Während die Kommissionsmitglieder vor dem Gemeindehause warteten,
nahm in der Gemeindekanzlei der Bezirksrichter den genialen
Bauernbürgermeister vor, wie es sich angesichts des verübten
Geniestreiches gebührt. Ehrenstraßer rüffelte den Mann im breitesten
Dialekt, damit der Vorsteher sicher jedes Wort verstehe, doch hatte es
Schwierigkeiten, dem Manne die begangene Dummheit begreiflich zu machen.
„Ischt denn die Anweisung falsch ankemma (angekommen)?“ fragte der
Vorsteher immer wieder.
„Deine haarsträubende Dummheit besteht ja darin, daß du das angesammelte
falsche Geld wieder ausgegeben hascht!“
„Sell hun (habe) i ja müssen!“ beteuerte der Vorsteher.
„Warum denn?“
„I hun ja decht gutes, echtes Geld für das falsche hergegeben!“
„Wieso?“
„Na ja! Der Kerschenwirschth (Wirt) hat g'sagt, i als Vorsteher müßt'
das falsche Geld konfiskalieren von Polizei wegen —“
„Und da hast du dem Wirschth für die Falsifikate echtes Geld gegeben?“
„Freilich! Sunst hätt' 's mir ja der Wirschth nöt eing'händigt! Er, hat
er g'sagt, kunnt den Schaden nit allein tragen! Er hat ja an' Wein und
sonstiges ausg'folgt und das falsche Geld dafür in Zahlung nehmen
müssen!“
Ehrenstraßer hustete ob dieser Darstellung.
„I möcht' glei' nur bitten um a milde Straf'!“
Was wollte der Richter angesichts solcher Dummheit machen! Er begann das
Verhör in praktischer Weise zu erweitern und fragte, weshalb auf dem
Senner der Kreuzalpe der Verdacht einer Münzfälschung liege.
„Weil er in der letzten Zeit viel ‚schwarzes Mehl‘ eingekauft hat!“
„Hat der Senn das schwarze Mehl selber gekauft?“
„Der Krämer sagt nein!“
„Wer hat dann gekauft?“
„Dem Senn sein G'spusi (Geliebte)!“
„Und hat selles Dirndl mit Falschgeld bezahlt?“
„Das wissen wir nit!“
Ehrenstraßer erkannte, daß von diesem Prachtexemplar eines
Dorfhäuptlings nichts weiter zu erforschen ist und die Erhebungen in
anderer Richtung angestellt werden müssen.
Verdächtig bleibt die Existenz eines weiblichen Wesens in der Sache,
denn bei Münzfälschungen wird immer ein Weib hauptsächlich die
Verbreiterin der Falsifikate sein, das ist eine alte Gerichtserfahrung.
Ehrenstraßer ließ sich sagen, wo die Dirne zu finden ist, und beendete
das Verhör mit dem Auftrage, es solle der Vorsteher so weit als möglich
die Falsifikate konfiszieren und zwar ohne dafür Entschädigung zu zahlen
und die gesammelten Münzen in einem verschlossenen Sacke an das Gericht
schicken.
Beim Dorfkrämer erfuhr der Richter lediglich, daß Ursula, des
Kreuzalpsenners Geliebte, in letzter Zeit häufig Pulver holte und
bezahlte. Daß die Silberstücke falsch waren, kam erst hinterdrein auf,
als der Krämer seine Weinschuld beim Wirt bezahlen wollte, und
verschiedene Kronenstücke als falsch beanstandet wurden.
Ehrenstraßer warf ein: „Weißt du denn, Krämer, ob gerade das von der
Ursula gezahlte Geld falsch war?“
„Das ischt decht leicht zu erraten! Das Pulver braucht der Senn decht
nur zum Wildschießen und die Urschi ischt sein Schatz! Also ischt au'
das Geld nicht in Ordnung!“
Daß die Untersuchung nun bei der Ursula beginnen muß, war klar, doch
wenig angenehm, denn es wird der Richter gezwungen sein, einen
beschwerlichen Aufstieg zur Urfahrnalm, wo die Ursula als Sennin thätig
ist, zu machen. Dazu ist es aber für den heutigen Tag zu spät, man muß
daher im Dörflein übernachten.
Die Freuden des kommissarischen Landaufenthaltes konnte Ehrenstraßer am
Abend vollauf genießen; zum Imbiß fettes, gesottenes Schaffleisch und
saueren Rötel, zur Nachtruhe ein schweres Hühnerfedernbett, dessen
Gestell um schier einen halben Meter zu kurz ist. Doch kostete dieses
Übernachten nur zehn Kreuzer pro Mann.
