Im Hause des Bezirksarztes machte Frau Rosa die ersten Gehversuche auf
Krücken gestützt und ihr Gatte half ihr bei diesem Beginnen, wobei er
sie tröstete über das unvermeidlich gewordene Ungemach, daß ein Fuß
kürzer bleiben werde. „Rosel wird halt hinken fürs weitere Leben!“
meinte Dr. von Bauerntanz. „Ich bin eben ein Pfuscher!“
„Sag' doch das nicht! Mir geschieht ganz recht, das ischt die gerechte
Strafe! Ich hab's nicht besser verdient!“
„Wieso denn, Rosel?“
Die Doktorin errötete bis an die Haarwurzeln hinauf und humpelte zum
Gatten. Die Krücken fortwerfend, setzte sie sich auf seine Knie, legte
das Köpfchen an seine Brust und begann reumütig zu beichten, daß sie
zwar sehr leichtsinnig gewesen, mit dem Feuer gespielt hätte, doch nicht
gefallen sei.
„Du warst aber doch oben allein mit ihm, Rosel?“
Erglühend gestand die Doktorin: „Ja! Verzeihe mir! Ich habe gefehlt,
fast hätte ich dem Drängen nicht widerstanden! Im letzten Augenblick
aber riß ich mich los und kaum wissend, was ich that, sprang ich, nur um
fortzukommen, in einen der eben durchlaufenden Luftbahnwagen, der mich
entführte. In der großen Aufregung vermochte ich nicht ruhig zu sitzen,
der Wagen kam ins Schwanken, ich fiel heraus und stürzte in die Tiefe!“
Still ward es in der Stube. Der Doktor kämpfe mit seinen Empfindungen
eine Weile und weinend lag sein Weib an seiner Brust.
Dann nahm er Rosas Kopf in die Hände und küßte die Gattin mit einem
langen verzeihenden Kuß auf die zitternden Lippen.
„Ich danke dir aus tiefstem Herzen für deine Gnade und Güte!“
„Still, Rosel! Es soll vergeben und vergessen sein! Warst halt ein
Gansel! Aber eine Strafe kann ich dir und dem Hansdampf nicht erlassen,
das bin ich mir und meiner Mannesehre schuldig!“
„Was verlangst du?“ fragte bestürzt die reuige Gattin.
„Frau Rosel, alias Gansel, setzt sich an ihres ehrsamen Gatten
Schreibtisch und kritzelt an jenen faden Gecken eine Epistel des
Inhalts, daß die Unterzeichnete ihrem Ehegatten reumütig alles
eingestanden und die Überzeugung gewonnen habe, nicht nur sträflich
leichtsinnig, sondern auch sehr albern gehandelt zu haben. Von tieferen
Gefühlen sei niemals etwas vorhanden gewesen und nur eine dumme Frau
konnte an dem faden Gefasel eines Schürzenjägers vorübergehend Gefallen
finden. Mit der Ihnen gebührenden Achtung ergebenste Rosa von
Bauerntanz!“
„Aber lieber Mann!“ wand Rosa ein.
„So und nicht anders wirst du schreiben. Das sei die Strafe!“
Und der Doktor trug seine Gattin zum Schreibtisch, setzte sie wie ein
Kind in den Sessel und richtete Papier und Feder zurecht. Und Frau Rosa
schrieb gehorsam die harte Epistel, die natürlich nach Frauenart ein
Postskriptum bekam, in welchem die Schreiberin einen spöttischen
Glückwunsch zur Verlobung mit Fräulein Josefine aussprach für den Fall,
daß der in seinen moralischen Anschauungen federleichte Herr
Hundertpfund es nicht vorziehe, vom Schauplatz seiner Thätigkeit
baldigst zu verschwinden.
„Echt weiblich!“ spottete der Doktor und trug dann den Brief persönlich
zur Post.
Die Wirkung dieses Briefes war am Sylvestertage die schriftliche
Kündigung des Dienstverhältnisses an den Chef der Firma Ratschiller auf
vier Wochen laut Handelsgesetz. Franz war ob dieser Kündigung nicht eben
erfreut und ging mit dem Schreiben zum Schwiegervater in spe, um ihn um
Rat zu fragen. Ehrenstraßer lachte bedeutsam und riet, die Kündigung
ohne Weiteres anzunehmen. Mehr darüber könne nicht gesagt werden. Je
eher der Mann aus der Gegend verschwinde, desto besser sei es.
Und so nahm denn Franz Ratschiller die Kündigung an und schrieb die
Stelle eines Fabrikleiters aus, die, weil gut bezahlt, auch bald wieder
besetzt werden konnte.
Vier Wochen darauf verschwand Hundertpfund ohne Abschied aus dem
Städtchen.