_Commiss._ Ein Mittel, das die Hände weißer hält, --

Die Stirn zu glätten, an den Fingernägeln

Die weißen Flecken zu vertreiben, Lippen

Und Wange sich zu röthen. --

_Geck._ -- -- Alles trifft

Genau so ein.

_Commiss._ -- -- Schon gut! vollkommen reif

Bist du fürs Tollhaus. Thuet eure Pflicht.

_(Sie setzen ihm eine Narrenkappe auf, und

der erste Alguazil tritt mit einer Dame

ein.)_

_Alg._ Am Spiegel fanden wir die Dame hier.

Sie machte sich die allertiefsten Knixe,

Und -- hört! erklärte selber sich die Liebe.

_Dame._ Ich liebe mich vor allen; niemand soll

Mir dieses Herz entreißen, denn es schwor

Die Treue mir.

_Commiss._ -- Fürwahr ein seltsam Weib!

Die Weiber sind sich selber sonst nicht treu.

So treten Sie doch näher, Frau Narcisse!

Wie war Sie wohl so in sich selbst verliebt?

_Dame._ Ich konnte länger mir nicht widerstehen;

An allen schönen Gaben fand ich mich

So reich; jung war ich, hatt’ ein schön Vermögen;

Mein Herz errieth gar bald den stillen Gram,

Der mich verzehrte, kam auf halben Weg

Entgegen mir, in feuriger Umarmung

Gestand ich stotternd ihm, was ich empfand.

Nun ist es mein Geliebter, weichet nimmer

Von mir, eilt jedem Wunsche schnell zuvor,

Und wird mich lieben, treu bis in den Tod.

_Commiss._ Ihr seyd ein glücklich Weib; denn Eifersucht

Wird euch gewiß nicht martern.

_Dame._ -- -- Ach, mein Herr,

Sie foltert mich nur allzu oft,

Denn manchmahl hebt es doch den scheuen Blick

Auf -- --

_Commiss._ -- Eine Dame?

_Dame._ -- -- oder einen Mann,

Und quält mich.

_Commiss._ -- -- Ja, das glaub’ ich euch,

Und rath euch, keines Menschen Sohn’

Mit eurer Liebe jemahls zu beglücken.

Die Kappe!

_(Sie erhält die ihrige, und der zweyte Alguazil tritt mit einem

Poeten, der Bücher ausschreibt, ein.)_

_Der Wirth._ -- Seht, da kommt ein andrer Narr.

_Alg._ Wir haben ihn ertappt, daß er gar frech

Um Verse bettelte; und als man ihm

Nichts gab, bestahl er kühn die Bücher selbst.

_Commiss._ Nehmt ihm doch sein Gewehr, die Feder ab!

_Poet._ Mein Herr, sie dienet nicht statt Waffen mir;

Ich schneide Käse nur und Brot damit.

_Commiss._ Nun gut! so sprich, was hat dich wohl veranlaßt,

Die Dichter anzubetteln, die fürs erste

So karg sind, daß sie ihren Geistesschwamm

Wohl selber drey Mahl pressen, über dieß

Nicht schenken dürfen, was Apollo jedem

Zum Fruchtgenuß auf die Person verlieh?

Doch welche, nenne sie, hast du bestohlen?

_Poet._ Zu nennen weiß ich sie wahrhaftig nicht;

Das war mir gleich, und ich bekenn’ es gern,

Ich suchte meistens in der Nacht die Taschen.

_Commiss._ Und fürchtetest du nicht, man werd’ am Tag’

Erkennen, daß es fremde Habe sey.

_Poet._ Man läßt es niemahls, wie es war.

_Commiss_. Du bist ein großer Mann. Die Kappe! Nimm,

Hier dieser Lorbeer prang’ auf deinem Haupt!

_Poet._ Ein Lorbeer?

_Commiss._ -- -- Ja, doch ist er nur entstellt,

Wie Verse, die du guten Dichtern stahlst.

Sie kleidet ihren Mann.

_Poet._ -- -- Doch nehmet mir

Die Schelle; mir genügt bescheidner Ruhm.

_Commiss._ Mein edler Freund, durch diesen schönen Zug

Hast du fürwahr der Schellen -- zwey verdient.

_(Man führt ihn mit gebundenen Händen ab; er scheint in

Begeisterung. Der erste Alguazil führt einen Ritter ein.)_

_Ritter._ Mein Herr, ich bin ein Held.