Der Feldzugsplan war verabredet, es marschieren der Aktuar und der
Wachtmeister zur Kreuzalpe, bleiben aber unterwegs versteckt und warten,
bis von der Alm aus der Richter mit dem Taschentuch das Zeichen zum
raschen Anmarsch giebt.
Die Besuche und ersten Erhebungen will Ehrenstraßer selbst vollführen.
Würde der Aufstieg dem Vergnügen gelten, der Ausflugstag könnte nicht
schöner sein, ein prachtvoller Morgen im schönsten Sonnenglanz, die
tiroler Wunderwelt zeigt sich in allen Zaubern, im Bergwald jubilieren
die Finken und Grasmücken, die geschäftigen Meisen piepsen ihr
allerliebstes „Zizibeh — Zizibeh“ und gucken dann dem einsamen
Bergwanderer neugierig nach.
Für die Reize der Umgebung hatte Ehrenstraßer, so sehr er sonst ein
begeisterter Naturfreund ist, diesmal wenig Sinn; ihn beschäftigt zu
sehr die Frage, auf welche Weise dem Paare beizukommen sein könnte,
wenn wirklich just bei diesen Leutchen etwas an der Sache sein sollte.
Besonders wahrscheinlich ist das nicht, wiewohl die Praxis ja solche
Fälle kennt und Falschmünzerei auf der Alp vorgekommen ist.
Höher stieg die Sonne, es ward heiß, bis Ehrenstraßer endlich die
Urfahrnalm zu Sicht bekam. Nach einem halben Stündchen war die düstere,
Kühlung verheißende Hütte erreicht, und aufatmend ließ sich der Richter
auf der Bank vor der verwitterten Hütte nieder. Niemand zu Hause, doch
steht die Thüre offen; Ehrenstraßer suchte die Umgebung ab, und
erblickte denn auch bald die Sennerin, die mit schwerem Grasbündel auf
dem Kopf von der Bergmahd zurückkam.
Entgegen sonstigem Almbrauch fiel die Begrüßung des Bergsteigers seitens
der derbknochigen Sennin Ursula frostig aus, und die Frage nach dem
Begehr klang eher abwehrend denn einladend.
„Ein Schaalerl Humorsuppe (Kaffee) könntest mir decht geben für mein
Geld und gute Worte!“ meinte lächelnd der Beamte.
„Ich hun koanen!“
„Na, so gieb mir halt einen Weidling Milch für einen Sechser!“
Ein forschender Blick streifte den Besucher, dann holte Urschi die
verlangte Milch aus dem Kellerchen und stellte sie nebst einem
Blechlöffel auf den Tisch in der Hütte, wo inzwischen Ehrenstraßer Platz
genommen hatte.
Die Geldmünze, welche der Richter sogleich auf den Tisch legte,
ignorierte Urschi, weshalb Ehrenstraßer möglichst harmlos sagte.
„Brauchst keine Angst zu haben, mein Geld ischt echt!“
Jäh wendete sich die Sennin nach dem Sprecher um und warf ihm einen
stahlharten Blick zu.
„Bischt vielleicht schon ausgeschmiert worden mit falschem Geld, weil du
so grimmig schaust?“
„Wer seid 's Ös denn, Herr?“
„Ich? O mein', ich bin gleich nur so ein Schulmeisterle aus Innsbruck
und mach' eine Spritztour!“
„So? Na, dann behalt' nur den Sechser, die Milch kostet nix!“
„Auch recht! Ich dank' halt recht schön! Unser einer muß die Kreuzer
zusammenhalten, auf daß ein Gulden d'raus wird!“
Die Sennin schien sich zu beruhigen, das anfängliche Mißtrauen wich,
das Schulmeisterle ist nicht verdächtig.
„Bischt zum erstenmal bei uns herinnen im Birg?“
„Ja! Ischt prächtig schön bei Enk! Sag' Sennin, habt Ihr viel Gamselen
im Birg?“
„Bischt du 'leicht a Jaager?“
„'s Gamselen schießen, sell wär' halt mein Leben! Aber ein alter
Schulfuchs kommt halt nicht dazu! Ein einzigesmal auf 'm Rumer Joch hab'
ich ein Gamsele g'schossen und gut ischt's 'gangen, war weit und breit
kein Jäger und kein Gendarm!“
Die Zutraulichkeit wuchs infolge dieses Geständnisses eines
Wilddiebstahles, Ursula lachte. „Hascht den Bock gut versilbern können?“
„Laß mich aus mit dem Versilbern! Weiß man denn heutzutage, welches Geld
echt ischt!“
Wieder ein forschender Blick.
