XIX.

Die fluchtartige Abreise der Richterin erregte im kleinen Städtchen

Sensation, die stärker wirkte, als die Verunglückung der Doktorin. An

Gesprächsstoff hatten die männlichen und weiblichen Klatschbasen sonach

keinen Mangel, nur wußten sie die Reise nicht recht zu deuten. Begehrte

Auskunftspersonen wurden daher die Dienstboten Ehrenstraßers, denen auf

Schritt und Tritt aufgelauert wurde und von welchen zu erkunden war, daß

Frau Bianca mit Kindern und Mutter wahrscheinlich für immer abgereist

sei, weil sie in dem Nest nicht mehr bleiben wollte. Diese Mitteilung

mußte den Lokalpatriotismus verletzen, sie bewirkte einen Umschwung der

öffentlichen Meinung zu gunsten des allgemein verehrten, nun treulos

verlassenen Richters. Ehrenstraßer litt schwer, doch ließ er sich durch

den Schmerz nicht beugen, er suchte und fand Trost bei seiner wackeren

Tochter und in treuer Pflichterfüllung. Lebte und arbeitete er gerne im

Städtchen, das ihm zur zweiten Heimat geworden, so liebte er das traute

Bergdomizil jetzt erst recht innig samt den damit verbundenen

Entbehrungen. Eine wehmutsvolle Liebe! Verließ ihn doch die Gattin, weil

sie zu wenig Vergnügen hatte im Städtchen.

Am Benehmen der Ortsbewohner konnte Ehrenstraßer erkennen, daß ihm eine

gesteigerte Verehrung entgegengebracht wird, eine Art Dankbarkeit, daß

doch er aushält im Städtchen, das seine genußsüchtige Frau

geringschätzte und verließ. Ein kleiner Trost freilich, aber doch ein

Trost. Der Dienst drängte die schmerzlichen Gedanken bald zurück, es

giebt im Amt keine Ruhezeiten, für einen Untersuchungsrichter schon gar

nicht, so dieser seinen Dienst genau nimmt und weiß, wie schwierig

dieses Amt ist. Pflegte doch Ehrenstraßer jüngeren Kräften stets zu

versichern, daß vom Gerichtsbeamten immer Kraft und frischester Eifer,

ausdauernde Gesundheit, umfangreiches, stets gegenwärtiges juridisches

Wissen in strafrechtlichem wie civilrechtlichem Fache, Menschenkenntnis,

gewandtes Benehmen, offener Sinn und Energie, Takt und Mut verlangt

werden, und daß erforderlichen Falles Gesundheit und Leben im Dienst

eingesetzt werden müssen.

Nach solchen Grundsätzen arbeitete Ehrenstraßer und ward dadurch seinen

unterstellten Beamten ein leuchtend Beispiel zur Nachahmung im schweren

Amte.

Der Richter war längst im gewohnten Dienstgeleise, da im Städtchen die

Wogen der Disputation noch hoch gingen, und ruhig amtierte er einen Fall

nach dem anderen. Maldoner fand sich wieder ein, um zu berichten, daß er

zwar den Dieb noch nicht abgefangen, dagegen einen seltsamen Fund

gemacht habe und zwar steckten in einer Scheunenecke zwei Säcke mit

Korn, gezeichnet M.W.

Ehrenstraßer horchte einigermaßen verwundert auf.

„Ich mein' decht, das Korn hat mir der Widschwenter Michel

heimlicherweise in die Scheune gesteckt, aber die Möhren hat er mir

decht gestohlen!“

„Dann sollten die zwei Säcke Korn wohl eine Entschädigung für die

gestohlenen Rüben sein?“

„Sell könnt' schon möglich sein!“

„Entspricht der Wert des Kornes dem Verlust an Rüben?“

„Wohl, wohl!“

„Beharrt Ihr dann noch auf der Diebstahlsanzeige?“

„Na, na! Aber wissen möcht' ich decht, ob es der Widschwenter ischt!“

„Für mich ischt der Fall nun abgethan. Ihr könnt dem Widschwenter jedoch

sagen, daß er zu mir kommen soll, ich hätte mit ihm zu reden!“

Bald nach Abgang Maldoners wurde die Post gebracht, amtliche

Schriftstücke, unter welchen Ehrenstraßer auch einen an ihn gerichteten

Privatbrief fand. Die leise Hoffnung, daß das Brieflein von Bianca sein

könnte, zerstörte sofort die ungelenke Handschrift auf der Adresse. Und

ebenso ungelenk war der Brief geschrieben, im Sinn wie in der Schrift

folgenden Inhalts.

