VIII.

Es lenzte in der Bergwelt unter üblichen Stürmen und dem Wechsel von

Schneetreiben und Regengüssen. Zeitweilig luegte aber auch die wärmer

werdende Sonne zwischen den Wolken hervor und bestrahlte die braungelben

Flächen. Um diese Vorfrühlingszeit ging man bei Ratschiller daran, das

große Werk der Luftbahn in Scene zu setzen. Ungeheure Mengen von

Eisenteilen für die Seilbahnwagen, Ausrückerschienen &c. lagen in den

Magazinen, einer ungeheuren Riesenschlange gleich das Seil selbst in

einer Länge von 3740 m, angefertigt aus besten Tiegelgußstahldrähten.

Auf der Angerwiese erhebt sich bereits das erste Stützgerüst aus

massigen Holzblöcken, fertig montiert bis auf das noch zu spannende

Seil, angestaunt von den Leuten, die über die Bedeutung sich nicht klar

zu werden vermochten. Der Vorbesitzer dieses von Ratschiller durch

Pfahlers Vermittelung gekauften Grundes bekundete die größte Neugierde,

denn es wollte ihm nicht einleuchten, daß ein so schweres Holzgerüst zum

Bau der Hochzeitsvilla nötig sei. Als Angerer aber durch die Arbeiter

der Cementfabrik endlich doch den Zweck erfuhr, da wollte er

protestieren, denn er habe den Grund wohl zur Villa-Erbauung verkauft,

nicht aber zur Errichtung einer Teufelsbahn durch die Luft. Natürlich

erreichte der Mann mit dem Protest nichts, verkauft bleibt verkauft,

doch alarmierte sein Gezeter alsbald die der Ratschillerschen Fabrik

aufsässigen Straßenbauern, die nun gegen das Projekt einer Luftbahn

mobil machten, und Gericht und Bezirkshauptmannschaft überliefen, um mit

verdutzten Gesichtern heimzukehren. Nichts zu machen, alles in Ordnung,

genehmigt, hieß es bei der Behörde. Also darf Ratschiller

unerhörterweise seinen Cement über die Köpfe der Menschheit hinweg durch

die Luft herausbringen, er braucht die Straße nimmer und daher auch den

Bauern nichts mehr für die Straßenbenutzung zu bezahlen. Der letztere

Umstand wurmt die Bauern natürlich am meisten, und zornig rannten sie

nun zur Konkurrenz Ratschillers, um bei dieser Rat zu erholen. Aber die

Direktoren dieser Aktiencementfabrik gaben zur Antwort, daß jetzt nichts

mehr zu wollen sei, Ratschiller wäre der Schlauere gewesen und künftig

werde auch die Aktiencementfabrik sein Beispiel nachahmen und durch die

Luft verfrachten, was bedeutend billiger komme als das Straßenfuhrwerk.

Also nichts mehr zu wollen! Die Bauern mußten sich zufrieden geben, das

heißt, ein Oppositionsmittel giebt es noch: der neuen Luftbahn allen

Schaden und alles Unglück zu wünschen und das Verderben anzubeten.

Bis die Tracenführung erledigt, die Bauten für die Unterstützungen

erstellt, für die Laufbahn alle Spannvorrichtungen und Verankerungen

angebracht, die Stationen mit den Ausrückern und Telephonen versehen

wurden, verflossen viele Wochen in emsigster Arbeit, doch die

sächsischen Monteure wurden zur rechten Zeit fertig, das Riesenseil hing

endlos, d.h. in sich geschlossen, mit vorgeschriebener Spannung und

verbindet das Magazin am Bahnhof über Wiesen und Berg hinweg mit der

Ratschillerschen Fabrik auf eine Entfernung von 3650 m durch die Luft.

Dann wurden die eigens konstruierten Wagen für den Transport von Cement

und Kohle im Seil angekuppelt, ebenso die sog. Mitnehmer, und endlich

konnte angetrieben werden mit einer Kraft von elf Pferden.

Obwohl von einer feierlichen Eröffnung Abstand genommen war, wohnte die

halbe Bevölkerung des Städtchens dem Schauspiel bei und besah staunend

das Werk der Luftbeförderung zunächst der leeren Eisenwagen hinauf zur

schwindelerregenden Höhe und über das Gebirge hinweg.

