Es kam fast nie vor, daß Herr Ehrenstraßer in seinem Hauswesen sich in
die Küche verirrte, meist verbrachte er die wenige freie Zeit in seiner
Studierstube oder im Wohnzimmer bei Gattin und Kindern, aus welch
letzterem ihn freilich der Lärm seiner Mädels bald wieder verjagte.
Eines Abends kehrte der Richter aus der Kanzlei nach Hause zurück, und
im Korridor seiner Wohnung vernahm er ein lebhaftes Gespräch, das ihn
veranlaßte, in die Küche zu treten. Frau Bianca dankte in ihrer
südländischen Lebhaftigkeit eben einer Bäuerin für überbrachte Butter
und einen mächtigen Topf Honig, worauf die Gebirglerin bat, es möge die
gnädige Frau Richterin ein gutes Wort beim Bezirksrichter einlegen, auf
daß er die Sache nicht so scharf nehme mit ihrem Sohne.
Ehrenstraßer stieg alles Blut zu Kopf beim Anhören dieser Worte, hastig
trat er vollends ein und in flammender Entrüstung wies er jegliche Gabe
zurück. Die auf den Tod erschrockene Bäuerin mußte augenblicklich ihre
Sachen an sich nehmen und das Haus verlassen.
„Ma, prego carissimo!“ vermochte die überraschte Gattin noch zu rufen,
dann verschlug es ihr die Rede, denn Ehrenstraßer nahm seine Frau am Arm
und zog sie in seine Studierstube, um der Gemahlin den Standpunkt
darüber klar zu machen, was es für einen Richter heißt, unbestechlich
und unantastbar in seinem Privatleben zu sein.
Bianca stand betäubt, wie erstarrt; in solcher Entrüstung, so zornig hat
sie den Gatten noch nicht gesehen. Was er alles gesagt, verstand sie
nicht, aber sie fühlte es, daß der Gemahl ihr Verhalten aufs höchste
tadelnswert findet, daß er nichts weniger denn höflich ist. Der Stolz
bäumte sich in ihr auf und im Stolzgefühl fand sie auch die Sprache
wieder, um mit welscher Verve zu protestieren, daß wegen einer solchen
Bagatelle ein solcher Spektakel aufgeschlagen werde.
„Tace!“ schrie Ehrenstraßer, „schweig!“ Die Ehre ischt des Richters
höchstes Gut, das kostbarste Juwel seine Unbestechlichkeit! Der Richter
muß tadellos, unantastbar vor der Welt und in seiner Gemeinde stehen!
Wenn du dieses Gebot nicht verstehst und fühlst, dann muß es dir
begreiflich gemacht werden und zwar in einer Weise, daß du diese Stunde
fürs ganze Leben nicht mehr vergißt!
Nicht die mindeste Kleinigkeit darf ohne Bezahlung angenommen werden!
Die Entgegennahme auch nur einer winzigen Bagatelle schändet des
Richters Ehre, macht ihn unwürdig seines heiligen Amtes! Ich beklage es
tief, daß mein eigenes Weib sich herabwürdigt, Geschenke anzunehmen, den
Versuch einer Bestechung zu dulden. Ich verbiete das auf das schärfste
und erkläre dir, daß eine Wiederholung dieser häßlichen Handlung mich
zwingen würde, die Konsequenzen in der schärfsten Art zu ziehen!“
„Sangue della Madonna!“ rief Bianca. „Das sein annuncio della divorzio,
du wollen dich lassen scheiden!“ In einer Redeflut begann die lebhafte
Frau ihren Gedanken Ausdruck zu geben, daß es unerhört sei, wegen
solcher Bagatellsachen eine solche Scene zu machen und die eigene Frau
zu mißhandeln. Und im Zorn regnete es Vorwürfe über das Jammerleben an
der Seite eines Mannes, der nichts anderes kenne als sein Amt und die
„Verfolgung armer Leute“. Das sei kein Leben mehr, wenn man selbst für
Geld schier nichts bekomme, wenn man keinen Mann zum Spazierengehen und
Vergnügen habe und gezwungen sei, jahraus und jahrein hinter den Mauern
einer durchaus ungenügenden Wohnung zu vertrauern. Dazu habe sie nicht
geheiratet! Und andere Leute seien froh, wenn ihnen von den Bauern etwas
Nützliches ins Haus gebracht werde! Das Ehrgefühl dürfe nicht
übertrieben werden, ein Happen Butter, für welches sie der Bäuerin ein
abgelegtes Kinderkleidchen schenken wollte, verdiene nicht so ein
Aufhebens. Überhaupt habe sie das Leben in der kleinen Stadt satt, schon
lange satt. Die Mädels brauchen eine bessere Schule, die hiesige genüge
keineswegs, und sie selbst in ihren besten Jahren sei nicht gewillt, in
diesem langweiligen Neste zu verbauern und zu versauern. Wolle der Herr
Gemahl in seinem übertriebenen Ehrgefühl weiter drangsalieren, gut, den
Antrag auf Scheidung könne sie selbst stellen, doch werde sie diese
Angelegenheit von einem welschen Gericht entscheiden lassen, ein
deutsches Gericht sei hierin zu befangen. Und die Mädels werde sie
selbst mitnehmen und dafür sorgen, daß sie in der Heimat der Mutter
erzogen und der Muttersprache erhalten bleiben. Mit der thränenreichen
Behauptung, daß diese Tedeschi immer Barbaren seien und bleiben, schloß
die heftige Erörterung, auf welche Ehrenstraßer lediglich erwiderte, daß
seine Kinder deutsch zu bleiben haben und seine Anordnungen auf das
strengste beachtet werden müssen.
