Winter ist's geworden im Tiroler Land, weiß die Fluren, wie die stolzen,
himmelragenden Berge. Wer den Winter mit seinen Schrecken gründlich
kennen lernen will, darf nicht in der Thalung oder im Amtsstädtchen
bleiben, sondern muß in die Höhe wandern, wohin kein Postwägelchen mehr
führt, sondern nur schlechte Saumwege, die nach grimmigem Schneefall
auch nicht mehr passierbar sind. Winter in Latschwies auf der Höhe! Die
richtige Einöde im unwirtlichen Hochgebirge und dennoch besiedelt. Der
winzige Ort hat seinen Namen eigentlich völlig zu Recht; wo noch
Wiesengrund vorhanden ist, wuchsen die Latschen schier hinein, die
Legföhren mit ihren schwarzgrünen Nadeln. Korn wird nicht reif da
heroben und selbst dem Hafer fliegt der Schnee häufig auf den noch
grünen Halm. Die Latschwieser Höfler treiben etwas Viehzucht und
schätzen sich glücklich, wenn zum Herbst die Erdäpfel (Kartoffeln) eßbar
geworden sind. Winters über gleichen die Einödbauern so ziemlich den
Eskimos, und das Eingeschneitwerden sind sie von altersher gewohnt.
Das Dörfchen besitzt eine Franziskanerexpositur, ein Klösterl, alt
und baufällig, mit einer Miniaturkirche, und ein Pater des
Franziskanerordens mit einem Frater (dienender Klosterbruder) hat hier
zu wohnen und die kleine Gemeinde zu pastorieren. Hier leben, heißt
entbehren, auf alles zu verzichten.
Grau und alt ist Pater Ambros in dieser Expositur geworden, ein Vater
seiner Gemeinde, die in jeder Not und Sorge zum „Einödpater“ kommt. Der
schlichte alte Mönch muß den Latschwiesern alles in einer Person sein.
Priester, Arzt, Lehrer, Apotheker, Advokat und Viehdoktor. Pater Ambros
leistet solche Dienste seit Jahren und bekommt nie einen Heller dafür.
Den Meßwein schickt das Mutterkloster aus der Amtsstadt und etwas Brot
zweimal im Monat. Sonst ist die Expositur auf die Milde der armen
Gemeinde angewiesen. Fällt eine Kuh oder ein Jungrind ab, giebt es auch
im Klösterl Fleisch, sonst aber muß der Plenten (Buchweizen), Kraut und
die Kartoffel genügen. Im Herbst ist eigentlich die üppigste Zeit für
die Bewohner der Expositur; da kommt der Jagdherr in die Berge, und von
der Strecke wird dem Klösterl regelmäßig eine Gemse und ein geringer
Hirsch überwiesen. Von solchem Reichtum giebt aber die Expositur wieder
an die Dörfler ab, und so ist's ein ständiger Tauschhandel zwischen der
Gemeinde und dem kleinen Kloster.
Die Bauern haben ihren Einödpater gern, denn er ist wirklich der Helfer
in allen Nöten, und dann kostet er der Gemeinde kein Bargeld. Als es
einmal hieß, das Klösterl solle aufgelassen und in ein Pfarrhaus mit
einem Weltgeistlichen umgewandelt werden, da protestierten die
Latschwieser energisch und erklärten, ihnen passe der alte Pater besser,
als der gescheiteste Pfarrer. Lieber ein grober Franziskaner als ein
geschniegelter Stadtgeistlicher, der sich vor dem Schnee fürchtet und
vom Vieh nichts versteht, so lautete die Meinung in Latschwies, und
richtig setzte die Gemeinde es durch, daß Pater Ambros verblieb.
Den Bauschaden im Klösterl besserte man zur Not aus, d.h. Steine,
Mörtel und Holz fuhren die Dörfler an, das Bauen aber mußte der
Einödpater selber besorgen, und er that es, unterstützt vom Frater
Marian, einem hüstelnden, mageren Klosterbruder, der aus dem welschen
Süden stammt und schwer leidet unter dem rauhen Klima des Hochlandes im
Norden Tirols.
Da half aller Zuspruch des an die scharfe Bergluft gewohnten alten
Paters wenig, der Klosterbruder vertrug sie nicht, doch hielt er klaglos
aus und hüstelte dazu. Seine Gedanken weilten freilich sehr häufig im
sonnigen Süden.
Jetzt im Winter ist's ein eintönig Leben im Klösterl; der kirchlichen
Verrichtungen sind wenig und auch sonst nur kleine Arbeit. Frater Marian
sägt und hackt Holz, derweil der Einödpater die Kinder in dem zum
Schulzimmer adaptierten Speisezimmer unterrichtet.
Am 27. November war es. Um 10 Uhr entließ Pater Ambros die Schuljugend,
welche im Bereich des Klösterls ruhig und bescheiden von dannen schlich,
hinter der Pforte aber auf dem tiefverschneiten Sträßlein sofort in
zwei feindliche Teile sich trennte und ein regelrechtes
Schneeballenbombardement eröffnete. Dabei konnte es nicht anders sein,
daß sich mancher Ball an die Fenster des Klösterls verirrte und dumpf an
die Scheiben fiel, was zur Folge hatte, daß der Einödpater den grauen
Kopf hinausstreckte und der Jugend im rauhesten Bergdialekt zurief:
„Pack's enk durch oder ich kimm decht mit 'm großen Stekken!“
Wohl schienen einige Bengels Lust zu haben, Schneeballen nach dem
würdigen Altpriester zu werfen, doch die verständigeren Kinder wehrten
ab, und mählich trollte die Schar davon, bis über die Kniee im Schnee
watend.
