Sie wären nun über die Präliminarien einig gewesen. Sie sagte dem

Pfarrer ihre Wohnung; er besuchte sie sehr emsig, und befahl auch

seiner Schwester, sie zu besuchen, deren Liebe Constanze augenblicklich

zu gewinnen wußte. Das Erste, was sie that, war, daß sie dem Pfarrer

ihres Mannes Testament zeigte, und ihn versicherte, daß sie nun in

einigen Tagen thätig Hand ans Werk legen werde.

Sonntags Abends kam sie mit ihrer Duenna und dem Escudero in der Pfarre

an, um der Schwester des Pfarrers den erhaltenen Besuch zu erstatten.

Sie ward mit allem, was Küche und Keller vermochten, bewirthet; und

als sie mit einbrechender Dämmerung wieder nach Hause fahren wollte,

bath sie der Pfarrer, noch ein wenig zu bleiben, und der Sitzung einer

kleinen Akademie beyzuwohnen, die er aus Liebe zu den Wissenschaften

und der Musik, in seinem Hause, mit Hülfe einiger Freunde errichtet

hatte. Constanze nahm die Einladung unter dem Bedingniß’ an, daß sie

und seine Schwester ungesehen zuhören könnten. Das war ausführbar, und

er führte sie an ein Fenster mit einem Vorhange, aus dem sie in den

Saal sehen konnten, der auf eine merkwürdige Art zubereitet war. Er

war ganz mit Tannencisten geziert, und mit Sträußen von Wiesen- und

Gartenblumen behangen; oben am Saale standen drey lederne Stühle an

einem Schreibtische, und weil es schon dunkel war, begann man rings

um den Saal die messingenen Wandleuchter anzuzünden. In der Mitte war

ein Hängeleuchter, auf dem drey bis vier Altarkerzen brannten. Es

währte nicht lange, so erschienen die Akademiker. Der erste war der

Pfarrer selbst, der die Gesetze der Akademie, auf einer Rechentafel

geschrieben, trug; der zweyte war der Sacristeydiener, der in den

Nebenstunden kleine Predigten verfaßte; der Cantor und sein Bruder, der

bey einem Sachwalter als Unterschreiber diente, und welche beyde in dem

ganzen Pfarrsprengel das Monopolium der Hochzeit- und Leichengedichte

an sich gerissen hatten; sie verfertigten auch Neujahrswünsche, kleine

Verse für die Zuckerbäcker, und Inschriften auf die Leichensteine. Nach

diesen kam der Kapellan, der aus Wachs kleine Opferthiere verfertigte,

und mit besonderer Geschicklichkeit verschiedene Figuren aus Pflaumen-

und Aprikosenkernen zu schnitzeln wußte. Indessen, weil sie nicht einig

werden konnten, unter was für eine der schönen Künste sie seine Arbeit

rechnen sollten, hatten sie ihm, ungeachtet seiner Geistlichkeit, einen

so späten Rang angewiesen. Nach diesem kam ein Musicus, der zuweilen

auf dem Chore spielte, sonst aber in den Wirthshäusern seine Kunst

trieb, und Grab- Hochzeit- und andere Lieder verfertigte. Endlich

erschien der Student, der bey ihm im Hause wohnte, und den sie der

Tanzkunst widmeten, weil er geschickt Hunde abzurichten wußte. Um

Constanzen eine rechte Ehre zu erweisen, sagte ihr seine Schwester, daß

in der Gesellschaft noch ein Mitglied für die Baukunst fehle, und daß

sie gar nicht zweifle, ihr Bruder werde den Steinmetz, wenn er sich bey

der Kapelle auszeichnete, unter sie aufnehmen.

