist mein Glück -- alles andere war
Irrtum. Irrtum, den man nicht endet, wird bewußte Lüge -- sie aber ist
Verbrechen.
In einem rauhen Wunsch, ganz selbstlos zu sein, fragte er mit harter
Stimme: „Und warum sind Sie nicht bei dieser Frau, die Sie lieben?
Warum nicht zu ihr geflüchtet, als Malte ging? Um bei ihr zu sein, in
Ihrer schweren Stunde?“
„Sie ist arm, Maltes Mutter -- hat in einer kleinen Wohnung knapp ihr
Auskommen -- als vermögenslose Witwe eines Beamten ... mir ist erst
später klar geworden: wenn ich als Braut oft und lange bei ihr war --
sie hat’s nachher mit Entbehrungen wieder hereinsparen müssen -- das
auch, ja, das auch macht mich so klein vor ihr ...“
Ihre Augen standen voll Tränen.
„Und warum kam sie nicht zu Ihnen?“ forschte er weiter.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Jutta, „ich verstehe so oft nicht: warum
hab’ ich dies getan und das gelassen ... Ich glaube, es war dies:
ich litt so sehr, weil Malte ging, und wollte nicht, daß Mutter
mitlitt, und ich dachte: ich will erst allein zur Fassung kommen ...
Aber ich kam nie zur Fassung ... immer wuchs eine schwere Stimmung
in mir zu einer neuen Unsicherheit aus ... Ich mochte Mutter nicht
hineinsehen lassen ... Und zuletzt, als mir so war, als habe ich alles
nur geträumt, als habe ich gar keinen Mann mehr und keine Liebe und
kein Glück ... ja, da hab’ ich mich vor ihr gefürchtet ... Und immer
geschrieben: komm nicht -- ich bin stärker allein ... und war doch
krank vor Sehnsucht. Und wenn Mutter mich gefragt hätte: vor Sehnsucht
nach ihm? Was konnte ich ihr sagen? Ich weiß es nicht ... Jetzt kommt
mir manchmal so vor, als sei das schon immer gewesen -- auch als er
noch bei mir war -- immer schien mir, es müsse hinter dem wirklichen
Leben noch ein anderes stehen -- das eigentliche -- ich litt so sehr
von diesem Gefühl, weil es so unbestimmt war, so unklar ... ich dachte
oft: Wenn mir dies nur jemand erklären könnte, warum ich solche
Sehnsucht habe -- und wonach ...“
Er schloß kurz die Augen. Er war sehr bleich. „Sie liebt mich,“ dachte
er, „sie hat mich immer geliebt. Und hat es nicht gewußt. Das ist das
Geheimnis ihrer Sehnsucht.“
Seine Leidenschaft für sie konnte gar keinen anderen Schluß ziehen als
diesen ...
Nun glaubte er seine Pflicht deutlich vor sich zu sehen. Die Art
ihrer Erfüllung durfte aber nicht von seinen heißen Wünschen bestimmt
werden, sondern nur von der Achtung vor dem fernen Mann und vor dieser
schutzlosen Frau, die er für sich zu erringen hoffte ...
Jetzt, nach all ihren Geständnissen, hoffte er es ganz gewiß ...
„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit,“ sprach er, „wollen Sie auch mir
gestatten, offen zu sein -- Ihnen zu raten -- zu sagen, wie ich Ihre
Lage sehe?“
Sie nickte stumm und sah ihn beinahe glücklich an. Ja, wenn er ihr
Leben in seine Hand nehmen und ihr sagen wollte, was sie tun müsse,
dann müßte alles klar und sicher werden.
„Nach dem, was Sie mir von Ihren Gefühlen der Mutter gegenüber
erklärten, darf ich Ihnen nicht mehr raten: Gehen Sie zu ihr. Umgekehrt
-- nein: Sie dürfen ihr so und jetzt nicht begegnen. Denn anstatt durch
sie zur Klarheit zu kommen über das, was Ihr Herz will und muß, würden
Sie vielleicht auf einen falschen Weg gedrängt ... Und Sie, nein, Sie
dürfen nichts, nichts tun, was für immer Ihr aller Leben verderben
kann, ob es gleich im Augenblick eine Tat der Pflicht scheint.“
Sie hörte voll Spannung ...
