Der Graubart aus Genua hatte nun weder Rast noch Ruhe mehr. Er lauschte

den ganzen Abend an der Hausthür, bis er den Escudero ausgehen sah, den

er auch an der Stelle anhielt, und fragte, wer seine Gebietherinn wäre.

Dieser hatte seine Rolle schon gut gelernet, und sagte ihm denn, daß

sie eine Dame aus Saragossa wäre, daß sie Donna Angela de Bolea heiße,

und an einen vornehmen Edelmann dieser Stadt verheirathet gewesen sey.

Sie sey nach Hofe gekommen, um da einen Oheim zu erwarten, der hier

mit einem unermeßlichen Reichthume aus Indien ankommen werde, und sie

zur einzigen Erbinn seines ganzes Vermögens bestimmt habe, welches in

mehr als achtzig tausend Escudo’s bestände, wie sie auch jetzt schon

jährlich mehr als zwey tausend von ihm empfange.

Der Genueser glaubte ihm jedes Wort, und sann nun schon unablässig,

wie aus seiner Nachbarschaft eine vertraute Bekanntschaft werde. Er

dankte dem Escudero recht höflich, und bath ihn, seiner Gebietherinn

zu melden, daß alles, was in seinem Hause sey, zu ihrem Befehle wäre.

Der Escudero dankte ihm aber, und versicherte, daß sie mit allem

überflüssig versehen wären.

Die Jalousien blieben am folgenden Tag’ aus, und Antonio, der dem

Verlangen, sie zu sehen und zu sprechen, nicht länger widerstehen

konnte, ergriff diese Gelegenheit, um zu ihr hinüber zu schicken, ihr

dafür zu danken, und sie zugleich um die Erlaubniß bitten zu lassen,

daß er ihr aufwarten dürfte. Sie war zu artig, als daß sie selbst in

ihrem Wittwenstande, den Besuch eines alten Nachbars, der sich über

dieß zuvorkommend höflich bezeigt hatte, hätte ablehnen sollen. Er war

voller Freude, putzte sich so gut heraus, als er konnte, ließ zwey

Bediente nachtreten, und spazierte wie ein Pfau die Straße hinüber.

Er fand die schöne Wittwe auf einem schwarz überzogenen Stuhl’, und

um sie herum war ein schwarzer Teppich aufgebreitet, auf dem die zwey

Duennen saßen, die sich mit Mäntelchen und Schleyern ein ehrwürdiges

Ansehen gegeben hatten. Er brachte eine lange Glockenstunde in diesem

angenehmen Zirkel zu, ohne daß er den geringsten Anfall von seiner

gewöhnlichen Krankheit der langen Weile gehabt hätte. Endlich brach

Louise das Gespräch ab, und bath um Vergebung, daß sie nicht länger

von der Gesellschaft seyn könne, da sie um diese Stunde sich zurück

zu ziehen pflege. „Diese Stunde,“ sagte sie, „ist dem Andenken meines

seligen Mannes geweihet.“ „Ich darf Sie aber doch wieder besuchen?“

sagte Antonio. „Es wird mir immer ein Vergnügen seyn,“ antwortete

Louise, und ging in’s Nebenzimmer: der Genuese ging voll Vergnügen

fort, und schickte ihr noch einige Früchte aus seinem Garten zur

Erfrischung herüber.

Unter seinen Bedienten war ein Spanier, ein Toledaner, den er wegen

seiner besonderen Geschicklichkeit in Musik, und seinen drolligen

Einfällen aufgenommen hatte. Auch war sein Gehirn ein Bißchen von

Poesie verbrannt. Mit diesem Burschen nun wollte er Louisen ein

Fest machen, welches in einem Liedchen bestehen sollte, das er ihr

sänge. Als sie nun des Abends mit ihrer Gesellschaft auf dem Balcon

nachtmahlte, stellte er Leonardo, so hieß der Bediente, auf seinen

Balcon, ihnen gerade gegen über. Leonardo nahm seine Guitarre zur Hand,

und sang:

Holder Stern der schönen Nacht!