„Gehorsamster Herr Strafrichter! So leid es mir thuet, das Sie von

Ihrer Frau verlasen worden sind, muß ich doch so freindlich sein und

anfragen, ob Sie nicht vielleicht Kleider zum Ausbessern haben. Ohne

Frau reißen oft leichter Knöpfe und Hosen. Ich bin Ihnen zwar nicht

persönlich bekannt, aber dennoch Schneider von Profession, habe mich

aber nebenbei immer mit dem Kriminal befaßt. Ich habe mir dadurch

geistig zu sehr angestrengt und bin etwas nerviös geworden, im übrigen

besitze ich einen guten Humor ohne Socialdemokrat zu sein. Nun aber

die Abreise, was nicht schön ist von Ihrer Frau und meine

Arbeitslosigkeit, von der Bauernschneiderei wird man niemals nicht

fett, macht mir so viel Sorgen, bin erst 22 Jahre alt und besitze

trotzdem eine tadellose Vergangenheit. Sie werden vielleicht denken,

ich könnte beim Schneidermeister in hiesiger Stadt Arbeit finden, dem

muß ich Ihnen entgegnen, ich bin im Kriminal gebildet, und möchte zur

Heilung das Kneip'sche Verfahren anwänden, bin deswegen in die Nähe

vom stedtischen Schwimmbad gezogen. Wenn Sie etwas Arbeit in Ihrer

Einsamkeit für mich haben, so bite ich nochmals darum, lasen Sie mir

dieselbe zukommen, vielleicht kann ich später einmal es vergelten.

Für meinen erfüllten Wunsch im Voraus dankend zeignet Hochachtend

Cyprian Tschiggfrei. Wenn Sie so gut sind, schicken Sie mir aber

keinen Schandarmen, die wenn ich sehe, werde ich immer nerviös.

Nochmals mit gehorsamster Hochachtung der Obige.“

„Den Brief heb' ich mir auf!“ flüsterte Ehrenstraßer. Eine Stunde mochte

verflossen sein, da meldete der Amtsdiener den Bauer Michael

Widschwenter.

„Soll hereinkommen!“

Durch die Thüre wand sich die hagere Gestalt Widschwenters, der in der

rechten Hand ein Taschentuch hielt und sich beim ersten Schritt in die

Amtsstube mit feierlicher Umständlichkeit das Gesicht damit abwischte.

Ehrenstraßer stutzte; die Temperatur ist nicht danach, daß sich jemand

Schweiß vom Gesicht abwischen könnte. Unwillkürlich mußte der Richter an

Aberglauben denken, der bekanntlich mancherlei Variationen speziell vor

Gericht aufweist und in dieser Erwägung achtete Ehrenstraßer scharf auf

das Verhalten dieses Bauers. Widschwenter richtete sich nach dem

Abwischen des Gesichtes etwas auf und knüpfte dann sofort einen Knoten

in das Tuch, den er fest in der Hand hielt.[12] Jetzt erst wagte es der

Bauer, den Blick auf den Richter zu lenken, und zaghaft klangen die

Worte: „Herr Stadtrichter! Ös habt's mich holen lassen!“

„Ganz richtig, Widschwenter! Ich möchte mit Euch etwas besprechen und

zwar möchte ich von Euch erfahren, warum Eure Ross' so prächtig

ausschauen!“

Der Bauer stand wie ein lebloser Holzklotz starr und blickte den Richter

an, als ob dieser in einer fremden Sprache geredet hätte.

Ehrenstraßer wiederholte den Satz, der Bauer gab kein Zeichen eines

Verständnisses. Sollte der Mann taub sein?

Der Satz wurde nun geschrieen, Widschwenter stand regungslos. Nun machte

der Richter die Probe auf Simulation der Schwerhörigkeit, indem er den

eisernen Briefbeschwerer in die Hand nahm, in scheinbarer Absicht zur

Thüre ging und im Rücken Widschwenters das schwere Eisenstück zu Boden

fallen ließ.

