Erzählung gezweifelt hätte, antwortete ihr: „Ich danke Ihnen von ganzem
Herzen, gnädige Frau, für das Zutrauen, das Sie mir schenkten, und will
es durch eine Nachricht zu bezahlen suchen, die Ihnen wahrscheinlich
willkommen seyn dürfte. Ich weiß nun eine Dame, die nur drey Tage von
Haus’ entfernt ist; sie heißt Donna Blanca.“ „Was höre ich,“ schrie
Theodora; „das ist meine Nichte! das ist meine verlorne Blanca!
Engelsmann!“ schrie sie, und küßte ihn, „wo ist sie? ich sterbe vor
Freuden; ein Engel hat mir’s eingegeben, daß ich Ihnen alles erzählen
sollte. Wo ist sie denn? wo ist sie denn?“ Er erzählte ihr denn, daß
sich Donna Blanca in seiner Wohnung befinde; wie sie zu ihm gekommen
sey; daß er sich auf ihren Befehl hier befinde, und das Gelaß nur zum
Vorwande gemiethet habe. Sie überströmte ihn nun wieder mit einem
Hagel von Küssen, und dankte ihm für sein gütiges Benehmen gegen ihre
Nichte; um aber das Frohlocken noch feyerlicher zu machen, schrie
sie: „Louischen! Louischen! komm geschwinde, wie du auch aussehen
magst! fröhliche Neuigkeiten! gute Nachrichten!“ Louise kam in einem
blaßgelben Habite, die Haare in Unordnung, herein geflogen, und so
schön sie war, war Horazio’s Fantasie doch schon von Felicianens Bilde
zu sehr befangen, als daß ihre Reitze mit voller Gewalt auf ihn hätten
wirken können. Sie grüßte den Ritter sehr artig mit einem schwebenden
Complimente, und hüpfte ihrer Mutter zu. „Dieser Herr hier, oder
vielmehr dieser Schutzgeist,“ sagte Theodora, „hat mir von Blanca
Nachrichten gebracht.“
„Gott sey Dank!“ schrie Louise.
„Sie ist in seiner Wohnung, und wir werden sie wieder haben.“
„Wir waren auch schon alle beynahe todt vor Angst,“ sagte Louise wieder.
„Sie sind aber doch verheirathet?“ fragte Theodora.
„Nein,“ antwortete Horazio; „seyn Sie aber versichert, daß Donna Blanca
bey mir mit aller Ehrfurcht behandelt wird, die ihrem Range gebührt.“
„Daran trage ich auch nicht den geringsten Zweifel,“ erwiederte sie.
Unter diesem Gespräche war die Dämmerung eingefallen; man steckte
Lichter an, und eine Magd meldete, daß Don Diego de Orozo im Vorzimmer
wäre. Horazio war bereit, sich zu entfernen; aber Theodora bath ihn,
zu bleiben, da der Besuch nicht von Belange wäre. „Es ist nur ein
Freyer um Louisen,“ sagte sie, „der ihr aber, wie mehrere andere, nicht
ansteht, weil er so wenig Welt, und über dieß auch nicht hinlängliches
Vermögen hat, um ein Weib standesmäßig zu ernähren.“ Nun trat Don
Diego ein; man reichte ihm einen Stuhl, und sprach eine Weile von
gleichgültigen Dingen. Da er sah, daß ihm Mutter und Tochter ungünstige
Blicke zuwarfen, sprach er: „Ich habe Donna Louisa schon seit mehrern
Tagen in übler Laune gefunden; ich habe denn heute versuchen wollen, ob
ich sie nicht aufzuheitern im Stande bin. In dieser Absicht hab’ ich
einen geschickten Tonkünstler mitgebracht, den man auch bey Hofe gerne
hört, und der Sie ein wenig unterhalten soll.“ Man fand seinen Antrag
sehr artig; der Tonkünstler trat ein, nahm sein Instrument zur Hand,
und sang mit einer sehr angenehmen Stimme ein schmelzendes Adagio.
Mit einem Mahle änderte er aber den Ton, und sang unter verschiedenen
Grimassen folgendes Lied:
Liebe Inez, höre mich,
Höre mich doch an!
Liebe Inez, liebe mich;
So bin ich dein Mann.
