Es lenzte in der Bergwelt unter üblichen Stürmen und dem Wechsel von
Schneetreiben und Regengüssen. Zeitweilig luegte aber auch die wärmer
werdende Sonne zwischen den Wolken hervor und bestrahlte die braungelben
Flächen. Um diese Vorfrühlingszeit ging man bei Ratschiller daran, das
große Werk der Luftbahn in Scene zu setzen. Ungeheure Mengen von
Eisenteilen für die Seilbahnwagen, Ausrückerschienen &c. lagen in den
Magazinen, einer ungeheuren Riesenschlange gleich das Seil selbst in
einer Länge von 3740 m, angefertigt aus besten Tiegelgußstahldrähten.
Auf der Angerwiese erhebt sich bereits das erste Stützgerüst aus
massigen Holzblöcken, fertig montiert bis auf das noch zu spannende
Seil, angestaunt von den Leuten, die über die Bedeutung sich nicht klar
zu werden vermochten. Der Vorbesitzer dieses von Ratschiller durch
Pfahlers Vermittelung gekauften Grundes bekundete die größte Neugierde,
denn es wollte ihm nicht einleuchten, daß ein so schweres Holzgerüst zum
Bau der Hochzeitsvilla nötig sei. Als Angerer aber durch die Arbeiter
der Cementfabrik endlich doch den Zweck erfuhr, da wollte er
protestieren, denn er habe den Grund wohl zur Villa-Erbauung verkauft,
nicht aber zur Errichtung einer Teufelsbahn durch die Luft. Natürlich
erreichte der Mann mit dem Protest nichts, verkauft bleibt verkauft,
doch alarmierte sein Gezeter alsbald die der Ratschillerschen Fabrik
aufsässigen Straßenbauern, die nun gegen das Projekt einer Luftbahn
mobil machten, und Gericht und Bezirkshauptmannschaft überliefen, um mit
verdutzten Gesichtern heimzukehren. Nichts zu machen, alles in Ordnung,
genehmigt, hieß es bei der Behörde. Also darf Ratschiller
unerhörterweise seinen Cement über die Köpfe der Menschheit hinweg durch
die Luft herausbringen, er braucht die Straße nimmer und daher auch den
Bauern nichts mehr für die Straßenbenutzung zu bezahlen. Der letztere
Umstand wurmt die Bauern natürlich am meisten, und zornig rannten sie
nun zur Konkurrenz Ratschillers, um bei dieser Rat zu erholen. Aber die
Direktoren dieser Aktiencementfabrik gaben zur Antwort, daß jetzt nichts
mehr zu wollen sei, Ratschiller wäre der Schlauere gewesen und künftig
werde auch die Aktiencementfabrik sein Beispiel nachahmen und durch die
Luft verfrachten, was bedeutend billiger komme als das Straßenfuhrwerk.
Also nichts mehr zu wollen! Die Bauern mußten sich zufrieden geben, das
heißt, ein Oppositionsmittel giebt es noch: der neuen Luftbahn allen
Schaden und alles Unglück zu wünschen und das Verderben anzubeten.
Bis die Tracenführung erledigt, die Bauten für die Unterstützungen
erstellt, für die Laufbahn alle Spannvorrichtungen und Verankerungen
angebracht, die Stationen mit den Ausrückern und Telephonen versehen
wurden, verflossen viele Wochen in emsigster Arbeit, doch die
sächsischen Monteure wurden zur rechten Zeit fertig, das Riesenseil hing
endlos, d.h. in sich geschlossen, mit vorgeschriebener Spannung und
verbindet das Magazin am Bahnhof über Wiesen und Berg hinweg mit der
Ratschillerschen Fabrik auf eine Entfernung von 3650 m durch die Luft.
Dann wurden die eigens konstruierten Wagen für den Transport von Cement
und Kohle im Seil angekuppelt, ebenso die sog. Mitnehmer, und endlich
konnte angetrieben werden mit einer Kraft von elf Pferden.
Obwohl von einer feierlichen Eröffnung Abstand genommen war, wohnte die
halbe Bevölkerung des Städtchens dem Schauspiel bei und besah staunend
das Werk der Luftbeförderung zunächst der leeren Eisenwagen hinauf zur
schwindelerregenden Höhe und über das Gebirge hinweg.
