Nun vermochte Ehrenstraßer doch seine Überraschung nicht zu verbergen
und rief. „Na, also! Wenn ihr ein kirchlich getrautes Paar seid, was
wollt ihr denn dann vor Gericht?“
Der Mann stammelte beklommen: „Mit Verlaub, Herr Richter! _Verheiratet
sind wir schon, aber jedes mit einem anderen!_“
Um nicht laut auslachen zu müssen, biß sich Ehrenstraßer auf die Lippen
und winkte den Leuten, sich zu entfernen.
Die nächste Partei war eine Bergbäuerin, die ächzend einen Korb in die
Kanzlei schleppte, ihn vor dem Gerichtstisch niederstellte und über den
weiten Weg zu jammern begann.
„Willst du klagen, Weibets?“
„Freilich, Herr Rat! Der Weg ischt soviel schlecht aus 'm Graben ausser
(heraus)!“
„Ich meine, ob du gegen jemand in einer Streitsache klagen willst?“
„Ah so wohl! Freilich!“
„Wie heißt du, Bäuerin?“
Das Weib strich die Kittelfalte glatt und schwieg.
„Wie schreibst dich denn, Weibets?“
„I kann nit schreiben!“
Mit Engelsgeduld fragte Ehrenstraßer abermals nach dem Begehren. Jetzt
stand die Bäuerin auf, öffnete den Korbdeckel und sagte: „Ich thät schön
bitten, Herr Rat, es san die ersten — _kaufen S' mir den Korb schöne
Kerschen_ (Kirschen) _ab!_“
Was wollte der Richter machen! Er läutete, der Amtsdiener führte die
Bäuerin hinaus und bedeutete ihr, daß das Hausieren bei Gericht verboten
sei.
Die Uhr zeigte gegen zwölf, da trollte noch ein Bauer herein, der sich
beim Eintritt in die Kanzlei bekreuzte, eine Kniebeugung wie vor dem
Allerheiligsten im Hochaltar der Kirche machte und dann um geneigtes
Gehör bat.
„Red' nur von der Leber weg!“
„Mit Verlaub, gnä' Herr! _Ich möcht' klagen, weil meine Alte ein
furchtbares Maul hat!_“
„Was?“ rief Ehrenstraßer vor Überraschung.
„Wohl, wohl, es ischt schun so! Das Weib schimpft von früh bis spat, ich
kann der Alten gar nichts mehr recht machen!“
„Ischt denn dein Weib so eifersüchtig? Oder hast du dein Eheweib etwa
vernachlässigt?“
„Na, na, keinen Schein davon!“
„Was thust du denn, wenn das Weib schimpft?“
„Aftn (hernach) schimpf' ich ô!“
„So! Da kann ich dir nur raten. Thue so, als wenn du torret (taub)
wärest! Je ärger das Weib schimpft, desto freundlicher mußt du sein.
Deine Alte will dich wohl bloß in Zorn bringen. Gelingt ihr das nimmer,
so hört sie schon zu schimpfen auf!“
Der Bauer stand perplex, mit weit offenstehendem Mund. Dreimal
wiederholte Ehrenstraßer seine Meinung, erst zum viertenmale verstand
der Bauer so viel, daß er sein Weib „extrig guet“ behandeln solle.
Darob schüttelte der Bergler den Kopf, bekreuzte sich wieder, offenbar
aus höchstem Respekt vor Kanzlei und Richter und entfernte sich.
Der Richter aber rief ins Vorzimmer hinaus, daß jetzt Pause bis drei Uhr
nachmittags gemacht werde, die Parteien also um diese Zeit sich wieder
einfinden sollen. Dann ging Ehrenstraßer heim zu Tisch.
Die Wiederaufnahme des Dienstes am Nachmittag brachte schon in der
ersten Partei, die Ehrenstraßer persönlich bekannt ist, eine ergötzliche
Scene. Der Grillhofer aus einem Orte, der gut vier Stunden vom Städtchen
entfernt ist, bat um die Erlaubnis, seinem Herzen Luft machen zu dürfen.
Solche Einleitung kennt der Richter aus Erfahrung als sehr gefährlich in
Bezug auf epische Breite, und seufzend winkt er.
Mit entsetzlicher Weitschweifigkeit schilderte Grillhofer die Situation
daheim, die von ihm und einem Nachbar gemeinsam zu benutzende Brücke,
die Hecheleien gegenseitig &c. Zweimal habe der Nachbar nun schon die
Brücke dadurch unfahrbar gemacht, daß er Bäume aus derselben
herausgezogen und in den Bach geworfen habe.
Grillhofer machte eine Schnaufpause, die der Richter geschickt benutzte
zur Frage: „Mit welcher Klage willst du den Gegner belangen?“
„Sell müßt Ihr schon wissen, Ihr seid ja der kaiserliche Richter!“
„Na, wenn es dir recht ischt, werde ich den Gegner wegen Besitzstörung
vorladen zum nächsten Amtstag!“
„Das ischt mir schon recht!“
Nun füllte Ehrenstraßer flink einen Vorladezettel zum nächsten Amtstag
aus und wollte denselben Grillhofer einhändigen behufs Übergabe an den
Nachbar.
„Ich dank'! Aber wie ischt es mit dem Wiederkemmen (kommen)?“
„Wenn die Sache zum Austrag kommen soll, ischt beiderseitiges Erscheinen
zweckfördernd!“
„Also müßt' ich in acht Tagen wiederkemmen?“
„Freilich!“
„Na, so ischt es nicht gemeint! _Ich wollt' Enk_ (Ihnen) _nur sagen, was
für ein boshafter Mensch mein Nachbar ischt! Helfen thu' ich mir schon
selm_ (selber)! Grüß Gott, Herr!“ Und weg war der Bauer.