_Commiss._ -- Wer seyd ihr?

_Ritter._ -- -- Held, und zwar ein großer.

_Commiss._ -- -- Wer hat euch gekrönt?

Wer hat beschrieben, was ihr all’ gethan?

_Ritter._ Ich selbst.

_Commiss._ -- -- Wie nennt ihr euch?

_Ritter._ -- -- Don Wunderbar,

Und jetzt quält mich mit euren Fragen nicht!

Ich spreche nur mit Sterbenden und Todten.

_Commiss._ Wo habt ihr euer Schwert?

_Ritter._ -- -- Ihr seyd ein Schroll.

So lange diese Faust noch Nerven hat,

Und diese Nägeln Schärfe, soll kein Schwert

Mich eh’ umgürten. Jene gab mir Gott,

Und dieses ein gemeiner Handwerksmann.

_Commiss._ Erzählt mir doch, was ihr gethan.

_(Der Held drückt durch stumme Geberden aus, daß er erwürgt, und

mit Füßen ertreten.)_

_Commiss._ Was sprecht ihr nicht?

_Ritter._ -- -- Was unaussprechlich ist,

Beschreibt man nicht mit Sprache.

_Commiss._ -- -- Großer Mann!

Neigt euer Haupt, daß ich euch kröne; tiefer!

_(Der Held neigt sich sehr tief; der Commissär setzt ihm die Kappe

auf, und der Held geht unter der Begleitung des Alguazil mit

stolzen Schritten ab.)_

_Commiss._ Wahrhaftig, edler Freund, die Narren sind

So zahlreich hier, daß meine Kappenzahl

Mir nicht auf heute hinreicht; lass’ er mir

Den Schneider kommen, -- wenn er nicht ein Narr ist.

Indessen trinken wir vergnügt und klug

Den Malaga, und essen unser Brot.

_(Der Wirth und der Commissär gehen ab.)_

Nun traten wieder die drey Guitarrspieler auf, und sangen folgende

Weise:

Das ist so der Welten Lauf:

Jeder nähret Grillen;

Einer mutzt den andern auf;

Alle möchten trillen.

Haltet diesem Tadlerchor

Ein Mahl doch den Spiegel vor;

Sie -- die Weise waren,

Sehen selber Narren.

Der Vorhang fiel, und die ganze Gesellschaft äußerte ihren Beyfall

mit lautem Händeklatschen. Leonardo, dem es gewaltig schmeichelte,

zeigte sich bald, und erntete sein Lob ein. Besonders überhäufte ihn

Louise damit, und alle ersuchten ihn, bald wieder ein kleines Stück zu

verfassen, was er auch mit Mund und Hand versprach. Louise gab jedem

Schauspieler zwanzig Realen, und Antonio lud sie auf den folgenden Tag

zu sich zu Tische.

Louise war diesen Abend so nachsichtig, daß sie selbst über einen

kleinen Schmatz, den er ihr zu rauben wagte, nicht ungehalten war. Um

Antonio mit einer angenehmen Gegenunterhaltung zu überraschen, beschloß

die weibliche Gesellschaft, ihm über acht Tage ein kleines Stück in

demselben Saal’ aufzuführen, das sie schon vorlängst einstudiert

hatte, und dessen Vorstellung nur durch den unvermutheten Tod Don

Fernando’s gehindert worden war. Daß sich Louise die Hauptrolle

vorbehielt, versteht sich von selbst. Der Tag der Vorstellung kam; die

Gesellschaft war schon versammelt, und es fehlte nur mehr Antonio, als

plötzlich Leonardo erschien, und Louisen meldete, daß sein Herr von dem

Präsidenten des hohen Rathes in Geschäften Seiner Majestät abgerufen

worden sey, und daß es ihm ungemein leid thue, eine so vortreffliche

Gesellschaft und Unterhaltung entbehren zu müssen, und daß er ihn

deßhalben mit zweyen seiner Freunde geschickt habe, um mit ihnen dem

Schauspiele beyzuwohnen.

Louise bezeigte ihr Mißvergnügen über seine Abwesenheit, und die

Komödie ward aufgeführt. Die Vorstellung war ein Meisterstück

von Lebhaftigkeit: sie waren alle prächtig, und Louise als Mann

gekleidet. Mogrobejo übertraf sich selbst an Munterkeit und Witz.

