XVII.

Es kam fast nie vor, daß Herr Ehrenstraßer in seinem Hauswesen sich in

die Küche verirrte, meist verbrachte er die wenige freie Zeit in seiner

Studierstube oder im Wohnzimmer bei Gattin und Kindern, aus welch

letzterem ihn freilich der Lärm seiner Mädels bald wieder verjagte.

Eines Abends kehrte der Richter aus der Kanzlei nach Hause zurück, und

im Korridor seiner Wohnung vernahm er ein lebhaftes Gespräch, das ihn

veranlaßte, in die Küche zu treten. Frau Bianca dankte in ihrer

südländischen Lebhaftigkeit eben einer Bäuerin für überbrachte Butter

und einen mächtigen Topf Honig, worauf die Gebirglerin bat, es möge die

gnädige Frau Richterin ein gutes Wort beim Bezirksrichter einlegen, auf

daß er die Sache nicht so scharf nehme mit ihrem Sohne.

Ehrenstraßer stieg alles Blut zu Kopf beim Anhören dieser Worte, hastig

trat er vollends ein und in flammender Entrüstung wies er jegliche Gabe

zurück. Die auf den Tod erschrockene Bäuerin mußte augenblicklich ihre

Sachen an sich nehmen und das Haus verlassen.

„Ma, prego carissimo!“ vermochte die überraschte Gattin noch zu rufen,

dann verschlug es ihr die Rede, denn Ehrenstraßer nahm seine Frau am Arm

und zog sie in seine Studierstube, um der Gemahlin den Standpunkt

darüber klar zu machen, was es für einen Richter heißt, unbestechlich

und unantastbar in seinem Privatleben zu sein.

Bianca stand betäubt, wie erstarrt; in solcher Entrüstung, so zornig hat

sie den Gatten noch nicht gesehen. Was er alles gesagt, verstand sie

nicht, aber sie fühlte es, daß der Gemahl ihr Verhalten aufs höchste

tadelnswert findet, daß er nichts weniger denn höflich ist. Der Stolz

bäumte sich in ihr auf und im Stolzgefühl fand sie auch die Sprache

wieder, um mit welscher Verve zu protestieren, daß wegen einer solchen

Bagatelle ein solcher Spektakel aufgeschlagen werde.

„Tace!“ schrie Ehrenstraßer, „schweig!“ Die Ehre ischt des Richters

höchstes Gut, das kostbarste Juwel seine Unbestechlichkeit! Der Richter

muß tadellos, unantastbar vor der Welt und in seiner Gemeinde stehen!

Wenn du dieses Gebot nicht verstehst und fühlst, dann muß es dir

begreiflich gemacht werden und zwar in einer Weise, daß du diese Stunde

fürs ganze Leben nicht mehr vergißt!

Nicht die mindeste Kleinigkeit darf ohne Bezahlung angenommen werden!

