Horazio war vor Tages Anbruche schon auf den Beinen, kleidete sich an,

und konnte den Augenblick nicht mehr erwarten, in dem er seinen Gast

wieder würde sehen und sprechen können. Er konnt’ es auf seinem Zimmer

nicht aushalten, und ging denn in den Hof hinunter, um sein Herz in

der Morgenluft zu erleichtern. Wie er die Treppe hinunter kam, fand

er die Duenna, die sorgfältig etwas auf dem Boden zu suchen schien,

und mit unter tiefe Seufzer ausstieß. Er fragte sie voll Besorgnis,

was sie suche; sie antwortete aber ganz ängstlich: „Nichts, gnädiger

Herr!“ seufzte aber noch tiefer, als zuvor. Horazio besorgte, daß

irgend ein Unglück geschehen seyn dürfte, und bestand durchaus darauf,

daß sie mit der Sprache heraus solle. „O gnädiger Herr,“ sagte die

alte Schlange, „ich will es Ihnen wohl sagen; verrathen Sie mich aber

nicht.“ Er gab ihr sein Wort, und sie sprach: „Was ich suche, ist ein

Ring, den mein Fräulein verloren hat. Sie glaubt, es sey geschehen, als

sie aus dem Wagen sprang; denn zuvor hat sie ihn gehabt, und nachher

vermißt. Er war von Diamanten von großem Werthe, und das schlimmste

bey der Sache ist, daß er nicht ihr selbst, sondern einer von ihren

Freundinnen gehört, der sie dagegen einen andern, der besondern Fassung

und eines Nahmens wegen, auf kurze Zeit geliehen.“ Horazio tröstete

sie, schickte einen Bedienten vor die Hausthür, um den Ring zu suchen,

und sagte zur Duenna, sie möchte sich nicht betrüben; denn wenn er sich

auch nicht fände, solle es ihrem Fräulein doch nicht an andern fehlen,

und die von größerm Werthe wären. Er wünsche nur, flickte er hinzu,

mehrere Gelegenheiten zu haben, dem Fräulein auf eine wesentlichere

Art beweisen zu können, wie sehr er sie hoch -- schätze und -- liebe.

Er war so begeistert, daß er die Alte in seine Arme schloß, und so heiß

küßte, als ob sie Feliciane selbst gewesen wäre. Sie stellte sich nun

getröstet an, und meldete ihm für seine Großmuth, daß er ihr Fräulein

nun schon werde sprechen können. Er eilte mit ihr ans Gemach, und

Feliciane war wirklich schon halb angekleidet. Horazio wollte durchaus

nicht ins Zimmer treten, bevor nicht Banuelos erst zu ihr hinein gehe,

und sie frage, ob er ihr nicht ungelegen falle. Feliciane rief aber

mit lauter Stimme durchs Vorzimmer: „Bester Horazio! in Ihrem eigenen

Hause sollte ich Ihnen den Zutritt versagen? Sie erweisen mir so viele

Güte, und ich sollte so unartig seyn? Ich bin ja schon angekleidet;

kommen Sie doch!“ Er ließ sichs nicht zwey Mahl sagen, eilte hinein,

und fragte sie, wie sie die Nacht zugebracht habe.

