XX.

Der Weihnachtsabend war gekommen mit strenger Kälte und viel Schnee, in

welchem das Amtsstädtchen schier erstickte. Kaum die nötigsten Steige

waren eingeschaufelt, wer die Straße überqueren wollte, mußte waten. Das

bißchen Leben auf den erstarrten Straßen erstarb völlig, bis auf

Schneeballen werfende Jungens und wenige Gebirglerfuhrwerke zeigte sich

niemand im Freien; das Schneetreiben war zu arg.

Still ging es im Hause des Richters zu; Emmy waltete ihres Amtes als

Haushälterin, die nur ein Mädchen zur Verrichtung der groben Arbeit

hielt. Verstummt der einstige Kinderlärm, es ist still geworden wie in

einem Kloster.

Emmy richtete die wenigen Geschenke für den Vater zurecht, auf daß doch

ein klein wenig Weihnachten gefeiert werde. Die reichsdeutsche

Weihnachtsfeier mit Kerzenschimmer im Tannenbäumchen und all dem

wonnigen Zauber kannte man in Ehrenstraßers Familie nicht. Und für die

diesmaligen Weihnachten ist ja gar keine besondere Veranlassung zu einer

besonderen Feier gegeben. Der Vater einsam und verlassen wie die

Tochter, ferne die Gattin und die Kinder.

Ehrenstraßer kam früher am Nachmittag nach Hause als sonst, es war ihm

am heiligen Abend denn doch zu kahl in der Amtsstube, zu öde und einsam

bei seinen Akten. Die Geschenke für Emmy hatte er in der Kanzlei

verwahrt und trug selbe jetzt ins Haus.

„Stille Weihnachten heuer!“ meinte der Richter mit wehmütigem Lächeln

und legte die Paketchen auf den Tisch der Wohnstube.

„Verzage nicht, Vater! Es geschieht alles nach Gottes heiligem Willen

und Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als der Sterbliche tragen

kann!“

„Ja, ja! Muß schon so sein! Wie ischt's, Emmy, soll ich dir dein

Weihnachten jetzt gleich oder beim Lampenschein übergeben?“

„Bitte, lieber Vater! Es ischt traulicher beim Lampenschein!“

„Dann sorge aber, daß wir heute Punsch bekommen! Hat der Fischer den

gewünschten Karpfen geliefert?“

„Nein! Er ließ sagen, bei dieser Kälte könne er überhaupt keinen Fisch

liefern!“

„Macht auch nichts! In der Großstadt sind wir ja nicht und der Mensch

muß sich bescheiden. Aber ein Fläschchen Punsch haben wir doch?“

„Ja, ein einziges vermochte ich aufzutreiben, es war glücklich das

letzte beim Krämer!“

„Es geht nichts über eine weise Verproviantierung! Eigentlich leben wir

doch in einem richtigen Landnest!“

„Willst du fort von hier, Vater?“

„Wie kommst du auf diesen Gedanken?“

„Weil Väterchen auf unser Städtchen zu schelten beginnt, genau wie —.“

Emmy brach plötzlich ab.

„Genau wie — ja, ich weiß, was du sagen wolltest! Nein, nein, ich

empfinde keine Sehnsucht, von hier wegzukommen!“

Mehr für sich flüsterte Ehrenstraßer: „Die ersten Weihnachten seit der

Trennung! Wie es ihnen wohl ergehen mag drunten im Süden?! Außer den

Anwaltsbriefen kein Lebenszeichen! Wer hätte solchen Starrsinn für

möglich gehalten?“

Emmy näherte sich dem Vater und bat schmeichelnd, es möge Papa keine

trüben Gedanken aufkommen lassen am heiligen Abend. Noch seien ja Vater

und Tochter beisammen!

„Du bischt ein gutes Kind, Emmy! Aber versauern sollst du nicht in

unserer Einsamkeit, ich kann das nicht verantworten!“

Lächelnd erwiderte Emmy: „Vaterle will mich doch nicht gewaltsam

fortschicken?“

Die Korridorschelle begann zu klingeln, sie mußte energisch von

Männerhand gezogen worden sein.

„Doch nicht Besuch?“ meinte Ehrenstraßer und zündete für alle Fälle die

Hängelampe an, während Emmy in den Korridor hinausging, wo das

Dienstmädchen bereits die Thür geöffnet hatte und den Besucher einließ.