Der Eintritt Emmys gab der aufgeregten Frau sofort Anlaß, mit einer
neuen Anklage vorzugehen, die in der Behauptung gipfelte, daß
Ehrenstraßer seine Liebe den Kindern zweiter Ehe vorenthalte und
ausschließlich Emmy zuwende, was beweise, daß er eben seine erste
verstorbene Frau noch immer liebe und die zweite Frau gröblich
vernachlässige, aus ihr lediglich einen Dienstboten machen wolle.
Erschrocken rief Emmy: „Aber, Mama! Bist du von Sinnen?“ Die Taktik
ändernd, ging Frau Bianca sofort zum Angriff gegen die Stieftochter
über, wissend, daß sie den Gatten in Emmy am schärfsten treffen könne.
Und gleich der erste Hieb brachte die Stieftochter zum schmerzlichen
Aufschreien, indem Bianca behauptete, das Heiratsprojekt habe den alten
Ratschiller in den Tod getrieben.
„Kein Wort weiter!“ gebot Ehrenstraßer, dem die Adern schwollen. Der
Anblick des Gatten mochte Bianca doch einschüchtern, sie schwieg und
rauschte hinaus.
Weinend warf sich Emmy an des Vaters Brust und auch Ehrenstraßer
zerdrückte eine Thräne im Auge. Langsam begann er dann zu sprechen, der
Tochter zu schildern, was er gelitten während der Untersuchung im Falle
Ratschiller, wie gräßlich es war, der Familie durch Aufdeckung des
Selbstmordes solch' bitteren Schmerz und pekuniären Schaden bereiten zu
müssen, und auch dem eigenen Kinde.
„Sprich nicht von mir, teurer Vater! Ich habe es überwunden!“
„Die Zeit wird den Schmerz lindern, vielleicht fügt der allmächtige Gott
doch noch euch zusammen! Ich will gerne bei Gelegenheit sehen, wie sich
bei Franz die Verhältnisse entwickelt haben!“
Ein inniger Kuß drückte den Dank und wohl auch eine stille Hoffnung
aus. Emmy verließ den herzensguten Vater.
Im Richterhause verblieb eine Schwüle zwischen den Ehegatten, die einen
schweren Sturm anzukündigen schien. Bianca brachte es fertig, zu
schweigen, sich kühl zu verhalten, und die Mädels empfanden die Spannung
so sehr, daß sie fast stumm umherschlichen und jeglichen Lärm
unterließen. Dagegen schrieb die Richterin viel und trug ihre Briefe der
Sicherheit halber selbst zur Post.
Wohl wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, doch das Verweilen am
Familientische war peinlich, man schwieg sich aus. Die fatale Situation
wurde nicht besser durch eine erhebliche Qualitätsverminderung der
Tischgerichte, die von der boshaft gewordenen Gebieterin absichtlich
herbeigeführt ward.
Eine Woche ertrug Ehrenstraßer diese Vernachlässigung, eines Tages aber
gestattete er sich eine diesbezügliche Bemerkung, auf welche sofort die
schnippische Antwort erfolgte, daß um diese Jahreszeit in solchem Nest
eben nichts Besseres zu haben sei. Genüge diese Kost dem unantastbaren
Herrn Richter nicht, so möge der gnädige Herr auswärts essen.
„Bianca, sei vernünftig!“ mahnte Ehrenstraßer.
„Bin ich! Wird nicht mehr lange dauern!“
„Was soll das heißen?“
Bianca verließ, ohne Antwort zu geben, die Stube.
Ehrenstraßer kämpfte mit sich, die Entrüstung wollte ihn übermannen. Da
war es Emmy, die seinen Zorn verscheuchte durch die liebreichen Worte:
„Lieber Vater! Es ischt ja meine Mama trotz alledem!“
Diesem Auftritte sollte alsbald eine nicht gerade angenehme Überraschung
folgen durch die Ankunft von Biancas Mutter. Frau Zuccatis Einzug in das
Richterhaus vollzog sich geräuschvoll, mit echt welschem Lärm, der durch
die Aufregung der alten Italienerin und deren Gejammer über die
unmenschliche Behandlung, so ihre arme Tochter von dem deutschen
Barbaren erlitten, noch gesteigert ward.