Sie begannen nun ihre Arbeit, und jeder legte einen neuen Beweis seiner

Fähigkeit ab. Der Pfarrer eröffnete die Sitzung mit einer Abhandlung

über den Ursprung des Gebeths, in der er nicht undeutlich vermuthete,

daß Gott den ersten Menschen eine Art von täglichem Breviarium

vorgeschrieben, und ihnen daher auch die Gabe, Geschriebenes zu lesen,

eingegossen habe. Der Sacristeydiener ging vor die Thür, weil der Saal

zu ebner Erde war, zum Fenster herein, was eine Kanzel vorstellen

sollte, eine Predigt über die Raupen, die diesen Sommer alle Bäume

im Pfarrgarten verdorben hätten, zu halten. Der Cantor hatte drey

Gedichte gemacht, das eine enthielt die ganze Passion, und die andern

zwey die Geschichte des linken und des rechten Schächers; und diese

drey Gedichte hatte er in der Form eines Kreuzes geschrieben, so, daß

sie einen förmlichen Calvaria vorstellten. Sein Bruder, der Schreiber,

las unmittelbar darnach ein Gedicht zum Lobe des Tabakschmauchens. Der

Kapellan stellte ein neues Schwein dar, das er aus Wachs gemacht hatte,

und die Hälfte einer glücklich abgenommenen Frauenbrust, wovon man aber

das eine eben so gut für ein Schaf, und das andere für die Hälfte eines

Hinterbackens hätte ansehen können. Der Musikus hatte eine neue Melodie

auf das Nachtwächterlied verfertigt, und nun traf die Reihe den

Studenten, der seinen Hunden wieder neue Sprünge und Fratzen gelernet

hatte. Nun hatte aber der Pfarrer seinen Akademikern, wie gewöhnlich,

frischen Schinken, geräucherte Ochsenzungen, und kalte Pasteten

auftischen lassen; und da die Hunde des Studenten, da ihr Herr selbst

von des Pfarrers Gnade lebte, immer bey dem gesundesten Appetite zu

seyn pflegten, hatten sie auch jetzt kaum drey bis vier Sprünge durch

den Reif gemacht, als sie sich erdreisteten, mit ihren profanen Pfoten

den Tisch zu besteigen, und unter den Libationen eine solche Verheerung

anzurichten, daß alle Akademiker von ihren Stühlen aufsprangen, und

diese frechen Schüler der Erato aus ihrem Hörsaale vertrieben. Es war

aber leider zu spät, und man mußte sich mit sehr geringen Überbleibseln

begnügen. Die Versammlung ging also sehr mißmuthig aus einander, und

Constanze ging vergnügt nach Hause.

Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Den nächsten Morgen mußte sich

Mogrobejo nach einem vertrauten Freund’ umsehen, der sich für einen

erst aus Toledo angekommenen Architecteur ausgeben, und zwey oder

drey Risse von einer Kapelle mit sich bringen sollte. Der Escudero

war scharfsichtig, wie ein Falke, und wendete sich daher an keinen

untüchtigen Mann. Er sollte sich den folgenden Tag, an dem sie vom

Pfarrer Besuch erwartete, einfinden. Der Pfarrer kam; der Baumeister

kam; man vereinigte sich über den Plan, und ließ einen Notar rufen,

vor welchem und zwey Zeugen sich der Baumeister anheischig machte,

die Kapelle binnen einem Jahre herzustellen; dafür verlangte er zwey

tausend Escudo’s im vorhinein; Constanze fand aber diese Summe zu groß,

und erklärte sich, daß sie unterdessen drey hundert Escudo’s geben

wollte, womit sich der Baumeister befriedigte. Sie lud alle über zwey

Tage zum Mittagmahle ein, und da sollte sogleich Hand ans Werk gelegt

werden.