Deine Schönheit thu’ ich kund,
Ach, zu meiner Qual:
Purpurroth ist dieser Mund
Wie ein Cardinal.
Deine Augen schwarz und traut
Blicken durch den Schleyer schlau,
Wie durchs Fenstergitter schaut
Eine Klosterfrau.
Deine Tugend zu erheben,
Fehlen Worte mir:
Denn es ist dein ganzes Leben
Eine Tugend schier.
Alle Menschen zu ertragen
Ist dir keine schwere Pflicht.
Drum verschmähest du die Klagen
Selbst der Götzendiener nicht.
In dem Drange des Gewimmels
Folgst du standhaft deiner Spur,
Und versichert deines Himmels,
Lebest du dem Menschen nur.
Weil zum Beyspiel böser Laien
Niemahls dich der Himmel straft,
Bist du selbst, dich zu casteyen,
Fromme Seele! -- lasterhaft.
Während dieser Hymnus gesungen wurde, stand Diego rückwärts mit
verhaltenem Munde, um das Lachen zu verbeißen. Die beyden Damen
bedurften keines Dolmetschers, um das Loblied Strophe für Strophe
auf Louisen auszudeuten. Louise warf ihm einen Blick voll Verachtung
zu, und sagte: „In der That, Don Diego, Sie sind ganz dazu gemacht,
eine Gesellschaft in eine andere Stimmung zu bringen; Sie haben den
Tonkünstler wohl immer im Solde? Verfertigen wohl gar die Poesie?“
„Wahrhaftig,“ sagte Theodora, indem sie nach der Uhr sah, „schon so
spät! das hätt’ ich nimmermehr gedacht. Ich dank’ Ihnen, Don Diego,
daß sie uns einen so langen Besuch haben schenken wollen; unterdessen,
dieser Herr hat mit mir Sachen von Wichtigkeit abzuthun; und da ich
nicht verlangen kann, daß er sich so lange hier aufhalte, werden Sie
es nicht unartig nennen, wenn ich Sie bitte, uns morgen dafür einen
allenfalls noch längern Besuch zu schenken.“ Der hämische Diego war
mit dem Unwillen, den er an ihrer Stirn las, vollkommen zufrieden, und
ging fort, zum Glück’, ohne nach Felicianen zu fragen, und die ehrliche
Theodore wieder zu einer Nothlüge zu zwingen. Horazio blieb nun allein
bey ihnen, und Theodora sagte: „Dieser abgeschmackte Ritter hat sich
in dieses Haus eigentlich eingedrungen, und mich hat wirklich nur die
gute Nachricht von Blanca bey Laune erhalten, sonst würd’ ich ihn mit
seiner einfältigen Musik in die Schenke gewiesen haben.“ Sie fügte
hinzu, daß sie ihrer Nichte einen kleinen Zettel schreiben wolle, und
Horazio sich unterdessen mit ihrer Tochter unterhalten möchte. Sie ließ
sie denn allein, und schrieb geschwinde zwey Zettel. Den einen gab sie
dem Escudero, und schärfte ihm ein, geschwinde zu laufen, damit ihn
Feliciane noch erhielte, bevor Horazio nach Hause käme. Mogropejo lief
auch an der Stelle ab, und Theodora kam, den andern Zettel in der
Hand, in das Gemach zurück. „Bester Horazio,“ sagte sie, „übermorgen
werd’ ich meiner Schwester Wagen hohlen lassen, und werde dann meine
Nichte bey Ihnen abhohlen; bis dahin muß ich Sie bitten, sie bey sich
zu behalten. Daß ich es nicht länger gestatten kann, sehen Sie selbst
ein; Sie sind unverheirathet, und mir liegt Ihre Ehre und Ihr Ruf so
nah’ am Herzen, als der Ruf meiner Nichte.“ Horazio konnte nichts
entgegen sagen; er fühlte aber schon ganz die Bitterkeit der bevor
stehenden Trennung. Er nahm von Louisen den wärmsten Abschied, und
eilte nach Hause.