Pater Ambros verließ bald darauf das Klösterl, um einen Krankenbesuch zu
machen, welcher dem Strugglmoidele gilt. Das ist ein altes Weibel, lahm,
schier taub und blind, das von der Gutherzigkeit der Nachbarn mit Milch
und Brot versehen wurde, um nicht zu verhungern. Den Namen mochte das
Weibel aus der Jugendzeit ins Alter herüber bekommen haben, denn meist
war der Struggl (Strudel, gerollte Mehlspeise mit Apfel- oder
Topfeneinlage und mit heißer Butter übergossen) des Mädels
Lieblingsspeise, und der Volkswitz brachte der damals schwarzhaarigen
Marie den Spitznamen Strugglmoidele auf.
Besagtes altes Weibel hatte den Einödpater um seinen Besuch bitten
lassen, wasmaßen dem Moidele das Kirchgehen nimmer möglich ist und es
Gottes Wort doch von Zeit zu Zeit hören möchte.
Der Gang zum Strugglweibele ist zur Sommerszeit insofern keine
Kleinigkeit, als die Hütte der Moidel sehr hoch oben liegt und der
Anstieg mühsam ist. Jetzt, im Winter, bei Hochschnee, heißt es steigen
und waten mit Kraft und Ausdauer.
Unverdrossen stapft Pater Ambros aufwärts und nach einer Stunde war er
bei der Hütte oben. Erst den Schnee abgestreift, dann trat der
Einödpater ein. Richtig hockt's Moidele beim warmen Ofen, den eine
gutmütige Nachbarin dem armen Weibel tüchtig angeheizt hatte.
Da es schneehell war, vermochte das Strugglmoidele den Franziskaner zu
erkennen, und dankbar begrüßte es den Priester: „Grüß Enen Gott! Ischt
decht a Plag' mit mir, Hearr!“
„Macht nichts, Moidele! Zum Plagen sind die Leut' auf der Welt! Nun,
wie geht's, Weibele?“
„'s Reißen hun ich halt soviel stark und 's Drucken! Ich moan', es werd
mer wohl 's Herz oh bald abdrucken, aftn ischt's gar!“
„Na, na! Nur nicht gleich das Schlimmste glauben, Moidele! Sein Kreuz
muß jeder Mensch tragen, du auch, und mußt halt denken, du kommst aftn
leichter in 'n Himmel!“
„Ischt ein Kreuz bei dem Schnee, selles Himmelfahren!“
„Nun, wer weiß! Vielleicht kannst in einer linden Sommernacht
auffahren!“ lachte gutmütig der alte Pater.
„Weiß nit, ob ich's derkraften kann bis zu seller linden Zeit! 's
Rheumatisch hun (habe) ich schun (schon) arg, ich möcht' wirklich gern
beichten!“
„Das kannst ja, Moidele! Ich bin bereit! Hast Reu' und Leid schon
gemacht, so kannst gleich anfangen!“ sagte der alte würdige Priester und
setzte sich zum Weibele auf die Ofenbank.
„Na, Hearr, so than mer nit, so kann ich nit beichten!“
„Warum denn nicht? Ich bin ja da, der Priester, und du bischt das
frommgläubige Beichtkind. Was fehlt denn?“
„Die Seichgazen!“
Verwundert sah der Priester auf das alte Weibel; ein solcher Fall ist
ihm in seiner dreißigjährigen Seelsorgepraxis noch nicht vorgekommen und
trotz aller Erfahrung weiß er nicht, was das alte Weibel will.
Eigensinnig beharrte Moidele auf ihrem Willen; ohne Seichgazen kann sie
nicht beichten.
„Ja, was ischt denn selle Seichgazen?“
„Geath 's nur auß'n in die Kuchl, ober 'm Schüsselg'stöll ischt sie, Des
söcht sie gleich, die Seichgazen! Geath nur, Hearr, ich thue mich so
viel hart giahn (gehen)!“
„Da bin ich aber selber wirklich neugierig!“ murmelte Pater Ambros und
verfügte sich in die rauchgeschwärzte, winzige Küche, um im Dämmerschein
nach der rätselhaften Seichgazen zu forschen. Über dem Schüsselgestell
steckt richtig ein Instrument, das der Einödpater als ein viereckiges
Sieb zum Seihen erkennt. Sollte das die geforderte „Seichgazen“ sein?
Pater Ambros nahm dieses Kücheninstrument vom Gestell herab und trug es
in die Stube. „Ischt es das rechte?“
„Ja wohl! Selle Gazen muß ich hun (haben)!“
Jetzt wußte der alte Pater Bescheid; dieses Kücheninstrument mußte bei
dem alten Weibele das — Beichtgitter des Beichtstuhles in der Kirche
ersetzen, Moidele will diese Illusion vor Augen haben.
„Also stellen wir die Gazen auf!“ sagte der Einödpater und hielt das
Instrument zwischen sich und dem alten Weibel.
„So, Hearr! Jetzt kann ich beichten!“ sagte Moidele.
Nach frommem Zuspruch und dem Versprechen, von den Mehlvorräten des
Klösterls etwas heraufzuschicken, verließ der Priester die Hütte, und
stieg vorsichtig den Steilhang durch den Schnee wieder hinab.