Trotz des schwachen Scheines des Korridorlämpchens erkannte Emmy

sogleich Herrn Ratschiller und bestürzt rief sie aus: „Franz, du?!“

„Ja, ich! Gott zum Gruß, Emmy! Ischt der Vater schon zu Hause?“

„Du willst zum Vater?“

„Ja! Und selbstverständlich auch zu dir!“ lächelte Franz Ratschiller,

entledigte sich des Mantels und Hutes, schüttelte die letzten

Schneespuren von den Stiefeln und bat munter um gnädigen Einlaß.

Verwundert öffnete Emmy die Thüre zum Wohngemach und rief hinein:

„Vater! Herr Ratschiller will uns besuchen!“

„Ei der Tausend! Willkommen!“ Dem Besucher entgegenlachend, reichte ihm

Ehrenstraßer herzlich die Hand zum Gruße und bat, Platz zu nehmen.

Franz blieb stehen und begann in feierlichem Tone zu sprechen:

„Verzeihen Herr Bezirksrichter mein spätes Eindringen! Ich kann den

heiligen Abend nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen, Fräulein Emmy,

eine innige und herzliche Bitte zu unterbreiten! Ich bitte heute um mein

Christkindl, um die Hand Emmys zum zweiten Male!“

Emmy schluchzte, überrascht stand der Vater.

„Ich kenne kein größeres Glück auf Erden als die eheliche Verbindung mit

Emmy! Gewähren Sie mir dieses Glück als Weihnachtsgabe! Meine

Verhältnisse seit jener Katastrophe kennen Sie zur Genüge, ich kann

beifügen, daß das Geschäft besser denn je geht und blüht, daß meine

Mutter völlig einverstanden ischt und von meinem Werbegang Kenntnis hat!

Ich bitte in dieser weihevollen Stunde inniglichst um Ihr ‚Ja‘, um Ihren

Vatersegen!“

Tiefe Rührung hatte sich des alten Mannes bemächtigt, zitternd sprach

er: „Ihr wiederholter Antrag ehrt mich, doch wollen Sie bedenken, was

inzwischen in meinem Hause sich ereignet hat.“

„Tief beklage ich dieses Ereignis, doch kann dasselbe mich keinen

Augenblick beirren, um die Tochter eines Ehrenmannes im edelsten Sinne

des Wortes zu bitten!“

„Ich danke Ihnen! Die Antwort selbst soll Emmy Ihnen geben!“

Ratschiller wandte sich an die Tochter, die in Thränen ausbrach.

„Emmy, willst du mich glücklich machen am Weihnachtsabend, glücklich

für ein ganzes Leben?“

„Franz! Ich liebe dich wie vordem, aber ich kann dir nicht angehören!“

Ein Wehruf entrang sich der Brust des jungen Mannes und in

leidenschaftlicher Aufwallung fragte er: „Emmy! Um Himmelswillen, warum

nicht?“

Emmy umarmte den Vater, an seiner Brust liegend, schluchzte sie: „Ich

kann doch meinen guten, alten Vater jetzt nicht verlassen! Ich bin ja

das einzige Wesen, das ihm in der Einsamkeit verbleibt!“

Ehrenstraßer küßte in tiefer Rührung den Kopf seines Lieblings und

sprach: „Nein, nein! Dieses Opfer nehme ich nicht an! Meinetwegen darf

mein Kind nicht auf ein Lebensglück verzichten! Ob ich allein bleibe

oder nicht, das hat nichts zu sagen. Viel wichtiger ischt mir, meinen

Liebling glücklich zu wissen! Herr Ratschiller, ich nehme Ihre Werbung

an und gebe meinen Segen!“

Sanft wollte Ehrenstraßer die Umarmung lösen, doch Emmy umschlang den

Vater leidenschaftlich: „Ich lasse meinen guten Vater nicht allein!“

„Sei vernünftig, Emmy! Schau, ich verliere ja dich nicht, im Gegenteil,

ich bekomme einen Sohn zur Tochter!“

Franz dankte bewegt und fügte bei, daß der Schwiegervater ja nur ins

Ratschillerhaus zu ziehen brauche, um nicht allein zu sein.

Bergrichters Erdenwallen · 第 37 / 40 题