„Erkämpfen Sie sich Klarheit ... Darauf kommt nun alles an. Für Sie
selbst. Und für die, die Sie lieben ...“
Sie nickte langsam vor sich hin.
„Und mein Rat ist dieser: Gehen Sie fort von hier ... von all diesen
Freunden gehen Sie fort, deren liebevolle Fürsorge Ihnen unwillkürlich
die Freiheit nimmt ... Gehen Sie fort aus dieser Umwelt, die Ihnen Ihre
Sehnsucht vielleicht beunruhigt und unklar gemacht hat -- diese Umwelt,
die fortwährend für und gegen den fernen Mann sprach. Gehen Sie fort,
und versuchen Sie zu verstehen, was denn Ihre Sehnsucht eigentlich
will.“
„Und wohin?“ fragte sie leise. Das kam wie eine Klage heraus -- der
Schmerz der heimatlos gewordenen Seele war darin.
„Nehmen Sie Ihr liebes, kleines Kind und diese treue Martha, die an
Ihnen zu hängen scheint ... suchen Sie neue Bilder, die groß zu Ihnen
sprechen ... das gibt so viel Fähigkeit, sich unbefangener selbst zu
sehen ... gehen Sie in die Berge -- später nach Italien ... ich werde
Sie nicht sehen, Jutta ... ich muß es mir versagen ... obschon ich
in Ihrer Nähe sein würde ... ich bin zur Botschaft in Rom versetzt.
Sie verstehen -- ich müßte es mir versagen, Sie zu sehen ... Aber ich
wäre doch da ... Und wenn eine Stunde käme, wo Sie mich brauchten ...
eine Stunde, die größer wäre als alle Rücksichten auf die Welt ... Sie
könnten mich rufen ... Dieser Gedanke erlöst Sie vielleicht ein wenig
aus der Furcht vor Einsamkeit ...“
„Ja,“ sprach sie, „ja ... alles will ich ... alles soll geschehen, wie
Sie sagen.“
Diese vollkommene Unterordnung unter seinen Willen ergriff ihn.
Heiße Worte wollten sich auf seine Lippen drängen.
Er schwieg. Sie standen einander gegenüber. Er rang hart mit sich.
Seine Arme hätte er öffnen mögen, ihr leise sagen mögen ... komm ...
komm.
Und sie zitterte -- erriet ihn -- bebte vor Begierde nach seinem Kuß
und wehrte sich zugleich. „Nein, nein, nein,“ dachte sie.
Ein paar schwere, schwüle Augenblicke lang ... die Versuchung lähmte
sie fast ... noch ein Atemzug ... Und sie wichen voreinander zurück ...
voll Furcht vor sich selbst -- und dennoch stark ...
Er wandte sich ab und trat an das grün überdeckte Gitter.
Er sah nichts von der Welt draußen, die, übergossen vom raschen,
starken Regen, nun geduckt und gewaschen stand. Die Blätter an Busch
und Baum waren niedergestrichen vom schweren Naß.
Nein, er sah nichts und fühlte immer nur dies eine als stolzen Wunsch:
standhaft handeln.
Und doch, da er bestrebt war, das heiße Blut zum ruhigen Fluß zu
zwingen, doch nahm er mechanisch auf, was geschah: Auf gelbem Rad ritt
draußen ein Mann heran und stieg ab. Die betropfte eiserne Gartenpforte
gab, als man sie öffnete und schloß, einen hellen, klirrenden Ton,
der durch die saubere Luft besonders metallisch sich schwang. Auf dem
Seitenweg des Gartens führte der Mann mit der rotgeränderten Mütze sein
gelbes Radroß neben sich.
Und zwei Minuten später hatte Jutta eine Depesche in der Hand.