Pater Ambros verzehrte mit dem Frater Marian das karge Mittagsmahl,
bestehend aus Bohnensuppe und aufgeschmelzten Plenten. Schon wollte der
Klosterbruder abräumen, da sprach der alte Priester: „Heute wollen wir
uns ein Viertel Röthel gönnen, Marian, denn heute feiern wir ein
Abschiedsfest!“
Verwundert blickte der bleiche, abgehärmte Frater auf Pater Ambros.
„Jawohl, es ischt schon so! Heute nachmittag 1/2-2 Uhr fällt der letzte
Sonnenstrahl auf unser Klösterl. Wir müssen daher von Frau Sonne auf
lange Zeit Abschied nehmen!“
„Ach so! Ich glaubte schon —“
„Auch deine Stunde wird schlagen! Aber für uns ischt es heute ein
Abschiedsfest. Die Sonne wird uns nun durch volle 87 Tage meiden, weil
sie über die hohen Berge nicht mehr zu uns herein kann. Wir müssen es
daher wie die alten Spartaner machen und im Schatten kämpfen. Wird am
22. Februar gut Wetter sein, so bekommen wir an diesem Tage wieder den
ersten Sonnenstrahl im neuen Jahre.“
Betrübt ließ Frater Marian den Kopf sinken.
„Mußt nicht mutlos werden, Bruder! Es sind die schlimmsten Tage nicht,
die sonnenlos vergehen und grau in grau verrinnen! Fehlt uns das helle
Licht, thut uns die Dunkelheit nicht so weh. Unsere Pflicht ischt es, zu
dulden; wir müssen wie die Bergbauern in der Einöde das gemeinsame
Geschick tragen, gottergeben und gefügig. Nicht jeder kann im sonnigen
Süden leben, der auch nicht alle Wonne in sich schließt. Und wir
Franziskaner sind nicht zu einem wonnevollen Leben bestimmt. Aber zum
Sonnenabschiedstag wollen wir einen Schluck Wein nehmen. Hol ein
Flaschele, Marian!“
Eben will sich der Bruder entfernen und die Flasche Wein holen, da gellt
die Pfortenglocke durch das Klösterl.
„Ei der Tausend! Wer mag wohl so stürmisch läuten? Sieh' nach, Marian!“
Schlürfenden Trittes begiebt sich der Frater zur Pforte und läßt einen
Bergbauernbuben ein, der dringend nach dem Einödpater verlangt. Ambros
kam selbst herbei, zu sehen, was es an der Pforte gebe, und so konnte er
gleich hören, was der Bube will.
„Ich bin der Bub' vom Zacher am Joch! 'm Vaterle hat ein Baumstamm beim
Schlittelen 'druckt und er laßt bitten um die baldige Wegzehrung!
'leicht geath's schiech.“
„Gleich, Zacher! Hast etwan Hunger?“
„Ich dank'! Ein Trum Brot und ein Eichtel Speck hab' ich schon 'gessen!
Schlaun dich, Pater, es wird gleich wieder wahen (schneetreiben) und
aftn find' ich neammer z'ruck im Schnee!“
Pater Ambros hieß den Buben sich in der Pförtnerstube wärmen und machte
sich zum Versehgang auf das Joch bereit. Hurtig wird der Habit
hochgeschürzt, denn es wird schwer steigen heißen, dann bekommt der
Zachenbub' des Paters Bergstock, das Glöcklein und die Laterne zu
tragen, indes Ambros ins Kirchlein eilt, um die Bursa mit der hl.
Wegzehrung zu holen.
Still und stetig begann es zu schneien aus dem nun grauverhängten
Firmament.
Pater Ambros mit dem voranschreitenden, das Glöcklein schwingenden
Zacherbuben verläßt das Klösterl. Nur im nächsten am Sträßlein liegenden
Gehöft ist der rasche Aufbruch zum winterlichen Speisgang beobachtet
worden, und die Inwohner knieen nun im Schnee und bekreuzigen sich.
Leise betend schreitet der Priester an den frommen Leuten vorüber, die
dann im Klösterl fragen, wem der Speisgang gelte.
Der arme Zacher am Joch! Und der arme Pater, der durch den Schnee
hinauf muß zur Höhe!
Vor dem Jochberg angekommen, bleibt der Zachenbub' erschrocken stehen.
Alles verweht! Die halbe Stunde hat genügt, seine eigene Spur, die er
beim Abwärtssteigen getreten, völlig zu verdecken. Und jetzt wirbelt das
weiße Geflock so dicht herunter, daß man kaum auf zehn Schritte voraus
sehen kann.
Auch Pater Ambros hält inne, er sucht mit den Augen die
Anstiegsrichtung. Die Bursa in der linken Hand haltend, stochert er mit
dem Bergstock in der rechten nach festem Grund. Wohl über zwei Meter
tiefer Schnee und weich dazu, ohne Harst. Dazu bläst der Bergwind aus
dem Klammloch wild und kalt und jagt Flugschnee den Wanderern entgegen.