Wenn dein Auge freundlich lacht,

Dann erfreuet sich mein Sinn,

Daß ich dein Geliebter bin.

Du leuchtest in sanftsüßer Pracht,

Wie ein Gestirn in finstrer Nacht.

Dein Blick mein Herze gleich erhellt,

Wie, wenn vom Stern ein Schnupfen fällt.

Ich sehe dir von ferne zu,

Und wie ein Irrwisch flimmerst du;

Ich folge deinem matten Schein,

Und locktest mich in’s Koth hinein.

Denke meiner, schönes Kind,

Und entschlafe nicht geschwind!

In Gedanken, glaub’ es mir,

Bin ich auch des Nachts bey dir.

Der Genuese küßte ihn, und die Damen waren so artig, ihm Beyfall

herüber zuzuklatschen. So albern der Bursche war, hatt’ er doch, wie

gesagt, seine eigene Weise, und war überhaupt so gewandt und launigt,

daß man ihm nicht abhold seyn konnte. Auch unsere schöne Wittwe hatte

diese Serenate so unterhalten, daß sie den folgenden Tag wieder zu

ihrem Nachbar hinüberschickte, und ihn zu sich bitten ließ. Das

Gespräch ward immer lebhafter, und der Genuese gerieth, bevor er

dessen gewärtig gewesen war, in solche Flammen, daß er seinem Triebe,

sich näher zu erklären, nicht länger widerstehen konnte: er sagte ihr

tausend abgeschmackte Schönheiten, küßte ihr die eine Hand um die

andere, warf so feurige Blicke, wie eine Katze in der finstern Kammer,

und geberdete sich, mit einem Worte, so läppisch, daß sich Louise und

ihre Gesellschaft darüber kaum des Lachens erwehren konnten. Sein

Meisterstück kam aber erst nach. Ein leichtes Zittern, das Wechseln

der Gesichtsfarbe, und ein beständiges Trippeln gingen voraus: endlich

sprang er wie einer, den der Fieberanfall packt, vom Stuhle auf, und

bath Louisen, mit ihr einige Worte unter vier Augen sprechen zu dürfen.

Louise sah deutlich, wo das hinaus wolle, und führte ihn sogleich in

ein Nebenzimmer. Hier ließ sich der alte Bock auf seine vordern Knie

nieder, und beichtete ihr die Sünde seines verliebten Herzens, das für

sie in hellen Flammen stehe, und nur durch einen plötzlichen Aufguß

von Gegenliebe zu löschen sey. Louise nahm seine Liebeserklärung mit

vieler Schonung auf, und sprach lächelnd: „In der That, mein Herr,

Sie haben mich überrascht, und am wenigsten hätt’ ich eine solche

Verwandlung von dem Mann’ erwartet, der vorgestern noch seinen Balcon

mit Bretern verschlagen lassen wollte. Auch muß ich Ihnen gestehen,

daß es mich Wunder nimmt, wie ein Mann, der doch eben nicht mehr in

den blühenden Jugendjahren ist, und manches erfahren zu haben scheint,

mit diesem -- erlauben sie mir, daß ich es sagen darf -- hastigen

Geständnisse eine Wittwe in Verlegenheit setzen kann, die noch

nicht vierzehn Tage das Trauerkleid trägt.“ Der Genuese wollte sich

entschuldigen, stotterte aber, daß ihm nicht eine ordentliche Sylbe

gelang. „Indessen,“ fuhr Louise fort, und lächelte, daß es einen Todten

im Grabe hätte wecken können, „indessen muß ich Ihnen sagen, daß ich

eitel genug bin, über keine Erklärung, und käme sie noch so zur Unzeit,

aufgebracht zu werden; und einem Manne zu gefallen, dessen Herz nicht

zum ersten Mahle gewonnen wird, ist mir immer schmeichelhafter, als

wenn ich ein Jünglingsherz berücke, das noch niemahls ins Freye kam.“

„O Sie geben mir das Leben wieder,“ sagte Antonio, und einige Thränen

suchten durch die Furchen seiner Backen abzufließen; „darf ich also

hoffen?“

„Bester Antonio!“ sagte Louise, „was wird unsere Gesellschaft denken,

wenn wir an unsern wenigen Worten so lange zu sprechen haben?“ Mit

diesen Worten ging sie in das Gesellschaftszimmer zurück, und Antonio

folgte ihr ganz verstört nach.