„Morgen abend acht Uhr treffe ich in Kiel ein. Innigst
Mutter.“
IV
„Du hast es bequemer getroffen als ich,“ sagte Rosenfeld, da er
seinen Freund Hochhagen einmal zu einem knappen Gespräch unter vier
Augen stellen konnte; „wenn ich noch an den Apparat denke bei meiner
Verlobung! O je! Es waren die typischen Begleitumstände, die so vielen
Junggesellen den Entschluß graulich machen: Feierlichkeit mit würdigen
Reden, programmäßig vorgesehene Rührung, endlose Familienrücksichten.“
„Ja,“ lachte Hochhagen, „man geht eher über Leichen zu einer Frau, als
über ein Dutzend von Wichtigkeit aufgeplusterter Tanten.“
„Mit deinen Schwiegereltern wirst du leben können,“ prophezeite
Rosenfeld.
Sie gingen nach dem Abendessen im halbhellen, frischen Garten
umher, auf dessen Kieswegen von der Nässe des nachmittägigen
Gewitterplatzregens nichts mehr zu spüren war. In der breiten Veranda
hinter dem Hause bewegte sich die Gesellschaft, noch in der ersten
Unruhe nach dem beendeten Mahl, bei Kaffee, Schnäpsen und Zigarren.
Helles Licht strömte von dort her in den Garten.
Das herzliche Lachen von Lisbeth Rosenfeld erhob sich manchmal über
das allgemeine Stimmengeschwirr und stieg, Ton gewordene Fröhlichkeit,
empor wie eine funkelnde Rakete. Sie war begeistert vom Geheimrat
Gervasius und wußte seinen geistreichen und boshaften Munterkeiten auf
das vergnügteste zu begegnen.
„Hör mal,“ sagte Hochhagen, „wie deine Frau lacht.“
„Und um halb sieben kam sie aus ihren Kissen empor wie eine, die nach
vielwöchigen Leiden mit äußerster Anstrengung ihre letzten Kräfte
zusammensammelt,“ erzählte Rosenfeld. „Ich dachte: es geht nicht,
diesmal geht es wirklich nicht. Und nun ist sie obenauf.“
„Sie hat mir schon erklärt, daß sie total verliebt in meinen
Schwiegervater sei.“
Rosenfeld lächelte.
„Ja, das ist ihre Stärke und ihre Schwäche: diese völlige Hingabe an
den Eindruck. Nun sprüht sie vor Lebendigkeit. Heute vormittag wollte
sie vor Kopfweh sterben. Und natürlich, ich hatte schuld. Warum hatte
ich sie nicht mit roher Gewalt vom Ball geschleppt? Wenn ich ein Herr
und Mann wäre ... Na, du bist ja manchmal Ohrenzeuge gewesen. Ja,
langweilig geht es in meiner Ehe nicht gerade zu. Das kann ich wohl
sagen.“
Das klang ein bißchen zweideutig. Hochhagen wußte: Zuweilen wurde der
Freund etwas mutlos gegenüber den beständigen Barometerschwankungen in
Lisbeths Wesen.
„Was willst du! Quecksilber. Steigt und fällt. Aber man sieht es
steigen und fallen. Das ist es: immer bleibt sie dir in ihrer Art ganz
übersichtlich!“
„Nun -- freilich -- Rätsel und Dunkelheiten wie in Maltes Frau gibt es
in Lisbeth nicht. Aber als abgearbeiteter Mensch möchte man eben zu
Hause seine Ruhe haben.“
„Ich habe es am besten getroffen von uns dreien,“ dachte Hochhagen, in
der begeisterten Zuversicht des Mannes, der seit vierundzwanzig Stunden
verlobt ist.
„Du -- sag mal -- deine Braut scheint sich hingebend an Jutta
Falckenrott zu schließen.“
„Ja. Sie hat so eine rechte Mädchenschwärmerei für Jutta. Findet sie
unerhört interessant. Bemitleidet sie leidenschaftlich. Es ist mir
recht lieb. Zunächst wird Jutta ja nach Ostasien reisen. Aber wenn sie
von dort heimgekehrt sein wird, liegt immer noch fast ein Jahr weiterer
Einsamkeit vor ihr. Was könnte ihr die besser erleichtern als eine
schwesterliche Freundschaft mit meiner Frau. Lisbeth und Jutta stehen
sich gut. Aber du weißt: für traurige Herzen hat Lisbeth nicht sehr
viel Zeit. Und Renate ist eins von den weiblichen Wesen, bei denen man
gleich spürt: sie sind zum Trösten geboren.“
Seine Stimme klang ganz warm und bebte ein wenig. Die Andacht vor der
reinen Jugend seiner Braut war so neu und stark in ihm, daß sein Gemüt
sich noch nicht ganz damit eingerichtet hatte und heute beständig aus
dem Lot kam.
