„Sie wissen doch, was ein Übername ischt?“
Aus dem Gesichtsausdruck konnte der Präsident ersehen, daß der Mann das
absolut nicht weiß, weshalb der Beamte darauf hinwies, daß ein Übername
gleichbedeutend mit Spitznamen oder Vulgonamen sei.
„Wissen Sie, wie die Bergbauern z.B. Sie selbst, den Gerichtskanzlisten,
unter sich zu benennen pflegen?“
Der Kanzlist schüttelte den Kopf.
„Das können wir vielleicht gleich eruieren!“ sagte der Präsident, der
sich einen Spaß versprach und den Amtsdiener beauftragte, den wartenden
Bauer hereinzubringen.
Alsbald stand der knorrige Gebirgler in der Stube, arg verlegen darüber,
daß sich außer dem ihm bekannten Kanzlisten noch ein Herr in der Kanzlei
befand.
Der Präsident fragte gleich, aus welcher Gemeinde der Bauer sei.
„Aus Latschwies, gnä' Herr!“
„Ah, kenne ich! Das ischt ja die witzigste Gemeinde von ganz Tirol! Dort
besteht die Gepflogenheit ganz besonders, jedermann mit einem Übernamen
zu belegen. Sagt 'mal, hat nicht auch der Gerichtskanzlist hier einen
Beinamen?“
„Ich wüßt' nicht, Ew. Gnaden!“ stotterte der Bauer.
„Nur grad' heraus mit der Sprache! Wie nennt Ihr, wenn Ihr zu Hause oder
im Wirtshause beim Rötel den hiesigen Gerichtskanzlisten?“
„Sell kann ich decht nicht gut sagen in der Kanzlei!“
Dem Kanzlisten wurde etwas schwül.
„Ischt der Name denn so gefährlich?“ fragte schmunzelnd der Präsident.
„Ich glaub' decht nicht, daß der Herr Kanzlist a Freud' hätt' wenn er
ihn höret!“
„So? Jetzt möchte aber schon ich auch den Namen wissen! Red' nur frei
'raus, es geschieht dir gar nichts!“
Der Latschwieser zog sich langsam und rücklings gehend zur Kanzleithüre
hin und griff nach der Klinke.
„Halt! Dageblieben! Heraus mit dem Übernamen!“ rief der amüsierte
Oberbeamte.
„Wenn's decht sein muß. _Tintenschlucker_ hoaßt er, der Herr Kanzlist!“
schrie der Bauer und sprang zur Thüre hinaus.
Der Präsident schmunzelte über das geahnte Resultat dieser kleinen
Namensforschung und tröstete den in höchster Verlegenheit stehenden, bis
über die Ohren rot gewordenen Kanzlisten. „Na, nehmen Sie es nicht zu
tragisch! Wer weiß, welche Übernamen uns selbst zugelegt sind!“
Nach diesen Worten ließ sich der Oberbeamte den Bogen reichen, welchen
der Kanzlist eben am Tisch zur Lektüre liegen hatte. Es war dies ein
Bericht einer Gemeindevorstehung im Mittelgebirge mit folgendem
Wortlaut.
„Löbliches k. k. Bezirksgerücht! Der gehorsamst Underzeichnete kann
nix dafir, das beim Gerücht gleichzeidig zwei Dirnen gleichen Namens
eingeliefert worden sind. Auf die Anfrage, ob eine der beiden Dirnen
mit Namen Anna Mayer identisch mit der im Polizeiblatt
ausgeschriebenen, berichtigten Anna Mayer sei, wird gehorsamst
erwüdert: Die eine Anna Mayer ischt mit der berichtigten und
ausgeschriebenen Anna Mayer _nahezu identisch_, die zweite Anna Mayer
ischt mit der berichtigten Anna Mayer _schon mehr als identisch_!“[9]
„Ja, die Vorsteherberichte!“ sprach der Präsident leise, legte den Bogen
wieder auf den Tisch und verließ die Amtsstube des aufatmenden
Kanzlisten.
Um dem Inspektionsbeamten bei Tisch Gesellschaft leisten zu können,
speiste Ehrenstraßer mit dem Präsident im Gasthof und nachmittags
begaben sich beide über den Sattel zur Cementfabrik.
Im langsamen Anstieg wurde der Fall Ratschiller abermals
durchgesprochen. Ehrenstraßer konnte mitteilen, daß eine Anfrage der
Triestiner Assekuranzanstalt eingelaufen sei, ob die Nachricht von dem
Raubmord, begangen an dem hochversicherten Cementfabrikanten Ratschiller
auf Wahrheit beruhe.
„Das Gericht ischt doch keine Auskunftei!“ meinte der keuchende
Oberbeamte.
„Zum mindesten wird sich die Gesellschaft bis zum Abschluß der
Untersuchung gedulden müssen.“
Ein mächtiger Knall unterbrach das Gespräch, und gleich darauf ertönten
abermals gewaltige Schüsse.
„Was ischt denn los?“ fragte der Präsident.
„Mutmaßlich Sprengschüsse!“
„Aber sehr kräftige. Wahrscheinlich Dynamit!“
„Ratschiller ließ mit dem ungleich kräftiger wirkenden Janit sprengen.“
Nach einer halben Stunde Weges erreichten die Beamten die Fabrik, welche
wie ausgestorben schien. Nirgends war ein Arbeiter zu sehen, selbst die
qualmenden Brennöfen waren ohne Bedienung. Ehrenstraßer richtete
forschende Blicke in die bergige Umgebung und gewahrte alsbald einen
Knäuel lebhaft erregter Menschen am Eibenberge.
Sogleich begaben sich die Herren ebenfalls hinauf.
Hundertpfund erblickte sie, eilte ihnen in hochgradiger Erregung
entgegen und rief. „Ein kolossaler Erfolg! Eine beispiellose
Überraschung!“