Indessen glaubte er doch in ihren Blicken mehr als Nachsicht zu lesen,

und war diesen Abend so inniglich vergnügt, daß seine ganze Großmuth

erwachte, und er ihr ein Paar Handschuhe und einen Fächer überreichte,

die er aus Mexico erhalten zu haben vorgab, um ihren Werth doch einiger

Maßen zu erhöhen. Louise erklärte nun, daß sie wünsche, ihrem Nachbar

seine Musik mit einer andern erwiedern zu können. Es war schon ziemlich

spät, und Antonio mußte sich Wohlstands halber empfehlen; er muthmaßte

aber, daß ihm Louise das Vergnügen machen würde, ihn ihre Engelstimme

hören zu lassen, und setzte sich denn mit Leonardo auf seinen Balcon.

Beyläufig nach einer halben Stunde erschien Louise wirklich, von

Felicianen allein begleitet, mit einer wohl gestimmten Guitarre, auf

dem ihrigen, setzte sich, und sang:

Einsam irrt die fromme Taube,

Findet nirgends Ruh’,

Flattert traurig in die Laube,

Girret ihrem Tauber zu.

Weit von hier ist er geflogen;

Bänglich suchet ihn ihr Blick.

Ist er andern nachgezogen?

Kehrt er nicht getreu zurück?

Tauber! laß sie nicht so flehen!

Tauber! laß sie nicht allein!

Sieh! er kommt! das Wiedersehen

Wird nun doppelt freudig seyn.

Der Genueser und sein Leonardo waren ganz entzückt, und wollten eben

laut klatschen, als beyde Damen mit einander zu singen anfingen.

Bitter sind der Liebe Leiden,

Fürchterlich der Trennung Schmerz;

Doch wer kann die Liebe meiden,

Denn sie kommt von selbst ins Herz.

Eigensinnig ist ihr Wille;

Sie bestimmt, was schön ist, nur;

Bald besucht sie die Myrtille,

Bald des alten Damons Flur.

Sie hatten sich bemühet, jede Sylbe vernehmlich auszusprechen, und so

war denn die letzte Strophe kaum zu Ende, als Octavio zu klatschen

anfing, daß man es in der ganzen Straße hören konnte. Man ging

allerseits zu Bette, aber mit ganz verschiedenen Gedanken. Antonio

dachte ihr Herz mit den geringsten Kosten zu erobern, und Louise sann,

wie sie sein Geld Beute machen könne, ohne auch nur das geringste von

ihrem Herzen einzubüßen.