„Mit dem neuen Geld ischt es ein Kreuz, die guten Silbergulden wollen
sie einziehen und die neuen Kronen kennt kein Mensch voneinander. Gleich
gestern hab' ich ein solches Stückl erwischt und hinterdrein war es
falsch.“
„Wo denn? Decht net in unserem Dörfl unten?“
„Na, na! Ischt merkwürdig: überall heißt es, das neue Geld ischt falsch
und grad daherinnen hört man davon nix!“
Ein spöttischer Zug huschte über die scharfgeschnittenen Lippen der
starkknochigen Sennin. „Kennst du 'leicht selles Geld gut auseinander?“
„Wie sollt' denn grad' ich dazukommen?!“
„Ischt es war, daß die Silbergulden ein'zogen werden sollen?“
„Die nächsten Jahr' noch nicht!“
„Da bin ich aber froh!“
„Warum?“
„Ja, wißt Herr! Bald hun' ich den zweiten Strumpf voll mit Silbergulden
und aftn kann ich heiraten!“
„Ah, da gratulier' ich!“
„Ja, ich halt' 'was drauf, lauter gutes, altes Geld, nöt so das
neumodische G'lump! Hat mir erscht vor etlichen Tägen ein Herr zwei
Kronen oder wie man's nennt, g'schenkt für 's Übernachtbehalten und
selles neumodische G'lump möcht' gern los sein!“
„Möchst wohl einen Silbergulden dafür haben?“
„Wenscht so gut sein willscht, Schulmoaster!“
„Gern!“ erwiderte der Richter und zog sein Portemonnaie hervor, um einen
Silbergulden herauszunehmen.
Daß die Sennin ihre Kronen in der Tischlade ohne besondere Verwahrung
liegen hatte, erschien verdächtig. Ehrenstraßer beobachtete die Person
sehr scharf, als sie vermied, die Geldstücke irgendwie auf dem
Ahorntisch klingen zu lassen, und selbe ihm in die Hand geben wollte.
Der Richter spürte augenblicklich, daß sich die Kronen etwas fettig
angriffen und sah den matten Schimmer; es sind also wirklich
Falsifikate. In größter Harmlosigkeit vollzog Ehrenstraßer das
Tauschgeschäft, bei welchem die Sennin eine Sicherheit bekundete, die
darauf schließen läßt, daß Urschi das Verbreiten von Falsifikaten schon
längere Zeit hindurch übte. Sonderbar bleibt nur, daß sie es bei einem
wildfremden Menschen sogar auf der Alm probiert. Vielleicht aber hält
sie den angeblichen Schulmeister für harmlos genug, den Schwindel zu
verüben.
Zufrieden mit der Durchführung seiner Rolle und den erwischten
Falsifikaten wollte Ehrenstraßer nun das Gespräch auf den Senn
überleiten, doch wich Ursula geschickt aus mit der Beteuerung, daß sie
seit Jahren nicht auf die Kreuzalm gekommen sei und den dortigen Senn
kaum einmal gesprochen hätte.
„Ischt die Fernsicht besonders schön auf der Kreuzalm oben?“
„Ich glaub' nit?“
„Na, probieren möcht' ich's decht! Jetzt bin ich schon so weit heroben,
da kommt es auf das Stünderl nimmer an!“
„Was? Ein Stünderl? Gut drei Stunden rechnet man auffi! Und sehen
thuscht nixen! Der Senn ischt a wildes Mannsbild und zum Essen kriegst
au' nixen! Ich rat' dir gut. Bleib' bei mir! Ich koch' dir an Retzel
(Schmarren, Mehlspeise) grad nobel und auf a Tupfele Schnaps kommt's mir
au' nit an!“
Diese Haltung der Urschi veranlaßte Ehrenstraßer, unverweilt
aufzubrechen, doch übte er die Vorsicht, vorzugeben, daß er noch einen
Spaziergang über den Almgrund machen und zum Essen zurückkehren wolle.
Damit durfte der Richter hoffen, Ursula auf ihre Alm zu bannen und einer
rechtzeitigen Warnung des Sennen vorzubeugen.
Eine Schwierigkeit bot freilich die Unkenntnis des zur Kreuzalp
führenden Steiges, doch wird hoffentlich die mitgeführte
Generalstabskarte Aufschluß erteilen.