Als sie schon alle wieder ihre vorige Kleidung anhatten, kam Antonio

erst vom Präsidenten zurück, und war äußerst unmuthig, daß er

das schöne Schauspiel versäumet habe, das ihm Leonardo und seine

Freunde so reitzend schilderten. Nur Louise hatte ihr Mannskleid

noch nicht abgelegt, um ihn an der Thür zu überraschen. Es ließ ihr

so wunderschön, daß Antonio den holden Knaben nicht genug angaffen

konnte. Louise bedauerte sehr, daß sie ihn vermißt habe, und gab ihm

endlich ihr Wort, daß sie ihm wieder über acht Tage, in der Quinta des

Connetable, ein anderes Stück geben wolle; nun treffe aber wieder ihn

die Reihe, das Fest anzuordnen. Sie wußte wohl, daß er sich prächtig

einstellen werde, und er nahm auch den Befehl mit Freuden an. Sie

würden dann alle bey ihm ein kleines Abendschmäuschen halten, sagte er,

und sie solle ihm nur auf einem kleinen Zettel anmerken, was sie zum

Schauspiele vonnöthen habe. Er erhielt bey dem Besuche am nächsten

Abend’ ein vollständiges Verzeichnis von Kleidungsstücken von sechs

Personen: das Stück, das Mogrobejo in der Eile verfaßte, spielte in

der Heldenzeit, und die Personen waren alle Prinzen und Prinzessinnen.

Louise spielte einen jungen Helden, dem die Sclaven eine reiche Beute

nachtragen. Am Ende des Zettels waren Federn, Ringe und _falscher_

Schmuck nur hingeworfen. Louise hatte vorsetzlich _falscher_ Schmuck

geschrieben, weil sie gar nicht zweifelte, daß er wenigstens für ihre

Person echten ausborgen würde.

Antonio mußte freylich täglich vor dem Rath’ erscheinen; indessen war

doch aller Anschein, daß er denselben Tag würde los kommen können,

und ließ denn den Saal, Erfrischungen, Abendschmäuschen, nebst allem

übrigen, was zum Feste gehört, bereit halten.

Zwey Tage vor dem, der zum Schauspiele bestimmt war, schickte der

Genueser die ganze Guarderobe. Louise hatte vermuthet, daß er höchstens

die schönsten Kleider, die man allenfalls bey einem Trödler bekäme,

ausborgen würde; er hatte aber zu ihrer allen größtem Erstaunen alles

ganz neu verfertigen lassen. Alles war von Atlaß, Sammet, Taffet,

oder anderem Seidenstoffe, und reich mit Gold und Silber verbrämt.

Federn, Schnällchen, Blumen, Ketten und Ringe waren in Überfluß, und

für Louisen versprach er den Schmuck, der sie zieren sollte, des

Abends selbst mitzubringen. Er brachte auch wirklich den Schmuck

mit, den ihm seine selige Gattinn hinterlassen hatte, und erklärte

mit einem bedeutungsvollen Lächeln, daß er ungemein neugierig sey,

wie Louisen dieser Schmuck seiner seligen Frau passen werde. Louise

überhäufte ihn diesen Tag mit so vielen Liebkosungen, und wußt’ ihm

dabey doch so sittsam zu schmeicheln, daß er seiner Hoffnung immer

freyeren Spielraum ließ. Zwischen den zwey Tagen, bis zur Aufführung

des Schauspiels, war unsere Gesellschaft gar nicht müßig, und Theodore

machte Anstalt, daß in den beyden Nächten alles, was von Bedeutung im

Hause wäre, aufgeräumt, und anders wohin in Sicherheit gebracht würde.