Als Antonio eines Abends wieder bey ihr einen Besuch abstattete,

hörte man auf der Straße plötzlich ein Gezänke zwischen Mogrobejo, dem

Escudero, und einer unbekannten Person. Louise fragte, was es wäre,

und vernahm, daß der Escudero mit einem Bedienten des Hausherrn in

Streit gerathen sey. Sie ließ ihn herauf kommen, und bath den Genueser

um Vergebung, daß sie ihre Neugierde sogleich in seiner Gegenwart zu

befriedigen suche, was sie vor einem andern, auf dessen Freundschaft

sie weniger rechne, nicht wagen würde. Nun trat der Escudero ganz

zornig ein; Louise fragte ihn um den Hergang des Gezänkes, und

Mogrobejo antwortete: „Der Henker möcht’ auch nicht zanken! da kommt

mir der Bediente des Hausherrn, und verlangt die Miethe für unser

Quartier, das wir auf ein Jahr gemiethet haben, und von dem man doch

die Miethe erst mit Ende des Jahres zu bezahlen pflegt. Da hat er

durchaus zu Euer Gnaden herauf gewollt, und weil ich ihn nicht ließ,

war der Kerl grob; aber er soll mir!“ -- „Lass’ er ihn kommen,“ sagte

Louise; und es trat ein Page ein, der ihr ehrfurchtsvoll einen Zettel

überreichte. Sie las ihn flüchtig durch, und sagte: „Sag’ er seinem

Herrn, ich ließe mich empfehlen, und ließ ihm sagen, daß ich gar

nicht abgeneigt bin, ihn jedes Mahl für den Monath in vorhinein zu

bezahlen. Daß er in Verlegenheit ist, konnt’ ich nicht wissen; und

es gefällt mir, daß er so offenherzig spricht. Ich sey aber für den

Augenblick selbst in Verlegenheit; meine Gelder sind aus Sevilla noch

nicht angekommen, und ich ließe ihn denn ersuchen, höchstens acht Tage

Geduld zu haben, dann wollt’ ich ihm die Miethe für drey oder noch mehr

Monathe auf ein Mahl schicken. Übrigens, Mogrobejo, weiß ich nicht,

warum er ihn nicht sogleich verließ.“ Der Page trat ab, und Louise

sagte: „Es ist wahrhaftig sonderbar, daß ein Hausherr, dem man für ein

einziges Gelaß tausend Realen des Jahrs bezahlt, so dringend auf eine

Monathsmiethe ansteht. Der Mann muß unglücklich, oder ein Taugenichts

seyn, und ich wollte einen Finger von der Hand verlieren, wenn ich ihm

seine tausend Reale augenblicklich in die Betteltasche werfen könnte.“

Sie meinte nun mehr, als zu viel, gesagt zu haben, um Antonio’s

Großmuth und Ehrgeitz in Bewegung zu setzen; diese beyden Eigenschaften

ruhten aber in seinem Herzen in einem so abgelegenen Winkel, daß sie

ein schulgerechter Anatomiker zu suchen gehabt hätte.

„Ja, wahrhaftig,“ antwortete Antonio, „es sind schwere Zeiten, und der

ordentlichste Mann hat zu sorgen, daß er sich von einem Tag’ auf den

andern behilft.“

Louise merkte nun wohl, daß sie dieses Schalthier nicht mit der Angel

fangen könne; sie brachte denn das Gespräch auf andere Gegenstände, und

sie schieden nach einiger Zeit aus einander.

Es mußte denn ein neuer Plan angelegt werden. Mogrobejo hatte jemahls,

bevor er es bis zum Stallmeister gebracht hatte, als Schreiber bey

einem Sachwalter gedient, und hatte sich da die einer Gerichtsperson

unentbehrliche Geschicklichkeit, jede Handschrift täuschend

nachzuahmen, beygelegt. Diesem befahl nun Louise, die Firma irgend

eines der bekanntesten Genueser zu Sevilla nachzuahmen. Um dieß nun

ins Werk setzen zu können, mußte er in einem von den Kaufmannshäusern,

von welchem Briefe abgeschickt wurden, Bekanntschaft machen. Es gelang

ihm auch bald, und er war mit einem Buchhalter bald so vertraut, daß er

ihn täglich auf seiner Schreibstube besuchte. Nach wenigen Tagen sah

er einen Brief, wie er ihn wünschte. Er war von Carlo Grimaldi, dem

reichsten Genueser in Sevilla. Der Buchhalter war mit seiner Arbeit

beschäftigt, und Mogrobejo benutzte diese Gelegenheit, um den Brief so

geschickt nachzuschreiben, daß es schwer fiel, die echte Schrift von

der nachgemachten zu unterscheiden. Er eilte nun freudig nach Hause,

und Louise beschenkte ihn im vorhinein mit dreyßig Escudo’s.