Nun schickte Constanze den Escudero noch denselben Abend zu ihren

Freundinnen um den Schmuck, und erhielt ihn auch sogleich in einem

ansehnlichen Futterale von carmoisinrothem Saffian. Sie schickte

dasselbe nun unverzüglich zu einen Futteralmacher, und ließ ein so

ähnliches verfertigen, daß man es von dem rechten kaum unterscheiden

konnte. Nun ließ sie den Pfarrer rufen, der sich auch im Augenblicke

einfand. Sie nahmen Stühle, und Constanze sprach: „Herr Doctor,

ich habe acht tausend Escudo’s bey den Fuggern[B] stehen, die ich

zu ansehnlichen Zinsen genieße; mein seliger Mann hat sie aber nur

unter dem Bedingnisse untergebracht, daß er sie einen Monath vor der

Herausbezahlung aufzukündigen habe. In der Verwirrung, in die mich

der plötzliche Tod meines Mannes setzte, hab’ ich nun vergessen, die

Aufkündigung einzuschicken, und bin nun in der Verlegenheit, daß ich

das Geld gerade jetzt, da ich es am nothwendigsten brauche, nicht

habe. Ich sehe mich denn, so schwer es mir fällt, gezwungen, meinen

ansehnlichen Schmuck bey einem vertrauten Manne, gegen billige

Bedingnisse, auf einen Monath einzusetzen. Hier ist er,“ sagte sie,

indem sie aus der Estrata ein Lädchen unter dem Überzuge hervor nahm,

und dem Pfarrer, der in seinem Leben nie solchen Schmuck gesehen hatte,

die reichen Geschenke des Mailänders und des Genuesers zeigte.

„Lieber Gott!“ sagte der Pfarrer; „das ist ja über hundert tausend

Escudo’s werth.“

„Nicht doch, Herr Pfarrer!“ sagte sie; „Sie sind ein schlechter Kenner:

der ganze Werth besteht in etwas über dreyßig tausend Escudo’s; und

gerade, weil dieß doch keine Kleinigkeit ist, wünscht’ ich irgend einen

Mann zu wissen, bey dem ich nicht Gefahr liefe; denn bey jetziger Zeit

kann man sich wahrhaftig nicht genug hüthen.“ Während dieser Rede

hatte sie das Futteral wieder versperrt, und in das Lädchen gelegt.

Der Pfarrer wünschte der großmüthigen Dame in allem Genüge zu leisten,

und both sich an, ihr die acht tausend Escudo’s noch denselben Tag

aus seinem eigenen Vermögen einzuhändigen. „Belieben Sie nur,“ sagte

er, „eine Schrift wegen Leben und Tod bereit zu halten.“ Constanze

nahm den Antrag mit Freuden an, und zog geschwinde unter dem Überzuge

der Estrata das andere Futteral, welches ebenfalls versperrt war,

hervor. Der Pfarrer nahm es, und wollte forteilen; an der Thür kehrte

er aber noch um, und sagte: „Hören Sie, gnädige Frau, die Baumeister

sind Leute, die immer bares Geld sehen wollen. Damit wir ihn nun nicht

abschrecken, bring’ ich Ihnen lieber gleich die tausend vier hundert

Escudo’s an der Stelle, und des Abends die andern acht tausend, damit

Sie dann Ihr Geld ganz beysammen haben.“ Er hielt auch genau Wort,

und Constanze hatte die ganze Summe in Händen. Der Pfarrer hätte

den Schmuck gern seiner Schwester gezeigt, wagte es aber nicht, zu

Constanzen um den Schlüssel zu schicken, weil es einem Mißtrauen

ähnlich gesehen hätte.

So bald die schöne Wittwe das Geld in Händen hatte, machte sie sich mit

ihrer Duenna und dem Escudero nach Lescas auf. Ihrem Hausherrn schützte

sie vor, daß sie das Quartier verlasse, weil es ihr zu melancholisch

wäre, und so fuhr sie denn mit allem Geräth’ ab, und verbarg sich bey

ihren Freundinnen so gut, daß sie niemand hätte finden können. Nun

kam der Pfarrer, und hörte, daß seine reiche Gönnerinn eine andere

Wohnung bezogen habe; die Hausleute versprachen ihrem hochwürdigen

Herrn Pfarrer aber, daß sie ihm bis morgen schon sagen wollten, wo sie

wohne. Den andern Tag sehr früh kam er wieder; man wußt’ es noch nicht:

er kam des Abends, und man wußt’ es noch nicht. Nun begann er erst

Argwohn zu schöpfen; er lief nach Hause, und da seine Schwester darauf

bestand, daß er einer Betriegerinn in die Hände gerathen sey, beschloß

er endlich, das Futteral zu öffnen, und sich aus dieser peinlichen

Ungewißheit zu reißen, es kost’ auch, was es wolle. Er öffnete es denn,

und fand anstatt der Diamanten die schönsten und artigsten kleinen

Kieselsteine. Die Pulsen standen ihm stille; seine Schwester rieb ihm

die Schläfe, und hielt ihm ein Riechfläschchen vor. Er erhohlte sich

wieder, und lief zu dem Richter: was half aber alles Nachsuchen des

Richters, wenn sich eine von unsern Heldinnen verbarg? Er fiel in eine

Todeskrankheit, von der er sich sehr langsam erhohlte, und vom Tage des

entdeckten Betruges an war er ein Teufel, der das ganze Haus peinigte,

und mit dem es niemand mehr aushalten wollte. Besonders hatten die

Akademiker seinen Unmuth empfunden; denn als sie ihn denselben Tag

besuchten, um wieder eine Sitzung zu halten, mißhandelte er sie so, daß

sie schworen, ihn vor Gerichte zu belangen.

Fußnote:

[B] Eine reichsgräfliche Familie, deren Reichthümer in Spanien zum

Sprüchworte geworden sind.

VIERTE SPAZIERFAHRT.

Dorothee, welche nun die Reihe traf, ließ vier Monathe verstreichen,

bevor sie eine neue Unternehmung wagte, damit sich unterdessen das

Gerücht vom Kapellenbaue verlieren möchte. Auch benützte man diese

Zeit, um den Wagen wieder anders zuzurichten, und Kutscher und Pferde

zu wechseln. Endlich fand sie es räthlich, in Gesellschaft ihrer

Mutter, und der alten Banuelos zu Madrid einzuziehen. Sie nahmen ihre

Wohnung dieß Mahl zur Abwechslung in dem Martinsviertel. Nach einigen

Tagen begaben sie sich mit dem neuen Escudero, den sie aufgenommen

hatten, unter das Thor von Quadalaxara. Als die jungen Herren, die auf

dem Markte herum spazierten, einen Damenwagen an einem Kaufmannsgewölbe

halten sahen, liefen sie wie Hasen davon, um nicht etwa in die

Verlegenheit zu gerathen, wenn es eine von ihren Bekannten wäre, aus

Artigkeit oder Tändeley ein Geschenk anbiethen zu müssen. Dorothee

ließ sich eine goldener Tabatiere, und etwas von Frauenputz an den

Wagenschlag bringen. Mit einem Mahle kam ein fremder Cavalier, der erst

unlängst aus Andalusien angekommen war, und nun hier den Zusammenfluß

der Madriter schauen wollte, an dem Wagen vorüber. Die schöne Dorothee

fiel ihm auf, und als ein Mann von Welt, machte er ihr sogleich

seine tiefe Verbeugung. Er mochte beyläufig sechs und zwanzig Jahre

haben, war klein von Person, aber niedlich gebaut, und ganz fertig,

ein Gespräch mit feinen Wendungen und drolligen Einfällen zu würzen;

dabey war er aber von ungemein verliebter Stimmung, und sein Kopf war

vom Romanenlesen ein wenig angebrannt. Dorothee bemerkte den raschen

Eindruck, den sie auf ihn gemacht habe, und begegnete seinem Blicke

vorsetzlich einige Mahl. Er ward muthiger, trat an den Wagenschlag, und

sagte: „Schöne Unbekannte, diese Waare ist schon bestellet.“ „Das thut

mit leid,“ antwortete Dorothee. „Indessen,“ fuhr der Andalusier fort,

„wenn sie Ihnen gefällt, bin ich bereit, sie mir abhandeln zu lassen,

und will sie als förmlicher Kaufmann in Ihre Wohnung bringen, die Sie

mir zu sagen belieben werden.“ Hiermit steckte er dem Kaufmann, was die

Waare beyläufig werth seyn mochte, in die Hand.