„Wie anders,“ sagte sie, „als in der größten Unruhe: ich habe kein Auge

zugethan. Banuelos ist mein Zeuge.“

„Ja wohl,“ sage die Alte; „das war eine Nacht! Wenn Sie noch mehrere

solche haben, gnädiges Fräulein, so sind Sie bald eine Leiche. Wenn sie

auch ein wenig schlummerte, das liebe Fräulein, so saß sie doch gleich

wieder im Bett’ empor, und häftete den Blick starr an die Wand, als ob

sie ein Gesicht sähe.“

„O meine arme Mutter!“ stimmte Feliciane wieder an; „verzeihe mir den

Kummer, den du vielleicht jetzt um meinetwillen leidest. Es ist aber

nicht meine Schuld; du magst mir vergeben, daß ich es für Verbrechen

halte, sich dem Eigensinn’ eines Menschen aufzuopfern, und wenn dieser

Mensch eine Mutter wäre.“

„Trösten Sie sich doch,“ sagte Horazio, „obschon dieser edle Schmerz

Ihrem Herzen Ehre macht; Sie sind aber sich selbst Mäßigung schuldig.“

Feliciane vergaß auch bey dieser Unterredung nicht, jeden Vortheil,

den ihr die leichte Morgenkleidung anboth, geltend zu machen; sie

sprachen noch manches, und endlich fragte Feliciane die Alte wie im

Vorbeygehen, ob sich der Ring gefunden habe. Banuelos antwortete,

daß er noch nicht gefunden sey, daß aber Horazio’s Bediente eben mit

dem Suchen beschäftiget wären. Feliciane dankte ihm für seine zuvor

kommende Gefälligkeit, und Horazio sagte: „Es ist mir wahrhaftig sehr

unangenehm, daß Sie mit dem Verluste des Ringes Verdruß haben; belieben

Sie aber diesen hier anzusehen.“ Hier zog er den seinigen vom Finger;

sie betrachtete ihn mit ungehäucheltem Vergnügen, und sprach: „Dieser

Ring macht Ihrem Geschmack Ehre; er ist unvergleichlich gefaßt, und

übertrifft den verlornen an Werthe ungemein. Dieser war nicht über drey

hundert Escudo’s werth; und dieser gilt wenigstens acht hundert.“

„Sie sind wahrhaftig eine Kennerinn,“ erwiederte Horazio, „und sie

haben wenigstens nahe an den eigentlichen Werth gerathen; denn er kam

meinem Vater, dem ihn der Herzog von Savoyen überließ, auf etwas über

tausend Escudo’s. Darf ich Sie aber um eine Gefälligkeit bitten? Darf

ich Sie vorläufig um die Versicherung bitten, daß Sie mir sie nicht

abschlagen werden?“ Feliciane merkte zu gut, wo er hinaus wolle,

und antwortete: „Bester Horazio! Sie haben mir gestern Ihr Ehrenwort

gegeben, daß ich nicht ein unanständiges Wort aus Ihrem Munde hören

werde; ich hoffe, Sie sind ein Mann. Übrigens bin ich Ihnen zu viel

Dank schuldig, als daß ich Ihnen was immer für eine Gefälligkeit

abschlagen sollte.“

„Sie geben mir also Ihr Ehrenwort?“

„Ja.“

„So nehmen Sie also auch,“ fuhr Horazio voll Feuer fort, „diesen Ring

anstatt des verlornen an.“

Feliciane stellte sich betroffen, und schob seine Hand sachte zurück.

„Sie weigern sich, ein unbedeutendes Andenken von dem Manne zu nehmen,

der nichts so innig wünscht, als nie von Ihnen vergessen zu werden?“

„Horazio!“ rief Feliciane.

„Sie wollen also Ihr Ehrenwort brechen? Sie kränken mich

unaussprechlich!“

„Nein! Das will ich nicht,“ sagte Feliciane wieder, und wusste ihren

Augenliedern einen so geschickten Druck zu geben, daß eine helle

Thräne ihre Wange herunter rollte. „Ich nehm’ ihn, und will ihn

als Andenken ehren. Aber halt! ich darf ihn nicht nehmen. Nur dann

könnte ich ihn als Andenken nehmen, wenn er an meinem Finger bliebe:

ich hatte den verlornen aber nur von einer Freundinn auf einige

Zeit ausgetauscht; denselben kann ich ihr nicht wieder zurückgeben;