„Kimm fein g'wiß wieder in einer Stund'!“ rief Urschi dem fortgehenden
vermeintlichen Schullehrer nach. Ehrenstraßer stapfte gelassen dem Walde
zu und studierte scharf das anzeigende Terrain. Ein steiniger Kuhweg
verliert sich oben am Rhododendrongestrüpp. Auf der Karte ist dieser Weg
eingezeichnet, der Richter findet auch die Höhendifferenz mit etwa 120 m
angegeben, also kann die Kreuzalm in spätestens einer Stunde erreicht
werden. Es gilt nun, den Wald schräg zu durchqueren und unterhalb der
eingesprengten Felswandeln an den Steig zu gelangen, der aufwärts führt.
Das ist nun leichter gesagt als gethan, zumal in der Mittagshitze, und
Ehrenstraßer ist kein Junger mehr. Aber ein Sohn der Berge bewahrt sich
eine gewisse Steigfähigkeit bis in späte Tage. Mag der Schweiß von der
Stirne rinnen, der Atem pfeifen, der Steiger ist im Dienst, es muß sein.
Der Wald will kein Ende nehmen; sollte sich Ehrenstraßer vergangen, im
Kreise bewegt haben? Der Zeit nach scheint dem so zu sein, die Uhr zeigt
den Umfluß von bald zwei Stunden. Eine Orientierung im Bergwald ist
nicht möglich, die Fichten verwehren jeden Ausblick. Ein Glück, daß der
allzeit vorsichtige Beamte den kleinen Kompaß in der Westentasche
stecken hat, mit dessen Hilfe und der Karte die Richtung einigermaßen
festgestellt werden kann. Richtig war es ein Abweichen nach links, statt
streng nach rechts. Schon nach weiterem halbstündigen Steigen
versperrten die Wandeln das Aufwärtsstreben, Ehrenstraßer bog daher nach
rechts vollends aus und kam an die Waldlisiere, bald darauf waren Spuren
eines verfallenen Steiges zu entdecken. Noch eine Viertelstunde scharfen
Ansteigens, da erwartete den keuchenden Richter eine Überraschung. Der
Aktuar und der Wachtmeister hielten im Schatten einer Felsnase Rast und
bei ihnen saß schimpfend — — Ursula.
Ehrenstraßer guckte, reden konnte er nicht, er mußte erst seine Lunge
in Ordnung bringen.
Die Situation wurde von den aufspringenden Kommissionsmitgliedern
sogleich aufgeklärt; der Wachtmeister glaubte die in größter Eile
heraufspringende Sennerin bis zur Ankunft des Richters unter allen
Umständen festhalten zu müssen.
„Brav gemacht, Wachtmeister! Die wackere Ursula ischt verhaftet!“
Im selben Augenblicke hatte ihr der Gendarm auch schon die Kettenfessel
um die Handgelenke gebunden. Auf die Flut von Schimpfworten achteten die
Herren weiter nicht.
Ehrenstraßer wiederholte nun die Ordre, daß die Kommission samt der
verhafteten Sennerin sehr langsam so weit vordringen sollte, bis das
optische Signal mit dem Taschentuch gesehen werden könne, und stapfte
sodann zur Kreuzalpe hinauf.
Das Herannahen eines Herrn hatte der Senn alsbald bemerkt und sein
Mißtrauen wachgerufen, doch ergriff er keineswegs die Flucht.
Ehrenstraßer that, als bewundere er die Fernsicht, er blieb absichtlich
an einer Stelle, welche einen prächtigen Fernblick gestattete, stehen.
Erst nach einer Weile trat er zur Hütte und rief hinein.
Mürrisch fragte der stämmige Bursche, was der Herr wolle, erklärte aber
rundweg, nichts verabreichen zu können, weil er nichts besitze.
Auf ein Gespräch ließ sich der verschlossene Senn nicht ein, so blieb
dem Richter nichts weiter übrig, als auf das Nahen des Gendarmen zu
warten. Die Situation war nicht eben erfreulich; will der Verdächtige
fliehen, so kann ihm die Flucht nicht verwehrt werden, es giebt noch
andere Pfade als den von der Kommission besetzten. Die Ankündigung einer
Verhaftung ist zwecklos, vielleicht verfrüht, wenn nicht gefährlich.
Auf der Bank vor der Hütte ausruhend, blickte Ehrenstraßer mit gewisser
Sehnsucht den Steig hinunter und hielt das Taschentuch zum Signalisieren
bereit. Doch ehe von seinen Leuten noch etwas zu sehen war, ertönte ein
schriller Käuzchenruf[11] aus der Tiefe herauf, der den Sennen
augenblicklich veranlaßte, herauszuspringen und Umschau zu halten.
