Die fluchtartige Abreise der Richterin erregte im kleinen Städtchen
Sensation, die stärker wirkte, als die Verunglückung der Doktorin. An
Gesprächsstoff hatten die männlichen und weiblichen Klatschbasen sonach
keinen Mangel, nur wußten sie die Reise nicht recht zu deuten. Begehrte
Auskunftspersonen wurden daher die Dienstboten Ehrenstraßers, denen auf
Schritt und Tritt aufgelauert wurde und von welchen zu erkunden war, daß
Frau Bianca mit Kindern und Mutter wahrscheinlich für immer abgereist
sei, weil sie in dem Nest nicht mehr bleiben wollte. Diese Mitteilung
mußte den Lokalpatriotismus verletzen, sie bewirkte einen Umschwung der
öffentlichen Meinung zu gunsten des allgemein verehrten, nun treulos
verlassenen Richters. Ehrenstraßer litt schwer, doch ließ er sich durch
den Schmerz nicht beugen, er suchte und fand Trost bei seiner wackeren
Tochter und in treuer Pflichterfüllung. Lebte und arbeitete er gerne im
Städtchen, das ihm zur zweiten Heimat geworden, so liebte er das traute
Bergdomizil jetzt erst recht innig samt den damit verbundenen
Entbehrungen. Eine wehmutsvolle Liebe! Verließ ihn doch die Gattin, weil
sie zu wenig Vergnügen hatte im Städtchen.
Am Benehmen der Ortsbewohner konnte Ehrenstraßer erkennen, daß ihm eine
gesteigerte Verehrung entgegengebracht wird, eine Art Dankbarkeit, daß
doch er aushält im Städtchen, das seine genußsüchtige Frau
geringschätzte und verließ. Ein kleiner Trost freilich, aber doch ein
Trost. Der Dienst drängte die schmerzlichen Gedanken bald zurück, es
giebt im Amt keine Ruhezeiten, für einen Untersuchungsrichter schon gar
nicht, so dieser seinen Dienst genau nimmt und weiß, wie schwierig
dieses Amt ist. Pflegte doch Ehrenstraßer jüngeren Kräften stets zu
versichern, daß vom Gerichtsbeamten immer Kraft und frischester Eifer,
ausdauernde Gesundheit, umfangreiches, stets gegenwärtiges juridisches
Wissen in strafrechtlichem wie civilrechtlichem Fache, Menschenkenntnis,
gewandtes Benehmen, offener Sinn und Energie, Takt und Mut verlangt
werden, und daß erforderlichen Falles Gesundheit und Leben im Dienst
eingesetzt werden müssen.
Nach solchen Grundsätzen arbeitete Ehrenstraßer und ward dadurch seinen
unterstellten Beamten ein leuchtend Beispiel zur Nachahmung im schweren
Amte.
Der Richter war längst im gewohnten Dienstgeleise, da im Städtchen die
Wogen der Disputation noch hoch gingen, und ruhig amtierte er einen Fall
nach dem anderen. Maldoner fand sich wieder ein, um zu berichten, daß er
zwar den Dieb noch nicht abgefangen, dagegen einen seltsamen Fund
gemacht habe und zwar steckten in einer Scheunenecke zwei Säcke mit
Korn, gezeichnet M.W.
Ehrenstraßer horchte einigermaßen verwundert auf.
„Ich mein' decht, das Korn hat mir der Widschwenter Michel
heimlicherweise in die Scheune gesteckt, aber die Möhren hat er mir
decht gestohlen!“
„Dann sollten die zwei Säcke Korn wohl eine Entschädigung für die
gestohlenen Rüben sein?“
„Sell könnt' schon möglich sein!“
„Entspricht der Wert des Kornes dem Verlust an Rüben?“
„Wohl, wohl!“
„Beharrt Ihr dann noch auf der Diebstahlsanzeige?“
„Na, na! Aber wissen möcht' ich decht, ob es der Widschwenter ischt!“
„Für mich ischt der Fall nun abgethan. Ihr könnt dem Widschwenter jedoch
sagen, daß er zu mir kommen soll, ich hätte mit ihm zu reden!“
Bald nach Abgang Maldoners wurde die Post gebracht, amtliche
Schriftstücke, unter welchen Ehrenstraßer auch einen an ihn gerichteten
Privatbrief fand. Die leise Hoffnung, daß das Brieflein von Bianca sein
könnte, zerstörte sofort die ungelenke Handschrift auf der Adresse. Und
ebenso ungelenk war der Brief geschrieben, im Sinn wie in der Schrift
folgenden Inhalts.