Diese Klagen und Verwünschungen fanden bereits auf der Treppe statt, so
daß die Parterrebewohner gleich sozusagen aus erster Hand Kenntnis von
den neuen Verhältnissen und einer drohenden Katastrophe bei Ehrenstraßer
erhielten.
Den dramatischen Höhepunkt erreichten die Lamentationen natürlich in
der Wohnung selbst, nachdem die Mädels die mitgebrachten Leckerli in die
Mündchen gesteckt erhalten hatten. Dann hielten die welschen Damen
Kriegsrat mit größter Zungengeläufigkeit, wobei beide immer gleichzeitig
sprachen und keine auf die andere hörte.
Emmy erhielt von der Ankunft der Frau Zuccati durch das Dienstmädchen
Kenntnis und im ersten Schrecken darüber flüchtete Emmy aus dem Hause zu
Papa, der sich in der Kanzlei befindet und unbedingt verständigt werden
muß.
Ehrenstraßer guckte verdutzt auf seine Tochter, das Ereignis wirkt auch
auf ihn überraschend und ließ ahnen, daß Bianca mit solcher Verstärkung
einen Schlag zu führen beabsichtige.
Der Richter hielt es für gut, sich sogleich ins Treffen zu stellen und
damit zu verhindern, daß der unausbleibliche Streit etwa im
Gerichtsgebäude zum Austrag kam. Von Emmy begleitet, begab sich
Ehrenstraßer nach Hause, und kam eben recht, um einer Tierquälerei ein
Ende zu machen, mit welcher seine Mädels eben angelegentlicht
beschäftigt waren, indem die Kinder ein Kätzchen, dessen Pfoten sie mit
Stricken gebunden hatten, „streckten“ und um so wilder jauchzten, je
jämmerlicher das gepeinigte Tier schrie.
Ein paar Hiebe mit der Flachhand um die Ohren genügten zur Beendigung
der Tierquälerei und heulend flüchteten die Mädels voraus und hinauf zur
Mutter, um deren Schutz zu erflehen. Ehrenstraßer unterdrückte die ihm
auf der Zunge liegende Bemerkung über solche Erziehungsresultate, und
schritt mit Emmy die Treppe hinauf.
Wie eine Henne ihre Küchlein, so beschützte Frau Bianca ihre Töchterchen
und hielt sie umschlungen, während Frau Zuccati sogleich den Kampf
eröffnete durch die Mitteilung in gebrochenem Deutsch, daß sie gekommen
sei, den unhaltbaren „skandalösen“ Zuständen ein Ende zu machen.
Der Ton dieser Ankündigung veranlaßte den Richter zur ironischen
Erwiderung: „Wie's beliebt Frau Zuccati!“
„Come? Was wollen Sie?“
„Zunächst begrüße ich Sie in meinem Hause! Sind Sie zu Besuch Ihrer
Tochter, meiner Frau, gekommen, heiße ich Sie willkommen! Wollen Sie
aber versuchen, Zwietracht in mein Eheleben zu bringen, so diene Ihnen
zur Kenntnis, daß ich nicht gesonnen und Mann genug bin, um jedem
derartigen Versuche ein rasches Ende zu machen!“
„Molto bene! Meine Tochter haben mir geschrieben alles! Ich wissen alles
und werden machen der misericordia eine finita! Ich Ihnen sagen, daß
filia mia nicht mehr bleiben in loco! Ich nehmen meine Tochter und ihre
Kinder mit —“
„Was wollen Sie?“ rief erregt Ehrenstraßer.
Bianca erhob sich und mit theatralischer Emphase rauschte sie auf den
Gatten zu. „Si! Meine Mutter sprechen die verità! Ich werde gehen mit
ihr! Ich habe das Leben hier satt!“
„Bianca!“ rief Ehrenstraßer in schmerzlicher Überraschung.
„Si! Gehen oder du kompetierst um Versetzung an ein Giudizio
distretturale im Trento!“
Frau Zuccati unterstützte dieses Ultimatum mit vollster Lungenkraft und
suchte die Forderung zu begründen durch den Hinweis, daß Bianca gemäß
ihrer Nationalität ein Recht besitze, in einem Lande zu leben, dessen
Sprache die ihrige sei.
„Ah! Der Nationalitätenstreit nun gar in die Ehe verpflanzt! Es wird ja
immer schöner! Warum hat denn Bianca meine Werbung um ihre Hand nicht
gleich in der ersten Stunde aus Nationalitätsgründen abgelehnt?“