Rosenfeld fuhr aus längerem Nachsinnen auf.
„Wird sie denn reisen?“ fragte er langsam.
„Ich denke doch. Warum sollte sie nicht?“
„Nun vielleicht wegen der Kleinen.“
„Das war ihr erster Gedanke -- natürlich. Aber die Sehnsucht nach
dem Mann wird stärker sprechen als diese Sorge. Und das Kind kann so
vortrefflich bei Maltes Mutter untergebracht werden.“
„Glaubst du? Und du glaubst, daß es wirklich ganz ungemischt
die Sehnsucht nach Malte ist, die ihrem Wesen diese Note von
leidenschaftlicher Verschlossenheit gibt -- es ist eine gefährlich
anziehende Note ...“
„Was sollte es sonst sein?“
Sie sprachen sehr vorsichtig. Rosenfeld wagte nicht deutlicher von
seinem sorgenvollen Unbehagen zu reden; der andere traute sich nicht
einmal vor dem nächsten Kameraden seine Furcht auszusprechen. Worte
geben den leisen, fernen Dingen oft eine brutale Gestalt -- die steht
dann breit und plump im Wege, und man muß mit ihr, als mit einer
häßlichen Wirklichkeit, rechnen.
„Hektor -- Hektor,“ rief, auf den Stufen der Verandatreppe stehend,
Lisbeth über den Garten hin.
In einer Pünktlichkeit des Gehorsams, dessen Rosenfeld sich gar nicht
bewußt war, kehrte er auf der Stelle um und wandte sich dem Hause zu.
Lisbeth, Zigaretten rauchend, was sie übrigens gar nicht vertragen
konnte, brauchte Hilfe. Gegen den Geheimrat sich zu verteidigen, ging
über Frauenkraft, und sie habe doch sonst den Mund auf dem rechten
Fleck. Aber so ein Spötter ... und man unterscheide nie: Kompliment
oder Bosheit ...
So gingen ihre lachenden Reden, und der kleine, bartlose Geheimrat
mit dem glatten, graublonden Haar und mit seinen beunruhigend klugen,
durchgearbeiteten Zügen schmunzelte, und hinter seinen Brillengläsern
blitzten seine Augen scharf.
Emmich Hochhagen ging zu seiner Braut.
In der rechten Nische der an beiden Seiten abgerundeten Veranda saß
eine kleine Gruppe, die Hochhagens Augen sehr erfreulich schien.
Da war die noch jugendliche Geheimrätin, der man ihre zwei- oder
dreiundvierzig Jahre nicht ansah. Sie hatte jene ausgeglichene
Freundlichkeit im Wesen, die nur Menschen aufbringen können, die
sich ganz in Harmonie mit ihrem Leben fühlen. Ihre angenehme Art, im
Verein mit ihren sicheren Formen und der geschmackvollen Sorgfalt
ihrer Kleidung, machte ihre Erscheinung so günstig, daß man sie im
allgemeinen unter die hübschen Frauen rechnete. Emmich brachte ihr eine
starke Sympathie und Dankbarkeit entgegen. Wie gern sah er, daß seine
Schwiegermutter sich eifrig mit Jutta beschäftigte.
Die saß neben der Geheimrätin und schien mehr zu hören als selbst zu
sprechen. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht klug werden diesen Abend.
Soweit es seine Stellung als Held des kleinen Festes und als ganz und
gar glückseliger Bräutigam zuließ, hatte er die Freundin beobachtet.
Und dann immer voll Sorge gedacht: Sie ist ja gar nicht hier! Wo
waren diese Gedanken, die oft dem dunkeln Auge einen so zerstreuten,
suchenden Blick gaben? Weshalb fuhr sie oft wie im Schreck zusammen,
wenn man sie anredete? Aus welchem Grunde blieb ihr Lächeln so
erkünstelt?
Er hatte noch gar nicht mehr mit ihr sprechen können als die Worte,
die zwischen ihr und seinen Schwiegereltern und den wenigen anwesenden
Bekannten und Verwandten des Hauses vermitteln sollten.
