XVIII.

Die trüben Gedanken Ehrenstraßers wurden zurückgedrängt durch einen

Besuch in der Kanzlei. Ein Bauer, namens Maldoner, dessen Gehöft in

nächster Nähe des Städtchens liegt, stolperte unbeholfen und verlegen in

die Amtsstube, drehte den Hut im Kreise und blieb vor dem Richter

stehen.

„Nun, Maldoner, was bringt Ihr oder was wollt Ihr von mir?“

„Herr Stadtrichter! Ich hätt' eine große Bitt'!“

„So sprecht nur frei von der Leber weg!“

„Schon! Aber es ischt eine heikle Sach'! Wissen S', Herr Stadtrichter:

Ich hunn öppas (etwas) Ruben (Rüben) an'baut, schöne Möhren sind's

worden, aber fechsen kann ich selle nit!“

„Warum denn nicht?“

„Gleich nit zum glauben! Selle Möhren werden alleweil weniger und decht

hun ich selle nit geholt!“

„Ihr meint also, daß sie Euch gestohlen werden?“

„Könnt' schon sein! Ich hätt's auch nit gedenkt, daß es möglich wär' vom

Nachbar!“

„Wer ischt Euer Nachbar?“

„Der Widschwenter Michel war' es, wenn Euer Gnaden nix dagegen hätten!“

„Ihr glaubt also, dieser Widschwenter stiehlt Eure Rüben! Wenn ich nicht

irre, ischt besagter Widschwenter ein gutsituierter Mann, von dem ich

nicht glauben kann, daß er Rüben stiehlt!“

„Gesehen hun ich ihn freilich nit beim Stehlen! Wenn ich aber mein

Rubenfeld anschaue, kann's decht nit anders sein, als daß die Möhren

gestohlen werden!“

„Kann der Diebstahl nicht von anderer Seite verübt werden?“

„Ich glaub' nit!“

„Warum nicht?“

„Weil ein anderer Dieb decht zu weit zu gehen hätt'!“

„Habt Ihr sonst keinen Verdacht?“

„Gleich nur auf den Widschwenter!“

„Warum soll dieser anständige Mann just ein Möhrendieb sein?“

„Weil seine Rosse gar so viel gut ausschauen!“

Ehrenstraßer blickte den Bauer verwundert an; solche Folgerung

überrascht den alten Richter, dessen weitere Fragen und Folgerungen

jedoch keinen Erfolg haben.

Maldoner bleibt bei seiner Mutmaßung und seine Äußerungen drehen sich im

gleichbleibenden Kreise.

Der Richter notiert sich den Fall und belehrt den Bauer dahin, daß alle

Vorbereitungen getroffen werden sollen, um den Dieb in flagranti

abzufassen. Einige Nächte werde Maldoner doch wohl opfern können und

aufpassen. Gelingt es, den Dieb zu erwischen, so solle sogleich Anzeige

erstattet werden. Damit war Maldoner entlassen.

Den Richter beschäftigte die seltsame Äußerung Maldoners, das sonderbare

Motiv eines Rübendiebstahles zu recherchieren und eine oder mehrere

Nachtpatrouillen in der Weise einzuleiten, daß jene zwei Gehöfte

überwacht werden.

„Herr Bezirksrichter! Haben S' das Unglück schon gehört?“ Mit diesen

Worden stürzte Perathoner, der dicke Amtsdiener in die Kanzlei und

fuchtelte erregt mit den Armen in der Luft.

„Was ischt geschehen?“

„Grad hab' ich's gehört! Das Drahtseil der Luftbahn soll gerissen sein,

oder sonst ein Unglück und die Frau von Bauerntanz ischt aus einem

Luftwägele herabgefallen!“

„Nicht möglich! Tot?“

„Ich weiß sonst nichts Näheres!“

Eine Flut von Gedanken stürmte auf den betroffenen Richter ein, welcher

zum Gendarmerielokal eilte, um Näheres über die Unglücksstelle zu

erfahren. Wie kam die Doktorin in einen Luftbahnwagen? Welches Motiv

liegt da zu Grunde? Ist es ein Unglücksfall? Oder ist ein Verbrechen

verübt worden? Im Gendarmerielokal erfuhr Ehrenstraßer von der

Wachtmeisterin lediglich, daß ihr Mann bereits zur Fabrik geeilt, Sittl

jedoch auf Patrouille sei. So blieb dem Richter nichts anderes übrig,

als zu Ratschiller zu gehen und dort Erkundigungen zu erheben. Aber im

Komptoir wußte man nichts. Ratschiller jun. ist nicht anwesend, von der

Fabrik keine Meldung da.