Als sie Antonio den folgenden Tag besuchte, fand er sie eben mit einer

Menge Geldes beschäftigt, das ihr Feliciane, die unterdessen einen Ring

zu Gelde gemacht, vorgestreckt hatte. „Erlauben Sie,“ sagte sie, „daß

ich nur erst ein kleines Geschäft abthue.“ Sie machte tausend Reale in

eine Rolle zusammen, und rufte Mogrobejo. „Hier, nehm’ er,“ sagte sie;

„ich lasse mich dem Hausherrn empfehlen, und hier schick’ ich ihm gegen

Quittung den ganzen Jahreszins. So hat es doch ein Mahl ein Ende.“

Nun fühlte Antonio erst, wie unartig und unverzeihlich es von ihm

gewesen sey, einer Dame von solchem Rang’ und Vermögen nicht sogleich

all sein Hab’ und Gut anzutragen. Indessen war es nun einmahl

geschehen, und es blieb ihm nichts übrig, als daß er sein Versehen

wieder gut zu machen suchte. Das erste, was ihm beyfiel, war ein

Antrag, sie in die Komödie zu führen. Der Zufall wollte, daß man

denselben Tag gerade ein Zwischenspiel aufführte, das sein Leonardo

verfaßt hatte, und das ihm nun allerdings einen Vorwand zum Antrage

gab. „Wahrhaftig,“ sagte Louise, „ich wäre gar nicht abgeneigt,

hinzugehen; denn, wie ich schon neulich aus Leonardo’s Gesang’

abgenommen habe, ist er ein aufgeweckter Geist, und hat lustige

Einfälle.“

„Über dieß,“ erwiederte Antonio, „verdient auch das eigentliche Stück

selbst, gesehen zu werden. Es ist die _adelige Küchenmagd_ von unserm

berühmten Lope de Vega.“

„Ja, wir gehen,“ sagte Louise; „aber halt! was bin ich doch für eine

Thörinn? Meine Kleidung und das Theater! Es würde trefflich zusammen

passen!“

„Seyn Sie doch nicht so strenge; was Ihnen auch Ihr Kleid verbiethen

würde, erlaubt Ihnen Ihr Alter. Eine junge, schöne Wittwe! -- Gerade

Sie müssen sich ja zerstreuen und aufheitern.“

„Aber was würde die Welt sagen?“

„Die Welt! die Welt! Sie sind auch gar zu genau. Was nennen Sie die

Welt? Die Leute! -- gut! die Klugen werden es klug finden, daß Sie sich

nicht einkerkern, wie eine Nonne, und Ihrem Kummer durch die Einsamkeit

noch Nahrung geben; und um die Narren werden Sie sich wenig bekümmern.

Auch läßt sich ein Kleid ablegen.“

„Wenn ich auch dieß einzige Mittel ergreifen wollte, zu dem so viele

andere junge Wittwen ihre Zuflucht nehmen, so kann ich es doch um

meines Oheimes willen nicht wagen, der ein Erzgrübler ist. Ich erwart’