ich werd’ ihn ihr also zu ersetzen wissen. Ich denke nun der

Verbindlichkeit meines Ehrenwortes ledig zu seyn.“

Horazio antwortete: „Nein, meine Beste! Sie sind Ihres Ehrenwortes

nicht ledig. Ihre Freundinn wird sich den Ring nicht mit Geld ersetzen

lassen, sondern wird sich mit einem andern Ringe von gleichem Werthe

begnügen müssen. Mein Andenken haben Sie angenommen“ -- nun sprang er

zu einer auf einem Kasten stehenden Schatoulle, und hohlte ein Futteral

mit sechs anderen brillantenen Ringen hervor -- „und nun werden Sie von

diesen hier einen für Ihre Freundinn annehmen.“

„Was denken Sie von mir, Horazio?“ sagte Feliciane; „ich würde fähig

seyn, die Verletzung des Gastrechts so weit, bis zur Unverschämtheit

zu treiben?“

„Schönste Feliciane,“ sagte der Sophist, „Sie sind es ja nicht, die den

Ring annimmt; und ich würde es nicht gewagt haben, Ihrer Delicatesse

nahe zu treten. Ihre Freundinn ist es ja, die ihn von mir annimmt, und

der ich ihn für das Vergnügen schuldig bin, den mir das Andenken hier

an ihrem Finger macht.“

„Trauen Sie also meiner Freundinn weniger Delicatesse zu, als mir?“

sagte Feliciane. „Wie Sie auch die Sache drehen! wie Sie mir die

unschuldigste Absicht übel ausdeuten!“ sagte Horazio. „Wie kann es die

Delicatesse Ihrer Freundinn reitzen, wenn sie von einem Manne etwas

annimmt, was er ihr eigentlich schuldig ist, da es in seinem Hause

verloren worden; von einem Manne, den sie nicht einmahl kennt; wenn

sie es nimmt, ohne selbst zu wissen, woher es kommt? Warum wollen Sie

mir dieß Vergnügen versagen, das Ihnen weiter keine Beschwerlichkeit

macht, als daß Sie etwas mit der einen Hand nehmen, und mit der anderen

abgeben?“ „Denken Sie also,“ sagte Feliciane, die herzlich froh war,

daß sie nun plötzlich auf einen andern Weg einlenken konnte, „denken

Sie also, daß ich bey einem Vergnügen, das ich Ihnen verschaffen soll,

auch nur daran zu denken im Stande sey, was es für einen Eindruck auf

mich machen werde? O Sie kennen mich noch sehr wenig; und um Sie zu

überzeugen, daß ich von so einer niedrigen Bedenklichkeit weit entfernt

bin, geb’ ich Ihnen nach, und will nicht einmahl erwägen, ob mich Ihre

Gründe, oder Ihre Beredtsamkeit bestimmt.“

Horazio öffnete das Futteral, und Feliciane war bey dem Anblicke der

sechs kleinen Fixsterne nicht wenig überrascht. „Wählen Sie nach

Geschmacke,“ sagte Horazio; aber Feliciane konnte sie nicht bestimmen,

denn sie war keine große Kennerinn, und hätte doch gern dem würdigsten

die Ehre der Wahl erwiesen. „Nun müssen Sie mir ein Mahl nach meinem

Kopfe thun. -- Eingeschlagen!“ -- Horazio that es, und Feliciane fuhr

fort: „Für meine Freundinn werden Sie nun wählen.“ Horazio konnte

nichts entgegen sagen, und hob den vorzüglichsten aus, der ebenfalls

über tausend Escudo’s werth war. Nach einem kurzen Gespräche ließ er

sie allein, damit sie sich vollends ankleiden konnte. Sie war nun

Besitzerinn eines Schmuckes von mehr als zwey tausend Escudo’s, und

Horazio hatte ein Vergnügen darüber, das er um drey tausend nicht hätte

entbehren wollen.

Er fuhr aus, sprach verschiedene Freunde, hüthete sich aber, ein Wort

von seinem schönen Gaste zu verlieren; auch seinen Bedienten hatte er

ein strenges Stillschweigen eingeschärft.

Gegen Mittag kam er wieder nach Hause, wo er den alten Escudero fand,

der ihm meldete, daß er sich, um seiner Frau wieder unter die Augen

treten zu dürfen, einer Lüge bedient, und ihr gesagt hätte, daß sie

ihre Tante binnen drey oder vier Tagen abholen würde, und daß er

der Tante gesagt habe, er hätte das Fräulein in ihrer Mutter Hause

gelassen. Feliciane war mit seinem Einfalle wohl zufrieden, und Horazio

gab ihm eine Dublone. „So sauer mir auch das Lügen wird,“ sagte die

Duenna, „so könnte ich doch für Don Horazio immerhin eine wagen.“

Horazio hatte nun eben die Hand im Beutel, und bezahlte auch ihr diese

liebevolle Äußerung mit einer Dublone. Feliciane befahl ihr zwar, sie

nicht anzunehmen; aber Horazio bestand durchaus darauf.

Sie gingen nun zu Tische, und nachdem sie wacker gegessen hatten,

äußerte Horazio wieder seinen Wunsch, Felicianens Geschichte zu hören,

und diese konnte sie ihm nicht länger vorenthalten. Sie begann denn.

„Don Lope Zopata von Meneses, der zweyte Sohn des Don Bernardo Zopata,

war mein Vater; er diente in Flandern, und bracht’ es bis zum Capitäne.