Hundertpfund befand sich bei der Familie Ratschiller, welche anfangs die
Drehscheibe im Magazin, um welche das Riesenseil sich drehte,
besichtigte und dann sich zum Stützgerüst auf der Angerwiese begab. Hier
hatten sich verschiedene Honoratioren mit ihren Damen des Städtchens
aufgestellt, die aufmerksam den Erläuterungen des Ingenieurs vom
Bleichertwerk lauschten. Insbesondere widmete der Richter Ehrenstraßer
diesen Ausführungen volles Interesse, wie er das allen Neuerungen
gegenüber that, um sein Wissen immer wieder zu erweitern.
Der Ingenieur erklärte zunächst die Tracenführung, wonach die Tragseile
beim Bahnhof eine Seehöhe von 486 m haben; diese Höhe beträgt im
Scheitel der Bahnstrecke bereits 856 m, um sich dann bei der Fabrik
drinnen auf 538 m zu senken. Die Steigung der Drahtseilbahn schwankt
zwischen Null und 580 pro mille, die horizontale Länge beträgt 3640 m.
Das Wesentliche der Luftbahn besteht darin, daß die eigentliche Laufbahn
der Wagen durch ein starkes ruhendes Stahldrahtseil gebildet wird,
welches in eine seinem Querschnitt und dem Material entsprechende
Spannung versetzt und in gewissen Entfernungen durch Unterstützungen
getragen wird. Die Wagen sind derart am Tragseil aufgehängt, daß ihre
tief ausgekehlten Laufräder auf dem Tragseil rollen, während das
Wagengehänge seitlich von demselben und das zur Aufnahme der Güter
bestimmte Gefäß unter demselben hängt und die Unterstützungen der
Tragseile ungehindert passieren kann. Unter den Tragseilen und von den
Wagen getragen befindet sich das endlose Zugseil, welches in gewissen
Entfernungen durch den Kuppelapparat mit den Wagen verbunden und durch
einen feststehenden Motor in Bewegung gesetzt wird, so daß Zugseil und
Wagen dieselbe Geschwindigkeit haben. Bei der Ankunft eines Wagens auf
der Station wird diese Verbindung durch eine daselbst angebrachte
Vorrichtung (den sog. Ausrücker) selbstthätig gelöst, und der Wagen
kommt zum Stillstand, während sich das Zugseil weiterbewegt. Diese
Seilbahn ist eine doppelgeleisige und für kontinuierlichen Betrieb
eingerichtet, so daß sich auf dem stärkeren Tragseil immer die mit dem
schwereren Cement beladenen Wagen von der Fabrik zum Bahnhof und
gleichzeitig auf dem schwächeren Tragseil immer die mit Kohle beladenen
oder leeren Wagen zur Fabrik zurückbewegen. Die eigentliche Laufbahn ist
durch auf der freien Strecke angeordnete Verankerungen und
Spannvorrichtungen in mehrere Abteilungen zerlegt, deren jede unabhängig
von der anderen gespannt und dadurch möglichste Solidität der Laufbahn
erreicht wird. Das stärkere Drahtseil hat einen Durchmesser von 32 mm
und eine geringste Bruchbelastung von rund 33270 kg; es wird durch das
angehängte Spanngewicht mit ca. 6600 kg, also ungefähr 1/5 der
Bruchbelastung, gespannt. Das schwächere Tragseil hat einen Durchmesser
von 26 mm und wird bei einer geringsten Bruchbelastung von ca. 21900 kg
mit ca. 4300 kg, also ebenfalls höchstens 1/5 seiner Bruchbelastung,
durch das angehängte Gewicht gespannt.
Auf den Stationen ist mit jedem Tragseil noch eine aufgehängte Schiene
verbunden, die nach der Außenseite der Bahn abgebogen ist. Der vom
Zugseil abgekuppelte Wagen wird durch einen Arbeiter vom Tragseil hinweg
über die Schiene auf die Weiche geschoben. Auf jeder der beiden
Endstationen sind diese Schienen derart angeordnet, daß die an das
Tragseil der einen Bahnseite anschließende in diejenige, welche auf der
anderen Bahnseite anschließt, übergeht, so daß der Wagen von dem einen
Tragseil, die Weiche durchlaufend, auf das andere Tragseil gelangt.