Der Tag des Schauspiels erschien; Antonio’s Bediente waren schon in der

Quinta, und bereiteten alles. Der Genueser war, um Zeit zu gewinnen,

auf einem Maule in den Rath geritten. Theodora, ihre Töchter, Banuelos

und Mogrobejo setzten sich in ihre Kutsche, nahmen allen Schmuck, und

die ganze Guarderobe mit sich, und fuhren, anstatt zu Alcalathore

hinaus, in ein kleines Häuschen, in Quartiere Santa Barbara, das

Mogrobejo vorläufig gemiethet hatte. Hier nahmen sie augenblicklich

andere Kleider; Mogrobejo führte den Wagen zu einem Sattler, um sein

Äußeres so geschwind’ als möglich ändern zu lassen. Die Pferde wurden

auch heimlich untergebracht; und um noch sicherer zu seyn, theilte

sich unsere Gesellschaft in die ursprünglichen zwey Parteyen; die eine

begab sich nach Illescas, und die andere nach Valdemoro. Sobald unser

Genueser von dem Rath’ abgefertigt war, trappte er frohes Muthes,

und in den schönsten Aussichten von der Welt, der Quinta zu. Er fand

niemanden, als seine Bedienten, und die drey Köche, die er bestellt

hatte, fragte nach den Damen, und als er hörte, daß sie noch nicht da

wären, war er sehr unruhig; denn er dachte nichts anderes, als daß

ihnen irgend ein Unglück begegnet seyn dürfte. Er stieg denn wieder

auf seinen Maulesel, stieß ihm mit den Knien fleißig in die Lenden,

und kam sehr geschwinde bey Louisens Haus’ an. Er fand die Wohnung

gesperrt, erkundigte sich bey den Nachbarn, und vernahm, daß die ganze

Familie schon abgefahren sey. Er kam nun auf den Gedanken, daß sie ihre

Freundinnen abgehohlt haben würden, und so blieb ihm nichts übrig, als

in der größten Verlegenheit, daß nun er vielleicht auf sich warten

ließe, nach der Quinta zurück zu eilen. Er fand aber noch niemanden,

und wußte nun nicht, was er von diesem langen Ausbleiben denken sollte.

Er wartete bis neun Uhr in der peinlichsten Ungeduld, und es war noch

niemand zu sehen und zu hören. Endlich trat ein Bedienter ein, und gab

Antonio einen Brief, den ihm, wie er sagte, am Thor’ ein Unbekannter

gegeben habe. Er brach ihn zitternd auf, und las:

„Bester Antonio, seyn Sie nicht bekümmert, daß Sie Ihre Nachbarinnen

nicht finden; sie sind an einem Orte, wo man sie unmöglich finden kann.

So viel für jetzt.“

Der Genueser stand da, wie vom Donner gerührt; er gerieth endlich in

fürchterliche Wuth, und schwor allen, wenn sie ihn betrogen hätten, Tod

und Verderben. Seine Bedienten mußten ihn wie einen Tieger bändigen,

brachten ihn in den Wagen, und führten ihn nach Madrit. Auf dem Wege

besänftigte er sich wieder etwas, und schloß aus den letzten Worten des

Briefes: „So viel für jetzt,“ daß es vielleicht nur ein Scherz sey,

und daß sie ihn vielleicht in seinem Hause erwarteten; er war aber

nur zu bald vom Gegenteile überzeugt. Louisens Wohnung war auch noch

versperrt, und er wartete nun am Hausthore bis lange nach Mitternacht,

ob er ihre Ankunft nicht erwarten könnte; aber niemand kam. Er schlief

die ganze Nacht nicht eine Secunde, und ließ sich mit Tages Anbruche

bey Louisens Hausherrn, der noch im Bette lag, melden. Von diesem

vernahm er denn, daß ihm Louise Tages zuvor die Schlüssel der Wohnung

zurück gestellt, und ihm gesagt habe, daß sie sich Geschäfte halber

nach Toledo begeben habe.

„Sie hat Ihnen aber ja die tausend Reale bezahlt,“ sagte Antonio.

„Was für Reale?“

„Die Jahresmiethe für die Wohnung.“

„Die Jahresmiethe? Die Wohnung war ja nur auf zwey Monathe gemiethet.“

„Wie sagen Sie?“ schrie Antonio, und war im ganzen Antlitze

scharlachroth.

„Ich bin aber auch für diese zwey Monathe nicht bezahlt,“ sagte der

Hausherr, „und Sie werden belieben, mich zu bezahlen.“

„Wer? Ich?“ schrie Antonio, und erstickte beynahe vor Wuth.