Die Entgegennahme auch nur einer winzigen Bagatelle schändet des

Richters Ehre, macht ihn unwürdig seines heiligen Amtes! Ich beklage es

tief, daß mein eigenes Weib sich herabwürdigt, Geschenke anzunehmen, den

Versuch einer Bestechung zu dulden. Ich verbiete das auf das schärfste

und erkläre dir, daß eine Wiederholung dieser häßlichen Handlung mich

zwingen würde, die Konsequenzen in der schärfsten Art zu ziehen!“

„Sangue della Madonna!“ rief Bianca. „Das sein annuncio della divorzio,

du wollen dich lassen scheiden!“ In einer Redeflut begann die lebhafte

Frau ihren Gedanken Ausdruck zu geben, daß es unerhört sei, wegen

solcher Bagatellsachen eine solche Scene zu machen und die eigene Frau

zu mißhandeln. Und im Zorn regnete es Vorwürfe über das Jammerleben an

der Seite eines Mannes, der nichts anderes kenne als sein Amt und die

„Verfolgung armer Leute“. Das sei kein Leben mehr, wenn man selbst für

Geld schier nichts bekomme, wenn man keinen Mann zum Spazierengehen und

Vergnügen habe und gezwungen sei, jahraus und jahrein hinter den Mauern

einer durchaus ungenügenden Wohnung zu vertrauern. Dazu habe sie nicht

geheiratet! Und andere Leute seien froh, wenn ihnen von den Bauern etwas

Nützliches ins Haus gebracht werde! Das Ehrgefühl dürfe nicht

übertrieben werden, ein Happen Butter, für welches sie der Bäuerin ein

abgelegtes Kinderkleidchen schenken wollte, verdiene nicht so ein

Aufhebens. Überhaupt habe sie das Leben in der kleinen Stadt satt, schon

lange satt. Die Mädels brauchen eine bessere Schule, die hiesige genüge

keineswegs, und sie selbst in ihren besten Jahren sei nicht gewillt, in

diesem langweiligen Neste zu verbauern und zu versauern. Wolle der Herr

Gemahl in seinem übertriebenen Ehrgefühl weiter drangsalieren, gut, den

Antrag auf Scheidung könne sie selbst stellen, doch werde sie diese

Angelegenheit von einem welschen Gericht entscheiden lassen, ein

deutsches Gericht sei hierin zu befangen. Und die Mädels werde sie

selbst mitnehmen und dafür sorgen, daß sie in der Heimat der Mutter

erzogen und der Muttersprache erhalten bleiben. Mit der thränenreichen

Behauptung, daß diese Tedeschi immer Barbaren seien und bleiben, schloß

die heftige Erörterung, auf welche Ehrenstraßer lediglich erwiderte, daß

seine Kinder deutsch zu bleiben haben und seine Anordnungen auf das

strengste beachtet werden müssen.

Der Eintritt Emmys gab der aufgeregten Frau sofort Anlaß, mit einer

neuen Anklage vorzugehen, die in der Behauptung gipfelte, daß

Ehrenstraßer seine Liebe den Kindern zweiter Ehe vorenthalte und

ausschließlich Emmy zuwende, was beweise, daß er eben seine erste

verstorbene Frau noch immer liebe und die zweite Frau gröblich

vernachlässige, aus ihr lediglich einen Dienstboten machen wolle.

Erschrocken rief Emmy: „Aber, Mama! Bist du von Sinnen?“ Die Taktik

ändernd, ging Frau Bianca sofort zum Angriff gegen die Stieftochter

über, wissend, daß sie den Gatten in Emmy am schärfsten treffen könne.

Und gleich der erste Hieb brachte die Stieftochter zum schmerzlichen

Aufschreien, indem Bianca behauptete, das Heiratsprojekt habe den alten

Ratschiller in den Tod getrieben.

„Kein Wort weiter!“ gebot Ehrenstraßer, dem die Adern schwollen. Der

Anblick des Gatten mochte Bianca doch einschüchtern, sie schwieg und

rauschte hinaus.

Weinend warf sich Emmy an des Vaters Brust und auch Ehrenstraßer

zerdrückte eine Thräne im Auge. Langsam begann er dann zu sprechen, der

Tochter zu schildern, was er gelitten während der Untersuchung im Falle

Ratschiller, wie gräßlich es war, der Familie durch Aufdeckung des

Selbstmordes solch' bitteren Schmerz und pekuniären Schaden bereiten zu

müssen, und auch dem eigenen Kinde.

„Sprich nicht von mir, teurer Vater! Ich habe es überwunden!“

„Die Zeit wird den Schmerz lindern, vielleicht fügt der allmächtige Gott

doch noch euch zusammen! Ich will gerne bei Gelegenheit sehen, wie sich

bei Franz die Verhältnisse entwickelt haben!“

Ein inniger Kuß drückte den Dank und wohl auch eine stille Hoffnung

aus. Emmy verließ den herzensguten Vater.

Im Richterhause verblieb eine Schwüle zwischen den Ehegatten, die einen

schweren Sturm anzukündigen schien. Bianca brachte es fertig, zu

schweigen, sich kühl zu verhalten, und die Mädels empfanden die Spannung

so sehr, daß sie fast stumm umherschlichen und jeglichen Lärm

unterließen. Dagegen schrieb die Richterin viel und trug ihre Briefe der

Sicherheit halber selbst zur Post.

Wohl wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, doch das Verweilen am

Familientische war peinlich, man schwieg sich aus. Die fatale Situation

wurde nicht besser durch eine erhebliche Qualitätsverminderung der

Tischgerichte, die von der boshaft gewordenen Gebieterin absichtlich

herbeigeführt ward.

Eine Woche ertrug Ehrenstraßer diese Vernachlässigung, eines Tages aber

gestattete er sich eine diesbezügliche Bemerkung, auf welche sofort die

schnippische Antwort erfolgte, daß um diese Jahreszeit in solchem Nest

eben nichts Besseres zu haben sei. Genüge diese Kost dem unantastbaren

Herrn Richter nicht, so möge der gnädige Herr auswärts essen.

„Bianca, sei vernünftig!“ mahnte Ehrenstraßer.

„Bin ich! Wird nicht mehr lange dauern!“

„Was soll das heißen?“

Bianca verließ, ohne Antwort zu geben, die Stube.

Ehrenstraßer kämpfte mit sich, die Entrüstung wollte ihn übermannen. Da

war es Emmy, die seinen Zorn verscheuchte durch die liebreichen Worte:

„Lieber Vater! Es ischt ja meine Mama trotz alledem!“

Diesem Auftritte sollte alsbald eine nicht gerade angenehme Überraschung

folgen durch die Ankunft von Biancas Mutter. Frau Zuccatis Einzug in das

Richterhaus vollzog sich geräuschvoll, mit echt welschem Lärm, der durch

die Aufregung der alten Italienerin und deren Gejammer über die

unmenschliche Behandlung, so ihre arme Tochter von dem deutschen

Barbaren erlitten, noch gesteigert ward.