Ein böses Steigen, aber es muß gewagt werden. Verlangt ja ein Sterbender
nach dem letzten Trost der Religion! Der alte Priester steigt an, er
will voraus Schneetreten, auf daß der schwache Bub leichter hinterdrein
steigen kann. Langsam geht es aufwärts, immer wieder sinkt der Pater bis
an die Hüften im Schnee ein und es bedarf langer Zeit, bis Ambros sich
wieder herauszuarbeiten vermag. Einige Schritte weiter beginnt dieselbe
Mühe wieder und wieder. Der Einödpater erkennt, daß er die Hände völlig
frei haben muß; er versorgt die Bursa auf seiner Brust unter dem Habit,
zieht das Cingulum fester, und mit einem Gebet auf den Lippen klimmt er
mit Hilfe des Steckens schrittweise durch den immer tiefer werdenden
Schnee aufwärts. Eine Stunde vergeht, und kaum eine Viertelstunde Weges
ist zurückgelegt. Dafür wütet jetzt aber ein Sturm, der jedes Lebewesen
vernichten will, und wild heranbraust. Wind und Schneetreiben ringsum,
so dicht und vehement, daß der erschöpfte Wanderer die Augen schließen
muß. Pater Ambros zieht den Buben fest an sich, just in dem Augenblick,
da der kleine Zacher ohnmächtig zusammensinkt.
Ratlos, zu Tode erschöpft, steht zitternd und keuchend der Pater im
Schnee. Wohin nun? Wo Rettung finden? Der Blick verwehrt nach oben wie
nach unten, ein wirbelndes, weißes Chaos ringsum. Hier steckenbleiben,
heißt sterben. Die Gefahr ist da, der weiße Tod lauert auf zwei Opfer.
Keine Hilfe! Rufen und Schreien verschlingt der tosende Sturm, es wäre
auch unnütz, ohne den Wind, denn in dieser Wildnis ist kein Mensch zu
treffen.
Den Pater dauert der Bub, der sein junges Leben lassen muß in der
Schneewüste. Doch was gethan werden kann, soll geschehen. Ambros reibt
des Buben Schläfe mit Schnee ein, netzt dessen Lippen mit Schneewasser,
das er in den geballten Händen erzeugte, und nach langem Bemühen schlägt
der Knabe die Augen auf: „Hoam möcht' ich!“ wimmert er.
„Ich auch!“ meint der Pater. „Aber zuerst müssen wir schauen, aus dem
gefährlichen Schneeloch zu kommen!“
Der Sturm läßt etwas nach, das Schneetreiben wird schwächer, so daß ein
Umblick möglich ist.
Ambros erkennt in der Nähe ein Lebewesen, das mit Aufbietung aller
Kräfte dem fesselnden Schnee zu entrinnen sucht. Ein Hirsch ist's, der
seitlich durch den tiefen Schnee ausbrechen und einen schützenden Ort
oder den Wald erreichen will. Der Hirsch zappelt und sinkt bis an die
Lauscher ein, er arbeitet sich aber wieder hoch, durchrinnt dünnere
Lagen, sinkt in eine Wächte und steuert endlich nach rechts hinüber.
„Ihm nach!“ flüstert der Franziskaner. Der tierische Instinkt wittert
gewiß einen Schutzort und diesen sucht der Pater gleichfalls zu
erreichen.
Eine gräßliche Wanderung ist es, bis Ambros, der den Buben hinter sich
zieht, die breitgeschlagene Hirschfährte erreicht, auf welcher er nun
gleichfalls alles durchmachen muß, wozu der Hirsch gezwungen war.
Einsinken, herausarbeiten, wieder einfallen und emporklettern. Der
Schnee dringt in die Habitärmel, am Halse ein, naß und klebrig sind die
Füße, der um sein Leben kämpfende Priester schwitzt und dampft vor
Überanstrengung, und kaum hält er inne, erschauert der Leib vor Kälte.
Der Bub wimmert vor Frost.
Endlich gelingt das schwere Werk. Auf der Hirschfährte weiterstrebend,
erreicht Ambros eine Breitfläche, an deren oberen Ende eine
tiefverschneite Almhütte liegt, von Hochwild umstanden, das aus den
Fugen und Ritzen des Futterstadels gierig Strohhalme und Heufäden zieht.
Plötzlich erdröhnt ein Schuß, ein Hirsch wird hoch und fällt nach kurzer
Flucht, schlegelnd sinkt er in den Schnee. Aufstäubend jagt das Rudel
davon.
Vor Schrecken ist Pater Ambros tief eingesunken und mühsam arbeitet er
sich aus dem Schneeloch heraus. Wer wohl geschossen haben mag?
Berufsjäger schießen nicht auf hungerndes Wild am Futterplatze; es wird
ein Wilderer sein. Doch gleichviel, ein Mensch ist hier oben, ein
Mensch, der Erbarmen haben muß mit einem todesmatten Priester und dem
ohnmächtigen Kinde.
„Hilfe!“ ruft der Pater, und blitzschnell verschwindet die Gestalt im
Walde.
„Hilfe in höchster Not! Ich bin's, der Einödpater!“
Jetzt erst findet sich die Gestalt mit geschwärztem Gesicht bewogen,
näher zu kommen, und wie der Wilderer das Ordenskleid erkennt, watet er
völlig heran, und hilft dem Pater.
„Verrat' mich fein nicht!“ flüstert er Ambros zu.
„Gewiß nicht! Bring' nur erst den Buben in die Hütte!“
Der Wilderer nahm den Zacher auf die Schulter und trug ihn zur Hütte, wo
er den Kleinen mit Schnaps labte und zum Leben brachte.
Mittlerweile hat sich auch der Einödpater heraufgeschleppt, und völlig
ermattet nahm er Platz am Herd.