Für Nebenweichen ist in der Weise gesorgt, daß nach Belieben ein
einzelner Wagen aus der Reihenfolge herausgenommen oder außer Betrieb
gestellt werden kann.
Das Zugseil hat 20 mm Durchmesser und eine Bruchbelastung von ca. 17300
kg; die im Zugseil vorkommende größte Spannung beträgt ca. 2100 kg, so
daß es also ca. 8½fache Sicherheit bietet.
Bei gleichmäßiger Besetzung der Bahn mit Kohlen- und Cementwagen bei
einer stündlichen Leistung von 36 Tonnen Kohle und 30 Faß Cement beträgt
die erforderliche Betriebskraft ca. 6½ Pferdestärken; beim Anlassen der
Bahn erhöht sich der Kraftbedarf auf ca. 11 Pferdestärken.
Die Drahtseilbahnwagen sind dauerhaft, ganz aus Eisen und Stahl
hergestellt und die durch längeren Betrieb der Abnutzung unterworfenen
Flächen mit patentierten Schmiervorrichtungen für konsistentes Öl
versehen, welche einen sehr sparsamen Verbrauch bedingen. Die Laufräder
sind aus bestem Tiegelgußstahl hergestellt, so daß sie selbst nach
Jahren keine Abnutzung erleiden.
Besondere, hier wohl nicht zu erläuternde Vorrichtungen garantieren das
Innehalten gewisser Entfernungen der einzelnen Wagen untereinander und
zwar einen Abstand von 150 m von Wagen zu Wagen, ein Nachrutschen ist
ebenso ausgeschlossen, wie eine größere Geschwindigkeit im Laufe eines
einzelnen Wagens. Eine spezielle Einlaufbremse, die auf die Räder der
Wagen automatisch wirkt, vermindert sowohl bei großem Gefäll wie beim
Einlauf in die Stationen die Geschwindigkeit.
Hier unterbrach der sich für die geniale Anlage sehr interessierende
Richter den Vortragenden mit der Frage. „Wieviel Personal ischt denn zur
Bedienung dieser Seilbahn nötig?“
„Auf jeder Endstation und an jedem Ende einer Zwischenstation sind je
1-2 Mann erforderlich zum Zwecke des Ankuppelns der abgehenden Wagen
sowie zum Auskuppeln und zur Schiebung auf die Weiche.“
„Danke! Darf man noch fragen, wie sich die Leistung der Bahn gestaltet?“
„Sehr gerne zu Diensten! Die mittlere Geschwindigkeit der Wagen und
somit des Zugseiles beträgt 1,25 m in der Sekunde und werden die Wagen
in Entfernungen von 150 m angekuppelt und gehalten; sie folgen sich also
im Zeitabschnitt von 120 Sekunden, so daß stündlich 30 Wagen auf der
Endstation eintreffen. Da die Ladung der Wagen je 120 kg Kohle oder ein
Faß Cement beträgt, so beziffert sich die stündliche Leistung der
Drahtseilbahn auf 36 Tonnen Kohle bezw. 30 Faß Cement.“
„Großartig erdacht und ausgeführt!“ sagte der Richter, und meinte dann:
„Es könnte sonach ein Mensch ohne besondere Gefährdung in einem solchen
Wagen die lustige Fahrt mitmachen!“
„Dem Gewicht nach ohne Anstand! Doch wer nicht völlig schwindelfrei ist,
soll das Wagnis lieber unterlassen. Natürlich müssen die Aufsichtsorgane
zur Kontrolle der Seile zeitweilig die Strecke befahren und hierzu
werden nur absolut schwindelfreie Seilbahnaufseher zur Verwendung
kommen!“
„Wirklich interessant. Fast könnte einen die Lust anwandeln, eine solche
Fahrt zu wagen!“ erwiderte Ehrenstraßer und verfolgte scharfen Blickes
die Wanderung durch die Luft. Inzwischen hatte Ratschiller sen.
telephonisch den Befehl in die Fabrik geben lassen, es solle nun Cement
geladen und herausbefördert werden.