ihn mit jeder Stunde, und stehe mit ihm in solchen Verhältnissen,

daß ich sehr unklug seyn würde, wenn ich seine Freundschaft um einer

Kleinigkeit willen auf’s Spiel setzen wollte.“

„Vortrefflich, klug, und schön gesprochen!“ sagte Antonio; „aber mir

fällt eine Art ein, wie Sie das Zwischenspiel sehen können, ohne in’s

Theater zu gehen.“

„Lassen Sie hören!“ --

„Leonardo hat mehrere junge Freunde, Leute von Talenten, mit deren

Bildung und Unterricht in verschiedenen Dingen er sich immer abzugeben

pflegt; mit diesen soll er uns nun in ein Paar Tagen das Zwischenspiel

in meinem Hause aufführen. Es soll niemand dabey seyn, als Sie, Ihre

Gesellschafterinnen und ich; und gegen diese Art es zu sehen, wird auch

Ihre pünctlichste Vorsicht nichts einzuwenden haben.“ Unter diesen

Bedingnissen nahm sie seinen Antrag an, und schlug ein. Sofort sprachen

sie von verschiedenen anderen Dingen, und da denselben Tag die Post

aus Andalusien ankam, fragte sie ihn, was er wohl Neues aus Sevilla

höre. Er antwortete, daß er nichts von Belange höre, und daß seine

Briefe immer nur trockene Geschäfte enthielten. „Ich habe heute,“ fuhr

sie fort, „diesen Zettel von einem Genueser erhalten, der mit meinem

Vetter in Indien im Briefwechsel steht; lesen Sie ihn zur Güte: ich

möchte gar zu gern wissen, ob Sie ihn, und die Person, an die der Brief

gerichtet ist, kennen.“ Er gab sich alle Mühe, ihn ohne Augengläser zu

lesen, und las:

„Ich habe vom Capitäne Bolea den Auftrag erhalten, Euer Wohledlen,

nebst unterthänigstem Gruß, zu melden, daß selber seine Abreise

so geschwind’ als möglich beschleunigen wird. Er befiehlt mir

zugleich, Euer Wohledlen acht tausend Thaler abzuliefern, als

weßwegen beyliegender Brief die Anweisung enthält; mich empfehlend,

und meine Dienste auch in wichtigen Gelegenheiten antragend.

E. W.

Carlo Grimaldi.

Im Zettel lag der Brief:

„Herr Juan Baptista Lomelie beliebe an Donna Angela de Bolea, am

Hofe anwesend, acht tausend Thaler in Doppelgeld auf vierzig Tage

verabfolgen zu lassen, wofür ich eben so viele vom Capitäne Don

Genealo Bolea, ihrem Oheime, empfangen habe.

Sevilla, den 12. September 1630.

Carlo Grimaldi.

„Der Mann,“ sagte Antonio, „von welchem der Brief kommt, ist ein

ungemein ordentlicher und sehr reicher Mann, und der, an den der Brief

gehört, ist es nicht minder.“

„Es ist mir genug,“ erwiederte Louise, „daß ich es aus Ihrem Munde

höre; aber ist die Sache deßhalb nicht minder unangenehm? Was denkt der

Mann? Er weiß, er schreibt mir da selbst, daß mein Oheim erst kommen

wird, daß ich folglich allein hier bin, und setzt mir doch nur vierzig

Tage. Wer steht mir gut, daß der Capitän bis dort angekommen ist?

wahrhaftig, eine Verdrießlichkeit um die andere kommt mir über den

Hals.“ Nun glaubte Antonio, sein neuliches Versehen ohne die mindeste

Gefahr wieder gut machen zu können, und sprach: „Beste gnädige Frau,

lassen Sie dem Manne seine Grillen, und nehmen Sie die Zahlung gar

nicht an. Sie sagen mir, was Sie beyläufig brauchen, ich bring es

herüber; Sie stellen es mir nach Belieben zurück, und somit gut.“

„Es ist mir wirklich eine große Gefälligkeit,“ sagte Louise, „wenn

Sie mich aus dieser Verlegenheit bringen. Sechs tausend Thaler sind

mir genug.“ „Mit Vergnügen!“ fuhr Antonio fort; „Sie schicken morgen

früh Ihren Mogrobejo, mit einem Paar Zeilen zu mir hinüber, und

empfangen die Summe.“ „Ich bin Ihnen wirklich Dank schuldig,“ sagte

Louise, drückte ihm die Hand, und hieß ihn auf das Zwischenspiel nicht

vergessen. Er ging fort, und so innigst vergnügt sie war, daß er an

die Angel gebissen, so vergnügt war auch er, daß er sein Capital auf

so angenehme Zinsen, wie er hoffte, anlegen konnte. Er wartete den

nächsten Morgen nicht einmahl ab, daß Mogrobejo das Geld abzuhohlen

komme, sondern machte es zusammen, und schickte Leonardo mit seinem

Morgengruße und der Summe hinüber, ohne zu bedenken, wie viel Gefahr

das bare Geld in den Händen eines Poeten laufe. Louise war über seine

Pünctlichkeit ganz entzückt, und drückte Leonardo ein ansehnliches

Trinkgeld in die Hand. Auch ließ sie Antonio melden, daß sie die

Vorstellung des Zwischenspiels denselben Abend in ihrem Hause wünsche;