„Nimm einen Schluck Birenen (Moosbeerschnaps), Pater, seller thut dir
oh (auch) gut!“
Wie das erquickte!
Nach kaum halbstündiger Ruhe bat der Priester jedoch um das Geleite des
Mannes zum Zacherhof, wo der Jochbauer im Sterben liege.
„Sell geaht heunt nimmer! Ischt ja schon völlig Nacht 'worden!“
„Ich muß hinüber, dem Sterbenden die heilige Wegzehrung bringen!“
„Ah so wohl. Hast aftn auch die Hostien bei dir?“
„Red' nicht lang' und hilf mir hinüber zum Zacher!“
„Sell geaht nit! Es ischt schon zu spät, der Schnee zu tief, wüßt' frei
selm nit hinüber in der Nacht! Mußt ihn schon selm allein sterben
lassen, den Zacher!“
Eine Müdigkeit überfällt den Pater, taumelnd wankt er und ist dankbar,
daß der Wilderer ihm das eigene Heulager in der Ecke anbietet. Kaum
liegt Pater Ambros, schlummert er auch schon ein. Die Anstrengung war zu
groß.
Ruhig schläft auch der Bub auf einem Haufen Daxen.
Wie der Wilderer den schlummernden alten Priester betrachtet,
durchkreuzen seltsame Gedanken seinen Kopf. Gewiß will der einsame
Mensch nichts Schlimmes beginnen, als Gebirgler empfindet er Achtung vor
dem Priesterkleid des Mönches, aber ein Gedanke will den Ausgestoßenen
nimmer verlassen. Wie hat doch der alte Holzer Christl einst gesagt: Das
beste Mittel für einen Büchsler bleibe immer die geweihte Hostie, die
man in eine selbst geschnittene Handwunde einlegen und einwachsen lassen
soll, auf daß die besondere Kraft der Hostie sich auf den Büchsler
übertrage, der dann schußfest wird.[4] Schußfest werden, so daß alle
Jägerkugeln abprallen am gefeiten Leibe, das wäre das Richtige für den
armen Cajetan heroben. Schußfest gegen seine Feinde, welche nach ihm
fahnden und ihn hetzen. Der Cajetan hat es nimmer ausgehalten in der
fremden Kaserne, das Heimweh hat ihn gepackt, und eines Tages ist er
durch und seitdem lebt er heroben in der Wildnis kümmerlich genug.
Sommers über geht es ja noch gut, da helfen die Almerinnen und sorgen
für ihn in jeder Weise; aber im Winter ist es hart leben. Freilich, so
lange es so tüchtig schneit, können die Verfolger nicht herauf und der
Cajetan hat Ruhe vor ihnen. Ist ein Wunder, daß der Franziskaner durch
den Wehschnee heraufgekommen ist. Ein Wunder wahrhaftig! Und ob der
Cajetan nicht von solchem Wunder profitieren soll? Er braucht ja bloß
eine einzige Hostie für seinen Zweck, der Einödpater will den Zacher
„versehen“, also hat der Geistliche sicherlich mehrere oder doch zwei
Hostien bei sich. Der Zacher langt, wenn er morgen noch am Leben ist,
gewiß mit einer Hostie, und ist er gestorben, braucht er gar keine mehr.
Dem Cajetan aber wäre mit einer Hostie geholfen. Wenn er daher dem
Franziskaner eine Hostie wegnimmt, könnte Cajetan morgen schon schußfest
sein, gefeit gegen die Kugeln seiner Todfeinde. Aufmerksam betrachtete
der Flüchtling den schlafenden Pater. Wo dieser wohl die Hostien
verborgen haben mag? Das Fehlen einer einzigen wird er vielleicht gar
nicht merken. „Und mir wäre geholfen!“ flüsterte Cajetan, dem ganz heiß
wurde bei diesem Gedanken. Unwillkürlich ließ Cajetan sich auf den Boden
nieder, zog die Schneestrümpfe und Schuhe aus, und kroch geräuschlos zum
Lager des Paters hin.
Quält diesen ein beängstigender Traum, er wird unruhig, stöhnt und legt
sich auf die linke Körperseite.
Cajetan liegt einer Schlange gleich vor dem schlafenden Priester, die
Augen fest auf dessen Oberkörper gerichtet, spähend nach dem Behältnis
der Hostien.
Nichts zu sehen, es ist noch zu finster in der Hütte.
Cajetan erhebt sich leise, um für die etwa nötig werdende Flucht sein
Schießzeug gleich bei der Hand zu haben, und richtet dasselbe bereit.
Dann kriecht er wieder zum Heulager und betrachtet den Franziskaner.
So vergeht Stunde um Stunde, und immer gieriger wird der Ausgestoßene
nach dem Mittel zur Erzielung der Schußfestigkeit. Jetzt oder nie! So
lange der Pater ruhig bleibt, soll ihm auch nichts geschehen. Wenn er
sich aber wehrt? Soll er ihn wegen der Hostie umbringen?
Cajetan fröstelt bei diesem Gedanken. Nein, nein, das will er nicht
thun. Aber freilich, wenn der Pater die Hostie nicht gutwillig hergiebt,
so muß er dazu gezwungen werden.
Es wird mählich lichter in der Hütte. Cajetan hockt am Lager des
Priesters und zieht leise seine Schuhe wieder an. Könnte ja sein, daß er
flüchten muß, und dazu muß er die Schuhe haben.