Hundertpfund befand sich bei der Familie Ratschiller, welche anfangs die

Drehscheibe im Magazin, um welche das Riesenseil sich drehte,

besichtigte und dann sich zum Stützgerüst auf der Angerwiese begab. Hier

hatten sich verschiedene Honoratioren mit ihren Damen des Städtchens

aufgestellt, die aufmerksam den Erläuterungen des Ingenieurs vom

Bleichertwerk lauschten. Insbesondere widmete der Richter Ehrenstraßer

diesen Ausführungen volles Interesse, wie er das allen Neuerungen

gegenüber that, um sein Wissen immer wieder zu erweitern.

Der Ingenieur erklärte zunächst die Tracenführung, wonach die Tragseile

beim Bahnhof eine Seehöhe von 486 m haben; diese Höhe beträgt im

Scheitel der Bahnstrecke bereits 856 m, um sich dann bei der Fabrik

drinnen auf 538 m zu senken. Die Steigung der Drahtseilbahn schwankt

zwischen Null und 580 pro mille, die horizontale Länge beträgt 3640 m.

Das Wesentliche der Luftbahn besteht darin, daß die eigentliche Laufbahn

der Wagen durch ein starkes ruhendes Stahldrahtseil gebildet wird,

welches in eine seinem Querschnitt und dem Material entsprechende

Spannung versetzt und in gewissen Entfernungen durch Unterstützungen

getragen wird. Die Wagen sind derart am Tragseil aufgehängt, daß ihre

tief ausgekehlten Laufräder auf dem Tragseil rollen, während das

Wagengehänge seitlich von demselben und das zur Aufnahme der Güter

bestimmte Gefäß unter demselben hängt und die Unterstützungen der

Tragseile ungehindert passieren kann. Unter den Tragseilen und von den

Wagen getragen befindet sich das endlose Zugseil, welches in gewissen

Entfernungen durch den Kuppelapparat mit den Wagen verbunden und durch

einen feststehenden Motor in Bewegung gesetzt wird, so daß Zugseil und

Wagen dieselbe Geschwindigkeit haben. Bei der Ankunft eines Wagens auf

der Station wird diese Verbindung durch eine daselbst angebrachte

Vorrichtung (den sog. Ausrücker) selbstthätig gelöst, und der Wagen

kommt zum Stillstand, während sich das Zugseil weiterbewegt. Diese

Seilbahn ist eine doppelgeleisige und für kontinuierlichen Betrieb

eingerichtet, so daß sich auf dem stärkeren Tragseil immer die mit dem

schwereren Cement beladenen Wagen von der Fabrik zum Bahnhof und

gleichzeitig auf dem schwächeren Tragseil immer die mit Kohle beladenen

oder leeren Wagen zur Fabrik zurückbewegen. Die eigentliche Laufbahn ist

durch auf der freien Strecke angeordnete Verankerungen und

Spannvorrichtungen in mehrere Abteilungen zerlegt, deren jede unabhängig

von der anderen gespannt und dadurch möglichste Solidität der Laufbahn

erreicht wird. Das stärkere Drahtseil hat einen Durchmesser von 32 mm

und eine geringste Bruchbelastung von rund 33270 kg; es wird durch das

angehängte Spanngewicht mit ca. 6600 kg, also ungefähr 1/5 der

Bruchbelastung, gespannt. Das schwächere Tragseil hat einen Durchmesser

von 26 mm und wird bei einer geringsten Bruchbelastung von ca. 21900 kg

mit ca. 4300 kg, also ebenfalls höchstens 1/5 seiner Bruchbelastung,

durch das angehängte Gewicht gespannt.

Auf den Stationen ist mit jedem Tragseil noch eine aufgehängte Schiene

verbunden, die nach der Außenseite der Bahn abgebogen ist. Der vom

Zugseil abgekuppelte Wagen wird durch einen Arbeiter vom Tragseil hinweg

über die Schiene auf die Weiche geschoben. Auf jeder der beiden

Endstationen sind diese Schienen derart angeordnet, daß die an das

Tragseil der einen Bahnseite anschließende in diejenige, welche auf der

anderen Bahnseite anschließt, übergeht, so daß der Wagen von dem einen

Tragseil, die Weiche durchlaufend, auf das andere Tragseil gelangt.