Ehrenstraßer ließ einen Komptoiristen telephonisch in der Fabrik

anfragen, doch erfolgte keinerlei Antwort. Somit entschloß sich der

Richter sogleich, über den Sattel bergeinwärts zu gehen, schickte aber

vorsichtshalber zum Bezirksamt und ließ Träger requirieren.

Ein Stündchen später langte Ehrenstraßer schier atemlos in der

Cementfabrik an, deren Arbeiter zum Teil anwesend, zum anderen Teil auf

den Stadtberg zur Hilfeleistung geeilt sind. Genaues wußte niemand

anzugeben, und Hundertpfund, der Fabrikleiter, ist nicht da. Es hieß

lediglich, daß die Frau von Bauerntanz von einem Arbeiter blutüberströmt

unweit des Verankerungsgebäudes am Stadtberg aufgefunden wurde. Ein

Streckenarbeiter sei mit dieser Meldung zur Fabrik gelaufen, der andere

Arbeiter hingegen zur Stadt gelaufen, um den Wachtmeister zu

verständigen.

Von Bruch des Drahtseiles könne keine Rede sein, denn die Luftbahn

funktioniere tadellos und sei ununterbrochen im Betriebe.

Auf dem Wege zum Stadtberg kam dem Richter der Transport entgegen:

Arbeiter trugen die arme Frau auf einer aus Fichtenstämmchen

hergestellten Bahre, und an der Spitze des Zuges schritt Hundertpfund,

ersichtlich verstört, an der Seite des Wachtmeisters.

„Um Gotteswillen, was ischt geschehen?“ rief ihm Ehrenstraßer entgegen.

„Herr Bezirksrichter! Ein tiefbedauerliches Unglück!“ stammelte der

Fabrikleiter und trat zur Seite, um die Arbeiter mit der Tragbahre

vorbeischreiten zu lassen. Hintendrein folgte nun Hundertpfund mit

Ehrenstraßer, der Mühe hatte, seiner Erregung Herr zu werden.

„Wie kam die Doktorin auf die verrückte Idee, in einem Luftwagen

spazieren zu fahren?“ forschte der Richter.

Hundertpfund erwiderte befangen und bebenden Tones: „Ich zeigte der Frau

von Bauerntanz, die sich für unsere Luftbahn lebhaft interessierte, die

Hauptverankerung auf der Schneide des Stadtberges und animierte sie, die

an sich bei ruhigem Verhalten im Wagen gefahrlose Fahrt vom Stadtberg

hinunter zur Fabrik mit mir zu unternehmen!“

„Sie sind aber nicht herabgestürzt?“

„Ich fuhr ja nicht mit!“

„Warum nicht?“

„Wir standen im Durchlaufsraum des Verankerungsgebäudes. Frau von

Bauerntanz empfand Vergnügen an der Sache und hüpfte plötzlich in einen

durchlaufenden Wagen, der im normal raschen Laufe mit ihr davonrollte,

ehe ich mich hineinschwingen konnte. Lachend fuhr die Dame durch die

Luft im Rollwagen davon.“

„Und was thaten Sie nun?“

„Ich empfand nun doch Angst, verließ das Verankerungsgebäude und lief

dem Luftwagen nach, soweit das bestockte und bergige Terrain dies

erlaubte. Ein gellender Schrei belehrte mich, daß ein Unglück geschehen

sein mußte; ich eilte dem Gehör nach in der Richtung der Seilbahn und

fand die Dame abgestürzt am Waldboden liegen.“

„Wie erklären Sie sich diesen Sturz?“

„Mutmaßlich ein Schwindelanfall oder ein unvorsichtiges Hinausbeugen,

wodurch der Wagen umkippte!“

Ehrenstraßer fühlte sich durch diese Angaben nicht befriedigt, seine

Gedanken kehrten immer wieder zu der Frage zurück. Wie kommt die Dame

allein mit dem Fabrikleiter in jene einsame, entlegene Gegend und auf

den Gedanken, eine so waghalsige Fahrt durch die Luft zu unternehmen?

Da der Zug eben in der Fabrik anlangte, konnte Ehrenstraßer nicht

weitere Fragen an Hundertpfund richten; die bewußtlose Dame wurde in die

Dienstwohnung des Fabrikleiters gebracht und dieser selbst verlangte

telephonisch ärztliche Hilfe und Leute aus dem Krankenhause. Unterdessen

traf aber schon Dr. von Bauerntanz selbst ein, der in größter Bestürzung

an die Lagerstätte seiner Gattin trat und sich von Ehrenstraßer eine

kurze Schilderung des Thatbestandes erbat. Hundertpfund hatte sich still

entfernt.