Ehrenstraßer atmete auf und ließ die nächste Partei vor, einen
Salinenarbeiter, der in einer wahren Zerknirschung hereinschlich und
leise zu sprechen begann, daß der Richter rief: „Red' er lauter, ich
versteh' kein Wort!“ Der Mann zuckte zusammen und blickte hilflos um
sich.
„Will Er klagen?“
Der Arbeiter schüttelte den Kopf.
„Braucht Er einen Ratschlag?“
„Ja!“
„In welcher Angelegenheit?“
Leise sprach der Salinenarbeiter:
„Das — Wählen — ischt — so — viel — schwer!“
„Das Wählen? Ja so, wir stehen ja vor der Wahl zum Reichsrat! Da soll
ich, der Richter, dir wohl gar sagen, wen du wählen sollst?“
„Sein thuet's a Elend mit 'm Wählen!“
„Mensch! Die Wahl ischt ja geheim! Es erfährt ja niemand, wen du gewählt
hascht!“
„Schun! Aber ich hab' halt decht Ängsten!“
„Unbegreiflich! Der Wahlzettel wird ja zugebogen in die Urne gegeben.
Kein Mensch kann wissen, welcher Name darauf steht!“
„Kann sein, kann aber auch nicht sein! Die Sach' ischt elend
gefährlich!“
„Wieso denn?“
„Ja, schauen S', Herr Tagrichter! Gieb' ich meine Stimm' einem
Liberalen, _so verlier' ich meine Pension als Salinenarbeiter!_“
„Heiliger Gott, welche Einfalt!“ schrie Ehrenstraßer.
„Sehen S', Herr kaiserlicher Gerichtshof, Sie sagen jetzt selber, die
Sach' ischt gefährlich!“
„O sancta simplicitas!“
„Ich bitt', reden S' um Gotteswillen nicht in einer fremden Sprach',
mich thät's gleich umbringen.“
„Bischt du denn ein Liberaler?“
„Was ischt dös?“
„Mein Lieber, für dich ischt das Beschte, du legst dich am Wahltag ins
Bett und sagst, du bischt marod! Auf diese Weis' behaltest wenigstens
ganz gewiß deine — Pension!“
„Bin ich aber jetzt froh! Ich hab' mir's gleich gedenkt, es ischt a
Elend mit 'm Liberalismus! Ich dank' halt recht schön, Herr Richter!
Und wählen thu' i' nimmer! Es ischt viel zu gefährlich! Grüß Gott!“
Ehrenstraßer mußte sich setzen, die Beine versagten den Dienst und
herzlich klang das Lachen über solche Naivität, die man nicht für
möglich halten sollte.
Eine Partei zum Amtstag war nicht mehr vorhanden, das Vorzimmer leer.
Schon wollte sich der ausatmende Richter daranmachen, einen Akt in
Angriff zu nehmen, da wurden draußen Stimmen laut und deutlich konnte
Ehrenstraßer den Amtsdiener schimpfen hören, daß die Vorladung auf den
morgigen Tag laute und man sich daher zu entfernen habe.
Das gute Herz, das Mitleid des Richters für Leute, die vielleicht einen
vielstündigen Weg zurückgelegt haben, siegte, Ehrenstraßer öffnete die
Thüre und fragte, was denn los sei.
„Ich bitt', Herr Bezirksrichter!“ erwiderte der Amtsdiener. „Der Maroner
ischt erst auf morgen in Grundbuchsachen vorgeladen!“
Scheu und verlegen stand genannter Einschichtbauer mit einem großen, in
der Mitte abgebundenen Sack an der Thüre.
Ehrenstraßer stieg eine Ahnung auf, daß dieser Bauer wahrscheinlich
nicht lesen könnte, auf gut Glück zu Gericht kam und weiß Gott welche
Schriften mitbringe zufolge der ergangenen Aufforderung an alle
Grundbesitzer, ihre Urkunden, Schirmbriefe, Kaufverträge,
Servitutsverbriefungen &c. zu Gerichte einzuliefern.
„Na, weil du einmal da bischt und sonst keine Tagpartei mehr anwesend
ischt, will ich dich vornehmen, Maroner! Komm mit deinem Sack herein!“
Höchlich zufrieden trägt der Bauer seinen Sack in die Kanzlei des
Richters und spricht: „Da bin i, 's hat g'hoaßen, i sull alle meene
G'schriften mitbringen und da hun i alles mitbracht!“ Wohlgefällig
streichelte Maroner den Sack und auf Geheiß öffnete er denselben.
Was Ehrenstraßer befürchtete, sollte sich bewahrheiten: Der Bauer hat
die Aufforderung völlig mißverstanden und nichts als Käsezettel und
schriftliche Aufzeichnungen über verkauftes Vieh und Holz zu Gericht
gebracht. Nicht eine der benötigten Urkunden &c. war im Sack.
„Geduld verlaß mich nicht!“ seufzte der Richter, nahm die
Grundbuchsmappe und zeigte dem verdutzten Bauer das ihn betreffende
Blatt. „Da schau her, Maroner, ischt dein Besitztum da wohl richtig
angegeben? Das sind die dir gehörigen Parzellen, und was Wiesen sind,
ischt grün gefarbelt. Verstehst?“