„So, Weibets! Das hätten wir! Vorgeladen ischt die Waldburga Deng, Witib
des vulgo Lusner, und du bischt die Taglöhnerin Kathi Hinterstoißer von
Bergheim!“
„Jeß marandjosef! Hat Er mich wirklich dertappt!“
„Freilich! Wirst wohl herin bleiben jetzt im Bezirksgericht! Aber
derweil erzählst uns, wie es die Aignerin gemacht hat mit dem
Vorladungszettel, gel!“
„Ich hab' eh (ohnehin) nicht recht wollen; ich hab' gleich g'sagt, der
Richter kommt darauf!“
„Also verzähl' nur.“
„Ja, gewest ischt 's a so: Den Zettel mit der Vorladung hat decht wohl
die Lusnerwitib 'kriegt und selle weiß so viel wie gar nixen. Die
Aignerin war bei ihr und hat ihr zug'redet, sie soll sagen, wie's der
Bauer 'trieben hat. Die Lusnerwitib hat aber nicht wollen. Aftn
(hernach) hat ihr die Aignerin den Ladzettel ab'bettelt und ich hab' ihn
aftn 'kriegt und einen Fünfer dazu. Und so bin ich halt herkommen für
die Lusnerin.“
„Das ischt auch ganz schön von dir! Hab' mir's auch gleich gedacht, daß
die Zeugin nicht ganz echt ischt.“
Nach diesen Worten schellte Ehrenstraßer dem Amtsdiener, der die
„Zeugin“ zunächst ins Loch brachte, wo sie der Verurteilung wegen
Irreführung harren kann. Und in derselben Stunde wurde der
Verhaftbefehl gegen die Söldnerin Aigner der Gendarmerie zugestellt.
Kurz darauf meldete der Amtsdiener eine Bauersfrau, die inständig um
eine Unterredung bitte, und sogleich vorgelassen sein möchte.
„Na, lassen Sie die Frau herein!“ befahl der Bezirksrichter.
Knicksend erschien eine bejahrte Bäuerin in ersichtlicher Verlegenheit,
blickte sich scheu um und trippelte dann zum Tisch des Richters, wo sie
nochmals knickste und dann anhub:
„Herr kaiserlicher Okta!“
Ehrenstraßer horchte auf.
„Ich thät schön bitten, Herr Okta!“
Jetzt verstand der Richter das seltsame Wort und erwiderte:
„Liebe Frau, Sie sind am unrechten Ort! Ich bin der Bezirksrichter,
nicht der Notar!“[3]
„Ich bitt', das ischt gleich! Helfen kann mir nur der Herr da!“
„So, dann verzähl' nur, Bäuerin!“
„Ja, ich thät halt schön bitten, wenn der Herr kaiserliche Okta meinem
Bauern gebieten thät, er soll nicht gar so stürmisch sein, weil mich das
für die Zeit ruinieren muß. Die schwere Feldarbeit vertragt sich nicht
damit!“
Dem Richter dämmerte eine Ahnung auf und zugleich empfand er einen
Lachreiz, dessen er nur mühsam Herr wurde. Will er doch die naive
Bäuerin, die voll Vertrauen zu ihm gekommen, nicht durch einen
Heiterkeitsausbruch verletzen, so sehr auch der Appell an den Richter um
Eindämmung der Liebesgefühle eines bäuerlichen Ehemannes zum Lachen
reizt. Ehrenstraßer würgte denn hervor. „Es ischt recht, Bäuerin! Geh'
nur wieder heim und sag' dem Bauer, er soll nicht so stürmisch sein, das
paßt sich nicht für sein Alter!“
„Sell möcht' ich ihm lieber schriftlich bringen oder noch besser, das
Gericht schickt ihm einen Beselch (Befehl), aftn (hernach) glaubt er's
besser und folgt auch 'm Gericht!“
Jetzt konnte Ehrenstraßer das Lachen nimmer verbeißen und bedeutete
durch eine Handbewegung der Bäuerin, daß sie sich aus der Kanzlei
entfernen solle.
Gehorsam trippelte das Weiblein hinaus, nahm aber im Zeugenzimmer Platz
und wartete dort.
Der scherzhaften, naiven Scene folgte wie im Aprilwetter sogleich der
Ernst, indem sich einer der Gendarmen zum Rapport meldete.