Der ärztliche Befund ergab zunächst Arm- und Beinbruch; wahrscheinlich

auch eine Gehirnerschütterung; starke Quetschwunden am Kopf. Der

Bezirksarzt bemühte sich um seine Gattin und ein bald erschienener

Stadtarzt unterstützte ihn dabei. Ehrenstraßer besprach den Fall mit dem

Wachtmeister, welcher nur rapportieren konnte, daß er in dem Augenblick

zur Unglücksstelle gekommen sei, als der Fabrikleiter die Dame auf die

Bahre legte.

„Wie hat er sich dabei benommen?“

„Sehr aufgeregt!“

„Haben Sie etwa wahrgenommen, daß ihn Ihr Erscheinen erschreckte?“

„Mir ischt nichts Diesbezügliches aufgefallen.“

„Halten Sie es für angezeigt, daß eine Dame solche gefährliche Luftfahrt

allein unternimmt?“

„Nein, Herr Bezirksrichter!“

Ehrenstraßer begab sich, vom Wachtmeister begleitet, abermals hinauf zum

Verankerungsgebäude, um die Situation zu studieren. Regelmäßig kamen auf

dem einen Drahtseil die mit Cementfässern beladenen Wagen herauf, liefen

durch das Holzgebäude durch und rollten weiter zur großen Spannung, die

zum Bahnhofmagazin führt; auf dem anderen Seil bewegten sich in

fixierten Abständen die Wagen mit Grieskohle, wovon jedoch auch viele

leer zur Fabrik liefen. Das Durchlaufen durch das Verankerungsgebäude

vollzieht sich in kaum einer Minute. Diese Spanne Zeit würde aber

vollständig genügen, um einer Person, die bereits im Wägelchen sich

befand, das Herausspringen im allerletzten Augenblick zu gestatten,

falls diese Person eben nicht mitfahren wollte.

Hundertpfund — so kalkulierte der Richter — konnte also im durchlaufenden

Wagen gewesen sein, gleichsam um durch seine Mitfahrt die Dame zu

beruhigen, er konnte aber ebensogut auf die Rampe herausgesprungen sein,

bevor dieser Luftwagen die Station verließ.

Welches Motiv konnte er zu solchem Verhalten gehabt haben? Weshalb ließ

er die Dame die grausige Fahrt allein machen? Welchen Gewinn konnte er

erhoffen, wenn der Dame beispielsweise der Sturz das Leben kostete?

Ehrenstraßer stellte sich in Gedanken diese Fragen, doch fand er keine

Antwort darauf es hapert in der Prämisse.

Man kehrte in die Fabrik zurück; die noch immer bewußtlose Doktorin

wurde nun in die Stadt getragen. Es fiel dem Richter auf, daß sich

Hundertpfund ferne hielt; der Mann weicht also aus, doch wem gilt dies?

Will der Fabrikleiter mit dem Gatten der Doktorin nicht in Berührung

kommen oder weicht er dem Richter aus? Gesetzt den Fall, er scheut die

Begegnung mit dem Gatten, so fragt sich, weshalb er mit diesem nicht

zusammenkommen will?

Ein jäher Gedanke schoß Ehrenstraßer durch den Kopf und dieser Gedanke

läßt sich ausspinnen, an ihn reiht sich logisch die Situation im

einsamen Berge, im Verankerungsgebäude, doch reißt der Faden im Moment,

da der Richter sich fragt, weshalb der Mann die Dame allein die Fahrt

antreten ließ. Ist das Zufall oder Absicht gewesen?

Hierüber muß Klarheit geschaffen werden, wenn nicht augenblicklich, so

später.

Schon wollte Ehrenstraßer den Rückmarsch antreten, da erschien

Hundertpfund arg verstaubt an einem der Brennöfen. Die Bitte um eine

kurze Begleitung konnte der Fabrikleiter nicht gut abschlagen und so

ging Hundertpfund an der Seite des Richters ein Stück Weges mit.

„Wenn nur der unglückselige Sturz keine anderen Folgen als Knochenbrüche

haben wird!“ meinte im Gespräch Ehrenstraßer.