„Gehorsamster Herr Strafrichter! So leid es mir thuet, das Sie von
Ihrer Frau verlasen worden sind, muß ich doch so freindlich sein und
anfragen, ob Sie nicht vielleicht Kleider zum Ausbessern haben. Ohne
Frau reißen oft leichter Knöpfe und Hosen. Ich bin Ihnen zwar nicht
persönlich bekannt, aber dennoch Schneider von Profession, habe mich
aber nebenbei immer mit dem Kriminal befaßt. Ich habe mir dadurch
geistig zu sehr angestrengt und bin etwas nerviös geworden, im übrigen
besitze ich einen guten Humor ohne Socialdemokrat zu sein. Nun aber
die Abreise, was nicht schön ist von Ihrer Frau und meine
Arbeitslosigkeit, von der Bauernschneiderei wird man niemals nicht
fett, macht mir so viel Sorgen, bin erst 22 Jahre alt und besitze
trotzdem eine tadellose Vergangenheit. Sie werden vielleicht denken,
ich könnte beim Schneidermeister in hiesiger Stadt Arbeit finden, dem
muß ich Ihnen entgegnen, ich bin im Kriminal gebildet, und möchte zur
Heilung das Kneip'sche Verfahren anwänden, bin deswegen in die Nähe
vom stedtischen Schwimmbad gezogen. Wenn Sie etwas Arbeit in Ihrer
Einsamkeit für mich haben, so bite ich nochmals darum, lasen Sie mir
dieselbe zukommen, vielleicht kann ich später einmal es vergelten.
Für meinen erfüllten Wunsch im Voraus dankend zeignet Hochachtend
Cyprian Tschiggfrei. Wenn Sie so gut sind, schicken Sie mir aber
keinen Schandarmen, die wenn ich sehe, werde ich immer nerviös.
Nochmals mit gehorsamster Hochachtung der Obige.“
„Den Brief heb' ich mir auf!“ flüsterte Ehrenstraßer. Eine Stunde mochte
verflossen sein, da meldete der Amtsdiener den Bauer Michael
Widschwenter.
„Soll hereinkommen!“
Durch die Thüre wand sich die hagere Gestalt Widschwenters, der in der
rechten Hand ein Taschentuch hielt und sich beim ersten Schritt in die
Amtsstube mit feierlicher Umständlichkeit das Gesicht damit abwischte.
Ehrenstraßer stutzte; die Temperatur ist nicht danach, daß sich jemand
Schweiß vom Gesicht abwischen könnte. Unwillkürlich mußte der Richter an
Aberglauben denken, der bekanntlich mancherlei Variationen speziell vor
Gericht aufweist und in dieser Erwägung achtete Ehrenstraßer scharf auf
das Verhalten dieses Bauers. Widschwenter richtete sich nach dem
Abwischen des Gesichtes etwas auf und knüpfte dann sofort einen Knoten
in das Tuch, den er fest in der Hand hielt.[12] Jetzt erst wagte es der
Bauer, den Blick auf den Richter zu lenken, und zaghaft klangen die
Worte: „Herr Stadtrichter! Ös habt's mich holen lassen!“
„Ganz richtig, Widschwenter! Ich möchte mit Euch etwas besprechen und
zwar möchte ich von Euch erfahren, warum Eure Ross' so prächtig
ausschauen!“
Der Bauer stand wie ein lebloser Holzklotz starr und blickte den Richter
an, als ob dieser in einer fremden Sprache geredet hätte.
Ehrenstraßer wiederholte den Satz, der Bauer gab kein Zeichen eines
Verständnisses. Sollte der Mann taub sein?
Der Satz wurde nun geschrieen, Widschwenter stand regungslos. Nun machte
der Richter die Probe auf Simulation der Schwerhörigkeit, indem er den
eisernen Briefbeschwerer in die Hand nahm, in scheinbarer Absicht zur
Thüre ging und im Rücken Widschwenters das schwere Eisenstück zu Boden
fallen ließ.