Ehrenstraßer kannte den Warnruf und wußte, daß eingeschritten werden
müsse. „Im Namen des Gesetzes, Ihr seid verhaftet!“ rief Ehrenstraßer
und bekannte sich als den Bezirksrichter aus der Amtsstadt.
Der Senne zuckte wohl etwas zusammen, blieb aber wie angewurzelt stehen,
sein Blick galt keineswegs dem Beamten, sondern dem Schauspiel am Steig
unten. Die Kommission war im Anstieg und die gefesselte Ursula bemühte
sich, den Käuzchenruf zu wiederholen, während der Wachtmeister bestrebt
war, der Sennerin den Mund zuzuhalten. Mit einem Male kam Leben in den
kräftigen Burschen, in mächtigen Sätzen sprang er den Steig hinunter.
Ehrenstraßer schrie gellend einen Warnungsruf nach, den der Wachtmeister
sogleich hörte und beachtete.
Bevor noch der Senne den Angriff vollführen konnte, stand der Gendarm
mit dem Gewehr schon schußfertig im Anschlag. Ursula mag jetzt zetern,
so viel sie kann und will. Der Senne prallte zurück und ergab sich;
willig ließ er sich die Kette um die Handgelenke legen.
Man begab sich nun völlig hinauf zur Kreuzalpe, in deren Hütte
Ehrenstraßer die Hausdurchsuchung mit seinem Aktuar vornahm, während der
Wachtmeister das gefesselte Paar bewachte.
So viel aber der erfahrene Richter nachforschen mochte, er fand nichts,
absolut nichts vom Handwerkszeug des Falschmünzers. Schon wollte er den
Aktuar beauftragen, den nahe der Hütte angelegten Düngerhaufen mit einer
Mistgabel zu durchstochern, da fiel Ehrenstraßer an der Hängeuhr im
Stübchen auf, daß die Uhrgewichte seltsamerweise in Gradelzeug eingenäht
sind. Derlei hat der Richter noch niemals gesehen und sofort schnitt er
den grauen Stoff mit dem Federmesser durch. Welche Überraschung! Statt
der Gewichte hatte der schlaue Falschmünzer nagelneue Silberfalsifikate,
lauter falsche Kronenstücke, eingenäht und dieselben als Uhrgewicht
benutzt, die er vor Entdeckung wohl geschützt glauben mochte. Nun kann
es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß sich auf dieser Alpe auch der
Prägestock und sonstige Utensilien vorfinden müssen. Aber wo?
Ehrenstraßer hielt inne im mühsamen Suchen und überdachte die Fälle aus
der Praxis. Am häufigsten pflegen Leute zum Vergraben den Keller zu
benutzen und die Alpe hat ein Kellerchen zur Aufbewahrung von Milch und
Käse. „Aktuar, bringen Sie mir rasch einen Kübel Wasser!“ rief
Ehrenstraßer.
Nach wenigen Augenblicken war das Gewünschte zur Stelle und der Richter
begab sich damit in das Kellerchen, auf dessen Boden er reichlich und
plötzlich die Wassermenge ausgoß und die Wirkung dieses Gusses auf das
Erdreich scharf beobachtete. Richtig ist eine Stelle vorhanden, an
welcher das Wasser sehr rasch einsank und zugleich Luftblasen
ausfliegen.
Das beweist, daß hier die Erde lockerer, vor kurzem ausgegraben worden
ist.
Nun ließ sich Ehrenstraßer eine Schaufel reichen, mit welcher er zu
graben begann. Eine Viertelstunde später waren die hier vergrabenen
Utensilien gefunden, das Geheimnis ist entdeckt.
Und beim Ansichtigwerden dieser Gegenstände und Vorzeigen der an der Uhr
gefundenen Falsifikate legte der Senne ein volles Geständnis ab, das
sofort zu Protokoll genommen wurde. Das Fälscherpaar transportiert der
Wachtmeister hübsch zu Fuß nach der Amtsstadt, während der Aktuar im
Auftrage seines Chefs den Gemeindevorsteher von der zwangsweisen
Entfernung des Paares von den beiden Almen verständigte.
Es war nun Sache der betreffenden Alpbesitzer, schleunigen Ersatz zur
Wartung des Almviehes &c. hinaufzusenden.
Mit voller Befriedigung über die erfüllte Dienstpflicht konnte
Ehrenstraßer nach Hause fahren.