Diese Klagen und Verwünschungen fanden bereits auf der Treppe statt, so

daß die Parterrebewohner gleich sozusagen aus erster Hand Kenntnis von

den neuen Verhältnissen und einer drohenden Katastrophe bei Ehrenstraßer

erhielten.

Den dramatischen Höhepunkt erreichten die Lamentationen natürlich in

der Wohnung selbst, nachdem die Mädels die mitgebrachten Leckerli in die

Mündchen gesteckt erhalten hatten. Dann hielten die welschen Damen

Kriegsrat mit größter Zungengeläufigkeit, wobei beide immer gleichzeitig

sprachen und keine auf die andere hörte.

Emmy erhielt von der Ankunft der Frau Zuccati durch das Dienstmädchen

Kenntnis und im ersten Schrecken darüber flüchtete Emmy aus dem Hause zu

Papa, der sich in der Kanzlei befindet und unbedingt verständigt werden

muß.

Ehrenstraßer guckte verdutzt auf seine Tochter, das Ereignis wirkt auch

auf ihn überraschend und ließ ahnen, daß Bianca mit solcher Verstärkung

einen Schlag zu führen beabsichtige.

Der Richter hielt es für gut, sich sogleich ins Treffen zu stellen und

damit zu verhindern, daß der unausbleibliche Streit etwa im

Gerichtsgebäude zum Austrag kam. Von Emmy begleitet, begab sich

Ehrenstraßer nach Hause, und kam eben recht, um einer Tierquälerei ein

Ende zu machen, mit welcher seine Mädels eben angelegentlicht

beschäftigt waren, indem die Kinder ein Kätzchen, dessen Pfoten sie mit

Stricken gebunden hatten, „streckten“ und um so wilder jauchzten, je

jämmerlicher das gepeinigte Tier schrie.

Ein paar Hiebe mit der Flachhand um die Ohren genügten zur Beendigung

der Tierquälerei und heulend flüchteten die Mädels voraus und hinauf zur

Mutter, um deren Schutz zu erflehen. Ehrenstraßer unterdrückte die ihm

auf der Zunge liegende Bemerkung über solche Erziehungsresultate, und

schritt mit Emmy die Treppe hinauf.

Wie eine Henne ihre Küchlein, so beschützte Frau Bianca ihre Töchterchen

und hielt sie umschlungen, während Frau Zuccati sogleich den Kampf

eröffnete durch die Mitteilung in gebrochenem Deutsch, daß sie gekommen

sei, den unhaltbaren „skandalösen“ Zuständen ein Ende zu machen.

Der Ton dieser Ankündigung veranlaßte den Richter zur ironischen

Erwiderung: „Wie's beliebt Frau Zuccati!“

„Come? Was wollen Sie?“

„Zunächst begrüße ich Sie in meinem Hause! Sind Sie zu Besuch Ihrer

Tochter, meiner Frau, gekommen, heiße ich Sie willkommen! Wollen Sie

aber versuchen, Zwietracht in mein Eheleben zu bringen, so diene Ihnen

zur Kenntnis, daß ich nicht gesonnen und Mann genug bin, um jedem

derartigen Versuche ein rasches Ende zu machen!“

„Molto bene! Meine Tochter haben mir geschrieben alles! Ich wissen alles

und werden machen der misericordia eine finita! Ich Ihnen sagen, daß

filia mia nicht mehr bleiben in loco! Ich nehmen meine Tochter und ihre

Kinder mit —“

„Was wollen Sie?“ rief erregt Ehrenstraßer.

Bianca erhob sich und mit theatralischer Emphase rauschte sie auf den

Gatten zu. „Si! Meine Mutter sprechen die verità! Ich werde gehen mit

ihr! Ich habe das Leben hier satt!“

„Bianca!“ rief Ehrenstraßer in schmerzlicher Überraschung.

„Si! Gehen oder du kompetierst um Versetzung an ein Giudizio

distretturale im Trento!“

Frau Zuccati unterstützte dieses Ultimatum mit vollster Lungenkraft und

suchte die Forderung zu begründen durch den Hinweis, daß Bianca gemäß

ihrer Nationalität ein Recht besitze, in einem Lande zu leben, dessen

Sprache die ihrige sei.

„Ah! Der Nationalitätenstreit nun gar in die Ehe verpflanzt! Es wird ja

immer schöner! Warum hat denn Bianca meine Werbung um ihre Hand nicht

gleich in der ersten Stunde aus Nationalitätsgründen abgelehnt?“

Bergrichters Erdenwallen · 第 33 / 40 题