Der Bauer rührte sich nicht, zweifellos ist er also Simulant. Denn ein
wirklich Schwerhöriger hört solchen Lärm durch die Schallleitung des
Bodens und Körpers doch oder fühlt wenigstens die Erschütterung, der
Simulant aber glaubt, daß er dies auch nicht hören dürfe und wendet sich
daher nicht um.
Ehrenstraßer hob den Briefbeschwerer vom Boden auf und begab sich wieder
an den Schreibtisch.
Ersichtlich drückte der Bauer den Knoten im Taschentuch und richtete
einen fragenden Blick auf den Gerichtschef.
„Also der Widschwenter will heute nicht gut hören! Da müssen wir ihn
schon auf etliche Tage einsperren, vielleicht bessert sich dann das
Gehör!“ sprach der Richter absichtlich leise.
Erschrocken platzte der Simulant heraus. „Ich bitt', Herr Stadtrichter,
nur nit einsperren, ich hör' bloß auf einem Ohr nit b'sonders!“
„So, so! Also hörst jetzt doch besser, das ischt recht! Nun sag' mir,
Widschwenter, wie ischt es mit deine Ross'? Selle fressen halt
gestohlene Rüben gerne, nicht?“
„Wohl, wohl! Das ischt eine alte Sach'. Das Gras vom Nachbar macht die
Küh' viel Milch und seine Rüben die Ross' stark und gerund!“
„Also hast du dem Maldoner die Möhren genommen?“
„I hun ihm dafür zwei Sack Korn 'geben, also hat er decht keinen
Schaden!“
„Also Diebstahl aus Aberglauben! Na, der Maldoner hat die Anzeige
zurückgenommen, du hast Ersatz geleistet, bleibst aber ein Dummkopf,
weil du solche Sachen glaubst!“
„Kann schon sein, gnä' Herr! Aber helfen thuan selle Sachen decht und
das ischt die Hauptsach'! Werd' ich jötzund nit eing'sperrt?“
„Nein! Aber wenn du noch eine einzige Möhre stiehlst, holt dich der
Gendarm, merk' dir das, Widschwenter!“
„Saggra! Hätt's nit 'glaubt, daß selles Todtentüchel so wenig nutzt! Muß
decht ein Tropf g'wesen sein, seller Todter!“
Ehrenstraßer entließ schmunzelnd diesen Originalmenschen, der hastig
davontrollte, und wandte sich dann zur Erledigung der Aktenstücke.
Nachmittags sprach der Richter im Hause des Bezirksarztes Bauerntanz
vor, um sich nach dem Zustand der Doktorin zu erkundigen. Der
Bezirksarzt konnte mitteilen, die Brüche sind eingerichtet, Gipsverbände
angelegt, die Patientin ist bei Sinnen, die Gehirnerschütterung nicht so
schwer, als anfangs befürchtet wurde, doch dürfe niemand vorgelassen
werden.
„So besteht Hoffnung auf Wiederherstellung?“
„Möglich ischt es ja; das Gedächtnis ischt völlig verschwunden, meine
Frau vermag sich an nichts zu erinnern, ich quäle sie selbstverständlich
nicht mit weiteren Fragen. Wissen möchte ich aber, wie meine Frau auf
den absurden Gedanken verfallen konnte, auf der Luftbahn eine Fahrt zu
machen. Ob da nicht der Fabrikleiter dahintersteckt?“
„Zweifellos hat er die Gnädige dazu animiert.“
„Werde mir den Mann gelegentlich vorfangen!“
Weiter wollte Ehrenstraßer auf dieses Thema nicht eingehen, er empfahl
sich unter Wünschen auf baldige Genesung der Doktorin. Der Sache auf
den Grund zu gehen, ist der Richter fest entschlossen, er wittert etwas
und vermag an einen Zufall nicht zu glauben. So kam es denn zu einer
abermaligen Vernehmung; Hundertpfund wurde vorgeladen und erschien
pünktlich, wenn auch in gedrückter Stimmung, in der Kanzlei des
Gerichtsvorstandes. Ehrenstraßer, dem der Aktuar zur Protokollführung an
der Seite saß, begann das Verhör ruhig — ernst mit der Frage, weshalb
Hundertpfund die Dame zur Fahrt bewogen habe. Im verzweiflungsvollen
Tone erwiderte der Fabrikleiter. „Verzeihen Herr Bezirksrichter: Ich
kann diese Frage nicht beantworten!“
„Weshalb nicht?“
„Aus Gründen diskreter Natur!“
„Damit kommen wir nicht vom Fleck. Verweigern Sie die Antwort, so kann
ich nicht an den von Ihnen behaupteten unglücklichen Zufall glauben!“
„Um Gotteswillen! Sie werden mich doch nicht für einen Verbrecher
halten?“
„Um meine persönliche Meinung handelt es sich nicht! So lange nicht
aufgeklärt ischt, ob die Möglichkeit der Absicht zur Herbeiführung des
Sturzes besteht, ebensolange ischt der Verdacht gerechtfertigt!“
„O Gott, ich soll verdächtig sein!“ jammerte Hundertpfund.