Feliciane hatte den Zettel ihrer Mutter, der einen ausführlichen
Unterricht enthielt, schon erhalten; sie empfing ihn mit anscheinender
dringenden Ungeduld, und fragt’ ihn, wie es ihm mit ihrer Base gegangen
sey. „Gut und nicht gut,“ antwortete Horazio; „gut, weil ich eine Frau,
wie Ihre Tante, kennen gelernt habe; und nicht gut, weil alles, was
der Escudero gesagt hat, grundfalsch war, und sie Ihre Flucht schon
wußte. Ich fand sie so innigst bestürzt, und so voll Sehnsucht nach
Ihnen, daß ich sie nicht länger hätte ungetröstet lassen können. Ich
sagte ihr denn, daß Sie sich in meiner Wohnung befänden, worüber sie
in ein lautes Frohlocken ausbrach, und an der Stelle den Entschluß
faßte, Sie übermorgen bey mir abzuhohlen.“ Feliciane sank ohnmächtig
auf den Stuhl; die Duenna und Horazio sprangen ihr zu Hülfe. „Was ist
Ihnen, Blanca?“ schrie Horazio. „So gibt’s denn nichts, als Unglück!“
schrie die Duenna. „O ich seh’ es nur zu spät ein, daß ich der Tante
nichts hätte merken lassen sollen.“ „Sie haben der Tante also wirklich
entdeckt, daß das Fräulein hier ist?“ sagte die Duenna. Horazio bejaht’
es, und Banuelos fuhr fort: „Gott im Himmel, was haben Sie gethan? Was
für ein böser Geist hat Sie dazu angetrieben? Was haben wir nun zu
erwarten? Die Tante ist noch weit unbarmherziger, als des Fräuleins
Mutter. Wer hat Sie denn zu ihr geschickt?“ „Donna Blanca selbst;“
antwortete Horazio; „auf ihr Geheiß bin ich hingegangen.“ Unterdessen
erhohlte sich Feliciane aus ihrer Ohnmacht, und sagte: „Bester
Horazio! wenn Sie meine Beherbergung in Verlegenheit setzte, hätten
Sie mir es nur erinnern dürfen, und ich hätte mich zu einer meiner
Freundinnen begeben. Nur meine Tante weiß, daß ich mich hier aufhalte;
ich bin verloren; und ich fürchte nicht sie allein, sondern auch meine
Onkel, denen sie auch ohne Zweifel an der Stelle davon Nachricht
geben wird. Nun wird man mich erst zwingen wollen, und ich bin zu
edel geboren, als daß ich meinem Herzen den geringsten Zwang anthun
lassen sollte.“ So schrien sie und die Duenna unablässig fort, daß
Horazio ganz verwirrt war, und das Zimmer auf- und ablief, ohne sich
im geringsten Rath schaffen zu können. Daß Feliciane aus seinem Hause
kommen sollte, war ihm ein unerträglicher Gedanke, und beschäftigte ihn
mehr, als was Mutter und Tante mit dem armen Mädchen vorhaben dürften.
Er gerieth auf dieß und das; ein Anschlag verdrängte den andern, und
sein Entschluß, der am Ende heraus kam, war, daß er der ganzen Welt
Trotz biethen, und bis zum letzten Blutstropfen hindern wolle, daß
man sie ihm entreiße. Um nun diesem Unglücke vorzubeugen, schlug er
ein anderes Mittel vor. Er sagte ihr nähmlich, daß der Garten seines
Hauses mit dem Garten des nächsten daran zusammen stoße; daß dieser
Garten nun leer stehe, und er ihn für sich gemiethet habe; daß in der
Spalierwand, die beyde Gärten von einander trenne, eine kleine Thür
wäre, die man nicht bemerke, und durch die sie sich retten könne, wenn
man sie abzuhohlen käme. Da er allein der Tante die Nachricht gebracht
habe, wolle er sie nun standhaft läugnen.
Feliciane nahm den Vorschlag an, und sammelte nun bald ihre Kräfte
wieder. Sie gingen auch gleich alle in den Garten, versuchten die Thür,
und versprachen sich den besten Erfolg. Die Tante beliebte sich den
folgenden Tag noch nicht einzufinden, sondern ließ nur melden, daß
sie sich übel befinde; und nun schöpfte Horazio wieder neuen Muth.