Für Nebenweichen ist in der Weise gesorgt, daß nach Belieben ein

einzelner Wagen aus der Reihenfolge herausgenommen oder außer Betrieb

gestellt werden kann.

Das Zugseil hat 20 mm Durchmesser und eine Bruchbelastung von ca. 17300

kg; die im Zugseil vorkommende größte Spannung beträgt ca. 2100 kg, so

daß es also ca. 8½fache Sicherheit bietet.

Bei gleichmäßiger Besetzung der Bahn mit Kohlen- und Cementwagen bei

einer stündlichen Leistung von 36 Tonnen Kohle und 30 Faß Cement beträgt

die erforderliche Betriebskraft ca. 6½ Pferdestärken; beim Anlassen der

Bahn erhöht sich der Kraftbedarf auf ca. 11 Pferdestärken.

Die Drahtseilbahnwagen sind dauerhaft, ganz aus Eisen und Stahl

hergestellt und die durch längeren Betrieb der Abnutzung unterworfenen

Flächen mit patentierten Schmiervorrichtungen für konsistentes Öl

versehen, welche einen sehr sparsamen Verbrauch bedingen. Die Laufräder

sind aus bestem Tiegelgußstahl hergestellt, so daß sie selbst nach

Jahren keine Abnutzung erleiden.

Besondere, hier wohl nicht zu erläuternde Vorrichtungen garantieren das

Innehalten gewisser Entfernungen der einzelnen Wagen untereinander und

zwar einen Abstand von 150 m von Wagen zu Wagen, ein Nachrutschen ist

ebenso ausgeschlossen, wie eine größere Geschwindigkeit im Laufe eines

einzelnen Wagens. Eine spezielle Einlaufbremse, die auf die Räder der

Wagen automatisch wirkt, vermindert sowohl bei großem Gefäll wie beim

Einlauf in die Stationen die Geschwindigkeit.

Hier unterbrach der sich für die geniale Anlage sehr interessierende

Richter den Vortragenden mit der Frage. „Wieviel Personal ischt denn zur

Bedienung dieser Seilbahn nötig?“

„Auf jeder Endstation und an jedem Ende einer Zwischenstation sind je

1-2 Mann erforderlich zum Zwecke des Ankuppelns der abgehenden Wagen

sowie zum Auskuppeln und zur Schiebung auf die Weiche.“

„Danke! Darf man noch fragen, wie sich die Leistung der Bahn gestaltet?“

„Sehr gerne zu Diensten! Die mittlere Geschwindigkeit der Wagen und

somit des Zugseiles beträgt 1,25 m in der Sekunde und werden die Wagen

in Entfernungen von 150 m angekuppelt und gehalten; sie folgen sich also

im Zeitabschnitt von 120 Sekunden, so daß stündlich 30 Wagen auf der

Endstation eintreffen. Da die Ladung der Wagen je 120 kg Kohle oder ein

Faß Cement beträgt, so beziffert sich die stündliche Leistung der

Drahtseilbahn auf 36 Tonnen Kohle bezw. 30 Faß Cement.“

„Großartig erdacht und ausgeführt!“ sagte der Richter, und meinte dann:

„Es könnte sonach ein Mensch ohne besondere Gefährdung in einem solchen

Wagen die lustige Fahrt mitmachen!“

„Dem Gewicht nach ohne Anstand! Doch wer nicht völlig schwindelfrei ist,

soll das Wagnis lieber unterlassen. Natürlich müssen die Aufsichtsorgane

zur Kontrolle der Seile zeitweilig die Strecke befahren und hierzu

werden nur absolut schwindelfreie Seilbahnaufseher zur Verwendung

kommen!“

„Wirklich interessant. Fast könnte einen die Lust anwandeln, eine solche

Fahrt zu wagen!“ erwiderte Ehrenstraßer und verfolgte scharfen Blickes

die Wanderung durch die Luft. Inzwischen hatte Ratschiller sen.

telephonisch den Befehl in die Fabrik geben lassen, es solle nun Cement

geladen und herausbefördert werden.

