Franz Ratschiller kam aus den Überraschungen nicht mehr heraus; einmal
erfuhr er, daß Papa für ihn um Emmys Hand bei Ehrenstraßer angehalten
und dessen Zusage bekommen habe; Kommissionär Pfahler trug ihm die
Neuigkeit vom Ankauf des Angerergrundes für einen Villenbau zu, auf
welchem das „Nest“ für das junge Paar gebaut werden solle. Franzen
wirbelte der Kopf und auch die Füße kamen ins Wirbeln, denn Franz lief
zu Ehrenstraßer, um sich vom Schwiegerpapa in spe und im besondern von
Emmy die beglückende Kunde betätigen zu lassen.
Eine dritte Überraschung enthielt die Mitteilung des alten Ratschiller,
daß morgen das Verlobungsdiner stattfinden solle, zu welchem
Bezirksrichters, Doktors u. s. w. geladen seien.
Papa Ratschiller forderte von Franz keinerlei Büreauarbeit, ja er
entband den Sohn ausdrücklich von allen dienstlichen Verpflichtungen
unter der Beifügung, daß ein verliebter Verlobter nur Unheil im Geschäft
anrichten könnte. Es solle Franz daher nur nach Herzenslust schwärmen
und von der Braut träumen. Das ließ sich der junge Mann natürlich nicht
zweimal sagen und enteilte in höchster Glückseligkeit.
In seinem Komptoir zog der Fabrikherr freilich das Gesicht in Falten, er
sah nichts weniger denn heiter und sorgenlos aus, als er im
Katasterauszug immer wieder zu rechnen begann. Ratschiller sen. war in
einer Nacht jäh erwacht aus schwerem Traum, in welchem ihn ein
entsetzlicher Gedanke gepeinigt hatte, der Gedanke, daß Mergelmangel in
den angekauften Grundstücken und Berghalden eingetreten, die
Cementfabrik ohne Steine sei und daher den Betrieb einstellen müsse. Der
blanke Ruin und Bankerott. In jener Nacht saß der Fabrikherr wie
erstarrt in seinem Bett und vermochte sich nicht klar darüber zu werden,
was nun Traum oder Wahrheit sei. Mitten in der Nacht in das Komptoir zu
gehen und im Katasterauszug nachzurechnen, ist nicht möglich, würde die
Gattin auch zu sehr erschrecken. So verbrachte der alte Herr in einem
schrecklichen Zustande der Angst den Rest der Nacht im Bett und quälte
sich mit Konkursgedanken. Am frühen Morgen, unter Verzicht auf das
übliche Frühstück, begab sich Ratschiller ins Komptoir und holte die
Schriftstücke und Pläne aus der Kasse, um den Besitz an Grund und Boden,
die Zahlen betreffs der Steinbrüche einer gründlichen Prüfung zu
unterziehen. Die erstmals vorgenommene Addition ergab ein völlig
befriedigendes Resultat, und der Fabrikant atmete erleichtert auf. Dann
aber nagte der schreckliche Zweifel wieder im Kopf, die Besitzzahlen
wurden erneut zusammengezählt und merkwürdigerweise kam nun heraus, daß
die Fabrik in absehbarer Zeit Mangel an Gestein zum Verarbeiten haben
müsse. Das wiederholte sich des Öfteren mit pro und contra und
schließlich wußte Ratschiller, der sonst so ruhig und klar denkende Mann
selbst nicht mehr, wie es um seinen Grundbesitz steht. Wen soll er
darüber befragen? Der Fabrikleiter bleibt, weil nicht informiert,
außer Betracht. Auskunft über die Katasterzahlen könnte der
Evidenzhaltungsgeometer geben, aber kein Fabrikherr wird solchen Zweifel
einem Unbeteiligten mitteilen, denn ein Gerede wäre nicht zu vermeiden,
und hört die Konkurrenz davon auch nur ein einziges Wörtchen, so sind
die geschäftlichen Folgen gar nicht übersehbar und von einschneidender
Wirkung.