„In der That,“ sagte Dorothee, „wenn ich Sie kennte, würde ich Ihnen

vielleicht mit eben dieser -- wie will ich sagen -- Freymüthigkeit,

oder Zudringlichkeit, wenn Sie wollen, in Ihren Ton einstimmen; so

aber“ -- sie hatte sehr gut gesehen, was vorgegangen war -- „bleibt mir

nichts übrig, als die Waare wieder dahin zurück zu stellen, von wo ich

sie bekommen habe. Gnädiges Fräulein,“ sagte er, „denn Frau können Sie

doch unmöglich seyn; Sie scheinen ungehalten: seyn Sie es aber nicht.

Ich bin ein Mensch, der niemand auf Erden, am wenigsten aber eine Dame

beleidigen will, und der nur manchmahl den Rechnungsfehler begeht,

daß er meint, man würde seine -- ich kann es mit gutem Gewissen nur

Lebhaftigkeit nennen, eben so gerade aufnehmen, als er sie äußert. Bey

uns in Andalusien wird mir so etwas zu Gute gehalten; ich erwartete

denn, daß ich hier, wo ich erst zwey Tage bin, ein anderes Andalusien

finden werde.“

Dorothee merkte nun, daß sie ihren Mann gefunden habe, und fand es

für gut, an der Stelle eine nähere Bekanntschaft zu gründen. Sie

frage denn: „Mein Herr, das ganze Waarenlager werden Sie doch nicht

aufgekauft haben,“ stieg aus dem Wagen, und ging in das Gewölbe; Der

Andalusier ihr nach.

Sie ließ sich Federn, Bänder, und Seidenstoff für beyläufig hundert

Escudo’s vorlegen, und behandelte den Preis. Sie bemerkte, daß er vom

Kaufmanne heimlich die Rechnung fordre, und sagte daher: „Mein lieber

Herr, ich habe vor Tische noch einige Besuche vor mir: Sie würden mich

verbinden, wenn Sie mir alles nach Tische in meine Wohnung schickten;

dann werden Sie auch gleich das Geld dafür erhalten.“ Der Kaufmann

fand sich sehr bereit, und Dorothee sagte ihm ihre Wohnung. Der

Andalusier sprach nur: „Gnädiges Fräulein, ich weiß nun Ihre Wohnung:

wie würden Sie sich wohl benehmen, wenn ich unartig genug wäre, Sie zu

besuchen?“ „Fürs erste,“ antwortete Dorothee, „halt’ ich Sie nicht für

so voreilig; und wenn Sie es wären, würde mir nichts übrig bleiben, als

daß ich durch ein artiges Betragen Sie zu bessern suchte.“ Sie ging

fort, und fuhr nach Hause. Nach Tische kam der Diener des Kaufmanns,

brachte die Waaren, und als sie sich anstellte, als ob sie bezahlen

wollte, schlug er es unter dem Vorwande aus, daß die Summe noch zu

klein wäre, um eine Rechnung zu machen, und daß sie ihr noch mehr zu

verkaufen dächten. Es währte nicht lange, so war auch unser Andalusier

da. Dorothee empfing ihn in Gesellschaft ihrer Duennen sehr artig,

und er erzählte ihr, daß er Don Thadeo de Sylva heiße, eigentlich

aber Don Thadeo Tristan de Lorgenes, nach einem Oheime, der das

Abgeschmackte dieses Nahmens mit einer ansehnlichen Erbschaft wieder

gut gemacht hätte; Dorothee vertraute ihm dafür, daß sie mit einem

Ritter verheirathet sey, der sich in Indien befände, und so unglücklich

gewesen sey, in Lima gefangen zu werden; nun erwarte sie aber ihn

und ihr ganzes Vermögen mit der nächsten Flotte. Don Thadeo both ihr

feyerlich alle Dienste an, die in seinen Kräften ständen, indem er

wohl wisse, was sich für Schwierigkeiten fänden, wenn man am Hofe

Forderungen machte. „Es ist wahr,“ erwiederte sie; „aber zum Glücke

hab’ ich doch immer genug gehabt, um zwey Dienerinnen, einen Escudero,

und meinen Wagen zu halten.“ Nun war es Zeit, sich zu entfernen, und

Thadeo empfahl sich.

Dorothee suchte nun nähere Erkundigung über seine Umstände einzuziehen,

und alle Nachrichten waren nach Wunsche. Seine Besuche wurden immer

häufiger, und seine Neigung immer heftiger. Dorothee suchte seine

Schwächen aufzufinden, unter denen auch die Vorliebe für Lieder und

Melodien, die er selbst verfaßt hatte, war, und suchte sie auf’s

Beste zu benutzen; kurz, er ward so verliebt, als noch kein Liebhaber

ihrer Mitschwesterchen gewesen war. Dorothee, die eine sehr schöne

Stimme, und einen hinreißenden Vortrag hatte, sang von der Stunde an

kein Liedchen mehr, das nicht Thadeo verfertigt hatte, und verlangte

selbst noch Unterricht auf der Guitarre von ihm; dafür liefen sich

seine Bedienten mit Küchengeschenken müde, und er selbst brachte

beynahe jeden Tag irgend eine kostbare Kleinigkeit zum Putze mit.

Dorothee hatte jedes Mahl einen Vorwand bereit, unter dem es ihre

Bescheidenheit erlaubte, seine Großmuth nicht zurück zu schrecken.

Auch hatte sie sich schon zwey Mahl einen Kuß auf die Lippen gefallen

lassen, von denen sie den letzten sogar -- wer hätte sich’s von Donna

Dorothea träumen lassen? -- mit schamhaftem Erröthen erwiederte.

Den folgenden Tag kam Thadeo nicht, und Dorothee war in sichtbarer

Unruhe: sie konnte sein Außenbleiben nur mit der strengen Witterung

entschuldigen; denn es war mitten im Winter. Sie hatte sich auch nicht

getäuscht; denn er kam den andern Tag: indessen war es ihr doch ein

Fingerzeig, daß sie ihn noch nicht genug in Bewegung gesetzt habe. Sie

suchte daher alles Mögliche hervor, was einen Mann fest halten kann:

sie schmollte; sie bezeigte ihm bey jeder Gelegenheit Aufmerksamkeit,

und es gelang ihr auch, ihn bald so zu kirren, daß er mit Leib und

Seele an ihr hing, und nun weiter nichts mehr fehlte, als eine gute

Gelegenheit, um sein Vertrauen und seine Liebe so ergiebig als möglich

zu benutzen.

Während Dorothee in Illescas wohnte, war ein Student aus Toledo dort

angekommen. Er hieß Don Basil, war ein erzarmer Teufel, übrigens

aber so schön und wacker gebildet, und so aufgeweckten Geistes, daß

Dorotheens Standhaftigkeit selbst so vielen Reitzen nicht widerstehen

konnte. Sie wurden bald bekannt, noch geschwinder vertraut, und es war

bald so weit gekommen, daß sie ihm sogar gestattete, ihr nach Madrit zu

folgen, unter dem Bedingniß’ aber, daß er ihre Unternehmungen nicht im

geringsten stören sollte. Er ging es darauf ein, und lebte denn auch in

Madrit in dem besten Einverständnisse mit ihr, ohne sich von Eifersucht

plagen zu lassen. Alles wäre gut gegangen; nur wollte sich noch keine

besonders vortheilhafte Gelegenheit zeigen.

Endlich traf es sich, daß einer von Thadeo’s Freunden heirathete.