Der Schlaf des Einödpaters wird leichter gegen Morgen, die Atemzüge
ruhiger.
Wieder betrachtete ihn der Wilderer, und diesmal ist's ihm, als zeige
die Brust eine Erhöhung, als sei unter dem Habit ein Gefäß geborgen.
Soll Cajetan etwa dort den Habit aufschneiden? Mit einem Schnitt des
scharfen Knickers wäre das gethan, und dann könnte er das Gefäß mit den
Hostien in alter Stille herausnehmen. Wenn sich aber der Pater in
diesem Augenblick rührt, wenn er gar in die Höhe fahren will, so rennt
er die Brust direkt in das Messer.
Cajetan erschauert. Seine Hände zucken, er weiß nicht wie ihm geschieht,
wie von geheimnisvoller Macht geleitet, sind die Hände auf der Brust des
Mönches, ein vorsichtiges Tasten beginnt, Cajetan befühlt den Behälter
unter dem Habit, das heißbegehrte Gefäß ist vorhanden. Schon zieht er
das Messer, der Habit muß auf der Brust aufgeschnitten werden.
Jäh schreckt der Priester zusammen, erwachend ruft er: „Was soll es? Wer
ischt da? Was willst du?“ und richtete sich auf.
Blitzschnell ist Cajetan aufgesprungen, das offene Messer hinter dem
Rücken verbergend, suchte er den Geistlichen zu beruhigen. „Nichts,
Hochwürden! Nichts! Ich hab' nur geschaut, ob Ihr noch schlaft! Es ischt
Tag worden draußen!“
Den Mönch befällt eine jähe Ahnung. Mit einem Handgriff an seine Brust
überzeugt er sich, daß die Bursa unter dem Habit noch vorhanden ist.
Pater Ambros erhebt sich, er erkennt die Betroffenheit des Wilderers, er
ahnt dessen Absicht, den Frevel, und in heiliger Entrüstung, mit
flammenden Worten, züchtigt er den schweren Frevel, den geplanten Raub
einer heiligen Hostie. „Das ischt verruchter Gottesraub! Du bischt dem
Teufel verfallen, verdammt und verworfen! Ausgestoßen sollst du sein und
bleiben aus der Gemeinschaft der Christen!“
„Na, na, Pater! Nur das nicht! Nicht exkommunizieren, ich bin eh
(ohnehin) schon elend genug! Schau, Herr! Ich hab' ein Leben, schlechter
wie ein Hund, elendiger wie 's Wild im Wald. Ich hab' weiter nichts
Schlechtes wollen, gleich nur ein wengl kugelfest möcht' ich sein!“
„Frevel, strafwürdiger Frevel ischt das! Mag alles übrige begreiflich
erscheinen, solcher Frevel nie und nimmer! Was du gewollt, bleibt ohn'
Verzeihen! Das kann dir nie und nimmer verziehen werden! Ich
exkommuniziere dich! Verflucht bischt du, ausgestoßen aus der
Gemeinschaft der Christen!“
Cajetan griff nach dem Schießzeug, mit einem Satz sprang er aus der
Hütte.
Nicht länger will Pater Ambros in dieser Hütte bleiben; er weckte den
Buben und trat in die Schneewüste hinaus. Klar ist das Firmament
geworden, ein kalter Wintertag ist angebrochen, der Schnee haftig
geworden.
An einzelnen Felsformationen des Gebirges ringsum vermag sich der Pater
zu orientieren, der Bub erkennt auch die Richtung zum Joch, und so
treten beide den Marsch an. Stundenlang heißt es waten im Schnee, dann
endlich ist die Jochlhöhe erklommen, von welcher auf der anderen Seite
abwärts nur noch ein Viertelstündchen bis zum Zachenhofe ist.
Müde und matt wird das Gehöft erreicht. Die weinende Bäuerin schließt
ihr glücklich wiedererhaltenes, schon aufgegebenes Kind in die Arme, und
dann geleitet sie den Mönch zum toten Zacher. Zu spät gekommen. All' die
furchtbare Mühe war vergebens.
Pater Ambros segnete die Leiche ein und betete für den Heimgegangenen.
Nach eingenommener Stärkung trat der Einödpater den Rückweg an, diesmal
von zwei Knechten begleitet, die ihm den Weg voraus treten.
* * * * *
Sonnenwiederkehr ist heute; bei klarem Himmel sendet die Sonne
erstmalig im neuen Jahr wieder ihr Licht auf das Klösterl in Latschwies.
Ein frostiger Tag, dieser 22. Februar, doch er brachte die Sonne wieder,
die der einsam in seiner Zelle sitzende Pater Ambros stillfreudig
begrüßte. Die 87 sonnenlosen Tage sind vorüber, langsam geht es dem Lenz
entgegen. Im Klösterl hat es in dieser Zwischenzeit eine Veränderung
gegeben. Frater Marian ist auf die Bitte des Einödpaters nach dem Süden
versetzt worden, in die sonnige, warme Heimat. Für ihn ist ein anderer
Klosterbruder heraufgekommen in die Bergwildnis, ein kräftiger, junger
Mann, wetterfest, von dem die Latschwieser gleich beim ersten Anblick
sagten: „Der ischt der richtige, der vertragt was!“
Pater Ambros hüstelt in seiner Zelle. Jene Schreckensnacht durch die
Schneewüste im furchtbaren Sturm, die kalte Nacht in der Hütte, all'
dies hat ihm doch böse zugesetzt. Er ist ja kein Junger mehr, der
Einödpater. Aber der „Auswärts“ (Frühling) wird es schon bessern.