„Ja, Sie,“ sagte der Hausherr; „Sie werden doch nicht läugnen, daß

die Dame bey Ihnen Gelder stehen hat; daß dieß hier Ihre schriftliche

Anweisung ist?“

„Diebe! Mörder!“ schrie Antonio, und packte den Hausherrn bey der

Brust, faßte sich aber doch gleich wieder, und sagte: „Vergeben Sie

einem unglücklichen Manne, den man zum Bettler gemacht hat. Man hat

Sie betrogen, wie mich. O ich Thor! ich Rasender! ich Narr! ich alter

Sünder,“ -- bey jedem dieser Titel schlug er sich mit geballter Faust

vor die Stirn -- „nun bin ich ein Bettler, bin auf ewig unglücklich.“

So weit war es eben nicht gekommen; indessen hatte ihn die schöne

Wittwe, die nun wieder Jungfrau geworden war, nebst den sechs tausend

Thalern, die ihr Grimaldi angewiesen hatte, um mehr als zwölf tausend

Escudo’s geprellt. Der arme Antonio eilte zu dem Richter, schickte die

Alguazils nach allen zwey und dreyßig Winden aus; aber alles Nachsuchen

war vergebens. Nach acht Tagen hatte man noch nicht die geringste Spur,

und nun erhielt er, um ihn vollkommen zu Verzweiflung zu treiben, die

Nachricht, daß sein einziger Sohn zu Genua auf den Tod läge, und ihn

um den letzten väterlichen Segen bitte. Er reiste denn mit dem festen

Vorsatz’ ab, nach seines Sohnes Tod’ oder Genesung eine kleine Reise

durch die ganze Welt zu machen, um die Schlange irgend wo zu finden und

zu zertreten.

DRITTE SPAZIERFAHRT.

Da nun auch dieses Abenteuer glücklich abgelaufen war, fingen die

beyden andern Schwestern ihr Werk desto freudiger an. Constanze war

älter, folglich gebührte ihr der Rang. Louise und Feliciane trugen

ihnen allen Beystand an, den sie ihnen leisten konnten; besonders aber

den Wagen, der ihnen vor allem unentbehrlich war. Die Sevillanerinnen

waren nun zu Valdemoro, und die andern zu Illescas: dort vereinigten

sie sich aber wieder, und Constanze stieg allein mit der alten Banuelos

und Mogrobejo in den Wagen, der unterdessen ganz ein anderes Ansehen

bekommen hatte; auch hatte sie andere Pferde und einen andern Kutscher.

Mogrobejo hatte, um sich unkennbar zu machen, seinen Spitzbart

länger wachsen lassen, und trug ehrwürdige Augengläser auf der Nase.

Auch Constanze hatte die Person schon ausersehen, die sie mit ihrer

Begünstigung glücklich machen wollte. Louise hatte ihr den Traueranzug

geschenkt, und diesen wählte sie auch zu ihrer Unternehmung, theils,

weil er ihr sehr gut ließ, theils, weil die Wittwenrolle mit dem

geringsten Aufwande gespielt werden konnte, theils, weil sie sich in

einen Plan einließ, nach dem sie durchaus scheinheilig seyn mußte.

Sie kamen wohl behalten in Madrit an, und bezogen eine Wohnung in

dem Stadtviertel de la Merced. Die Person, auf welche ihre Absicht

gerichtet war, war einer der reichsten Pfarrer am Hofe, ein gelehrter

Priester und Doctor der Theologie. Wir wollen ihn um gewisser Ursachen

willen nicht nennen, sondern ihn immer nur den Doctor heißen. Seine

Pfarre trug ihm sehr viel ein, obschon er ein großes Vermögen von

seinem Vater geerbt hatte, und von zwey Bischöfen jährlich mehr als

zwey tausend Escudo’s bezog. Er hatte also jährlich über viertausend

Escudo’s zu verzehren, und war doch dabey der größte Filz unter der

Sonne. Das Hausgesinde des Doctors bestand aus einer Schwester, die

schon lange über die Jahre der Anfechtung hinaus war, und die er schon

lange zur Nonne gemacht hätte, wenn sie es nicht in der Hoffnung einer

reichen Erbschaft weislich hätte bleiben lassen; einer Haushälterinn,

einem Studenten, der ihm Gesellschaft leistete, und einem alten

Maulesel. Constanze erschien täglich mit der sittsamsten Miene, und

einem langen Rosenkranz’ am Arm’, in der Messe; die Duenna und der

Escudero begleiteten sie. Eines Tages ging sie nach der Messe auf

den Kirchhof, der an das Gotteshaus stieß, wandelte auf und nieder,

betrachtete alles ringsum sehr aufmerksam, und sprach leise mit dem

Escudero. Unterdessen stand der Pfarrer immer am Fenster der Sacristey,

und hätte gar zu gern gewußt, was sie mit solcher Aufmerksamkeit

betrachte. Sie begab sich aber sittsam in den Wagen, und fuhr ab.