Thadeo sagte Dorotheen, daß die Vermählung bey San Sebastian mit einer

seltnen Pracht gehalten werden würde, und daß er selbst in einem Glanze

erscheinen werde, in dem sie ihn noch nie gesehen habe. „Wenn ich in

der Kirche erscheinen soll,“ sagte Dorothee, „so verlange ich ohne

dieß, daß mein lieber Thadeo die übrige Gesellschaft übertreffe. Wenn

Sie mir aber dann gefallen, bin ich nicht zufrieden, Sie nur in der

Kirche bewundern zu können; ich will Sie bey mir im Hause haben. Sie

werden sich doch gewiß um eilf Uhr vom Spiele los machen können; und

bis dahin will ich mit dem Abendessen auf Sie warten.“

Thadeo sagte es ihr heilig zu, und so schieden sie aus einander. Die

Vermählung ging vor sich, und Dorothee erstaunte über die Pracht ihres

Geliebten. Er war im prächtigsten Stoffe gekleidet, und schien alle

Juweliere von Madrit ausgekauft zu haben. Knöpfe, Ketten, Agraffen,

Ringe, alles war von Brillanten. Er kam auch um eilf Uhr des Abends

voll Vergnügen zu Dorotheen, und erzählte ihr, daß er so glücklich

gewesen sey, gegen zwey tausend Escudo’s zu gewinnen. Sie speisten; es

wurde immer später; Dorothee war ungemein gefällig, und sagte endlich,

daß sie ihn heute nicht mehr nach Hause lasse: denn wenn irgend ein

Schurke seinen Schmuck gewahr würde, könnte er ein Unglück haben.

Sie werde ihm daher ein Bett anweisen, und sie nehme durchaus keine

Widerrede an.

Thadeo meinte, nun schon den Gipfel seines Glücks erstiegen zu haben,

und war beynahe ausgelassen vor Freude. Er trank ein Glas ums andere;

aber Dorothee hatte ihm einen besonders köstlichen Trank bereitet,

dessen Wirkung er nicht vermuthet hätte. Es war zwölf Uhr, und Dorothee

wies ihm das Bett in dem Zimmer an dem ihrigen an. Er kleidete sich

hastig aus, hatte sich aber im Bette kaum ein wenig erwärmt, als

der Trank seine Wirkung that, und der verliebte Ritter so laut zu

schnarchen anfing, daß man es auf die Gasse gehört haben würde, wenn

ihm seine treuen Wärterinnen nicht die Bettdecke über den Kopf gelegt

hätten.

Nun ward alles, was er an dem Leibe gehabt hatte, sammt dem

beträchtlichen Spielgewinne, mit Hülfe des Studenten aus Toledo, und

des Kutschers zusammen gepackt, und nach ihrer einstimmigen Schätzung

auf mehr als vierzehn tausend Escudo’s angeschlagen. Es war nichts mehr

übrig, als was sie mit Don Thadeo anfangen sollten. Er hatte ein zu

schönes Spitzhemd auf dem Leibe, als daß es ihm der Student aus Toledo

hätte gönnen sollen; er zog es ihm denn ab, und bekleidete ihn dafür

mit einem Unterrocke der alten Banuelos. Vorn unter das Kinn band er

ihm ein Tuch, wie einem kleinen Kinde, und an eine Schnur knüpfte er

verschiedene Sachen, wie man den Kindern anzuhängen pflegt; ein Füßchen

von den Hasen, den er des Abends noch gegessen hatte; eine Elendklaue,

wider das Augenweh; einen kleinen Mörserstößel, und eine kleine Glocke.

In diesen Aufzuge setzten sie ihn auf einen großen Korb; der Student

und der Kutscher trugen ihn fort, hingen ihn an den Balcon eines armen

Indianers, und eilten nach Hause, um sich mit der übrigen Gesellschaft

in Sicherheit zu setzen.

Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina · 第 6 / 7 段