Der neue Frater Willibald läutet das Ave; es ist Abend geworden in der
Bergeinsamkeit. Unverschlossen ist in dieser kurzen Zwischenzeit die
Klosterpforte. Wer wird auch eindringen wollen in diese Stätte der Armut
und Entbehrung!
Und doch! Eine Gestalt huscht hinein und verbirgt sich.
Zur Matutin erhebt sich Pater Ambros vom Lager, entzündet eine Kerze und
will eben seine Zelle verlassen, da wirft sich eine Männergestalt dem
Pater zu Füßen und fleht um Barmherzigkeit. Ambros ist erschrocken
zurückgewichen, doch der flehende Ton beruhigt ihn sogleich. „Wer bischt
du und was willst du?“ fragte der Franziskaner und leuchtete dem
Burschen in das Gesicht.
„Kennst mich nimmer, Pater? Ich bin der Cajetan, weißt noch?“
„Richtig, ja, jener Wilderer und Frevler! Was willst denn du Verworfener
im Kloster?“
„Hilf mir, Einödpater! Die Sünd' möcht' ich los haben und Unterschlupf.
Die Gendarmen hetzen mich, Herr! Ich bin oben nimmer sicher! Die Füß'
erfroren, krank an Leib und Seel', hilf, Einöder! Hilf um Gottes und
Jesu willen!“
Mitleidig sprach der alte Priester: „Das ischt freilich schlimm! Doch
ein Gutes erkenne ich dabei, in dir ischt die Reue wach geworden! Das
Gewissen regt sich, und das ischt der Anfang zur Besserung! Du willst
wohl beichten?“
„Ja, Pater! Absolvier' mich um Gottes willen!“
„So sehst du es ein und bereust den furchtbaren Frevel?“
„Ja, Pater! Aber mach's geschwind, ich bin keine Stund' mehr sicher! Ein
Gendarm ischt im Dörfl über Nacht 'blieben, der wird wohl mit Taganfang
kommen!“
„Vor dem Altar und in der Kirche überhaupt bischt du sicher! Zur Beichte
will ich dich lassen, aber kommunizieren kannst du nicht, denn es ischt
nicht gewiß, ob du nicht abermals einen Frevel planst und die beim hl.
Abendmahl empfangene Hostie verwenden willst zu abergläubischer That!“
„Nein, nein, gewiß nicht! Ich schwör's mit heiligem Eid! Bindet mir die
Händ' an den Leib, doch laßt mich ans Speisgitter! Ihr könnt ja bei mir
bleiben, bis die Hostie zerflossen ischt auf der Zung'! Ich bitt',
sprecht mich los, lasset mich den Frevel wieder gutmachen!“
Der Priester erkannte die Zerknirschung des Ausgestoßenen, die Reue ist
echt und tief empfunden. „So komm!“
Im Beichtstuhl des Klosterkirchleins hörte Pater Ambros die Beichte des
Verfolgten, der dann tiefandächtig an das Gitter vor dem Altar kniete,
um das heil. Abendmahl zu empfangen. Frater Willibald war zur Matutin
ins Kirchlein gekommen und sah erstaunt, wie der Pater beim Schein
einiger Altarkerzen den Tabernakel aufschloß und die heil. Handlung des
Sakramentspendens vornahm.
Schon schritt Pater Ambros die Stufen des Altars herab, er reichte dem
Büßer eben die geweihte Hostie mit den Worten: „Corpus Domine Jesu
Christi custodiat animam tuam et vitam aeternam, Amen!“
Das Geräusch starker Tritte an der Kirchenthüre veranlaßte den Priester,
forschend in jene Richtung zu blicken.
Eine uniformierte Gestalt ist eingetreten, die den Sturmhut in der
linken Hand trägt und mit der Rechten sich andächtig bekreuzt. Ein
Gendarm ist es.
Der greise Priester zittert vor Erregung. Ahnungslos kniet Cajetan vor
ihm und harrt frommgläubig des Empfanges der heil. Hostie. Pater Ambros
reicht dieselbe dem Kommunikanten und unwillkürlich flüstert er diesem
zu. „Bleib' knieen, hinten wartet ein Gendarm!“
Cajetan zuckt erschrocken zusammen, die Angst macht ein Gebet unmöglich.
Der Gendarm mochte wohl auch in dem Kommunikanten den längst gesuchten
Flüchtling erkannt haben, denn er näherte sich demselben bis zur ersten
Kirchenbank, in welcher er Platz nahm, um hier zu warten.
Verwirrt hatte der Priester den Hostienkelch wieder zum Altar getragen
und im Tabernakel verschlossen. Der Gedanke, wie dem armen Burschen die
Rettung ermöglicht werden könnte, bewegte den Einödpater so stark, daß
er für die nächsten Augenblicke nicht wußte, was beginnen.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat Ambros nochmals zu dem
zitternden Menschen und gebot ihm flüsternd, in die Sakristei zu kommen,
indem der Pater zugleich das Speisgitter öffnete, um Cajetan in den für
Priester und Ministrant reservierten Raum vor dem Altar einzulassen.
Schwerfällig folgte Cajetan, den die erfrorenen Füße schmerzten, vor
dem Tabernakel verbeugte er sich tiefdemütig und schritt in die
Sakristei, wohin ihm der Pater folgte, hinterdrein Frater Willibald.
