V.

Franz Ratschiller kam aus den Überraschungen nicht mehr heraus; einmal

erfuhr er, daß Papa für ihn um Emmys Hand bei Ehrenstraßer angehalten

und dessen Zusage bekommen habe; Kommissionär Pfahler trug ihm die

Neuigkeit vom Ankauf des Angerergrundes für einen Villenbau zu, auf

welchem das „Nest“ für das junge Paar gebaut werden solle. Franzen

wirbelte der Kopf und auch die Füße kamen ins Wirbeln, denn Franz lief

zu Ehrenstraßer, um sich vom Schwiegerpapa in spe und im besondern von

Emmy die beglückende Kunde betätigen zu lassen.

Eine dritte Überraschung enthielt die Mitteilung des alten Ratschiller,

daß morgen das Verlobungsdiner stattfinden solle, zu welchem

Bezirksrichters, Doktors u. s. w. geladen seien.

Papa Ratschiller forderte von Franz keinerlei Büreauarbeit, ja er

entband den Sohn ausdrücklich von allen dienstlichen Verpflichtungen

unter der Beifügung, daß ein verliebter Verlobter nur Unheil im Geschäft

anrichten könnte. Es solle Franz daher nur nach Herzenslust schwärmen

und von der Braut träumen. Das ließ sich der junge Mann natürlich nicht

zweimal sagen und enteilte in höchster Glückseligkeit.

In seinem Komptoir zog der Fabrikherr freilich das Gesicht in Falten, er

sah nichts weniger denn heiter und sorgenlos aus, als er im

Katasterauszug immer wieder zu rechnen begann. Ratschiller sen. war in

einer Nacht jäh erwacht aus schwerem Traum, in welchem ihn ein

entsetzlicher Gedanke gepeinigt hatte, der Gedanke, daß Mergelmangel in

den angekauften Grundstücken und Berghalden eingetreten, die

Cementfabrik ohne Steine sei und daher den Betrieb einstellen müsse. Der

blanke Ruin und Bankerott. In jener Nacht saß der Fabrikherr wie

erstarrt in seinem Bett und vermochte sich nicht klar darüber zu werden,

was nun Traum oder Wahrheit sei. Mitten in der Nacht in das Komptoir zu

gehen und im Katasterauszug nachzurechnen, ist nicht möglich, würde die

Gattin auch zu sehr erschrecken. So verbrachte der alte Herr in einem

schrecklichen Zustande der Angst den Rest der Nacht im Bett und quälte

sich mit Konkursgedanken. Am frühen Morgen, unter Verzicht auf das

übliche Frühstück, begab sich Ratschiller ins Komptoir und holte die

Schriftstücke und Pläne aus der Kasse, um den Besitz an Grund und Boden,

die Zahlen betreffs der Steinbrüche einer gründlichen Prüfung zu

unterziehen. Die erstmals vorgenommene Addition ergab ein völlig

befriedigendes Resultat, und der Fabrikant atmete erleichtert auf. Dann

aber nagte der schreckliche Zweifel wieder im Kopf, die Besitzzahlen

wurden erneut zusammengezählt und merkwürdigerweise kam nun heraus, daß

die Fabrik in absehbarer Zeit Mangel an Gestein zum Verarbeiten haben

müsse. Das wiederholte sich des Öfteren mit pro und contra und

schließlich wußte Ratschiller, der sonst so ruhig und klar denkende Mann

selbst nicht mehr, wie es um seinen Grundbesitz steht. Wen soll er

darüber befragen? Der Fabrikleiter bleibt, weil nicht informiert,

außer Betracht. Auskunft über die Katasterzahlen könnte der

Evidenzhaltungsgeometer geben, aber kein Fabrikherr wird solchen Zweifel

einem Unbeteiligten mitteilen, denn ein Gerede wäre nicht zu vermeiden,

und hört die Konkurrenz davon auch nur ein einziges Wörtchen, so sind

die geschäftlichen Folgen gar nicht übersehbar und von einschneidender

Wirkung.