Denselben Tag nach dem Abendessen seufzete Feliciane tief, und sagte:
„Wahrhaftig, bester Horazio! ich komme mir in dem Verhältnisse gegen
meine Mutter so abscheulich vor, und kann es doch nicht aufheben,
ohne mich auf immer unglücklich zu machen. Wenn ich mir meine Lage da
so lebhaft vorstelle, so möcht’ ich weit über die Grenzen Spaniens
hinaus fliehen, und hoffe nur weit von hier Ruhe zu finden.“ Nun sah
Horazio den Himmel offen. „Ist’s möglich?“ sagte er; „sollten Sie wohl
diesem Vorsatze treu bleiben? Ich will ihn ausführen; ich will Sie auf
die anständigste Art nach Mailand bringen; nicht unter dem Titel der
Gamahlinn: denn leider hab’ ich, bevor ich Sie kennen lernte, meine
Hand schriftlich einer Dame zugesagt, und ihr meine Erklärung auch
schon geschickt. Ich will Sie aber unter dem Nahmen einer Verwandten
hinführen, will Sie wie meine Schwester lieben; und wenn diese Dame
bey der Schilderung der Leidenschaft, die ich für Donna Blanca
empfinde, bewegen läßt, meinem Herzen freye Wahl zu lassen, und mir
meine Erklärung zurück zu geben, so ist niemand meiner ewigen Liebe so
würdig, als Sie.“
Feliciane hatte nichts sehnlicher erwartet, als eine Erklärung aus
seinem Munde. Sie sprang auf, und sagte, indem sich ihr ganzes Wesen
aufzuheitern schien: „Horazio, ich will alle Ziererey des Frauenzimmers
abwerfen. Sie haben alles, folglich auch das Größte um mich verdient.
Ich gesteh’ Ihnen denn, daß es mir unmöglich ist, ohne Sie jemahls
wahrhaft glücklich zu seyn. Ich muß bey Ihnen bleiben; und kann ich Sie
nicht als Gattinn lieben, so will ich Ihre Schwester seyn. Machen Sie
Anstalt zur Reise, so bald Sie wollen. Ich gehe mit; hier ist meine
Hand.“ Horazio war trunken vor Entzücken; er wagte es, sie zu umarmen,
und sie küßte ihn so feurig, als er sie. „Vielleicht,“ schrie er, „ist
der Courier, dem ich die Schrift mitgegeben habe, noch nicht fort;
vielleicht kann ich sie zurück nehmen; o dann wäre ich der glücklichste
Mensch auf Erden! Erlauben Sie nun, daß ich hineile, und nicht einen
Augenblick verliere.“ Sie umarmten sich noch ein Mahl feurig; er eilte
fort, und kam mit der glücklichen Nachricht zurück, daß die Schrift
noch nicht abgelaufen sey; daß er binnen drey Tagen alle seine
Geschäfte abgethan habe, und daß sie dann ungehemmt auf den Flügeln der
Liebe nach seinem Vaterlande eilen könnten. Sie gingen freudig zu Bett;
aber Horazio konnte kein Auge zuthun. Den nächsten Morgen ließ er für
sich und Felicianen zwey Reisekleider nach italienischer Tracht machen;
alles war zur Abreise bereitet, und den folgenden Tag des Abends
sollten sie abfahren.