Nach etwa einer halben Stunde erschien hoch oben am Scheitelpunkt des
Stadtberges das erste gelbe Faß im Wagen, dessen Fahrt mit allgemeiner
Aufmerksamkeit verfolgt wurde.
Die Bauern standen mit offenem Mund und staunten. Nur der Angerer
machte Bemerkungen, und als das Faß am Seil sich im Steilgehänge senkte,
da rief er: „Aftn kimmt's ins Rutschen, sell hun i mir gleich 'denkt!“
Doch gehorsam, in vorschriftsmäßiger Entfernung und regelrechtem Tempo
kam das Faß am Seil herab, durchlief die Rollen der Stützanlagen, und
langte im Magazin an. Hinterdrein nun in 150 m Abständen Faß an Faß. Da
zeterten der Angerer und im Chorus die Bauern: „Es wird alleweil
schöner, jetzt können wir unsere Ross' aufhängen und uns dazu!“
Auf Einladung des Fabrikherrn begaben sich die Honoratioren zu einer
„Jause“ (Vesperbrot) in Ratschillers Wohnung. Der offerierte Imbiß wuchs
sich aber in splendider Weise zu einem reichen kalten Büffet aus, und
alsbald knallten die Propfen aus den rotbehelmten Heidsikflaschen.
Ein Hoch der Industrie!
Hundertpfund hatte geschickt operiert, um neben der älteren Tochter
Josephine zu sitzen zu kommen, der er unverkennbar und ziemlich
ungeniert huldigte. Und das Fräulein, um ein Jahr jünger als Franz,
nahm die Aufmerksamkeiten des Fabrikleiters mit der Freude eines
Mädchens, das endlich doch einen Werber bekommt, entgegen.
Die hübsche Doktorin merkte das augenblicklich und wechselte die Farbe.
Nervös zuckten ihre Händchen, wirre Gedanken durchzuckten ihren
zierlichen Kopf, ein wilder Schmerz peinigte sie, ihr ist, als sollte
sie aufschreien, in wildem Haß auf den Mann stürzen, den sie geliebt,
der jetzt ihrer überdrüssig, sich zu einer anderen wendet, und da es die
Tochter des reichen Fabrikanten ist, zweifellos ernsthaft um deren Hand
werben wird.
Ekel erfaßt die kleine Frau und in dieser Empfindung stößt sie das
Sektglas so heftig zurück, daß es umstürzt und dessen Inhalt sich über
das kostbar gestickte Tischtuch ergießt.
Verwundert fragte Ehrenstraßer, ihr Tischnachbar, was denn der gnädigen
Frau fehle.
Jetzt erschrak die Doktorin, und ob des forschenden Blickes aus des
Richters Augen verwirrt, stammelte sie eine nahezu sinnwidrige
Entschuldigung, schützte Unwohlsein vor, und verließ das
Ratschillerhaus.
Unwillkürlich sagte sich Ehrenstraßer, daß da etwas nicht in Ordnung
sei, doch grübelte er nicht weiter darüber nach. Der alte Fabrikherr
zeigte sich als der Fröhlichsten einer, das Gelingen des großen
Unternehmens stimmte ihn zur Freude und Lust. Er hatte auf den Erbauer
seiner Luftbahn bereits einen schwungvollen Toast ausgebracht, und eben
schlug er wieder an sein Glas, und begann zu erzählen, wer eigentlich
der Vater des ins Werk umgesetzten Gedankens sei.
Hundertpfund brach die Flüsterrede mit Fräulein Josephine ab, er erriet
sogleich, daß der Chef ihm eine Ehrung erweisen will, und bescheiden
senkte er den Kopf.
Richtig brachte Ratschiller sen. ein Hoch auf seinen Fabrikleiter aus,
der den Gedanken zuerst ausgesprochen habe, also der geistige
Veranlasser der neuen Unternehmung sei.
Hell klangen die Gläser zusammen.