Nun zog er sich einen Stuhl heran. -- Kante an Kante mit dem Renatens,
die neben dem Korbsofa saß und dem Gespräch der Mutter mit Jutta
zuhörte. Sie hatte dabei liebkosend Juttas Hand gehalten und manchmal
zärtlich gestreichelt. Das ließ sie nun und lehnte leise die Schulter
an die Emmichs und schob ihre Hand unter seinem Arm durch.
Für die Geheimrätin hatte die Welt einen sicheren Mittelpunkt:
ihren Mann. Nicht nur ihre Liebe machte ihn dazu. Jeden Tag, seit
vierundzwanzig Jahren, sah sie, daß ein ganzes System um ihn kreiste,
dessen Sonne er war. Studenten, Patienten hingen voller Respekt an
seinem Wort. Er war da ein so unbedingter und autoritativer Herrscher,
daß ein Blick, eine flüchtige Anordnung genügte, sein Reich in Ordnung
zu halten. Sie hatte auch schon so oft erlebt, daß Hoheiten, königliche
und andere, sich in unbedingtem Gehorsam diesem Treiben einfügten,
daß sich in ihrem Bewußtsein dies festgesetzt hatte: Wo meines Mannes
Herrschaft anfängt, hört jede andere auf. Danach hatte sie, wie von
selbst, ihr ganzes Frauenleben und ihren ganzen Hausstand gebildet
und zurechtgelegt. Sie hatte das starke Gefühl: Mir liegt es ob,
seine kostbare Persönlichkeit für das Heer der Leidenden frisch und
leistungsfähig zu erhalten.
Von diesem allen sprach sie zu Jutta und brachte viele Einzelzüge als
Beweise bei, wie wenig sie eigentlich auf den Geheimrat als Gatten,
Vater und Gesellschafter rechnen könne, sich aber ganz so eingerichtet
habe, ihn nie zu beanspruchen und doch immer für ihn da zu sein. Ein
unschuldiger Stolz auf ihre Kunst, sich seinem Berufsleben anzupassen,
zeigte sich. Wie rührte dieser Stolz den Mann, der in diesem gesegneten
Hause als Sohn aufgenommen worden war. Er drückte Renatens Arm an sich
-- in einer Bewegung des Dankes -- als habe auch das holde Kind schon
überreiches Mitverdienst an all dem Klug- und Warmabgestimmten.
„Wie beneidenswert,“ sagte Jutta; „es muß doch wundervoll sein, dem
Mann so in seinem Beruf beistehen zu können. Wenn es auch, wie Sie
sagen, hinter den Kulissen ist. Wie ruhig kann er auf der Szene
handeln, wenn er weiß: hinter den Kulissen geht alles glatt.“
„Aber Liebste, Beste, das gleiche tun doch Sie. Wenn auch in anderer
Form,“ meinte die Geheimrätin eifrig.
„Ich? ...“
„Na ja doch ... oder ist das nichts, wenn so eine junge Marinefrau ganz
allein, standhaft und geduldig den Herd bewacht -- während der Mann
weit draußen ist? Muß ich erst sagen, was alles darin liegt?“
Sie nickte ihrer Tochter zu, der künftigen Marinefrau. Und Renate
erwiderte dies mütterlich stolze Lächeln mit aufstrahlendem Blick.
Hochhagen vermied es, Jutta anzusehen ...
„Das ist anders, wie Sie sich das vorstellen,“ sprach Jutta, „Ihre
Pflichten schließen Leben und Bewegung in sich. -- Sie dürfen aktiv
sein. Ich habe nur zu warten.“ Mit so schwerem Ausdruck sagte sie es,
daß er der Geheimrätin auffiel.
Eine rasche Gutmütigkeit wallte in dem Herzen der Frau empor -- ein
flüchtiges Mitleid und Ahnen, so wie es Menschen anwandeln kann, die
eigentlich zu sehr ausgefüllt sind, um noch Anteilnahme für andere
Schicksale aufbringen zu können.
„Gott -- ja,“ dachte sie, „wenn man verliebt, jung und temperamentvoll
ist, muß es wohl schwer sein.“