Mit einem Mahle hielt Theodorens Kutsche an der Hausthür. Sie trat
ein, und erkundigte sich nach Felicianen: Horazio sagte ihr aber,
daß ihre Nichte des Morgens zur Beicht gefahren wäre, und daß sie
selbe vermuthlich noch in der Kirche treffen würde. Theodora stellte
sich treulich an, als ob sie es glaube; indessen war Horazio doch
übel zu Muthe, daß er sie auf keine klügere Art abgefertigt habe, da
sie diese nicht auf lange Zeit entfernen könnte. Er eilte daher zu
Felicianen, und sagte ihr, was vorgegangen sey. Feliciane war damit
ganz zufrieden, und nun ging es wieder hastig über die Anstalten
zur Abreise her. Besonders sorgte Feliciane, daß so viele Kleider,
als möglich, eingepackt wurden. Um die Stunde des Abendgebeths hielt
Theodore schon wieder mit dem Wagen vor der Thür; sie erfuhr von einem
Bedienten, daß Horazio zu Hause wäre, und ließ ihn rufen. Er war sehr
ungehalten, daß sie ihn nicht verläugnet hatten, und daß er sich
nun wieder mit einer List behelfen sollte, was, wie wir nun gesehen
haben, überhaupt eben nicht seine Sache war. Er meldete Felicianen mit
sichtbarer Ängstlichkeit, daß Theodora schon im Vorhofe stehe, lief
dann zu ihr hinunter, und sie fragte ihn rasch, wo ihrer Nichte Zimmer
wäre. Er sagte ihr, daß es ihm leid thue, sie noch ein Mahl vergebens
bemühet zu haben, sie sey aber wirklich heute Morgens schon, was er
nicht gewußt habe, zu einer Freundinn gefahren, von der sie noch nicht
zurück gekommen sey. „Vortrefflich, vortrefflich!“ sagte Theodore mit
verbissener Wuth; „genug, daß ich weiß, daß sie hier im Hause ist! Ich
will sie durchaus sehen, und mit mir nehmen. Solche zügellose Mädchen,
wie mein artiges Nichtchen, haben keinen eignen Willen. Nicht genug,
daß sie, wie ein Ausreißer, davon läuft, und wie ein Landstreicher im
nächsten besten Haus übernachtet, ohne zu denken, was ihre Ehre dabey
leidet; nun fährt sie auch noch sorglos spazieren, und spielt die
Hausfrau, als ob man sie aller mütterlichen Gewalt entlassen hätte.“
Horazio bestand darauf, daß das Fräulein wirklich nicht in seinem Hause
sey; und Feliciane eilte mit der Duenna in demselben Augenblicke durch
den Garten in das andere Haus. Ein Bedienter gab Horazio ein Zeichen,
daß die Auswanderung glücklich überstanden sey, und Horazio bath
Theodoren nun, nicht unmuthig zu werden, und sich durch den Augenschein
zu überzeugen, daß er die lautere Wahrheit spräche. Er reichte ihr den
Arm, und führte sie Treppe auf, Treppe ab, Stube aus, Stube ein, bis
das ganze Haus rein durchsucht war. „Sie sehen nun selbst,“ sagte er,
„daß ich Sie nicht getäuscht habe, und ich versichere Sie vielmehr, daß
mir über ihr langes Außenbleiben selbst bange wird. Es ist schon spät;
wenn ihr nur kein Unglück widerfahren ist!“
„Ungerathenes Kind! Unvorsichtiges Kind!“ murmelte Theodora zwischen
den Zähnen. „Was ist nun zu thun?“
„Nichts,“ antwortete Horazio, „als daß Sie die Güte haben, ein wenig zu
warten.“
Sie wartete gegen einer Stunde; da sie aber sah, daß es vergebens sey,
fragte sie, zu was für einer Freundinn sie gefahren wäre. Man rief den
Kutscher; es war aber schon abgeredet, daß er nicht kommen sollte.
Endlich sagte Theodora: „Das Mädchen scheint zu wissen, was es zu thun
habe; aber auch ihre Oheime werden ihre Pflicht kennen, und werden sie
zurück zu halten wissen, wenn sie sich auch selbst in’s Unglück stürzen
will. Leben Sie wohl!“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen, und
fuhr fort.
Es vergingen nicht zwey Stunden, so kamen auch schon zwey Bekannte
Theodorens, und fragten nach Donna Blanca.