daß sie alle Anstalten dazu treffen werde, und ihn unausbleiblich zu

sehen hoffe. Nun lud sie auch die zwey Mitschwestern bey ihrer neuen

Unternehmung, und ihre Mutter zum Schauspiele. Es war Abend; der

Saal war prächtig beleuchtet, und mit dem angenehmsten Wohlgeruche

durchräuchert, und der Genueser war mitten unter den Damen so gelagert,

daß er bequem mit jeder sprechen konnte.

Es ward Stillschweigen gebothen, und drey Tänzer traten mit Guitarren

auf, und spielten eine sehr artige Sarabande. Als diese zu Ende war,

erschien Leonardo allein, in einer seltsamen Tracht, die er sich

selbst aus den buntesten Stücken Stoff zusammen gekünstelt hatte, und

sprach einen Prolog, in dem er den Zuhörern ganz sanft unter die Nase

rieb, daß er der Verfasser sey; daß er dieses Stück Arbeit, ohne zu

prahlen, für eines der witzigsten und originellsten Producte seines

Geistes halte, und daß es den Titel führe: Der Commissarius von

Figueras.

DER

_COMMISSARIUS VON FIGUERAS_.

+EIN ZWISCHENSPIEL+.

ERSTER AUFTRITT.

(_Der Commissarius mit einem langen weißen Stabe, einem

schwarzen Unterkleide, einem Mantel darüber, und einer gefärbten

Kräuseschlafhaube. Der Wirth._)

_Commiss._ Ja werther Freund, dem Geschäfte hat

Der Richter von Toledo mich gesandt,

Daß ich es schlichten soll mit allem Ernst.

An diesem edlen Hofe strotzen ja

Von Ungeziefer alle Fugen; ich

Bin nun gekommen sie zu reinigen.

Der weise Rath hat mich hierher gesandt

Von Madrits Ufern --

_Der Wirth._ -- -- Ja, Herr Commissär,

Die Plage, die der span’sche Boden trägt,

Ist ärger noch, als einst Ägyptens Fluch.

_Commiss._ Laß er die Sorge mir, mein edler Wirth,

Obschon mein Geist es ahndet, das Geschäft

Sey groß und mühsam; drum bereit’ er mir

Zwey Flaschen Malaga und weißes Brot.

Doch stille! was für Lärmen macht man hier?

(_Ein Alguazil tritt ein, und schleppt einen Stutzer, mit einem

Hute voll Bänder, Schleifen, und Federn mit sich._)

_Der Wirth._ Was ist das?

_Commiss._ -- -- -- Meine Alguazils sinds.

(Sie bringen den Gefangenen zum Verhör.)

_Alg._ In einem Straßenwinkel fanden wir,

Hochedler Herr, den Narren hier; er gab

Ein Zeichen auf dem prächtigsten Balcon,

Auf dem ein Affe saß mit zwey Duennen;

Der Affe knackte fleißig Nüsse auf,

Und seine Frauen fraßen ihm den Kern;

Der Bursche hätte gerne mitgenagt,

Denn seine Zeichen waren voll Begierde --

Was quält den Burschen aber wohl, als Eßlust?

Wir hätten ihm sein tolles Spiel gegönnt,

Doch trieb er’s weiter bis zur Raserey.

Er sprang von einem Haus ans andre hin,

Und wo ein Kätzchen in dem Fenster saß,

Da macht’ er Sprünge, wie ein junger Hund,

Und schwang den Zopf, wie Budel ihren Schwanz.