Der Richter fragte den in voller Wehr militärisch angetretenen Gendarm
Sittl: „Was bringen Sie?“
„Ich bitte gehorsamst um nochmalige Beschreibung des Instrumentes, mit
welchem die Truhe beim Amareller erbrochen worden sein dürfte.“
Wie froh ist der Richter jetzt, die damalige Untersuchung so genau
genommen und scharf zu Protokoll gegeben zu haben, denn nun kann er dem
Sicherheitsorgan die Beschreibung jenes Instrumentes auf das Genaueste
vorlesen. Ehrenstraßer that dies und knüpfte daran die Frage, ob Sittl
ein derartiges oder ähnliches Instrument vorgefunden habe.
„Zu Befehl, ja, Herr Bezirksrichter!“
„Bei wem?“
„Im Hause des Bauern Weirather, des Nachbars vom Amareller!“
Überrascht rief der Richter. „Nicht möglich! Weirather ischt mir selbst
als völlig unbescholtener, allgemein geachteter Mann, in guten
Verhältnissen lebend, bekannt. Ein Diebstahl ischt ihm absolut nicht
zuzutrauen.“
„Ich weiß auch davon, Herr Bezirksrichter!“
„Wie kamen Sie in sein Haus?“
„Ich wollte kontrollieren, es soll ein Landstreicher bei Weirather
übernachtet haben. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich einige auf dem
Wandklapptisch liegende Werkzeuge und darunter einen großen
Schraubenzieher. Ich dachte, dieses Instrument könnte ähnlich demjenigen
sein, mit welchem die Truhe erbrochen worden ischt.“
Ehrenstraßer ward nachdenklich; die Situation erfordert Vorsicht und
Klugheit, ein Mißgriff muß vermieden werden. Nach einer Weile fragte der
Richter. „Haben Sie sich in den Besitz des Schraubenziehers setzen
können?“
„Nein! Ich wollte zuerst bei Ihnen anfragen.“
„Gut! Suchen Sie das Instrument zu bekommen, aber es muß ohne das
geringste Aufsehen geschehen. Der Mann darf keine Ahnung von der
Absicht und dem Zweck haben. Sie dürfen mit keinem Blick sich verraten.
Vielleicht können Sie bei einem nächsten Patrouillengang eintreten und
den Schraubenzieher in Abwesenheit des Besitzers ungesehen einstecken.“
„Das wird wohl nicht möglich sein, denn Weirather lebt ohne Dienstboten
und ischt immer zu Hause.“
„Wie ischt mir denn? Der Mann soll sehr geizig sein? Hm! Machen Sie die
Sache auf folgende Art. Sie sprechen vor bei Weirather, bitten ihn um
irgend ein Stück Werkzeug, um eine Schraube an Ihrem Dienstgewehr fester
anzuziehen. Vielleicht gelingt es Ihnen, das Instrument unbemerkt
einzustecken. Dann kommen Sie damit sofort wieder zu mir in die Kanzlei.
Achten Sie auch darauf, ob der Weirather etwa Plattfüße hat!“
„Zu Befehl!“ Der Gendarm blieb noch stehen.
„Haben Sie noch eine Bemerkung vorzubringen?“
„Ja! Ich weiß aber nicht, ob es zur Sache gehört. In nächster Nähe des
Weirathgutes fand ich zusammengeknüllt einen Zettel, aus welchem ich
nicht klug werden kann.
„Geben Sie her!“
Sittl überreichte einen schmierigen, zerknitterten Zettel, den
Ehrenstraßer sorgsam glättete und dann betrachtete. Der Zettel war in
folgender Weise bekritzelt:
[Illustration]
Im ersten Augenblick dachte der Richter an eine Geheimschrift, die
vielleicht ein Verbrecher verloren habe. Das Ding sieht sich höchst
rätselhaft an und ist jedenfalls einer Beachtung wert. „Haben Sie
Wahrnehmungen über Durchzug von Landstreichern gemacht?“
„Ich habe nur von einem Vaganten gehört und bin demselben nachgegangen.
Er dürfte unseren Bezirk aber bereits wieder verlassen haben.“
„Hm! Gehen Sie mit dem Zettel zu Weirather und fragen Sie den Mann, ob
vielleicht er ihn verloren oder weggeworfen hat. Wenn dem so sein
sollte, so suchen Sie die Erklärung der Zeichen zu erhalten. Man kann
nicht wissen, was hinter der Sache steckt.“
Der Gendarm nahm den geheimnisvollen Zettel wieder zu sich und verließ
mit stramm militärischem Gruß das Amtslokal.