Die Bedienten hatten schon den Auftrag, jedermann zu sagen, daß sie
des Abends nicht zu Hause speise, und daß sie sich, wenn es dringend
wäre, nach Mitternacht, oder den folgenden Tag sehr früh wieder
einfinden könnten. Die Oheime gingen denn wieder die Straße hinunter,
und Feliciane sagte, als sie sie erblickte: „Wehe mir! das sind
meine Oheime.“ Den nächsten Morgen brachte Horazio seine Blanca in
das Haus, das er gemiethet hatte, machte sich aller Geschäfte ledig,
und bestellte des Nachts Wagen und Maulthiere, um nach Barcelona
abzufahren. Nach Tische besann er sich, daß er mit einem unbeschuheten
Carmeliten noch etwas abzuthun habe, und wollte noch in das Kloster,
das ganz in der Nähe war, hinüber gehen. Er gab Felicianen unterdessen
ein kleines Felleisen, in dem über zwölf tausend Escudo’s an Geld’
und Geschmeide waren, in Verwahrung, und eilte hinüber. Dieser kleine
Umstand löste nun den Knoten mit einem Mahle. Ohne nun weiter auf etwas
zu denken, packten Feliciane, Banuelos und Mogrobejo das Felleisen
und das Bündel mit Felicianens Kleidern zusammen, schlichen durch
das andere Haus, und erreichten die Wohnung Stephaniens, einer guten
Freundinn Felicianens, mit heiler Haut. Horazio kam zurück, und ließ
den Wagen an der Thür des anderen Hauses, in dem Feliciane seyn sollte.
Er suchte sie überall, und fand sie nicht. Er fragte die Haushälterinn
nach ihr; diese wußt’ ihm aber nichts zu sagen, als daß sie das
Fräulein auf die Straße geschickt habe, um zu sehen, ob nicht etwa ihre
Oheime wieder kämen. Horazio war ganz verwirrt, suchte sie neuerdings,
und beschloß endlich, die Nachbarn zu fragen, ob sie keiner gesehen
habe. Niemand hatte sie gesehen; nur einen einzigen Bedienten hatten
zwey Ritter, denen drey oder vier Bediente nachtraten, nach ihnen
gefragt. Horazio dachte sogleich, daß dieß die Oheime gewesen seyn
dürften, und es befiel ihn eine solche Angst, daß er sich plötzlich
auf einen von den Mauleseln, die zur Abreise in Bereitschaft standen,
setzte, und nach Alcara ritt; seinen Bedienten aber befahl er, Donna
Blanca, so bald sie zurück käme, zu sagen, daß sie ihm mit dem Wagen
folgen sollte. In Todesangst kam er zu Alcara an, und konnte mit sich
selbst über Blanca’s schnelles Verschwinden nicht einig werden. Vier
Tage hielt er sich dort auf, und wartete voll Ungeduld; da sie aber
noch nicht kam, war er überzeugt, daß sie ihren grausamen Oheimen in
die Hände gefallen sey. Er war so gutmüthig, daß er ihr Schicksal
beweinte, und der sichern Hoffnung war, daß sie ihm ihre Lage in einem
Briefe nach Mailand schildern werde. Um nun ja gewiß bey der Ankunft
desselben in seiner Vaterstadt zu seyn, und ihn nicht eine Stunde auf
der Post liegen zu lassen, eilte er, was er konnte, nach Barcelona,
und Feliciane feyerte unterdessen den Triumph ihrer List, und die
Niederlage seiner Zärtlichkeit.
ZWEYTE SPAZIERFAHRT.
Feliciane ward zu Hause mit allem Jubel empfangen, mit dem man
gewöhnlich einen großen Feldherrn empfängt, der von einer gewonnenen
entscheidenden Schlacht, und, was hier der wesentlichste Umstand war,
mit einer reichen Beute beladen, nach Hause kehrt. Nun traf die Reihe
die schöne Louise, die schon vor Verlangen brannte, ihrer klugen
Schwester auf dieser edlen Rennbahn den Vorsprung abzugewinnen. Die
wichtigste vorläufige Anstalt war, daß der Wagen anders zugerichtet
ward, die Rappen in Schimmel, und der schwarzköpfige Kutscher in einen
blonden verwandelt wurde. Louise war ihres glücklichen Erfolges so
gewiß, daß ihr Feliciane das nöthige Geld auf diese Unkosten leihen
mußte.
Da nun alles veranstaltet war, suchte sie in der Stummengasse eine
Wohnung. In dieser wohnte seit kurzer Zeit ein reicher Graubart aus
Genua, den eigentlich nichts nach Madrit geführt hatte, als seine
seltsame Gemüthsart, die ihn immer peinigte; er konnte nicht lange an
einem Orte leben, ohne daß ihn die tödtlichste lange Weile plagte. Er
war ein großer Freund des Frauenzimmers, war aber so karg, daß ihm auch
diese Quelle des Vergnügens unmöglich reich zuströmen konnte. Er hieß
Cäsar Antonio, hielt einen Wagen, vier Bediente und eine Haushälterinn.