Er kam an den Hof zurück, um eine Zulage an Gehalt zu begehren, und

verliebte sich da in meine Mutter, aus dem Hause Arancivica, einer der

ansehnlichsten Familien in Biskaja. Er wußte ihre Ältern in wenig Tagen

zu gewinnen, erhielt sie zur Gattinn, und mit ihr einen Eisenhammer zur

Mitgift; ein ganz ansehnliches Geschenk, da er über jährliche vier

tausend Escudo’s eintrug. Sie hatten zwey Töchter, mich, Blanca, und

meine jüngere Schwester Lucretia. Mein Vater diente noch mehrere Jahre,

und starb als Seneschall in Cordova. Dort gefiel es einem Edelmanne,

mich ins Auge zu fassen, und mir mit seinen zudringlichen Erklärungen

so unablässig in den Ohren zu liegen, daß er mir vollkommen zuwider

war, und ich ihn ohne innigen Verdruß nicht mehr nennen hören konnte.

Nach meines Vaters Tode zog meine Mutter nach Madrit, wo wir nun zwey

Jahre sind. Sie hat eine Schwester, eine Wittwe mit zwey Töchtern, in

deren Hause wir uns meisten Theils, obschon in verschiedenem Gelaß’,

aufhalten. Der Ritter von Cordova kam auch hierher, nicht aber in der

Absicht, seine Werbung um mich fortzusetzen, sondern sein Augenmerk war

auf die Tochter eines Rathes gerichtet, die ihn aber bald abfertigte.

Als er dort kein Gehör fand, fand er es für gut, sich wieder an mich zu

wenden, und beschloß endlich zur größeren Sicherheit seines Erfolges,

mich geradezu zur Ehe begehren. Ich will Ihnen eine kleine Schilderung

von ihm machen. Er ist sehr leibig, und dabey sehr klein, sieht sehr

tückisch her, und ist auch wirklich, wie seine Bedienten einhällig

sagen, meistens von so übler und ungestümer Laune, daß er sich mit

niemanden vertragen kann. Urtheilen Sie nun selbst, ob ich recht

that, daß ich die Hand so eines Mannes ausschlug. Unterdessen so sehr

sich mein Herz gegen eine Verbindung mit ihm von jeher empört hatte,

so wenig mißfiel er doch meiner Mutter. Sie hatten öfters besondere

Unterredungen, und ich entdeckte bald, daß ihm meine Hand verheißen

sey. Sie waren auch nur mehr über die Bedingnisse uneinig. So reich er

ist, macht’ er doch große Forderungen, zu denen sich meine Mutter nicht

verstehen konnte, weil sie selbst größten Theils nur vom Wittwengehalte

lebte, und ihr Vermögen eigentlich nur für uns Schwestern ersparen

wollte. O sie ist doch eine gute Mutter, und sie hat seinen Antrag

gewiß nur darum so eifrig begünstigt, weil sie mich noch an ihrem Leben

versorgt sehen wollte, und mich bey ihm gut versorgt glaubte.“ --

Sie weinte, und Horazio überzeugte sich wieder neuerdings, daß eine

vortreffliche Seele in diesem makellosen Körper wohne.

„Endlich,“ fuhr sie fort, „ließ er doch von seinen Forderungen ab, und

erklärte sich, daß er mir auch ohne Mitgift die Hand reichen wolle.

Der Tag zur Unterzeichnung war bestimmt, und es war so abgekartet,

daß ich in das Haus meiner Tante geführt werden sollte, um mein

Todesurtheil zu unterzeichnen. Man befahl mir, ohne der Hauptsache

nur mit einem Worte zu erwähnen, mich anzukleiden, und sagte mir nur,

daß ich abgeholt werden würde. Mir kam alles verdächtig vor, und das

Herz schlug mir mächtig; indessen konnt’ ich nichts vorschützen,

warum ich nicht zu meiner Tante fahren wollte. Der Wagen kam, und wir

stiegen ein; mit jedem Schritte schlug mein Herz stärker; Banuelos

sichtbare Ängstlichkeit, des Escudero ununterbrochenes Schweigen,

ihrer beyder Verlegenheit, wenn ich sie fragte, warum wir zur Tante

führen, enträthselten mir alles. Nun wollt’ es mich nicht mehr im Wagen

leiden; ich forderte, sie sollten anhalten lassen; sie thaten’s nicht:

ich schrie dem Kutscher selbst zu; er hielt gerade vor Ihrem Hause

an: ich sprang aus dem Wagen, -- das übrige wissen Sie selbst.“ --

Nun vergoß sie wieder einen Strom von Thränen; die Duenna schluchzte,

und Horazio selbst weinte mit. Nachdem sie sich alle wieder erhohlt

hatten, erklärte Feliciane, daß sie überhaupt, so lange sie nun Madrit

bewohne, in einer seltsamen Stimmung sey, und in einer ununterbrochnen

Fröhlichkeit ihrem Herzen nie eine ernsthafte Neigung habe nahe kommen

lassen. Horazio’s ganzes Wesen heiterte sich nun auf; denn er hatte

nicht mehr und nicht weniger vermuthet, als das sie am Ende ihrer

Erzählung das Geständniß hinzu fügen würde, daß ihr Herz schon an einen

andern verschenkt gewesen sey.

„Eine glückliche Stimmung, in der Sie waren!“ sagte Horazio; „denn was

ist wohl glücklicher, als durch sein Leben munter und sorgenlos wie

durch einen Garten hinhüpfen zu können! Wenn nun aber einmahl diese

Art von unversuchter Fröhlichkeit, die in unsern Verhältnissen auch

nicht lange währen kann, vorüber ist, dann gibt es auch wirklich keinen

Zustand, der uns für jenen schadlos halten könnte, als den Zustand

einer glücklichen Liebe. O ja!“ fuhr er mit einer Art von Begeisterung

fort, „so vielen Kummer eine unglückliche willkürliche Liebe, so viele

Nachreue eine unvorsichtige und zu rasche nach sich zieht; so übergroße

Seligkeit bringt auch eine glückliche, und so viele Vorwürfe haben

sich zwey Herzen zu machen, die sich vielleicht wechselseitig auf

immer glücklich machen könnten, und doch“ -- -- bey den letzten Worten

hatte er Felicianens Hand mit einer Art von Wuth ergriffen; sein Blick

hing starr an ihrem Auge; und diese Zauberinn, der alle animalischen

Verrichtungen des Körpers zu Gebothe zu stehen schienen, wußte sich

schnell die gehörige Masse Bluts in die Wangen zu pumpen, das sich wie

ein Rosenflor über sie ausbreitete. „O Gott!“ seufzte Horazio, und

Feliciane sagte ganz leise, und indem sie sich eine Thräne vom Auge zu

wischen schien: „Wollen Sie mir nicht die Theorbe spielen?“ Er dachte

weiter nichts, als daß sich Feliciane aus einer nur allzu sichtbaren

Verlegenheit zu retten wünsche, und nahm die Theorbe augenblicklich

zur Hand. Er spielte und sang mit wahrem Eifer; was er aber dieß Mahl

an Ausdrucke gut machte, das verdarb er mit falschen Griffen. Als er

geendigt hatte, sagte Feliciane, daß auch sie eine große Liebhaberinn

von Musik wäre, und zu Hause eine Harfe und eine Guitarre habe. Horazio

sprang auf, hohlte seine Guitarre, und ließ nicht eher ab, bis sich

auch Feliciane zu einem kleinen Gesang’ entschloß. Man hätte eine große

Wette eingehen können, daß kein Mädchen in Madrit die Guitarre mit mehr

Grazie zu halten im Stande war, als sie; man wußte nicht, wenn sie

spielte, ob man sich von dem sanften Auf- und Abgleiten ihrer Finger,

oder ihrer ausdrucksvollen Stimme, oder von dem reitzenden Wiegen ihres

Körpers, mit dem sie den Gesang begleitete, hinreißen lassen solle. Sie

sang:

Ein Vöglein auf dem Felde saß;

Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;

Es saß bald hier, es saß bald dort,

Und sang, und trillert’ immer fort.

Im Herbste und im Winter war

Es fröhlich, wie im frühen Jahr;

Es saß bald hier, es saß bald dort,

Und sang und trillert’ immer fort.

Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’

Ein Vogelsteller nachgestellt;

Er pfiff -- es pfiff den Wald hinein,

Im Netze war das Vögelein.

Feliciane hatte eine so angenehme Melodie zu diesem Texte gewählt,

daß Horazio, der den Inhalt des Gesanges ohne allen Anstand auf sich

auslegte, ganz bezaubert war. Er pries ihre Talente in seiner halb

castellanischen Sprache mit so sonderbaren Ausdrücken, daß sich

Feliciane kaum des Lachens erwehren konnte.