„Es thut mir leid, doch kann ich es nicht ändern. Für das Gericht liegt
der Fall zur Stunde ohne Ihre Aufklärung folgendermaßen: Sie
unterhielten Beziehungen zur Dame, Sie lockten Sie hinauf, als Sie
mutmaßlich des Verhältnisses überdrüssig geworden, —“
„Halten Sie ein! Ich kann dies nicht anhören! Nein, tausendmal nein! Sie
verirren sich in Mutmaßungen!“
„So klären Sie die Sache auf! Oder ischt es Ihnen lieber, wenn ich nach
erfolgter Gesundung die Dame vernehme?“
„Das wäre noch schrecklicher!“
„Ich muß aber klar sehen und erfahren, ob dem Falle Absicht zu Grunde
liegt!“
„Sie wollen mich zu einer Indiskretion der Dame gegenüber zwingen!“
„Der Untersuchungsrichter darf übertriebene Rücksicht nicht üben!“
„Aber um Himmelswillen, ich kann doch nicht zugeben, daß öffentlich
bekannt wird, was geheim bleiben muß.“
„Von einer öffentlichen Bekanntgabe ischt zunächst überhaupt nicht die
Rede, es wird die Untersuchung durchgeführt. Ergiebt sich, daß der
Verdacht hinfällig wird, so wird die Untersuchung geschlossen, und
niemand erhält Kenntnis von den Aussagen der Vernommenen.“
Hundertpfund atmete auf. „So würde es ein Geheimnis bleiben, was unter
vier Augen gesprochen wurde?“
„Unter sechs Augen! Der Aktuar muß die Aussage zu Papier bringen!“
„Dann bedaure ich, nichts aussagen zu können!“
„Die Folgen haben nur Sie selbst zu tragen!“
„Und welche würden dies sein?“
„Ihre Verhaftung und die Vernehmung der Dame nach ihrer
Wiederherstellung!“
„Großer Gott! Wenn Sie nur glauben wollten, daß nur ein unglücklicher
Zufall vorliegt. Unter vier Augen will ich Ihre Frage ja beantworten, um
die Vernehmung der Dame unnötig zu machen!“
Ehrenstraßer gewährte diese Bitte und schickte den Aktuar auf kurze Zeit
hinaus.
Nach Verlauf einer Viertelstunde war Hundertpfund entlassen, und der
Richter teilte dem herbeigerufenen Aktuar mit, daß das angefangene
Vernehmungsprotokoll vernichtet werden könne.
Verwundert blickte der Aktuar auf seinen Chef.
„Ja, ich habe mich geirrt! Seit vielen Jahren wieder einmal! Unfehlbar
ischt kein Untersuchungsrichter und mir soll dieser Fall selbst im Alter
eine Witzigung sein. Man muß nicht immer Verbrechen wittern wollen!
Besorgen Sie die Vernichtung durch Verbrennen des Protokolls in meinem
Ofen hier!“
Das geschah rasch, die Flamme verzehrte gierig den Papierbogen. Bei
dieser Gelegenheit geriet der Aktuar in unsanfte Berührung mit den
zersprungenen Kacheln des wackeligen, alten Ofens, und krachend stürzte
dieser ein.
„Gott sei Dank!“ rief Ehrenstraßer. „Wie oft habe ich um Bewilligung
eines neuen Ofens petitioniert und immer vergeblich. Die Rauchqualen
werden nun für immer ein Ende haben. Schreiben Sie einen Bericht an das
Obergerichtspräsidium, daß mein Ofen eingestürzt ischt! So hat denn
alles auch eine gute Seite, damit auch mein Irrtum!“