Ratschiller versuchte es, den Grundbesitz graphisch darzustellen, Berg

um Berg, die zur Ausbeutung angekauft sind, zeichnete er auf einen Bogen

Papier und strich davon durch, was im Abbau sich befindet. Es verbleibt

ein stattlicher Rest an Grundbesitz, der auf Jahrzehnte hinaus zum Abbau

reichen wird. Und da kam der gräßliche Zweifel wieder in der Frage: „Wie

aber, wenn die angekauften Berge nicht das nötige Gestein enthalten?

Wie, wenn die chemische Analyse ergeben würde, daß nur der minderwertige

Romancement erzeugt werden könnte?“ In gigantischen Ziffern sah der

Fabrikherr den Ruin vor dem geistigen Auge. Und solche Gedanken quälen

ihn jetzt, da er im Begriffe steht, die große Luftseilbahn in Scene zu

setzen. Das nötige Grundstück ist erworben, die Behörden haben die

Konzession zur Anlage erteilt, welcher nach den Probefahrten die

Erlaubnis zur Betriebseröffnung folgen wird. Mit Bleichert & Co. ist

alles vereinbart, die Drahtmenge &c. unterwegs, der Ingenieur zur

Seilbahnerbauung muß jeden Tag eintreffen, die Pläne sind fertig

ausgearbeitet.

Ratschiller ist's, als will ihm der Kopf zerspringen. Wie und wo den

Ausweg finden, wie den geradezu lähmenden Zweifel losbringen?

Am Telephon lärmte die Klingel. Ratschiller trat an den Apparat, der das

„Allerheiligste“ mit dem Büreau der Fabrikleitung verbindet, und fragte

nach dem Begehr Hundertpfunds.

Wie Musik klingt es Ratschiller aus dem Hörrohr in sein Ohr. „Herr Chef!

Soeben im Eibberg erstmalig mit Janit gesprengt, ein kolossales

Mergellager liegt offen von einer ganz unerwarteten Mächtigkeit.

Gratuliere!“

„Danke!“ vermochte der Chef noch zu stammeln; das Hörrohr auf den Haken

zu hängen war er nicht mehr fähig. Vor den Augen ward es schwarz, Hände

und Kniee zitterten, der alte Mann war einer Ohnmacht nahe. Er schleppte

sich zu seinem Stuhl, ließ sich hineinfallen und weinte.

Thränen wirken immer lindernd. Nach einem Halbstündchen war Ratschiller

wohl, die alte Elasticität kehrte wieder, froh und heiter packte er die

Schriften und Pläne in den Schrank und begab sich in die Privatwohnung

hinauf.

Am Telephon knatterte es, doch konnte wegen Ausschaltung des Hörrohres

die Klingel nicht funktionieren, der Fabrikleiter also keine weitere

Meldung erstatten. Das Knattern ward in den übrigen Zimmern nicht

gehört.

Tags darauf fanden sich die Geladenen zum Verlobungsdiner ein im

glänzend geschmückten Speisesaale der Familie Ratschiller. Die

Wohlhabenheit des Fabrikherrn kündete das feine Mobiliar wie der reiche

Tafelschmuck in Silber und Gold. Alles war festlich gekleidet und in

bester Laune. Die Verlobten strahlten vor Glückseligkeit, die Väter

drückten sich die Hände, Frau Ehrenstraßer überschüttete die

Gesellschaft mit einem welschen Wortschwall, und sagte es jedem, der ihr

in den Weg kam, daß sie die glücklichste Frau von ganz Tirol sei.