Der Bauer rührte sich nicht, zweifellos ist er also Simulant. Denn ein

wirklich Schwerhöriger hört solchen Lärm durch die Schallleitung des

Bodens und Körpers doch oder fühlt wenigstens die Erschütterung, der

Simulant aber glaubt, daß er dies auch nicht hören dürfe und wendet sich

daher nicht um.

Ehrenstraßer hob den Briefbeschwerer vom Boden auf und begab sich wieder

an den Schreibtisch.

Ersichtlich drückte der Bauer den Knoten im Taschentuch und richtete

einen fragenden Blick auf den Gerichtschef.

„Also der Widschwenter will heute nicht gut hören! Da müssen wir ihn

schon auf etliche Tage einsperren, vielleicht bessert sich dann das

Gehör!“ sprach der Richter absichtlich leise.

Erschrocken platzte der Simulant heraus. „Ich bitt', Herr Stadtrichter,

nur nit einsperren, ich hör' bloß auf einem Ohr nit b'sonders!“

„So, so! Also hörst jetzt doch besser, das ischt recht! Nun sag' mir,

Widschwenter, wie ischt es mit deine Ross'? Selle fressen halt

gestohlene Rüben gerne, nicht?“

„Wohl, wohl! Das ischt eine alte Sach'. Das Gras vom Nachbar macht die

Küh' viel Milch und seine Rüben die Ross' stark und gerund!“

„Also hast du dem Maldoner die Möhren genommen?“

„I hun ihm dafür zwei Sack Korn 'geben, also hat er decht keinen

Schaden!“

„Also Diebstahl aus Aberglauben! Na, der Maldoner hat die Anzeige

zurückgenommen, du hast Ersatz geleistet, bleibst aber ein Dummkopf,

weil du solche Sachen glaubst!“

„Kann schon sein, gnä' Herr! Aber helfen thuan selle Sachen decht und

das ischt die Hauptsach'! Werd' ich jötzund nit eing'sperrt?“

„Nein! Aber wenn du noch eine einzige Möhre stiehlst, holt dich der

Gendarm, merk' dir das, Widschwenter!“

„Saggra! Hätt's nit 'glaubt, daß selles Todtentüchel so wenig nutzt! Muß

decht ein Tropf g'wesen sein, seller Todter!“

Ehrenstraßer entließ schmunzelnd diesen Originalmenschen, der hastig

davontrollte, und wandte sich dann zur Erledigung der Aktenstücke.

Nachmittags sprach der Richter im Hause des Bezirksarztes Bauerntanz

vor, um sich nach dem Zustand der Doktorin zu erkundigen. Der

Bezirksarzt konnte mitteilen, die Brüche sind eingerichtet, Gipsverbände

angelegt, die Patientin ist bei Sinnen, die Gehirnerschütterung nicht so

schwer, als anfangs befürchtet wurde, doch dürfe niemand vorgelassen

werden.