Den nächsten Morgen kam sie wieder zur Messe, ging wieder auf

den Kirchhof, und begnügte sich nicht damit, daß sie ihn sehr

aufmerksam betrachtete, sondern Mogrobejo mußte auch einen Theil

desselben schrittweise abmessen. Der Pfarrer hatte wieder aus dem

Sacristeyfenster zugesehen, und konnte nun sein Verlangen, dieses

Räthsel aufgelößt zu sehen, nicht länger unbefriedigt lassen; er ging

hinaus, machte ihr eine artige Verbeugung, und fragte sie womit er

ihr dienen könne. „Ich sehe,“ sagte Constanze mit niedergeschlagenen

Augen, „daß Sie die vornehmste Person in dieser Kirche sind. Mein

Escudero mußte mir hier diese Stätte der gottseligen Ruhe abschreiten,

damit ich sehen könne, ob auch Raum genug wäre, meine Absicht hier

auszuführen. Wenn es Ihnen nicht ungelegen wäre, würd’ ich Sie bitten,

mich in die Kirche zu führen, um Ihnen meine Absicht ausführlich

erklären zu können.“ Er führte sie in eine kleine Seitenkapelle, die

aber so schlecht mit Geräthe versehen war, daß sie sich auf einige

Altarpölster, und er in einen Beichtstuhl setzen mußte.

„Mein hochwürdiger Herr,“ begann sie, „ich bin aus Sevilla, von

adeligen Ältern geboren; mein Vater hieß Don Lope de Monsalva, meine

Mutter Donna Mencia de Sahabedra, und ich, ihre einzige Tochter,

heiße Donna Rufina de Monsalva und Sahabedra. Meine Mutter nahm mir

Gott sehr früh, und mein Vater, der noch ein sehr junger Mann war,

warf sein Augenmerk auf eine Dame derselben Stadt, und wollte sich

mit ihr verbinden; sie hatte aber zwey Brüder, die ihre Schwester gar

zu gern geerbt hätten; sie setzten sich heftig entgegen, und drangen

durchaus darauf, daß sie Nonne werden sollte. Sie war meinem Vater sehr

geneigt; sie fanden Gelegenheit, sich öfters heimlich zu sprechen, und

kamen endlich überein, daß sie sich heimlich wollten trauen lassen.

Sie thaten es, und setzten ihre heimlichen Zusammenkünfte fort; ich

war die Frucht ihrer Liebe. Nun entdeckten die Brüder plötzlich durch

eine treulose Magd das ganze Geheimniß, stellten meinem Vater heimlich

nach, und -- tödteten ihn. Ich war nun eine Waise, und ohne alles

Vermögen; niemand nahm sich meiner an, als eine Muhme, die mich in das

Nonnenkloster San Leander zur Erziehung gab, wo ich auch bis in mein

sechzehntes Jahr blieb. Damahls erst fing mein Glück zu dämmern an. Mit

einer Flotte aus Indien kam ein ansehnlicher Cavalier an den Hof; er

war sehr reich, und hatte von einem Vetter meiner Muhme, bey der ich

nun im Hause wohnte, ein Empfehlungsschreiben mit sich. Er besuchte sie

öfters, und sah auch mich bey dieser Gelegenheit. Er erkundigte sich,

wer ich wäre; meine Muhme erzählte ihm die unglückliche Geschichte

meines Vaters, und er gewann eine solche Neigung zu mir, daß er

förmlich um mich warb. Binnen vierzehn Tagen war ich ihm angetraut,

und er gab mir zur Morgengabe zwanzig tausend Escudo’s; sein ganzes

Vermögen aber beträgt über hundert zwanzig tausend Ducaten. Wir

lebten sechs Jahre mit einander, in welcher Zeit wir gar kein Kind

mit einander hatten. Endlich starb der gute Mann, und machte mich zur

Erbinn des ganzen Vermögens: nur vierzehn tausend Ducaten bestimmte

er zu einer prächtigen Kapelle, die ich in dieser Stadt bey irgend

einer Kirche bauen lassen sollte. Er bestimmte aber nur die Summe, und

räumt es übrigens ganz meiner Willkür ein, wie ich sie bauen lassen

wollte. Ich denke nun es so einzurichten, daß vier Kapelläne mit

einem jährlichen Einkommen von zwey hundert Ducaten, und einer, dem

die andern untergeben seyn sollen, mit drey hundert dabey angestellt

werden. Ich will sie auch nicht an diesen Kapellendienst allein binden;