Franzens Schwestern beglückwünschten Emmy unaufhörlich und mengten

Toilettefragen dazwischen, Frau Ratschiller als Hausdame kümmerte sich

mehr um regelrechtes Servieren und kommandierte das Dienstbotenpersonal

in vornehm-ruhiger Art. Wichtig hatten es Herr und Frau Doktor von

Bauerntanz, indem der dicke Gemahl dem Bräutigam, der nur mit halbem Ohr

zuhörte, die wichtige Lebensregel auseinandersetzte, daß man vor lauter

Liebe niemals auf einen ordentlichen Tarok vergessen dürfe. Frau von

Bauerntanz brillierte in ihrer blonden Schönheit und in einem

Seidenkleid, das früher ihr Hochzeitskleid gewesen, und kokettierte

kräftig mit Herrn Hundertpfund, welcher mit größter Bereitwilligkeit auf

die Augensprache einging, und der schmucken, üppigen Frau den Hof

machte. Der Fabrikleiter war aber auch ein begehrenswerter, bezaubernder

Mann, der es verstand, mit Damen umzugehen, sich unwiderstehlich zu

zeigen. Wie glänzen doch seine schwarzen Augen, wie sympathisch ist

seine Haltung, anziehend, lockend, so ganz anders als die

Provinzlergestalten in der Herrenwelt des Städtchens, nicht

schwerfällig, sondern schlank und elegant, ausdrucksvoll jeder Blick,

jede Miene und Geste, schmale Hände in modernen, feinen Handschuhen,

sonor und weich und wohlklingend die Stimme, verheißungsvoll. Frau von

Bauerntanz wollte nach ihrer ursprünglichen Absicht mit diesem

Idealmanne nur kokettieren, den Kitzel eines Spieles auf sich wirken

lassen, den feschen Mann in sich verliebt machen, um ihn

selbstverständlich dann in der Kniestellung auszulachen, denn sie fühlt

sich als hochanständige Frau.

Man nahm Platz an der herrlichen Tafel. Braut und Bräutigam zärtlich

nebeneinander, dann immer ein Herr zwischen den Damen. Den Bezirksarzt

traf das Los, die Richterin zur Nachbarin zu bekommen, und er fügte sich

würdevoll ins Unvermeidliche, wobei er gleichzeitig die dürftigen

Sprachkenntnisse des Südens hervorkramte. Seine Gattin kam neben

Hundertpfund zu sitzen und hatte schon vor dem Champagner ein leuchtend

Rot in den feingeschnittenen Öhrchen.

Die Festrede hielt Papa Ratschiller in kerniger, kurzer Weise, zu deren

Schluß der Sekt in den Gläsern schäumte und allseitig das übliche Hoch

auf das Brautpaar erklang. Nun sind die Schleusen der Beredsamkeit

geöffnet, der reichlich, schier verschwenderisch gegebene Champagner

that ein Übriges, die Etikette lockerte sich zur zwanglosen Unterhaltung

und zu freieren Sitten.

Übermütig lustig ward Frau von Bauerntanz, die in gierigen Zügen diese

so seltenen Lebensfreuden genoß, und es willig duldete, daß ihr

Tischnachbar ein Rendezvous forderte. Kichernd nickte sie Hundertpfund

zu und animierte ihn zum weiteren Erzählen von Pikanterien aus der

Großstadt. Als das Diner zu Ende ging, war die Doktorin es, die den

bezaubernden Nachbar animierte, den Verkehr im Hause durch eine

Staatsvisite aufzunehmen, und Hundertpfund warf ihr einen seiner

feurigen Blicke zu, der die hübsche Frau erglühen machte bis zu den

Haarwurzeln hinauf. Im lustigen, weinfrohen Getriebe blieb das Spiel der

beiden völlig unbeachtet, die andern waren mit sich selbst und den

Flaschen beschäftigt.

Spät endete das Fest, und auch das Abschiednehmen und Bedanken fand

einen Schluß. Plaudernd entfernten sich die Gäste. Franz begleitete Emmy

nach Hause. Ratschiller sen. fühlte sich nicht recht wohl, er fand Luft

und Cigarrendampf erstickend, und begab sich zur Ruhe, nachdem er der

Gattin jegliche Sorge ausgeredet hatte.

Ruhe! Ja, wenn die Träume nicht wären. Wieder diese entsetzlichen

Traumbilder vom Steinmangel und Konkurs. Ratschiller verbrachte diese

Nacht so schlecht wie die früheren.

Bergrichters Erdenwallen · 第 15 / 40 题