Der Weihnachtsabend war gekommen mit strenger Kälte und viel Schnee, in
welchem das Amtsstädtchen schier erstickte. Kaum die nötigsten Steige
waren eingeschaufelt, wer die Straße überqueren wollte, mußte waten. Das
bißchen Leben auf den erstarrten Straßen erstarb völlig, bis auf
Schneeballen werfende Jungens und wenige Gebirglerfuhrwerke zeigte sich
niemand im Freien; das Schneetreiben war zu arg.
Still ging es im Hause des Richters zu; Emmy waltete ihres Amtes als
Haushälterin, die nur ein Mädchen zur Verrichtung der groben Arbeit
hielt. Verstummt der einstige Kinderlärm, es ist still geworden wie in
einem Kloster.
Emmy richtete die wenigen Geschenke für den Vater zurecht, auf daß doch
ein klein wenig Weihnachten gefeiert werde. Die reichsdeutsche
Weihnachtsfeier mit Kerzenschimmer im Tannenbäumchen und all dem
wonnigen Zauber kannte man in Ehrenstraßers Familie nicht. Und für die
diesmaligen Weihnachten ist ja gar keine besondere Veranlassung zu einer
besonderen Feier gegeben. Der Vater einsam und verlassen wie die
Tochter, ferne die Gattin und die Kinder.
Ehrenstraßer kam früher am Nachmittag nach Hause als sonst, es war ihm
am heiligen Abend denn doch zu kahl in der Amtsstube, zu öde und einsam
bei seinen Akten. Die Geschenke für Emmy hatte er in der Kanzlei
verwahrt und trug selbe jetzt ins Haus.
„Stille Weihnachten heuer!“ meinte der Richter mit wehmütigem Lächeln
und legte die Paketchen auf den Tisch der Wohnstube.
„Verzage nicht, Vater! Es geschieht alles nach Gottes heiligem Willen
und Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als der Sterbliche tragen
kann!“
„Ja, ja! Muß schon so sein! Wie ischt's, Emmy, soll ich dir dein
Weihnachten jetzt gleich oder beim Lampenschein übergeben?“
„Bitte, lieber Vater! Es ischt traulicher beim Lampenschein!“
„Dann sorge aber, daß wir heute Punsch bekommen! Hat der Fischer den
gewünschten Karpfen geliefert?“
„Nein! Er ließ sagen, bei dieser Kälte könne er überhaupt keinen Fisch
liefern!“
„Macht auch nichts! In der Großstadt sind wir ja nicht und der Mensch
muß sich bescheiden. Aber ein Fläschchen Punsch haben wir doch?“
„Ja, ein einziges vermochte ich aufzutreiben, es war glücklich das
letzte beim Krämer!“
„Es geht nichts über eine weise Verproviantierung! Eigentlich leben wir
doch in einem richtigen Landnest!“
„Willst du fort von hier, Vater?“
„Wie kommst du auf diesen Gedanken?“
„Weil Väterchen auf unser Städtchen zu schelten beginnt, genau wie —.“
Emmy brach plötzlich ab.
„Genau wie — ja, ich weiß, was du sagen wolltest! Nein, nein, ich
empfinde keine Sehnsucht, von hier wegzukommen!“
Mehr für sich flüsterte Ehrenstraßer: „Die ersten Weihnachten seit der
Trennung! Wie es ihnen wohl ergehen mag drunten im Süden?! Außer den
Anwaltsbriefen kein Lebenszeichen! Wer hätte solchen Starrsinn für
möglich gehalten?“
Emmy näherte sich dem Vater und bat schmeichelnd, es möge Papa keine
trüben Gedanken aufkommen lassen am heiligen Abend. Noch seien ja Vater
und Tochter beisammen!
„Du bischt ein gutes Kind, Emmy! Aber versauern sollst du nicht in
unserer Einsamkeit, ich kann das nicht verantworten!“
Lächelnd erwiderte Emmy: „Vaterle will mich doch nicht gewaltsam
fortschicken?“
Die Korridorschelle begann zu klingeln, sie mußte energisch von
Männerhand gezogen worden sein.
„Doch nicht Besuch?“ meinte Ehrenstraßer und zündete für alle Fälle die
Hängelampe an, während Emmy in den Korridor hinausging, wo das
Dienstmädchen bereits die Thür geöffnet hatte und den Besucher einließ.