Gegen über nun von diesem Manne bezog unsere schöne Sevillanerinn
das erste Stockwerk, mit einem Balcon auf die Gasse. Die Tracht, in
der sie sich einführte, war ein Wittwenkleid, und zwar die tiefste
Trauer, als ob sie ihren seligen Gatten erst vor einigen Tagen begraben
hätte. Sie trug ein kurzes gefaltetes Mäntelchen, darunter ein enges
Kleid mit langen Spitzärmeln und niedlichen Krausen, die ihrer Hand
vortrefflich ließen; am Halse war der Kragen zurück geschlagen, und an
der Brust lief ihr wieder eine breite lockere Spitzenkrause zusammen.
Im blonden Haare hatte sie nichts, als einige schwarze Schleifen, und
einen flornen Schnabel gegen die Stirn. Über den Rücken schwebte der
Schleyer, und um den Hals hing ihr eine lockere Kette von schwarzen
Perlen. Welcher Mann wäre nicht gern gestorben, um seine schöne Wittwe
in einem so reitzenden Trauerhabite zu sehen?
Sie richtete ihre Wohnung auch ganz nach dem Stande, den sie angenommen
hatte, ein, und kam in derselben mit ihrer Mutter, die ihr als Duenna
diente, der frommen Banuelos, und ihrer Schwester, die eine nahe
Verwandte spielen mußte, an. Sie fuhren Schritt vor Schritt, und der
alte Escudero ging neben dem Wagenschlage. Als sie diesen feyerlichen
Einzug hielt, stand der Genueser eben auf dem Balcon. Er riß die
Augen groß auf, und brannte vor Neugierde, wer wohl seine Nachbarinn
seyn dürfte. Die Gesellschaft war nun ausgestiegen, und das Erste,
was Louise that, war, daß sie das Mäntelchen ablegte, und sich dem
Genueser auf ihrem Balcon in unverhüllter Schönheit zeigte. Der Alte
gaffte wie ein hundertäugiger Argus herüber; das Herz schlug ihm
wie eine Wanduhr, und er meinte keine grössere Schönheit in seinem
Leben gesehen zu haben, als diese Proserpina; und er hatte doch viele
gesehen. Louise sah unterdessen bald die Straße hinauf, bald die Straße
hinunter, und stellte sich an, als ob sie nun plötzlich erst einen
Blick auf den unbeweglichen Genueser hinüber wärfe, was ihm Gelegenheit
gab, eine tiefe Verbeugung, die er schon lange in Bereitschaft hatte,
anzubringen. Louise erwiederte sie zwar sehr höflich, kehrte sich aber
sogleich zu ihrer Gesellschaft um, und sagte halb laut, doch aber
so, daß der Genueser jedes Wort hören konnte: „Das Einzige habe ich
vergessen; gleich morgen muß der ganze Balcon mit Jalousien versehen
werden; mein Stand erlaubt es durchaus nicht anders.“ Der Genueser, der
gerade keiner von den schüchternsten war, mischte sich ohne Anstand ins
Gespräch, und sagte: „Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie durch mein
Gegenüberwohnen in dem Vergnügen stören sollte, auf Ihrem Balcon die
frische Abend- oder Morgenluft zu genießen. Ich werde Sie überzeugen,
daß es mir Ernst ist; und wenn Sie morgen Ihren Balcon mit Jalousien
schirmen, lass’ ich den meinigen mit Bretern verschlagen. Oder wenn
mir das der Arzt verbiethen sollte, beding’ ich mir aus, daß Sie Ihre
Jalousien immer völlig schließen, und“ -- Louise hatte nun eben den
Handschuh abgezogen -- „mir nicht einmahl diese schöne Hand hervor
gucken lassen. Auch muß ich es fordern, um mich nie mit einiger Gefahr
im Neglige auf meinem Balcon sehen zu lassen. Vergeben Sie, daß ich
so zudringlich bin, und mich sogleich ins Gespräch gemengt habe; aber
meine gute Laune sucht mich selten heim.“ Louise lächelte ihm gefällig
zu, machte ihm eine Verbeugung, und ging hinein.