„So besteht Hoffnung auf Wiederherstellung?“

„Möglich ischt es ja; das Gedächtnis ischt völlig verschwunden, meine

Frau vermag sich an nichts zu erinnern, ich quäle sie selbstverständlich

nicht mit weiteren Fragen. Wissen möchte ich aber, wie meine Frau auf

den absurden Gedanken verfallen konnte, auf der Luftbahn eine Fahrt zu

machen. Ob da nicht der Fabrikleiter dahintersteckt?“

„Zweifellos hat er die Gnädige dazu animiert.“

„Werde mir den Mann gelegentlich vorfangen!“

Weiter wollte Ehrenstraßer auf dieses Thema nicht eingehen, er empfahl

sich unter Wünschen auf baldige Genesung der Doktorin. Der Sache auf

den Grund zu gehen, ist der Richter fest entschlossen, er wittert etwas

und vermag an einen Zufall nicht zu glauben. So kam es denn zu einer

abermaligen Vernehmung; Hundertpfund wurde vorgeladen und erschien

pünktlich, wenn auch in gedrückter Stimmung, in der Kanzlei des

Gerichtsvorstandes. Ehrenstraßer, dem der Aktuar zur Protokollführung an

der Seite saß, begann das Verhör ruhig — ernst mit der Frage, weshalb

Hundertpfund die Dame zur Fahrt bewogen habe. Im verzweiflungsvollen

Tone erwiderte der Fabrikleiter. „Verzeihen Herr Bezirksrichter: Ich

kann diese Frage nicht beantworten!“

„Weshalb nicht?“

„Aus Gründen diskreter Natur!“

„Damit kommen wir nicht vom Fleck. Verweigern Sie die Antwort, so kann

ich nicht an den von Ihnen behaupteten unglücklichen Zufall glauben!“

„Um Gotteswillen! Sie werden mich doch nicht für einen Verbrecher

halten?“

„Um meine persönliche Meinung handelt es sich nicht! So lange nicht

aufgeklärt ischt, ob die Möglichkeit der Absicht zur Herbeiführung des

Sturzes besteht, ebensolange ischt der Verdacht gerechtfertigt!“

„O Gott, ich soll verdächtig sein!“ jammerte Hundertpfund.

„Es thut mir leid, doch kann ich es nicht ändern. Für das Gericht liegt

der Fall zur Stunde ohne Ihre Aufklärung folgendermaßen: Sie

unterhielten Beziehungen zur Dame, Sie lockten Sie hinauf, als Sie

mutmaßlich des Verhältnisses überdrüssig geworden, —“

„Halten Sie ein! Ich kann dies nicht anhören! Nein, tausendmal nein! Sie

verirren sich in Mutmaßungen!“

„So klären Sie die Sache auf! Oder ischt es Ihnen lieber, wenn ich nach

erfolgter Gesundung die Dame vernehme?“

„Das wäre noch schrecklicher!“

„Ich muß aber klar sehen und erfahren, ob dem Falle Absicht zu Grunde

liegt!“

„Sie wollen mich zu einer Indiskretion der Dame gegenüber zwingen!“

„Der Untersuchungsrichter darf übertriebene Rücksicht nicht üben!“

„Aber um Himmelswillen, ich kann doch nicht zugeben, daß öffentlich

bekannt wird, was geheim bleiben muß.“

„Von einer öffentlichen Bekanntgabe ischt zunächst überhaupt nicht die

Rede, es wird die Untersuchung durchgeführt. Ergiebt sich, daß der

Verdacht hinfällig wird, so wird die Untersuchung geschlossen, und

niemand erhält Kenntnis von den Aussagen der Vernommenen.“

Hundertpfund atmete auf. „So würde es ein Geheimnis bleiben, was unter

vier Augen gesprochen wurde?“

„Unter sechs Augen! Der Aktuar muß die Aussage zu Papier bringen!“

„Dann bedaure ich, nichts aussagen zu können!“

„Die Folgen haben nur Sie selbst zu tragen!“

„Und welche würden dies sein?“

„Ihre Verhaftung und die Vernehmung der Dame nach ihrer

Wiederherstellung!“

„Großer Gott! Wenn Sie nur glauben wollten, daß nur ein unglücklicher

Zufall vorliegt. Unter vier Augen will ich Ihre Frage ja beantworten, um

die Vernehmung der Dame unnötig zu machen!“

Ehrenstraßer gewährte diese Bitte und schickte den Aktuar auf kurze Zeit

hinaus.

Nach Verlauf einer Viertelstunde war Hundertpfund entlassen, und der

Richter teilte dem herbeigerufenen Aktuar mit, daß das angefangene

Vernehmungsprotokoll vernichtet werden könne.

Verwundert blickte der Aktuar auf seinen Chef.

„Ja, ich habe mich geirrt! Seit vielen Jahren wieder einmal! Unfehlbar

ischt kein Untersuchungsrichter und mir soll dieser Fall selbst im Alter

eine Witzigung sein. Man muß nicht immer Verbrechen wittern wollen!

Besorgen Sie die Vernichtung durch Verbrennen des Protokolls in meinem

Ofen hier!“

Das geschah rasch, die Flamme verzehrte gierig den Papierbogen. Bei

dieser Gelegenheit geriet der Aktuar in unsanfte Berührung mit den

zersprungenen Kacheln des wackeligen, alten Ofens, und krachend stürzte

dieser ein.

„Gott sei Dank!“ rief Ehrenstraßer. „Wie oft habe ich um Bewilligung

eines neuen Ofens petitioniert und immer vergeblich. Die Rauchqualen

werden nun für immer ein Ende haben. Schreiben Sie einen Bericht an das

Obergerichtspräsidium, daß mein Ofen eingestürzt ischt! So hat denn

alles auch eine gute Seite, damit auch mein Irrtum!“

Bergrichters Erdenwallen · 第 36 / 40 题