Ratschiller versuchte es, den Grundbesitz graphisch darzustellen, Berg
um Berg, die zur Ausbeutung angekauft sind, zeichnete er auf einen Bogen
Papier und strich davon durch, was im Abbau sich befindet. Es verbleibt
ein stattlicher Rest an Grundbesitz, der auf Jahrzehnte hinaus zum Abbau
reichen wird. Und da kam der gräßliche Zweifel wieder in der Frage: „Wie
aber, wenn die angekauften Berge nicht das nötige Gestein enthalten?
Wie, wenn die chemische Analyse ergeben würde, daß nur der minderwertige
Romancement erzeugt werden könnte?“ In gigantischen Ziffern sah der
Fabrikherr den Ruin vor dem geistigen Auge. Und solche Gedanken quälen
ihn jetzt, da er im Begriffe steht, die große Luftseilbahn in Scene zu
setzen. Das nötige Grundstück ist erworben, die Behörden haben die
Konzession zur Anlage erteilt, welcher nach den Probefahrten die
Erlaubnis zur Betriebseröffnung folgen wird. Mit Bleichert & Co. ist
alles vereinbart, die Drahtmenge &c. unterwegs, der Ingenieur zur
Seilbahnerbauung muß jeden Tag eintreffen, die Pläne sind fertig
ausgearbeitet.
Ratschiller ist's, als will ihm der Kopf zerspringen. Wie und wo den
Ausweg finden, wie den geradezu lähmenden Zweifel losbringen?
Am Telephon lärmte die Klingel. Ratschiller trat an den Apparat, der das
„Allerheiligste“ mit dem Büreau der Fabrikleitung verbindet, und fragte
nach dem Begehr Hundertpfunds.
Wie Musik klingt es Ratschiller aus dem Hörrohr in sein Ohr. „Herr Chef!
Soeben im Eibberg erstmalig mit Janit gesprengt, ein kolossales
Mergellager liegt offen von einer ganz unerwarteten Mächtigkeit.
Gratuliere!“
„Danke!“ vermochte der Chef noch zu stammeln; das Hörrohr auf den Haken
zu hängen war er nicht mehr fähig. Vor den Augen ward es schwarz, Hände
und Kniee zitterten, der alte Mann war einer Ohnmacht nahe. Er schleppte
sich zu seinem Stuhl, ließ sich hineinfallen und weinte.
Thränen wirken immer lindernd. Nach einem Halbstündchen war Ratschiller
wohl, die alte Elasticität kehrte wieder, froh und heiter packte er die
Schriften und Pläne in den Schrank und begab sich in die Privatwohnung
hinauf.
Am Telephon knatterte es, doch konnte wegen Ausschaltung des Hörrohres
die Klingel nicht funktionieren, der Fabrikleiter also keine weitere
Meldung erstatten. Das Knattern ward in den übrigen Zimmern nicht
gehört.
Tags darauf fanden sich die Geladenen zum Verlobungsdiner ein im
glänzend geschmückten Speisesaale der Familie Ratschiller. Die
Wohlhabenheit des Fabrikherrn kündete das feine Mobiliar wie der reiche
Tafelschmuck in Silber und Gold. Alles war festlich gekleidet und in
bester Laune. Die Verlobten strahlten vor Glückseligkeit, die Väter
drückten sich die Hände, Frau Ehrenstraßer überschüttete die
Gesellschaft mit einem welschen Wortschwall, und sagte es jedem, der ihr
in den Weg kam, daß sie die glücklichste Frau von ganz Tirol sei.