Ihr Gespräch war durch die Ankunft des alten Escudero gestört, der

einen kleinen Pack, mit einem sonderbarem Überzuge von Leinwand, trug.

Er nahm ihn unter seinem Mantel hervor, und öffnete ihn. „Wie?“ sagte

Feliciane; „wo hast du das Kleid, das ich ausdrücklich verlangt habe?“

„Ich bitte um Vergebung! gnädiges Fräulein; es war aber unmöglich:

denn alle Ihre Kleider hat man schon in die Wohnung der gnädigen Tante

geschafft.“

„Wie werden wir sie nun kriegen?“ sagte Feliciane; „nun muß ich immer

das nähmliche auf dem Leibe tragen.“ Sie stellte sich sehr verdrießlich

an, und Horazio, der jede Gelegenheit, sie sich verbindlich zu machen,

mit beyden Händen ergriff, unterbrach sie, und sprach: „Lassen Sie

sich doch nicht so eine Kleinigkeit kümmern, beste Donna Blanca!

so einem Übel wird doch bald abgeholfen seyn. Bis heute Abends

lassen sich wohl zwey Kleider ganz nach Ihrem Geschmacke, mit allem

Zugehöre verfertigen.“ Feliciane warf ihm einen zärtlichen Blick zu,

und sagte: „Sie sind wirklich zu gefällig, und ich sollt’ Ihre Güte

nicht mißbrauchen. Wenn Sie mir aber in dieser Verlegenheit auf meine

Rechnung zwey Kleider verschaffen wollen, werden Sie mich Ihnen

unendlich verbinden.“ Horazio war voller Freuden, und machte, nachdem

er sich noch genau Farbe, Stoff und Zugehör hatte vorschreiben lassen,

die nöthigen Anstalten. Nun suchte Feliciane das Gespräch auf einen

andern Gegenstand zu leiten. Sie sagte ihm, daß sie dem Escudero,

ungeachtet aller Betheurungen, doch nicht vollkommen traue, und daß

sie unaufhörlich der Zweifel peinige, ob es wohl wahr sey, daß er

sie von beyden Seiten, so wohl bey ihrer Mutter, als bey ihrer Tante

sicher gestellt habe. „Sie, Horazio,“ sagte sie, „wären im Stande, mich

hierüber vollkommen zu beruhigen. Hören Sie, in meiner Tante Wohnung

wird ein Gelaß vermiethet; wenn sie es besuchen wollten, könnten Sie

bey dieser Gelegenheit auch meine Tante selbst sprechen, und so im

Gespräch’ abnehmen, wie sie gestimmt, und ob sie meiner Flucht nicht

etwa auf der Spur sey.“ Horazio nahm den Auftrag desto freudiger an, da

er zugleich eine nähere Auskunft über Felicianens Schicksal, und über

die ganze Geschichte zu erhalten hoffte; Feliciane schickte aber in

der Eile ihrer Mutter durch den Escudero einen Zettel, in der sie ihr

ganz kurz meldete, wie sie sich gegen Horazio zu benehmen habe.