denn warum sollt’ ich ehrwürdige Väter hindern, ihr ohne dieß geringes

Einkommen, das sie ohnehin meistens auf Almosen verwenden, noch in

etwas nebenbey zu vermehren. Ich bin nun vierzehn Tage hier, und habe

alle Kirchen besehen, aber hier nach meiner Meinung noch den besten

Platz gefunden. Man könnte unter der Kapelle die Gruft anbringen, was

ungleich prächtiger lassen dürfte, als der Kirchhof. Ob es mir nun

erlaubt seyn werde; ob mir die Stadtobrigkeit, oder der geistliche

Rath nicht entgegen seyn werden, wünsche ich jetzt aus Ihrem Munde zu

hören.“

„Dafür lassen Sie mich sorgen, gnädige Frau!“ antwortete der Pfarrer

voll Feuer, und sah sich schon im Besitze von drey hundert Ducaten.

„Das wäre schön, wenn der geistliche Rath die Erfüllung frommer

Vermächtnisse hindern wollte! Wie wollt’ er das? Wie könnt’ er das?

Jeder Platz gehört Gott, um so viel mehr ein Kirchhof, als ein eigens

geweihter Ort. Und was gingen die Stadtobrigkeit geistliche Dinge an?

Sie mag ihre profane Nase in andere Dinge stecken, mag Betriegern und

Betriegerinnen auf die Spur zu kommen suchen; aber unsere heiligen

Sachen gehen ihr nichts an. O gnädige Frau! Gott hab’ Ihren seligen

Gemahl selig! sein Werk ist um desto verdienstlicher, da er dadurch in

einer so verdorbenen Zeit ein heldenmüthiges Beyspiel des standhaften

Christenthums gibt. Säumen Sie auch nicht, seinen frommen Wunsch zu

erfüllen, damit wir ihn nicht aufhalten, wenn seine Seele etwa bis zur

völligen Herstellung noch etwas zu leiden hätte.“

„Ich weiß aber noch nicht,“ sagte sie, „ob wir hier das volle Maß, das

ich gewünscht hätte, heraus bringen werden.“

„Wollen sie denn Euer Gnaden gar so groß bauen?“ sagte der Pfarrer.

„Wie viele Schritte haben Euer Gnaden angeschlagen?“

„Sechzig in die Länge, zwey und dreyßig in die Breite.“

Nun fing der leibige Pfarrer augenblicklich an, wie ein fettes

Leichhuhn über die Gräber fortzutrippeln, und den Raum mit kurzen

Schritten abzumessen. „Mehr als zu viel!“ schrie er endlich; „es gibt

noch ein Beinhaus, und ein kleines Leichenbehältniß. Wir kriegen aber

doch auch ein Thürmchen, gnädige Frau? Wir haben eine überflüssige

Glocke, und irgend eine andächtige Seele wird uns es auch nicht an

einer Uhr fehlen lassen.“

„Um meines seligen Mannes Wunsch ganz zu erfüllen,“ sagte Constanze,

„wird es mir nicht zu viel seyn, auch diese Kleinigkeiten aus meinem

Vermögen zu bestreiten, das nach meinen Bedürfnissen ohne dieß viel zu

groß ist. Ich gestehe es Ihnen auch, hochwürdiger Herr Pfarrer, daß es

mir in so weit wirklich zur Last ist, als ich es nicht weiß, was ich

damit anfangen soll. Übrigens habe ich noch eine Bitte an Sie.“

„Sie befehlen, gnädige Frau! worin kann ich dienen?“

„Ich wünschte sehr, daß Sie es auf sich nähmen, meinen Bau gegen

alle Hindernisse zu schützen, mir erfahrne Leute zu dem Baue selbst

vorzuschlagen, und endlich -- thun Sie es um meines seligen Mannes

willen -- nehmen Sie dann die Oberaufsicht über die vier Kapläne an.“

„Mit Freuden,“ antwortete der Pfarrer; „zu was mich Gott in seinem

Dienste rufen will, dazu bin ich auch bereit. Sie haben mit mir zu

befehlen; und da Sie ein frommes Werk unternehmen, so bin ich Ihnen

gewisser Maßen Gehorsam schuldig.“

Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina · 第 5 / 7 段