Die Kätzchen strichen mit den Pfötchen sich

In süßem Selbstgefallen -- Bart und Kopf,

Und warfen ihm für seine Gaukeley

Flor, Blumen, Federn, Band und Handschuh zu.

Er las es gierig auf, wie Haberkorn

Die jungen Hühner, und sprang weiter fort.

_Commiss._ Wer bist du? sprich!

_Stutzer._ -- -- Ich bin des Glückes Sohn,

Und wenigstens sein allernächster Freund.

_Commiss._ Du bist ein Narr, drum ist das Glück dir hold;

Drum hängest du den Schild der Narrheit aus.

Doch sprich, was soll wohl dieser tolle Hut?

_Stutz._ Des Ruhmes, der mir war, Posaune seyn.

_Commiss._ Sie bläst sehr laut. Wo ist der Zierath her?

Hast du vielleicht San Jago ausgeplündert?

_Stutz._ Von sieben Damen sind es die Trophä’n.

_Commiss._ Ich glaub’ es gern, daß du sie mit Gewalt

Errungen hast.

_Stutz._ -- -- Die Liebe gab sie mir.

_Commiss._ Du lügst; wer liebet einen Narren wohl?

_Stutz._ Die Damen. O Herr Commißär,

Sie scheinen selbst für Weiber gut bestimmt.

_Commiss._ Verwegner! wer hat dich gelehrt, so frech

Dem Richter von Toledo zu begegnen,

An dessen Statt ich hier bin? Doch Geduld,

Hier hast du ein Geschenk, das er dir schickt,

Und das dich immerfort bezeichnen soll.

_Stutz._ Wie? Was?

_Commiss._ -- -- Du hast der Kerne gar

Zu viel gegessen; faste nun im Thurm.

_(Sie setzen ihm einen carmoisinrothen Frauenzimmerhut auf, und

stoßen ihn gewaltig in die Scene. Der zweyte Alguazil tritt mit

einem Gecken, der sich schön zu seyn wähnt, ein.)_

_Alg._ Hier ist ein andrer.

Commiss. -- -- Was ist sein Vergehen?

In was hat er gesündigt? nur heraus!

_Alg._ Er meint, er wäre schön.

_Geck._ -- -- Bin ich es nicht?

Ach tödtet mich doch nicht mit diesem Wort!

_Commiss._ _(indem er die Brille aufsetzt.)_

Nach Recht und Pflicht! Man hat ihn hoch getäuscht,

Mein lieber Freund! denn seine Nase war

Für zwey Gesichter wenigstens bestimmt;

Sein Mund ist wie ein Thor gestaltet, und

Die Nasenlöcher sind geschlitzt, wie Augen;

Sein Haar ist wie des Blutgerichts Fahne;

Sein Aug’ ist stumpf und seine Höcker hat

Er selbst vielleicht noch nie bemerkt. Mein Freund,

Wenn er sich schön glaubt, hat er gar nicht Unrecht.

_Geck._ Herr Commissär, Sie sprechen nicht nach Recht;

Der Richter muß nicht nur das Eine sehen.

Belieben Sie nur diese weiße Hand,

Die sich so zärtlich küßt,

_(er küßt sich selbst die Hand)_

auch zu betrachten.

_Alg._ Laß er doch sehn!

_(er küßt ihm auch die Hand)_

Es schmeckt nicht sonderlich.

_Commiss._ Wie nennt er sich?

_Geck._ -- -- Don Fenix.

Ach wie schön klingt schon der Nahme!

_Commiss._ -- -- Ja, ganz sonderbar

Bist du vom Kopfe bis zum Fuß; doch sehet

Auch nach, was er in seinen Taschen hat.

_(sie durchsuchen die Taschen.)_

_Alg._ Ein Büchschen! -- -- sieh! voll Schminke, Spiegel, Kamm.

_Geck._ Ach, laßt mir das! nehmt lieber mir das Leben!

_Alg._ Hier noch ein Zettel -- seht, noch mehrere,

Und sonderbare Zeichen drauf gekritzelt.

Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina · 第 4 / 7 段