Horazio ging nun fröhlich zum Thore von Quadalaxara hinaus, und kaufte

den Stoff für die zwey Kleider; auf das eine schwarzen Atlaß, und auf

das zweyte blaß rosenfarbigen Taffet. Als er auch die Verfertigung

besorgt hatte, ließ er den Wagen gerade an das Haus der Tante seiner

Feliciane fahren, und an der Hausthür halten. Er schickte einen

Bedienten um die Schlüssel zu dem Gelasse, das hier vermiethet wurde,

hinein; eine Magd kam, zeigte ihm das Gelaß, und er fragte nun nach

der Person, mit der er sich über den Preis zu besprechen hätte; man

nannte sie ihm, und er erkannte sogleich an dem Nahmen Laura, daß es

Felicianens Tante wäre. Er ward zu Theodoren geführt, und fand sie in

einer sehr betrübten Stellung; sie kamen über den Preis überein, und

Theodora bath ihn, ihr auch den Nahmen der Person, für die er das Gelaß

gemiethet hätte, bekannt zu machen. Horazio sagte ihr, daß es eine

Wittwe, eine Base von ihm, wäre. „O bringen Sie mir sie doch bald!“

sagte Theodora; „denn ich leb’ ohne dieß wie im Kerker, ohne alle

Gesellschaft, und leide besonders seit zwey Tagen großen Kummer.“ „Das

zeigt sich nur zu deutlich an Ihrer Miene,“ antwortete Horazio; „und

so wird sich meine Base vortrefflich zu Ihnen schicken, denn sie ist

immer sehr munter und aufgeweckt.“ „Nun,“ antwortete Theodora, „bringen

Sie mir sie doch recht bald! ich trage schon eine rechte Sehnsucht nach

ihr.“ „In der That,“ erwiederte Horazio, „Ihr Kummer geht mir nahe, und

wenn es nicht unbescheiden wäre, würd’ ich es wagen, Sie um die Ursache

desselben zu fragen.“

„O mein Bester!“ sagte Theodora; „das ist es eben, was ihn noch größer

macht, daß ich ihn nicht mittheilen kann.“

„So will ich auch nicht weiter in Sie dringen; indessen, wenn dieser

besondere Umstand nicht eingetreten wäre, so hätt’ ich Ihnen meine

Dienste angebothen. Ich bin zwar kein Spanier, aber doch Edelmann, und

schmeichle mir, hier mit ansehnlichen Häusern in Verbindung zu stehen.“

„Sie sind also kein Spanier?“

„Nein, wie Ihnen auch schon meine schlechte Aussprache zeigt; ich bin

aus Mailand, und nur eines Geschäftes wegen hier, übrigens aber, wie

gesagt, zu jedem Dienste bereit, den ich Ihnen leisten kann.“

„Ich danke Ihnen, vortrefflicher Mann! Nach Ihrer freundschaftlichen

Äußerung, zu der Sie nur Menschenliebe auffordern kann, da Sie mich

nicht einmahl kennen, würd’ ich wirklich undankbar seyn, wenn ich

Ihnen die Ursache meines Kummers noch länger vorenthalten wollte.

Belieben Sie in dieses Gemach herein zu kommen; hier könnte man uns

belauschen.“ Sie gingen hinüber, setzten sich, und Theodora begann:

„Ja mein Bester! diesem Hause ist ein großes Unglück widerfahren.

Ich hatte die Tochter meiner Schwester, und einen Ritter von gutem

Charakter und untadelhaftem Vermögen zu mir bestellt, um zwischen ihnen

einen Heirathsvertrag richtig zu machen. Ich muß freylich gestehen,

daß das Mädchen eben nicht besondere Neigung gegen den Ritter trug;

unerfahrne Mädchen wissen sich aber nicht selbst zu rathen, und so

glaubte ich denn meine Pflicht zu thun, wenn ich meine Erfahrung

anstatt der ihrigen gebrauchte, und sie so gewisser Maßen zu dieser

Verbindung nöthigen würde, wofür sie mir in der Folge noch danken

dürfte. Es war schon alles verabredet; sie war mit ihrer Duenna, unter

der Begleitung eines Escudero, abgehohlt; aber, Gott weiß wie es

geschehen seyn mag, mit einem Mahle verschwanden sie dem Escudero aus

den Augen, und der gute Alte weiß nicht im geringsten zu sagen, wo sie

hingekommen sey. Ich habe sie bey allen Bekannten, in allen Klöstern

aufsuchen lassen; aber nirgends ist sie zu finden. Ihre Mutter liegt

krank, und meint, sie sey in meinem Hause. O mein Bester! Sie kommen

in viele Gesellschaften; wie würden Sie mich nicht verbinden, wenn Sie

nur die geringste Nachricht von ihr geben könnten, damit meine Unruhe

nur in etwas gemildert würde. Vielleicht ist sie nicht einmahl mehr in

Madrit; von einem entschlossenem Mädchen ist alles zu fürchten. Gern

will ich ihr vergeben, wenn sie vielleicht mit einem Ritter von ihrem

Stande ein geheimes Liebesverständniß gepflogen hat: wenn sie aber ihr

Blut verläugnet; wenn sie sich von einer blinden Leidenschaft hinreißen

läßt, und sich etwa einem Häuchler aus niederm Rang’ in die Arme wirft,

o Gott! dann ist es um die Ruhe meines Lebens auf immer geschehen. Wie

leicht ist ein unschuldiges Mädchen nicht verführt; besonders ein so

schönes Mädchen! O Mädchen, Mädchen! was für Kummer machst du mir!“

Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina · 第 2 / 7 段