„Gott gebe es! Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Vorwürfe mich quälen!“

„Interessierte sich die Doktorin denn so sehr für die Luftbahn?“

„Gewiß! Schon seit längerer Zeit! Indes war es bisher nicht zu einem

Ausflug auf den Stadtberg gekommen. Und gerade die heutige erste

Besichtigung mußte ein solches Ende finden!“

„Sie haben wohl die Doktorin am Fuße des Berges erwartet?“

„Ich bitte, Herr Bezirksrichter, wollen Sie mich verhören?“

„Geben Sie rückhaltslos Antwort auf meine Fragen, so wird der Fall am

ehesten zum Abschluß gebracht werden können!“

„Sie glauben doch nicht an eine Absicht meinerseits?“

„Glauben heißt hier nichts wissen! Ich kann nicht wissen, wie sich die

Sache abgespielt hat, weil ich ja nicht dabei war. Es ischt aber meine

Pflicht Klarheit zu schaffen.“

„Großer Gott! Sie halten mich doch nicht für einen Verbrecher!“

„Wo trafen Sie die Doktorin?“

„Am Fuße des Stadtberges!“

„Zufällig?“

Hundertpfund zögerte mit der Antwort.

„Ich halte eine zufällige Begegnung nicht wahrscheinlich!“ bemerke der

Richter. „Nehmen wir also Verabredung an. Eine Verabredung setzt eine

Korrespondenz oder ein früheres Rendezvous voraus. Sie verkehrten häufig

im Doktorhause?“

„Ja, früher! Dann erfolgte eine Unterbrechung.“

Ehrenstraßer erinnerte sich jetzt an jenes seltsame Verhalten der

Doktorin und ihren jähen Abgang aus der Gesellschaft bei Ratschiller,

und forschte weiter: „Weshalb wurde der Verkehr abgebrochen?“

„Bitte, Herr Bezirksrichter, erlassen Sie mir die Antwort aus Gründen

privater Natur!“

„Gut! Wann nahmen Sie den Verkehr wieder auf?“

„Zur Zeit der Ratschiller-Katastrophe infolge einer zufälligen

Begegnung.“

„Haben Sie nicht die Empfindung, daß der Aufenthalt einer verheirateten

Dame oben auf dem Stadtberge, im Gebäude in Gegenwart eines ledigen

Herrn etwas sonderbar ischt?“

Hundertpfund bat jetzt, aus dienstlichen Gründen in die Fabrik

zurückkehren zu dürfen und diesem Ansuchen willfahrte Ehrenstraßer, der

nun auf dem Wege zur Stadt sich ganz in diesen Fall vertiefen konnte.

Der Marsch hatte Hunger und Durst erzeugt, weshalb der Richter im

„Ochsen“ zusprach und sich eine „Jause“ gönnte. In gleicher Absicht fand

sich kurz darauf der Bezirkskommissär im Gasthause ein, wiewohl dieser

Beamte auf den Richter wegen des damaligen Ausdruckes „Rabulistik“ eine

Art Privathäßle hegte. Der Kommissar gönnte sich daher ein Spottwort,

indem er auf die Anwesenheit der Ehrenstraßerschen Schwiegermutter

anspielte und beifügte, daß die welsche Gnädige wohl eine Leidenschaft

für Spazierfahrten hege.

„Wieso?“ fragte Ehrenstraßer.

„Na, vor einer Stunde ist ja Ihr ganzer Harem, Fräulein Emmy

ausgenommen, zu Wagen fort!“

„Ja, ja, ich weiß!“ log Ehrenstraßer, den ein unbehagliches Gefühl

beschlich, dann trank er das Glas aus, zahlte und entfernte sich unter

höflichem Gruß.

Jetzt langsam nach Hause zu gehen, mußte sich der Richter zwingen, er

weiß, daß ihn die neugierigen Augen jenes Beamten verfolgen und will

jeden Anschein vermeiden, als ob jene Anspielung auf die Spazierfahrt

ihm flinke Beine machen würde.

Endlich aber im Hause angekommen, macht Ehrenstraßer die Stufen doppelt

und stürmte hinauf. Welche Bescheerung!

Emmy steht in höchster Bestürzung vor geleerten Kasten, es ist kein

Zweifel möglich, daß die Stiefmutter Bianca mit den Kindern und mit Sack

und Pack das Haus verlassen hat.

„Vater! Alle sind fort! Es ischt schrecklich!“

Ehrenstraßer fand im ersten Augenblick kein Wort, sein Atem ging hastig,

die seelische Erschütterung ist zu groß. Sein Weib hat ihn verlassen

ohne ein Abschiedswort. Emmy umschlang mit den Armen den armen Vater und

flüsterte: „Nun hast du nur noch mich und ich bleibe bei dir, lieber,

guter, armer Vater!“

„Ja, du bischt ein braves Kind, das einzige Wesen, das bei mir aushält!

Daß es so kommen mußte!“ —

Bergrichters Erdenwallen · 第 35 / 40 题