Franzens Schwestern beglückwünschten Emmy unaufhörlich und mengten
Toilettefragen dazwischen, Frau Ratschiller als Hausdame kümmerte sich
mehr um regelrechtes Servieren und kommandierte das Dienstbotenpersonal
in vornehm-ruhiger Art. Wichtig hatten es Herr und Frau Doktor von
Bauerntanz, indem der dicke Gemahl dem Bräutigam, der nur mit halbem Ohr
zuhörte, die wichtige Lebensregel auseinandersetzte, daß man vor lauter
Liebe niemals auf einen ordentlichen Tarok vergessen dürfe. Frau von
Bauerntanz brillierte in ihrer blonden Schönheit und in einem
Seidenkleid, das früher ihr Hochzeitskleid gewesen, und kokettierte
kräftig mit Herrn Hundertpfund, welcher mit größter Bereitwilligkeit auf
die Augensprache einging, und der schmucken, üppigen Frau den Hof
machte. Der Fabrikleiter war aber auch ein begehrenswerter, bezaubernder
Mann, der es verstand, mit Damen umzugehen, sich unwiderstehlich zu
zeigen. Wie glänzen doch seine schwarzen Augen, wie sympathisch ist
seine Haltung, anziehend, lockend, so ganz anders als die
Provinzlergestalten in der Herrenwelt des Städtchens, nicht
schwerfällig, sondern schlank und elegant, ausdrucksvoll jeder Blick,
jede Miene und Geste, schmale Hände in modernen, feinen Handschuhen,
sonor und weich und wohlklingend die Stimme, verheißungsvoll. Frau von
Bauerntanz wollte nach ihrer ursprünglichen Absicht mit diesem
Idealmanne nur kokettieren, den Kitzel eines Spieles auf sich wirken
lassen, den feschen Mann in sich verliebt machen, um ihn
selbstverständlich dann in der Kniestellung auszulachen, denn sie fühlt
sich als hochanständige Frau.
Man nahm Platz an der herrlichen Tafel. Braut und Bräutigam zärtlich
nebeneinander, dann immer ein Herr zwischen den Damen. Den Bezirksarzt
traf das Los, die Richterin zur Nachbarin zu bekommen, und er fügte sich
würdevoll ins Unvermeidliche, wobei er gleichzeitig die dürftigen
Sprachkenntnisse des Südens hervorkramte. Seine Gattin kam neben
Hundertpfund zu sitzen und hatte schon vor dem Champagner ein leuchtend
Rot in den feingeschnittenen Öhrchen.
Die Festrede hielt Papa Ratschiller in kerniger, kurzer Weise, zu deren
Schluß der Sekt in den Gläsern schäumte und allseitig das übliche Hoch
auf das Brautpaar erklang. Nun sind die Schleusen der Beredsamkeit
geöffnet, der reichlich, schier verschwenderisch gegebene Champagner
that ein Übriges, die Etikette lockerte sich zur zwanglosen Unterhaltung
und zu freieren Sitten.
Übermütig lustig ward Frau von Bauerntanz, die in gierigen Zügen diese
so seltenen Lebensfreuden genoß, und es willig duldete, daß ihr
Tischnachbar ein Rendezvous forderte. Kichernd nickte sie Hundertpfund
zu und animierte ihn zum weiteren Erzählen von Pikanterien aus der
Großstadt. Als das Diner zu Ende ging, war die Doktorin es, die den
bezaubernden Nachbar animierte, den Verkehr im Hause durch eine
Staatsvisite aufzunehmen, und Hundertpfund warf ihr einen seiner
feurigen Blicke zu, der die hübsche Frau erglühen machte bis zu den
Haarwurzeln hinauf. Im lustigen, weinfrohen Getriebe blieb das Spiel der
beiden völlig unbeachtet, die andern waren mit sich selbst und den
Flaschen beschäftigt.
Spät endete das Fest, und auch das Abschiednehmen und Bedanken fand
einen Schluß. Plaudernd entfernten sich die Gäste. Franz begleitete Emmy
nach Hause. Ratschiller sen. fühlte sich nicht recht wohl, er fand Luft
und Cigarrendampf erstickend, und begab sich zur Ruhe, nachdem er der
Gattin jegliche Sorge ausgeredet hatte.
Ruhe! Ja, wenn die Träume nicht wären. Wieder diese entsetzlichen
Traumbilder vom Steinmangel und Konkurs. Ratschiller verbrachte diese
Nacht so schlecht wie die früheren.