In atemloser Spannung harrte der Gendarm in der Bank.
„Jetzt fort, Gott helfe dir!“ flüsterte der alte Pater, und Willibald
öffnete die zum Klostergang führende Thüre.
Trotz der Fußschmerzen raste Cajetan in seiner Todesangst mit jähen
Sätzen in den Gang hinaus und verschwand.
„Rasch das Meßgewand, Willibald, ich will gleich die Messe lesen!“ gebot
Ambros.
Frater Willibald verstand diese Absicht nicht sofort und machte
Einwendungen. Es sei zu früh zur Messe und noch keine Andächtigen
erschienen.
„Heute ischt mit Gottes Hilfe eine Ausnahme! Rasch, rasch!“
Willibald gehorchte, und alsbald erschienen Priester und Ministrant
wieder vor dem Altar.
Der Gendarm guckte, er wartete einige Minuten und als er merkte, daß der
gesuchte Flüchtling nicht wieder aus der Sakristei hervorkam, ward der
Verdacht zur Gewißheit. Schnell bekreuzte sich der Gendarm und verließ
raschen Schrittes das Kirchlein. Für ihn beginnt der Dienst, er darf
keine Minute länger weilen. Flink springt der Mann um das Kirchlein
herum, nach dem Ausgang von der Sakristei zu forschen, mit einem Blick
ist der Plan entdeckt; der Flüchtling kann nur durch den Verbindungsgang
ins Klösterl entwichen sein. Soll der Gendarm nun in Abwesenheit der
Klosterleute eindringen? Thut er das nicht, so wird er den Deserteur
auch nicht erwischen. Die Pforte ist offen, also hinein, der Dienst ist
unerbittlich.
Vom Flüchtling keine Spur; Cajetan ist wie vom Erdboden verschwunden.
Alles Suchen von Zelle zu Zelle, im Dachboden, im Keller, ist vergebens.
Der Häscher suchte nun nach Spuren beim Gärtchen und hier wird der
Schnee zum Verräter, eine flüchtige Fährte zeigt den eingeschlagenen Weg
über die verschneite Wiese hinter dem Klösterl hinan den Berg zum
Hochwald. Die Menschenjagd beginnt.
Nach beendeter Messe kehrte Pater Ambros in seine Zelle zurück, nun eine
Beute unangenehmer Gedanken. Hat er recht gehandelt, da er sich vom
Mitleid leiten ließ, oder hat er seine Pflicht gegenüber Staat und
Gesetz verletzt, indem er dem Verfolgten zur Flucht verhalf? Zweifel
erfassen ihn, der greise Priester ist mit sich uneins, und selbst ein
Gebet kann ihn von solchen Zweifeln nicht befreien.
* * * * *
Von erfolgloser Streife ist der Gendarm ins Amtsstädtchen zurückgekehrt,
und sein erster Gang galt dem Bezirksrichter zur Berichterstattung.
Es war schon dämmerig und knapp vor Schluß der Amtsstunde. Eben wollte
Ehrenstraßer die Lampe verlöschen, als sich der Gendarm meldete.
„Haben Sie den Flüchtling noch immer nicht?“ fragte der Bezirksrichter.
„Zu Befehl, Herr Bezirksrichter, nein! Unter den begehenden
Verhältnissen ist es auch ganz unmöglich, den Deserteur zu fassen!“
„Wieso?“
Nun erzählte der Gendarm das Erlebnis im Latschwieser Kirchlein.
Ehrenstraßer fühlte zum erstenmale in seiner Dienstpraxis eine
Beklommenheit. Der Fall ist ihm neu und nichts weniger denn angenehm.
Zunächst entließ er den Gendarm mit der Ordre, daß die Patrouillen gegen
den Deserteur vermehrt und auch die Jagdgehilfen aufgeboten werden
sollten. Weiteres werde dem Wachtmeister noch zugemittelt werden.
Unschlüssig verblieb Ehrenstraßer noch in der Kanzlei und überlegte den
Fall. Daß der ihm gut bekannte Einödpater aus rein menschlichem Mitleid
so gehandelt, steht außer allem Zweifel. Aber wie qualifiziert sich
diese Handlungsweise? Ist es Begünstigung, um einen Verbrecher der
Bestrafung zu entziehen? Dazu gehört das Bewußtsein beim Pater, daß
Cajetan ein Deserteur ist, also eine bestimmte strafbare That begangen
hat, vor deren Folgen der Begünstiger ihn retten wollte. Hatte der Pater
dieses Bewußtsein? Kann und soll man überhaupt gegen einen
Ordensgeistlichen, gegen einen wahrhaftigen Märtyrer seines Berufes
vorgehen? Von einem Vorteil für den Begünstiger kann ja ohnehin keine
Rede sein. Und übergroß ist die Schädigung auch nicht, und für den Staat
kann es ziemlich gleichgültig ein, ob der Flüchtling um einige Tage
früher oder später eingefangen wird. Unangenehm bleibt der Kasus jedoch
immer, denn der Gendarm hat dienstlich hierüber Anzeige erstattet, und
der Untersuchungsrichter ist verpflichtet, der Sache nachzugehen.
„Ja, das werde ich wohl thun müssen, aber heute nimmer!“ murmelte der
Richter, nahm Hut und Überrock, blies die Lampe aus, und verließ das
Gerichtsgebäude.