Nach etwa einer halben Stunde erschien hoch oben am Scheitelpunkt des

Stadtberges das erste gelbe Faß im Wagen, dessen Fahrt mit allgemeiner

Aufmerksamkeit verfolgt wurde.

Die Bauern standen mit offenem Mund und staunten. Nur der Angerer

machte Bemerkungen, und als das Faß am Seil sich im Steilgehänge senkte,

da rief er: „Aftn kimmt's ins Rutschen, sell hun i mir gleich 'denkt!“

Doch gehorsam, in vorschriftsmäßiger Entfernung und regelrechtem Tempo

kam das Faß am Seil herab, durchlief die Rollen der Stützanlagen, und

langte im Magazin an. Hinterdrein nun in 150 m Abständen Faß an Faß. Da

zeterten der Angerer und im Chorus die Bauern: „Es wird alleweil

schöner, jetzt können wir unsere Ross' aufhängen und uns dazu!“

Auf Einladung des Fabrikherrn begaben sich die Honoratioren zu einer

„Jause“ (Vesperbrot) in Ratschillers Wohnung. Der offerierte Imbiß wuchs

sich aber in splendider Weise zu einem reichen kalten Büffet aus, und

alsbald knallten die Propfen aus den rotbehelmten Heidsikflaschen.

Ein Hoch der Industrie!

Hundertpfund hatte geschickt operiert, um neben der älteren Tochter

Josephine zu sitzen zu kommen, der er unverkennbar und ziemlich

ungeniert huldigte. Und das Fräulein, um ein Jahr jünger als Franz,

nahm die Aufmerksamkeiten des Fabrikleiters mit der Freude eines

Mädchens, das endlich doch einen Werber bekommt, entgegen.

Die hübsche Doktorin merkte das augenblicklich und wechselte die Farbe.

Nervös zuckten ihre Händchen, wirre Gedanken durchzuckten ihren

zierlichen Kopf, ein wilder Schmerz peinigte sie, ihr ist, als sollte

sie aufschreien, in wildem Haß auf den Mann stürzen, den sie geliebt,

der jetzt ihrer überdrüssig, sich zu einer anderen wendet, und da es die

Tochter des reichen Fabrikanten ist, zweifellos ernsthaft um deren Hand

werben wird.

Ekel erfaßt die kleine Frau und in dieser Empfindung stößt sie das

Sektglas so heftig zurück, daß es umstürzt und dessen Inhalt sich über

das kostbar gestickte Tischtuch ergießt.

Verwundert fragte Ehrenstraßer, ihr Tischnachbar, was denn der gnädigen

Frau fehle.

Jetzt erschrak die Doktorin, und ob des forschenden Blickes aus des

Richters Augen verwirrt, stammelte sie eine nahezu sinnwidrige

Entschuldigung, schützte Unwohlsein vor, und verließ das

Ratschillerhaus.

Unwillkürlich sagte sich Ehrenstraßer, daß da etwas nicht in Ordnung

sei, doch grübelte er nicht weiter darüber nach. Der alte Fabrikherr

zeigte sich als der Fröhlichsten einer, das Gelingen des großen

Unternehmens stimmte ihn zur Freude und Lust. Er hatte auf den Erbauer

seiner Luftbahn bereits einen schwungvollen Toast ausgebracht, und eben

schlug er wieder an sein Glas, und begann zu erzählen, wer eigentlich

der Vater des ins Werk umgesetzten Gedankens sei.

Hundertpfund brach die Flüsterrede mit Fräulein Josephine ab, er erriet

sogleich, daß der Chef ihm eine Ehrung erweisen will, und bescheiden

senkte er den Kopf.

Richtig brachte Ratschiller sen. ein Hoch auf seinen Fabrikleiter aus,

der den Gedanken zuerst ausgesprochen habe, also der geistige

Veranlasser der neuen Unternehmung sei.

Hell klangen die Gläser zusammen.

Bergrichters Erdenwallen · 第 18 / 40 题