Trotz des schwachen Scheines des Korridorlämpchens erkannte Emmy
sogleich Herrn Ratschiller und bestürzt rief sie aus: „Franz, du?!“
„Ja, ich! Gott zum Gruß, Emmy! Ischt der Vater schon zu Hause?“
„Du willst zum Vater?“
„Ja! Und selbstverständlich auch zu dir!“ lächelte Franz Ratschiller,
entledigte sich des Mantels und Hutes, schüttelte die letzten
Schneespuren von den Stiefeln und bat munter um gnädigen Einlaß.
Verwundert öffnete Emmy die Thüre zum Wohngemach und rief hinein:
„Vater! Herr Ratschiller will uns besuchen!“
„Ei der Tausend! Willkommen!“ Dem Besucher entgegenlachend, reichte ihm
Ehrenstraßer herzlich die Hand zum Gruße und bat, Platz zu nehmen.
Franz blieb stehen und begann in feierlichem Tone zu sprechen:
„Verzeihen Herr Bezirksrichter mein spätes Eindringen! Ich kann den
heiligen Abend nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen, Fräulein Emmy,
eine innige und herzliche Bitte zu unterbreiten! Ich bitte heute um mein
Christkindl, um die Hand Emmys zum zweiten Male!“
Emmy schluchzte, überrascht stand der Vater.
„Ich kenne kein größeres Glück auf Erden als die eheliche Verbindung mit
Emmy! Gewähren Sie mir dieses Glück als Weihnachtsgabe! Meine
Verhältnisse seit jener Katastrophe kennen Sie zur Genüge, ich kann
beifügen, daß das Geschäft besser denn je geht und blüht, daß meine
Mutter völlig einverstanden ischt und von meinem Werbegang Kenntnis hat!
Ich bitte in dieser weihevollen Stunde inniglichst um Ihr ‚Ja‘, um Ihren
Vatersegen!“
Tiefe Rührung hatte sich des alten Mannes bemächtigt, zitternd sprach
er: „Ihr wiederholter Antrag ehrt mich, doch wollen Sie bedenken, was
inzwischen in meinem Hause sich ereignet hat.“
„Tief beklage ich dieses Ereignis, doch kann dasselbe mich keinen
Augenblick beirren, um die Tochter eines Ehrenmannes im edelsten Sinne
des Wortes zu bitten!“
„Ich danke Ihnen! Die Antwort selbst soll Emmy Ihnen geben!“
Ratschiller wandte sich an die Tochter, die in Thränen ausbrach.
„Emmy, willst du mich glücklich machen am Weihnachtsabend, glücklich
für ein ganzes Leben?“
„Franz! Ich liebe dich wie vordem, aber ich kann dir nicht angehören!“
Ein Wehruf entrang sich der Brust des jungen Mannes und in
leidenschaftlicher Aufwallung fragte er: „Emmy! Um Himmelswillen, warum
nicht?“
Emmy umarmte den Vater, an seiner Brust liegend, schluchzte sie: „Ich
kann doch meinen guten, alten Vater jetzt nicht verlassen! Ich bin ja
das einzige Wesen, das ihm in der Einsamkeit verbleibt!“
Ehrenstraßer küßte in tiefer Rührung den Kopf seines Lieblings und
sprach: „Nein, nein! Dieses Opfer nehme ich nicht an! Meinetwegen darf
mein Kind nicht auf ein Lebensglück verzichten! Ob ich allein bleibe
oder nicht, das hat nichts zu sagen. Viel wichtiger ischt mir, meinen
Liebling glücklich zu wissen! Herr Ratschiller, ich nehme Ihre Werbung
an und gebe meinen Segen!“
Sanft wollte Ehrenstraßer die Umarmung lösen, doch Emmy umschlang den
Vater leidenschaftlich: „Ich lasse meinen guten Vater nicht allein!“
„Sei vernünftig, Emmy! Schau, ich verliere ja dich nicht, im Gegenteil,
ich bekomme einen Sohn zur Tochter!“
Franz dankte bewegt und fügte bei, daß der Schwiegervater ja nur ins
Ratschillerhaus zu ziehen brauche, um nicht allein zu sein.